Hausarbeit im Seminar „Interaktion und Gesellschaft“ 1
Gliederung
1. Einleitung 2
2. Theoretische Grundlagen. Zum Elitebegriff 3
3. Aktuelle Beispiele für Eliteerziehung 5
4. Entstehung und Entwicklung der NS-Eliteschulen 7
5. Zum sozialen Hintergrund der Jungmannen und ihrer
Lehrer 10
6. Methodik der NS-Eliteausbildung. Erziehung durch
Interaktion 12
7. NS Eliteschulen als nationalsozialistische
Institutionen sui generis 17
8. Fazit: Erfolge der NS-Ausleseschulen? 18
9. Quellen- und Literaturverzeichnis 22
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In einer Rede am 10 Dezember 1940 erwähnte Adolf Hitler die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten das erste und einzige Mal: „Wir haben unzählige Schulen, Nationalpolitische Erziehungsanstalten und Adolf-Hitler- Schulen usw. In diesen Schulen holen wir die talentierten Kinder herein... und [diese] werden hier weitergebildet, und sie werden später einmal in den Staat hineingeführt, kommen in die Ordensburgen und in die Partei. Sie werden einmal die höchsten Stellen einnehmen ...“ 1 In diesem kurzen Abschnitt wird bereits deutlich für welche Aufgaben die NPEA, im Volksmund Napola, vorgesehen war: Die Erziehung der künftigen Elite des nationalsozialistischen Führerstaates. Neben den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten gab es zwei andere Typen von Eliteschulen: die Adolf-Hitler-Schulen und Ordensburgen sowie die Reichsschule der NSDAP in Feldafing. Diese drei Typen von nationalsozialistischen Eliteschulen unterstanden zwar alle dem Reichserziehungsministerium, ihre Kontrolle war jedoch von den verschiedensten NS-Organisationen heftig umkämpft. Hält man sich vor Augen, dass hier der künftige Führernachwuchs des Tausendjährigen Reiches herangezogen werden sollte, kann diese Konkurrenz auch nicht verblüffen. Nur die Kontrolle über die zukünftigen Spitzen von Partei, Militär und Gesellschaft konnte z.B. der SS eine Vorherrschaft auf Dauer sichern. Trotz der gemeinsamen Ausrichtung aller NS-Eliteschulen war die Zukunft der Schüler an den verschiedenen Schulen jedoch unterschiedlich stark vorgezeichnet. Während die Berufswahl in den normalen Napolas noch relativ frei war, wurde an den Adolf-Hitler-Schulen und Ordensburgen der zukünftige Parteinachwuchs ausgebildet.
Identisch war jedoch allen Schultypen die gemeinsame Aufgabe, einen neuen, nationalsozialistischen Menschen zu schaffen sowie das hierzu angewandte Erziehungskonzept, auf das in dieser Arbeit noch ausführlich eingegangen werden wird.
Das erklärte Ziel, einen neuen, besseren Nationalsozialisten zu erziehen, sowie das Selbstbild einer Eliteschule standen im Kontrast zum allseits beschworenen Ideal der Volksgemeinschaft. Diesem offenkundigen Widerspruch versuchte man mit verschiedenen Mitteln zu begegnen. Das Schulgeld war abhängig
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vom Einkommen der Eltern und es gab eine sehr große Anzahl von Freiplätzen. Kinder aus kinderreichen oder Arbeiterfamilien wurden bevorzugt. Schließlich wurde den Schülern immer wieder der Sinn einer Führerelite gepredigt, welche dem Dienst an der Volksgemeinschaft verpflichtet sei. Erntedienste und Praktika sollten dies untermauern.
Den Schwerpunkt dieser Arbeit soll, wie bereits angesprochen, die Frage nach den Methoden der Erziehung bilden. Durch welche Interaktionen sollte diese nationalsozialistische Elite konstituiert werden? Welche Interaktionsverbindungen und welche Netzwerke wurden gefördert und welche negativ sanktioniert? Welcher Elitenbegriff wurde eigentlich angelegt und wie wurde versucht diesen den Schülern zu internalisieren?
Bei der Untersuchung dieser Fragen soll vorrangig mit den Aussagen von ehemaligen Schülern gearbeitet werden. Eine sehr gute Sammlung von Aussagen hierzu bietet das Buch, „Wir waren Hitlers Eliteschüler“, von Johannes Leeb. Obwohl diese Ausagen nur eine subjektive Sicht auf die schon lange vergangene Schulzeit erlauben, ermöglichen sie es doch sowohl Methoden, Lern- und Trainingserfolge, Psychologische Folgen als auch die Auswirkungen dieser Art von Erziehung während und auch nach dem Krieg zu betrachten. Im Fazit soll versucht werden, die Frage nach dem Erfolg der NPEA´s, der Reichsschule und den Adolf-Hitler-Schulen zu beantworten. Konnte das hoch gesteckte Ziel der Schaffung eines neuen Menschen erreicht werden? Auch auf die Frage der Folgewirkung der Napola-Erziehung bei den ehemaligen Schülern soll kurz eingegangen werden.
2. Theoretische Grundlagen. Zum Elitebegriff
Der Begriff Elite stammt vom französischen Wort élire ab. Seit dem 17. Jahr-hundert ist er und Frankreich, seit dem 18. Jahrhundert auch in der deutschen Sprache geläufig. Gemeint ist damit eine soziale Gruppe, „die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie eine besondere Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft“ 2 auszeichnet.
