Inhaltsverzeichnis
Gliederung
Forschungsansatz
1 Geschichtlicher Rückblick: Die soziale Herkunft der Kriminellen
1.1 Vaganten
1.2 Zigeuner und Juden
1.3 Gauner und Räuber
1.4 Geheime Gaunerzeichen
Pilotstudie : Vorkommen und Häufigkeit von 100 Wörtern aus dem Rotwelsch
2 Ihr Ursprung und ihre Wortbedeutung
2.1 Die Etymologie der Testwörter
2.2 Einteilung der Begriffe in sprachliche Sachgruppen
2.3 Häufigkeit der Wörter in anerkannten Wörterbüchern: Darlegung und Auswertung
2.4 Stilistische Klassifikation
2.5 Vorkommen der Wörter in der Literatur
3. Zusammenfassung und Fazit
4. Anhang 1: Abbildungen
5. Anhang 2: Tabellen
6. Literaturverzeichnis
7. Tabellen-, Abbildungs- und Abkürzungsverzeichnis
2
Vorwort
Unsere Sprachgewohnheiten, unsere Begriffe und Bilder, die wir verwenden bestimmen letztlich,
wie wir die Welt wahrnehmen. Unsere Sprache modelliert wesentlich unsere Vorstellungswelt. Aus
der Sprache der Räuber und Vaganten, dem Rotwelsch, können wir viel über ihr Leben und ihre
Umwelt erfahren. Diese sogenannte Gaunersprache, entwickelten die entlassenen Söldner im 12
und 13. Jahrhundert aus dem Mittelhochdeutschen (Mhd.). Das Rotwelsch besitzt ein reiches
Vokabular für Gebiete, die Bettler, Gauner und Räuber, angehen, denn die Sprache wurde
hauptsächlich vom fahrenden Volk, Gesindel, von Taschen- und Glücksspielern seit Jahrhunderten
verwendet und ist teilweise heute noch erhalten, was diese Arbeit aufzuzeigen versuchen wird. Der
Wortschatz ist für Außenstehende und Nichteingeweihte unverständlich und geheim. Bei der
Wortschöpfung wurden zum einen Wörter aus der deutschen Sprache umgedeutet oder
umfunktioniert sowie ungebräuchliche, wenig bekannte Ausdrücke aufgegriffen. Zum anderen
wurden fremdsprachliche Wörter übernommen, denn das fahrende Volk kam vor allem mit der
Sprache jüdischer Händler und Hausierer, dem Jiddisch, in Berührung, welches seinerseits für die
Mehrheit der Bevölkerung unverständliche hebräische Wörter aus dem religiösen Bereich enthält.
Hebräische Wörter und Entlehnungen gelangten so über das Jiddische in die Geheimsprache dieser
Randgruppe. Es ergaben sich witzige bis boshafte Umdeutungen. Die Wörter setzten sich aber auch
aus zigeunerischen und italienischen Ausdrücken zusammen bzw. sind es heute noch. In diesem
Zusammenhang ist die Untersuchung der Lebenssituationen dieser besonderen Gruppen, d.h.,
Vaganten, Räuberbanden, Juden und Zigeuner, nicht von minderer Wichtigkeit.
Das Rotwelsch erlebte sein hoch vor allem im 18. aber auch im angehenden 19. Jh. Ursache hierfür
war das Ausmaß der Armut in der Frühen Neuzeit. Etwa 10% der Bevölkerung gehörten zu den
beständig armen Menschen, weitere 20% gehörten der unterprivilegierten Gesellschaftsschicht an,
die je nach Konjunktur in die Armut hineingesogen werden konnten, so daß zu Krisenzeiten bis zu
80% der Bevölkerung potentiell von Armut bedroht waren. Der Kampf gegen die Bettelei, den
Diebstahl, den Warenschmuggel, die Landstreicherei oder die Prostitution war ein wichtiges
sozialpolitisches Thema der Frühen Neuzeit. Juden, Zigeuner, Landstreicher, Diebe, Räuberbanden
und Prostituierte wurden allesamt ´in einen Topf geworfen`. Die stigmatisierten Menschen
entwickelten eine eigene Armutskultur. Für das eigene Überleben waren die geheime Sprache und
der sogenannte Zinken, ein gezeichnetes Gaunersymbol, äußerst wichtig. Die Schriftzeichen und
die geheime Sprache entsprechen dem Bestreben dieser Menschen das
Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck zu bringen und sich vor allem von der restlichen
Gesellschaft abzusondern und zu schützen.
In Abschnitt 1.1 bis 1.5 soll versucht werden, die komplexen historischen, wirtschaftlichen und
sozialen Ursachen und Auswirklungen des Vagantentums zu beleuchten, um so die dadurch
bedingte Sprache dieser Randgruppen in ihrem Gesamtzusammenhang besser zu verstehen. Aus
diesem Grunde ist es wichtig zu wissen, wer die Sprachteilhaber waren. Der geschichtliche
Rückblick versucht das soziale und politische Umfeld , die soziale Herkunft zu skizzieren, um eine
3
Vorstellung vom Leben dieser rotwelsch sprechenden Bevölkerungsgruppe zu ermöglichen. Die
fahrenden Menschen waren gegenüber kriminellen Handlungen nicht grundsätzlich abgeneigt. So
ist es nicht verwunderlich, daß viele Vokabeln diesen Lebensraum beschreiben. Sprache zeigt sich
auch hier als Spiegelbild ihrer jeweiligen Zeit. Die Beschäftigung mit rotwelschen Wörtern erlaubt
es, verschiedene neue Elemente, die seitdem entstanden sind und die wir heute nutzen, an der
historischen Wirklichkeit zu vergleichen. Insofern soll die Betrachtung der Wortgeschichte helfen,
die gegenwärtige Bedeutung der Wörter besser zu verstehen.
Grundlage der Untersuchung in Abschnitt 2 sind anerkannte Wörterbücher der deutschen Sprache.
Anhand des Etymologischen Wörterbuches von Friedrich Kluge, einmal bearbeitet von Walther
Mitzka und ein weiteres Mal von Elmar Seebold, sollen in Abschnitt 2.1 die etymologischen
Wurzeln der 100 rotwelschen Wörter aufgedeckt werden. Aufgenommen wurden lediglich Wörter,
die in den obengenannten etymologischen Wörterbüchern von Friedrich Kluge eindeutig als
rotwelsche Bezeichnungen auszumachen sind. Die Wörter folgen in jeder Auswertung
alphabetische aufeinander, gefolgt vom ausführlichen etymologischen Nachweis. Die benutzten
Abkürzungen lassen sich über das Abkürzungsverzeichnis leicht auflösen.
Der Anteil des sprachlichen Grundschatzes verschiedener Sprachen im Rotwelschen, wie Deutsch,
Jiddisch, Zigeunerisch oder Italie nisch, sollen hier ebenso untersucht werden. Ein weiterer
Gesichtspunkt ist die Einteilung der Ausdrücke nach entsprechenden Sachbereichen in Abschnitt
2.2. Hiermit soll aufgezeigt werden, was im Leben dieser Randgruppen von gewisser Wichtigkeit
war, was s ie interessierte, was sie für Ziele hatten oder womit sie sich im allgemeinen
auseinandersetzten mußten. Ein interessanter Punkt innerhalb des Themenkomplexes sind
Bedeutungsverschiebungen und -übertragungen, die in Abschnitt 2.5 aufgezeigt werden. In
Abschnitt 2.6. sollen die Wirkungsweise und das Ausmaß der Übernahme durch die
Umgangssprache und die Standardsprache interpretiert werden. Hierbei ist die stilistische
Einordnung der Wörter heute besonders interessant. Erst die Auseinandersetzung mit dem Thema
macht bewußt, daß viele Wendungen und Wörter unwillkürlich und unbewußt im alltäglichen
Sprachgebrauch ihre Verwendung finden. Anhand anerkannter Wörterbücher (Duden, Brockhaus,
Hermann Paul, etc.) werde ich versuchen die oben dargestellten Fragestellungen zu beantworten.
