Inhalt
I. Einleitung 2
I.1 Todesthematik in der Literatur 2
I.2 Untersuchungsgegenstand und Thema der Seminararbeit 3
II Der Tod 3
II. 1 Der Tod des Cornet in der Forschung 3
II. 2 Der Tod im „Cornet“ 5
II. 3 Menschliche und göttliche Gewalt 9
II. 3. 1 Männlichkeit 9
II. 3. 2 Weiblichkeit 10
II. 3. 2.1 Die Frauengestalten im „Cornet“ 11
II. 3. 2. 2 Mutterrolle 11
II. 3. 2. 3 Rilkes Mutterbezug 13
III. Tod und Liebe 15
III. 1 Menschliche und göttliche Liebe 15
III. 2 Die Liebe im „Cornet“ 16
III. 3 Das Motiv des Traums als Verknüpfung von Liebe und Tod 18
IV Subjekt und Identität 21
V Zusammenfassung 22
VI Literatur 24
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I. Einleitung
I.1 Todesthematik in der Literatur 1
Der Tod ist ein unerklärbares Urphänomen, das nicht wirklich verstanden werden kann. Er bestimmt alles Leben entscheidend als begrenzender Faktor mit.
In Perioden tief greifender geschichtlicher Umbrüche, so auch dem frühen 20. Jahrhundert, zeigt die Literatur heftige Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben. Die Figuren eines literarischen Textes entwickeln eine besondere Beziehung zum Tod, denn das Wissen, sterben zu müssen, beeinflusst die Konzeption der menschlichen Entwicklung, die vergangenes und zukünftiges Leben in ein anderes Licht rückt. Leben bedeutet eine bewusste Auseinandersetzung mit der Frage des Sterbens oder den Versuch, die Todessehnsucht zu überwinden. Auffallend für die Literatur um 1900 ist der Wandel ästhetischer Ausdrucksformen, die darüber hinaus eine Vielzahl neuer Stiltendenzen mit sich brachte. Die Veränderungen lassen sich auf die durch Industrialisierung und Urbanisierung des Lebensraums hervorgerufenen Wandlungen im Erfahrungs- und Wahrnehmungsbereich zurückführen. Die Jahrhundertwende war geprägt durch Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsexplosion, Landflucht und politische Resignation. Das Bildungsbürgertum war auf der einen Seite einer wachsenden Unsicherheit durch Technik und Lebensbedingungen einer Industriegesellschaft ausgesetzt, auf der anderen Seite entwickelte sich ein neues menschliches Selbstbewusstsein, der Mensch wurde durch die neue Technik Herr über das Sein und Nichtsein in der Welt. Die Religion bot keine ausreichenden Antworten auf neu entstehende Fragen in diesem Zusammenhang. Es gab keinen gegebenen Daseinszweck, eine Krise des Lebens und gleichsam des Todes entstand, sowie die Frage, was nach dem Tod folgt. In diesem Zusammenhang stehen Trennungsangst und Angst vor dem Verlust der Autonomie und der Individualität durch den Tod, ein Kontrollverlust des selbstkontrollierten technischen Menschen, der hier in seine Grenzen verwiesen wird. Die einzige Möglichkeit der eigenen Todesentscheidung ist der Selbstmord. Deshalb ist das Todesthema oft mit Motivbereichen kombiniert, die in der Geschichte menschlicher Ängste eine herausragende Rolle spielen wie Wasser, Feuer, Nacht und Erotik.
Durch diese Umbrüche und Wandlungen im Leben der Menschen wurde ein Prozess evoziert, welcher als Subjektivierung bezeichnet wird, weil sich der Mensch aus seiner passiven Rolle, nämlich Objekt der Geschichte zu sein, löst und sich zum Subjekt der Weltgeschichte macht. Der Subjektivierungsprozess spiegelt sich auch in den Sterbe- und Todesvorstellungen wider. Die Menschen starben isoliert und allein, nicht mehr im Kreise der Angehörigen.
