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I. Inhaltsverzeichnis
II. Paul Celan: Vor einer Kerze. 3
III. Paul Celan: Vor einer Kerze. Eine Gedichtanalyse 4
1. Einleitung. 4
2. Paraphrase des Gedichts. 4
3. Formale Analyse. 5
4. Vor einer Kerze’ im Kontext der Titel - Die Zwischenstellung des Gedichts. 6
5. Die Kerze: 7
5.1 Der Sabbatleuchter. 7
5.2 Die Kerze - Eines Totseins Tochter. 9
6. Der Segen. 11
6.1 Im Namen der Drei 12
6.2 Der Freispruch. 15
6.3 Der Riss in der Zeit. 16
7. Das Wort als Medium. 18
8. Schluss. 18
IV. Literaturverzeichnis 19
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II. Paul Celan: Vor einer Kerze
Aus getriebenem Golde, so
wie du’s mir anbefahlst, Mutter, formt ich den Leuchter, daraus sie empor mir dunkelt inmitten splitternder Stunden: deines Totseins Tochter.
Schlank von Gestalt,
ein schmaler, mandeläugiger Schatten, Mund und Geschlecht umtanzt von Schlummergetier, entschwebt sie dem klaffenden Golde, steigt sie hinan zum Scheitel des Jetzt.
Mit nachtverhangenen
Lippen sprech ich den Segen
4
III. Paul Celan: Vor einer Kerze. Eine Gedichtanalyse
1. Einleitung
Paul Celans Gedicht ‚Vor einer Kerze’ ist 1953 entstanden und wurde in seinem zweiten Gedichtband ‚Von Schwelle zu Schwelle’ 1955 veröffentlicht. Der Gedichtband besteht aus drei Zyklen, wobei ‚Vor einer Kerze’ im zweiten Zyklus’ unter dem Titel ‚Mit wechselndem Schlüssel’ steht. Das mit 45 Versen längste Gedicht des Bandes ist als 24. von 47 Gedichten numerisch in der Mitte. Es beschreibt eine Situation, in welcher das Lyrische Ich sich in die Sphäre des Jenseits begibt und ist in einer Stimmung der schicksalhaften Erfahrung des Todes geschrieben. Das Zentralthema des dichterischen Werks Paul Celans ist eine dialogische Situation eines lyrischen Ichs mit einem angesprochenen Du. In ‚Vor einer Kerze’ steht das lyrische Ich mit dem Du der Toten im Dialog. Celan thematisiert hier, ebenso wie in vielen anderen seiner Gedichte, die Erfahrungen des Holocaust. Er kombiniert den persönlichen Schmerz über den Tod seiner Eltern mit der leidvollen Erfahrung des Völkermords. Erinnerungen und Träume kreuzen einander in der chiffrenreichen dichten Sprache Celans. Das Gedicht steht unter dem Zeichen des magischen Totengedenkens. Der Text ist ein Ritual der Beschwörung in allen Dimensionen und Bedeutungen des Wortes. Es ist ein Schwur, eine eindringliche Bitte und ein Erinnern an die Verstorbenen. „Zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Gelingen und Scheitern befragt das Gedicht im Anfachen der Erinnerungen die Möglichkeit und Tragweite des lyrischen Wortes als Verwandlung von Sprache in Ereignis.“ 1
Celans Dichtersprache ist eine assoziative, bildreiche Sprache. Der Text lässt durch seine Bilder und Themen vielseitige Interpretationsversuche zu. Celans Gedichte immer wieder zu lesen bedeutet sie auch immer wieder neu zu erfassen. Ganz zu fassen wird man sie nicht bekommen. Ein unvoreingenommenes, offenes Einlassen auf das Gedicht ist immer wieder von Nöten. Celans Lyrik ist formal von Metaphern, Allegorien, Symbolen und Bezugnahmen bestimmt: lyrische Bilder und Zeichen aller Art durchziehen seine Texte. Im Folgenden wird nun versucht, die verschiedenen Chiffren des Gedichts zu entschlüsseln.
2. Paraphrase des Gedichts
Der Titel weist auf den Ort: Vor einer Kerze spielt sich das Geschehen ab. Die Mutter des lyrischen Ichs hat ihm befohlen einen Leuchter Aus getriebenem Golde 2 zu formen, wie er in der hebräischen Bibel beschrieben ist. Vor diesem Leuchter befindet sich nun der Sprecher
1 Liska, Vivian: Gegengebet. Zu Paul Celans Gedicht ‚Vor einer Kerze’. In: Studia Germanica Gandensia. Jahrgang 29, Tübingen, 1992. Hrsg. von Jaak De Vos. S. 91-117. S. 92
2 Alle kursiven Wörter im Folgendem Abschnitt sind Zitate aus ‚Vor einer Kerze’ und hier nicht explizit gekennzeichnet, weil die Paraphrase dem Gang des Gedichts folgt.
