FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 2
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS 2
I EINFÜHRUNG UND METHODIK 4
I.1 ALLGEMEINE EINLEITUNG. 4
I.2 METHODIK UND AUFBAU DER ARBEIT 5
I.3 ZUR „CHRONOLOGISCH-KOMPILATORISCHEN“ VORGEHENSWEISE 6
I.4 UMFANG UND VOLLSTÄNDIGKEIT 7
I.5 ZUM BEGRIFF „SCHULE“ 7
I.5.1 Ai resij 8
I.5.2 Ge, noj 9
I.5.3 Ei doj 9
I.5.4 Ta, gma 10
I.5.5 Filosofi, a 11
I.6 FORSCHUNGSÜBERBLICK 11
II POLITISCH-RELIGIÖSE HINTERGRÜNDE 14
II.1 AUGUSTEISCHES PRINZIPAT 14
II.1.1 Vorgeschichte 14
II.1.2 Oktavian als Alleinherrscher 16
II.1.3 Augustus als Heilsbringer 17
II.1.4 Politische Grundstrukturen 19
II.1.5 Die Provinz Judäa 22
II.2 RELIGIONSPOLITIK 25
II.2.1 Umgang mit fremden Einflüssen 25
II.2.2 Religiöse Restitution und Toleranz 27
II.2.3 Synkretismus 30
II.2.4 Jüdische Religion 31
II.3 RELIGIÖS-POLITISCHER ÜBERBLICK 38
II.4 THEMATISCHE ANWENDUNG 40
III FLAVIUS JOSEPHUS - LEBEN UND WERK 44
III.1 KURZER LEBENSABRISS 45
III.1.1 Jugend und Ausbildungszeit 45
III.1.2 Bis zu seiner Gefangennahme 49
III.1.3 Befreiung und Leben in Rom 55
III.2 SEIN LITERARISCHES WIRKEN 59
III.2.1 De bello Iudaico 61
III.2.2 Antiquitates Iudaicae 64
III.2.3 Vita 68
III.2.4 Contra Apionem 70
III.3 THEMATISCHE ANWENDUNG 71
IV DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 74
IV.1 ENTSTEHUNG UND AUSRICHTUNG 74
IV.1.1 Sadduzäer 74
IV.1.2 Pharisäer und Essener 75
IV.2 DIE BERICHTE BEI JOSEPHUS 79
IV.2.1 Essener 80
IV.2.2 Pharisäer 105
IV.2.3 Sadduzäer 135
IV.2.4 Die „vierte“ Philosophenschule des Judas und Sadduk 143
V ZUSAMMENFASSUNG 148
V.1 BEOBACHTUNGEN 148
V.1.1 Josephus und die jüdische „Philosophie“ 148
V.1.2 Die philosophischen Schulen 149
V.1.3 Tabellarische Gegenüberstellung 153
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 3
V.2 CONCLUSIO 155
VI ANHANG 161
VI.1 GEOGRAPHISCHE ÜBERSICHTSKARTEN 161
VI.2 CHRONOLOGISCH-DYNASTISCHE ÜBERSICHTSTAFELN 163
VII ABBILDUNGSVERZEICHNIS 166
VIII BIBLIOGRAPHIE 167
VIII.1 GEDRUCKTE WERKE 167
VIII.1.1 Antike Literatur 167
VIII.1.2 Moderne Literatur 168
VIII.1.3 Nachschlagewerke, Reihen, Zeitschriften 174
VIII.2 DIGITALE WERKE 176
VIII.2.1 Nachschlagewerke 176
VIII.2.2 Internet 176
VIII.2.3 Online-Bibliographien 178
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 4
I EINFÜHRUNG UND METHODIK
I.1 Allgemeine Einleitung
In dieser Arbeit sollen die Aussagen des jüdisch-römischen Historikers Flavius Josephus (37/38 - ca. 100 n. Chr.) zu den „philosophischen Schulen der Juden“ 1 untersucht werden, also die Schulen der Pharisäer, Sadduzäer und Essener - die „vierte“ Schule des Judas und Sadduk wird, um die Untersuchungen zu vervollständigen, auch behandelt. 2 Josephus gilt in diesem Zusammenhang als besonders interessante Quelle, da er als Jude der Oberschicht geboren wurde, persönlich den Krieg gegen die Römer (66-70/73 n. Chr.) als Befehlshaber Galiläas miterlebte und sich schließlich auf römischer Seite wiederfand. Er kann demnach sowohl als jüdischer wie auch römischer Historiograph angesehen werden, der aus erster Hand über die Verhältnisse in Judäa berichtet - sowohl aufgrund seiner eigenen Erfahrungen wie auch der gesellschaftlichen und religiösen Traditionen, die er schon in seiner Kindheit und Jugend kennen lernte. 3 Damit seine Aussagen nicht auf „global-politisch“ unbekanntem Terrain stehen, muss zuvor eine kurze Einführung zu den politischen Hintergründen sowohl des Imperium Romanum als auch der Provinz Judäa gegeben werden.
Vorrangige Fragestellungen dieser Arbeit sollen jene nach Absicht und Aussage seiner Berichte über die drei (bzw. vier) Schulen sein. Die Stellung der Schulen zum Judentum im Allgemeinen soll ebenso untersucht werden, wie die Hinweise, die sich aus den Berichten zu Josephus als Person und seiner Einstellung zu den Philosophien ergeben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu fragen, weshalb er eine Schule hauptsächlich in einem bestimmten Kontext erwähnt und warum die Zugehörigkeit eines bestimmten Mitglieds verschwiegen wird. Es soll auch geklärt werden, ob sich jeder Jude einer Richtung anschließen musste oder ob man sich dem auch entziehen konnte. Außerdem müssen die jeweiligen Lehrmeinungen (die „Philosophien“) betrachtet werden - welche Gemeinsamkeiten gab es und welche markanten Unterschiede? Welche Schule kann als die einflussreichste und welche als die
1 Vgl. Ios. Bell. Iud. 2,8,2 / 119.
2 Allerdings gilt sie eher als „Randgruppe“, die von Josephus als eine besondere, „rebellische“ Schule dargestellt und von den anderen deutlich unterschieden wird. Die Untersuchungen dieser Arbeit richten sich daher auch vorrangig auf die drei Hauptströmungen bzw. „legitimen“ Gruppen - die Pharisäer, Sadduzäer und Essener.
3 Eine genauere Diskussion zu seiner eigenen Erfahrung und seinen religiös-politischen Hintergründen wird noch in dem Abschnitt „Flavius Josephus - Leben und Werk“ folgen.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 5
„moralischste“ gelten? Diese Fragen sollen im Laufe der Untersuchungen besprochen und schließlich auch aus der Sicht des Josephus kritisch beantwortet werden. Die abschließende Zusammenfassung soll als Schwerpunkt einen direkten Vergleich der drei Gruppen ermöglichen, der sowohl ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, als auch innerhalb der jüdischen Tradition und Religion, sowie ihre Beziehungen untereinander aufzeigt. Daneben muss natürlich auch die Frage nach der Stellung des Josephus im Bezug zur jüdischen Philosophie und Religion im Allgemeinen, sowie zu den drei Gruppen im Speziellen noch einmal abschließend beantwortet werden.
I.2 Methodik und Aufbau der Arbeit
Als Ausgangsbasis müssen zunächst die Hintergründe angesprochen werden. Dazu gehören in erster Linie die politisch-religiösen Strukturen des römischen Reiches, dessen Umgang mit fremden Völkern und Kulturen und besonders die Probleme innerhalb der Provinz Judäa. Der zeitliche Rahmen bezieht sich hierbei vorrangig auf das 1. Jahrhundert n. Chr. und zwar besonders auf die Zeit bzw. die Ereignisse, die für die politischen wie sozial-religiösen Zustände verantwortlich sind, die wir in den Beschreibungen des Josephus als Hintergrund seiner Darstellungen der Gegebenheiten in Judäa zwischen ca. 52 und 71 n. Chr. finden. 4 Es soll hierbei lediglich ein kurzer, allgemeiner Überblick über die Grundstrukturen im Reich und in Judäa vermittelt werden, eine tiefgängige Studie zu den einzelnen Themen ist in dem gegebenen Rahmen weder möglich noch sinnvoll.
Der nächste Abschnitt über „Leben und Werk“ des Josephus tritt schon mitten in das eigentliche Thema ein. Hierbei ist es weniger das Ziel, eine Art Ereignisgeschichte nachzuerzählen, als vielmehr die spezifischen Abschnitte anzusprechen, die Rückschlüsse über ihn als Person, als Historiographen und sein Selbstverständnis als Römer mit jüdischen Wurzeln und Überzeugungen zulassen. Auch die Probleme bzgl. der Zuverlässigkeit seiner Berichte müssen hier näher behandelt werden. Daran schließt auch die Frage nach Sinn und Zweck seiner Werke an. Es soll versucht werden die Intentionen, die er mit seinen Werken verband (und zum Teil auch direkt in einer entsprechenden Einführung nennt), aufzuzeigen. Dieser Teil wird sehr hilfreich sein, die
4 52 n. Chr. wäre Josephus 16 Jahre alt und damit am Beginn seiner Ausbildung bei den drei Sekten (vgl. Abschnitt „Flavius Josephus - Leben und Werk“). Im Jahre 71 reist er mit Titus nach Rom und lebt fortan dort. Die Begebenheiten, die er von Judäa schildert, sind chronologisch in die Zeit vor und besonders während des Jüdischen Krieges (66-70/73) eingebettet, weshalb in der Besprechung des Imperium Romanum sowie der Provinz Judäa vorrangig die Verhältnisse und (Grund-) Strukturen aufgezeigt werden, die für diese Zeit ihre Gültigkeit besitzen - bzw. durch die vorherigen Umbrüche (insbesondere das Prinzipat und die Religionspolitik des Augustus) die entsprechenden Weichen stellten.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 6
möglichen Absichten zu erkennen, die er auch mit der Beschreibung der drei Schulen verfolgte.
Schließlich werden die Abschnitte zu den drei Schulen in den Werken des Josephus aufgeführt und besprochen, die dann im Zusammenhang mit den genannten Fragestellungen zu einem abschließenden Vergleich und einer Auswertung führen sollen.
Es wird jeweils am Ende eines Hauptabschnitts eine abschließende thematische Anwendung erfolgen, die noch einmal konkret die Punkte anspricht, die als Hinführung zum Hauptthema bzw. zur Beantwortung der gestellten Fragen von Bedeutung sind. Um die nötige Übersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten, wurden viele weiterführende Hinweise und Besprechungen in die Anmerkungen „ausgelagert“, der Fließtext enthält (besonders was die späteren Untersuchungen zu den Schulen betrifft) vorrangig eine direkte Besprechung der untersuchten Passagen mit einem Hauptaugenmerk auf den unmittelbar von Josephus gegebenen Aussagen. Um diese Übersichtlichkeit gerade in den später untersuchten Passagen zu den drei (bzw. vier) Schulen besser zu gestalten und deutliche Abgrenzungen zu ermöglichen, sind unter dem entsprechenden Textabschnitt, der als Überschrift jeweils vorangestellt wird, in den Verweisen lediglich die Anmerkungen „Absatz
I.3 Zur „chronologisch-kompilatorischen“ Vorgehensweise
Bei den Untersuchungen der josephischen Texte habe ich mich für eine systematische Anordnung entsprechend der kompilatorischen Abfolge seiner Schriften entschieden. Dementsprechend werde ich, was seine Werke im Gesamten betrifft, die ältesten zuerst untersuchen, um hierbei mögliche Veränderungen in der Darstellungsweise und Aussage der älteren gegenüber den jüngeren zu erkennen. Innerhalb der jeweiligen Werke wird - unabhängig von „chronologischen“ Gesichtspunkten 5 - die uns heute bekannte Form der Schriften in ihrer eigenen Zusammenstellung als „Wegweiser“ für die Anordnung dienen. Wo ich den Begriff „chronologisch“ im Bezug zu seinen Werken verwende, ist er mit eben dieser Definition zu verstehen. Eine thematische Zusammenstellung der verschiedenen Passagen wäre wenig sinnvoll, da zum einen eine Veränderung seiner Darstellungsweise zwischen den Werken nur
5 Hiermit ist die Diskussion um ältere und jüngere Teile innerhalb eines einzigen Werkes (beispielsweise der Vita) gemeint. Hierauf wird in der Besprechung seiner Werke noch näher (vgl. den Abschnitt „Flavius Josephus - Leben und Werk“) eingegangen werden.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 7
schwer erkennbar wäre. Zum anderen summieren sich die thematischen Aspekte innerhalb einer einzigen Passage oft derart zu einer komplexen Beschreibung, dass eine einzige thematische „Hauptaussage“ fast keiner Textstelle gerecht werden könnte. Würde man nun wieder die einzelnen Berichte an sich unterteilen, um sie thematisch zu sortieren, wären aus dem Zusammenhang nur mit größter Mühe Rückschlüsse zu ziehen und die vielen einzelnen Aspekte würden zudem zu einer enormen Undurchsichtigkeit führen - Gesamtaussagen und übergeordnete Absichten wären darin nicht mehr zu erkennen.
I.4 Umfang und Vollständigkeit
Die in dieser Arbeit untersuchten Textstellen sind alle Stellen, an denen Josephus sich auf eine der drei (bzw. vier) Schulen bezieht. 6 Hierbei wurden zur Charakterisierung der jeweiligen Schule vorrangig die Stellen berücksichtigt, in denen auch der Name der Sekte als Begriff genannt wird - damit soll gesichert sein, dass Josephus hier bewusst über die Schule und deren Philosophie spricht. Des Weiteren sind einzelne Stellen vorhanden, an denen sich Josephus zwar auf eine Person bezieht, deren Schulzugehörigkeit er an anderer Stelle nennt, im geänderten Kontext aber (bewusst) unerwähnt lässt. Auch solche Passagen werden in die Auswertung mit einfließen, da sie Rückschlüsse über die Differenzierung zwischen Schule und Mitglied, sowie Lehre und Praxis zulassen können.
Wo dies sinnvoll erscheint, werden außerdem Bezüge zu biblischen Texten (Evangelien und Apostelgeschichte) genannt, die als Vergleich dienen können. Allerdings wird hier keine vollständige Untersuchung angestrebt, es soll sich lediglich um Hinweise handeln.
