Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Der Kindsmord als soziales Phänomen und die literarische Umsetzung des
Motivs. 4
2.1 Der Kindsmord im 18. Jahrhundert. 4
2.2 Kindsmord als literarisches Motiv des Sturm- und Drang. 5
3. Wagner: „Die Kindermörderin“ 6
3.1 Die erste Fassung 1776. 6
3.2 Die zweite Fassung: „Evchen Humbrecht oder ihr Mütter merkts Euch “
1779........................................................................................................... 10
4. Vergleich: „Die Kindermörderin“ und „Gretchentragödie“ 13
5. Zusammenfassung. 20
6. Der Plagiatsvorwurf Goethes. 21
Literaturverzeichnis 23
2
2
1. Einleitung.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Kindsmorddrama „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner und der „Gretchentragödie“ von Johann Wolfgang von Goethe.
Im ersten Teil der Arbeit wird ein Überblick über die realen Hintergründe des Kindsmords im 18. Jahrhundert gegeben und auf den Kindsmord als literarisches Motiv eingegangen.
Danach wird Wagners „Kindermörderin“ vorgestellt und die wichtigsten Aspekte herausgearbeitet sowie auf die zweite Fassung des Stücks „Evchen Humbrecht oder ihr Mütter merkts Euch!“ und die Gründe der Umarbeitung eingegangen.
Im vierten Punkt kommt es dann zum Vergleich der beiden Dramen, in dem der Schwerpunkt auf die unterschiedlichen Intentionen der Autoren gelegt ist. Schließlich wird im letzten Punkt auf den Vorwurf Goethes, Wagner hätte sich des Plagiats schuldig gemacht, näher eingegangen und eine eigene Stellungnahme dazu gegeben.
3
2. Der Kindsmord als soziales Phänomen und die literarische Umsetzung des Motivs.
2.1 Der Kindsmord im 18. Jahrhundert.
Im 18. Jahrhundert kam es zu einer Anhäufung von Kindstötungen, denen der Staat mit sehr grausamen Bestrafungen Einhalt zu gebieten versuchte. Das Ziel der Bestrafungen war nicht die „Verbesserung des Verbrechers“ 1 oder die Resozialisierung des selbigen, sondern Vergeltung, Rache und vor allem Abschreckung. Der Kindsmord wurde generell mit dem Tod bestraft und die Strafvollstreckung öffentlich durchgeführt. Die Todesstrafe konnte auf verschiedene Weisen vollzogen werden. Die Kindsmörderinnen wurden entweder lebendig begraben, verbrannt, enthauptet, gepfählt oder ertränkt. 2 Doch trotz dieser grausamen Bestrafungen gelang es nicht, das Verbrechen einzudämmen, was zu der Frage nach den Ursachen dieser Tat führt. Verständlich wird die Häufigkeit des Kindsmords im 18. Jahrhundert nur, wenn man sich die sozialen Verhältnisse sowie die durch die Kirche geprägten Moralvorstellungen der damaligen Zeit vor Augen hält. Im 18. Jahrhundert glaubte man die Sexualmoral durch Unzuchtsstrafen aufrecht erhalten zu müssen, die gleichzeitig der Abschreckung dienten. Oft wurden die Täter auf dem Pranger oder Lasterstein öffentlich ausgestellt und gedemütigt. Nicht weniger erniedrigend waren die Kirchenstrafen, die die jungen Mädchen dazu verurteilten, während des Gottesdienstes am Eingang der Kirche zu stehen, mit einer Tafel, auf der ihr Vergehen aufgezeichnet war. Diese Bestrafungen zielten darauf ab, die Selbstachtung der Betroffenen zu zerstören und das Weiterleben in der Gesellschaft unmöglich zu machen. Ein weiterer wichtiger Grund für den Kindsmord war die Armut. Bei den Kindermörderinnen handelte es sich meistens um Dienst- und Bauernmägde, die durch die uneheliche Schwangerschaft damit rechnen mussten, ihre Stellung zu verlieren und verstoßen zu werden. Dies hätte unweigerlich ein Leben in Armut zur Folge gehabt. Auch die Ehehindernisse
1 Rameckers: Der Kindsmord in der Literatur der Sturm und Drang Periode. 1927. S. 12.
2 Vgl. Ebd. S. 12-16.
4
der damaligen Zeit, vor allem das Eheverbot für Soldaten, spielten eine wichtige Rolle. Weder Offiziere noch einfache Soldaten durften ohne die Erlaubnis ihres Vorgesetzten heiraten. Die Folge waren Eheversprechungen die nicht eingehalten wurden, zumal mehrere Landesherren die Eheversprechen von Soldaten für ungültig erklärten. Weitere wichtige Ursachen waren die Diskriminierung des unehelichen Kindes, die Furcht vor den Eltern, Verwandten und den Moralvorstellungen der Gesellschaft, die es für die jungen Frauen fast unmöglich machten, später eine Ehe zu schließen sowie die unzureichende Aufklärung über Schwangerschaft und Geburt. 3 4 Man kann davon ausgehen, dass bei den einzelnen Kindstötungen eine Vielzahl von Ursachen zusammentraf, die die Frauen, trotz der grausamen Bestrafungen, zu der Tat trieben.
