Abstract Sandra Eigenbauer
Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht Diplomarbeit, eingereicht an der Fachhochschule St. Pölten im Mai 2007
Die vorliegende Diplomarbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste beinhaltet die theoretische Hinführung zum Begriff „Geschwister“. Es werden die Rollen „gesunder“ Geschwister beschrieben. Ebenso wird auf Co-Abhängigkeit, Bedürfnisse und Angebote in der Angehörigenarbeit eingegangen. Der zweite Teil umfasst die empirische Forschung, im Zuge derer Leitfadeninterviews mit Geschwistern von Drogenabhängigen durchgeführt und in Anlehnung an das Kodierparadigma der „Grounded Theory“ ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass Geschwister von Drogenkranken zahlreichen Belastungen und Ängsten ausgesetzt sind, diese aber mit diversen Copingstrategien ausgleichen können. Prinzipiell kann festgestellt werden, dass der Wunsch nach einer „heilen Welt“ besteht, dies aber oftmals mit der realen Welt kollidiert und die „gesunden“ Geschwister einer Art „Zerreißprobe“ ausgesetzt sind. Für sie dreht sich (im Gegensatz zu den Eltern) nicht alles nur um die suchtkranke Person. Es besteht ein starkes Bedürfnis, die Mutter zu entlasten und zu schützen. Innerhalb der Familie entsteht dadurch ein Spannungsfeld. So sollen Erwartungen erfüllt werden, andererseits stellen sich Gefühle von Eifersucht und Neid ebenso ein und die Rolle des Propheten und Vermittlers wird eingenommen. Ein zentraler Aspekt ist Angst, in der Arbeit als „Minenfeld“ formuliert. Die Geschwister Suchtkranker haben Angst ein Familienmitglied - möglicherweise durch Tod - zu verlieren. Sie haben ebenso Angst, sich jemandem anzuvertrauen, weil oftmals ein Gefühl von Scham besteht und sie sich alleingelassen fühlen. Allerdings sind auch Copingstrategien zu erkennen, zum einen, dass sie selbst eine Therapie machen, zum anderen möchten sie Distanz zur/zum Süchtigen gewinnen. All diese Phänomene machen es für den/die in der Drogenarbeit tätigen SozialarbeiterIn unabdingbar, sich auch theoretische Grundkenntnisse über Angehörigenarbeit anzueignen. SozialarbeiterInnen müssen den Eltern bewusst machen, dass sie auch auf ihre „gesunden“ Kinder nicht „vergessen“ dürfen. Die Geschwister sollten in die resultierenden Begebenheiten und Auswirkungen eingebunden und informiert werden.
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Brothers and sisters of drug-dependent persons, and their view of addiction Diploma thesis, submitted at the University of Applied Science, St. Pölten in May 2007.
This Diploma work is structured into two parts. The first part contains the theoretical exposition on the subject of “brothers and sisters”. It describes the roles of the “healthy” brothers and sisters. Beyond this, it explores the areas of codependency, needs and offers in working with relatives. The second part covers research under which guided interviews with the brothers and sisters of drugdependent persons were conducted and then evaluated, drawing on the coding paradigms of “Grounded Theory“. The results show that the brothers and sisters of those with drug problems are confronted with numerous stresses and fears, but that they are able to compensate for these with various coping strategies. The results of the research show that there is a desire for a “mended world”. They show that the “healthy” children are exposed to a kind of “test of breaking strength”. This turns not only on the drug-dependent family member, but also on the strong desire which exists to relieve the burden on and to protect the mother. The family itself becomes a field of conflict. Expectations have to be fulfilled, feelings of jealousy and envy arise, and the role of the prophet and go-between is taken on. One key aspect in this is the minefield of fear. The brothers and sisters are afraid of confiding in someone else, and a sense of helplessness and fear for the death and loss of a family member arise. Coping strategies (such as undergoing some kind of therapy, distancing oneself from the drug-dependent person, or speaking about the situation) can be identified. Lastly, there are some implications arising from this for social work: it turns out that in the field of drugs social work agents should have basic knowledge in working with relatives. Among other things social work agents should advise the parents that they must not forget their other children, if they exist. Parents have to involve them in all facets around the drug problem.