I.5 Zum Begriff „Schule“
Die im Laufe dieser Arbeit häufig verwendeten Begriffe „Schule”, „Partei”, „Sekte“ oder „Philosophie“ sollen keine unterschiedlichen Wertungen oder auch nur Deutungsnuancen symbolisieren. Ich verwende sie in gleicher Weise als Synonyme, wie es Josephus selbst in seinen Werken tat: “For all four groups, he [Josephus] uses without difference in meaning the terms ai[ resij […], ge, noj […], ei= doj […], ta, gma […]; thereby, as filosofei/ tai in BJ II, 119 shows, the groups are described and understood in
6
Die hierzu verwendete Datenbank ist vorrangig diejenige von BibleWorks (Version 6.0.005y / 2003), in der alle Texte im griechischen Original sowie in der englischen Übersetzung gegeben sind. Teilweise wurde zur Kontrolle auch die Datenbank des Perseus-Projekts verwendet (PERSEUS,
Tufts University -Department of the Classics
(no date),
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 8
the sense of philosophical schools.” 7 Josephus hat stets auch die philosophische Komponente im Blick, wenn er eine der Schulen beschreibt - dies wird sich noch als einer seiner Schwerpunkte herausstellen. Da er alle vier Schulen zunächst grundsätzlich als auf einer (Disputation- bzw. Untersuchungs-) Ebene betrachtet und dementsprechend historiographisch prinzipiell gleichwertig behandelt, dürfen die verschiedenen Begriffe nicht zur jeweilig abweichenden Interpretation herangezogen werden. Um gleich zu Beginn eine genauere Vorstellung der einzelnen Bedeutungen der von ihm verwendeten Begriffe zu geben, sollen nun die verschiedenen griechischen Lemmata und - wo dies möglich und sinnvoll erscheint - auch der engere Kontext untersucht werden. 8
I.5.1 A Ai[ resij i[ resij A A i[ resij i[ resij
Das LSJ-Lexikon erklärt die Bedeutung von ai[ resij wie folgt:
I. (ai` re, w)
(1) a taking, esp. of a town (2) means for taking a place
II. (ai` re, omai)
(1) a taking for oneself, a choosing, choice […] to give or offer choice […] (2) choice or election of magistrates (3) a choice, deliberate plan, purpose
(4) a sect, school, etc.: esp. a religious sect, such as the Sadducees and Pharisees, N.T. (5) a heresy, Eccl.
Neben einer „Annahme“ bzw. „Wahl“ (im Sinne einer Überzeugung), tritt in dem bei Josephus gegebenen Kontext am stärksten die religiös-philosophische Komponente hervor, der die Begriffe „Sekte/Partei“, „Schule“ oder auch „Häresie“ am deutlichsten entsprechen. Wobei „Häresie“ heutzutage am ehesten im kirchlichen Sinne einer abweichenden, meist als „falsch“ bezeichneten Überzeugung verstanden wird und daher für die Zwecke der folgenden Untersuchungen missverständlich wäre. 9 In diesem „schulischen“ Zusammenhang werden vom LSJ auch direkt die Parteien der Sadduzäer
7 BAUMBACH, The Sadducees in Josephus, 174.
8 Als Referenz zu den Lemmata dienen die Angaben des LSJ (LIDDELL/SCOTT/JONES, A Greek-English Lexicon, Oxford 1996). Als Werkzeug zur effizienten und gründlichen Kontextuntersuchung innerhalb der griechischen Schriften des Josephus werden wieder BibleWorks und Perseus Verwendung finden.
9 Darum wird auch der Begriff „Häresie“ in dieser Arbeit nicht verwendet.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 9
und Pharisäer genannt. - Aber auch „Wahl“ und „Partei“ im Sinne einer Ernennung für Ämter bzw. Magistrate wird sich in den von Josephus vorliegenden Berichten noch als zutreffend erweisen.
In den 31 Textstellen, bei denen dieser Begriff von Josephus verwendet wird, erscheinen alle Bedeutungsvarianten, weshalb keine besonders vorzuziehen ist. Im Zusammenhang mit den drei philosophischen Richtungen erscheinen aber am ehesten „Schule“ oder „Wahl“ (im Sinne einer überzeugten Ansicht) zutreffend zu sein.
I.5.2 G Ge, noj e, noj G G e, noj e, noj
LSJ gibt die Bedeutung von ge, noj wie folgt wieder:
(1) race, stock, family […]
(2) offspring, even a single descendant, a child, Lat. genus […] (3) collectively, offspring, posterity […]
(4) a race, in regard to number, gÅ av ndrw/ n mankind […], a clan or house, Lat. gens […], a tribe, as a subdivision of e; qnoj […], a caste […] , a breed [of animals …] (5) a race in regard to time, an age, generation […] age, time of life […] (6) sex, gender […] (7) a class, sort, kind […] (8) in Logic, genus, opp. to ei= doj […]
Neben der sicher am häufigsten verwendeten Bedeutung als „Geschlecht”, „Herkunft“, „Familie“ oder „Stamm“, bleibt hier wieder die zu Religion und Philosophie passende Übersetzung „Klasse“ bzw. „Familie“ im Sinne einer allgemeinen (Partei-) Zugehörigkeit - nicht einer genetischen Abstammung.
Josephus verwendet diesen Begriff über 300 Mal in seinen Schriften, weshalb eine genaue Untersuchung des jeweiligen Kontextes den Rahmen des Möglichen und Praktikablen sprengen würde. Eine kurze Übersicht über die im direkten (namentlichen) Zusammenhang mit den Schulen verwendeten Stellen ergibt aber wiederum den Begriff „Geschlecht“ im Sinne einer „(Partei-) Zugehörigkeit“ als sinnvollste Übersetzung.
I.5.3 E Ei= doj i= doj E E i= doj i= doj
Die englischen Übersetzungen entsprechend dem LSJ für ei= doj sind:
(1) that which is seen, form, shape, figure, Lat. species, forma […] (2) a form, sort, particular kind or nature […] (3) a particular state of things or course of action […]
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 10
(4) a class, kind, sort, whether genus or species […]
Diese Übersetzungen haben mit den beiden vorigen wieder eine gemeinsame Schnittmenge. Dies trifft besonders auf die Begriffe „Klasse/Art“, „Spezies/Sorte“ bzw. „Geschlecht“ zu. Eine interessante Erweiterung der Bedeutungen zeigt sich allerdings durch „a particular state of things or course of action“ und „that which is seen, form, shape, figure“, was eine Betonung mehr auf das äußerlich Sichtbare, für Außenstehende Erkennbare, legen würde.
Josephus verwendet diesen Begriff nur 19 Mal - fast ausschließlich im Sinne von „Sorte“ oder „Art und Weise“ auf eine äußere Erscheinung bezogen.
I.5.4 T Ta, g a, gma ma ma ma T T a, g a, g
Das LSJ-Lexikon zeigt zu ta, gma folgenden Eintrag:
(1) ordinance, command
(2) fixed assessment or payment (3) body of soldiers, division, brigade (4) order, rank
(5) arrangement; status, function, being in a position
Auch in anderen Lexika 10 erscheint der Begriff ta, gma mit diesen Übersetzungen:
(1) a. properly, that which has been arranged, thing placed in order. b. specifically, a body of soldiers, a corps […] (A. V. order. Of the 'order' of the Essenes in Josephus, b. j. 2, 8, 3. 8).
(2) das Aufgestellte; im bes. Heeresabteilung, Legion; sp. (NT) Anordnung
Es geht hier wieder um eine Art „Partei“ im Sinne einer speziellen „Ordnung“, z.B. einer militärischen - aber auch im religiös-philosophischen Bereich dürfte dies zutreffen. Hier wird eine (auch äußerlich) geregelte Form, ein fester, geregelter Verband in den Vordergrund gerückt, was wieder eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vorigen Begriff (ei= doj) aufweist.
Über 150 Mal kommt dieser Ausdruck bei Josephus vor und wird bzgl. der „Schulen“ im Sinne einer religiös-politischen Ordnung (bzw. eben Partei/Schule) verwendet.
10 Referenzen: (1) THAYER, Thayer’s Greek Lexion, Peabody 1996. (2) GEMOLL, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1997.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 11
I.5.5 F Fi i i ilosofi, a losofi, a F F losofi, a losofi, a
Dieser Begriff wird wie folgt beschrieben:
(1) love of knowledge and wisdom, pursuit thereof, speculation, study […] (2) the systematic treatment of a subject, investigation […] (3) philosophy, the investigation […]
Diese Erklärungen zum Begriff „Philosophie“ lassen folgende Rückschlüsse zu: Es handelt sich um eine „Gruppe/Partei/Schule“, die das Wissen und die Weisheit liebt und durch intensives Studium sucht. Dies legt wiederum den Begriff „Schule“ für die drei Parteien im Allgemeinen sehr nahe.
Filosofi, a erscheint bei Josephus insgesamt nur acht Mal. 11 Die beiden ersten Stellen befinden sich in einem einzigen Paragraphen (Ant. Iud. 18,1,1 / 9) und zwar in direktem Zusammenhang mit der „vierten, rebellischen“ Schule des Judas und Sadduk. Die anderen Stellen beziehen sich vorrangig auf die Philosophie (bzw. Theologie) der Juden, die in Contra Apionem verteidigt werden.
I.6 Forschungsüberblick
Grundsätzlich nahm die Forschung zu Josephus (wie auch zum historischen Umfeld des Urchristentums und dem Judentum im Allgemeinen) besonders im 19. Jahrhundert einen starken Aufschwung. Besonders in Deutschland wurde viel zu diesen Themen geforscht. „Das intensive Interesse an Leben und Sprache der alten Welt brachte zahlreiche Nachschlagewerke, Handbücher, Enzyklopädien, Lexika, Atlanten und Wörterbücher hervor, und die archäologische Erforschung der Mittelmeerländer nach modernen methodischen Standards nahm ihren Anfang.“ 12 Es konnte ein deutlicher Fortschritt in den historischen Wissenschaften beobachtet werden - nicht zuletzt im Bereich der Text- und Quellenkritik, die auch die Werke des Josephus neu untersuchte. Gerade die Quellenkritik wurde in den Jahrzehnten von 1880 bis 1920 umfangreich auf seine Werke angewandt, um damit Fragen nach den Textvorlagen des Josephus zu beantworten. 13 Allerdings wird heute eine durchgehend quellenkritische Analyse der Werke des Josephus, die ihn als Schriftsteller nicht gelten lässt, durchwegs abgelehnt.
11 Die geringe Anzahl macht es möglich, die einzelnen Stellen anzugeben: Ios. Ant. Iud. 18,1,1 / 9; 18,8,1 / 259; C. Ap. 1,10 / 54; 1,22 / 166 + 177; 2,4 / 47; 2,31 / 223.
12 MASON, Flavius Josephus und das Neue Testament, 44f.
13 Ein Beispiel hierfür wäre das Werk von BLOCH, H., Die Quellen des Flavius Josephus in seiner Archäologie, Leipzig 1879. Dies ist eines der ersten quellenkritischen Werke zu diesem Thema. Höhepunkt wäre sicher G. HÖLSCHERS Artikel Josephus, in: PRE 9, Stuttgart 1916, 1934-2000. Vgl.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 12
Seit den späten 1960er Jahren ist man nun „mehr und mehr dazu übergegangen, Josephus aus einer anderen, viel angemesseneren Perspektive in den Blick zu nehmen, die fast mit jeder Neuerscheinung zu Josephus ausgebaut wird.“ 14 Diese neue Sicht lässt Josephus als eigenständigen Autor erscheinen, der zwar große Teile aus anderen Quellen übernahm, aber mit seiner eigenen Darstellung bestimmte Absichten verfolgte, die aus dem jeweiligen Kontext und der entsprechenden (Gesamt-) Kompilation seiner Werke zu ersehen sind.
Seit Herausgabe der Complete Concordance to Flavius Josephus (bzw. den heutigen modernen Datenbanken), lassen sich auch die spezifisch sprachlichen Eigenheiten besser untersuchen, was die Forschung erneut auf eine höhere Ebene hob. Inzwischen enthalten die Ausarbeitungen zu Josephus meist auch solche sprachlichen Untersuchungen, die das Verständnis bestimmter Stellen bzw. Phrasen verbessern können.
Nachdem Josephus vom frühen christlichen Zeitalter bis ins 19. Jahrhundert vorrangig als Quelle zu den historischen Hintergründen des Urchristentums und zur Kräftigung antisemitischer Strömungen diente 15 , ließ man gerade ab der Wende in den 1960er Jahren das eigenständige josephische Geschichtsbild deutlicher zur Geltung kommen. Dies hat sich bis in die heutige Forschung hinein erhalten, die die Werke des Josephus unter den Absichten und Zielsetzungen zu verstehen sucht, die er mit seinen Schriften (soweit nachweisbar) verfolgte. 16
Die aktuellere Forschung beschäftigt sich weiterhin besonders mit Themenstellungen, die vorrangig dem theologischen Bereich zuzuordnen sind. 17 Josephus gilt hierbei meist
hierzu auch DEINES, Die Pharisäer: ihr Verständnis im Spiegel der christlichen und jüdischen Forschung seit Wellhausen und Graetz, 59 (Anm. 47).
14 MASON, Flavius Josephus und das Neue Testament, 48.
15 Hiermit ist der Missbrauch bzw. die Instrumentalisierung der Schriften des Josephus im Sinne der christlich-antisemitischen Geschichtsinterpretation gemeint. Obwohl Josephus sich stets bemüht, die Juden weitgehend zu verteidigen, wurde seine Beschreibung des Jüdischen Krieges vielfach als Folge des göttlichen Zornes aufgrund der Kreuzigung Jesu Christi gedeutet. Als kurze Einführung in diese Thematik siehe auch: MASON, Flavius Josephus und das Neue Testament, 19-50. Zur Geschichte der Josephus-Rezeption siehe: SCHRECKENBERG, H., Die Flavius-Josephus-Tradition in Antike und Mittelalter, Leiden 1972.
16 Aus diesem Grunde wird ein Teil der vorliegenden Arbeit allein seinem Leben und seinen Werken gewidmet. Hierbei sollen mögliche schriftstellerische Absichten (soweit diese zu erkennen und nachzuweisen sind) aufgezeigt werden.
17
Einen sehr guten Überblick geben die aktuellen online-Datenbanken, die meist eine Auswahl der Bibliographie nach Erscheinungsjahren zulassen und damit einen ausführlicheren Einblick geben, als ich ihn hier (da selektiv) darstellen könnte. Ein gutes Beispiel (aufgrund der speziellen Datenbank zu Josephus) wäre: PACE - PROJECT
ON
ANCIENT CULTURAL ENGAGEMENT (no date),
Search-Terms:
„Josephus“ (Title)
and
„1990 to 2007“ (Year),
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 13
als Hauptquelle zur urchristlich-jüdischen Geschichte und kann wegen des Umfangs seiner Schriften eine Vielzahl verschiedenster Themen beleuchten. Besondere Stellung nehmen hierbei Studien zur jüdischen Tradition, zum jüdischen Gesellschaftsleben sowie zur Glaubenspraxis ein. Die Forschungsarbeiten mit christlichen Themen konzentrieren sich vorrangig auf die neutestamentliche Zeitgeschichte und die nähere Erforschung bestimmter Begriffe, die sowohl im Neuen Testament als auch bei Josephus Verwendung finden. Zum Teil wird er aber auch als Zeuge des allgemeinen jüdischen Verständnisses der alttestamentlichen Berichte im 1. Jahrhundert n. Chr. herangezogen.
