Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Definition der relevanten Begriffe. 4
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten 7
3.1 Soziale Kontrolle 9
4 Kinder- und Jugendgewalt: Mögliche Entstehungsgründe. 11
4.1 Die Entstehung von Gewalt. 12
4.2 Wann wird aus jugendlichem Leichtsinn abweichendes Verhalten? 12
4.3 Sozialisatorische Bedingungen. 15
4.3.1 Sozialisation allgemein 15
4.3.2 Sozialisation von Immigranten 17
4.3.2.1 Verweigerte Integration? Die Bildung von Subkulturen und
Parallelgesellschaften. 18
4.3.2.2 Werden Kinder von Migranten häufiger straffällig als deutsche
Minderj ährige? 21
4.3.3 Typisch Junge, typisch Mädchen - Geschlechtsspezifische Gewalt 23
4.4 Resümee 24
5 Prävention. 26
5.1 Präventionsebenen 27
5.2 Die Jugendhilfe. 27
5.2.1 Wieso gibt es kein allgemeines, national gültgiges Programm zur
Gewaltpr ävention? 28
5.3 Lokale Gewalt- und Kriminalitätsprävention in Berlin. 29
5.3.1 Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt. 30
5.3.2 Das Programm soziale Stadt 31
5.3.3 Systematische Prävention 31
5.3.4 Kiezorientierte Prävention 32
5.3.4.1 Ebenen der kiezorientierten Prävention. 33
5.3.5 Resümee. 34
6 Die drei Untersuchungsgebiete. 36
6.1 Zahlen und Fakten 36
6.2 Kriminalitätsbelastung in den einzelnen Bezirken 37
6.3 Tatverdächtige unter 21 Jahre 38
6.3.1 Weibliche und nicht strafmündige Tatverdächtige 39
I
Inhaltsverzeichnis
6.4 Resümee 40
7 Anlage der Untersuchung 42
7.1 Aufsuchende und hinausreichende Jugendarbeit. 43
7.2 Die drei Untersuchungsprojekte 44
7.2.1 Outreach - Mobile Jugendarbeit in Neukölln. 44
7.2.2 Kiezworker in Kreuzberg. 45
7.2.3 Gangway e.V. - Streetwork in Wedding 46
7.2.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede. 47
7.3 Zielsetzung und Fragestellung der Untersuchung 49
7.4 Methodik. 50
7.4.1 Das Experteninterview. 51
7.4.2 Betriebswissen und Kontextwissen. 52
7.4.3 Leitfadengestaltung. 53
7.4.4 Wer ist ein Experte? - Auswahl der Interviewpartner. 53
7.4.4.1 Wer wurde interviewt? 54
7.4.5 Auswertungsstrategie. 55
7.4.6 Die verwendeten Hauptkategorien. 56
7.4.7 Anonymisierung der befragten Personen. 57
8 Darstellung der Untersuchungsergebnisse 58
8.1 Bestehende Probleme mit Kinder- und Jugendgewalt im Kiez. 58
8.1.1 Die Formen der Gewalt und das Alter der Opfer. 59
8.1.2 Veränderungen. 60
8.1.3 Ursachen und Ziele der Gewalt. 61
8.1.4 Das von den Medien propagierte Bild der Bezirke - Realtiät oder
Phantasie ? 63
8.1.5 Resümee. 63
8.2 Projektkonzeption. 64
8.2.1 Flexibilität der Arbeitsabläufe 66
8.2.2 Wahrnehmung der eigenen Rolle. 67
8.2.3 Ziele der Befragten 67
8.2.4 Resümee. 67
8.3 Die Arbeitsweise 68
8.3.1 Der Umgang mit tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen 70
8.3.1.1 Die Kommunikation von Gewalt und das Angebot alternativer
Konfliktl ösungsstrategien 70
II
Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis
8.3.2 Einbezug des Umfeldes. 71
8.3.3 Problematik 72
8.3.4 Das propagierte Bild in den Medien - Hilfestellung oder Hindernis? 73
8.3.5 Resümee. 74
8.4 Vernetzung und Kooperation 75
8.4.1 Sozialräumliche Vernetzung 76
8.4.2 Kooperationsprojekte. 77
8.4.3 Kooperationspartner Polizei und Schulen. 77
8.4.4 Die Rolle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. 78
8.4.5 Resümee. 78
8.5 Individuelle und subjektive Erfolge 79
8.5.1 Resümee. 80
8.6 Optimierungsbedarf 81
8.6.1 Finanzierung 81
8.6.2 Öffentliche Wahrnehmung. 81
8.6.3 Das Alter der Zielgruppen 82
8.6.4 Verbesserung der Kiezstrukturen und Investitionen in Bildung. 82
8.6.5 Resümee. 83
9 Fazit und Diskussion der Ergebnisse im Kontext der theoretischen Überlegungen. 85
9.1 Bestehende Bedarfe 86
9.1.1 Die Rolle der Eltern 87
9.1.2 Beschäftigungsmöglichkeiten 89
9.1.3 Bildungsfördernde Maßnahmen. 90
9.1.4 Wiedererlangung der Fähigkeit zur Abschätzung möglicher
Handlungskompetenzen. 91
9.2 Möglichkeiten zur flexiblen Reaktion auf Bedarfsveränderungen. 93
10 Handlungsempfehlungen für die einzelnen Projekte, sowie für die Präventionsarbeit
allgemein 96
11 Schlussbetrachtung und kritische Reflexion. 100
12 Quellenverzeichnis 103
13 Anhang 112
III
1 Einleitung
„Is’ so Lauf von Gewalt so irgendwie. Wir kriegen von älteren Schläge, dafür schlagen wir wieder andere, die wir schlagen können. Das is’ der Lauf, das is’ so.“ 1
Sätze wie diese begegnen uns in den Medien immer wieder - und immer wieder erschreckt es uns, dass sie von Minderjährigen ausgesprochen werden. Nicht erst seit dem Amoklauf eines Erfurter Schülers 2002 oder den Vorfällen an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln 2006 ist Kinder- und Jugendgewalt ein Thema öffentlichen Interesses. Die Frage, was Kinder und Jugendliche gewalttätig werden lässt, welche Gründe sich dahinter verbergen und wie dies verhindert werden kann, treibt Journalisten und Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten um, und immer wieder rücken männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Fokus. Die gerichtliche Verhandlung der „U-Bahn-Schläger“ von München hat diese Diskussion aktuell wieder aufkommen lassen. Von besonderem Interesse für die Medien ist hierbei, dass das Opfer ein Erwachsener, ein Rentner war, der von zwei damals unter 21jährigen auch dann noch weiter geschlagen und getreten wurde, als er schon am Boden lag. Im Zuge dessen flammen die Diskussionen über die Möglichkeit der Abschiebung von „kriminellen Ausländern“, wie sie Hessens geschäftsführender Ministerpräsident Roland Koch während der Landeswahlen 2007 forderte, wieder auf.
Im Jahr 2007 wurden in Berlin 8.028 Fälle von Körperverletzung polizeilich erfasst, die von Jugendlichen begangen wurden 2 . Die meisten Täter waren männlich, die Anzahl der tatverdächtigten Nichtdeutschen 3 war, im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil, über-proportional hoch. Auffällig ist, dass uns Meldungen über Kinder- und Jugendgewalt fast ausschließlich aus Bezirken erreichen, die eine hohe Arbeitslosenquote sowie einen hohen Ausländeranteil aufweisen. Auch die polizeilichen Statistiken zeigen eine höhere Kriminalitätsbelastung in jenen Gebieten auf. Der besondere Fokus der medialen Berichterstattung liegt auf den Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Wedding, die all diese Merkmale aufweisen. Sie sind auch Gegenstand dieser Untersuchung. In diesen drei Bezirken leben viele sozial schwache Familien und jeweils über 20% der Bewohner besitzen keinen deutschen Pass 4 . Hier finden sich auch viele Projekte der Jugendhilfe,
1 „Knallhart“, Making of, Minute 06:37 (Während der Drehpausen wurden Jugendliche aus Neukölln zu
ihrem Gewaltverhalten befragt)
2 vgl. Der Polizeipräsident in Berlin (2007b), S. 106
3 Als „Nichtdeutsche“ gelten in der an späterer Stelle noch betrachteten polizeilichen Kriminalstatistik
diejenigen, nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.
4 vgl. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2008)
1
die meisten davon widmen sich der Prävention von Gewalt. Prävention soll sich auf bestimmte Sozialräume konzentrieren, weshalb die meisten Projekte kiezorientiert konzipiert sind, so auch die drei im folgenden untersuchten Projekte Kiezworker, Outreach und Gangway e.V.