Der Duden ist das große Regelwerk der Sprache, das letzten Endes alles zusammenfaßt, was die
Kompetenz eines vorbildlichen Sprechers der deutschen Sprache charakterisiert. Aus der
Auswertung der Wörter können wir ansatzweise die gesellschaftliche Einstellung und
Verhaltensweise der Rotwelsch sprechenden Menschen ersehen.
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1 Geschichtlicher Rückblick: Die soziale Herkunft der Kriminellen
1.1 Vaganten
In der Frühen Neuzeit war ein starkes Ansteigen des Wohlstandes der städtischen und bäuerlichen
Eliten zu vermerken. Der Abstand zu den Unterschichten und den Armen im allgemeinen wurde
immer größer. Die sozialen und ökonomischen Gegebenheiten bewirkten ein Ansteigen über Land
fahrender armer Leute. Diese gesellschaftliche Gruppe setzte sich aus den verschiedensten
Personen und Banden zusammen. Die wirtschaftliche Not und der soziale Druck verbanden
Menschen unterschiedlichster Religion und Volkszugehörigkeit zu einer recht geschlossenen
gesellschaftlichen Schicht. Der Zusammenhalt, Maßnahmen zum Selbstschutz und die Solidarität
wurden durch die staatlichen Verfolgungsmaßnahmen und Gesetze nur noch verstärkt.
Die soziale Herkunft der Diebe, Räuber, Vaganten, Bettler, Juden und Zigeuner und die Motivation
kriminell zu werden und dementsprechend zu handeln soll im Folgenden dargestellt werden. Ein
wichtiger Punkt ist die Verbindung zwischen Armut und Kriminalität und die Selbstwahrnehmung
dieser Randgruppen 1 , sowie die Bewertung ihres gesellschaftlichen Umfeldes allgemein. Von den
Menschen die wir als Vaganten, Jenische oder Fahrende (heute Stadtstreicher und Penner)
bezeichnen, ging stets eine Aura des Geheimnisvollen aber auch Unheimlichen und Gefährlichen
aus. So empfand es die seßhafte Bevölkerung in der Frühen Neuzeit und seitdem hat sich diese
Einstellung nicht viel verändert. Die Tramper, Stadtstreicher und Penner befinden sich auch heute
am äußersten Rand der Gesellschaft. Nichtsdestotrotz waren sie immer bemüht ihren Stolz und ihre
Würde zu bewahren, obwohl ihre Armut gesellschaftlich nicht anerkannt war und es auch heute
nicht ist. 2 . „Die Umherziehenden und Entwurzelten wurden (schon immer) […] als Ursache der
Krise angesehen, nicht als ihr Produkt“ (Rheinheimer 2000, S. 188).
Die Vaganten waren dazu gezwungen sich irgendwie durchzuschlagen, und sei es auf kriminelle
Art und Weise. Das Heimatrecht wurde ihnen verweigert, da jede Gemeinde verpflichtet war, sich
um ihre Armen zu sorgen 3 . Schätzungen zufolge machten die Vaganten im Deutschland des 18.
Jahrhunderts je nach wirtschaftlicher Lage etwa 2 bis 10% der Gesamtbevölkerung aus. In
Krisenzeiten konnte die Zahl stark zunehmen, da dann viele Menschen der Unterschichten von
Obdachlosigkeit und Nichtseßhaftigkeit direkt bedroht waren. Ursachen der Armut einzelner waren
Krankheit, Alter, Tod der Eltern oder des Ehemannes, Verlust der Arbeit oder Unglücksfälle.
Soziale Ausgrenzung, Kriege, Seuchen, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen (Mißernten) warfen
eine breite Bevölkerungsschicht, vor allem die arme Bevölkerung in Stadt und Land, in Elend und
1 Vgl. Jütte, Robert: Abbild und soziale Wirklichkeit des Bettler- und Gaunertums zu Beginn der Neuzeit: sozial-, mentalitäts- und sprachgeschichtliche Studien zum Liber Vagatorum (1510).Köln, Wien 1988, S. 28 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Heft 27) in Bezug auf den Begriff Randgruppen.
2 Vgl. Rheinheimer, Martin: Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not 1450-1850. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000, (Europäische Geschichte), S. 16, 18ff.
3 Vgl. Küther, Carsten: Räuber und Gauner in Deutschland. Das organisierte Bandenwesen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. 2., durchgesehen Auflage, Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 20), S. 15
5
Not und zwangen sie zur Mobilität. Gerade körperliche Gebrechen, wie Erblindung, Verkrüppelung
oder Geisteskrankheiten, waren eine häufige Ursache für den gesellschaftlichen Ausschluß 4 .
Fahrende Personen und Gruppen waren ein besonderer Störfaktor in den Augen der vermögenden
und herrschenden Schichten, da sie sich jeglicher Kontrolle entzogen und alles andere als produktiv
waren. Obrigkeitliche Verordnungen und Repressionen richteten sich fortan gegen sie. Bereits die
Tatsache alleine, daß man nicht seßhaft war, genügte um die Fahrenden allesamt als Diebe und
Gauner zu brandmarken. Arbeitsscheue, Bettler, Vaganten, Diebe und Räuber wurden förmlich
gleichgesetzt. Die Stigmatisierung bewirkte das endgültige Abrutschen in die Kriminalität. Aber
nicht jeder Vagant war auch Krimineller und nicht jeder Dieb eingebunden in die Netzwerke der
Räuber. Wer als Vagant überleben wollte, mußte sich mit anderen zusammenschließen und zu
Selbstschutz sowie Selbsthilfe greifen und sich an dauernd veränderte Umstände anpassen.
Die meisten Fahrenden, wie beispielsweise Kesselflicker, Korbflechter, Hausierer, Musikanten,
Schausteller oder Scherenschleifer waren nicht freiwillig unterwegs, sondern die Suche nach Arbeit
trieb sie dazu 5 . Viele Vaganten arbeiteten im Sommer als Saisonarbeiter, doch sobald die
Sommersaison vorbei war, und sie ihren Lohn ausgezahlt bekamen, hatten sie zu verschwinden. Im
19. Jh. fanden die meisten Arbeit in Fabriken, so daß sie mit ihrem Wanderhandel ganz aufhörten.
Die Vaganten trugen wesentlich zur Volkskultur bei, doch mit der Industrialisierung kam im 19. Jh.
auch ihr Niedergang 6 .
Auch die weitverbreitete Annahme , daß Vaganten an keinem Ort zuhause sind, ist nicht richtig.
Die meisten haben eine lose Beziehung zu einer bestimmten Region, in der sie möglicherweise
geboren sind, in der sie Freunde oder Helfer haben, die ihnen ein beispielsweise ein Winterquartier
anbieten können. Der Aufstieg aus dem nomadisierenden Leben gelingt nur wenigen. Die meisten
erben ihr Vagantenschicksal und so bilden sich ganze Generationen von Bettlern, Hausierern und
Dieben. Einen gefürchteten Anteil des umherziehenden Volkes bildeten im 18. Jahrhundert
abgedankte und desertierte Soldaten. Als sozial nicht integrierte Gruppe blieb ihnen kein anderer
Ausweg. Andere wiederum wollten sich der einengenden Abhängigkeit durch die Armenkasse
entziehen und entschieden sich bewußt zum Leben auf der Straße 7 . Die Verarmung führte die
Betroffenen in die Kriminalität und ließ sie von den sozialen Normen und Gesetzen abweichen.
„Das Grundproblem war das dauernde leben unter dem Existenzminimum, und daraus erwuchs
auch die andere Moral der Unterschicht“ (Rheinheimer 2000, S. 51).
Eine bevorzugte und bei den Vaganten außerordentlich verbreitete Art an Geld oder Nahrungsmittel
zu kommen, war das Hausieren. Gehandelt wurde mit Gegenständen und Gütern des alltäglichen
Bedarfs, aber auch kurioses wie ´Elefantenschmalz ` fanden immer wieder ihre Abnehmer.
4 Vgl. Seidenspinner, Wolfgang: Mythos Gegengesellschaft: Erkundungen in der Subkultur der Jauner. Münster, New York, München, Berlin 1998, S. 81 (Internationale Hochschulschriften, Band 279)
5 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 135f., 163
6 Vgl. Kopecný, Angelika: Fahrende und Vagabunden. Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Straßen. Berlin: Klaus Wagenbach Verlag, 1980, S. 150, 63, 54, 57, 60
7 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 141
6
Grundsätzlich wurden Hausierern unsaubere Verkaufsmethoden unterstellt, so daß einige Verbote
und Vorschriften gegen sie erlassen wurden.
