Evang. Fachhochschule Nürnberg Wintersemester 2002/03
Studienarbeit
Kurs: Interdisziplinäre Studientage zum Thema „Glaube in der Vielfalt“
Fach: Altes Testament
Verfasser: Patrick Grasser
Abgabetermin: 21. März 2003
3
Einzig Jahwe
Die religions- und sozialgeschichtliche Entwicklung Israels im pluralistischen Kontext des
Babylonischen Exils
Inhalt :
1. Einleitung. 5
2. Die politische Katastrophe. 6
3. Die theologische Interpretation des politischen Unglücks. 8
3.1 Die Klage und der exilische Gottesdienst. 9
3.2 Literatur der Exilszeit. 10
3.2.1 Die exilische Prophetie. 11
3.2.2 Das Deuteronomische Geschichtswerk. 14
4. Konfrontation mit einer gewaltigen Kultur. 15
5. Religions- und sozialgeschichtliche Konsequenzen des Exils. 17
5.1 Gesellschaftliche Umstrukturierung. 17
5.2 Die Geburt des Monotheismus. 18
6. Abschließende Betrachtung. 20
7. Literaturverzeichnis. 21
Titelfoto : Ausschnitt des Löwenreliefs der Prozessionsstrasse von Babylon (Joachim Mahrzahn, 12
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)
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1. Einleitung
Heute stellt das Judentum eine der großen Weltreligionen dar und gilt als Ausgangspunkt für die beiden weiteren monotheistischen Religionen, das Christentum und den Islam. Als wichtigstes Merkmal ist allen dreien der monotheistische Grundgedanke gemein. Jedoch ist diese Auffassung das Endprodukt einer langen Entwicklung. Sowohl während der Jahrhunderte von den Erzeltern über die Landnahme, als auch während der Königszeit ist es für Israel selbstverständlich, dass in ihrer Umwelt weitere Götter neben Jahwe existieren und von anderen Völkern verehrt werden. Doch genauso selbstverständlich sollte es für Israel sein, allein Jahwe zu verehren. Den Gott der Väter, der sich Mose am Sinai offenbart (Ex 20-32) und Israel in der Geschichte seine Solidarität bezeugt hatte. Allerdings weisen die biblischen Quellen auf, dass dies nicht immer (uneingeschränkt) der Fall war. Es wird immer wieder deutlich, dass das auserwählte Volk, eigentlich dazu bestimmt ein alternatives Religions- und Gesellschaftskonzept umzusetzen dazu neigt, so zu sein wie alle Völker. Diese Entfernung von Jahwe und seiner Weisung wird von den Propheten aufs Strengste angemahnt und die Umsetzung die Herrschaft und das Recht Jahwes eingeklagt. Auf die Gerichtsprophetie soll im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingegangen werden. 587 v. Chr. sieht sich das auserwählte Volk mit einer unvorstellbaren politischen und damit auch religiösen Katastrophe konfrontiert. Die als uneinnehmbar geltende Stadt Jerusalem wird vom babylonischen Großkönig Nebukadnezar besiegt. Der Tempel zerstört, die davidische Dynastie gestürzt. Es beginnt das Exil Israels. Die Zerstreuung Israels über die Grenzen des bisherigen Staates beginnt und hält bis in die heutige Zeit an.
Beachtlich ist jedoch, dass hier im Exil das Judentum erstmals als religiöse Größe erkennbar ist. Im Volk finden soziologische und religiöse Neuorientierungen statt, die für das Judentum und die daraus entstehenden Tochterreligionen grundlegenden Charakter haben. Finden wir in der Zeit vor dem Exil für Israel die religiöse Form der Monolatrie 1 , zeichnet sich nun im Exil ein neues Bild. Hier entwickelt sich der Monotheismus.
Diese Arbeit will sich den vielfältigen Einflüssen auf die Entwicklung Israels während d es Exils und den entstehenden religiösen, sozialen und politischen Veränderungen Israels in dieser Zeit widmen.
1 Monolatrie: Verehrung eines Gottes unter der Anerkennung der Existenz weiterer Götter
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2. Die politische Katastrophe
Wie bereits vor der Regierungszeit Davids, zerfiel nach dem Tod seines Sohnes Salomos (um 933 v. Chr.) der Staat wieder in das Nordreich Israel und das Südreich Juda. 2 Konnte das Großreich Juda und Israel während der Blütezeit Davids und Salomos den Angriffen benachbarter Königreiche noch erfolgreich Widerstand leisten, war man nun geschwächt. Durch ständige Konflikte zwischen Juda und Israel konnte keine gemeinsame Haltung mehr zum Kampf gegen Angriffe von außen gefunden werden. Durch innen- und außenpolitische Konflikte zermürbt, stellt sich 722 v. Chr. die erste politische Katastrophe ein. Die Großmacht Assur unter König Sargon II. erobert Samaria, die Hauptstadt Israels. Das Ende des Nordreichs ist besiegelt.
