I. Inhaltsverzeichnis
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II. Vorwort
4 III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie
im Kontext von Wissenschaftssprache
5 IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits
und das Problem der Terminologie
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V. Der Gattungsbegriff als Vermittlungsinstanz – eine Betrachtung der
Beziehungen zwischen Objekt- und Beschreibungsebene
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VI. Gattungstheorien und ihr Systemcharakter
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VII. Die historische Dimension von Gattungen und Gattungsbegriff
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VIII. Nachwort
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IX. Literaturverzeichnis
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II. Vorwort
In der heutigen globalen ‚Musikkultur‘, in der man Musik hauptsächlich als Produkt ansieht, welches es zu vermarkten gilt, ist es aufgrund der Bedeutung von Zielgruppen-Orientiertheit, Trend-Prognosen und ‚Schubladendenken‘ in der Musikindustrie unverzichtbar geworden, ein musikalisches Produkt gattungskategorisch in das vorhandene System einordnen zu können, beziehungsweise eine auf das Produkt zugeschnittene Gattungsbezeichnung zu konstruieren. Nur auf diese Weise kann Musik auf dem globalen Markt als Produkt erfolgreich vertrieben werden, da über die Gattungskategorie eine vermittelnde Instanz zwischen Produzent und Konsument besteht, die eine marktgerechte, auf den Massenabsatz von Musik konzentrierte Handhabung dieser ermöglicht (vgl. Marx, 2005, S. 288f. und: Danuser, 1995, Sp. 1059ff.). Unbeachtet – da für die Musikindustrie vermutlich auch nicht relevant – bleibt hierbei aller- dings die Fragestellung, ob Musik denn überhaupt gattungskategorisch erfassbar ist, oder ob es sich bei musikalischen Werken nicht viel mehr um Einzelphänomene handelt, denen man eine immanente Einzigartigkeit zusprechen muss.
Ausgehend von dieser Fragestellung (und der Untersuchung, ob diese Fragestellung für eine effektive Anwendung des Gattungsbegriffs überhaupt sinnvoll ist) beschäftigt sich die folgen- de Hausarbeit mit dem Begriff der ‚Gattung‘ in der Musikwissenschaft und zeigt auf, in wel- cher Art und Weise der Begriff in bestimmten, ausgewählten Kontexten innerhalb der Mu- sikwissenschaft Verwendung findet, und welche Problematiken sich daraus ergeben. Als ex- emplarische (und kritisch betrachtete) Quelle wird hierzu der MGG-Artikel „Gattung“ 1 von Herman Danuser auf eben diese Fragestellungen hin untersucht, während verschiedene Texte weiterer Musikwissenschaftler sekundär als Ergänzung hinzugezogen werden. Vorerst wird allerdings eine kurze Zusammenfassung über die allgemeine Problematik musikwissenschaft- licher Terminologie aufgezeigt, da die im Folgenden skizzierten Problemfelder auch für die Anwendung und Definition des Gattungsbegriffes eine Rolle spielen.
1 Danuser, H.: Gattung, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik be-
gründet von Friedrich Blume, Sachteil Bd. 3, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel u.a.
1995, Sp. 1042-1068.
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III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie im Kontext von Wissenschaftssprache
„Bei den Fachsprachen handelt es sich um Erscheinungsformen der Sprache, die der sachge- bundenen Kommunikation unter Fachleuten dienen“ (Brandstätter, 1990, S. 45). Hierbei un- terscheidet sich die Fachsprache von der natürlichen/gemeinen Sprache vor allem dadurch, dass sie einen ausgeprägten Instrumental-Charakter besitzt. Diese Funktionsgebundenheit von Fachsprache wirkt sich auch auf ihren Wortschatz aus, der sich hauptsächlich aus sogenannten ‚Termini‘ konstituiert. Der Terminus wiederrum zeichnet sich (idealerweise) durch eine exak- te, eindeutige Definition des von ihm bezeichneten Objekts aus, wobei diese Bedeutung stets eine explizite Konvention darstellt und zudem kontextinvariant ist (vgl. ebd., S. 45f.). Wie gestaltet es sich nun mit der musikwissenschaftlichen Fachsprache? 2 Hierzu schreibt Brandstätter:
Mißt man die musikalische Terminologie an den oben dargestellten Kriterien einer Wissenschaftssprache, so zeigt sich, daß die Sprache der Musiktheorie und Musikwissenschaft die Bedingungen einer von subjektiven Einflussgrößen gereinigten, intersubjektiv gültigen Fachsprache nur zu einem geringen Teil er- füllt (ebd., S. 46).