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DANKSAGUNG
An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Diplomarbeit beigetragen haben. Besonderer Dank gilt meiner Diplomarbeitsbetreuerin, Frau DSA Karin Goger, die mich kontinuierlich fachlich und emotional unterstützt und begleitet hat! Ich bedanke mich weiters bei Frau DSA Barbara Fellöcker, die es mir ermöglicht hat in der Angehörigengruppe für Drogen- und Medikamentenabhängige in St. Pölten teilzunehmen wodurch ich einiges im Bereich der Angehörigenarbeit lernen und erfahren konnte.
Einen weiteren großen Dank möchte ich einer sehr guten Freundin, Mag. a (FH) Barbara Dirnberger, aussprechen, die viel Zeit und Wissen investiert hat, um mich bei der Interviewauswertung zu unterstützen!
Darüber hinaus danke ich meiner besten Freundin Andrea, die mich durchgehend emotional unterstützt hat!
Einen weiteren Dank möchte ich noch meinem Freund René aussprechen, der mir bei diversen „technischen Schwierigkeiten“ weitergeholfen hat. Last but not least bedanke ich mich bei allen meinen InterviewpartnerInnen, die mir Einblick in ihre Gefühle und Wahrnehmungen gewährt haben und mir dadurch die vorliegende Untersuchung ermöglicht haben.
iv
INHALT
Abstract ii
DANKSAGUNG iv
1. EINLEITUNG 8
I THEORETISCHE HINFÜHRUNG ZUM THEMA 10
2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN 10
2.1 Geschwister 10
2.2 Die Geschwisterbindung 11
3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN 13
3.1 Identifikationsmuster von Geschwistern 13
3.1.1 Enge Identifikation 14
3.1.2 Teilidentifikation 14
3.1.3 Geringe Identifikation 15
4. DIE „GESUNDEN“ GESCHWISTER IM ABSEITS 17
4.1 Rollen der „gesunden“ Geschwister nach Cleveland 17
4.1.1 Das Elternkind 17
4.1.2 Das brave Kind 18
4.1.3 Das symptomatische Kind 18
4.2 Rollen der „gesunden“ Kinder nach Wegscheider 19
4.3 Versuch einer Gruppentherapie mit den „gesunden“ Geschwistern 19
4.3.1 Empfehlung einer Familientherapie 21
4.4 Loyalität unter Geschwistern 22
5. CO-ABHÄNGIGKEIT 23
5.1 Was ist Co-Abhängigkeit? 23
5.2 Grundmuster von Co-Abhängigkeit 24
5.3 Merkmale von Co-Abhängigkeit 25
5.4 Die fünf Kernsymptome der Co-Abhängigkeit 26
5.4.1 Kernsymptom 1 - Schwierigkeiten mit angemessener Selbstachtung 26
5.4.2 Kernsymptom 2 - Schwierigkeiten, intakte Grenzen zu setzen 26
5.4.3 Kernsymptom 3 - Schwierigkeiten, über die eigene Realität zu
verfügen 27
5.4.4 Kernsymptom 4 - Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse und
W ünsche zu erkennen und zu erfüllen 28
5.4.5 Kernsymptom 5 - Schwierigkeiten, die Realität angemessen zu
erfahren und auszudrücken 28
6. BEDÜRFNISSE 29
6.1 Definition von Bedürfnis 29
6.2 Definition Bedürfnisbefriedigung 31
6.3 Die Verschiedenheiten der Bedürfnisse 31
v
6.4 Kategorien der Bedürfnisse nach Mellody 32
6.5 Bedürfnisse und Wünsche erkennen und erfüllen 33
7. ANGEBOTE DER ANGEHÖRIGENHILFE INNERHALB DER SUCHTHILFE 34
7.1 Angehörigengruppen - Selbsthilfegruppen 34
7.1.1 Entstehung von Selbsthilfegruppen 35
7.1.2 Kennzeichen von Selbsthilfegruppen 35
7.1.3 Grenzen einer Selbsthilfegruppe 36
7.1.4 Wirkung von Selbsthilfegruppen 36
7.2 Psychotherapie 37
II EMPIRISCHER TEIL 39
8. DER FORSCHUNGSPROZESS 39
8.1 Ausgangslage der Untersuchung 39