Jeder Fahrende geriet einmal im Laufe seines Lebens durch Zufälligkeit oder Übermut in die
Hände der Verfolger. Schon Kinder bereitete man aus diesem Grund an Verhörsituationen vor und
einige Gruppen und Gemeinschaften versuchten sich gegen Folter abzuhärten. Falls man sie doch
erwischte, dann wurden sie meistens verprügelt oder ausgepeitscht und dann über die Stadt- oder
Landesgrenze ausgewiesen. Im Laufe der Zeit wurde es für Vaganten immer schwieriger, dem Netz
von Gesetzen, Polizeikontrollen, Zucht- und Arbeitshäusern, Irrenanstalten und vermeintlich
wohltätigen Einrichtungen zu entfliehen. „Sie waren dazu verdammt, sich in einer Welt
durchzuschlagen, in der sie allenfalls geduldet, ständig mit Argwohn betrachtet und oft verfolgt
wurden“ 8 . Vaganten und Landstreicher sowie ihre modernen Nachfolger, die Penner und
Stadtstreicher, werden auch heute noch als mißglückte Individuen angesehen, deren Lage auf
charakterliche Deformation oder persönliches Scheitern zurückgeführt wird 9 .
„Randgruppe, Diskriminierung, Segregation, Kulturkonflikt, Marginalität, Vorurteile und Stigmatisierung […] (sind Probleme, die) die Betroffenen vielfach in den sogenannten circulus vitiosus der Armut (führt), aus dem sie ohne fremde Hilfe nur schwer wieder herauskommen und in den ihre Nachkommen zumeist hineingeboren werden, was häufig, im übertragenen Sinne, zur Vererbung der Armut führt. Die theoretischen Zusammenhänge dieses Teufelskreises deuten darauf hin, daß Armut nicht nur ein individuelles Problem sein kann, sondern häufig Resultat gesellschaftlicher Strukturen und institutionalisierten Verhaltens, dominanter Erwartungen und negativer Vorurteile ist“ 10 .
Doch andererseits muß eine gesellschaftliche Nicht-Integration nicht gleich zu einem Abrutschen
ins Außenseitertum führen. Entscheidend hierbei ist die Toleranzgrenze der jeweiligen
Gesellschaft. bei Nichteinhaltung der geltenden Vorschriften, Normen und Gesetze (Vgl. Jütte
1988, S. 29).
Den fast größten Anteil der Nichtseßhaften bildeten die Angehörigen der unehrlichen Berufe wie
Abdecker (Verwerter von Tierkadavern), Hirte, Müller, Weber, Gassenkehrer, Türmer,
Sauschneider, Bürstenbinder, Dirnen, Korbflechter, Henker, Zöllner, Scherenschleifer (siehe
Abbildung 1 im Anhang), Stadtbote, Köhler oder Chirurg. Sie alle und auch die Vaganten waren
vom Gericht, den Zünften und von einer ehrlichen Beerdigung ausgeschlossen. Bereits die
Berührung eines Vertreters einer dieser Gewerbe konnte unter Umständen unehrlich machen. Zwar
wurde die Unehrlichkeit im 18. Jh. abgeschafft aber im alltäglichen Leben galt sie noch bis ins 19.
Jh. für Scharfrichter, Prostituierte, Vaganten und Abdecker. Selbst wenn es einem Vaganten gelang
ansässig zu werden, so konnten sie sich noch l ange nicht von dem Schatten ihrer Vergangenheit
und der damit verbundenen Unreinheit lösen. Ein weiteres Problem war es, daß eben viele Berufe
Wander-Handwerkszweigen angehörten, wie Abdecker, Scharfrichter, Schäfer, etc. So war auch der
umherziehende Handwerksgeselle (Schmied, Metzger, Wagner, Bäcker, Tischler, u .v.m.) eine
8 Küther 1987, S. 15
9 Vgl. Kopecný 1998, S. 109f., 130, 135
10 Freese, Christoph: Zur Geschichte und Gegenwart der Zigeuner und Landfahrer in Deutschland. Versuch einer subkulturellen Erklärung. Nürnberg 1980, S. 172f.
7
alltägliche Erscheinung 11 . Aufgrund der sozialen Ausgrenzung hatten sie nie eine Chance gehabt,
sich in die seßhafte Gesellschaft einzugliedern. Sie wurden von den Zünften ausgeschlossen, die
Ausübung ihres unsauberen und niederen Gewerbes war oft mit Tabus belegt und hinzu kamen
noch ihre schlechten Lebensbedingungen. Die wirtschaftliche Notlage und die dürftigen Einträge
ließen die Unehrlichen in die Kriminalität, d.h., in Raub du Diebstahl, einsteigen. Die
gesellschaftlich Ausgegrenzten lebten häufig am Rande oder außerhalb der Siedlungen 12 . „Die [...]
mobile Bevölkerung nahm [...] immer wieder Abgestiegene und Ausgestoßene auf und bot [...]
Ansätze einer eigenen Identität“ 13 . Abstammung und Gewerbe spielten zunehmend eine geringere
Rolle. „Aus den Verfolgten, den vielen vereinzelten Vaganten werden nun Kochemer“ 14 . d.h.,
Vertraute, im Gegenteil zu der ansässigen Bevölkerung, die als Wittische oder Kaffer, d.h., als
Unwissende und dumme B auern, bezeichnet werden. Mit Kochemer werden alle diejenigen
genannt, die Rotwelsch sprechen, also die Geheimsprache der Eingeweihten beherrschen. Das
Rotwelsch ist eine künstlich erschaffene geheime Sprache, eine Schöpfung des fahrenden Volkes,
auf der Straße entstanden und entwickelt und weit über 700 Jahre alt. In ihr spiegeln sich die
Vergangenheit, die Gedankenwelt und die Lebensweise der Vaganten wider, ihr Selbstwertgefühl
und die Anstrengung, sich gegen eine feindselige Umwelt zu behaupten. Die einheimische Sprache
bildet das grammatikalische und syntaktische sprachliche Gerüst, ausgefüllt mit archaischen,
ungewöhnlichen, dialektgefärbten, neu erfundenen und aus unterschiedlichen Fremdsprachen
entlehnten Vokabeln. Alle Vaganten bzw. Kochemer trugen ihren Teil zum Rotwelsch bei. Diebe,
Bettler, Zigeuner, Juden, Soldaten, Studenten, Prostituierte und Handwerker hatten ihre
individuellen Ausdrucksweisen. Sie vermischten Wörter aus ihrer Muttersprache mit ausländischen
Vokabeln und gliederten sie ins Rotwelsch ein. Jeder Kochemer konnte neue Wörter erfinden, seine
Umgebung registrierte sie und nahm sie auf und trug zu ihrer Verbreitung bei. Neue Erfahrungen
mußten sprachlich erfaßt und verarbeitet werden, so veränderten sich die Sprache und
dementsprechend auch das Bewußtsein der Kochemer. Je anspruchsvoller die Aktivitäten, das
gesellschaftliche Umfeld der Vaganten im Laufe der Zeit wurde, um so üppiger und raffinierter, um
so schwerverständlicher und verworrener wurde ihre Sprache. Die Konfrontation m it der
Staatsordnung, der Umgang mit skeptischen und feindseligen Mitmenschen beanspruchten immer
neue Schlichen und Geheimnisse. Die Kochemer mußten ihre Sprache fortwährend verändern, um
sie vor Entdeckung abzusichern. Die Sprache konnte sich über Jahrhunderte hinweg lebendig
erhalten, da sie nicht nur als Verkörperung einer eigenen Identität, sondern ebenso als gesammeltes
Erfahrungsgut von Generation zu Generation weitervererbt wurde 15 . Was die Vaganten
zusammengehalten hatte war ihre geheime Sprache.