Hierfür führt Brandstätter mehrere Gründe an, die im Folgenden kurz referiert werden: 1.) Der Forschungsbereich der Musikwissenschaft (hauptsächlich also das, was als ‚Mu- sik‘ bezeichnet wird) sei begrifflich oft nur schwer definierbar.
2.) Die Fachsprach, derer sich die Musikwissenschaft bedient, sei ursprünglich nicht als Wissenschaftssprache konzipiert worden. Vielmehr sei sie erst aus der Praxis heraus entstanden. Dies führe dazu, dass vielen musikwissenschaftlichen Termini eine ein- deutige Definition fehle und sie nicht kontextunabhängig seien, sondern sich ihre Be- deutung nur aus einem zeitlichen und geographischen Kontext heraus erschließen las- se. Entscheidend ist damit nicht nur die Geschichte des von den Begriffen Bezeichne- ten, sondern auch die Historizität der Termini selbst.
3.) Die musikwissenschaftliche Terminologie rekurriere nicht nur auf die natürliche Spra- che, sondern habe im Laufe ihrer Geschichte auch Begriffe aus anderen Fachsprachen aufgenommen (vgl. ebd., S. 46f.).
Alle drei Punkte beziehen sich auch auf den Begriff der ‚Gattung‘ und die sich daraus erge- bende Problematik seiner Anwendung und Bedeutung innerhalb der Musikwissenschaft, wie folgende Hausarbeit aufzuzeigen versucht.
IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits und das Problem der Terminologie
In seiner Einleitung zum Gattungs-Artikel der MGG beschäftigt sich Danuser mit der theore- tischen Begriffsbildung des Terminus ‚Gattung‘, wie er in der Fachsprache Verwendung fin- det. Er beginnt seinen Artikel mit der Herausstellung der Flexibilität des Begriffes ‚Gattung‘ im Verhältnis zum untergeordneten Terminus der ‚Art‘ und dem übergeordneten Terminus der ‚Familie‘ innerhalb von logischen Klassifikationssystemen. Die Einordnung dieser drei miteinander in Beziehung stehenden Begriffe stammt ursprünglich aus der antiken Logik, die eine Opposition der Begriffsbildungen von ‚Gattung‘ und ‚Art‘ festgelegt hat, in der beide Begriffe jeweils relativ zueinander existieren, je nachdem welche Position man im jeweiligen Klassifikationssystem betrachtet (vgl. Hempfer, 2005, S. 7). So wird die der ‚Gattung‘ unter- geordnete ‚Art‘ selbst zur ‚Gattung‘, wenn man sie von der untergeordneten Stufe im System aus betrachtet, und die ‚Gattung‘ zur ‚Art‘ für die übergeordnete Stelle im System. In dieses Oppositionsverhältnis bezieht Danuser nun auch den Begriff der ‚Familie‘ mit ein, welcher dem der ‚Gattung‘ übergeordnet ist, womit also der Gattungsbegriff letztendlich eine mittlere, aber immer relative Position in einem derartigen Klassifikationssystem einnimmt.
Die Flexibilität dieses Bezeichnungssystems macht es freilich schwierig, überhaupt ein mu- sikalisches Werk irgendeiner der Systemstufen zuzuordnen. Stefan Kunze merkt in seinem Aufsatz „Überlegungen zum Begriff der >>Gattung<< in der Musik“ an, dass es beispielswei- se unerheblich sei, ob man die Motette des 16. Jahrhunderts als Typus, Art oder Gattung be- zeichnen würde,
[…] da z.B. der Oberbegriff >>geistliche Musik<< nicht hinreichend genau be-
stimmt [sei], um als Gattungsname gelten zu können. Unter die Kategorie
>>geistliche Musik<< fiele auch eine Messe von Mozart, die selbstverständlich
einer anderen Gattung angehör[e] als die Motette (Kunze, 1980, S.92).