8.2 Die Forschungsfrage 40
8.3 Die Erhebungsmethode - Das Qualitative Interview 40
8.3.1 Das Leitfadeninterview 41
8.4 Kontaktaufnahme mit meinen Interviewpartnern 41
8.5 Durchführung und Ort der Interviews 43
8.6 Auswertung der Interviews nach der „Grounded Theory“ 43
9. DARSTELLUNG DER FORSCHUNGSERGEBNISSE 46
9.1 Der Wunsch nach einer heilen Familie 46
9.1.1 Alles soll wieder so sein wie früher 47
9.1.2 Das andere, gesunde Kind aus allem raushalten wollen 47
9.1.3 Außerhalb der Kernfamilie 48
9.1.4 Verdrängung 49
9.2 Das „gesunde“ Kind in der Zerreißprobe 49
9.2.1 Mitgefühl und Mitleid mit der Mutter 49
9.2.2 Mutter entlasten und schützen 50
9.2.3 Die drogenkranken Geschwister werden zum Lebensthema 51
9.2.4 Das Geschwisterverhältnis verändert sich 52
9.2.5 Das Familienverhältnis ändert sich 53
9.2.6 Alles dreht sich um das Drogenproblem 54
9.2.7 Enttäuschung 55
9.2.8 Die Sucht mit(er)leben 55
9.3 Spannungsfeld Familie 56
9.3.1 Die Rolle des Vaters 57
9.3.2 Erwartungen müssen erfüllt werden 58
9.3.3 Gefühle von Neid und Eifersucht treten auf 59
9.3.4 Die Rolle des Propheten und Vermittlers 60
9.4 Das „Minenfeld“ der Angst 61
vi
9.4.1 Reaktionen im Minenfeld 62
9.4.2 Angst sich jemanden anzuvertrauen - Gefühl der Hilflosigkeit 63
9.4.3 Angst vor Verlust und Tod 64
9.5 Copingstrategien 65
9.5.1 Darüber sprechen hilft 65
9.5.2 Wissen und Information hilft 66
9.5.3 Therapie als Strategie 66
9.5.4 Distanz zur/zum Süchtigen gewinnen 67
9.6 Implikationen für Sozialarbeit 68
10. RESÜMEE 70
11. LITERATUR 73
12. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 76
vii
1. EINLEITUNG
Die Geschwisterthematik ist selbst noch heute ein vernachlässigtes Thema in der Forschung. In den meisten, auch neueren und auflagestarken
entwicklungspsychologischen Standardwerken und Lehrbüchern fehlt das „Geschwisterthema“ als solches de facto. So wird auf die Geschwister Suchtkranker als Thema entweder gar nicht, oder wenn doch, dann bestenfalls in ein paar Zeilen repliziert. Theorien, welche die Persönlichkeitsentwicklung berücksichtigen, sind in fast allen Fällen elternzentriert: Zwar zumeist unter Berücksichtigung der „der weiteren Umwelt“, aber ohne explizite Berücksichtigung der Geschwister.
Prinzipiell sind entwicklungspsychologische Forschungsarbeiten zur Mutter-Kind-Beziehung häufiger zu finden als zur Kind-Kind-Beziehungen. Die empirische Erforschung der Geschwisterbeziehung steckt hingegen bis heute in den Kinderschuhen. Frick etwa machte, basierend auf seinen psychologischen Beratungen, Kursen und Vorlesungen, über Jahre hinweg die Erfahrung, dass die Geschwisterthematik völlig unterrepräsentiert ist. So wies er nach, dass im Zeitraum von 1977 bis 1998 zwar 17.399 Publikationen zum Thema Kinder und Jugendliche gegeben hat, dass sich aber im selben Zeitraum nur 189 explizit mit dem Thema „Geschwister“ befassten (vgl. Frick 2004:23f). In der heutigen Drogenarbeit gilt es als Standard, nicht nur mit der suchtkranken Person selbst zu arbeiten, sondern auch die Angehörigen miteinzubeziehen. Wie ich im Zuge meiner mehrmonatigen Teilnahme an einer Angehörigengruppe von Drogen- und Medikamentenabhängigen feststellte, wurde das Angebot von Geschwistern kaum wahr- bzw. angenommen.