11 Vgl. Kopecný 1980, S. 12, 55
12 Vgl. Rheinheimer, S. 137, 163
13 Seidenspinner 1998, S. 88
14 Kopecný 1980, S. 139
15 Vgl. Kopecný 1980, S. 140ff.
8
1.2 Zigeuner und Juden
Seit dem 15. Jahrhundert hatten Not, Elend und die ständige Angst vor Verarmung neue
Identifikationsfiguren bekommen, die aus Indien stammenden Zigeuner (siehe Abbildungen 2 bis 5
im Anhang). Sie waren noch weniger gesellschaftlich ei ngebunden als Vaganten, unehrliche Leute,
fremde Bettler oder Räuber. Die Verfolgung konzentrierte sich zunehmend auf sie, zumal sie durch
ihr dunkles, fremdartiges Äußeres und als einen klar abgegrenzte Gruppe leichter zu fassen waren 16 .
Gruppen die nirgendwo eine Heimat hatten, wie die Zigeuner, waren im Grunde gezwungen als
Vaganten umherzuziehen. Das Heimatrecht, welches das Prinzip der Seßhaftigkeit verstärkte und
als einzige bürokratische Lösung der Armenfürsorge angesehen wurde, schloß allerdings alle aus,
die keine Heimat hatten und trug dazu bei, ihre fremde Identität nur noch zu verfestigen 17 .
Verschiedene weitere Faktoren verhinderten gemeinsam eine gesellschaftliche Integration der
Zigeuner, die hier nicht näher erläutert werden sollen.
Die seßhafte Bevölkerung schuf sich ihr eigenes Konstrukt des Zigeuners und diese Vorstellung ist
bis heute stark von dieser Fremdsicht geprägt. Frühere Autoren beschrieben Zigeuner wie folgt:
„Die Zigeuner sind häßlich, dem Nichtstun ergeben, sie leben von Diebstahl, sie kampieren auf dem
Felde, sie sind Spione, leben von Wahrsagerei, haben keine Religion, kennen kein Vaterland“
(Rheinheimer 2000, S. 176f.). Einige dieser Unterstellungen und Vorurteile, wie Wahrsagerei und
Heilkunst nahmen die Zigeuner zum Teil an und nutzten sie zu ihrem Vorteil. Das Bild von Simon
Vouet (1590-1649) zeigt eben genau diese Vorstellung der seßhaften Bevölkerung einer
Zigeunerin, als Wahrsagerin. Während sie einem Mann, womöglich einem Handwerker aus der
Handfläche die Zukunft liest, bestiehlt ihn ihre Mitgefährtin.
Abbildung 6: Die Wahrsagerin (1617) von Simon Vouet 18
Es findet sich eine Reihe von Bildern zu diesem und verwandten Themen unabhängig von
Nationalität und Epoche. Georges de la Tour (1593-1652) malte ebenso ein Bild von einer
wahrsagenden Frau, während auch hier ihre Mitgespielinnen das ahnungslose Opfer um sein Geld
erleichterten (siehe Abbildung 7 im Anhang). Schon immer brachten die Menschen die Roma mit
16 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 173f.
17 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 135
18 Quelle:www.kfki.hu/~arthp/html/v/vouet/1/2fortun.html
9
Magie und Zauberkunst in Verbindung, wobei sich im nachhinein unzähliges angeblich Magisches
als einfacher Trickdiebstahl entpuppte. Manche Leute suchten geradezu den Umgang mit
wahrsagenden Zigeunerinnen und Zigeunern im allgemeinen 19 .
Das Wandern der Zigeuner, die Wahrsagerei, der Diebstahl, ihr Unglaube, ihr fremdartiges Äußeres
und ihre unverständliche Sprache ließen Vorstellungen entstehen, die möglicherweise die Scheu der
Einheimischen im Umgang mit dieser Bevölkerungsschicht erklären. Meist zogen sie in kleinen
Gruppen umher, was angepaßter wirkte. Die Zigeuner verdienten sich ihren Lebensunterhalt durch
Wahrsagerei, medizinische Kenntnisse, Betteln und Stehlen der Frauen. Der Handel mit Pferden,
Teppichen, Porzellan, Glas oder Steingut ist oft belegt. Unter anderem stellten sie Körbe, Besen,
Kämme und Holzgegenstände her. Schaustellerei und Musizieren sind dagegen selten belegt 20 .
Anfangs erfolgte ihre gesellschaftliche Ausgrenzung im Zusammenhang mit den Bettlern ganz
allgemein. Ursache hierfür war wahrscheinlich die ähnliche Lebensweise von Zigeunern und den
übrigen Vaganten, Bettlern und Gaunern. Womöglich ergaben sich Verhaltensweise und
Überlebensstrategien größtenteils aus den Bedingungen der fahrenden Lebensart und der
Verfolgung. Vor allem jedoch in bezug auf die feste und permanente Bandenstruktur unterscheiden
sich die Zigeuner von den übrigen Vaganten. Möglicherweise entstand so die obrigkeitliche
Vorstellung von einer strafforganisierten Räuberbande, obwohl diese wiederum ein flexibler,
zweckgebundener Verband waren. Nichtsdestotrotz sprach man in einem Atemzug von Zigeunern,
Räubern oder Dieben, obwohl Zigeuner und Gauner oder Räuber nur selten Verbindungen
eingingen.
„Das Verhältnis zwischen Zigeunern und Nichtzigeunern war zumeist auf berufsbedingte Kontakte
beschränkt. Private Beziehungen wurden verhindert, weil sie zur Unreinheit führten, denn der
Nichtzigeuner galt grundsätzlich als unrein, da er die Tabus mißachtete. Hieraus resultierte die Abgrenzung gegenüber anderen Nomaden, wie z.B. den Jenischen, […]“ 21 .
Diebstähle, Plünderungen, die angeblichen magischen Fähigkeiten, die Fremdartigkeit und die
Angst davor waren Gründe für die Verfolgung der Zigeuner 22 . Alle Vorurteile gegen die Vaganten
treffen besonders die Zigeuner. „Für die Kanalisierung der Angst eigneten sich die Zigeuner, weil
sie der unbestimmten Unsicherheit einen Namen geben konnten, das heißt, bestimmte Aspekte der
Bedrohung fanden in ihnen einen symbolischen Ausdruck“ 23 . Ihre andersartige Lebensweise wich
erheblich von derjenigen der jeweils ansässigen Bevölkerung ab. Die Zigeuner waren die
Ungläubigen, Betrügerischen und Sittenlosen, wobei sich die seßhafte Bevölkerung als
Rechtschaffen und Gläubig wahrnahm. „Das Prinzip ist bis heute das gleiche geblieben: die
Aufwertung der eigenen über die Abwertung der fremden Lebensweise“ 24 . Die V erfolgungen
förderten ein bewußtes Abgrenzen seitens der Zigeuner sowie absichtliche Verheimlichung alles
19 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 180
20 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 199f.
21 Freese Nürnberg 1980, S. 63
22 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 178f., 181
23 Rheinheimer 2000, S. 188
24 Rheinheimer 2000, S. 182
10
Privaten. „In Verordnungen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts konnten Zigeuner ohne
Begründung getötet werden. Sie waren vogelfrei“ 25 .
Um überleben z u können, waren für die Roma der familiäre Zusammenhalt , bzw. die Sippe
besonders wichtig: Sie bot ihnen Schutz vor Verfolgungen, Unterstützung in Notfällen und bei
Streitigkeiten. Die Sippe, die meist aus mehreren Generationen bestand, verlieh das Gefühl der
Zugehörigkeit und sie bot Identifikations- und Orientierungsmöglichkeiten (Vgl. Freese 1995, S.
55). Gerade auf die Zerschlagung der Stammes- oder Sippenverbände sowie der Familienstrukturen
zielten viele obrigkeitliche Maßnahmen. Folglich wurden die Männer zu Festungsarbeit verurteilt
und Frauen samt Kindern kamen ins Zuchthaus 26 . Auch wenn die Verfolgungen im Laufe der Zeit
abnahmen, so blieb die Mehrzahl der Zigeuner trotzdem am Rande der Gesellschaft. „Die Angst
vor den Zigeunern lebte im Unbewußten fort, wurde auch kulturell über Sagen, Trivialliteratur und
andere Medien tradiert und konnte in neuen Krisen wieder aufbrechen“ 27 . Dennoch haben die
Zigeuner ebenso wie die Vaganten ihre Verfolgung nicht widerspruchslos hingenommen. Sie haben
ihre Nischen in der Gesellschaft entdeckt, haben eine eigene Kultur und Sprache entwickelt. Die
Zigeuner sprachen ihre Sprache, das Romanes 28 , ständig untereinander. Da nur die Zigeuner alleine
durch sie kommunizierten, fungierte sie gleichzeitig als Geheimsprache. Rotwelsch dagegen war
nicht die einzige Sprache der Bettler, Diebe und Vaganten. Sie nutzten sie lediglich zu einem
bestimmten, meist kriminellen Zweck. Ansonsten sprachen die Bettler, Vaganten und Diebe die
Gemein- bzw. Standardsprache oder/und den jeweiligen regionalen Dialekt.