Laut Kunze läge hierbei das Problem an der Vorstellung von ‚Gattung‘ als einem „[…] All- gemeinbegriff […] gewöhnlicher Art (wie z.B. Baum oder Tisch) […]“ (ebda.). Diese Vor- stellung habe dazu geführt, dass man den Gattungsbegriff und die Diskussion darum in den philosophischen Universalienstreit hineingezogen habe. Auf diesen Punkt geht auch Danuser in seinem Artikel ein. Der sogenannte ‚Universalienstreit‘ beschäftigt sich mit der Frage, „[…] ob Universalien, also Allgemeinbegriffe, >real< in der außermentalen Wirklichkeit oder nur >nominal< im menschlichen Geist der Sprache existieren“ (Danuser, 1995, Sp. 1043). Hierüber gibt es logischerweise zwei diametral zueinander stehende Extrempositionen: die
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nominalistische und die realistische. Von diesen Standpunkten sagt die nominalistische, das „[…] Allgemeinbegriffe als Erscheinungsformen des menschlichen Denkens, als heuristische Konstrukte der Erkenntnis zu gelten haben“ (ebda.) (universalia post rem). Demnach wird den Allgemeinbegriffen eine reale, also außermentale Existenz abgesprochen. Nach Goodman sei der Nominalist aufgrund seiner Ansichten, nicht dazu im Stande, „[…] irgendetwas als Klasse zu konstruieren“ (Goodman, 1978, S. 229), da es seiner Methodik entspräche, alles als Indivi- duum zu erstellen. Demgegenüber heißt es im (Begriffs-)Realismus, dass Universalien sehr wohl in der außermentalen Wirklichkeit existieren, da sie den Einzelphänomenen vorgelagert sind, und sich erst aus ihnen überhaupt solche erschließen lassen (universalia ante rem). Im ‚klassischen‘ Realismus 3 ist die Wirklichkeit denkunabhängig, d.h., „daß die Existenz und die Beschaffenheit der Wirklichkeit nicht davon abhängen, was Menschen […] darüber denken (sagen, wissen) können“ (Willascheck, 2000, S. 10). Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen besteht nun in der Aussage des Realismus‘, dass die Unterschei- dung von konkreten Gegenständen und das Verständnis von Prädikatsausdrücken 4 nur mög- lich ist, wenn Universalien tatsächlich als Gegenstände unserer Wahrnehmung existent sind, im Gegensatz zu der Annahme im Nominalismus, welche im Grunde genommen vom Gegen- teil ausgeht und diese Aussage negiert (vgl. Van Orman Quine, 1978, S. 85f.).
Welche Bedeutung diese unterschiedlichen Positionen im Kontext eines musikwissenschaft- lichen Gattungs-Diskurses haben, soll folgende Zusammenfassung veranschaulichen:
1.) Von der Position des Realismus‘ ausgehend, besitzen Gattungen eine höhere ‚Seins- qualität‘ und sind somit unabhängig von einzelnen Werken existent. Vielmehr können diese nur deshalb erkannt werden, da sie Ausprägungen der Universalie Gattung sind und mit ihr in Verbindung gesetzt werden (müssen). Ein von ihr unabhängig bestehen- des Werk wäre damit genauso undenkbar wie eine Veränderung oder Neubildung der Universalien an sich.
2.) Anders als im Realismus trägt die Universalie Gattung im Nominalismus eine nur konstruierte Bedeutung, welche sie durch Abstrahierung aus den Objekten gewinnt, die sie subsumieren soll. Die ‚Gattung‘ ist demnach nur ein Scheinbegriff oder gar – je nach Spielart des Nominalismus‘ – nur ein willkürlich vergebener Name für etwas, das sie bezeichnen soll. Bei der Vertretung eines extremen Nominalismus könnte man so-
3 Sowohl im Realismus wie auch im Nominalismus gibt es natürlich diverse Spielarten. Siehe: Willascheck, 2000, S. 10-13.
4 „Ein Prädikator ist ein >Name<, der Gegenständen zu- oder abgesprochen werden kann. Prädikatoren im logi- schen Sinne sind also z.B. Buch, Symphonie, groß, klein, klappern, schreiben usw.“ (Hempfer, 1973, S. 5. Fuß- note 4).
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Quote paper:
Jeremy Iskandar, 2008, Aspekte des Gattungsbegriffes im musikwissenschaftlichen Diskurs, Munich, GRIN Publishing GmbH
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