Untersuchungen, welche die hier vorliegende Themenstellung anschneiden, teilen sich meist in zwei Gebiete: Zum einen werden die Pharisäer und Sadduzäer (teilweise auch gemeinsam) im Blick auf die biblischen Berichte untersucht - die Essener hingegen werden zum besseren Erschließen der Funde in Qumran betrachtet. 18 Ich habe keine Publikation finden können, die sich mit allen drei (bzw. sogar allen vier) Schulen an sich beschäftigen würde, ohne dies direkt auf das Umfeld des Neuen Testaments oder das antike Qumran zu beziehen. 19 Ungeachtet dessen können sie zur näheren Erschließung der einzelnen Schulen natürlich sehr hilfreich sein - was sich auch in der vorliegenden Ausarbeitung zeigen wird. 20
18 Gemeint sind besonders die literarischen Funde der (höchstwahrscheinlich) essenischen Sekte von Qumran (am Toten Meer; Funde ab 1947). Dieser Ort bzw. die Sektenschriften, die man dort fand, werden so eng mit der Sekte im Allgemeinen verbunden, dass „Qumran“ und „Essener“ schon fast als Synonyme gelten. Daher oft die direkte Bezugnahme zu Qumran, wenn die Essener untersucht werden sollen.
19 Jedoch zielen die folgenden aktuelleren Artikel in diese Richtung: NACHMAN, D., Josephus and the Halakhah of the Pharisees, Sadducees and Qumran. In: Zion, Vol. 67, Jerusalem 2002, pp. 401-433. BERGMEIER, R., Die drei jüdischen Schulrichtungen nach Josephus und Hippolyt von Rom; zu den Paralleltexten Josephus, "B.J." 2,119-166 und Hippolyt, "Haer." IX 18,2-29,4. In: Journal for the Study of Judaism, Vol. 34/4, o.A. 2003, S. 443-470. Hier werden aber nicht sämtliche Stellen in Josephus´ Werken untersucht, sondern vorrangig die „Schul-Passage“ in Bell. Iud. 2,8,2-14 / 119-166.
20 Hier wären besonders die folgenden Werke (einschließlich Artikel) zu nennen, die mir stets eine sehr gute Orientierung boten (an dieser Stelle nur die Kurzverweise, genauere Angaben zu den einzelnen Werken finden sich in der Bibliographie): BAUMBACH, The Sadducees in Josephus. BEALL, Josephus’ Description of the Essenes - Illustrated by the Dead Sea Scrolls. BERGMEIER, Die Essener-Berichte des Flavius Josephus. DEINES, Die Pharisäer: ihr Verständnis im Spiegel der christlichen und jüdischen Forschung seit Wellhausen und Graetz. FELDMAN/HATA (Hgg.), Josephus, Judaism and Christianity. FELDMAN/HATA (Hgg.), Josephus, the bible, and history. MAIER/SCHUBERT, Die Qumran-Essener. MASON, Flavius Josephus und das Neue Testament. NEUSNER, Josephus´ Pharisees: A Complete Repertoire. SALDARINI, Pharisees, Scribes and Sadducees. SCHUBERT, Die jüdischen Religionsparteien in neutestamentlicher Zeit. STEMBERGER, Pharisäer, Sadduzäer, Essener. GOODMAN, A Note on Josephus, the Pharisees, and Ancestral Tradition. HADAS-LEBEL, Flavius Josephus, Historian of Rome. MASON, Flavius Josephus on the Pharisees - A Composition-Critical Study. MASON, Priesthood in Josephus and the “Pharisaic Revolution”. RAJAK, Ciò che Flavio Giuseppe vide: Josephus and the Essenes. RIESNER, Das Jerusalemer Essenerviertel und die Urgemeinde. WAHLDE, The Realtionships between Pharisees and Chief Priests.
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 14
II POLITISCH-RELIGIÖSE HINTERGRÜNDE
Hier müssen nun zunächst die politischen Veränderungen angesprochen werden, die mit der Machtübernahme und dem anschließenden Prinzipat des Augustus 21 einhergingen. Diese Zeit zeichnete sich durch tiefgreifende Umwälzungen im System der römischen Machtverteilung aus, das einen Übergang der Römischen Republik zur Kaiserzeit erlebte. Diese wiederum bildet die politische Grundlage für die Verhältnisse des 1. Jahrhunderts n. Chr., sowohl auf politischem, als auch auf sozialem und religiösem Gebiet.
II.1 Augusteisches Prinzipat
II.1.1 Vorgeschichte
Nach der Ermordung des zuletzt mit der Macht eines Diktators herrschenden Gaius Iulius Cäsar 22 im Jahre 44 v. Chr. macht es sich dessen treuer Anhänger und Konsul
21 Geboren als Gaius Octavius (Octavianus) am 23. 9. 63 v. Chr. in Velitrae, gestorben am 19. 8. 14 n. Chr. in Nola. Er war Großneffe Cäsars und wurde von diesem testamentarisch adoptiert und zum Erben eingesetzt. Den Ehrentitel „Augustus“ (der Verehrungswürdige/Erhabene) erhielt er durch den Senat im Jahre 27 v. Chr. und blieb Kaiser bis zu seinem Tode im Jahr 14. n. Chr. (Vgl. hierzu auch)
22 G. I. Cäsar war römischer Feldherr, Staatsmann und Schriftsteller. Geboren wurde er am 13.7.100 v. Chr., ermordet am 15.3.44 v. Chr. in Rom.
Ein kurzer Abriss seines Lebens: 68 v. Chr. Quaestor in Spanien, 63 v. Chr. zum Pontifex Maximus gewählt, ging 62-61 v. Chr. als Propraetor nach Spanien. Im Jahr 60 v. Chr. schloss Cäsar das 1. Triumvirat, ein geheimes Abkommen mit Pompeius und Crassus gegen die Partei der Optimaten; 59 v. Chr. wurde er Konsul, ging im Jahr darauf als Prokonsul für fünf Jahre nach Gallien und setzte nach Ablauf dieser Frist die Verlängerung seiner Amtszeit bis zum Jahr 51 v. Chr. durch. Cäsar unterwarf u. a. die Kelten in Gallien (Bellum Gallicum 58-51). Als er sich in Abwesenheit für das Jahr 48 v. Chr. zum zweiten Mal um das Konsulat bewarb und bis dahin bei seinem Heer in Gallien bleiben wollte, beschloss der Senat, Cäsar habe sein Heer zu entlassen und auf die Provinzen zu verzichten; gleichzeitig wurden dem Pompeius und den übrigen Amtsträgern diktatorische Vollmachten übertragen. Nun ergriff Cäsar die Initiative, überschritt 49 v. Chr. mit seinem Heer den Rubikon (damals der Grenzfluss zwischen Italien und Gallia cisalpina), eroberte in zwei Monaten Italien und bald darauf Spanien und brachte 48 v. Chr. Pompeius bei Pharsalos in Thessalien eine entscheidende Niederlage bei. Pompeius entwich nach Ägypten und wurde dort ermordet. Cäsar besetzte Alexandria und entschied den ptolemäischen Thronstreit für Kleopatra, die er 47 v. Chr. als Königin Ägyptens einsetzen konnte. Nach seinem Sieg über die Reste der Pompeianer in Nordafrika bei Thapsus 46 v. Chr. und in Südspanien bei Munda 45 v. Chr. wurde ihm die Diktatur auf Lebenszeit übertragen.
Damit war Cäsar Herr des Römischen Reichs und begann, seine Pläne zur Erneuerung Roms zu verwirklichen. Obgleich Cäsar die ihm angetragene Königswürde ablehnte, wurde der Widerstand der Republikaner gegen seine Alleinherrschaft immer größer; es bildete sich eine Verschwörung unter Führung von Marcus Brutus und Cassius - und in der letzten Senatssitzung vor seinem Aufbruch zum Partherkrieg wurde Cäsar erstochen. Cäsar hinterließ keine legitimen Kinder und hatte in seinem Testament seinen Großneffen Octavius (den späteren Kaiser Augustus) als Erben eingesetzt. Er gab der historischen Entwicklung des Römischen Reichs eine völlig neue Wendung und beschleunigte den Prozess, der zum römischen Kaisertum führte. (Vgl. DAS GROßE BERTELSMANN LEXIKON 2002, „Cäsar, Gaius Ilius“)
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Marcus Antonius 23 zur Aufgabe, die Cäsarmörder zu vertreiben. Er selbst hatte sich die Nachfolge Cäsars und damit dessen Macht zum Ziel gesetzt, sieht sich auf seinem Weg aber durch Oktavian, den erst 19-jährigen Großneffen Cäsars, gefährdet. Dieser wurde von Cäsar testamentarisch adoptiert und hatte auch dessen Namen „Cäsar“ geerbt. 24 Dieser „junge Cäsar“ erreichte durch geschicktes Agieren den Konsulat und durch den Mutinensischen Krieg (43 v. Chr.) auch eine Machtposition, die Oktavian und dessen Verbündeten Lepidus dazu brachte, im Jahre 43 v. Chr. bei Bononia das 2. Triumvirat abzuschließen, das ihnen außerordentliche Vollmachten übertrug. Es kam zu blutigen Proskriptionen (bei denen auch Cicero umkam) und schließlich auch zu einem Sieg des Marcus Antonius über die Cäsarmörder Brutus und Cassius 42 v. Chr. bei Philippi, die in der Folge ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende setzten. Die „Konflikte zwischen den Machthabern, die im Perusinischen Krieg (40) kulminieren, werden durch den Vertrag von Brundisium (40) notdürftig beigelegt: Antonius, der die Schwester Octavians heiratet, erhält als Einflußsphäre den Osten, der junge Cäsar den Westen und Lepidus Africa mit sechs Legionen.“ 25
Oktavian gelang es später, die Armeen des Lepidus abzuwerben und damit seine militärische Macht zu erweitern. Er propagierte gegen seinen Konkurrenten Marcus Antonius, der inzwischen eine Beziehung mit Kleopatra 26 unterhielt. „Nach dem
23 Marcus Antonius war römischer Staatsmann, geboren 82 v. Chr., gestorben 30 v. Chr. in Alexandria. Er war Anhänger Cäsars, sicherte sich nach dessen Ermordung Testament und Staatsschatz und wiegelte das Volk gegen die Mörder auf. Durch die Vermittlung von Marcus Aemilius Lepidus schloss Antonius mit diesem und Oktavian (dem späteren Augustus) das 2. Triumvirat zur Neuordnung des Staates. 42 v. Chr. wurden die Mörder Cäsars von Antonius in der Schlacht bei Philippi geschlagen. Nach Auseinandersetzungen mit Oktavian kam es 40 v. Chr. zwischen den Triumvirn zum Vertrag von Brundisium. Antonius erhielt bei der dort beschlossenen Teilung des Reiches den Osten. Er vermählte sich in Ägypten mit Königin Kleopatra. Ihr und den gemeinsamen Kindern schenkte er im Stil orientalischer Herrscher ganze Provinzen. Der Senat erklärte Kleopatra den Krieg. Sie und Antonius wurden 31 v. Chr. von Oktavian in der Schlacht bei Aktium geschlagen, Antonius endete durch Selbstmord. (Vgl. BERTELSMANN ENZYKLOPÄDIE 2008, „Marcus Antonius“)
24 Darum auch die Bezeichnung „Der junge Cäsar“ für Oktavian.
25 WEILER, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, 131.
26
Kleopatra VII. („Kleopatra die Große“) wurde 69 v. Chr. geboren und starb 30 v. Chr. in Alexandria durch Selbstmord an einem Schlangenbiss. Sie wurde als Tochter des Ptolemaios XII. Auletes ägyptische Königin von 51-30 v. Chr. Sie regierte seit 51 v. Chr. als Frau ihres Bruders Ptolemaios XIII. († 47 v. Chr.), später ihres Bruders Ptolemaios XIV. Sie war die letzte Vertreterin der Ptolemäer-Dynastie in Ägypten. Sie wollte ihrem Land und ihrer Dynastie den alten Glanz und die frühere Macht zurückzugeben. Sie versicherte sich der Unterstützung Cäsars im Alexandrinischen Krieg (48/47 v. Chr.) gegen ihren Bruder und lebte 46-44 v. Chr. in Rom. Der Verbindung mit Cäsar entstammt der Sohn Kaisarion (* 47 v. Chr.). Nach Cäsars Ermordung wurde sie Geliebte und Ehefrau (37 v. Chr.) des Marcus Antonius (sie hatten auch drei gemeinsame Kinder). Der Machtkampf zwischen Antonius und Oktavian endete mit der Niederlage der ägyptischen Flotte bei Actium im Jahre 31 v. Chr. (Vgl. DAS
GROßE
BERTELSMANN LEXIKON 2002, „Kleopatra“; s. auch: INTERCITY OZ INC (1996),
Cleopatra VII - Ptolemaic Dynasty,
FLAVIUS JOSEPHUS UND DIE PHILOSOPHISCHEN SCHULEN DER JUDEN 16
Schwur Italiens und der Westprovinzen für Oktavian wird Kleopatra (nicht Antonius) der Krieg erklärt, in welchem in der Seeschlacht bei Actium (31) die vorzeitige Flucht der Königin und das Geschick Agrippas für Oktavian entscheiden. Nach einem letzten Versuch von Widerstand in Ägypten, ihrem Zufluchtsort, begehen Kleopatra und Antonius Selbstmord. Das Land der Pharaonen wird römische Provinz.“ 27
II.1.2 Oktavian als Alleinherrscher
Nachdem Oktavian sich gegen seine Kontrahenten Marcus Antonius und Kleopatra durchgesetzt und Ägypten erobert hatte (30 v. Chr.), galt er als Alleinherrscher des Reiches. Er handelte milde an seinen ehemaligen Gegnern und Anhängern des Antonius im Osten des Reiches, solange sie nicht zu deutlich und überzeugt für Antonius und Kleopatra gegen ihn gekämpft hatten. Daher durften die Städte und Fürsten der östlichen Reichsgebiete weiterhin von der Pax Romana profitieren und wurden (zumindest größtenteils) nicht geächtet. Unter ihm wurde so die vorherige Teilung der Machtsphären in Ost und West (und Afrika) aufgehoben. Zu den ersten Maßnahmen der Konsolidierung seiner Macht gehörte die Tötung Caesarions, des Sohnes Cäsars mit Kleopatra, da dieser legitime Ansprüche auf die Thronfolge hätte stellen können. Nach einer Neuordnung des Ostens zog er 29 v. Chr. mit einem Triumphzug in Rom ein und „säuberte“ den Senat 28 . Dieser verlieh Oktavian 28/27 v. Chr. den Ehrentitel Princeps. Als er 27 v. Chr. seine Gewalt als Triumvir niederlegte, drängte der Senat ihn dazu, die Provinzen Ägypten, Syrien, Gallien und Spanien zu befrieden und die Grenzen des Reiches zu sichern. Er bekam zum Dank den zukünftigen Kaisertitel Imperator Caesar Augustus 29 verliehen. Im Gemeindestaat Rom erhält er das Konsulat und mit seinem Oberbefehl über die Heeresmacht und seine Führungsrolle in der Außenpolitik ist er nun der oberste und alleinige Imperator des Römischen Weltreiches. 30
27 WEILER, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, 131.
28 Vgl. Suet. Aug. 35.
29 Dieser Titel wird fortan zum festen Bestandteil des kaiserlichen Namens. 30 Er beschreibt seine damalige Machtposition und auch sein Ansehen vor Senat und Volk folgendermaßen: „In meinem sechsten und siebten Konsulat habe ich, nachdem ich die Flammen der Bürgerkriege gelöscht hatte und mit der einmütigen Zustimmung der gesamten Bevölkerung in den Besitz der staatlichen Allgewalt gelangt war, das Gemeinwesen aus meiner Machtbefugnis wieder der Ermessensfreiheit des Senats und des römischen Volkes überantwortet. Für dieses mein Verdienst wurde mir auf Beschluß des Senats der Name Augustus gegeben. Die Türpfosten meines Hauses wurden auf staatlichen Beschluss mit Lorbeer geschmückt, und ein Bürgerkranz wurde über meinem Tor angebracht. Ein goldener Schild wurde in der Curia Julia aufgestellt, den mir der Senat und das römische Volk geweiht haben wegen meiner Tapferkeit [virtus] und Milde [clementia], meiner Gerechtigkeit [iustitia] und Hingabe [pietas], wie es die Aufschrift auf diesem Schild bezeugt. Seit dieser Zeit übertraf ich alle
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Zu seinen wichtigsten Maßnahmen zählte die Belohnung und Ansiedlung von ca. 120.000 Veteranen, wodurch er zum wichtigsten Fürsprecher der Soldaten wurde und als „Garant“ für deren soziale Sicherheit galt. Hierbei war ein taktisch sehr entscheidender Zug derjenige, dass er bei dieser Belohnung keinen Unterschied zwischen den Angehörigen seiner eigenen Heere und denen seiner Gegner machte. So konnte er das Militär - und damit wiederum den Garanten seiner eigenen Machtposition - noch fester an sich binden.