Nicht nur die seßhafte Bevölkerung auch viele Vaganten fürchteten sich vor den angeblichen
magischen Kräften und Zaubereien der Roma und waren bemüht dem sogenannten bösen Blick
auszuweichen. Man traute den Zigeunern ebenso wie den Juden alles erdenklich Schlechte zu 29 .
Zigeuner und Juden waren in Bezug auf ihre wirtschaftliche Zwangslage und ihrem
gesellschaftlichen Status den anderen Vaganten, Räubern und Bettlern gleichgestellt. Bei Zigeunern
und Juden handelt sich allerdings um „Randkulturen, deren Mitglieder durch Zugehörigkeit zu einer
Sprach- oder Kulturgemeinschaft, wie einer religiösen Gruppe oder einer Großfamilie, miteinander
verbunden und aneinander gebunden sind“ 30 .
Sehr viele der ärmeren Juden waren im 18. Jahrhundert als Hausierer tätig, um an den
Herbergen, Wirtshäusern und in den Straßen ihre Waren anzubieten. Sie handelten im
Stadtbereich ebenso wie in den Dörfern und Ortschaften der Umgebung mit Nahrungsmitteln,
Textilien, Alkohol und vielen anderen Kleinwaren. Die Juden mußten im abgeschlossenen Ghetto
leben, die sie nachts und an Sonn- und Feiertagen nicht verlassen durften. Sie hatten keinen Anteil
25 Neeb, Reinhold: Räuber, Gauner und Vagabunden. Kriminalität im alten Oberhessen. 2. überarbeitete Auflage, Gießen: Brühlscher Verlag, 1992, S. 17
26 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 194
27 Rheinheimer 2000, S. 208
28 Lühr, Rosemarie: Zum Sprachnamen Rotwelsch. In: Rotwelsch-Dialekte. Symposium Münster 10. bis 12. März 1995. (Herausgegeben von Klaus Siewert), Wiesbaden 1996, S. 20 (Sondersprachenforschung, Band 1)
29 Vgl. Kopecný 1998, S. 30
30 Girtler, Roland: Randkulturen. Theorie der Unanständigkeit. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag, 1995, S. 39
11
an der politischen Beeinflussung in der Stadt und waren in der Ausübung ihres Berufes,
insbesondere im Handel, vielen Einschränkungen unterworfen, was wiederum das Bild vom
raffgierigen und betrügerischen Juden entstehen ließ. Die Ursachen für das sozialpolitische Abseits
und die gesonderte Stellung der Juden liegen in religiösen und kulturellen Vorurteilen ihrerseits und
seitens der christlichen Bevölkerung ihnen gegenüber 31 . Doch auch in der jüdischen Gemeinde
waren die jüdischen Vaganten keine gern gesehenen Gäste. „Wichtig im Zusammenhang mit der
Entstehung des Rotwelschen ist, […], der Kontakt dieses jüdischen Vagantentums mit den
christlichen Fahrenden und Ausgestoßenen“( Jütte 1988, S. 34).
1.3 Bettler
Die zunehmende Armut in der frühen Neuzeit widersprach dem aufblühenden Wohlstand und so
verbreitete sich der Vorwurf, daß die meisten Bettler Betrüger und arbeitsscheue Gauner waren. Die
Unterscheidung von würdigen und unwürdigen bzw. von echten und unechten Bettlern war äußerst
schwer, da es sicherlich auch Arbeitscheue unter den Bettlern gab. Die meisten unter ihnen jedoch
hatten diesen Weg aufgrund ihrer Not gewählt und weil sie aus ihrer Situation keinen anderen
Ausweg sahen sich ihr tägliches Einkommen zu sichern. wichtig zu erwähnen wäre hierbei, daß das
Betteln an sich traditionell in die Kategorie der unehrlichen Berufe und Tätigkeiten eingestuft
wurde, was demzufolge den Ausschluß aus den Zünften bedeutete 32 .
Man unterschied zwischen dem einheimischen Bedürftigen, der in der Nachbarschaft um Geld oder
Brot bettelte, den Gelegenheitsbettler, der nur eine Zeit lang von akuter Not gezwungen bettelte und
den berufsmäßigen Wanderbettler, bei dem die Grenzen zur Verbrecherwelt fließend waren. Der
professionelle Bettler wurde mit manchen Vorurteilen belegt, so vertraten viele die Meinung, daß er
mit seinem erbettelten Geld viel mehr verdiene als manch anderer mit Arbeit und betteln tut er auch
nur weil er zu faul zum Arbeiten ist. Es gab nicht nur unterschiedliche Bettler bzw. Formen des
Bettels, sondern auch verschiedene Betteltechniken. Als Bettler war man bemüht bedürftiger zu
wirken als die übrigen, denn je mehr bettelnde Menschen es gab, desto größer wurde der
Konkurrenzdruck. Der untenstehende Kupferstich von Hieronymus Bosch zeigt, daß betrügerische
Bettler allerlei Tricks und Schlichen kannten, um den Eindruck eines hilflosen Opfers darzustellen,
um so das Mitleid der Bevölkerung für sich auszunutzen (Abbildung 7) 33 .
31 Vgl. http://www.doctool.net/jg/dhtml/B012.htm und http://www.doctool.net/jg/dhtml/T043.htm (Internetportal des Museums Judengasse, Frankfurt am Main) sowie Vgl. Küther 1987, S. 26
32 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 153
33 Tolnay, Charles de: Das Gesamtwerk Hieronymus Bosch. Eltville am Rhein 1989, S. 315, Bild 13
12
Auf dem Kupferstich ist zuerkennen, daß die Bettler sich so einiges einfallen ließen, um an paar
Almosen zu gelangen. Durch Verrenkungen oder das Darstellen von körperlichen Gebrechen durch
Krücken, Beinprothesen, falschen Buckeln und vielen weiteren Behinderungen wollten sie sich als
unglückliche, vom Schicksal bestrafte, hilflose, arme Kreaturen ausgeben. Viele dieser Tricks
werden heute noch angewendet und lassen sich in jeder größeren Stadt beobachten.
„Er hatte eine gesellschaftliche Nische gefunden, die er nun gezielt ausbeutete“ 34 . Entweder
simulierte man Krankheiten und Behinderungen vor, man verkleidete sich als Geistlicher oder
Rompilger oder gab sich als getaufter Jude aus. Zur Ausrüstung eines professionellen Bettlers
gehörte zerschlissene, vielfach geflickte, unvollständige, lumpige und verdreckte Kleidung, die ihn
als arm und notleidend kennzeichnete. Falls man mit einer Behinderung Mitleid erregen wollte,
konnten auch eine Augenklappe, eine Krücke oder ein Holzbein, ein Verband am Bein oder am
Arm dazugehören 35 (siehe Abbildungen 9 bis 12 im Anhang). Kranke und Geistesgestörte waren
von Gott Gestrafte und sie konnten nichts dafür, daß sie arbeitsunfähig waren. Aus diesem Grunde
konnten vor allem sie mit Mitleid rechnen. Manche Bettler verkleideten sich als Magier und
Wunder- oder Kräuterheiler und verkauften Zaubersprüche, Amulette, Ratschläge, Heilkräuter und
andere magische sowie heilversprechende Gegenstände und Mittel. Aus dem Aberglauben und dem
Glauben an die Macht des Zaubers und der Magie der seßhaften Bevölkerung zogen sie ihren Profit
und machten so ihre Geschäfte.