1 Nach Katja Grote, Der Tod in der Literatur der Jahrhundertwende. Peter Lang, Frankfurt 1996.S.13-38
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Die Gesellschaft dementierte den Tod zunehmend, es entstand eine Abwehrhaltung gegenüber dem Tod. Es entwickelten sich zwei Mechanismen zur Bewältigung dieser Bedrohung. Zum einen wurde die Überwindung des Todes in den Erlösungslehren verschiedener Religionen gesucht, zum anderen versuchte der Mensch, als Handelnder durch historisch einmalige Leistungen und bedeutsame Denkmäler auf zahlreichen kulturellen Gebieten fortzubestehen. 2 Die Dichtung nahm den „Tod in Schutz“. Rilke forderte die Besinnung auf den eigenen Tod, er konfrontierte die Menschen mit Bildern des Todes, um ihnen den Tod als zum Leben zugehörig begreiflich zu machen. Die Tabuisierung des Todes in der Realität spiegelt sich in der Literatur der Jahrhundertwende in einer Veränderung des Erzählens, die zum einen Ausdruck der Unsicherheit und Gleichgültigkeit gegenüber traditioneller Formen ist und zum anderen auch das Bemühen um neue Formen dokumentiert. Die Darstellung des Todes in der Literatur veränderte sich zusehends: in decadènce und fin de siécle war zwar noch eine Tendenz zur Ästhetisierung des Todes vorhanden, doch gleichzeitig häuften sich Todesbilder desillusionierender Hässlichkeit.
I.2 Untersuchungsgegenstand und Thema der Seminararbeit
In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie der Tod in der frühen Dichtung Rilkes „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ dargestellt wird. Die in der Einleitung genannten Aspekte sollen dabei in die Betrachtung mit einbezogen werden, besonders bestehende Zusammenhänge zwischen Tod und Liebe und die Frage nach Identität und Subjekts sollen geklärt werden. Dabei werden auch Parallelen zum Leben des Dichters gezogen.
II Der Tod
II. 1 Der Tod des Cornets in der Forschung
Die Forschung interpretiert das Werk oftmals als ein verklärtes Jugendwerk und zieht Parallelen zum jungen Autor. Der Tod des „Cornet“ wird als das erforderliche Ende jugendlichen Heldentums angesehen, besonders nachdem in allen Bereichen Erfüllung stattfand, die sich ein junger Mann wünscht. Seine letzte Mission sei unvermeidbar und
2 Gerhard Stebner: Einleitung, in: Marx, Rainer (Hrsg.):Perspektiven des Todes. Interdisziplinäres Symposium I,
Heidelberg 1999, S.13
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bewirke die Schliessung des Kreises eines jungen Heldenlebens. 3 Dabei wird der Tod oft unter rein ästhetischen Gesichtspunkten bewertet, die den Inhalt als schöne Form beschreiben wie z. B. Roffler, für den der Tod des Cornets „eine vom Leben selbst stilisierte Notwendigkeit, ein im tiefsten Sinne organischer Abschluss“ 4 ist. Auch Petersen stellt heraus, dass die Schönheit eines jungen Lebens in einer einzigen Nacht zusammengefasst ist, an deren Ende nur noch das Ende des Lebens möglich ist. 5 Betz beurteilt den frühen Tod nicht als grausam, sondern als sinnvolles Schicksal, das „die steil aufsteigenden Kurve dieses Lebens schließt, ehe sie verflachen kann“. Gerade in der Einmaligkeit der Erlebnisse liegt ihre „wunderbare Süße und Kraft- und ihre Heiligkeit“. Die Faszination des Werks ist auf diesem jungen Sterben begründet, das das gedrängte Leben schöner und kostbarer erscheinen lässt. 