Durch die Übertragung der tribunizischen Gewalt am 1. Juli 23 v. Chr. war auch ein (bisher schon nur noch theoretisch möglicher) Einspruch des Volkstribuns gegen Beschlüsse des Senats bzw. des Kaisers unmöglich. Nachdem er 19 v. Chr. auch die konsularische Gewalt (imperium consulare) auf Lebenszeit erhielt und dazu auch die Sittenaufsicht (cura morum) auf 5 Jahre, hatte er Amtsbefugnisse inne, ohne die Ämter selbst zu bekleiden. Er war politisch allmächtiger Herrscher und wurde ab 12 v. Chr. auch noch zum Augustus Pontifex Maximus (und damit zum Obersten religiösen Führer und Schutzherrn des Kultwesens) ernannt und schließlich wurde er auch als Pater Patriae (Vater des Vaterlandes) bezeichnet, was seine Verdienste um das Römische Volk und deren darauf erwiderte liebevolle Anerkennung verdeutlichen sollte. 31 Der Senat verwaltet neben dem Staatsschatz von nun an die befriedeten Provinzen, während die unruhigen Gebiete dem Kaiser anheimfielen - womit der Senat letztlich jede direkte Gewalt über das Militär aufgab und Augustus überließ. Die Finanzverwaltung fiel dem Kaiser zu, der Stand der Ritterschaft wurde zum Dienstadel erhoben und erhielt damit das Kommando über die kaiserliche Leibgarde der Prätorianer, Beamten und Präfekten. Freunde des Kaisers (amici caesaris) wurden zu dessen wichtigsten Beratern.
II.1.3 Augustus als Heilsbringer
Augustus zeichnete sich durch eine umsichtige und weitgehend vernünftig-effektive Politik aus, die dem Reich eine lange Zeit kultureller und wirtschaftlicher Blüte 32 brachte, jedoch wurde seine Beschneidung der Senatsbefugnisse und die eigene
übrigen an Autorität, an Amtsgewalt aber besaß ich nicht mehr als die anderen, die auch ich im Amt zu Kollegen hatte.“ (Res gestae divi Augusti 34.)
31 Er selbst berichtet hierzu: „Als ich mein dreizehntes Konsulat verwaltete, gaben mir der Senat, der Ritterstand und das römische Volk einmütig den Titel „Vater des Vaterlandes“. Sie beschlossen, dies solle inschriftlich verzeichnet werden in der Vorhalle meines Hauses sowie in der Curia Julia und auf dem Augustusforum auf der Basis des Viergespanns, das mir dort auf Senatsbeschluß hin errichtet worden war. […]“ (Res gestae divi Augusti 35)
32 Entsprechend seiner großen Leistungen für das Reich wird diese Zeit allgemein als das „augusteische Zeitalter“ bezeichnet.
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Machterweiterung nicht von allen begrüßt. Dennoch galt er den meisten als Friedens-und sogar Heilsbringer Roms.
„Die Wurzeln des Reiches […] waren tief und verzweigt; sie reichten nicht nur in die römische Republik zurück, sondern auch in das Mazedonische Reich Alexanders und in die griechischen Stadtstaaten. Allmählich wurde das Imperium fähig, seine philosophische Rechtfertigung im Kosmopolitismus der späteren Stoa zu suchen; doch zunächst bedurfte es keiner Rechtfertigung über seine eigenen Errungenschaften hinaus. Eine Welt, die des Bürgerkrieges mit seiner sozialen und wirtschaftlichen Unordnung und Not müde war, fand sich bereit, den Sieger von Aktium als Retter zu begrüßendenn was verlangte der einfache Mann schließlich anderes von seinen Göttern als Frieden, Sicherheit und soziale Wohlfahrt, wie Augustus sie ihm garantierte? Natürlich gab es Unzufriedene. Die Senatorenfamilien beklagten die Veränderungen, die sie ihres Einflusses beraubten und die Macht in die Hände eines Mannes legten, der über Leben und Eigentum, wenn auch mehr oder weniger verhüllt, letztlich die Entscheidungsgewalt besaß. Doch für die Menge bedeutete der Senat wenig, und die Provinzen wußten, daß sie weit besser regiert wurden als je zuvor unter der Republik.“ 33 Augustus wurde schon zu seinen Lebzeiten in den Provinzen als Gott verehrt. Nach seinem Tod und der anschließenden, offiziellen consecratio (Vergöttlichung) schließlich auch in Rom. 34
„In scharfen Kontrasten zeichnen uns die Zeugen des großen Umschwunges den Gegensatz der Stimmungen des alten und des neuen Zeitalters. Die seit Sulla sich unaufhörlich erneuernden Schrecken der Revolution, die Proskriptionen, der beständige Wechsel der Besitzverhältnisse, die Verwilderung der Gesellschaft und Entfesselung der unbändigsten Leidenschaften lasten schwer auf der Menschheit. Man steht unter dem Gefühle, als wenn ein unsühnbarer Fluch durch die Geschlechter fortwirke […] Da ersteht in Augustus der Retter und Heiland. Seit seinem Siege über Antonius bei Actium i. J. 31 ergreift die neue Stimmung, die seit dem Frieden von Brundisium (40) sich vorbereitet, die ganze Menschheit. Daß auch er den Weg durch rücksichtslose Gewalt und ungerechte Bluttaten sich gebahnt hat, vergißt man, und man übersieht den revolutionären Ursprung seiner Macht, seit das gesicherte Regiment wieder geordnete Verhältnisse geschaffen hat.“ 35
33 BARRET, Die Umwelt des Neuen Testaments,12.
34 Zum römischen Kaiserkult siehe auch: KLAUCK, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II, 45-73.
35 WENDLAND, Die hellenistisch-römische Kultur, 142f.
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II.1.4 Politische Grundstrukturen
Die starken strukturellen Veränderungen unter der Herrschaft des Augustus blieben seinen Nachfolgern auf dem kaiserlichen Thron im 1. Jahrhundert n. Chr. grundsätzlich erhalten. Das Römische Reich, das im 1. Jh. v. Chr. durch neue Eroberungen stark angewachsen war 36 , zeigte vor dem Übergang der Macht an Augustus strukturelle Probleme in der Verwaltung, da dieses große Imperium noch immer wie ein Gemeindestaat (eben wie der ursprüngliche Stadtstaat Rom) verwaltet wurde. Auch die Vermehrung der ehrenamtlichen Magistratsämter konnte dieses Defizit nicht ausgleichen. Das Hilfsmittel der außerordentlichen Imperien und mehrjährigen Provinzstatthalterschaft führte indes zu verstärktem Machtstreben und damit zu persönlicher Bereicherung der jeweiligen Provinzialherren. Neben dem hierdurch schon gegebenen Drang verschiedener Machthaber zu einem autonomen Herrschaftsstil, wird die Machtkonzentration auf einzelne Männer noch durch die Heere von Berufssoldaten verstärkt, die allein ihrem Anführer loyal sein mussten - unabhängig von jeder Bindung an den Staat und politischen Idealen. Der Meistbietende konnte sich damit die stärkste militärische Macht sichern. Die althergebrachten Ordnungselemente des Staates, die Comitien 37 und der Senat, verloren zudem stetig an Bedeutung, die Kompetenzgrenzen der alten Einrichtungen wurden immer unsicherer.
In diese Zeit des augenscheinlich bevorstehenden Umbruchs trat Augustus, dem es nun gelang „trotz Beibehaltung vieler Institutionen der Republik (Senat, Magistrate, Priesterämter etc.) […] das Imperium von einer nach außen nicht betonten, dafür aber umso effizienteren monarchischen Gewalt, gehandhabt vom Princeps“ 38 zu lenken - der Einfluss der Comitien wurde weitgehend ausgeschaltet. So konnte die Alleinherrschaft erreicht werden, ohne die formellen Institutionen der Republik aufzulösen - sie wurden lediglich ihrer Macht beraubt. Die neue, herausragende Position des Kaisers beruhte nun vorrangig auf (1) dem neuen, stehenden Berufsheer; (2) der überragenden Finanzgewalt (fiscus und res privata); (3) der neuartigen, überwältigend mächtigen Ämterkumulierung in der Hand eines einzigen Mannes - dem Princeps. 39 Neben der bereits genannten Aufteilung der Provinzen in „senatorische“ und „kaiserliche“, wird auch die Beamtenschaft nun hoch besoldet und damit das ehemalige
36 Eine Übersichtskarte zur Größe des Imperiums unter Augustus findet sich Anhang.
37 Die Comitien waren Versammlungen des gesamten, in Kurien (Kuriatkomitien), Zenturien (Centuriatkomitien) oder Tribus (Tributkomitien) gegliederten römischen Volkes. Sie dienten der Rechtsprechung, der Wahl von Beamten und der Entscheidung über Krieg und Frieden. (Vgl. hierzu auch DAS GROßE BERTELSMANN LEXIKON 2002, „Komitien“)
38 WEILER, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, 139.
39 Vgl. ebd., 139f.
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Ehrenamt aufgelöst. Auch hierdurch entsteht natürlich in letzter Konsequenz eine Bindung an den Geldgeber. Neben den Rittern im Bereich der kaiserlichen Verwaltung dringen nun auch immer stärker die Freigelassenen in die Hofämter ein. Die römische Prätorianergarde und besonders deren Präfekten werden zunehmend zu einem Machtfaktor bei Fragen einer unklaren Thronfolge, bei der nun deutlich dynastische Absichten erkennbar sind. 40
Die wichtigsten Stützen der augusteisch-kaiserlichen Autorität bildeten hierbei zusammenfassend folgende Elemente 41 :
(1) Der Kaiser besitzt die oberste Aufsichts- und Befehlsgewalt über die Provinzen und die dort stationierten Legionen. Dies verleiht ihm die höchste militärische Macht und damit einen soliden Schutz seiner Herrschaft.
(2) Er hat die Rechte des Volkstribuns inne, ohne das Amt selbst zu bekleiden, wodurch das Vetorecht dieses Volksvertreters ausgeschaltet ist. Zudem ist er selbst von allen Gesetzen entbunden - und damit im Besitz einer vollkommenen, unabhängigen Entscheidungsfreiheit.
(3) Macht und Aufgabenbereiche des Konsulats, der Zensur und der Getreideversorgung (curatio annonae) waren - wenn auch nicht immer, so doch zumindest zeitweise - in seiner Person vereinigt.
(4) Neben diesen Ämtern stand auch die nicht zu unterschätzende Macht des Geldes auf seiner Seite: „Die Einkünfte aus den kaiserlichen Provinzen fließen in von Praefekten des Princeps verwaltete Kassen; der Fiscus als zentrale kaiserliche Kasse allerdings ist erst seit Claudius nachweisbar. Dazu kommt das riesige Privatvermögen (res privata), das nicht zuletzt durch die Einkünfte Ägyptens gespeist wird, denn diese ‚römische Provinz‘ ist de facto eine Krondomäne, verwaltet vom kaiserlichen praefectus Aegypti.“ 42 „Laufende und sehr beträchtliche Einnahmeposten bildeten ferner die bona vacantia, bona cadua und bona damnatorum, d. h. Güter ohne Besitzer und
40 Auch wenn die Kaiser nach Augustus zunächst stets adoptierte Nachfolger sind, so ist hier doch der klare Gedanke der Machterhaltung innerhalb der eigenen familiären Grenzen zu erkennen. Die Machtübertragung erfolgte nicht mehr durch Wahlen oder Beschlüsse des Senats, sondern durch die Adoption eines möglichst vielversprechenden, fähigen und loyalen Nachfolgers.
41 Vgl. WEILER, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, 133f.
42 Ebd., 134.
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Güter, deren Besitzer wegen strafrechtlicher Vergehen abgeurteilt worden waren. Zudem wurden die Kaiser immer wieder als Erben bedacht. […] Schließlich muß an die Einkünfte aus dem gewaltigen kaiserlichen Privatvermögen (patrimonium Caesaris) erinnert werden. Schon Augustus hatte hier mit den Konfiskationen und Proskriptionen in der ausgehenden Bürgerkriegszeit, mit Beutegewinnen, Enteignungen (vor allem von Kronland in Ägypten) und den Erbschaften, die ihm - beginnend mit den Besitztümern Caesars - zuflossen, ein solides Fundament gelegt. Unter seinen Nachfolgern, die ebenfalls massiv von Erbschaften und Legaten profitierten sowie in teilweise erheblichem Umfang Güter konfiszierten, dehnte sich der kaiserliche Besitz dann stetig weiter aus, zumal nun die Phase der Majestätsprozesse und damit einhergehenden Vermögenseinziehungen einsetzte.“ 43
(5) Verschiedene Priesterämter wie das des Auguren 44 oder Fetialen 45 geben ihm auch auf religiösem Gebiet eine Vorrangstellung. Wichtigste Eigenschaft war aber der Titel des Pontifex Maximus 46 und damit des obersten Hüters des Kultes.
(6) Die Autorität des Kaisers beruhte neben seinen vielfältigen Ämtern auf politischem und religiösem Sektor auch auf einer „übermenschlichen“ Bedeutung: Er wird als Gott verehrt. Diese Divinität verleiht ihm neben den rein materiellen Verfügungsgewalten auch einen geistlich-transzendentalen Einflussbereich und damit eine „überirdische“ Macht. 47
43 DREXHAGE, Die Wirtschaft des Römischen Reiches, 45.
44 Auguren waren römische Priester, die bei bevorstehenden wichtigen Staatshandlungen den Willen der Götter aus dem Vogelflug, den Eingeweiden der Opfertiere u.a. deuteten.