34 Rheinheimer 2000, S. 142
35 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 143
13
In der Frühen Neuzeit zogen richtige Bettlerscharen durch die Straßen. Repressionen, Verbote oder
die Einrichtung eines obrigkeitlichen Armenwesens zeigten wenig Wirkung 36 . Bettler hielten sich
bevorzugt an strategisch günstigen Orten auf, wie beispielsweise vor Kirchen, wo sie am ehesten
Almosen erhoffen konnten (siehe Abbildungen 13 und 14 im Anhang). „Wer ihm gab, hatte Gutes
getan, die gestörte Ordnung der Welt ein kleines bißchen wiederhergestellt, seinem eigenen
Seelenheil genützt“ 37 . Zugeschlagene Türen, Prügel, Gespött und Hohn gehörten gleichermaßen
zum Alltag eines Bettlers. Auch Nachttöpfe wurden über ihren Köpfen ausgekippt und Hunde auf
sie gehetzt. Derartige Ablehnungen erfolgten v or allem aber aus Angst vor Diebstählen.
Insbesondere in fremden Bettlern sah man eine große Bedrohung. Die seßhafte Bevölkerung sah in
ihnen professionelle Kriminelle. Daß die meisten von ihnen ein von Not und Elend geprägtes Leben
hatten spielte dabei, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle. Demzufolge hatten viele Bettler
bestimmte Routen, die sie fest einhielten und in regelmäßigen Abständen abliefen, um ein gewisses
Vertrauen zu den Menschen aufzubauen. Nicht selten kam es vor, daß ein abgewiesener Bettler
Verwünschungen und Drohungen (vor allem Branddrohungen) ausstieß und sich an den Bauern in
irgendeiner Weise zu rächen versuchte. Kam es später zu unerklärbaren Krankheitsfällen,
Unglücks- oder Todesfällen, sah man den Grund dafür in der Verwünschung des abgewiesenen
Bettlers 38 .
Nichtsdestotrotz entwickelten die Menschen am gesellschaftlichen Rand eigene
Überlebensstrategien. Neben dem vortäuschen von Krankheiten kam es unter Umständen zu
kleineren Diebstählen der berufsmäßigen Bettler.
1.4 Räuber und Gauner
Andere Vaganten, wie die Räuber konzentrierten bzw. spezialisierten sich ganz auf Diebstähle und
Einbrüche, Betrug, Schmuggel und Falschspiel überließ man hauptsächlich den Gaunern. Hierbei
spricht man von Räuber- oder Diebesbanden. Das Bandenwesen als Form organisierter Kriminalität
scheint in der Frühen Neuzeit eine nicht unwichtige Rolle gespielt zu haben 39 . Am stärksten traten
sie in den Jahren 1790 bis 1815 auf und gehörten damit zu den prägenden gesellschaftlichen
Erscheinungen 40 . Nicht nur ein Mangel an staatlicher Ordnung, sondern auch zahlreiche
kriegswirren, Wetterkatastrophen und daraus resultierenden Mißernten, steigerten das Elend und
trieben viele aus der Armut in die organisierte Kriminalität. Die Räuberbanden überfielen Häuser,
reisende Händler, Kirchen oder brachen in Lagerhäuser ein, plünderten und stahlen alles, was einen
Wert zu haben schien. Selbst vermögende Bürger konnten durch einen solchen Raub über Nacht zu
36 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 138ff.
37 Rheinheimer 2000, S. 142f.
38 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 155
39 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 140-142
40 Vgl. Neeb 1992, S. 13
14
Bettlern gemacht werden, denn Versicherungen gegen Diebstahl und Überfall gab es damals
nicht 41 .
Die Bande rekrutierte „sich aus sozialen Absteigern, Teilintegrierten (einfachen Soldaten,
Tagelöhnern, Dienstboten) und Randgruppen (Vaganten, >>unehrlichen<< Leuten, Juden,
Zigeunern sowie Kleinkriminellen)“ 42 . Die Zusammensetzung der Gruppe war entweder ein festes,
streng hierarchisch organisiertes und immergleiches Gefüge, oder sie befand sich in ständiger
Veränderung. Je nach dem welches Unternehmen als nächstes anstand schlossen sich andere der
Gruppe bereits bekannte Milieu-Angehörige an. Zu den eigentlichen Räubern in einer Bande
gehörten Baldowerer, d.h., Auskundschafter, Boten oder Unterschlupfgeber. Von Zeit zu Zeit zog
man auf größere, bewaffnete Diebstahlstouren, wobei bei solchen Einbrüchen in der Regel nur
Männer beteiligt waren. Bewaffnete Überfälle, die von menschenverachtender Brutalität zeugen,
erreichten große Publizität und beeinflußten das Bewußtsein der Obrigkeit und der Bevölkerung
stärker, als e s der tatsächlichen Häufigkeit entsprach 43 . Größer war dagegen die Zahl der
Taschendiebe, Beutelschneider, Schmuggler, Falschspieler und Hochstapler. In großen Notzeiten
gab es immer wieder Vaganten, die geschickt die Bevölkerung mit für sie wichtigen Dingen
versorgten und dabei gutes Geld zu machen wußten (Vgl. Girtler 1995, S. 163).
Die Diebe stahlen Wäsche von der Leine, Kleider, Küchengeräte, jegliche Haushaltsgegenstände,
Lebensmittel, Kleinvieh, sogar Gläubigen und Betenden in Kirchen wurden die Verschlüsse von
Schuhen und Hüten, Geldbörsen oder Haarnadeln gestohlen 44 . Die Grenzen zwischen Dieben,
Betrügern, Schmugglern und Räubern waren fließend, so daß eine klare Unterscheidung nicht
möglich ist. Wer Taschendieb war konnte gleichzeitig Falschspieler oder Schmuggler sein. „Viele
kleine Diebe und Vaganten waren einem Raubüberfall nicht grundsätzlich abgeneigt, sobald sich
nur die Möglichkeit bot, einem erfahrenen, ´vertrauenswürdigen` Meister des Fachs, der die
Gewähr für das Gelingen des Überfalls bot, zu folgen“ 45 .
Das Vertrauensverhältnis untereinander war in ihrem risikobeherrschten Leben äußerst bedeutend.
Bereits kleine Fehler konnten mit Gefangennahme und Hinrichtung enden. So bestand unter einigen
fahrenden Gruppen ein enger, fast schon familiärer Kontakt. Betteln und Hausieren, sonst die
wichtigsten Einnahmequellen der Vaganten, dienten den Räuberbanden nur als Deckmantel und
nützlicher Nebenerwerb. Innerhalb der Gruppe gab es eine klare Arbeitsteilung zwischen den
Geschlechtern. Frauen hatten mit Taschen- und Marktdiebstählen sowie Diebstählen in
Gastwirtschaften und Kirchen, das Einkommen der Bande zu sichern. Das fast tägliche Diebesgut
bestehend aus Kleidung, Schmuck, Geld oder Stoffen lieferten sie bei den Männern ab. Von dem
Erbeuteten lebten sie zwar nicht schlecht, doch waren die Ausgaben für Versorgung, Unterkunft
und Tarnung auch nicht gering. Unter Umständen gehörten auch Prostitution und Zuhälterei zu den
41 Vgl. Anrich, Gerold: Räuber, Bürger, Edelmann, jeder raubt so gut er kann. Die Zeit der großen Räuberbanden 1790-1803, Neunkirchen im Odenwald: Neithard Anrich Verlag, 1975, S. 7
42 Rheinheimer 2000, S. 162
43 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 165, 167
44 Vgl. Kopecný 1998, S. 73, 78
45 Küther 1987, S. 28
15
Erwerbsquellen der Bande. Prostituierte und Zuhälter gehören auch zur gesellschaftlichen
Minderheit der Rotwelsch sprechenden Menschen. Zu diesem Themenbereich soll hier jedoch nicht
näher eingegangen werden.
Für den Fall, daß sie plötzlich und unerwartet fliehen mußten, hatte man einen Treffpunkt für
solche Notfälle vereinbart, wo man sich wieder treffen würde. Als Zuflucht und Unterkunft dienten
entsprechende Wirtshäuser. Fahrende Diebe und Räuber konnten ohne die Unterstützung seitens
der Seßhaften nicht überleben. In Dörfer und Städten hatten sie jeweils ihre Kontakte zu örtlichen
Randgestalten, Kriminellen und in einem gewissen Grade gesellschaftlich schätzenswerten Helfern
und Unterstützern. Diese Vertrauten oder sogenannten kochemer Leute bildeten das Bindeglied
zwischen umherziehenden Gaunern, einheimischen Kriminellen und der seßhaften Bevölkerung.