6 Das Bild des Todes als Höhepunkt einer Steigerung des Lebens verwendet auch Bollnow: „Leben und Tod werden eins auf der Höhe einer letzten rauschhaften Steigerung des Lebens, so dass gerade auf seinem Höhepunkt das Leben zugleich in den Tod übergeht“. Im Überschwang des Gefühls des jungen Dichters leistete dieser noch unbewusst, verklärt durch die Begeisterung der Liebe, die höchste Verwirklichung des eigenen Daseins in einem Überschreiten darzustellen. 7 Angelloz hingegen negiert einer Verwirklichung im Tode. Er spricht von einer „einfachen Idee“: „Wie weiterleben, wenn man in verliebter Trunkenheit den Höhepunkt des Leben erfahren hat?“ 8 Diese Interpretationen erklären die Beliebtheit des Werkes in den beiden Weltkriegen, in denen der „Cornet“ zur nationalistischen Literatur zählte und von vielen Soldaten gelesen wurde. Die Figur des Cornets ist durch die mangelnde Spezifik und die allgemeine, volksliedhafte, den Leser einbeziehende Sprache eine ideale Projektionsfläche für Wünsche und Phantasien. Diese Darstellungen behandeln aber lediglich Teilaspekte des Werkes, das viel komplexer ist. Kohlschmidt setzt sich bereits mit der Thematik der Individualität auseinander. Er beschreibt das Motiv des „Cornets“ als die Selbstverwirklichung einer reinen Individualität, zu der der festliche Tod als höchste Steigerung gehört. 9 Grote spricht von einem individuellen Sterben des Cornets, da Leben und
3 Kip Wilson: “Force and Love in the Works of Rainer Maria Rilke. Heroic Life Attitudes and the Acceptance of Defeat and Suffering as Complementary parts”. Peter Lang, Frankfurt am Main,1999, S. 32
4 Thomas Roffler: „Bildnisse aus der neueren deutschen Literatur“. Frauenfeld und Leipzig, 1933, S. 101
5 Jürgen Petersen: „Das Todesproblem bei Rainer Maria Rilke“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 270
6 Irene Betz: „Der Tod in der deutschen Dichtung des Impressionismus“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 286
7 Otto Friedrich Bollnow: „Existenzphilosophie“. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 305
8 J.- F. Angelloz: „Rainer Maria Rilke“. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 344
9 Werner Kohlschmidt: „Rainer Maria Rilke“. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S.318
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Tod im Einklang miteinander gebracht werden durch das Liebeserlebnis der vergangenen Nacht. 10 Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, die Rilke immer wieder in seinen Schriften fordert, lässt den Erkennenden intensiver leben und diesem eigenen, individuellen Leben folgt ein ausgereifter, individueller Tod, den jeder in sich trägt, wodurch erklärbar wird, dass der Tod des Anderen als fremd und schwer empfunden wird. 11 Die Ambivalenz von Leben und Tod ist das Thema schlechthin im Gesamtwerk Rilkes, wobei nicht der physische Aspekt thematisiert wird, sondern die Betonung auf der Wichtigkeit eines bewussten, erfüllten Lebens und einem damit verknüpften bewussten und individuellen Tod liegt.
Der Tod im Cornet stellt eine vielschichtige, komplexe Verbindung mehrerer existenzieller Themen dar, die auf die kunstvollste Weise miteinander verbunden sind, sowohl in der Dichtung für sich, als auch mit Rilkes Leben, zu dem sich eindeutige Parallelen ziehen lassen. Diese verschiedenen Aspekte werden schrittweise erörtert und miteinander in Verbindung gebracht. Die bisher besprochenen Ergebnisse der Forschung werden erweitert.