45 Die Fetialen waren ein altrömisches Priesterkollegium, das aus 20 Mitgliedern bestand, die Einhaltung völkerrechtlicher Normen überwachte und auch die Kriegserklärungen vollzog.
46 Wörtlich: „Oberster Brückenbauer/Wegbereiter“ - der Brücke bzw. des Weges zu den Göttern. „[Der] Pontifex [… war …] im alten Rom Mitglied des Priesterkollegiums. Die Pontifizes waren Haupterben der sakralen Macht der Könige. Ihnen oblag, soweit nicht besondere Priestertümer eingesetzt waren, die Ordnung des gesamten Kultus des römischen Staates. Sie waren maßgebende Autorität in allen Fragen des Sakralrechts und schufen durch fortlaufende Entscheidungen und Anpassung der alten Normen an die jeweiligen Lebensbedingungen neues Recht. An der Spitze des Kollegiums der Pontifizes stand der Pontifex maximus. Dieses Amt war in der Kaiserzeit mit der Person des Herrschers verbunden. Zum Kollegium der Pontifizes gehörten ferner die Flamines […], die Vestalinnen und der Rex Sacrorum. Die Pontifizes bestanden bis Ende des 4. Jh. nach Christus.“ (DER BROCKHAUS RELIGIONEN - Glauben, Riten, Heilige, „Pontifex“)
47 Vgl. zum Thema des Kaiserkults in römischer Zeit auch: KLAUCK, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II, 17-74.
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II.1.5 Die Provinz Judäa
Was nun die Durchsetzung jener politischen Grundstrukturen in Palästina (genauer: der Provinz Judäa) betrifft, so könnte dies großteils als schwieriges Vorhaben gewertet werden. Judäa war ab dem Jahre 63 v. Chr. römische Provinz und kurz vor der Zeitenwende (im Jahre 4 v. Chr.) starb einer der berüchtigtsten Herrscher Palästinas: Herodes der Große. 48 Er hatte im Einvernehmen mit dem römischen Herrscher bis zu seinem Tode an einer Ordnung und Sicherung der Machtverhältnisse in Judäa gearbeitet, meist mit den grausamsten Mitteln. 49 Entsprechend dem biblischen Bericht war er es auch, der als König der Juden die Weisen aus dem Morgenland empfing und die Kindstötung aller unter 2-Jährigen in Bethlehem und Umgebung durchführen ließ. 50 Nach dessen Tod wurde sein Herrschaftsgebiet, das Galiläa und Judäa umfasste, von seinem Sohn Archelaus (4 v. Chr. - 6. n. Chr.) regiert, der für neun Jahre mit großer Brutalität herrschte. Schließlich baten Juden und Samaritaner den regierenden Kaiser
48 Herodes der Große war König von Galiläa und Judäa in den Jahren 37-4 v. Chr. Er entstammte einer einflussreichen altjüdischen Familie Idumäas und war der Vater von Herodes Antipas und Herodes Archelaos. Wegen seiner prorömischen Politik und seinem nicht sakral fundierten Königtum war er unter den Juden stets unbeliebt. Er ging rücksichtslos gegen politische Rivalen vor und ließ die makkabäischen Nachkommen (einschließlich seiner zweiten Frau Mariamne und deren Söhne) ausrotten. Äußerlich brachte er seinem Land Frieden und wirtschaftliche Blüte, außerdem war er ein erfolgreicher Bauherr und wurde dahingehend wegen seiner Erneuerung des Jerusalemer Tempels auch von den Juden geschätzt. Von ihm, sowie seinen Nachfahren, wird an späterer Stelle (bzgl. der Untersuchungen zu den Schulen) noch zu sprechen sein.
Einen ähnlichen Zeitabschnitt wie den der Regierung des Herodes markierte die „augusteische Periode“: Als Herodes der Große im Jahre 4 v. Chr. starb, waren die konstitutionellen Reformen des Augustus größtenteils abgeschlossen und damit die politischen Grundstrukturen des Reiches für die nächsten Generationen vorgezeichnet. Bis zum Selbstmord Neros im Jahre 68 n. Chr. kamen auch die weiteren Thronfolger aus der augusteischen „Dynastie“. „Reichspolitisch war diese Zeit durch die Pax Romana gekennzeichnet; nicht zu Unrecht hatte Augustus beim Säkularfest 17 v. Chr. ein Zeitalter des Friedens inauguriert (Horat.Carm.saec.). Im eigentlichen Römerreich blieb dieser Friedenszustand bis in die Zeit Neros relativ ungestört. Wie zwei Vorboten der Revolution brachen aber in Rom 64 ein Brand und am Zion 66 ein Krieg aus, und nach dem Tode Neros stand 69 das ganze Römerreich in Brand und Krieg. Allmählich konnte der Besieger der Juden als Homo novus und auf neuer Basis die Kaisermacht wiederherstellen.“ (Reicke, Neutestamentliche Zeitgeschichte, 81.) Doch bevor dies geschehen konnte, vergingen viele unruhige Jahre und es verwundert schließlich nicht, dass ausgerechnet der „Bezwinger Palästinas“ auch der Sieger des „Vier-Kaiser-Jahres“ (69 n. Chr.) wurde. (Eine nähere, aber dennoch kurze und übersichtliche Schilderung der Ereignisgeschichte findet sich bei Noethlichs, Das Judentum und der römische Staat, 9-23.)
49 Daher auch der Ausspruch des Kaisers Augustus: „Bei Herodes ist es besser, sein Schwein zu sein als sein Sohn.“ (Macr. Sat. 2, 4, 11) - Schweine wurden von ihm als Juden nicht geschlachtet und verzehrt, viele seiner Familienangehörigen hingegen wurden ohne weiteres zur Sicherung seiner Macht dahingeschlachtet!
50 Vgl. Mt. 1,18-2,23. Mt. 2,16-18: „Als Herodes nun sah, daß er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«“
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Augustus, ihn abzusetzen. So wurden Judäa und Samaria ab 6 n. Chr., mit Ausnahme von drei Jahren, bis zum Beginn des Krieges im Jahre 66 n. Chr. durch römische Präfekten und Prokuratoren verwaltet. 51 Landesgrenzen und Verwaltungssystem blieben weitgehend bestehen, lediglich die Behörden waren entweder unter jüdischer oder römischer Leitung. Diese Ordnung hatte bis zum Ausbruch des Jüdischen Krieges im Jahre 66 n. Chr. Bestand und nach der verlustreichen Niederlage 70 n. Chr. wurde die innenpolitische Freiheit noch weiter eingeschränkt.
Gleich nach dem Tod Herodes des Großen, brachen starke Unruhen in Jerusalem aus, die so mächtig waren, dass Publius Quintilius Varus 52 , der römische Statthalter von Syrien, mit drei Legionen einmarschieren musste. Es gelang ihm die dortigen Aufrührer zu beseitigen, aber an mehreren anderen Orten wurde es gleichzeitig sehr brenzlig. Das Volk geriet in einer Art „Rausch“ im Kampf um ihre Freiheit 53 , die durch die Erfahrungen der Makkabäer- und Hasmonäerzeit zusammen mit den kriegerischen Erfolgen und den apokalyptischen Schriften jener Zeit eine starke jüdische Hoffnung auf Befreiung aufkeimen ließen: „In die nachexilische Zeit fällt auch der Beginn der Apokalyptik mit ihrer dringenden Erwartung einer bevorstehenden Weltenwende. Sie bot gerade jenen Hoffnung, die den Assimilationstendenzen gegenüber skeptisch waren.“ 54
Man erhoffte sich letztlich ein neues, großes Israel, das nun durch die Herrschaft des in Kürze erwarteten Messias womöglich zur alten Stärke des salomonischen Reiches anwachsen und das „heidnische Joch“ der Römer zerbrechen würde. Diese fatale Hoffnung wurde bis zur Niederlage im Jahre 70 n. Chr. genährt und auch bis zu dem letzten großen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) 55 noch nicht aufgegeben.
51 Der erste von ihnen war Coponius, der in den späteren Ausführungen noch eine Rolle spielen wird, da sich zu Beginn seiner Verwaltung die vierte, „rebellische“ Schule gründet, die schließlich (nach Josephus) für den Krieg verantwortlich ist.
52 Jener Varus, der später bei der bekannten „Varusschlacht“ des Jahres 9 n. Chr. im Teutoburger Wald (Germanien) gegen den Cheruskerfürsten Arminius drei Legionen verlor und schließlich durch Suizid endete.
53 Bzw. lediglich ihre Unabhängigkeit von Rom. Es wäre nicht richtig sie als „Knechte“ Roms zu bezeichnen, denn „Ketten“ wurden ihnen erst durch die großen Aufstände angelegt. Bis dahin wurden sie lediglich fremdverwaltet und mussten dementsprechend gewissen Richtlinien (Abgaben, Opfern für den Kaiser etc.) folgen, während sie gleichzeitig noch großzügige Rechte bzgl. Selbstverwaltung und Religionsfreiheit genossen.
54 SCHUBERT, Jüdische Geschichte, 12.
55 Bar Kochba (hebräisch: „Sohn des Sterns”) war der Beiname des Simeon Ben (Bar) Koziba, dem Anführer des jüdischen Aufstands der Jahre 132-135/36 gegen die Römer. Er stellte den jüdischen Kult in Jerusalem wieder her und trat als der von Mose prophezeite Messias auf: „Bar Kochba [war] messianischer Führer im großen Aufstand der palästinensischen Juden gegen die römische Herrschaft unter Hadrian (132-135/36). - Der eigentliche Name des jüdischen Freiheitshelden ist Simon. In den jüdischen Quellen heißt er Bar Kosiba oder Ben Kosiba »Sohn des K.« oder »aus K.« Der jüdische
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Es kam zu blutigen Kämpfen, die zu einer deutlich härteren Herrschaft der Römer über diesen Krisenherd führen mussten. Die Juden selbst nährten ihre Hoffnung auf Befreiung und nationale Größe durch das Auftreten charismatischer Anführer und fast schon apokalyptischer Propheten, die teilweise messianische Ansprüche erhoben und sich das Königtum aneignen wollten, um Israel zur Befreiung zu führen. 56 Wo es möglich erschien, wurden römische Soldaten und auch einheimische Kollaborateure umgebracht, es entstanden Verschwörungen und ganz klar militante Absichten gegen jede Okkupation und Einschränkung der nationalen Identität und Eigenarten. Eine umso deutlichere Betonung der traditionell jüdischen Lehren in Religion, Sitte und Politik sind daher verständlich und eine Konfrontation mit den Besatzern war schließlich unumgänglich - dies gipfelte schließlich im Jüdischen Krieg der Jahre 66-70 (Massada erst später: 73).
Die Spannungen zwischen Juden und fremden (besonders römischen) Elementen wurden stets lebendig gehalten und der Bevölkerung als wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Juden (und damit JHWHs heiliger Nation) und „Heiden“ eingeprägt. Die „Gesetze der Väter“ wurden noch wichtiger und durch viele „neue“ Traditionen ergänzt, die teilwiese bis zum jüdischen Exil 57 zurückreichen. Die
Gesetzeslehrer Rabbi Akiba ben Joseph deutete Num 24, 17, die Weissagung von dem aus Jakob aufgehenden Stern, auf den Messias und B. K., den »Sternensohn«. Dem römischen Feldherrn Julius Severus gelang es im Winter 135/36, den Aufstand niederzuwerfen. Bei der Eroberung der starken Bergfestung Beth-Ter (heute: chirbet el-jehud bei bittir), 11 km südwestlich von Jerusalem, durch die Römer fand B. den Tod. Die Quellen über B. K. und den jüdischen Aufstand sind gering, aber seit 1951 vermehrt worden durch Originalfunde an verschiedenen Stellen der Wüste Juda.“ (BAUTZ (1990),
Bar Kochba,
„Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon“ (08.02.2001), Bd. I, Spalten 372-373,
56 „In Judäa trat ein kräftig gebauter Hirt namens Athrongäus mit Herrscheransprüchen auf. In Peräa, östlich des unteren Jordans, waren es die Pharisäer, die hinter der Erhebung standen, und ihr Herrscherkandidat war ein stattlicher Sklave vom Hofe des Pheroras namens Simon, dem es gelang, den Palast des Herodes in Jericho zu verbrennen. In Galiläa aber befand sich das wichtigste Zentrum der Freiheitskämpfer. Schon lange hatten verschiedene Maquis-Führer dort gewirkt. Man versammelte sich mit Vorliebe um eine bestimmte Familie, in der das Amt eines Messiasprätendenten als erblich betrachtet wurde. Nach dem Tode des Herodes hieß der Messiaskandidat Judas, Sohn eines Ezekias, der seinerzeit ein bekannter, von Herodes hingerichteter Freiheitskämpfer gewesen war. Alle drei genannten Freiheitskämpfer sollen das königliche Diadem angelegt haben, so daß jeder von ihnen der erwählte Herrscher des Volkes sein wollte.“ (REICKE, Neutestamentliche Zeitgeschichte, 83f.) Das Messiasbild eines „leidenden Gottesknechts“, das von Jesus Christus vertreten wurde, widersprach dem völlig. Neben vielem anderen ist auch darin ein Aspekt für die Feindschaft der Pharisäer gegen seine Person und seine Lehren zu erkennen.
57 Das so genannte „Babylonische Exil“ im 6. Jh. v. Chr. Die Gefangenschaft beginnt ab 597 v. Chr. unter dem babylonischen Großkönig Nebukadnezar II. und reicht bis zur ersten Rückwanderung unter dem altpersischen Großkönig Dareios I. (zwischen 522-520 v. Chr).
Die Gefangenschaft wird auf den Gesetzesbruch Israels zurückgeführt (vgl. hierzu beispielsweise Jer. 21 u.a.m.), weshalb sie nach der Rückkehr aus dem Exil das Gesetz umso genauer zu befolgen suchten.
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Gebote sollten die staatliche Ordnung bestimmen, die römischen Fremdherrscher wurden demgegenüber als Störung empfunden und von vielen als Hindernisse auf dem Weg zur Erfüllung des Willens Gottes gesehen. 58 Varus war nicht der letzte, der durch die Erhebung 4 v. Chr. zum Eingreifen genötigt wurde: „Er [Varus] befriedete Galiläa und zerstörte Sepphoris, das stärkste Widerstandsnest des galiläischen Häuptlings Judas, zog durch Samarien nach Jerusalem, zerstreute die unruhigen Volksmassen und ließ ringsherum im Lande etwa 2000 Juden kreuzigen. Diese fanatische Erhebung 4 v. Chr. war der erste Aufruhr der Juden gegen Rom. Sie ist nicht so bekannt wie die zelotischen Revolten der Jahre 6 n. Chr. und 66-70 n. Chr., muß aber berücksichtigt werden, wenn man die politische Spannung […] verstehen will.“ 59 Diese politische Spannung war allgegenwärtig und bestimmte sowohl das religiöse als auch das politische Leben in Judäa. 60
II.2 Religionspolitik
II.2.1 Umgang mit fremden Einflüssen
Da das Römische Reich den größten Teil der antiken Welt umspannte, kam es permanent in Kontakt mit fremdländischen Elementen, sowohl den Menschen an sich, als auch deren Kultur, Geisteshaltung bzw. Mentalität und natürlich Religion.
