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I. Der Atemkreis der Dinge - Vorbereitende Beobachtungen
Atmosphären kennen wir aus Erfahrung. Es sind gewissermaßen intuitive Gegenstände. Gefragt aber, was eine Atmosphäre denn nun wirklich sei, stellt sie sich meist als überraschend ungreifbar heraus. Wir neigen dazu, Atmosphären aus Hilflosigkeit genetivisch zu benennen: Die Atmosphäre eines Künstlerfestes, die Atmosphäre eines internationalen Kongresses, die Atmosphäre einer Weihnachtsfeier im Caritas-Pirckheimer Haus mit Glühwein und Gebäck...-. Wir benennen Atmosphären auch nach Stimmungen als "heiter", "düster", "festlich", oder nach körperlichen Zuständen: die "nervöse Atmosphäre", die "angestrengte Atmosphäre, die der Redner durch sein bedeutungsheischendes Betragen erzeugte", usw. - Wir bringen auch den Begriff der Aura in die Nähe der Atmosphäre. - Schließlich wissen wir, daß man Atmosphären herstellen oder zumindest eine Situation erzeugen kann, in der sie entstehen. Das gilt interpersonal - etwa im Fall des prätensiösen Betragens, wie auch für den Gegenstands- und Umgebungsbezug: - Für den Gartenbautheoretiker Hirschfeld etwa (Gernot Böhme machte vor einiger Zeit darauf aufmerksam) ist eine Atmosphäre identisch mit einer "Gegend", die man wie eine Bühne inszenieren kann. So schreibt er z. B. von der "sanft melancholischen Gegend", daß zu deren "Ausstaffierung" bestimmte dunkle Laubarten, den Blick versperrende Buschreihen und stehendes, beschattetes Wasser gehören. Architekten und Raumplaner sprechen sowieso ständig von Atmosphäre oder sollten es zumindest, denn sie tun nichts anderes als Atmosphären herzustellen, auch wenn sie meinen sollten, daß sie im "symbolischen Diskurs" mit anderen Architekten "dialogisierten" oder "historische Varianten" ehemaliger Bauten produzierten. Sie stehen jedenfalls auch in ästhetischer Korrespondenz mit ihrer Umgebung und sich selber, d.h. sie gehen von dem aus, was als Atmosphäre irgendwo herrscht oder angestrebt ist.
Man könnte diese Aspekte vertiefen, etwa semantisch: Meinen wir mit dem Ausdruck: "die Atmosphäre einer heißen Sommernacht" ein Geschehen oder einen Gegenstand, oder etwas, das in der Situation einer heißen Sommernacht herrscht und in das man hineingeraten kann? Eine andere Spezifikation wäre in erkenntnistheoretischer Hinsicht nötig. Gernot Böhme etwa bezeichnet Atmosphären als "quasiobjektive Gegenstände", womit er zwar das Problem nicht löst, aber immerhin auf den Sachverhalt weist, daß wir uns im Bereich des ästhetischen Reflektierens, und das heißt im Bereich subjektiv allgemeiner Gegenstände befinden. Für einen Empiriker ist ein "subjektiv allgemeiner" Gegenstand deswegen so ungreifbar, weil er abhängig
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von einem "Subjekt" und andererseits doch auch empirisch verortbar sein soll. Wir wissen, daß Atmosphären einerseits unabhängig von unserem Zutun herrschen können, was sich darin zeigt, daß wir in sie hineingeraten können, andererseits aber sind wir, wenn es so weit ist, nicht unbeteiligt an ihrem Entwurf - eine Angelegenheit, die zeigt, daß es sich bei der Atmosphäre um einen Geschmacksgegenstand handelt, allerdings ohne die zwangsweise Beziehung auf das, was man traditionell als Kunstwerk versteht. Hier liegt glaube ich, eine große Möglichkeit des Atmosphärenbegriffs. Er weist auf die Verwendung ästhetischen Denkens in Bereichen, die mit der landläufigen Meinung von typischen ästhetischen Gegenständen nichts zu tun haben und dennoch jedermann verständlich zu machen sind.
Ich will zwei Schwerpunkte setzen. Der eine ist die Beziehung von Atmosphäre zum Raum und Raumwahrnehmung, der andere ist das Phänomen des Festes und der dort auftretenden "atmosphärischen Überflutung", bzw. des Zerfalles von Raum u. Zeit. Zuletzt kann man dann fragen, inwieweit eine Wahrnehmungsschärfung dieser Art Hilfestellung zur ästhetischen Verständigung in der Situation subkultureller Differenz bietet. Folgende Thesen, die ich mehr implizit behandle, sollen dabei zur Sprache kommen:
1. "Atmosphäre" wird nicht wahrgenommen, sie ist vielmehr selber eine Art Wahrnehmung und sie steht im Zusammenahng mit ästhetischen Entwürfen des Raumes, ob sie nun von Menschen, Dingen, oder Geschehnissen ausgeht.