2.2 Kindsmord als literarisches Motiv des Sturm- und Drang.
Wie unter Punkt 2.1 bereits erwähnt, kam es im 18. Jahrhundert zu einer Anhäufung von Kindstötungen. Die zahlreichen literarischen Darstellungen des Problems zeigen, dass das Thema in der Gesellschaft eine große Bedeutung hatte. Neben Goethe, Wagner und Lenz gab es noch eine Vielzahl von anderen Autoren, die sich im 18. Jahrhundert mit dem Thema Kindsmord auseinandersetzten. Die Frage ist, was an dem Kindsmordmotiv so anziehend auf die Stürmer und Dränger gewirkt hat. Rameckers beantwortet diese Frage mit „ihrem Wirklichkeitssinn, ihrer moralisierenden Tendenz, ihrem sozialen Bestreben, und ihrem Naturalismus auf das unmittelbare Leben“ 5 . Vor allem wollten sie die bestehenden gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse mit ihren Werken verändern und die Gesellschaft insgesamt für dieses Thema, aber auch für die rückständigen Gesetze und grausamen Strafen insgesamt, sensibilisieren. 6 Ergänzend muss man an dieser Stelle noch anbringen, dass auch die hohe Popularität des Themas in der Gesellschaft die vermehrte literarische
3 Vgl. Peters: Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet. 2001. S. 21-46.
4 Vgl. Rameckers: Der Kindsmord in der Literatur der Sturm und Drang Periode. 1927. S. 17-
35.
5 Ebd. S. 142.
6 Vgl. Ebd. S. 149-151.
5
Bearbeitung begünstigte. Denn auch die Stürmer und Dränger erhofften sich Bühnenerfolg und Anerkennung. 7
Anregungen für ihre Werke lieferte die Gegenwartswirklichkeit genügend. Neben diesen nicht-literarischen Stoffquellen gab es aber auch noch einige literarische: das Puppenspiel, das Bänkelsängerlied und das Volkslied, in denen das Motiv öfter auftaucht. 8
Die meisten Kindsmorddichtungen haben „etwas Schablonenhaftes“ 9 . Der Verführer steht gesellschaftlich höher als die Verführte und ist häufig von adliger Abstammung. Die Verführte hingegen ist für gewöhnlich von bürgerlichem Stand, fromm, jung und leidenschaftlich. Sie ist oft vaterlos und lebt mit ihrer Mutter in einfachen Verhältnissen. 10 Auch weitere Motive, wie das „Nadelmotiv“, das „Schlafmittelmotiv“ und die Volksnähe der Protagonisten finden sich in zahlreichen Kindsmorddichtungen, auf die im Vergleich von Goethes „Gretchentragödie“ und Wagners „Kindermörderin“ noch ausführlich eingegangen wird.
3. Wagner: „Die Kindermörderin“.
3.1 Die erste Fassung 1776.
„Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner wurde Anfang des Jahres 1776 geschrieben und im September desselben Jahres anonym veröffentlicht. 11
„Der Schauplatz ist in Straßburg, die Handlung währt neun Monat“ 12 . Mit dieser knappen Angabe nach dem Personenverzeichnis bezeichnet Wagner einen wesentlichen Zug seines Dramas, dessen Handlung einfach und übersichtlich aufgebaut ist.
7 Ein Beispiel dafür wäre die überarbeitete Fassung vo736-8782831-6884146
n Wagner: „Die Kindermörderin“ auf die ich in Punkt 3.2 näher eingehen werde.
8 Vgl. Rameckers: Der Kindsmord in der Literatur der Sturm und Drang Periode. 1927. S.
145-149.
9 Ebd. S. 151.
10 Vgl. Ebd. S. 145-149.
11 Vgl. Peters: Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet. 2001. S. 64-65.
12 Wagner: Die Kindermörderin. 2007. S. 4.
6
Arbeit zitieren:
Norman Riedel, 2009, Die „Gretchentragödie“ und Wagners "Kindermörderin", München, GRIN Verlag GmbH
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