Eine mögliche Erklärung für das vermehrte Auftreten von Kinder- und Jugendgewalt in diesen Bezirken ist die Wohnsituation der Familien. Viele Großfamilien leben in kleinen Wohnungen, in denen sich alle Kinder ein Zimmer teilen müssen, so dass sie keine Rückzugsmöglichkeiten haben. Hinzu kommt, dass Gewalt in vielen der dort ansässigen Familien ein Mittel der Kindererziehung darstellt. Um der räumlichen Beengtheit und der elterlichen Gewalt zu entfliehen, halten sich viele Kinder und Jugendliche häufig den gesamten Tag über auf der Straße auf. Dort fehlt es ihnen an Beschäftigung und sie kommen leicht „auf dumme Gedanken“, da sie ihre jugendliche Energie nicht kanalisieren können. Die frühe Gewalterfahrung lehrt die Minderjährigen, Konflikte nur auf eine Art zu lösen - durch den Einsatz ihrer Fäuste.
Die Wege der kriminellen Laufbahnen beginnen oft auf der Straße. Präventionsprogramme haben die Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen von der Straße zu holen, ihnen Beschäftigung zu bieten und sie auf ihrem Weg in ein geregeltes Leben zu begleiten. Die Projekte widmen sich jenen Minderjährigen, die noch empfänglich für derartige Maßnahmen sind, die also noch nicht zu sehr in den kriminellen Bereich abgerutscht sind. In den drei Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Wedding werden hauptsächlich Jungen mit Migrationshintergrund auffällig, weshalb die Projekte sich verstärkt dieser Gruppe zuwenden. Aber wie kommt es überhaupt dazu, dass Kinder und Jugendliche auffällig werden, was sind mögliche Ursachen und Hintergründe, welche Rolle erfüllen die Eltern und die Freunde und wie kann einer Entwicklung in den kriminellen Bereich entgegengewirkt werden? Welches Ziel verfolgen die Präventionsprogramme, welche Strategien verfolgen sie zur Zielerreichung und wie arbeiten sie mit ihren Zielgruppen? Ist Präventionsarbeit überhaupt erfolgversprechend? Um diese Fragen zu beantworten, müssen die Bedarfe an Interventions- und Präventionsmaßnahmen eines Gebietes zunächst von den Mitarbeitern der Jugendhilfe ermittelt werden, um ihre Angebote entsprechend darauf auszurichten. Hierzu ist eine flexible Reaktion auf Veränderungen notwendig, um möglichst zielgerichtet arbeiten zu können. Aus den vorangegangen Überlegungen ergibt sich die zentrale Fragestellung für die vorliegende Diplomarbeit:
2
Gelingt es den Einrichtungen, ihre Maßnahmen und Angebote hinreichend auf die in den Kiezen bestehenden Probleme mit Kinder- und Jugendgewalt abzustimmen und können sie flexibel auf Bedarfsveränderungen reagieren? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Zunächst wird im theoretischen Teil dieser Arbeit der Frage nachgegangen, was unter abweichendem Verhalten zu verstehen ist, wie dieses in einer Gesellschaft definiert wird und welche Rolle die soziale Kontrolle dabei spielt. Um die Hintergründe kindlicher und jugendlicher Gewalt zu erfassen, werden mögliche Einflussfaktoren und Ursachen ihrer Entstehung dargestellt. Da in den drei Untersuchungsgebieten Kreuzberg, Neukölln und Wedding Gewalttaten vermehrt von Minderjährigen mit Migrationshin-tergrund begangen werden, erfolgt eine nähere Auseinandersetzung mit den sozialisatorischen Bedingungen von Immigranten, die Bildung von Subkulturen und Parallelgesellschaften und auf die Probleme, mit denen sich viele Kinder von Immigranten konfrontiert sehen. Da Gewalt hauptsächlich von Jungen verübt wird, wird der Frage nachgegangen, welche Rolle geschlechtsspezifische Verhaltensweisen spielen. Das darauffolgende Kapitel widmet sich der Prävention, ihrer Entstehung, Zielsetzung und ihrem Selbstverständnis. Hier wird differenziert dargestellt, welche Ebenen der Prävention es gibt, welche Institutionen an der Entwicklung der Präventionsarbeit beteiligt sind und wie sie in Deutschland betrieben wird. Ein gesonderter Blick mit ähnlichen Fragestellungen wird auf die lokale Präventionsarbeit geworfen, zu der auch die kiezorientierte gehört. Anschließend werden die drei Untersuchungsgebiete, ihre Demographie und ihre Kriminalitätsbelastung dargestellt, letzteres mit dem Fokus auf minderjährige Straftäter.
Die Darstellung der empirischen Untersuchung erfolgt im anschließenden Kapitel, in dem zunächst unterschiedliche Formen der Sozialarbeit erläutert und die drei untersuchten Projekte und ihre Konzeptionen charakterisiert werden. Weiterhin werden das Forschungsdesign, der Untersuchungsverlauf, sowie die Datenerhebung und -auswertung beschrieben und begründet. Die Daten wurden mit der von Michael Meuser und Ulrike Nagel beschriebenen Methode des Experteninterviews erhoben und ausgewertet. Die Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung, ihre Diskussion im Kontext der empirischen Überlegungen, sowie Handlungsempfehlungen für die einzelnen Projekte und die Präventionsarbeit allgemein folgen in den anschließenden Kapiteln. Eine zusammenfassende Betrachtung der Arbeit hinsichtlich der formulierten Forschungsfrage und eine kritische Reflexion bilden den Abschluss dieser Diplomarbeit.
3
2 Definition der relevanten Begriffe
Viele der in dieser Arbeit verwendeten Begriffe haben mehrere Bedeutungsdimensionen und bieten vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Aus diesem Grund sollen die wichtigsten Begriffe und Konzepte genauer definiert werden.
Zunächst gilt es, den Begriff Gewalt näher zu definieren, da die Auslegung des Begriffs stark vom Erkenntnisinteresse abhängt. Wichtig ist die Unterscheidung von legaler und illegaler Gewalt. Legale Gewalt ist meist gesellschaftlich akzeptiert und wird z.B. von der Polizei ausgeführt oder findet sich in Sportarten, die Körperkontakt voraussetzen (z.B. Karate oder Boxen). Im Unterschied zur illegalen Gewalt werden bei der legalen bestimmte Regeln befolgt, wie beispielsweise Vorschriften im Polizeiberuf oder sportliche Regelungen („fair play“-Regeln). Illegale Gewalt zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass sie rechtlich sanktioniert wird und sich nicht im Rahmen der gesetzlichen Regeln bewegt. Sie richtet sich gegen Personen oder Dinge, denen bewusst Schaden zugefügt wird. So fällt Vandalismus (wie z.B. Graffiti) ebenso unter den Gewaltbegriff 5 wie der Einsatz körperlicher oder psychischer Gewalt zur Zielerreichung. Eine Grauzone stellen hierbei „Schulhof-Rangeleien“ dar, bei denen es im Ermessen der Aufsichtspersonen liegt, wann eine Prügelei über das relativ harmlose Kräftemessen hinaus geht, das in einem bestimmten Alter besonders unter Jungen normal und im Allgemeinen kein Grund zur Besorgnis ist. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um ein entwicklungstypisches Verhalten.
Da sich die vorliegende Arbeit mit Programmen der Prävention von Kinder- und Jugendgewalt beschäftigt, wird der Aspekt der legalen Gewalt sowie der des Vandalismus im Gewaltbegriff nicht berücksichtigt. Körperliche Schäden, die versehentlich zugefügt werden, fallen ebenfalls nicht unter den Gewaltbegriff, da sie nicht beabsichtigt waren. So z.B. eine Augenverletzung, die durch einen Schneeball entsteht, in den versehentlich ein Stein geraten ist. Psychische Gewalt wird nur unter dem Aspekt berücksichtigt, dass sie, sollte das Opfer den Forderungen des Täters nicht Folge leisten, in physische Gewalt mündet, also das Androhen von körperlicher Gewalt, z.B. beim sogenannten „Abziehen“ 6 . Die Definition des Gewaltbegriffs für diese Arbeit richtet sich nach der Definition von Andreas Böttger: Als Gewalt wird der intentionale Einsatz „physischer oder mechanischer Kraft durch Menschen, der sich unmittelbar oder mittelbar gegen
5 Vandalismus wird über §303 Strafgesetzbuch (StGB) als Sachbeschädigung sanktioniert und fällt damit
im weiteren Sinne unter den Gewaltbegriff.
6 Hierunter ist das Androhen von Gewalt zu verstehen, gibt das Opfer dem Täter nicht die gewünschte(n)
Wertsache(n), beispielsweise Sätze wie: „Gib mir dein Handy oder ich verprügle dich“.