2. Es gibt folglich nicht nur eine atmosphärische Sensibilität, sondern auch eine atmosphärische Kompetenz, die sich mit der kommunikativen Kompetenz durchaus vergleichen ließe. Diese ist eine wichtige Verständnisbasis für Gemeinsamkeit in einer Weltkultur der subkulturellen Differenz.
3. Solch eine atmosphärische Kompetenz läßt sich theoretisch auffassen, d.h. es läßt sich Wissenschaft davon treiben. Wir müßten dazu lernen, Situationen, Umgebungen und menschliches Verhalten auf seine atmosphärische Wirksamkeit hin anzusehen und zu beschreiben. Wir müßten auch historische Wahrnehmungsweisen (Literatur) erforschen und beschreiben.
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4. Solch eine Kompetenz läßt sich auch praktisch auffassen, das heißt als Fähigkeit, ins
atmosphärische Geschehen einzutreten. Jedermann im Alltag verfügt in einem gewissen Maß über diese Kompetenz. Bildende Künstler, Architekten, Landschaftsplaner usw. müssen ganz besonders über sie verfügen.
5. Es geht bei all dem darum, zu lernen, wie man in einem Raum "flanieren" könnte, der durch unser technisches Naturverhältnis, das mediale Geschehen und den technischen Menschen gekennzeichnet ist und wie man von diesem Flanieren gezielt Bericht erstatten könnte.
II. Atmosphäre und Raum - zum atmosphärischen Charakter urbaner Systeme
Der Raum - so lautet ein Gedanke, der sich von Husserl und Cassirer bis zu Heidegger und zeitgenössischen Theoretikern fortsetzt, wird vom Menschen durch dessen soziale Tätigkeit eingerichtet. Er ist Poiesis, und vor allem geographischem, politischem oder naturwissenschaftlichen Interpretationen ist er eine ästhetische Angelegenheit, ein Geschehen nicht nur der Symbole, in dem sich der Mensch ein Netzaus Orten und deren Bezüglichkeiten schafft. Die "Orte" und die "Dinge" sind dabei identisch und in ihrer bedeutungsschweren und magischen Qualität zeichnen sie eine Grundsituation vor, die in die direkte Übertragung des griechischen Wortes "Atmosphäre" führt - Der Mensch lebt - noch bevor er abstrakte Bezüglichkeiten entwirft - im Atemkreis der Dinge, in ihrem Bann als einer Art erstem, grundsätzlichem "Raum sinnlich affektiver Bedeutsamkeit.
Entsprechend herrscht Atmosphäre auch für die philosophische Phänomenologie nicht "in" einem Raum, "in" einer Umgebung oder "in" einer Gegend, sie herrscht vielmehr "als" Raum, "als" Situation bedeutsamer Symbole und Geschehnisse, als "Horizontgeschehen", als "Umhaftes" (Ströker), als "Tönung" (Bollnow) und "gestimmter Raum" (Heidegger) als etwas, das auch in einem psychischen Sinne unsere Handlungen und Wahrnehmungen tingiert und dann natürlich als zweiter Schritt ins Verhältnis zu anderen Interpretationen geometrischer, architektonischer oder politischer Art tritt, so daß man vom Raum auch als einem Geschehen des "Innenaußen" gesprochen hat. (Bachelard)
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Der Zusammenhang von atmosphärischem Raumentwurf und bestimmten "Gegenden" des vom Menschen gebauten Raumes ist ein großes Thema der Philosophie der Stadt: - Joseph Rykwert beispielsweise hat die Gründung einer antiken Stadt als symbolischen Akt des Bedeutsammachens von Raumbezügen durch einen Priester beschrieben. Symbolische Weihehandlungen geben der Stadt einen "Mittelpunkt", eine "Achse", verbinden sie mit einer Kosmogonie; die Einrichtung eines "Raumes" und die Schaffung einer Atmosphäre, also einer ersten Heiligkeit und allgemeinen bedeutsamen Aura, in deren Licht alle Gegenstände, Orte und Menschen eingewoben sind, stehen im engen Zusammenhang.
Die Stadt wurde im Lauf ihrer Geschichte mehrmals gewissermaßen atmosphärisch nach- oder umgerüstet. (Dies ist interessant vor allem in den zentralen Aspekten wie dem Kathedralenbau, der Prunkenfaltung der Duodezfürsten, der Anlagen von Promenaden, unter Napoleon III. usf.) Man könnte überhaupt das Bauen an einer Stadt als atmosphärisches Nach- und Umrüsten eines Raumes beschreiben und verschiedene Planungsprojekte einmal daraufhin untersuchen, ob es sich im Grunde nicht um atmosphärische Zurüstungen handelt, die erst in einem zweiten Schritt unter "soziale" Beschreibungen subsumiert werden.