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und aus dem Leuchters entschwebt eine Gestalt dem klaffenden Golde. Es ist des Totseins Tochter. In einer schlanken, mandel- und demnach kerzenförmigen Gestalt steigt sie auf zum Scheitel des Jetzt. Mit nachtverhangenen Lippen, also in einer Abendsituation, spricht das Ich nun einen Segen vor der Kerze aus. Der Segen wird Im Namen der Drei ausgesprochen, welche zu Beginn des Gebets genauer beschrieben werden. Den einander befehdenden, auf den ersten Blick nicht näher bestimmten Subjekten, werden schließlich verschiedene Eigenschaften zugeordnet. Im zweiten Teil des Segens wird das angesprochene Du im Namen dieser Drei vom Amen und vom eisigen Licht freigesprochen. Es bleibt zunächst unklar, wer das Du ist und warum es vom Amen freigesprochen wird. In einer dreimaligen Wiederholung wird das Du nun erneut als einer Toten Kind, als des Totseins Tochter aus dem Beginn des Gedichts, gekennzeichnet: Du bleibst, du bleibst, du bleibst / einer Toten Kind. Der Anfang des Gedichts wird nicht nur durch die erneute Nennung, der toten Tochter aufgegriffen, sondern auch durch den erneuten Verweis auf die Mutter als befehlende Gewalt. Das Mutterwort führte den Sprecher vor eine Schrunde der Zeit, vor einen Riss in der Zeit. Durch die Bezugnahmen der Schrunde der Zeit auf die splitternden Stunden und den Scheitel des Jetzt, sowie die Parallele zwischen Mutterbefehls und Mutterworts ist ein inhaltlicher Rahmen ist geschaffen. Das Gedicht schließt mit der Hoffnung, dass die Hand, welche dem lyrischen Ich das Herz schwer macht, dieses Schwere wenigstens einmal selbst fühlt.
3. Formale Analyse
Das Gedicht besteht aus drei Strophen, wobei die dritte Strophe nochmals unterteilt ist, es ist also in vier Teile gegliedert, im vierten Teil wird der Segen gesprochen. Dieser ist ab Vers 18 optisch eingerückt und so unterstreicht die optische Einrückung die inhaltliche Differenz zwischen Gesprächssituation und Beschwörung uns dem Segen formal. Der Text ist geprägt durch eine starke Bildhaftigkeit und viele assoziationsreiche Passagen. Ohne Reimschema gehalten enthält das Gedicht eine Vielzahl an Enjambements. Eine konventionelle Gedichtform ist nicht mehr zu erkennen. Gibt es keine klaren Reime, lassen sich doch mehrere unreine Reime inmitten der Verse ausmachen. Vor allem im Segen gibt es sich reimende Wortgleichklänge: „Mit nachtverhangenen Lippen sprech ich den Segen: Im Namen der Drei, die einander befehden“ (V. 15-19) Auch innerhalb eines Verses finden sich solche Reime:
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„als es zu leben galt dort, wo vor ihm sein Wort schon gewesen,“ (V. 27).
Dieser Wortgleichklang und die Vielzahl an Enjambements legen dem Leser nahe, die Metrik nicht anhand der Versaufteilung zu bemessen, sondern an einer andern Größe, an dem Sprachduktus. Die unkonventionelle Versaufteilung zeigt sich auch an der unterschiedlichen Länge der Verse. Besteht ein Vers manchmal lediglich aus einem Wort (Vers 6: deines; Vers 16: Lippen), ist es an anderer Stelle ein grammatikalisch vollständiger Teilsatz (V. 20, 24, …). Das Gedicht gliedert sich formal also weniger durch die Verse als mehr durch Enjambements und Kommata, sowie die Satzmelodie. In der Hervorhebung der Satzmelodie wird so das gesprochene Wort als machtvolle Instanz dem geschriebenem Wort übergeordnet. Dies zeigt sich auch daran, dass die Hälfte des Gedichts aus explizit gesprochenem Wort - aus dem Segen- besteht. Außerdem ist das Mutterwort wesenhaft: es schafft den Leuchter. Zeigt die Versaufteilung keine verbindliche Regulation, sind die Strophen hingegen eindeutig zu erkennen. Die ersten beiden Strophen bestehen aus jeweils 7 Versen, die dritte aus 31 Versen, wobei der Segen 4x7 Verse enthält. In der bereits erwähnten Klangmalerei wird die kleinste semantische Einheit des Wortes ausgenutzt. 3 Aspekte werden durch Wiederholungen auch innerhalb dieser Klangmalerei hervorgehoben: „Du bleibst, du bleibst, du bleibst / einer Toten Kind“(V. 38 f.). Außerdem werden onomatopoetische Vokalismen benutzt. Hierzu ist der Gleichklang von Mutter, inmitten und splitternd (V. 2, 4, 5) in der ersten Strophe auffallend. Diese Wörter beziehen sich aufeinander, so wird zunächst die Mutter als Mitte des Texts ausgemacht, als thematischer Mittelpunkt des Gedichts. Celans Mutter, welche 1942 in ein Arbeitlager nach Transnistrien deportiert und dort umgebracht wurde, ist Mittelpunkt vieler Texte des Dichters. Im Totsein der Mutter bleibt dann schließlich nur noch die Zersplitterung. Die Mutter ist demnach auch die Ursache der Zersplitterung. 4 Es bleibt nur noch die Erinnerung an die Abwesenden, an die Zersplitterten.
4. Vor einer Kerze’ im Kontext der Titel - Die Zwischenstellung des Gedichts
Im Hinblick auf die Einordnung des Gedichts in seinen Kontext zeigen sich die Titel als Programm: es ist ein Text der Zwischenstellung. Der Titel des Gedichtbands ‚Von Schwelle zu Schwelle’ weist auf eine Schwellensituation hin, das Gedicht selbst befindet sich innerhalb des Bands im Teil ‚Mit wechselndem Schlüssel’. Hier wird eine Eintrittssituation gekennzeichnet. Es geht in beiden Titeln darum, Einlass in einen bestimmten Ort zu
3 Vgl.: Neumann, Peter Horst: Zur Lyrik Paul Celans. Eine Einführung. 2. Auflage. Göttingen, 1990.
S. 22
4 Vgl.: Liska: Gegengebet. Zu Paul Celans Gedicht ‚Vor einer Kerze’ . a.a.O., S. 100
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B.A. Sonja Trost, 2007, Paul Celan: Vor einer Kerze - Eine Gedichtanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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