Diese Erfahrung und das Interesse an den Geschwistern führten mich zu meiner Forschungsfrage wie Geschwister die Sucht erleben. Darüber hinaus stellte sich die Frage, ob und - wenn ja - inwieweit auch Geschwister vom Phänomen der Co-Abhängigkeit betroffen sind. Welche Bedürfnisse entwickeln sie unter diesem Aspekt, welche Bewältigungsstrategien wenden sie an?
8
Diesen Fragen nähere ich mich im ersten Teil auf theoretischer Ebene, während der zweite Teil der empirischen Forschung vorbehalten ist. Am Beginn der Arbeit werden zunächst die Begriffe „Geschwister“ und „Geschwisterbindung“ näher erläutert und definiert. In weiterer Folge wird auf die Bedeutung von Geschwisterbeziehungen ebenso eingegangen wie auf die Rolle der „gesunden“ Geschwister. Schließlich wird das Phänomen der Co-Abhängigkeit behandelt sowie Zweck, Nutzen, Bedürfnisse und Angebote der Angehörigenarbeit untersucht.
Im empirischen Teil wird die Forschungsmethode erläutert, also die Ausgangslage der Untersuchung, Ausführungen über das qualitative Leitfadeninterview, die Kontaktaufnahme mit den InterviewpartnernInnen, die Durchführung der Interviews an sich und die Auswertungsmethode nach dem Kodierparadigma der „Grunded Theory“ erläutert. Abschließend werden die Forschungsergebnisse der Untersuchung ausgewertet, welche sich in folgende sechs Kategorien aufteilen: • Der Wunsch nach einer heilen Familie • Das „gesunde“ Kind in der Zerreißprobe • Spannungsfeld Familie • Das Minenfeld der Angst • Copingstrategien • Implikationen für die Sozialarbeit
Ein Resümee fasst auf kompakte Weise die Forschungsergebnisse noch einmal zusammen.
9
I THEORETISCHE HINFÜHRUNG ZUM THEMA
Geschwisterbeziehungen können aufgrund ihrer Manigfaltigkeit, den familiären Gegebenheiten und nicht zuletzt der Persönlichkeitsstruktur der Geschwister an sich, verallgemeinert werden. Zum besseren Verständnis lassen sie sich in drei Identifikationsmuster einteilen.
Es zeigt sich, dass „gesunde“ Kinder im Familienkontext verschiedene Rollen übernehmen, auf die im Theorieteil näher eingegangen wird. Zuletzt werden die Themen Co-Abhängigkeit, Bedürfnisse und Angebote in der Angehörigenarbeit angeführt.
2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN
2.1 Geschwister
Bruder, Schwester, Geschwister - die sprachgeschichtliche Entwicklung dieser Begriffe ist für ihr heutiges Verständnis in der jeweiligen Sprachfamilie nach Sohni, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sehr aufschlussreich. Im indoeuropäischen Sprachraum bezeichnen „Bruder“ und „Schwester“ zunächst „brüderliche“ oder „schwesterliche“ Zusammengehörigkeit in sozialen Gemeinschaften. Die Griechen bildeten als erste einen eigenen, neuen Begriff „Geschwisterlichkeit“ im Sinne leiblicher Verwandtschaft von Bruder und Schwester.
In vielen europäischen Sprachen wurde kein dem Deutschen entsprechendes Wort für „Geschwister“ gebildet. So sagt man im Französischen „frères et sours“ für „Geschwister“, im Englischen spricht man von „brothers and sisters“. Es gibt also, wie Sohni herausgearbeitet hat, in unserer Kultur keinen einheitlichen Begriff für Geschwister. (vgl. Sohni 2004:12)
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2.2 Die Geschwisterbindung
Bank und Kahn, haben in ihrer Untersuchung über die lebenslange Beziehung zwischen Geschwistern nachgewiesen, dass es verschiedenste Arten von Bindungen zwischen Geschwistern gibt. Eine klar definierbare, schlichte, althergebrachte, gesellschaftlich anerkannte, allumfassende
Geschwisterbeziehung könne man nicht definieren, stattdessen bestünden eine Vielzahl von Bindungen, die sich zu einer bestimmten Anzahl vorhersagbarer Muster formen lassen. „Bindung“ kann man demnach bedeuten: • ein Band, das vereinigt, • eine Verpflichtung oder Übereinkunft, • eine Beziehung oder ein Beziehungssystem.