Hinzu kam schließlich noch eine Unmenge von zusätzlichen Geboten (zumindest bei Pharisäern und Essenern, wobei die Pharisäer die Religion bzw. den Gottesdienst des Volkes bestimmten), die das eigentliche Gesetz der Torah (die fünf Bücher Moses, der ‚Pentateuch‘) umrahmen und schützen sollten (woraus dann ab 70 n. Chr. die Mischna und der Talmud entstanden, die schriftliche Niederlegung der mündlichen Tradition). Dafür erwartete sich das Volk eine umso deutlichere Befreiung von allen fremdländischen Nationen und eine neue nationale Größe, die eben ihrer eigenen Gesetzestreue entsprechen würde. Vor diesem geistigen Hintergrund sind auch die Kühnheit und der - besonders bei den Zeloten - stärker aufkeimende religiöse Fanatismus zu verstehen.
58 Wobei hier auch wieder eine Trennung von liberal-progressivem und konservativem Judentum vorgenommen werden muss. Wenn auch ein klar konservativer „Mainstream“ zu erkennen ist, so gab es doch auch genügend Befürworter der hellenistisch-römischen Lebensweise - und damit der Kultur und Herrschaft der Römer. Solche progressiven Tendenzen gab es besonders unter den sadduzäischen Hohepriestern, die ihre eigene Machtstellung durch die Unterstützung der Okkupanten festigen wollten. (Vgl. auch: SCHUBERT, Jüdische Geschichte, 12.)
59 REICKE, Neutestamentliche Zeitgeschichte, 84. Näheres zu dem zelotischen Aufstand des Jahres 6 n. Chr. wird im Verlauf der Untersuchungen noch gesagt werden. Vorweg nur eine ausführlichere josephische Quelle hierzu: Ant. Iud. 18,1,1 / 1-10. Als weitere, moderne Literatur zur Richtung der Zeloten wäre zu verweisen auf: HENGEL, Die Zeloten - Untersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit von Herodes I. bis 70 n. Chr.; BAUMBACH, Jesus von Nazareth im Lichte der jüdischen Gruppenbildung oder BRANDON, Jesus and the Zealots - A study of the political factor in primitive Christianity.
60 Wenn es überhaupt möglich ist, diese beiden Punkte zu trennen. Die Juden betrachteten beides stets als zusammengehörig, wurden sie als Nation doch erst durch die religiöse Zugehörigkeit „gegründet“ (vgl. 2. Mose 2,23-25; 19,5f. u.a.m.).
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Allgemein galt als „Fremder“ (peregrinus bzw. xe, noj) nicht allein der fremdsprachige Ausländer (barbarus bzw. ba, rbaroj), sondern jeder, der außerhalb der eng begrenzten (Familien-)Verbände (po, lij, familia, gens etc.) stand. Gegenüber solchen gesellschaftlich teilweise ausgeschlossenen Reichsbewohnern waren Römer im Allgemeinen eher zurückhaltend. Dies traf besonders auf Juden, Ägypter oder „Barbaren“ wie Mauretanier zu. 61 Aber auch andere, angepasste und womöglich sogar im Besitz des römischen Bürgerrechts befindliche „Mitbürger“ sahen sich den gebürtigen Römern nicht immer gleichgestellt. 62
Auch bei den Griechen muss man mit dem freundschaftlichen Verkehr überaus vorsichtig sein; in Frage kommen nur solche, die sich des alten Griechentums würdig erweisen, und das sind nur ganz wenige, so intrigant sind sie im allgemeinen, charakterlos und durch lange Unfreiheit zu Liebedienerei abgerichtet. Als Gesamtheit muss man sie freundlich behandeln, aber nur die Besten ins Haus ziehen und in den engeren Freundeskreis aufnehmen. Allzu große Vertraulichkeit von ihrer Seite ist weder ehrenvoll noch ganz ehrlich - sie wagen es nicht, sich unsern Wünschen zu widersetzen, und beneiden nicht nur unsre, sondern auch ihre eigenen Landsleute. 63
Mir gefällt nicht länger, Quiriten, griechisch die Stadt; doch wie viel sind's bloss vom achäischen Schlamme? Längst schon strömt in den Tiber die syrische Flut des Orontes und hat Sitten und Sprache sowie mit der Flöte die schrägen Saiten der Harf und zugleich Tamburine, die heimisch im Osten, mit sich gebracht und Mädchen, die feil am Circus sich bieten. Hin, die Lust ihr verspürt zu der fremd-buntmützigen Dirne! Sieh, dein Bauer, Quirin, trägt griech'sche Gewänder am Leibe, und vom duftenden Hals hängt Siegesgeschmeide hernieder! 64
Neben der hier spürbaren Verachtung fremder Menschen wie auch deren Sitten und Gebräuche, ist doch auch die römische Achtung vor kulturellen Leistungen zu erwähnen - besonders vor den hellenistischen:
Bedenke, Du wirst in die Provinz Achaia gesandt, das wahre, unverfälschte Griechenland, so, wie es heißt, zuerst Bildung und Wissenschaft und selbst der Ackerbau erfunden worden ist, wirst entsandt, um Ordnung in die Verfassung freier Städte zu bringen, das heißt: zu Menschen, die im besten Sinne Menschen, zu Freien, die im besten Sinn Freie sind, die dies von der Natur verliehene Recht auf Freiheit durch Tüchtigkeit, Verdienste, Freundschaft, schließlich auch durch getreuliche Erfüllung von Verträgen behauptet haben.
Hab' Ehrfurcht vor ihren göttlichen Städtegründern, den Namen ihrer Gottheiten! Hab' Ehrfurcht vor ihrem alten Ruhm und überhaupt vor ihrem Alter, das bei Menschen ehrwürdig, bei Städten heilig ist! Erweise ihrer Vergangenheit Ehre, ihren Großtaten, auch ihren Mythen! Kränke niemanden in seiner Würde, seiner Freiheit, ja, auch nicht in seiner Eitelkeit!
Halte Dir vor Augen, dass es das Land ist, das uns nicht etwa nach einem Siege über uns Rechtssatzungen und Gesetze aufgezwungen, sondern auf unsere Bitte hin geliefert hat, dass es Athen ist, wohin Du gehst, Lacedämon, das Du verwaltest; ihnen den letzten Schatten einstiger Größe, den Rest der Freiheit zu rauben, wäre hart, grausam und barbarisch.
61 Vgl. hierzu HEUSSI, Kompendium der Kirchengeschichte, 15: „[…] Eine dritte Art von Provinzen stand unter einem kaiserlichen procurator (epitropos); das waren entweder Gebiete mit eigenartiger Kultur (z.B. Ägypten, Judäa) oder halb barbarische Länder (z.B. Mauretanien).“
62 Vgl. beispielsweise den Bericht des Tacitus über die Verweigerung des Senatorenamts für ausländische Römer (Tac. ann. XI 23).
63 Cic., ad Q. fr. 1, 1, 16f.
64 Iuv. 3, 60ff.
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Nimm Dir ein Beispiel an den Ärzten: zwar besteht für sie zwischen Sklaven und Freien, wenn sie krank sind, kein Unterschied, aber einen Freien behandeln sie doch sanfter und milder. Denke daran, was jede Stadt einmal gewesen ist, nicht um auf sie herabzusehen, weil sie nichts mehr bedeutet; Hochmut, Schroffheit sei Dir fern!
Du brauchst nicht zu befürchten, dass man Dir dann die Achtung versagt; verächtlich ist ein Träger des Imperiums, ein Inhaber der Fasces doch nur, wenn er ein niedriger, schmutziger Charakter ist und sich selbst zuerst verachtet. Gemein ist es, wenn Amtsgewalt ihre Kraft an Kränkungen andrer versucht, gemein, wenn man sich durch Terror Respekt verschafft; weit wirksamer als Furcht ist Liebe, um seinen Willen durchzusetzen. Denn die Furcht verschwindet, wenn man den Rücken kehrt, die Liebe bleibt, und wie Furcht zu Haß wird, so Liebe zu Verehrung. 65
Das Imperium umfasste eine enorme Anzahl fremder Kulturen, sowohl nationaler als auch regionaler bzw. lokaler. Obwohl die Kulturen im Grunde nicht ausgelöscht wurden, war doch ein Drang zur Vereinheitlichung sichtbar. Dieser wurde teilweise von staatlicher Seite gefördert (Romanisierung) oder von den Provinzbewohnern als eigene Angleichung an Rom angestrebt (Romanisation). Es kommt zu einer allgemeinen Nivellierung und Annäherung an die römische Lebensart und Sitte, wobei sich in den Provinzen besondere Provinzialkulturen 66 ausbilden konnten. „Schon die politische Organisation des Reichs, die allgemeine Durchführung des römischen Rechts, sowie das römische Heerwesen schlossen die gewaltige Ländermasse immer mehr zu einer Kultureinheit zusammen. Dazu kamen das Wirtschaftsleben und der rege Weltverkehr, der durch den Ausbau eines Netzes vorzüglicher Straßen ungemein gefördert und überdies durch den seit Augustus in den Mittelmeerländern herrschenden Frieden begünstigt wurde. Der Handelsverkehr, der Sklavenhandel, die häufige Versetzung der Legionen und der hohen römischen Beamten führten eine starke Bevölkerungsmischung, eine Abschwächung der nationalen Unterschiede herbei. […] Schließlich bewirkte die Verbreitung der hellenistischen Sprache und des hellenistischrömische Geisteslebens einen gewissen Ausgleich der allgemeinen Kultur des Römerreichs.“ 67 Besonders die an den mediterranen Verkehr besonders gut angebundenen Küstenstädte wurden schnell von der hellenistisch-römischen Kultur durchdrungen. Die abgelegenen Gebiete des Innenlandes konnten ihre lokale Kultur meist noch länger bewahren.
II.2.2 Religiöse Restitution und Toleranz
Was die allgemeine Religionspolitik betrifft, so zeigt sich das Römische Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. grundsätzlich großzügig und tolerant. Zusammen mit anderen
65 Plin. epist. 8, 24, 2-6.
66 Beispielsweise eine „Gallo-römische“ oder „Hispano-römische“. Ein Gemisch aus landestypischen Elementen und typisch römischer Kultur (v.a. in Architektur, Sprache, Kleidung, Verhaltensformen und Infrastruktur).
67 HEUSSI, Kompendium der Kirchengeschichte, 15.
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römischen Kulturelementen, gelangt auch die hellenistisch-römische Religion in die eroberten Gebiete.
Religion bzw. die Traditionen der Väter hatten in Rom eine wichtige Stellung. 68 Auch Augustus bemühte sich, dem Rechnung zu tragen, indem er dem traditionellen Kult zu neuem Ansehen verhalf. 69 Neben verschiedenen Reformen bzgl. der alten Bräuche führte er auch Sittengesetze ein, so z.B. die Ehegesetze (lex Iulia de maritandis ordinibus) aus dem Jahre 18 v. Chr. und deren Erweiterung im Jahr 9 v. Chr. (lex Papia Poppaea) durch welche die Heirats- und Kinderfreundlichkeit der oberen, staatstragenden Schichten gefördert werden sollte. 70 Diese Regelungen gelten als „Ausdruck eines betonten Rückgriffs auf die ‚altehrwürdige Sitte der Vorväter‘, den mos maiorum, in allen Lebensbereichen.“ 71
Ihm gelang es vielfach, die höchsten sittlich-religiösen Gefühle des Volkes mit seiner Person zu verbinden, indem er sich als Retter der alten, heiligen Bräuche und als Verkünder eines neuen, goldenen Zeitalters profilierte: „Vom Himmel scheint er als Helfer gesandt, in den er einst wieder eingehen wird, hoffentlich erst nach langem segensreichen Walten. Der Ring der Zeiten hat sich geschlossen. Die alte Blutschuld hat Augustus gesühnt und eine Zeit des Heils eröffnet. Das goldene Zeitalter ist angebrochen als Abschluß der früheren Saecula; Recht und Gerechtigkeit und die Tugenden, die in den grausigen Zeiten die Welt verlassen haben, halten wieder ihren Einzug. Die erschöpfte Menschheit atmet auf und erfreut sich des lang entbehrten Friedens.“ 72
Durch eine Reihe religiöser Akte (wie die Hundertjahrfeier und die Schließung des Janusbogens als Zeichen des Friedens) förderte Augustus dieses Heilsbild seiner Taten und wusste den tiefen religiösen Eindruck gut für die Festigung seiner Herrschaft zu nutzen. Er wollte symbolisch ein neues Zeitalter einläuten - ein goldenes. Das vorige, blutige, von Bürgerkriegen gezeichnete, sollte vorbei sein. Die alten Ordnungen, die nun eine Sühne und damit göttlichen Frieden als Grundlage für eine Restitution des
68 Zur Religio domestica, also dem privaten Kult der Römer, siehe auch: KLAUCK, Die religiöse Umwelt des Urchristentums I, 58-67.
69 Siehe hierzu beispielsweise: Suet. Aug. 31, 3-4. Neben den Bräuchen für die Götter erwies Augustus außerdem „höchste Ehre dem Andenken an jene Feldherren, die das Reich des römischen Volkes aus den bescheidensten Anfängen zum größten Herrschaftsgebiet gemacht hatten. […]“ (Suet. Aug. 31, 5). Er betätigte sich auch von Beginn seiner Herrschaft an damit, die Tempel der alten Gottheiten wieder aufzubauen, um deren Verehrung zu fördern (vgl. hierzu ORLIN, Temples, Religion and Politics in the Roman Republic, 78.98.194).
70 Man beachte zur „Politischen Relevanz der Sittengesetze“ auch: DETTENHOFER, Herrschaft und Widerstand im augusteischen Principat, 133-144.