4
andere Personen richtet, sowie die ernsthafte Androhung eines solchen Krafteinsatzes“ 7 verstanden.
„Devianz [...], Delinquenz, abweichendes Verhalten [ist die] Bezeichnung für Verhaltensweisen, die mit geltenden Normen und Werten nicht übereinstimmen.“ 8 Die Begriffe Delinquenz und Devianz sind jedoch nicht synonym. Delinquenz bezeichnet die Verletzung rechtlich bewehrter Normen, während Devianz auch Verhaltensweisen geringeren Unrechtsgehalts mit einschließt, wie z.B. das Schwänzen des Schulunterrichts. Wann Devianz in Delinquenz umschlägt ist eine schwer zu beantwortende Frage. Letztlich ist es aber Aufgabe der Präventionsprojekte, diesen Übergang zu verhindern. Für diese Arbeit ist also in erster Linie die Devianz und das Übergangsfeld zur Delinquenz von Interesse.
Gewalt, die von Kindern und Jugendlichen ausgeht, richtet sich meist gegen andere Kinder und Jugendliche. Eine klar definierte Altersgrenze für diese beiden Entwicklungsphasen gibt es nicht. Laut deutschem Recht „sind Jugendliche Personen, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind“ 9 . Doch Jugend lässt sich nicht ausschließlich durch Altersgrenzen festlegen. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann benennt vier relevante Rollen, die Jugendliche auf ihrem Weg ins Erwachsensein zu übernehmen haben: Die Berufsrolle, die Partner- und Familienrolle, die Konsumentenrolle und die Rolle als politischer Bürger 10 . Die Zeitpunkte der Übernahme dieser Rollen klaffen weit auseinander, so dass die Jugendphase sich immer weiter ausgedehnt hat. Hurrelmann bezeichnet dies als „Statusinkonsistenz“ 11 . Jugendliche übernehmen z.B. früh die Rolle des Konsumenten, jedoch erst sehr spät eine Familienrolle. Diese soziologische Definition macht deutlich, dass die Jugend ihren Übergangscharakter eingebüßt hat und somit als eigene Lebensphase verstanden werden muss. Der Übergang von der Kindheit zur Jugend stellt ein Kontinuum dar, in dem die verschiedenen Rollen eingeübt und allmählich übernommen werden. In dieser Arbeit gilt die Definition des Jugendschutzgesetzes. „Kind“ ist also, wer jünger als 14 Jahre, „Jugendlicher“ wer zwischen 14 und unter 18 Jahren alt ist. In Ausnahmefällen gelten auch Heranwachsende, also 18- bis 21jährige, als jugendlich, nämlich dann, wenn über eine von ihnen begangene Straftat nach dem Jugendstrafgesetz verhandelt wird 12 .
7 Böttger, A. (1998), S. 23
8 Fuchs-Heinritz, W. / Lautmann, R. / Rammstedt, O. / Wienold, H. (1995), S.137
9 § 1, Abs. 2, Nr. 2 Jugendschutzgesetz (JuSchG)
10 vgl. Hurrelmann, K. (2004), S. 40f
11 vgl. ebd. S. 34
12 Die Entscheidung, die Tat eines Heranwachsenden nach dem Jugendstrafgesetz zu verhandeln liegt im
Ermessen des jeweiligen Richters
5
Der Begriff Kiez wird hauptsächlich im Norden Deutschlands verwendet und bezeichnet einen kleinen Ortsteil innerhalb eines Bezirks. In seiner ursprünglichen Bedeutung hat ein Kiez „dorfähnlichen“ Charakter mit gut funktionierenden nachbarschaftlichen Strukturen, vielen gastronomischen Betrieben und kleinen Unternehmen 13 . Ein Kiez mit diesen Eigenschaften findet sich nicht nur in „Problembezirken“, sondern z.B. auch rund um den Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg. Ein Kiez ist also ein soziales Bezugssystem, ein Sozialraum.
Der Begriff Prävention bedeutet Vorbeugung, demnach können also „jene Programme, Strategien, Maßnahmen bzw. Projekte [als gewaltpräventiv] bezeichnet werden, die direkt oder indirekt die Verhinderung bzw. die Reduktion von Gewalt zum Ziel haben.“ 14 Kiezorientierte Prävention soll diese Maßnahmen in bestehende soziale, kulturelle und ethnische Zusammenhänge integrieren.
13 vgl. Unabhängige Kommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt in Berlin (1996), S. 374
14 Deutsches Jugendinstitut. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2007),
S. 17
6
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten
Jede Gesellschaft hat ihre eigenen verbindlichen Normen, also sozial definierte Verhal-tensstandards. Deshalb existieren in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Auffassungen darüber, wann eine solche Norm verletzt wird, wann eine Handlung demnach als Abweichung zu bezeichnen ist. So gilt z.B. Homosexualität in vielen (meist muslimischen) Ländern heute noch als anormal, als abweichendes Verhalten, wohingegen sie bei uns weitgehend als Lebensform akzeptiert wird. Einige dieser gesellschaftlichen Standards sind in Gesetzen kodifiziert, andere jedoch nicht. Daher „beinhaltet Abweichung sowohl kriminelles Verhalten [...], aber auch solches, das zwar nicht als illegal gilt, aber doch allgemein als unethisch, unmoralisch, eigenartig, unanständig oder einfach als ‚krank’ angesehen wird.“ 15 Wir alle begehen regelmäßig geringfügige Devianz-handlungen wie eine Straße bei „rot“ überqueren oder die Hotelseife einstecken. Allerdings werden solche Handlungen meist mit einem Stirnrunzeln oder Schmunzeln abgetan, da zwar allen bewusst ist, dass sie etwas tun was sie eigentlich nicht sollten, der Grad der Normverletzung aber gering ist. Andere Handlungen werden von der Öffentlichkeit jedoch stark missbilligt, wie z.B. der sexuelle Missbrauch von Kindern, der nicht als normal, sondern als „krank“ und kriminell eingestuft wird. Deviante Handlungen variieren demnach stark nach dem Grad der ihr beigemessenen Schwere. Eine einheitliche Definition für abweichendes Verhalten kann es also gar nicht geben, da sie eine Frage der sozialen Definition ist, in den Augen der jeweiligen Betrachter existiert und zwischen ethnischen Gruppen, sozialen Schichten, Geschlechtern, verschiedenen Berufsgruppen und geographischen Regionen variiert. Demnach ist „Abweichung [...] eine Eigenschaft, die bestimmte Verhaltensformen auf der Grundlage geteilter normativer Übereinstimmung darüber, was ,gut’ und was ‚schlecht’ sei, zugeschrieben wird.“ 16 Allerdings kann das Verständnis von „Abweichung“ nicht nur von Gruppe zu Gruppe variieren, sondern auch von Situation zu Situation innerhalb einer Gruppe. Beispielsweise ist die Tötung eines Menschen in den meisten Gesellschaften ein stark abweichendes Verhalten 17 , allerdings nicht, wenn es Notwehr war. Unterschiedliche Auffassungen darüber, was eine Normverletzung ist und was nicht, finden sich aber auch schon in verschiedenen kleineren Gruppen. Was aus Sicht der Erwachsenen als
15 Lindenberg, M. / Sack, F. (2001), S. 170
16 ebd. S. 172
17 Dies trifft deshalb nicht auf alle Gesellschaften zu, da in einigen wenigen Gesellschaften z.B. der soge-
nannte Ehrenmord nicht als Abweichung gilt. Hierbei handelt es sich beispielsweise um die Ermordung
eines Mädchens, das durch vorehelichen Geschlechtsverkehr die Ehre ihre Familie beschmutzt habe. Die
Tat wird immer durch ein Familienmitglied begangen, das möglichst noch nicht strafmündig ist, um der
deutschen Justiz so „ein Schnippchen zu schlagen“. Auch die Ermordung von Zivilisten durch Soldaten
gilt nicht als Abweichung, solange die Morde von Uniformierten während eines Krieges begangen wer-
den.
7
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten
nicht hinnehmbare Gewalttat aussieht und demnach als Abweichung gilt, „mag aus der Perspektive der beteiligten Kinder und Jugendlichen eine normale bzw. akzeptable Form des körperbetonten Ausraufens von Statuspositionen und des Austestens von Grenzen der Fairness oder schlicht als Ausagieren von Lebendigkeit erlebt werden“ 18 . Deshalb gilt insbesondere im Kindes- und Jugendalter, dass es zwar gesellschaftlich anerkannte legitime und illegitime Formen der Gewalt gibt, jedoch sind diese Grenzen nicht nur fließend, sondern müssen gerade im Kindes- und Jugendalter auch erst erfahren und gelernt werden 19 .