Auch Juda konnte sich der Macht Assyriens nicht widersetzen, bewahrte sich allerdings immer noch eine gewisse Autonomie. So stellte man auch noch weiterhin einen König, der seinen Sitz in der als uneinnehmbar geltenden Hauptstadt Jerusalem hatte. In dieser Zeit treten immer wieder Gerichtspropheten auf, welche den politischen, sozialen und religiösen Zerfall des Volkes Israel und seiner Herrscher aufs schärfste kritisieren. Im Buch Amos finden wir sehr detaillierte und konkrete Sozialkritik am bestehenden Regime. Immer wieder wird das Gericht Jahwes angekündigt, sollte das Volk nicht umkehren. Wenn es sich nicht von der Verehrung fremder Götter abwendet, wenn die Könige nicht länger ihr eigenes Recht und ihren eigenen Vorteil durchsetzen, sondern für das Recht und die Weisung Jahwes eintreten. Doch durch diese Zeit bleibt die Kritik der Gerichtspropheten wohl nur eine oppositionelle Haltung einzelner Gruppierungen, die zwar Anklang fanden, aber in der gegenwärtigen Situation keine Notwendigkeit zur Einsicht und Umkehr bei Volk und Führungsschicht ersichtlich werden ließ.
Noch fühlt sich Juda sicher. Man weiß sich unter dem Schutz Jahwes. Er hatte dieses Volk erwählt, hatte sich in der Geschichte offenbart und schien zu seinen Heilserweisen, der Landverheißung (Gen 15 - 17), der davidischen Dynastie (2 Sam 7) und zum Tempel und seiner Stadt Jerusalem zu stehen. Man fühlt sich sicher in der Hauptstadt. Denn schließlich hatte Jahwe den Berg Zion zu seinem Wohnsitz gemacht, was die Stadt im Bewußtsein des Volkes, uneinnehmbar macht. Und tatsächlich konnte man vielen Angriffen standhalten.
2 vgl. Claude Schaeffner, S. 23
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Um das 7./6. Jahrhundert v. Chr. zerfällt die Großmacht Assur in drei Reiche: Ägypten, Babylonien und Medien. 3 Schon bald stellen sich jedoch erste Konflikte zwischen Babylonien und Ägypten ein. Trotz der Warnung des Propheten Jeremia lässt sich König Jojakim und sein Sohn Jojachin mit Pharao Necho II. ein. 4 Jedoch war diese Auflehnung gegen die babylonische Großmacht ein Schritt mit verheerenden Folgen. 597 v. Chr. erobert der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem. Eine erste Deportation, von der König Jojachin, sowie die Führungsschicht Judas (maximal 18 000 Menschen) 5 betroffen waren. Zedekia wurde als Scheinkönig über Juda eingesetzt und verhielt sich auch anfänglich loyal zu Babylon, verbündt sich jedoch nach kurzer Regierungszeit mit Ägypten und Tyros. Immer wieder tritt der Prophet Jeremia Zedekia mahnend und warnend gegenüber. Nach einem weiteren Sieg Nebukadnezars über Ägypten, belagert dieser nun Jerusalem. Die Stadt wird erobert und bis auf ihre Grundmauern geschliffen. Der Tempel wird zerstört, eine zweite Deportation findet statt. 6
Für das Volk Israel beginnt nun das schwere Leben in der babylonischen Gefangenschaft. Das Leben in der Diaspora, an dessen Beginn die Zerstörung aller identitätsstiftenden Merkmale Israels steht. An erster Stelle das Land, welches bereits den Erzvätern zugesichert wurde (Gen 15-17), die ewig währende davidische Dynastie (2 Sam 7), der Tempel und die Stadt Jerusalem als Kultstätte und Wohnsitz Jahwes. All das hatte man verloren. Die Stadt war zerstört, mit ihr der Tempel. Man stand unter Fremdherrschaft. Israel war wieder auf dem Nullpunkt angekommen. 7
Mit dieser politischen geschichtlichen Erfahrung geht die religiöse unweigerlich einher. Israel wusste sich seit der Zeit der Erzväter unter dem Schutz Jahwes. Auch wenn man bisher die Existenz anderer Götter nicht bestritt war für Israel doch immer wieder deutlich geworden, dass es nur dem einen, dem mächtigen und in der Geschichte wirksam gewordenen Jahwe dienen sollte. Mit der Zerstörung vor Augen zeichnet sich nun jedoch ein völlig neues Bild ab. War Jahwe, der Israel bisher die Treue gehalten hatte gegenüber Babylon und seinen Göttern machtlos? Oder war es gar Jahwe, der das von den Gerichtspropheten angekündigte Gericht über Israel brachte? Mit diesen neuen Fragestellungen sieht sich Israel nun konfrontiert. Sowohl die Daheimgebliebenen, als auch die Israeliten in der babylonischen Gola.
3 vgl. ebd., S. 37
4 vgl. ebd., S. 38
5 vgl. Rainer Albertz, Die Exilszeit, S. 19
6 vgl. ebd., S. 19: für diese zweite Deportation werden in den biblischen Quellen keine Zahlen genannt.
7 vgl. ebd., S. 17
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Arbeit zitieren:
Patrick Grasser, 2003, Einzig Jahwe - Die religions- und sozialgeschichtliche Entwicklung Israels im pluralistischen Kontext des Babylonischen Exils, München, GRIN Verlag GmbH
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