II. 2 Der Tod im „Cornet“
Es ist auffällig, dass das Wort „Tod“ als solches nur im Titel erscheint und außer im nüchternen, auf historische Glaubwürdigkeit bedachten Vorspann im ganzen Stück bis hin zum „ästhetisierten Soldatentod“ 12 nicht mehr genannt wird. Trotzdem wird der Leser schon in der ersten von 26 Momentaufnahmen mit dem Tod konfrontiert, indem er, intensiviert durch die personale Erzählweise, an einer Abschiedssituation teilhat, die zwar indirekt erzählt, aber dennoch eindeutig den Ritt in den Krieg schildert, wobei der Ausgang eines solchen immer ungewiss ist und einen möglichen Tod beinhaltet. Die Situation ist schon anfangs hoffnungslos geschildert, die Soldaten sind mutlos und voller Sehnsucht. Der Sog der Melancholie ist verbunden mit dem Verlust der Zeichen, die Orientierung geben könnten „keine Berge mehr, kaum einen Baum...“ 13 Dies sind Koordinaten für die Orientierung des
10 Katja Grote, Der Tod in der Literatur der Jahrhundertwende. Peter Lang, Frankfurt 1996.S.122
11 Alfred Focke: „Liebe und Tod. Versuch einer Deutung und Auseinandersetzung mit Rainer Maria Rilke“. Herder Verlag, Wien, 1948, S.117
12 Rüdiger Görner: „Rainer Maria Rilke. Im Herzwerk der Sprache“. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2004
13 Textstellen fortan zitiert aus Rainer Maria Rilke: „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In: Walter Simon: „Rainer Maria Rilke- Die Weise von Liebe und Tod. Texte und Dokumente“. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 39- 69, hier S. 43
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Subjekts 14 . Wiederholt werden die Adjektive „müde, schwer, staubig, traurig“ verwendet, die diese Eindrücke bestärken. In der zehnten Szene findet eine erneute Konfrontation mit dem Tod statt, als der Cornet seiner Mutter einen Brief schreibt, da er sich gedanklich mit dem Tod auseinandersetzt und weiß, dass er seiner Mutter vielleicht nicht mehr selbst berichten kann, dass er zum Cornet ernannt wurde. Er denkt, als er den Brief in den Waffenrock schiebt „vielleicht findet ihn einmal Einer…Und denkt….Denn der Feind ist nah.“ 15 Die Negierung des Todes durch die Ellipse wird in der nächsten Szene aufgehoben, wodurch symbolisiert wird, dass man den Tod nicht negieren kann. „Sie reiten über einen erschlagenen Bauer. Er hat die Augen weit offen und Etwas spiegelt sich drin; kein Himmel“ 16 . Dieser Tote hält dem Cornet den Tod durch den Krieg, der auch ihm droht und den er verdrängt hatte, vor Augen und weist auf einen weiteren Aspekt hin, der die Hoffnungslosigkeit verstärkt: Der Glaube an die Religion, symbolisiert durch die transzendente Bedeutung des Worts „Himmel“ und von ihr vermittelte Grundfesten ist verloren (kein „Himmel“ ist zu erkennen), der Mensch ist haltlos. Selbst in der Schlossszene sind die Kriegs- und Todesassoziationen präsent, wie „ein Grab“ schlafen die Soldaten in der „lumpigen Furche“ 17 .
Die letzte Konfrontation mit dem Tod ist der eigentliche Tod des Cornets in der Schlacht. Diese ist völlig konträr zu den melancholischen Schilderungen der Todeskonfrontationen zuvor und lässt eine Wandlung des Cornets in Bezug auf seine Todesängste erkennen, da er lächelt und an „Gärten“ 18 denkt. Die Verkoppelung von Tod und Garten ist in der Dichtung Rilkes sehr beliebt. „Er ist allein mit seinem Selbst, mitten im Sein“, das ihn umringende Dasein wird transparent und wird zu einer archaischen Daseinsform des Paradiesgartens. 19 Etwas ist anders, die Sprache unterstreicht es und deutet es an, der junge Cornet hat sich entwickelt, die Einstellung zum Tod hat sich radikal verändert.
Die Forschung hat herausgestellt, dass der Tod im „Cornet“ zum einen als ästhetisierter, verklärter Heldentod dargestellt wird, zum anderen wurde erkannt, dass der Tod die
14 Wolfgang Braungart: „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In: „Rilke- Handbuch. Leben- Werk- Wirkung“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004, S. 210- 216
15 Rainer Maria Rilke: „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In: Walter Simon: „Rainer Maria Rilke- Die Weise von Liebe und Tod. Texte und Dokumente“. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 54
16 ebd. S. 55
17 ebd. S. 61
18 ebd. S. 68
19 Walther Huder: „Die Dialektik in der Dichtung Rainer Maria Rilkes“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, S. 353f
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Natalie Schilling, 2007, Der Tod in der Dichtung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ (1899/1906) von Rainer Maria Rilke, München, GRIN Verlag GmbH
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