Ralf Dahrendorf unterscheidet zwischen Muss-, Soll- und Kann-Normen oder auch in kodifizierte Normen, Sitten und Bräuche 20 . Die Verbindlichkeit von Muss-Normen „ist nahezu absolut; die ihnen zugeordneten Sanktionen sind ausschließlich negativer Natur“ 21 , es handelt sich also um rechtliche Normen. Soll-Normen sind hingegen nicht strafrechtlich abgesichert, aber „derjenige, der ihnen [...] nachkommt, [kann] der Sympathie seiner Mitmenschen sicher sein“ 22 . Ein Beispiel hierfür ist das Essen mit Messer und Gabel. Eine Nichteinhaltung der Kann-Normen, also der Sitten, wird nicht negativ sanktioniert. Eine christliche Familie wird z.B. ihre muslimischen Nachbarn nicht sanktionieren, weil sie zur Weihnachtszeit keinen Adventskranz aufstellen. Abweichendes Verhalten hängt zusätzlich noch vom relevanten Bezugssystem einer Person ab. Abweichung von gesamtgesellschaftlichen Rechtsnormen und gruppen- oder milieuspezifischen Sittennormen lassen unterschiedliche Verhaltensweisen als „abweichend“ erscheinen, und sie können auch miteinander in Konflikt geraten 23 . Seinen Kontrahenten bei einer Meinungsverschiedenheit zu schlagen ist in unserem gesamtgesellschaftlichen Normsystem eine Abweichung von einer Kann- oder Soll-Norm, die sanktioniert wird. In manchen Gruppen unserer Gesellschaft ist dies dennoch ein akzeptiertes Verhalten und entspricht den Gruppennormen. Schlagen sich z.B. zwei Jugendliche aus verschiedenen Gruppen wegen eines Konflikts, so ist dies eine Verletzung der gesellschaftlich und strafrechtlich definierten Verhaltensstandards, jedoch unter Umständen keine Verletzung der in den einzelnen Gruppen geltenden Normen.
18 Deutsches Jugendinstitut. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2007),
S. 21
19 vgl. ebd.
20 vgl. Dahrendorf, R. (1965), S. 30
21 ebd.
22 ebd.
23 vgl. Merton, R. K. (1995), S. 127 - 154
8
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten
3.1 Soziale Kontrolle
Die Einhaltung der Gesetze wird durch Institutionen wie Polizei und Justiz kontrolliert, die auch bei Verstößen sanktionierend eingreifen. Die Einhaltung gesellschaftlicher Normen kann von diesen Institutionen nur nachträglich bei einer Normverletzung kontrolliert werden. Wir alle unterliegen der sozialen Kontrolle, führen sie aber gleichzeitig auch aus, denn Menschen benötigen ein Mindestmaß an Regulierung. Sind keinerlei normative Beschränkungen vorhanden, so scheinen alle Möglichkeiten menschlichen Verhaltens (also auch abweichendes Verhalten) rational 24 . Die soziale Kontrolle ist daher für das Gleichgewicht einer Gruppe oder Gesellschaft sehr wichtig. Ebenso wie in einer Familie wird in einer Gruppe oder Gesellschaft Wert darauf gelegt, dass ihre Mitglieder sich den etablierten Normen gegenüber konform verhalten. Hält sich jemand nicht an diese Normen, wird ihm zunächst von seiner Umgebung signalisiert, dass ein solches Verhalten nicht geduldet wird indem ihm z.B. Verachtung entgegengebracht wird. Zunächst wird der Normverletzer 25 also informell sanktioniert, später unter Umständen dann formell durch Polizei und Justiz. Bei Tätern unter 14 Jahren ist die informelle Sanktionierung besonders wichtig, da sie noch nicht strafmündig sind und Polizei und Justiz sich vollkommen auf das nähere Umfeld - besonders auf die Elterndes Kindes verlassen müssen, da die Tat ansonsten keinerlei Konsequenzen nach sich zieht und das Kind so den Eindruck vermittelt bekommt, sein Verhalten sei akzeptabel. Geringe soziale Kontrolle begünstigt die Entwicklung eines Jugendlichen in Richtung devianten Verhaltens.
Je anonymer eine Wohngegend ist, desto geringer fällt meist die soziale Kontrolle aus, und desto geringer ist auch das Entdeckungsrisiko bei einer Straftat. Natürlich darf die soziale Kontrolle aber nicht in gegenseitige Bespitzelung ausarten, wodurch sich jeder auf Schritt und Tritt beobachtet fühlen würde. Vielmehr sollte allen klar sein, dass bei unrechtem Verhalten nicht weggeschaut wird. Ein gut nachbarschaftliches Verhältnis und ein persönlicher Bezug zur Wohngegend stärken den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, lassen sie besser funktionieren und verstärken das subjektive Sicherheitsgefühl der Anwohner 26 . So kann die soziale Kontrolle also als die grundlegendste Ebene der Prävention bezeichnet werden.
24 Ein solcher Zustand der Anomie bewirkt weitgehende Verhaltens- und Erwartungsunsicherheiten, die
sich bis hin zum Suizid auswirken können - Durkheim spricht hier von „anomischem Selbstmord“. Vgl.
Durkheim, E. (1983), S. 273ff
25 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit jeweils nur die männliche Form verwendet,
womit jedoch auch die weibliche Form gemeint ist. Bezieht sich eine Aussage nur auf ein Geschlecht, so
wird dies entsprechend gekennzeichnet.
26 vgl. Lindenberg, M. / Sack, F. (2001), S. 181f
9
3 „Das macht man nicht, das geht so nicht“ - Das abweichende Verhalten
In Wohngegenden, in denen soziale Kontrolle nur geringfügig vorhanden oder sogar gänzlich abwesend ist, ist die Wahrscheinlichkeit abweichenden Verhaltens wesentlich höher, als in solchen Vierteln mit hoher sozialer Kontrolle. Polizeilich erfasste Straftaten im Jugendalter kommen in „problematischen“ Gegenden häufiger vor als in anderen Wohnvierteln 27 . Auffallend ist, dass es in Stadtteilen mit geringer sozialer Kontrolle, also eben jenen problematischen Gegenden, meist einen besonders hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund gibt 28 . Allerdings lässt die Tatsache, dass die Kriminalitätsrate in Vierteln mit hohem Migrantenanteil hoch ist, keinerlei Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge zwischen den Faktoren „hoher Migrantenanteil“ und „hohe Kriminalitätsrate“ zu. Ursächlich ist vielmehr der Grad der sozialen Kontrolle, die in Vierteln mit hohem Migrantenanteil nur schwach ausgeprägt ist, da sie häufig von Gebäuden des sozialen Wohnungsbaus mit hoher Anonymität dominiert werden. Hinzu kommt, dass der Freundeskreis vieler Familien mit Migrationshin-tergrund, besonders jener, die die deutsche Sprache weniger gut oder gar nicht beherrschen, oft ausschließlich aus Menschen aus ihrem Herkunftsland besteht 29 . So kann also eine türkische neben einer polnischen Familie wohnen, ohne auch nur das geringste von den anderen zu wissen, da beiden Seiten eine gemeinsame Sprache zur Kommunikation fehlt und/oder kein Interesse an der anderen Familie besteht.