„Gebundenheit“ ist dabei einen Zustand von Versklavung oder Gefangenschaft in einer Bindung. All diese Charakteristika können die emotionalen Transaktionen von Geschwistern beschreiben.
Bank und Kahn sehen die Geschwisterbindung als - intime wie öffentliche -Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern: die „Zusammensetzung“ der Identitäten zweier Menschen. Die Bindung kann sowohl warm und positiv als auch negativ sein. Auch bei rivalisierenden Geschwistern, die sich vielleicht sogar gegenseitig hassen, kann man dennoch von einer „Bindung“ sprechen, weil sie sich auf der Identitätsebene beeinflussen.
Die Geschwisterbeziehung vermittelt dabei prinzipiell ein Gefühl für die eigenständige Persönlichkeit sowie ein Gefühl von Konstanz durch das Wissen um Bruder oder Schwester als berechenbare Person. Selbst wenn die Emotion unangenehm ist, entsteht das Gefühl einer vertrauten Präsenz, so problematisch und schwierig sie auch sein mag.
Die schwankende Beziehung zwischen Geschwistern findet ihren Höhepunkt in Zeiten von Stress und Mutation. Die Beziehung schwankt demnach, je nach dem
11
jeweiligen Entwicklungsstand der Geschwister, zwischen Perioden der Ruhe einerseits und intensivsten Aktivitäten andererseits. Am deutlichsten sind Geschwisterbeziehungen in der Kindheit und in der Jugend, danach „ruhen“ sie, wenn etwa neue, eigene Familien gegründet werden und eigene Kinder dazukommen. Sind jedoch die eigenen Kinder erwachsen, wird der Geschwisterprozess wieder aktiviert, vor allem, wenn die alt gewordenen Eltern versorgt werden müssen. (vgl. Bank/Kahn 1991:21f)
12
3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN
Geschwister zählen zu den wichtigsten Bezugspersonen von Kindern. Die Beziehung zwischen Geschwistern ist einzigartig. In Anlehnung an den ironischen Ausspruch aus dem Volksmund: „Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht!“ können Geschwister eben nicht frei gewählt werden - man „hat“ sie einfach.
Geschwisterbindungen entwickeln sich dabei durch Kontinuität und Zeit. Sie bestehen in der Regel länger als eine Eltern-Kind-Beziehung. Man ist somit in diesem Sinne länger Schwester oder Bruder als Tochter oder Sohn. Wilk und Zartler (2004:97) kamen mittels einer Befragung von Geschwistern zu der Erkenntnis, dass für die meisten Kinder ihre Geschwister sehr wichtig sind und sie diese gern haben. Die Besonderheit der Geschwisterbeziehung besteht darin, dass sie von Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten geprägt ist. Sie umfasst Zuneigung wie Abneigung gleichermaßen, Solidarität wie Rivalität, Verbundenheit wie Distanz, Liebe wie Hass.
Von einer ambivalenten Beziehung zwischen Geschwistern spricht auch Jacobsen (vgl. zit. in Kast 1996:133ff). Sie geht in ihrer Theorie davon aus, dass Ambivalenz ebenfalls in diesem Zusammenhang Liebe und Hass bedeuten kann.
3.1 Identifikationsmuster von Geschwistern
Zwischen den Polen Ähnlichkeit und Differenz gibt es bei fast allen Geschwisterbeziehungen einige wesentliche, vorübergehende oder lebenslange Identifikationsprozesse, die Bank und Kahn (1991:85) folgendermaßen zusammengefasst haben:
• Enge Identifikation: mit viel Ähnlichkeits- und wenig Differenzgefühlen. • Teilidentifikation: Ähnlichkeit in manchen Bereichen, Differenz in anderen.