71 WEILER, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums, 134.
72 WENDLAND, Die hellenistisch-römische Kultur, 143f.
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früheren goldenen Zeitalters ermöglichen würden, sollten sein kaiserlich-augusteisches Reich auch auf eine feste religiöse Grundlage stellen, die dann auch seinen Nachfolgern erhalten bleiben würde. Der moralische Verfall sollte gestoppt und die römischen Tugenden wieder zu neuem Leben erweckt werden: „Die verfallenen Tempel werden wieder aufgerichtet, den alten Göttern neue Heiligtümer erbaut, die Priesterstellen besetzt und zum Teil vermehrt, alte Feste und ehrwürdige Zeremonien zu neuem Leben erweckt. In der Vergangenheit sucht man seine Ideale, und man meint, mit der Restauration der alten Institutionen auch die altväterlichen Tugenden wieder lebendig machen zu können.“ 73
Dies zeigt, wie eng Religion und Politik miteinander verwoben sind - was für antike Gesellschaften im Allgemeinen nicht unüblich ist. In diesem Zusammenhang ist auch der römische Kaiserkult zu sehen, der von manchen Kaisern mehr, von anderen weniger deutlich gefördert bzw. gefordert wurde. 74 Allerdings waren die Römer grundsätzlich nicht daran interessiert, ihre eigene römische Religion den fremden Nationen, die sie nun in ihrem Reich einschlossen und beherrschten, aufzudrängen. Großzügiger Polytheismus und Synkretismus sollten vielmehr auf religiösem Gebiet trotz, bzw. gerade durch die allgemeine innere Vielfalt die Einheit des Reiches sichern. 75 „Im Gegensatz zur Ansicht der Christen sahen sich die Römer selbst […] als Meister der Frömmigkeit und Moral. Sie erkannten, daß jede Nation ihre eigenen väterlichen Traditionen hatte, samt eigenen Tempeln und Göttern, die für die Römer unantastbar waren. Sie erwarteten, daß der Gottesdienst wie bei ihnen, so auch bei allen übrigen Völkern ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens war. Aufgrund theoretischer wie praktischer Erwägungen hatten sie kein Interesse daran, alle Nationen ihres Reiches zur traditionellen römischen Religion zu bekehren. Viele Gebildete hatten die Überzeugung gewonnen, daß es letztlich nur einen Gott oder Lebensgrund gab, und daß die »Götter« Roms, Ägyptens und Persiens, Griechenlands oder Judäas symbolische bzw. lokale Repräsentationen dieser letzten Wahrheit waren. Es wäre töricht von den Römern gewesen, hätten sie es riskiert, es sich mit irgendeiner dieser regionalen
73 Ebd., 145.
74 Tiberius (14-37 n. Chr.) beispielswese hielt sich klug zurück, während Caligula (37-41), Nero (54-68) und Domitian (81-96) die Gotteswürde schon zu Lebzeiten vollkommen in Anspruch nehmen wollten. Weiterführende Studien zum Herrscher- und Kaiserkult von den Anfängen bei den Griechen bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. im Römischen Reich siehe auch: KLAUCK, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II, 17-74.
75 Hier liegt natürlich der Schluss nahe, dass Religionen mit Exklusivitätsanspruch, wie sie uns im Judentum und Christentum begegnen, Aufnahmeschwierigkeiten bzw. „Kompatibilitätsprobleme“ haben müssen.
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Gottheiten zu verscherzen. Viel klüger war es, die lokalen Religionen zu unterstützen und sogar ihren Göttern Opfer darzubringen.“ 76
II.2.3 Synkretismus
Neben dem allgemeinen hellenistisch-römischen Kult gab es schon allein wegen der Größe des Reiches und den darin umschlossenen fremden Kulturen eine Vielzahl von Religionen: „Die religiöse Lage im römischen Gebiet zu Beginn unserer Zeitrechnung gewährt ein buntes Bild. Die verschiedenartigsten Kulte, fast unübersehbar an Zahl, standen nebeneinander, absterbende und lebenskräftige, rohe und verfeinerte, einheimische und fremdländische. Der Austausch der im Imperium zusammengefaßten Kulturen hatte manchen Kulten eine erstaunliche Verbreitung durch viele Provinzen gegeben. Das große Zentrum, dem sie alle zustrebten, war Rom. Die Kulte der unterworfenen Völker wurden vom römischen Staat übernommen und gefördert; nur wenigen Kulten versagte er seine Duldung.“ 77
Durch die Größe und Vielfalt der im Imperium heimischen Kulte, kam es zu einer starken synkretistischen Vermischung der verschiedenen Religionen und deren kultischer Praxis. Im Orient war dieser religiöse Austausch schon lange bekannt und hatte eine Verschmelzung griechischer und orientalischer Kulte gefördert. Nun, „nach dem Sieg der Römer über die Griechen und über die Orientalen, der die Sieger dem Kultureinfluß der Besiegten unterwarf, setzte sich dieser Einfluß auf römischem Gebiet fort.“ 78
Die „Religion“ der gebildeteren Schichten bestand schon seit der griechischphilosophischen Kritik (ab ca. 6. Jh. v. Chr.) mehr und mehr aus Philosophie. Der Volksglaube trat hier zurück und in der Verfallszeit der Republik war auch der offene Unglaube nicht ungewöhnlich. Äußerlich wurden aber die Bräuche der väterlichen Traditionen meist weiterhin vollzogen. Doch „die Zeit des Augustus führte einen vollständigen Wandel herbei; nun beginnt die religiöse Restauration, die sich, von der mächtig anschwellenden religiösen Strömung getragen, bis ins 3. und 4. Jh. fortsetzt. Bei den Philosophen der Kaiserzeit tritt die Polemik gegen den Volksglauben meist
76 MASON, Flavius Josephus und das Neue Testament, 80.
77 HEUSSI, Kompendium der Kirchengeschichte, 16. Zu den wenigen untersagten Kulten gehörte der keltische Druiden-Kult, da es hier Menschenopfer gab. Auch der Kult von Isis und Osiris war bis 38 n. Chr. in Rom selbst (nicht aber in den Provinzen) verboten. Der Magna Mater Kult durfte nur beschränkt ausgeübt werden.
78 HEUSSI, Kompendium der Kirchengeschichte, 17f. Beispiele für eine solche synkretistische Verschmelzung wären die Gleichsetzung der Isis mit Artemis, Aphrodite, Athene, Demeter und Nemesis, des Sarapis mit Asklepios, Dionysos und Zeus, oder des Mithras mit dem babylonischen Sonnengott Schamasch, wodurch er schließlich zum Sol invictus wurde. (Vgl. ebd., 18)
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zurück, die religiöse Färbung der Philosophie wird im Laufe der Zeit immer intensiver.“ 79
II.2.4 Jüdische Religion
Innerhalb dieses religiösen bzw. religionspolitischen Umfelds erscheint nun die jüdische Religion als eine sehr traditionelle, althergebrachte Einrichtung, die in ihrer Tradition bis zu Abraham und dessen Bund mit dem jüdischen Gott hw" " hy> (Jahwe) zurückreicht. 80
Es ist nicht möglich, im gegebenen Rahmen die Geschichte oder Theologie des Judentums aufzuzeigen, aber es soll ein Bild der Zustände im 1. Jh. n. Chr. gezeichnet werden, das seinen Schwerpunkt auf die Wahrnehmung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes aus römischer Sicht legt.
Das Judentum zur Zeit des Josephus, das hier im Mittelpunkt der Beobachtung steht, stellt sich als ein weit verzweigtes Netzwerk jüdischer Gemeinden - der Synagogen und deren Gemeinschaften - dar. Wichtigstes Zentrum des Judentums war Palästina bzw. die Provinz Judäa, auf dem Boden des ehemaligen Israel. Hier gab es nicht nur die alten, traditionellen Gedenkstätten 81 sondern auch den kultischen Mittelpunkt, der für jeden überzeugten Juden nicht nur das religiöse Zentrum, sondern auch das Herz aller nationalen Gefühle war: Der Berg Zion mit dem von Herodes dem Großen restaurierten Tempel. Dieses Heiligtum galt als Kern der jüdischen Religion und des jüdischen Nationalismus - und so verwundert es nicht, dass (neben der geschützten Lage) gerade dieser Bereich der letzte Rückzugsort der Widerständler im jüdischen Aufstand des Jahres 70 n. Chr. war. 82 Er war der Stolz der jüdischen Nation und das Heil des Volkes wurde dementsprechend eng damit verknüpft. 83 Hierher kamen viele der über Palästina und große Teile der alten Welt verstreuten Juden zu den jährlichen Kultfesten. Diese Feste hatten für sie eine starke identitätsstiftende Wirkung, woraus die teilnehmenden Juden ihre eigentliche Volkszugehörigkeit definierten. 84
79 Ebd., 19.
80 Vgl. Gen. 12,1-3 und die damit beginnende jüdische National- und „Heilsgeschichte“.
81 Als Erinnerung an die Wanderungen der Erzväter bzw. Patriarchen, den Exodus und besonders die Landnahme.
82 Vgl. Ios. Bell. Iud. 6,4,1-8 / 220-270.
83 Vgl. auch die Aussage der Nachfolger Jesu in Mk. 13,1f, die von großem Stolz über den prächtigen Tempel sprechen. Auch Titus wollte den Tempel schützen, wie Josephus berichtet (Ios. Bell. Iud. 6,4,1-8 / 220-270), war am Ende aber dann enttäuscht über den geringen Inhalt und besonders das leere „Allerheiligste“ des Tempels.
84 An dieser Stelle muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass nicht jeder Jude derart stolz auf seine Herkunft war und natürlich auch nicht alle an den entsprechenden Kulthandlungen teilnahmen. Es gab viele hellenistisch-philosophisch geprägte Juden, die den bereits erwähnten Gruppen der atheistisch- aufgeklärten Römer nahestanden und sowohl politisch wie auch religiös ihre jüdische Identität aufgaben.
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Als wichtigstes Zentrum des Judentums außerhalb des „Heiligen Landes“ galt die jüdische Gemeinde Alexandrias (in Ägypten), aus der uns auch die Werke des Philon von Alexandria 85 überliefert sind. Hier erkennen wir eine jüdische Gemeinde, die zwar einerseits abgegrenzt in einem eigenen Stadtteil lebt 86 , sich aber darum bemüht, ihren Glauben den griechischen Mitbürgern zu empfehlen, indem sie diesen mit dem hellenistischem Gedankengut und dessen philosophischen Anschauungen für die „heidnische Welt“ 87 ansprechend und damit auch annehmbar darzustellen versucht. Neben diesen beiden wichtigen Zentren gab es noch viele andere Orte, an denen mehrere oder auch nur vereinzelte Juden ihren Glauben lebten und damit der Umwelt oft ein Bild des Sonderbaren boten. Die weite Zerstreuung der Juden (Diaspora genannt) ergab sich aus der Wegführung der Israeliten ins Babylonische Exil (6. Jh. v. Chr.) und der nur unvollständigen Rückkehr der nachfolgenden Generationen. Viele blieben entweder in den Grenzen des ehemaligen Großreiches Babylonien oder suchten in anderen Ländern des hellenistischen Reiches eine Heimat. In römischer Zeit stand einer noch weiteren Verbreitung bzw. Zerstreuung keine Grenze mehr im Wege und so kann man jüdische Gemeinden über weite Teile des Reiches verstreut vorfinden. Doch konnte nicht jeder Jude als stolzer Vertreter seiner nationalen und historischen Herkunft betrachtet werden. Es gab viele „säkulare“ Juden, die durch ihre Umgebung assimiliert wurden und ihre jüdische Identität verloren bzw. auch bewusst aufgaben. Andere wieder bemühten sich um eine möglichst gute Anpassung an die fremden Sitten und Denkweisen der Völker, in deren Umgebung sie lebten, ohne ihre jüdische Herkunft zu verleugnen - oft sogar warben sie für ihre Religion. 88 Dennoch galt in den meisten Fällen, dass „der antike Mensch nicht verstehen konnte, daß der Gott Israels,
85 Philon von Alexandria war jüdischer Philosoph, der von ca. 25 v. Chr. bis etwa 50 n. Chr. lebte. Er war Verfasser zahlreicher Schriften, die philosophisches (stoisches und platonisches) Gedankengut zur Darstellung des jüdischen Glaubens verwandten. Auf diesem Wege gelangten die Ideen- und die Logoslehre in die Theologie. (Vgl. auch BERTELSMANN ENZYKLOPÄDIE 2008, „Philon von Alexandria“)
86 Solche antiken „Ghetto“-Bildungen hatten noch nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern resultierten einfach aus der kultischen Abgrenzung der Juden gegenüber anderen Religionen bzw. Nationalitäten und deren Kulten. Die Anzahl der Juden in Alexandria belief sich auf ca. eine Million, was sie zur größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinde bis in das 2. Jh. n. Chr. machte. (Vgl. hierzu SCHUBERT, Jüdische Geschichte, 28.)
87 Die „heidnische Welt“ war für die Juden bzw. Israeliten alles, was nicht ihrem auf der Torah (bzw. dem Tanach) gegründeten Glauben entsprach (vgl. hierzu beispielsweise Ps. 19, 16-21; 4. Mose 23, 9; 24, 8; 5. Mose 7,1; 12; 28 u.v.a.m.). Bürger dieser „heidnischen Nationen“ konnten durch Annahme des Glaubens und der Übernahme des Kultes, in die Heilsgemeinschaft eintreten (die so genannten „Proselyten“). Randbemerkung zur Wortbedeutung: Der Tanach ist die gesamte hebräische (jüdische) heilige Schrift, was dem christlichen „Alten Testament“ entspräche. Dieser Schriftencorpus umfasst die drei Teile Torah (der Pentateuch; 1.-5. Mose), Nevi’im (die Prophetenbücher) und Ketuvium (die Schriften).
88 Siehe eben auch Philon von Alexandria, der sich bemüht das Judentum der antiken Welt in gewisser Weise philosophisch „anzupassen“ bzw. nahezubringen.
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von dem kein Standbild Zeugnis ablegt, größer und erhabener sein sollte als seine Götter aus Gold und Marmor.“ 89
Das jüdische Volk wurde von den antiken Berichterstattern meist als eine stolze Nation gesehen - mit großem nationalen Interesse und Ressentiments gegenüber dem Fremden, die sich in deutlicher Abgrenzung zu anderen Religionen und Mentalitäten äußerten. Folgende Auszüge sollen als Beispiele dienen, die die Sichtweise einiger antiker Autoren über das jüdische Volk bzw. deren Religion wiedergeben. 90
II.2.4.1 Über die Herkunft der Juden
Die Juden haben, so berichtet man, als Flüchtlinge von der Insel Kreta die entlegensten Gebiete Libyens besiedelt, zur Zeit, da Saturn, von Iuppiter gewaltsam vertrieben, von der Herrschaft zurücktrat. Den Beweis sucht man im Namen: berühmt sei auf Kreta der Berg Ida, und seine Anwohner, die Idäer, nenne man mit einer in Barbarensprachen üblichen Erweiterung „Iudäer“. Einige berichten, unter der Herrschaft der Königin Isis habe sich die in Ägypten überquellende Volksmenge unter Führung des Hierosolymus und des Judas über die Nachbarländer ergossen; die meisten halten sie für Nachkommen der Äthiopier: unter König Kepheus hätten Furcht und Hass sie zum Wechsel der Wohnsitze gezwungen. Einige berichten auch, assyrische Einwanderer, ein Volk auf der Suche nach Ackerland, habe sich eines Teils von Ägypten bemächtigt, dann aber eigene Städte, das Hebräerland und die Grenzgebiete gegen Syrien besiedelt. Andere schreiben von einem ruhmvollen Ursprung der Juden: die Solymer, ein in Homers Gedichten gefeiertes Volk, hätten die von ihnen gegründete Stadt nach ihrem Namen Hierosolyma genannt.