27 vgl. Krause, H.-U.(2006), S. 28
28 So auch in den drei Untersuchungsgebieten, wo der Ausländeranteil bei über 20% liegt. Die genauen
Zahlen sind in Kapitel 6.1 aufgeführt
29 vgl. Ross-Strajhar, G. (2005), S. 12
10
4 Kinder- und Jugendgewalt: Mögliche Entstehungsgründe
Über die Genese von Gewalt gibt es zahlreiche Untersuchungen und Vermutungen. Durch die Medien wird uns der Eindruck vermittelt, heutige Kinder und Jugendliche seien respektloser und gewaltbereiter als vorherige Kohorten. Hier darf nicht vorschnell geurteilt werden, denn ob dies daran liegt, dass uns durch die mediale Entwicklung mehr solcher Nachrichten erreichen oder ob es tatsächlich häufiger zu Gewaltdelikten von Kindern und Jugendlichen kommt ist, wenn überhaupt, nur schwer nachweisbar. Es scheint jedoch in der Natur der Menschen zu liegen, sich über den Nachwuchs, die „Jugend von heute“, zu beschweren und ihm allerlei zu unterstellen, was früher angeblich nicht vorgekommen sei. So beklagte sich schon Sokrates im Jahre 400 v.Chr. über die Jugendlichen: „Sie scheinen jetzt das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos [...] und tyrannisieren ihre Lehrer.“ 30
Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, all das fällt in den Bereich der Kriminalität und somit in die Zuständigkeit von Polizei und Justiz, sofern es Erwachsene betrifft. Bei Kindern und Jugendlichen heißt dasselbe Treiben Kinder-/Jugendgewalt und löst bei den Erwachsenen meist Erschrecken aus, das „alleine dem Umstand [geschuldet ist], dass sich Unmündige, noch nicht mit der Weihe gesellschaftlicher Reife, Verkehrs-und Strafmündigkeit ausgezeichnete Wesen in einer Weise aufführen, die bei ihnen noch nicht erwartet werden kann.“ 31 Ist ein Täter unter 14 Jahre alt, so gilt er in Deutschland als noch nicht strafmündig, er kann also allein informell durch Erziehungsberechtigte etc. bestraft werden. Da vermutet wird, dass zu harte Strafen bei Tätern ab 14 Jahren, bei denen das Jugendstrafrecht greift, eher kriminalitätsfördernd denn abschreckend wirken, fallen die Urteile meist milde aus 32 . Dies stößt in manchen Fällen bei den Erwachsenen auf Unverständnis und ruft ein Ohnmachtsgefühl hervor. Im Erwachsenenalter sind die Rollen bei einer Straftat meist klar verteilt, eine Person oder Gruppe ist der Täter, eine das Opfer. Bei Kindern und Jugendlichen ist häufig beides der Fall. Ein zuvor geschädigter bedient sich oft selbst der Gewalt, um zu demonstrieren, dass er nun nicht mehr so leicht angreifbar ist, sich zur Wehr setzen kann. Sehr häufig kommt es zu Vergeltungsakten, bei denen die zuvor geschädigte Person ihrerseits nun den vorherigen Täter schädigt, so dass die Rollen vertauscht werden. Der Beg-
30 zitiertnach: Böttger, A. (1998), S. 43
31 Huisken, F. (1996), S. 41
32 vgl. Böttger, A. (1998), S. 15
11
riff „Opfer“ ist unter Kindern und Jugendlichen zu einem Schimpfwort geworden, es ist in ihren Augen also unbedingt zu vermeiden, anderen einen Grund zu geben, sie so zu bezeichnen und sollte dies doch der Fall sein, so sind sie vom Gegenteil zu überzeugen. Die für sie am wirkungsvollsten erscheinende Methode hierfür ist die Gewaltanwendung 33 .
4.1 Die Entstehung von Gewalt
Das entscheidende Stichwort bei der Frage, warum Jugendliche gewalttätig werden ist Macht. Denn abweichendes Verhalten, egal welcher Natur, hängt fast immer mit der Demonstration von Überlegenheit zusammen, so auch im Falle der Gewaltanwendung, denn sie verleiht dem Devianten Macht über sein Opfer. Das Gefühl der Überlegenheit, der Macht ruft bis zu einem gewissen Grad in jedem von uns Befriedigung hervor. Allerdings kommt dadurch meistens niemand ernsthaft zu Schaden, da wir die Grenzen unseres Handlungsspielraums kennen. Wie kann es aber dann dazu kommen, dass manche Jugendliche wissentlich über diese Grenzen hinaustreten, was macht sie so aggressiv und lässt sie immer wieder gewalttätig werden?
Über die Tatsache, dass Bildung einen wesentlichen Beitrag zur Verhinderung von Gewalt- und anderen Straftaten hat, herrscht große Einigkeit. Je höher die Bildung eines Menschen, desto höher sind seine Chancen auf den sozialen Aufstieg, eine gut bezahlte Arbeitsstelle und damit auf ein höheres Ansehen in der Gesellschaft. Wächst ein Jugendlicher in einer bildungsfernen Schicht auf und kann er nicht die entsprechenden schulischen Leistungen erbringen die für einen Aufstieg nötig wären, so realisiert er schnell, welche Chancen ihm verwehrt bleiben. Nach der Deprivationstheorie kann dies zu einer Steigerung der Aggressivität führen, da die meisten Wünsche dieses Jugendlichen vermutlich unerfüllt bleiben werden 34 .
4.2 Wann wird aus jugendlichem Leichtsinn abweichendes Verhalten?
In einer bestimmten Phase ihres Lebens, besonders ausgeprägt während der Pubertät, testen Kinder und Jugendliche ihre Grenzen aus und schlagen dabei auch mal über die Stränge. Eine Rangelei auf dem Schulhof sollte also nicht sofort überbewertet werden. Denn meistens halten sich die beiden „Streithähne“ hierbei an die oben bereits erwähnten Spielregeln, die hier lauten, dass aufgehört werden muss, sobald der andere darum bittet oder bevor die Situation eskaliert. Wenn dies der Fall ist, die Prügelei aber nicht von allein gestoppt wird, so muss ein dritter, beispielsweise eine Lehrkraft, eingreifen.
33 vgl. Gutzeit, A. (2006), S. 17
34 vgl. Baier, D. / Pfeiffer, C. (2007), S. 3
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Bleibt diese Situation ein Einzelfall, so kann hier nicht von abweichendem Verhalten gesprochen werden, da durch die Lehrkraft erfolgreich vermittelt werden konnte, wo der Fehler im Verhalten der beiden Kontrahenten lag und diese daraus gelernt haben. Fallen Kinder und Jugendliche aber immer wieder durch brutales Verhalten, Uneinsichtigkeit bezüglich ihres Fehlverhaltens und/oder Provokation von gewalttätigen Auseinandersetzungen auf, so wird von einem abweichenden Verhalten gesprochen 35 . Der Übergang von jugendlichem Leichtsinn und abweichendem Verhalten ist fließend. Die Feststellung, wann eine Grenzüberschreitung stattfindet, liegt immer im Ermessen der Beteiligten und der Beobachter bzw. der teilweise erst später hinzukommenden Instanzen wie Erziehungsberechtigte, Polizei und Justiz. Eines ist jedoch klar: Abweichendes Verhalten im Jugendalter ist, im Gegensatz zu kleineren Grenzüberschreitungen zur Austestung der Grenzen wie im oben beschriebenen Beispiel, eine Ausnahme Die Mehrheit der Jugendlichen verhält sich konform, wiederholte Abweichung ist die Ausnahme. Außerdem wird auftretende Abweichung Jugendlicher von unterschiedlichen Personen und Institutionen als höchst problematisch erachtet. Eine negative Sanktionierung abweichenden Verhaltens wird weitgehend akzeptiert und gefordert. Tritt ein solches Verhalten dennoch auf, so „müssen gewichtige Ursachenfaktoren am Werke sein, die Jugendliche dazu motivieren, Normen (bewusst) zu brechen. Hier liegt die Annahme nahe, dass Devianz im Jugendalter gewissen Strukturen unterliegt, Jugendliche also in differenzieller Weise anfällig für derartige Verhaltensweisen sind.“ 36 Was also sind die Ursachen für eine solche Anfälligkeit? Die Adoleszenz lässt sich als eine Art Selbstfindungsphase beschreiben, in der die Jugendlichen sehr unsicher sind, dies aber nicht zeigen wollen. Der natürliche Ablösungsprozess von den Eltern, der sich in diesem Alter vollzieht, kann zu Konflikten mit den Erziehungsberechtigten führen, wodurch sich viele Pubertierende von den Erwachsenen nicht ernst genommen fühlen. Im Zuge dieser Entwicklung wird die peer group 37 , insbesondere die Freunde, immer wichtiger und unter Umständen nimmt einer der Freunde, meist ein älterer, die Vorbildfunktion ein, die vorher die Eltern innehatten.
35 „Abweichendes Verhalten“ schließt auch Drogenkonsum, Ausländerfeindlichkeit etc. ein. Oft sind
mehrere dieser Faktoren bei einer Person gekoppelt. In diesem Beispiel werden andere Faktoren als der
der Gewalt jedoch ausgeklammert. Vgl. Baier, D. (2005), S. 382
36 ebd.