Seit dem 19. Jh. - auch das ist ein interessantes Phänomen - erkennt man die "Unförmigkeit" urbaner Systeme und im 20. Jh. sieht man in der Stadt das wuchernde Chaos, "Chaosmos" heißt das treffende Wort dazu bei James Joyce, London löst sich auf, hat jemand jetzt wieder entdeckt und "die große Stadt stirbt", heißt es allgemein. Tatsächlich aber geht es auch hier um Atmosphärisches: Der atmosphärische Bann der großen Städte - ihr urbanes "Klima" geht an andere atmosphärische Träger über, etwa an die Medien (City Radio, City-TV) oder an eine neue Form des architektonischen Designs von Gesamtzusammenhängen.
Vgl. Bruce I. Coleman, The Idea of the City in Nineteenth Century Britain, London, Boston 1973;
Vgl. Martin Pawley, Architektonische Stealth Bomber in der Altstadt. Zukunft der Stadt (VI) Blitzkrieg und Baufieber - über die unaufhaltsame Auflösung Londons FAZ Nr. 58 9. März 1992 S. 36.
Karlheinz Stierle, "Der Tod der großen Stadt. Paris als neues Rom und neues Karthago" in Smuda, Die Großstadt als Text, München 1992 S. 101 - 129.
Es war für mich ein großes Erlebnis, mit John Hejduk in New York zusammenzutreffen, der
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Atmosphäre als Design ist sozusagen das extreme Pendant zu dem, was wir im Allerkleinsten als 'atmosphärische Situation' bezeichnen können: Gaston Bachelard hat einmal in einem schlichten Bild das Verhältnis von Atmosphäre und Raum aufgegriffen und es zur Frage der Bewußtseinsphänomenologie gemacht. Er schrieb von der Atmosphäre, die eine nächtlich angezündete Kerze erzeugt, indem sie den Raum um den "Kerzenträumer" verkleinert und unendlich macht zugleich, da sie die begrenzenden Wände des Zimmers ins Dunkel hüllt und unsichtbar werden läßt. Die Flamme als Geschehen im Zentrum des Raumes, den sie selbst durch ihr Brennen definiert, ist das kleinstmögliche Modell einer Atmosphäre. Die verdämmernde Helligkeit nach außen, die schwarze Nacht, in die man eingehüllt scheint, kommt einem sinnlichen Medium gleich, welches das Bewußtsein symbolisiert, das, gebannt vom Geschehen und dem Raum, den dieses Geschehen aufspannt, nach den Rändern zu mit dem Licht undeutlicher und sich daher wie erschreckt vor der Dunkelheit wieder aufs Licht zurückzieht. Dadurch kommt es zu dem nur scheinbar von der Flamme ausgehenden Bann unseres Wahrnehmens.
Von der geschehnishaften Anziehungskraft des Windes, eines Wasserfalles, des Feuers, usf. wissen wir. Wir können sagen, dies sei der atmosphärische Bann dieser Geschehnisse. Er besteht, weil hier ein Ablauf an seinem intensivsten Punkt gleichsam stehenzubleiben scheint und durch unsere Wahrnehmungsweisen als Raum sich aufbaut, bzw. atmosphärisch entworfen wird. Angesichts eines Feuers, einer Flamme, eines Wasserfalles oder an einem Flußufer sitzend können wir kontemplativ, d.h. scheinbar "zeitlos" wahrnehmend am Gipfelpunkt eines ablaufenden Geschehens verharren. Wir scheinen zu sehen, was wir ansonsten nur begrifflich
ja dafür arbeitet, daß jemand, der im Autostau auf Manhattan zufahrend für eine Stunde Warten, Gestank und Ärger in einem gewissen Sinne doch zugleich immer den atmosphärischen Anlaß vor Augen hat, der ihn in diese glitzernde Kathedrale des Handels, des Verkehrs und des vorgeblich gelungenen Lebens führt. Das ist beileibe nicht bloß eine "Besucherperspektive". New Yorks Skyline repräsentiert durch das Bild des mächtigsten Bauens der Menschheit eine vibrierende Festlichkeit und eine nervöse, schöpferisch jagende Stimmung, für die das Geschehen "New York" im Glauben auch seiner Einwohner einzigartig in der Welt steht. Baudrillards Rede von der Verdoppelung im "totalen Environment" würde hier greifen. Die Skyline von Manhattan ist die atmosphärische Verdoppelung "New Yorks" als Mythos der Metropole. Vgl. D. Lewis/ E. Diller Education of an Architect - The Irwin S. Chanin School of Architecture of The Cooper Union, New York 1988.
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Dr. Reinhard Knodt , 1994, Atmosphäre und Fest , Munich, GRIN Publishing GmbH
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