des Klienten wird in der Literatur häufig Fallverstehen oder auch soziale Diagnose genannt. Um einem Menschen bei der Bewältigung aktueller Problemlagen helfen zu können, ist es wichtig diesen und dessen Situation, seinen Hintergrund und sein „Problem“ zu verstehen sowie sich ein Bild über die ihm zur Verfügung stehenden Kompetenzen und Lösungsmöglichkeiten zu machen. Es ergibt sich dadurch dann die Möglichkeit ein Handeln zu planen und so zu adäquaten Lösungen gelangen zu können.
Die Ergebnisse an denen Soziale Arbeit hier unterstützend tätig wird, ist das einzelne Individuum in der Gesellschaft, dass sich in mehr oder weniger riskanten biografischen Schwellen- oder Umbruchsituationen befindet.
Mit Termini wie Professionalisierung, Ökonominierung, neuer Steuerung oder Wirkungs-orientierung von Sozialer Arbeit und der einhergehenden Frage nach Legitimation vor den öffentlichen Verwaltungen, wird der Ruf nach überprüfbaren „Instrumenten“ zur Auswahl und Einleitung der meist kostenintensiven Hilfen laut.
Der Anspruch auf oder das Interesse an Hilfe muss also hinreichend begründet werden und die individuellen Voraussetzungen auf Anspruch, wie auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Um mich der Thematik zu nähern, möchte ich mir zuerst einmal ein Verständnis von „Sozialpädagogischer Diagnostik“ verdeutlichen.
Der Begriff „Sozialpädagogik“ wird bis heute kontrovers diskutiert und eine hinreichende, 1 Um die Überlegungen hier nicht allgemein akzeptierte Definition ist noch nicht gefunden.
abbrechen zu müssen werde ich mich an die Arbeitsdefinition von Franz Hamburger in „Einführung in die Sozialpädagogik“ halten, die er in direkter Anlehnung an Lothar Böhnisch macht: Sozialpädagogik bezieht sich auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft; dieses Verhältnis wird als Konflikt bzw. im Hinblick auf die ihm enthaltenen Konflikte betrachtet. Sozialpädagogik 2 leistet eine Analyse der Konfliktkonstellation und entwickelt Konzepte der Konfliktbearbeitung. „Diagnose“ leitet sich aus dem griechischen Begriff diágnōsis ab, der so viel bedeutet wie 3 unterscheidende Beurteilung, Erkenntnis. Erkenntnistheoretisch bedeutet das dann die
Wahrnehmung für „Etwas“ zu sensibilisieren und mit den gemachten Eindrücken etwas zu 1 z.B. Mollenhauer 1964, 2001 S.13; Scheipel 1997 S.2; Thole 2002 S.26
2 Hamburger, F. (2008) „Einführung in die Sozialpädagogik“ S. 14 -Kohlhammer Verlag, zitiert: Böhnisch, L.
(1979) „Sozialpädagogik hat viele Gesichter“ In: Betrifft: Erziehung 12, Heft 9, S. 22-24
3 www.duden.de
erkennen. Diese Erkenntnisse müssen dann auf einen für zentral gehaltenen Zusammenhang reduziert werden. Etwas allgemeiner bedeutet der Begriff in dem Sprachgebrauch wie wir ihn heute in unserer Kultur benutzen meist die zielgerichtete Suche nach einer Indisposition oder einer Krankheit im oder am Subjekt, auf die man in einer bestimmten Weise reagieren möchte oder sie zumindest möglichst genau Identifizieren will. Wenn z.B. ein Arzt durch Abtasten die Diagnose „akute Appendizitis“ stellt ist das Problem schnell beschrieben. Es wird klar, dass sich diese medizinische Vorstellung nicht so leicht auf soziale Problemkonstruktionen übertragen lässt. Geht man anthropologisch von der Prämisse aus, dass sich das Subjekt auf die ihm umgebende Welt reflektierend bezieht und dadurch eine Vorstellung gewinnt, mit der es sich der Welt entgegenstellt, ist eine medizinische auf objektive Fakten ausgerichtete Sichtweise von Anamnese, Diagnose und Behandlung (also am Ende den Appendix zu entfernen) nicht hinreichend. Man hat es hier bei uns stärker mit der subjektiven Sichtweise oder besser den Sinnstrukturen der Individuen in einem ganz eigenen (Kausal-) Zusammenhang zu tun.