37 Die peer group ist eine Gruppe gleichaltriger Kinder und Jugendlicher „deren Bedeutung in unserer
Gesellschaft hauptsächlich darin gesehen wird, dass sie als Primärgruppen den Sozialisationsprozess, der
in der Familie eingeleitet wird, fortsetzen“ (Fuchs-Heinritz, W. / Lautmann, R. / Rammstedt, O. / Wie-
nold, H. (1995), S. 249)
13
Verhaltensweisen werden nicht vererbt 38 , wichtig sind die Umweltfaktoren. Ein Dazugehörigkeitsgefühl ist für die meisten Jugendlichen wichtig, weshalb es besonders in diesem Alter zu Cliquenbildungen kommt. Von Erwachsenen fühlen sie sich häufig als Kinder behandelt, gleichzeitig aber auch dem Anspruch ausgesetzt, bereits die Reife eines Erwachsenen besitzen zu müssen, weshalb Jugendliche ihren Status oft als verwirrend empfinden. In diesem Alter sind die meisten von ihnen leicht beeinflussbar. Gilt es innerhalb einer Gruppe oder Clique als „cool“, sich abweichend zu verhalten, so verhalten sie sich meist ebenso, um ebenfalls „cool“ zu sein und weiterhin dazuzugehören, vielleicht sogar in der (so denn gegebenen) Rangordnung aufzusteigen. Entscheidend ist auch, dass Jugendliche in dieser Phase häufig ein Gefühl der Machtlosigkeit erleben, da sie sich einerseits bereits für erwachsen erachten, trotzdem aber meistens noch der Be-vormundung ihrer Eltern unterstehen. Mit der Anwendung von Gewalt erschaffen sie sich einen gewissen Machtraum, über den sie die Kontrolle haben. Wird eine solche Entwicklung nicht früh genug aufgefangen, so kann dies verheerende Auswirkungen auf die Zukunft der Jugendlichen haben 39 .
Für Jugendliche sind in erster Linie die Sozialisationskontexte Elternhaus und Freundeskreis relevant. Diese sind - im Gegensatz beispielsweise zur Schule - staatlicher bzw. öffentlicher Strukturierung weitgehend enthoben und markieren damit einen Bereich der relativ autonomen individuellen Entfaltung. Dieser Bereich kann in positiver Hinsicht „Schutzzone“, in negativer Hinsicht „Nährboden“ sein, nämlich dann, wenn das Verhalten des Jugendlichen keiner elterlichen Kontrolle unterliegt und/oder wenn er deviante Freunde hat. Eltern und Freunde erfüllen die Funktion, den Jugendlichen vor „Dummheiten“ zu bewahren, sie versuchen also, ihn davor zu schützen, was nicht heißt, das dies zwangsläufig auch gelingt. Fällt die elterliche Kontrolle weg oder neigen die Freunde zu deviantem Verhalten, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Jugendliche ein deviantes Verhalten entwickelt. Sind diese beiden Punkte gekoppelt und entfällt auch anderweitige soziale Kontrolle, so scheint eine Entwicklung außerhalb des devianten Bereiches nahezu ausgeschlossen, da keine begünstigenden Bedingungen für eine Entwicklung in den nicht-devianten Bereich vorhanden sind 40 .
38 Allerdings gibt es biologische Prädispositionen wie z.B. ein höheres Erregungspotenzial, das wiederum
schneller zu aggressivem Verhalten führt. Und auch Pierre Bourdieu spricht von der „sozialen Verer-
bung“ von Habitus-Dispositionen. Hier steht weniger die Biologie als der Habitus, den wir von unseren
Erziehenden vorgelebt bekommen im Vordergrund. (vgl. Bourdieu, P. (1987), S. 277-355)
39 vgl. Baier, D. (2005), S. 385
40 vgl. ebd., S. 385f
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4.3 Sozialisatorische Bedingungen
Gewalt hat häufig einen sozialisatorischen Hintergrund, viele Minderjährige kennen oder beherrschen keine anderen Handlungsformen zur Zieldurchsetzung 41 . Durch unser Umfeld (Eltern, Schule, peer group, Kollegen) lernen wir gewisse Verhaltensweisen, indem wir sie im Laufe unserer Entwicklung von ihm übernehmen. Dazu gehören Konfliktlösungsstrategien ebenso wie bestimmte Denkweisen. So lernt ein Kind schon sehr früh einzuschätzen, ob es besser ist, sich aus brenzligen Situationen, die höchstwahrscheinlich in einer körperlichen Auseinandersetzung enden, herauszuhalten, oder ob es als „feige“ gilt, wenn es sich oder seine Ansicht nicht mit aller Macht, notfalls eben auch durch den Einsatz von Gewalt, zu verteidigen. Sozialisation ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Dass viele deviante Kinder und Jugendliche Geschwister haben, die ein völlig gewaltfreies Leben führen, macht deutlich, dass die peer group in einem bestimmten Alter einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung Minderjähriger hat, der oft über den Einfluss der Eltern hinausgeht.
4.3.1 Sozialisation allgemein
Allgemein versteht man unter Sozialisation den „Prozess, durch den ein Individuum in eine soziale Gruppe eingegliedert wird, indem es die in dieser Gruppe geltenden Normen [...], sowie die zur Kultur dieser Gruppe gehörenden Werte, Überzeugungen usw. erlernt und in sich aufnimmt“ 42 . Primäre Sozialisation findet im Elternhaus statt, auf der sekundären Ebene wird ein Individuum durch die peer group sozialisiert. Die Annahme, der Mensch hätte keinerlei Einfluss auf seine Sozialisation, ist mittlerweile widerlegt worden 43 . Vielmehr beruht Sozialisation auf dem Prinzip der Interaktion 44 . Eltern reagieren im Normalfall positiv auf ein Lächeln ihres Sprösslings. Das Kind seinerseits lernt dadurch, dass es die Chancen auf Durchsetzung seiner Ziele, z.B. der Wunsch nach einem Eis, erhöht, wenn es lächelt, da dem Wunsch nicht entsprochen wird, wenn es schreit oder trotzig weint. Schon Kleinkinder lernen auf diese Weise, die ihnen von den Eltern vermittelten Verhaltensnormen so einzusetzen, dass sie die gewünschte Reaktion (in unserem Beispiel also das Eis) erhalten. Das Kind erlernt so das
41 vgl. Böttger, A. (1998), S. 48
42 Fuchs-Heinritz, W. / Lautmann, R. / Rammstedt, O. / Wienold, H. (1995), S. 615
43 Auch die traditionelle Auffassung, Sozialisation im Erwachsenenalter sei bloß ein ergänzendes Lernen
und somit eigentlich nicht als Sozialisation zu bezeichnen, ist mittlerweile widerlegt worden. Der Eintritt
in einen neuen Status (beispielsweise die Geburt des ersten Kindes) oder Betrieb hat selbstsozialisierende
Wirkungen. Dieter Geulen bezeichnet diesen Prozess als Resozialisation bzw. Desozialisation. (Geulen,
D. (2001), S. 140)
44 vgl. Geulen, D. (2001), S. 128
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von George Herbert Mead beschriebene „role-taking“ 45 , also die Möglichkeit, die Erwartungen anderer in das eigene Verhalten zu integrieren. Es übernimmt die Rolle seines Gegenübers (in diesem Fall also der Eltern) und bezieht so fremde Erwartungen in seine Handlungsplanung mit ein 46 . Gleichzeitig kann es durch eigene Intentionen und Bedürfnisse 47 flexibel auf diese fremden Erwartungen in Bezug auf eigene Handlungsabsichten reagieren. Im Kleinkindalter kommt es nicht selten vor, dass das Kind die Grenzen zwischen Selbst und Umwelt mittels körperlicher Angriffe erforscht, allerdings sind diese meist kein Grund zur Sorge. Entwicklungspsychologen sprechen hier von „unschuldiger Aggression“ 48 . Die Sichtweise des symbolischen Interaktionismus betrachtet ein solches Verhalten als Teil eines kommunikativen Prozesses, durch den das Kind lernt, wie auf seine Taten reagiert wird und durch welche Handlungen es am schnellsten zu seinem Ziel kommt. Die erste Phase der Sozialisation wird also durch die Erziehenden geprägt - Kinder antizipieren das Verhalten ihrer Erziehungsberechtigten. Wird in einem Haushalt bei einem Streit die Stimme erhoben oder gar Gewalt angewendet, so übernimmt das Kind dies als Weg zur Konfliktlösung. Werden Probleme sachlich diskutiert, erlernt das Kind friedliche Wege, einen Konflikt beizulegen. Der friedliche Umgang mit Konflikten innerhalb einer Familie ist zwar keine Garantie dafür, dass das Kind nicht deviant wird, es ist aber eine gute Voraussetzung. Aber auch die Eltern ändern ihr Verhalten im Laufe der Zeit, sie werden wiederum durch ihre Kinder sozialisiert. Da Eltern ihre Kinder gerne lächeln sehen, tun sie Dinge, um diese Reaktion hervorzurufen.