Bei der Beschäftigung mit dem Elitebegriff des Nationalsozialismus empfiehlt es sich, die Klassiker der Elitesoziologie zu Rate zu ziehen. Obwohl die Elite- 1 ,,ImGleichschritt“. Rundbrief der NPEA Rottweil, Heft 3/ Februar 1941
2 Hartmann, Seite 8.
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theorien von Mosca, Michels und Pareto durch ihre Gegenüberstellung von Elite und Masse sowie ihre theoretische, in Einzelfällen auch personale, Nähe zum Faschismus in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg starken Kritik ausgesetzt waren, stellen sie doch die Grundlage des Denkens über Elite der fraglichen Zeit dar. 3 Im Folgenden soll daher näher auf diese Klassiker eingegangen werden.
In seinem 1895 erschienen Buch „Psychologie der Massen“ beschreibt Gustave Le Bon die Ängste des Bürgertums vor einem immer spürbareren Erstarken der Arbeiterklasse im Zuge der Industrialisierung. Die Masse wird als umstürzlerische, kommunistische Macht, deren Forderungen auf nichts anderes als die Schaffung eines primitiven Kommunismus hinausliefen, beschrieben. Kulturen wären immer „von einer kleinen, intellektuellen Aristokratie“ 4 geschaffen und geleitet worden. Die Masse sei zu Kulturleistungen nicht fähig. 5 Auch Gaetano Mosca sieht in seinem Hauptwerk „Elementi di Scienza Politica“ zwei Klassen: Eine, die herrscht, und eine, die beherrscht wird. Auch die Demokratie ist hier kein Ausweg, da die organisierte Minderheit immer der unorganisierten Mehrheit ihren Willen aufdrücken wird. Je größer ein Staatswesen ist, desto leichter sei es für die herrschende Minderheit ihre Herrschaft zu sichern. Mosca sieht die geistige Überlegenheit der herrschenden Klasse in der Erziehung, der familiären Weitergabe von Verhaltensweisen und Einstellungen sowie sonstigen Umgebungseinflüssen begründet. Er sieht gerade in instabilen politischen Systemen einen Vorteil für die Entstehung kampf- und angriffslustiger Eliten, die er für erforderlich für eine Weiterentwicklung hält, da diese mit neuem Mut und Ideen bereit sind, Änderungen des status quo zu schaffen. 6 Seiner Meinung nach sind stabile Parlamentarische Systeme „immer ärmer an kühnen, kampflustigen Charakteren und reicher an weichen, nachgiebigen Individuen“ 7 . Wichtig für den Kontext dieser Arbeit ist seine Ansicht, dass „das Werk von Herrschern nur dann dauerhafte Bedeutung hatte, wenn sie eine zeitgemäße Umwandlung der herrschenden Klasse herbeiführten“ 8 .
3 Hartmann, Seite 9.
4 Hartmann, Seite 17.
5 Hartmann, Seite 17.
6 Hartmann, Seite 19 f.
7 Hartmann, Seite 23.
8 Hartmann, Seite 24.
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In Vilfredo Paretos Arbeiten zum „Kreislauf der Eliten“ definiert dieser Eliten ganz allgemein als „eine Klasse von Menschen, die aus denjenigen gebildet wird, die in ihrem jeweiligen Tätigkeitszweig die höchsten Leistungen erbringen“ 9 . Er sieht den Wechsel von einer Elite zur nächsten dann gekommen, wenn in den Oberschichten diejenigen, die Gewalt mieden, und in den Unterschichten solche, die zur Gewalt entschlossen seien, überhand nähmen. 10 Robert Michels beleuchtet die Elitenfrage in seinem Hauptwerk „Zur Soziologie des Parteienwesens in der modernen Demokratie“ weniger umfassend als Mosca und Pareto. Dennoch legen seine Theorien zur Oligarchie Grundsteine zu Führerdiktaturen. Er postuliert für jede feste Organisation die Notwendigkeit für ein festes Führertum und damit den Anfang vom Ende der Demokratie. 11 Im Unterschied zu Mosca und Pareto sieht er jedoch, auch bei Revolutionen keine völlige Ablösung der herrschenden Klasse durch eine neue Herrschaftsschicht, sondern einen ständigen Verschmelzungsprozess zwischen alten und neuen Eliten.
3. Aktuelle Beispiele für Eliteerziehung
Heute ist Deutschland, zumindest bisher, die einzige westliche Industrienation ohne gesonderte Elitebildungseinrichtungen.
In Frankreich wird Eliteerziehung maßgeblich durch die so genannten Grandes Écoles, ENA, École Polytechnique, HEC und ENS 12 betrieben. Diese nehmen jedes Jahr nur einige hundert Studierende auf. Die Studenten stammen zum überwiegenden Teil aus der französischen Oberschicht. Der Anteil von Arbeiterkindern liegt bei ca. 6,8 Prozent. Mit einem Examen einer der Grandes Ècoles steht einem Absolventen eine Karriere in allen gesellschaftlichen Bereichen offen. Die Gemeinsamkeiten die durch ähnliche soziale Herkunft bei den Studenten vorhanden sind, werden durch die exklusive Ausbildung noch verstärkt und ein starker Corpsgeist wird gefördert. Unabhängig von der jeweiligen be-
9 Hartmann,Seite 26.
10 Hartmann, Seite 28.
11 Hartmann, Seite 33.
12 ENA: Ècole Nationale d´Administration, HEC : Hautes Études Commerciales und ENS :
Écoles Normales Supérieures.
Arbeit zitieren:
M.A. Michael Rohschürmann, 2005, Eliteerziehung im Nationalsozialismus am Beispiel der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, München, GRIN Verlag GmbH
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