Einen ersten Schritt zu einer Diagnose in der Sozialen Arbeit macht Alice Salomon. Ihr Buch „Soziale Diagnosen“ (1926) folgt den Vorarbeiten von Mary Richmond's „Social Diagnosis“ aus den USA, die auf das aus England stammende Konzept der „Charity Organisation Societies“ (COS) zurückgreift. Es wird eine Suche nach dem individuellen Hilfebedarf und der darauf folgenden Koordination von entsprechenden Hilfen postuliert. Über die Verdichtung von Beobachtungen von Tatsachen wird geprüft, verglichen und bewertet. Aus den sozialen Schwierigkeiten eines Menschen 4 Sie legt im oder einer Familie werden dann die notwendigen Hilfsmaßnahmen gefolgert. deutschsprachigem Raum den Grundstein zur Debatte um die Einschätzung der Problemlagen von Menschen.
Wenn man sich den heutigen Theoriediskurs anschaut, kann man mit Burkhard Müller drei 5 : verschiedene Richtungen in der Diagnostikdebatte feststellen (i) Therapeutische Richtung (Neo-Diagnostiker)
Das „Problem“ der Menschen soll möglichst objektiv identifiziert und dann behandelt werden. Klassischer Diagnosebegriff. (ii) an Verhandlung ausgerichtete (Anti-Neo-Diagnostiker) - Lehnen ein klinisches Deutungsmuster ab
4 Engelke, E. (2002) „Theorien der Sozialen Arbeit“ S.185-198 -Lambertus Verlag
5 Müller, B. (2006) „Sozialpädagogische Diagnose“ Art. in Galuske, M./Thole, W. (Hrsg.) „Vom Fall zum
Management: Neue Methoden der sozialen Arbeit“
- Verweis auf Stigmatisierungsprozesse und Ausgrenzungsrethorik - Lebensentwürfe und Verhaltenserwartungen zwischen dem Klienten und dem Professionellen werden zu fairen Kompromissen gebracht, beispielsweise durch dialogisches Verstehen oder Kontrakte (iii)Pädagogische Richtung
- Es wird ein Auftrag vorausgesetzt und herausgefunden an welches Selbstverständnis, welche Lebenserfahrungen und Sehnsüchte bei der Intervention angeknüpft werden kann Die in diesem Text vorgestellte Diagnosemethode nach Mollenhauer und Uhlendorff lässt sich bei dieser Unterscheidung hier einordnen.
Als theoretische Vorannahmen die in diesem Verfahren gemacht werden sind vor allem die Hermeneutik und der symbolische Interaktionismus zu nennen.
Die Hermeneutik versucht anders als die Empirie die Dinge nicht zu „erklären“ sondern durch Interpretieren zu „verstehen“. Das bedeutet erst einmal, dass vorerst keine allgemeinen Aussagen gemacht werden wie in den Naturwissenschaften. Es wird von sprachlichen Zeichen und kulturellen 6 Die Schöpfungen ausgegangen, die als Ausdruck des menschlichen Geistes aufgefasst werden. Aufgabe des Interpreten besteht dann darin, die Bedeutung der Zeichen und Schöpfungen möglichst zutreffend und angemessen herauszuarbeiten. Die Rolle des Interpreten ist stark diskutiert, denn der Vorwurf des hermeneutischen Zirkels ist schwer zu entkräften. Es wird dabei angenommen, dass dem Interpret immer schon ein Vorverständnis immanent ist und sich somit vor allem der Anspruch auf Objektivität schwierig gestaltet. Als mögliche Auswege könnten die Dialektik oder der Einbezug der Schwäche in die Theorie dienen.
Der symbolische Interaktionismus ist ein interpretativer Ansatz aus der soziologischen Handlungstheorie. Dieser Ansatz geht davon aus, dass soziale Realität das Resultat von Interaktion und Kommunikation ist. In der Interaktion werden Handlungen (Gesten/Lautgesten) zu Symbolen gemeinsamer Deutungsschemata, durch die weiteres Handeln orientiert wird - daher symbolischer Interaktionismus.
6 Wuchterl, K. (1989) „Lehrbuch der Philosophie“ S.100f. -UTB
Arbeit zitieren:
Steffen Ernst, 2009, Sozialpädagogische Diagnosen nach Mollenhauer & Uhlendorff, München, GRIN Verlag GmbH
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