Wie aber kommt es dann zu abweichendem Verhalten? Ist ein Kind bereits mit verbaler und/oder physischer Gewalt in der Familie aufgewachsen, so hat es dieses Verhalten auch für sich übernommen und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es immer wieder durch gewalttätiges Verhalten auffällig wird. Oft entwickelt es jedoch erst später ein abweichendes Verhalten, das nicht von den Erziehungsberechtigten geprägt wurde. Dies liegt an der peer group, die die zweite sozialisatorische Instanz im Jugendalter darstellt und zur Emanzipation des jungen Menschen von familiären Abhängigkeitsverhältnissen beiträgt. Der Jugendliche erprobt sich erstmals als unabhängiger Mensch und neigt so auch zu abweichendem Verhalten, was in den meisten Fällen jedoch unbedenklich ist, da es sich hierbei um eine Abweichung von den Kann- oder Soll-Normen handelt. Auch eine einmalige Abweichung von den Muss-Normen ist nicht sofort ein Indiz für den
45 vgl. ebd.
46 dies entspricht dem „me“ des symbolischen Interaktionismus von Mead
47 dies entspricht dem „I“ des symbolischen Interaktionismus. Das Zusammenspiel von „me“ und „I“
nennt Mead „self“
48 Deutsches Jugendinstitut. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2007), S.79
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Beginn einer kriminellen Karriere, sie muss zwar sanktioniert werden, meist handelt es sich jedoch um alterstypische Phasendelikte wie z.B. den Ladendiebstahl 49 . In manchen Fällen hat die peer group jedoch einen schädlichen Einfluss auf den Jugendlichen, nämlich dann, wenn es innerhalb der Gruppe üblich ist, sich abweichend von den in der Gesellschaft geltenden Normen zu verhalten. In diesem Fall sehen sich die Erziehungsberechtigten machtlos gegenüber dem Verhalten ihres Kindes. Der Jugendliche verhält sich zwar im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Normen abweichend, nicht jedoch im Sinne der gruppenspezifischen. Dadurch entsteht ein Normen-Konflikt 50 , denn der Jugendliche wird einerseits wahrscheinlich durch seine Eltern sanktioniert, andererseits erhält er in seiner Gruppe durch sein Verhalten vermutlich Anerkennung oder sogar Macht.
Meistens hat abweichendes Verhalten jedoch seinen Ursprung sowohl in der durch die Eltern, als auch in der von der peer group geprägten Sozialisation. Denn wer durch die elterliche Sozialisation schon ein aggressives Verhalten entwickelt hat, der wird vermutlich auch in Zukunft zu einem solchen Verhalten neigen und sich entsprechende Freunde suchen.
Sozialisation ist also ein Prozess, der nicht mit der Kindheit abgeschlossen ist. Kinder und Jugendliche antizipieren zunächst das Verhalten ihrer Erziehungsberechtigten und später auch das ihrer peer group. Eltern, Freunde, Erzieher, Lehrer, Arbeitskollegen etc. erfüllen hierbei die Funktion, darauf zu achten, dass eine Person kein Verhalten entwickelt, das von den geltenden Normen und Werten der Gesamtgesellschaft und/oder der Gruppe abweicht und dass sie bei einem Neueintritt in die Gruppe die neuen Verhal-tensformen schnell antizipiert. Sie üben also soziale Kontrolle aus. Zwar kann abweichendes Verhalten in einer bestimmten Gruppe als „normal“ gelten, gesamtgesellschaftlich wird es jedoch nicht akzeptiert und sowohl formell als auch informell sanktioniert. Eine Nichteinhaltung der Gruppennormen kann demnach zu einem Ausschluss aus der Gruppe führen. Dies heißt jedoch nicht automatisch, dass die Abweichung auch die gesamtgesellschaftlichen Normen und Werte betrifft. Eine Sanktionierung kann folglich auch formell oder informell sein.
4.3.2 Sozialisation von Immigranten
Wandert ein Franzose nach Deutschland aus, so hat er kaum Probleme, sich in der hiesigen Gesellschaft zurechtzufinden, da er aus dem gleichen Kulturkreis stammt und die Sozialisation somit in beiden Ländern nahezu gleich abläuft. Die Situation von Immig- 49 vgl.Der Polizeipräsident in Berlin (2007b), S. 104
50 vgl. Merton, R. K. (1995), S. 127 - 154
17
ranten aus anderen Kulturkreisen ist weitaus schwieriger. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff des „Kulturschocks“, der sich auf die spezielle Übergangsperiode bei der Eingewöhnung in eine fremde Kultur bezieht. In dieser Periode durchlebt der Mensch nach dem amerikanischen Anthropologen Oberg fünf Phasen: Euphorie (die eigene Kultur wird nicht in Frage gestellt), Entfremdung (Schwierigkeiten, für die man sich selbst die Schuld zuweist), Eskalation (Schuldzuweisung an die fremde Kultur und Verherrlichung der eigenen), Missverständnisse (Konflikte werden als Ergebnis der kulturellen Unterschiede wahrgenommen) und schließlich Verständigung (die unterschiedlichen kulturellen Spielregeln werden verstanden, geduldet, erlernt und geschätzt) 51 . Nicht jeder erlebt jede einzelne dieser Phasen, schwierig wird es, wenn jemand in der dritten Phase verharrt und die eigene Kultur so sehr verherrlicht, dass er die fremde Kultur, inklusive der in ihr geltenden Normen und Werte, nahezu komplett ablehnt. Ob ein Einwanderer letztlich die Phase der Verständigung erreicht, liegt einzig bei ihm und seiner Integrationsbereitschaft, aber auch an der Integrationsleistung seines Umfelds. Haben sich die Menschen im sozialen Bezugssystems eines Immigranten integriert, so wird es ihnen letztgenannter vermutlich gleich tun. Ist dies nicht der Fall, so kann es unter Umständen zur Bildung einer „Parallelgesellschaft“ und damit einhergehenden Problemen kommen.
4.3.2.1 Verweigerte Integration? Die Bildung von Subkulturen und Parallelgesellschaften
In zahlreichen Aufsätzen und Medienberichten tauchen immer wieder die Begriffe „Subkultur“ und „Parallelgesellschaft“ auf. Unter Subkultur ist allgemein zu verstehen, dass eine Gruppe von Menschen eine Kultur lebt, die in das „kulturelle System“ 52 einer Gesellschaft eingebettet ist. Verschiedene Glaubensrichtungen oder auch Musikstile wie z.B. der Rap oder der Punk können solche Kulturen sein, die sich durch eine bestimmte Art der Kleidung oder bestimmte sprachliche Besonderheiten von anderen Kulturen unterscheiden. Diese Subkulturen sind als Teil der großen Kultur eines Landes zu sehen, da sie die gängigen Normen und Werte nicht verletzen, vielmehr bereichern sie die Kultur, machen sie facettenreicher, da ihre Mitglieder sich immer noch als Teil der gemeinsamen Kultur eines Landes sehen. Subkulturen können aber auch in Opposition zu den allgemeinen Werten und Normen stehen und eine Gegenkultur entwickeln. Dies ist das Kennzeichen beispielsweise von revolutionären Bewegungen oder auch von „Aussteigern“. Speziell mit Blick auf Migranten wird hierbei in jüngerer Zeit von „Parallel- 51 vgl.Kursbuch E-Mail-Projekt (2008), Kapitel 1.3
52 In ihm sind die kulturellen Werte und Normen versammelt, die von allen geteilt werden bzw. geteilt
werden sollten, wenn die Gesellschaft insgesamt funktionieren soll. Vgl. Münch, R. (2002), S. 27ff
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gesellschaften“ gesprochen, deren Herausbildung als Kennzeichen der misslungenen Integration interpretiert wird 53 . Eine Gruppe von Menschen, die eine Parallelgesellschaft bilden, sehen sich selbst als nicht zur Gesamtgesellschaft zugehörig. Während eine Subkultur als eine spezielle Ausrichtung innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Kultur zu sehen ist, kann die „Parallelgesellschaft“ als Gegenkultur bezeichnet werden, da sie die von einer Gesellschaft sozial definierten Standards nicht für sich akzeptiert und somit auch bewusst nicht danach lebt.