Einen weiteren Schutz bot, beispielsweise bei Absprachen über Diebstähle und Versammlungsorte,
ihre eigene Geheimsprache, das Rotwelsch, welches die übrige Gesellschaft weder sprechen noch
verstehen konnte 46 . Die Geheimsprache diente „nicht nur dem Schutz der ausgetauschten
Information und der Abwehr von Gefahren, sondern auch der Täuschung von potentiellen Opfern
und der Integration innerhalb der Randgruppe“ 47 . Das Sprechen dieser Sprache war nur für
Eingeweihte bestimmt, was dazu führte, daß diese gesellschaftliche Randbevölkerung zu einem
verbündeten Kollektiv verschmolz. Für die Existenz der Fahrenden war es überlebensnotwendig ,
daß ihre Tricks und Vorhaben den Außenstehenden verborgen blieben. Dazu bedurfte es einer
eigenen geheimen Sprache und graphischer Zeichen, in der sie sich ohne Gefahr verständigen und
austauschen konnten 48 .
1.5 Geheime Gaunerzeichen
Frei und unkontrolliert umherziehende Gruppen weckten bei der ansässigen Bevölkerung
Beunruhigung und Ängste. Die Ausgegrenzten wurden mit dem Bösen identifiziert und ihm
gleichgestellt. Um sich gegenseitig zu warnen oder um überlebenswichtige Informationen
weiterzugeben, benutzten die Vaganten graphische Zeichen, die sogenannten Zinken. Es gab nicht
nur graphische Zeichen, sondern auch Fingerzeichen, so gehört beispielsweise das
Taubstummenalphabet in diese Gruppe.
Zinken waren unter allen Vaganten gängig und bekannt. Die ersten bekannten graphischen Zinken
sind die Zeichen von Brandstiftern aus dem 14. Jh. 49 . Hier ein paar Beispie le:
1.) Vorsicht, Gefahr, 2.) hier bekommt man nichts, 3.) hier bekommt man Essen, 4.) Wohnung
eines Polizisten, 5.) Frau ist allein mit einem Dienstmädchen, 6.) als Kranker bekommt man etwas,
7.) der Besitzer ist brutal, mögliche Prügel, 8.) Nachtlager, 9.) hier bekommt man Geld , 10.) hier
gibt es kein Geld aber Nahrung, 11.) Betrug möglich, wenn man Frömmigkeit vortäuscht, 12.) hier
lasen sich die Leute einschüchtern, 13.) man kann aufdringlich werden, 14.) im Haus sind drei
46 Vgl. Rheinheimer 2000, S. 147-150
47 Rheinheimer 2000, S. 150
48 Vgl. Jütte 1988, S. 47
49 Vgl. Kopecný 1998, S. 163
16
Kinder, zwei Frauen und ein Mann, 15.) hier sind nur Frauen im Haus, 16.) der Klosterpförtner ist
großmütig , 17.) der dritte Stock links ist einträglich, 18.) Zuchthaus droht, 19.) die Leute sind
ruppig oder bewaffnet, 20.) hier kann man Gewalt anwenden, 21.) Vorsicht, bissiger Hund, 22.)
abstreitet, leugnet, 23.) bekennt, 24.) Geständnis aufgrund von Prügel, 25.) Beihilfe, Unterstützung
26.) verrückt, 27.) Gelegenheit zum Diebstahl, 28.) gebogener, daher gefährlicher Weg, 29.) der
Stuhl steht für kurzes und die Bank für ein langes Absitzen einer Haftstrafe im Gefängnis 50 , 30) hier
sind nur Männer im Haus, 31.) nur abends lohnend, 32.) Nachtlager, 33.) Gelegenheit zum Stehlen,
34.) hier wird die Polizei gerufen, 35.) hier abhauen, 36.) unfreundliche Leute 51 , 37.) als Bettler
bekommt man Geld, 38.) nur wenn man arbeitet bekommt man etwas, 39.) hier erhält man nichts,
40) Betrug möglich, da sich hier Frauen befinden, die sich beschwatzen lassen 52 .
Abbildung 15: Graphische Gaunerzeichen
Die meisten der hier dargestellten Zeichen sind Warn- und Informationszeichen. Sie zeugen von
den Überlebenstricks der gesellschaftlichen Minderheit. Die graphischen Zinken geben Hinweise
auf günstige Gelegenheiten, freigiebige Bewohner oder warnen vor möglichen Gefahrensituationen.
Zinken fanden sich fast überall, an Mauern, Wänden, Zäunen, Bäumen, Stadttoren, Türrahmen, an
Scheunen oder in Herbergen. Ein Vagant konnte die Namen, die Anzahl, die Verweildauer und das
Reiseziel aus den Zeichen herauslesen. Die Formen einiger Zeichen änderten sich mit der Zeit, ein
paar durchgängig bleibende erhielten sich, wie Dreiecke für Hindernisse, Ablehnung und Gefahren
und Kreise für Erfreuliches. Der gemeinsame Erfahrungsaustausch war von außerordentlicher
Wichtigkeit 53 . Die Vaganten verstanden es sich im richtigen Moment als fromm und gottesfürchtig
50 Vgl. Kopecný 1998, S. 163f., 2
51 Vgl. www.labbe.de/ideenbank/wortkuenstler/geheimsprachen/zinken.htm
52 Vgl. www.t-online.de/home/NDickmeis/gz.jpg
53 Vgl. Kopecný 1998, S. 164f.
17
darzustellen, um auf diese Weise problemlos zu einer milden Gabe zu kommen. In der oben
dargestellten Auswahl von Gaunerzinken kann man sehen, daß Bettler andere eingeweihte mit dem
Zinken Nr. 11 (ein Kreuz) darauf aufmerksam gemacht hatten, wie sie sich verhalten sollten, um
einem Almosen von den jeweiligen Bewohnern zu bekommen 54 .
Durch Zeichen, Symbole und Sprache, sowie gemeinsames Handeln waren die Menschen
miteinander verbunden und nach Roland Girtler sind das die Dinge die eine Kultur ausmachen.
Diese stigmatisierten und normabweichenden Gruppen bezeichnet Gritler als Randgruppen bzw. als
Randkulturen. Eine Gruppe ist für ihn eine Majorität von Menschen, die durch gemeinsame
Interessen und Überlebensstrategien sowie durch e ine gemeinsame Sprache untereinander
verbunden ist 55 . Unter Randkultur versteht Girtler „eine Kultur, die von der sie umgebenden
Gesellschaft als gefährlich, unanständig oder schlechtweg böse angesehen wird. Die aber auch dazu
beiträgt, um so gesehen zu werden“ (Girtler 1995, S. 29). Diese Bezeichnungen (Gruppe,
Randgruppe, Randkultur) werden in diesem Sinne in dieser Arbeit auch benutzt werden.
Pilotstudie: Vorkommen und Häufigkeit von 100 Wörtern aus dem Rotwelsch
2. Ihr Ursprung und ihre Wortbedeutung
2.1 Die Etymologie der Testwörter
Die Vaganten, Räuber und Bettler hatten nicht nur ihre Zeichensprache, sondern auch ihre
Geheimsprache, das Rotwelsch. Die Kultur dieser Menschen geht weit ins Mittelalter zurück. Ihre
Sprache ist bereits im 13. Jahrhundert belegt und sie ist Beweis für die historische Bedeutsamkeit
dieser Randkultur.
„Das Rotwelsch ist eine Schöpfung der mittelalterlichen Landstraßen als dem einzigen Zuhause der großen Gemeinschaft aller durch Gesetz und ständische Ordnung von bürgerlichem Stadtleben oder ländlicher Seßhaftigkeit Ausgeschlossenen: der fahrenden Leute und der Unehrlichen. Auf den Straßen berührten sie sich mit den von Berufs wegen von einem Ort zum andern ziehenden Kaufleuten, Händlern, Schülern und Schaustellern. Durch falsche Pilger, betrügerische Wallfahrer und Gebrechen vortäuschende Bettler gelangte das Rotwelsch in die oft übelbeleumdeten Siechenhäuser vor den Stadttoren und über die gleichfalls zu den Unehrlichen zählenden Scharfrichter, Henker und Büttel zu den Dirnen“ 56 .