Die meisten Autoren stimmen in folgendem überein: als in ganz Ägypten eine Seuche ausgebrochen sei, die den Körper entstellte, habe sich König Bokchoris an das Orakel des Ammon gewandt mit der Bitte um ein Heilmittel: da sei ihm befohlen worden, sein Reich zu säubern und dieses Menschengeschlecht als den Göttern verhasst in andere Länder wegzuschaffen. So habe man dieses Volk zusammengesucht, zusammen getrieben und es in der Wüste sich selbst überlassen; als nun die einen stumpfsinnig Tränen vergossen, habe Moyses, einer der Vertriebenen, sie aufgerufen, auf keine Unterstützung von Göttern und Menschen zu warten, da sie von beiden verlassen seien; vielmehr sollten sie nur auf sich selbst unter himmlischer Führung bauen, mit deren Hilfe sie schon jetzt das gegenwärtige Unglück überwinden würden. Sie stimmten zu, und in allem unerfahren, begannen sie auf gut Glück den Marsch. […] nach sechs Tagen ununterbrochenen Marsches vertrieben sie dann am siebenten Tag, die früheren Bewohner und besetzten deren Land, in dem sie ihre Hauptstadt und ihren Tempel gründeten. 91
Bei beiden Berichten fällt auf, dass die Juden als Volksgruppe angesehen werden, die nicht schon immer das Gebiet Palästinas (bzw. des alten ‚Kanaan‘) bewohnten. Während die einen etymologisch eine Herkunft aus Kreta oder gar von dem bei Homer beschriebenen Volk der „Solymer“ ableiten, zeigen andere in ihrer Darstellung wieder mehr Parallelen zu dem Bericht des Exodus in der Bibel. 92
89 SCHUBERT, Jüdische Geschichte, 27.
90 Zu weiteren Beispielen siehe auch NOETHLICHS, Das Judentum und der römische Staat, 44-67.
91 Tac. hist. 5, 2-3.
92 Vgl. 1. Mose 37 - 2. Mose 14. Obgleich der hier von Tacitus vorliegende Bericht gegenüber dem biblischen Bild natürlich sehr verkürzt und in weiten Teilen auch entstellt wirkt. Der Exodusbericht im Pentateuch reicht ja immerhin über fünf Bücher, dazu käme noch das Buch Josua als Bericht der „Landnahme“ Kanaans. Jedoch scheinen sich verdeckte, latent-gleichförmige Muster auch über andere antike Quellen erhalten zu haben.
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Was diese Ähnlichkeiten zum biblischen Bericht betrifft, fällt aber hierbei wieder auf, dass dies in keiner Weise positiv oder gar heroisch zugunsten der Juden (Israeliten) geschieht, sondern durchaus negativ. Sie gelten damit schon in ihrem Ursprung als verhasstes und verfluchtes Volk, das unerwünscht ein Volk belästigt und zu Recht (sogar auf göttlichen Befehl) vertrieben wird. Ihr großer Anführer (Moyses) wird dabei als ein gewöhnlicher Mann beschrieben, der eben einfach die Sache in die Hand genommen hat. Göttliche Führung und Bevorzugung, wie dies in der Torah zum Ausdruck gebracht wird, sind hier nicht anzutreffen.
II.2.4.2 Jüdischer Kult und Sitten
Noch deutlicher kommt die anti-jüdische Polemik in den Berichten über den jüdischen Kult zum Tragen. Auch hier wird wieder Mose (Moyses) als derjenige gesehen, der die Juden anleitet - es ist demnach nicht Gott, der sich des Mose bedient, wie die Juden es verstehen:
Damit er sich des Volkes für die Zukunft versichere, gab Moyses ihm neue Kultbräuche, die im Gegensatz stehen zu denen aller übrigen Menschen. Unheilig ist dort alles, was bei uns heilig, andererseits ist erlaubt bei ihnen, was für uns als Schande gilt. Ein Bild des Tieres, durch dessen Hinweis sie Herumirren und Durst überwunden hatten, weihten sie in ihrem Allerheiligsten, wobei sie einen Widder schlachteten, gleichsam zur Versöhnung Ammons; auch Stieropfer bringen sie dar, weil die Ägypter den Apis verehren. Schweinefleisch rühren sie nicht an - in Erinnerung an die Plage, weil auch sie damals der Aussatz entstellt hatte, von dem dieses Tier oft befallen wird. Ihre einstige lange Hungersnot bezeugen sie bis heute durch oftmaliges Fasten, und als Erinnerung an den Raub von Feldfrüchten halten die Juden an ihrem ungesäuerten Brot fest. Am siebenten Tag, so sagt man, habe es ihnen gefallen, der Ruhe zu pflegen, da dieser Tag ihnen das Ende ihrer Plagen gebracht habe; als ihnen dann die Untätigkeit behagte, hätten sie auch jedes siebente Jahr dem Müßiggang geweiht. […]
Diese Kultbräuche, auf welche Weise auch immer eingeführt, werden durch ihr hohes Alter gerechtfertigt; die übrigen Einrichtungen, unsinnig und abstoßend, kamen zur Geltung eben wegen ihrer Abscheulichkeit. Denn überall waren es gerade die übelsten Elemente, die ihren Väterglauben aufgaben und Tempelabgaben und Spenden dort zusammenhäuften; daher wuchs die Macht der Juden, und auch deshalb, weil unter ihnen unverbrüchliche Treue waltet und hilfsbereites Mitleid, gegen alle anderen aber feindseliger Hass. Abgesondert sind sie beim Essen, getrennt beim Schlafen, und obwohl ein der Sinnlichkeit ganz hingegebenes Volk, enthalten sie sich des Geschlechtsverkehrs mit fremdländischen Frauen; untereinander gilt ihnen nichts als unerlaubt.
Die Sitte der Beschneidung haben sie eingeführt, um an diesem Unterscheidungsmerkmal erkannt zu werden. Alle, die zu ihrer Lebensform übertreten, halten sich an denselben Brauch, und nichts wird ihnen früher beigebracht, als die Götter zu verachten, ihr Vaterland zu vergessen, Eltern, Kinder, Brüder gering zu achten. Dennoch kümmern sie sich um den Bevölkerungszuwachs; denn eines der nachgeborenen Kinder zu töten gilt als Frevel; die Seelen der im Krieg oder durch Hinrichtung Umgekommenen halten sie für unsterblich: daher ihre Lust zur Fortpflanzung und ihre Todesverachtung. Die Leichen begraben sie, anstatt sie zu verbrennen, und dies nach ägyptischer Sitte; bei ihnen gilt auch derselbe Totenkult und dieselbe Vorstellung von der Unterwelt; ganz anders aber ihr Bild von den Himmlischen. […] 93
[…] Solange der Orient unter der Herrschaft der Assyrer, Meder und Perser stand, waren sie der verachteste Teil der Unterworfenen. Als die Makedonen die Vorherrschaft besaßen, versuchte der König Antiochus, ihnen den Aberglauben zu nehmen und griechische Gesittung
93 Tac. hist. 5, 4-5.
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zu geben; aber dieses in allem ekelerregende Volk zum Besseren zu wandeln, daran hinderte ihn der Krieg mit den Parthern; […] 94
Das typisch Jüdische wird hier mit dem typisch „Abstoßenden“ und „Unsinnigen“ gleichgesetzt. Nach diesen Aussagen des Tacitus ist der Kult der Juden nicht nur widersinnig, sondern auch wider die menschliche Natur. In allem steckt angeblich nur Abscheuliches, auch was deren Familienleben und Freundschaften betrifft. Gerade bei den Aussagen über „Eltern, Kindern und Brüder“, die „gering zu achten“ sie gelehrt werden, muss man sich fragen, wie ein solches Volk dann überhaupt überleben konnte. Andererseits ist eine derartige Entstellung einer bestimmten andersartigen und damit suspekten Menschengruppe ein allgemein gängiger Topos in antiken Berichten - solche Polemik darf also nicht als ausschließlich die Juden betreffend betrachtet werden und daher ist auch jeder evtl. gegebene Wahrheitsanspruch durchaus zweifelhaft. Ein weiterer Punkt der immer wieder Angriffen von Nicht-Juden (in der Spätantike auch von Christen) ausgesetzt war, ist der Sabbat. Er zählte für die Juden als eine der wichtigsten Institutionen, die ihren Bund mit Gott besiegelte. 95 Gleichzeitig galt er als eines der Hauptmerkmale ihrer Religion und - zusammen mit der Beschneidung - als eines der wichtigsten Zeichen der Volks- und Religionszugehörigkeit bzw. (eng damit verbunden) der Gesetzestreue.
Manche, denen ein den Sabbat ehrender Vater zuteil wurde, beten nichts an außer den Wolken und der Gottheit des Himmels, glauben, von menschlichem Fleisch unterscheide sich nicht das eines Schweines, dessen sich der Vater enthielt, und lassen bald auch ihre Vorhaut beschneiden. Gewohnt aber, die römischen Gesetze gering zu schätzen, lernen sie das jüdische Recht genau, beachten und fürchten es, ganz wie Moses es ihnen in geheimer Rolle überlieferte: niemandem die Wege zu zeigen außer dem Anhänger desselben Kults, allein die Beschnittenen hin zur gesuchten Quelle zu führen. Doch liegt die Schuld beim Vater, der an jedem siebten Tag müßig war und keinen Teil des Geschäftslebens anrührte. 96
Unter andern abergläubischen Bräuchen der Staatstheologie tadelt Seneca auch die heiligen Einrichtungen der Juden, vor allem ihre Sabbatfeier, und betont, wie unnütz es sei, dass sie durch Einschiebung eines allwöchentlichen Ruhetages fast den siebten Teil ihres Lebens durch Müßiggang verlören und viele dringende Geschäfte dadurch Schaden litten. Die Christen jedoch, schon damals die verhassten Feinde der Juden, wagte er überhaupt nicht zu erwähnen, um sie nicht entweder der alten Gepflogenheit seines Vaterlandes zu widerloben oder vielleicht
94 Tac. hist. 5, 8.
95 Vgl. 2. Mose 31,13-17: „Sage den Israeliten: Haltet meinen Sabbat; denn er ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Geschlecht zu Geschlecht, damit ihr erkennt, daß ich der HERR bin, der euch heiligt. Darum haltet meinen Sabbat, denn er soll euch heilig sein. Wer ihn entheiligt, der soll des Todes sterben. Denn wer eine Arbeit am Sabbat tut, der soll ausgerottet werden aus seinem Volk. Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebenten Tag ist Sabbat, völlige Ruhe, heilig dem HERRN. Wer eine Arbeit tut am Sabbattag, soll des Todes sterben. Darum sollen die Israeliten den Sabbat halten, daß sie ihn auch bei ihren Nachkommen halten als ewigen Bund. Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Israeliten. Denn in sechs Tagen machte der HERR Himmel und Erde, aber am siebenten Tage ruhte er und erquickte sich.” (Siehe auch Jes. 58, 13-14 u.v.a.m.)
96 Iuv. 14, 96-106.
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gegen seinen eignen Willen tadeln zu müssen. Wo er aber von den Juden handelt, schreibt er: „In dessen hat die Lebensweise dieses schändlichen Volkes solchen Einfluss gewonnen, dass sie in fast allen Ländern Eingang gefunden hat. Die Besiegten haben den Siegern Gesetze gegeben.“ Man spürt, wie er sich wundert, wenn er dies sagt, und ohne zu wissen, was hier nach Gottes Willen vor sich ging, lässt er eine Bemerkung folgen, die zeigt, was er über den Sinn der heiligen Einrichtungen der Juden dachte. Er sagt nämlich: „Sie freilich kennen die Gründe ihrer Bräuche, doch unser Volk tut zum größten Teil, was es selbst nicht begreift.“ 97
Neben der hier deutlich zu erkennenden Polemik, finden sich doch auch verwunderte Aussagen wie die eben genannte über die jüdische Lebensweise, die anscheinend doch nicht so abstoßend sein kann, wenn sie „in fast allen Ländern Eingang gefunden hat.“ Dazu ist die Tatsache bemerkenswert, dass die Juden eine genaue Kenntnis der Grundlage und Geschichte ihrer Bräuche besitzen, „doch unser Volk [die Römer] tut zum größten Teil, was es selbst nicht begreift.“ So scheinen bei Seneca die Juden sogar indirekt noch besser abzuschneiden als die Römer, denen er sie gegenüber stellt.
II.2.4.3 Jüdische Gottesvorstellung
Ein Aspekt der Religion, der die Juden schon immer von anderen unterschieden hat, ist der eine (monotheistische), nicht darstellbare Gott, dem man durch geistliche Erkenntnis nahen kann und der nur ganz bestimmte Opfer annimmt. Dieser „nichtgreifbare“ (bzgl. der Gotteserfahrung durch geistliche Erkenntnis) und doch deutlich reglementierte Gottesdienst, der den anderen Nationen größtenteils als absolut fremdartig erschien, musste natürlich auch auf Widerstand stoßen:
Die Ägypter verehren viele Tiere und zusammengesetzte Götterbilder, bei den Juden gibt es nur eine Erkenntnis im Geist, den Glauben an einen einzigen Gott. Als Gotteslästerer betrachten sie alle, die Götterbilder aus irdischem Stoff nach dem Ebenbild der Menschen schaffen; jenes höchste und ewige Wesen sei weder darstellbar noch vergänglich. Daher stellen sie in ihren Städten keine Götterbilder auf, schon gar nicht in den Tempeln. Eine solche Huldigung erweisen sie nicht den Königen, eine solche Ehre nicht den Cäsaren. Weil aber ihre Priester Musik mit Flötenspiel und Pauken machten, sich mit Efeu bekränzten, und weil man im Tempel einen goldenen Rebstock fand, glaubten einige, es werde Vater Liber verehrt, der Bezwinger des Orients, obwohl die Kultsatzungen keineswegs übereinstimmen; denn Liber stiftete festliche und fröhliche Bräuche, die Sitte der Juden ist [aber] widerwärtig und schäbig. 98
Die Juden versuchten, Jerusalem zu verteidigen; aber auch dieses betrat er und sah jenes große Geheimnis des ruchlosen Volkes; es bot den Anblick des Himmels unter einer goldenen Rebe. 99
Hat jener den Platz geräumt, bettelt eine zitternde Jüdin, die ihren Korb mit dem Heu zurückließ, ihr heimlich das Ohr voll, eine Deuterin der Gesetze Jerusalems, große Priesterin des Baumes und zuverlässige Botschafterin des höchsten Himmels. Auch sie füllt sich die
97 Aug. civ. 6, 11.
98 Tac. hist. 5, 5.
99 Flor. Epit. 1, 40, 30. In dieser Zusammenstellung von Auszügen des Geschichtswerkes des Titus Livius wird die jüdische Religion offensichtlich als eine Art des Dionysos / Bacchus-Kults verstanden.
Arbeit zitieren:
René Gehring, 2008, Flavius Josephus und die philosophischen Schulen der Juden – Pharisäer, Sadduzäer, Essener und die „vierte“ Schule des Judas und Sadduk, München, GRIN Verlag GmbH
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