In Großstädten sind die Bedingungen für Minderheiten günstig, Subkulturen, aber auch Parallelgesellschaften zu bilden. So auch in Berlin, wo unterschiedliche Viertel verschiedener Bezirke angeblich fest in der Hand sogenannter Subkulturen sind. Dies allein ist jedoch noch nicht negativ zu bewerten, da sie das multikulturelle Bild Berlins prägen und die Stadt durch ihre anderen Bräuche und ihre Sprachen bunter werden lassen. Problematisch wird es dann, wenn sie sich als autonome Wertgemeinschaft, abgeschottet von der Gesamtgesellschaft, sehen. Diese Gemeinschaften sind ethnisch homogen, sie definieren sich über ihren gemeinsamen Ursprung und üblicherweise gehören sie auch der gleichen sozialen Schicht an. Oft sind es nur zwei oder drei Ethnien (manchmal sogar nur eine), die ein Viertel stark dominieren. Einige der Erwachsenen schotten sich von anderen Kulturen - so auch von der ihrer aktuellen Heimatstadt - soweit als möglich ab, indem sie unter sich bleiben, ausschließlich ihre Muttersprache sprechen und die Sitten und Gebräuche der für sie fremden Kultur gänzlich ablehnen. Sie bilden also eine Gegenkultur mit eigenen Wert- und Normorientierungen. Kinder und Jugendliche sind im Normalfall nicht so sehr in einer solchen Parallelgesellschaft verhaftet, da sie aufgrund des Schulbesuchs oder durch Sportvereine etc. häufiger mit anderen kulturellen Orientierungen in Kontakt kommen 54 .
In den in dieser Arbeit untersuchten Gebieten Kreuzberg, Neukölln und Wedding gibt es einige Viertel, die weitgehend von der türkischen Bevölkerungsgruppe geprägt sind. Rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor z.B. finden sich hauptsächlich türkische Geschäfte und ein Großteil der Bewohner hat einen türkischen Migrationshintergrundnicht umsonst wird dieses Viertel auch „Klein Istanbul“ genannt. Die Frage, ob sich hier schon parallelgesellschaftliche Strukturen herausgebildet haben, ist nicht Gegenstand der Untersuchung. Aus der Idee der Parallelgesellschaft entsteht jedoch eine für diese Untersuchung interessante Frage: Ist für diese Jugendlichen ein anderer Horizont maßgeblich oder bewegen sie sich insofern in dieser Gesellschaft, als sie sich in ihrem
53 näheres hierzu bei: Halm, D. / Sauer, M. (2006)
54 vgl. Baier, D. / Pfeiffer, C. (2007), S. 4
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Rahmen biographische Möglichkeiten suchen, Anerkennung, Lob und Erfolg zu erhalten, jedoch keinen Zugang finden?
Der hohe Ausländeranteil der drei Bezirke und die dortigen großen ausländischen Gemeinschaften lassen sich u.a. auch durch die Gastarbeiter erklären, die in den 1950er und ’60er Jahren nach Deutschland kamen und in Siedlungen der Arbeiterbezirke untergebracht wurden. Eine Integration war von deutscher Seite nicht vorgesehen, schließlich sollten sie nach vollendeter Arbeit wieder in ihr Ursprungsland zurückkehren. Die Gastarbeiter arbeiteten und lebten also fast ausschließlich mit anderen Ausländern zusammen und hatten kaum Kontakt zu Deutschen. So ist es nicht verwunderlich, dass Italiener, Türken, Portugiesen etc. sich an ihre Landsmänner hielten, da sie sich schließlich wegen mangelnder Sprachkenntnisse auch mehr schlecht als recht mit Gastarbeitern aus anderen Ländern verständigen konnten. Viele von ihnen kehrten allerdings nicht wie von deutscher Seite geplant wieder zurück, sondern blieben in den deutschen Städten. Einem großen Teil von ihnen gelang es vermutlich, den oben erläuterten Kulturschock zu überwinden und die Phase der Verständigung zu erreichen, einigen jedoch nicht. Zwar zogen die ehemaligen Gastarbeiter in eigene Wohnungen, viele von ihnen blieben aber im gleichen Bezirk, da sie dort bereits Freunde gefunden hatten und holten oft auch ihre Familien nach, wodurch sich große ausländische, kulturell homogene Gemeinschaften bilden konnten 55 . Die heute viel beklagte Problematik der Parallelgesellschaften 56 ist somit teilweise auch von den Einheimischen selbst forciert worden. Es kann demnach nicht pauschal von einer verweigerten Integration gesprochen werden, ebenso wenig kann allerdings jedwede Schuld den damaligen Versäumnissen der deutschen Politik zugesprochen werden. Vereinfacht kann gesagt werden, dass durch die absichtliche Abschottung der Gastarbeiter von der deutschen Politik der Grundstein für die Bildung von Parallelgesellschaften gelegt worden ist. Gleichzeitig bemühen sich einige Bewohner der entsprechenden Bezirke jedoch kaum oder gar nicht um eine vollständige Integration.
55 Von deutscher Seite war es zwar vorgesehen, dass sich die ehemaligen Gastarbeiter auf die übrigen
Bezirke verteilen, es gab eine Quotenregelung, die garantieren sollte, dass der Ausländeranteil in einem
Bezirk einen gewissen Prozentsatz nicht übersteigt, dieser Plan scheiterte jedoch. Die meisten meldeten
sich zwar in einem anderen Bezirk an, lebten aber weiterhin in ihrem „alten“ Bezirk.
56 Der Begriff führte besonders im Jahr 2000 im Zusammenhang mit dem von Bassam Tibi entwickelten
Begriff der Leitkultur zu einer weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Debatte über das Thema
Zuwanderung. Seither ist „Parallelgesellschaft“ u.a. in Medienberichten ein Schlagwort, wenn Integrati-
onsproblematiken oder die Zuwanderung thematisiert werden.
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Auffällig ist, dass in diesen Bezirken eine deutlich höhere Zahl von jugendlichen Straftätern zu verzeichnen ist als in anderen Teilen der Stadt 57 . Von ihnen hat wiederum eine beträchtliche Zahl einen Migrationshintergrund, worauf immer wieder durch die Medien und die Politik aufmerksam gemacht wird. Liegt dies daran, dass diese tatsächlich deutlich häufiger durch delinquentes Verhalten auffallen?
4.3.2.2 Werden Kinder von Migranten häufiger straffällig als deutsche Minderjährige? Viele Kinder und Jugendliche in den problembehafteten Gebieten halten sich täglich auf der Straße auf, oft von morgens bis abends. Dies trifft sowohl auf die deutschen Minderjährigen, als auch auf jene mit Migrationshintergrund zu, vor allem aber auf die Jungen. „[...] Der Aufenthalt auf der Straße [ist] nicht nur der Tatsache geschuldet [...], dass hier vermeintlich weniger soziale Kontrolle herrscht, sondern er oftmals schlichtweg auf der Tatsache beruht, dass entweder die Wohnverhältnisse sehr beengt sind oder die Spannungen und Anforderungen innerhalb der Familien unerträglich zu sein scheinen. [...] Das Zusammenleben von bis zu zehn Personen in nur zwei Räumen ist bei bestimmten Zielgruppen keine Seltenheit.“ 58 Die Familien, in denen diese Minderjährigen aufwachsen sind häufig sozial benachteiligt und die Verhältnisse in der Familie sind schwierig 59 . Wegen mangelnder Privatsphäre, die es ihnen nicht erlaubt, Freunde einzuladen und aufgrund der Konflikte verlassen die Kinder und Jugendlichen die elterliche Wohnung für die meiste Zeit des Tages. Auf der Straße fehlt es ihnen an Beschäftigung, was schnell zum Problem wird und nicht selten dazu führt, dass diese Kinder und Jugendlichen auffällig werden.
Gerade Kinder von Migranten sehen sich oft mit zwei unterschiedlichen Welten konfrontiert - der meist sehr traditionellen ihrer Familie und der modernen in der Schule und im Umgang mit Freunden. Bei vielen löst dieser Zustand ein Gefühl der Zerrissenheit aus, da die beiden Welten einfach nicht zueinander passen wollen. Und auch die Eltern sehen sich häufig damit konfrontiert, dass sie die Welt ihrer Kinder nicht mehr verstehen 60 . Viele ziehen sich deshalb mehr und mehr aus dem Leben ihrer Kinder zurück und demonstrieren so Desinteresse. Bei Jugendlichen kann diese Zerrissenheit und das Desinteresse ihrer Eltern ein Gefühl des Verlustes des familiären Rückhalts auslösen, weshalb sie dann oft mit auffälligem, abweichendem Verhalten reagieren. Dies heißt jedoch nicht, dass alle Kinder von Migranten tendenziell zu delinquentem Verhalten neigen, bei den meisten bleibt es, ebenso wie bei ihren deutschen Altersgenossen,
57 Die Zahlen der von Minderjährigen begangenen Straftaten sind in Kapitel 6.3 aufgeführt
58 Eßmann, W. (2008), S.2
59 vgl. ebd.
60 vgl. Frenzel, W. / Lashlee, D. / Ledge, J. / Mai, M. / Penkert, W. / Pomierski, R. (2008), S. 1
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Lea Wolf, 2008, Kiezorientierte Prävention von Kinder- und Jugendgewalt, München, GRIN Verlag GmbH
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