Die Geheimsprache bezieht sich ebenso auf Schmuggler, Diebe, Zigeuner, Juden, Räuber, Soldaten
und vor allem Gefängnisinsassen. Gefängnisse waren und sind heute immer noch wichtig für das
Überleben und die Weitergabe des Rotwelsch. Gerade dort wurde das Rotwelsch über Jahre hinweg
gepflegt. Und tatsächlich waren fast alle Vaganten einmal in ihrem Leben in einem Gefängnis
einsperrt gewesen, wenn auch oft nur für kurze Zeit. Allerdings soll das nicht heißen, daß alle, die
zu dieser Sprache beitrugen automatisch Verbrecher waren.
Der älteste Beleg für das Wort Rotwelsch läßt sich in der Zeit um 1250 ausfindig machen. Die
Wörter rot und welsch stammen höchstwahrscheinlich aus dem Niederländischen. Rot bedeutet
allgemein schmutzig, schmierig, faul und welsch bzw. walsch bezeichnete die französische oder die
54 Vgl. Girtler 1995, S. 50, 55
55 Vgl. Girtler, 1995, S. 20-23
56 Wolf 1993, S. 11f.
18
wallonische Sprache 57 . „In der sprachlichen Konfliktsituation Niederländisch - Französisch wurde
rot im Mittelniederländischen zur Charakterisierung der französische Sprach in der Fügung rot
waalsch ´dreckiges Französisch` verwendet“ (Lühr 1996, S: 30f.). Dieser sprachliche Konflikt
spielte im deutschsprachigem Raum keine Rolle und somit „trat die Bedeutung des Sprachnamens
in den Hintergrund und die Konnotation ´betrügerische Sprache` wurde zum Leben erweckt“ (Lühr
1996, S. 28). Die Bezeichnung Rotwelsch läßt sich als betrügerische, andersartige und
unverständliche Sprache übersetzten. Noch heute gebräuchlich ist die seit 1714 nachweisbare
Bezeichnung Jenisch, sie do viel wie ´kluge Sprache` bedeutet. Die Sprecher dieser Geheimsprache
bezeichneten sich selbst immer als ´Kluge, Gescheite`, wobei die Angehörigen der seßhaften
Bevölkerung als ´Dumme` benannt wurden 58 .
Rotwelsch ist eine künstlich geschaffene Sprache, die sich hauptsächlich in der Lexik von der
Alltagssprache differenzierte. Eine eigenständige Grammatik hat das Rotwelsch nicht entwickelt.
„Es folgt den Formen und Beugungen des Hochdeutschen derart, wie sie dem Bildungsgrad der
Rotwelschsprecher gemäß sind“ 59 . Man bediente sich dieser Geheimsprache um Mitteilungen und
Äußerungen, die nur für Mitwissende einer geschlossenen Gruppe bestimmt waren,
geheimzuhalten. Die Geheimsprache fungierte nicht nur als Schutz und Erkennungszeichen,
sondern war auch Mittel zum Betrug. Rotwelsch wurde wahrscheinlic h immer dann gesprochen,
wenn Nichtangehörige einer Unterhaltung zufällig beiwohnten oder die Gefahr des Bespitzelns
bestand. Daraus kann man schließen, daß Rotwelsch im hohen Maße an bestimmte Situationen
gebunden war. Das Rotwelsch stärkte das Gemeinschaftsgefühl der Sprachteilhaber, schaffte
soziale Nähe und seine Sprecher gaben sich als Mitglieder eines verschworenen Kollektivs zu
erkennen (Vgl. Jütte 1988, S. 47f., 50ff.).
Aus welchen Sprachen sie sich herausgebildet hatte soll die untenstehende Ausarbeitung darlegen.
Ausgangspunkt folgender Untersuchung sind die im Anhang des Etymologischen Wörterbuches
von Friedrich Kluge/Walther Mitzka (siehe dort S. 912) sowie Friedrich Kluge/ Elmar Seebold
aufgeführten rotwelschen Wörter. In der von Elmar Seebold b earbeiteten Ausgabe, sind die
rotwelschen Wörter im Wörterbuch verteilt , ohne daß es eine spezielle Auflistung der im Buch
vorhandenen rotwelschen Vokabeln gibt.
Aus welchen sprachlichen Quellen man im einzelnen für die 100 rotwelschen Ausdrücke geschöpft
hat, verdeutlicht die folgende Auswertung:
abmarachen Bedeutet sich abquälen möglicherweise aus dem 1812 auftauchenden
57 Lühr 1996, S. 27f., 30
58 Vgl. Wolf, Siegmund A.: Deutsche Gaunersprache. Wörterbuch des Rotwelschen. Unver. Nachdr. der 2. Aufl. von 1985. Hamburg 1993, S. 10
59 Wolf 1993, S. 7
60 Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Walther Mitzka, 18. Aufl., Berlin 1960, S. 3
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ausbaldowern Auskundschaften, eine Gelegenheit zum Stehlen abgeleitet von hebr. ba´al
Barras Scherzhaft oder abschätzig für Militär. Zu jidd. baras für Fladenbrot wird
die Wortbedeutung von Militärbrot auf alles Militärische erweitert 63 .
berappen Das Wort gelangte aus der Studentensprache in die Hochsprache und
beschickern Bedeutet sich betrinken und kommt meist im Partizip als beschickert ?
beschummeln Beschummeln geht wie schummeln auf das 1750 genannte rotwelsche Wort
beschuppen Dieses Wort für betrügen, übertölpeln ist seit dem 18. Jh. bekannt und die
besebeln Bedeutet betrügen und leitet sich aus rw. sefeln für scheißen ab.
Ursprünglich aus hebr. zebel für Mist 68 .
betucht Bedeutet begütert, vermögend. Entsprechungen kommen im Hebräischen
blechen Seit dem 15. Jh. im Rotwelschen und später in der Studentensprache belegt
61 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 40
62 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 47
63 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 53
64 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 65
65 Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 23. erw. Aufl., Berlin, New York 1999, S. 98, 101
66 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 69
67 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 69
68 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 69
69 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 71
70 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 82
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Bocher Dieses Wort für Schüler leitet sich ursprünglich aus hebr. bachur für
brummen Seit dem 12. Jh. aus dem Mhd. bekannt und die Bedeutung im Gefängnis
Dalles Aus Frankfurt am Main gelangte dieses Wort für Geldverlegenheit, Armut
dibbern Dieses Wort für ´reden` und vor allem in der Bedeutung ´leise auf jmd n.
dufte Aus hebr. ´tob` und jidd. ´toff` leitet sich das gleichbedeutende rw. Wort für
gut ab 75 .
Bedeutet betrügen und entspricht dem jidd. sewel für Dreck 76 . einseifen
Rotwelsches Wort für aufgehangene Wäsche, die im Wind flattert 77 . Flatter
fleddern Dieser rotwelsche Ausdruck für ´bestehlen` bedeutete möglicherweise
zunächst ´waschen` in Bezug auf rotwelsch ´Flatter` 78 .
flötengehen Abgeleitet aus dem hebr. peleta für Entrinnen und ist in der Wortbedeutung
vergleichbar mit dem ebenso rotwelschen Wort pleite 79 .
foppen Seit dem 14. Jh. belegt und bedeutet lügen, betrügen. Das Wort ist
Ganeff Aus hebr. gannabh für Dieb und hebr. ganabh und jidd. Ganaf für stehlen
71 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 87
72 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 104
73 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 120
74 Vgl. Kluge/Seebold 1999, S. 178
75 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 146
76 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 159
77 Vgl. Kluge/Seebold 1999, S. 512
78 Vgl. Kluge/Seebold 1999, S. 512
79 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 208
80 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 212
81 Vgl. Kluge/Mitzka 1960, S. 230
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Arbeit zitieren:
Jasmina Cirkic, 2002, Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache, München, GRIN Verlag GmbH
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