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• Distanzierte Identifikation: Die Geschwister empfinden große Differenz und wenig Ähnlichkeit.
Im Folgenden sollen diese Identifikationsprozesse näher umrissen werden.
3.1.1 Enge Identifikation
Diesbezüglich unterscheiden Bank und Kahn (1991:85f) drei Muster enger Identifikationen, die wiederum zu drei Beziehungstypen führen: • Zwillingsbildung (symbiotische Beziehung) • Verschmelzung (verschwommene Beziehung) • Idealisierung (Heldenverehrung)
In sämtlichen Fällen fühlt sich zumindest eines der Geschwister dem anderen sehr ähnlich oder wünscht sich eine Ähnlichkeit.
3.1.2 Teilidentifikation
Die für die enge Identifikation zwischen Geschwistern charakteristische, fast totale Betonung der Ähnlichkeit ist relativ selten. Nach Bank und Kahn liegt der Schwerpunkt der Identifikation auf der Ebene der Subidentität. Die Geschwister spüren, dass sie in manchen Aspekten ihrer Persönlichkeit einem Bruder oder einer Schwester ähnlich sind. Das können offensichtliche Ähnlichkeiten, zum Beispiel im Aussehen, in Verhaltensweisen oder in Interessengebieten sein. Teilidentifikationen lässt sich aber auch in nach außen hin nicht ohne weiteres erkennbaren Bereichen. Geschwister verbünden sich etwa miteinander aufgrund der genauen Kenntnis der jeweiligen Eigenschaften des anderen (zum Beispiel: „sie ist schlau“, „er ist stark“) und kompensieren damit manch eigene Unsicherheit. Das Wissen „ich bin in mancher Beziehung wie du“ hat zudem Ergänzungsfunktionen und füllt eigene Lücken. Es erlaubt aber auch die Wahrnehmung der Unterschiede.
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Im Muster der „Teilidentifikation“ existiert das Gefühl von Ähnlichkeit neben der Einsicht, dass Unterschiede wünschenswert sind. Die Beziehung ist lebendig, weil sie relativ offen für Veränderung ist. Die auf beiden Seiten vorhandenen Emotionen von Nähe und Ähnlichkeit geben Trost und Rat, während das Gefühl von Distanz und Differenz den Geschwistern die Freiheit lässt, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.
Diese Prozesse partieller Identifikation sind auch Grundstein für die Bündnisse und Affinitäten unter Geschwistern, für ihre Loyalität. Als Retter, FreundIn, BeschützerIn oder KollaborateurIn des Bruders oder der Schwester befriedigt man sein Bedürfnis nach Selbstbewusstsein. Die Haltung „du darfst meinem Bruder/meiner Schwester nichts tun“ entsteht oft aus der Erkenntnis heraus, dass das Unrecht, das dem Bruder oder der Schwester angetan wird, einen letztlich auch selbst treffen kann. Gegenseitige Hilfe und gemeinsamer Widerstand gegen die Eltern knüpft das Band der Identifikation und Affinitäten zwischen den Geschwistern. Die Erwartungen auf Basis dieser Identifizierung, dass man sich auf den Bruder oder die Schwester verlassen kann, ist Teil der allgemeinen Erwartungen an die Person des anderen. (vgl. Bank und Kahn 1991:93)
3.1.3 Geringe Identifikation
Das Muster der „geringen Identifikation“ beschreiben Bank und Kahn (1991:102) derart, dass einander entfremdete Geschwister mit wenig Ähnlichkeiten glauben, sie hätten nichts gemeinsam und können sich nicht leiden. Sie bilden also das andere Extrem der Geschwisterbeziehung. Dabei lassen sich folgende Identifizierungsprozesse und Beziehungsmuster konstatieren: • Polarisierte Ablehnung (starr differenzierte Beziehung): „Du bist ganz anders als ich. Ich will nicht von dir abhängig sein und nie so werden wie du“.
Keiner möchte dem anderen ähnlich sein und lehnt die Eigenschaften des anderen total ab.
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Arbeit zitieren:
Mag. (FH) Sandra Eigenbauer, 2007, Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht, München, GRIN Verlag GmbH
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