Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Tragische Komödie oder komische Tragödie? 3
2. Die Tragikomödie 4
2.1 Versuch einer Begriffsklärung 4
2.2 Die Tragikomödie und der Geist der Gegenwart’ 6
3. Satire und Groteske als Teilaspekte der Tragikomödie 7
3.1 Kennzeichen der Satire 7
3.2 Kennzeichen der Groteske 9
4. Tragikomik in DAS JÜNGSTE GEWITTER 10
4.1 Tragikomische Tableaus 10
4.2 Das Traummotiv 12
4.3 Funktion und Wirkung der Direktadressierung 14
4.4 Das Moment der Hoffnung: Satirische Aspekte 17
4.5 Das Moment des Todes: Groteske Aspekte 18
5. Fazit - Apokalyptische Heiterkeit 19
6. Quellen 22
6.1 Filmografie 22
6.2 Bibliografie 22
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1. Einleitung - Tragische Komödie oder komische Tragödie?
„DAS JÜNGSTE GEWITTER [Hervorhebung durch Vf.] handelt vom Menschen, seiner Größe und seinem Elend, seiner Freude und seinem Leid, seinem Selbstvertrauen und seiner Angst. Es ist einfach eine tragische Komödie oder eine komische Tragödie über uns selbst“ 1 , so der schwedische Filmemacher Roy Andersson über seine aktuelle Produktion DAS JÜNGSTE GEWITTER 2 , die im Frühjahr 2008 in den deutschen Kinos zu sehen war. Andersson fällt es vermeintlich leicht, Handlung und Stil seines Films auf den Punkt zu bringen, was man vom Rezipienten nur schwer behaupten kann: DAS JÜNGSTE GEWITTER besteht aus einzelnen Szenen, die jeweils in einer langen Einstellung gedreht wurden und wie Tableaus anmuten; die Kamera verweilt bis auf wenige, kaum merkliche Zoombewegungen statisch in der Totalen und hält kurze Episoden fest, die ausschließlich im Studio gedreht wurden und zunächst auffallend zusammenhangslos daherkommen; die Schauspieler sind hauptsächlich Laiendarsteller. Durch den fortwährenden Bruch mit den Konventionen des Hollywoodkinos verlangt der Regisseur dem Zuschauer viel ab. DAS JÜNGSTE GEWITTER ist nur schwer zu fassen, sowohl auf extra- wie auch auf intradiegetischer Ebene, wobei zu letzterer auch die Komik gehört, die einem hier oft im Halse stecken bleibt. ‚Skurril’, ‚grotesk’, ‚satirisch’ und ‚tragikomisch’ sind Adjektive, die Verwendung finden, versucht man den ungewöhnlichen Humor Anderssons in Worte zu kleiden. Was ist komisch an seinem jüngsten Werk und warum? Und ist der Film denn überhaupt komisch? Ist er vielleicht eher tragisch als komisch oder umgekehrt? Und was bedeutet letztlich ‚tragikomisch’ in diesem Zusammenhang? DAS JÜNGSTE GEWITTER soll im Folgenden eine Ausdeutung erfahren, wobei das Hauptaugenmerk auf den komischen Elementen und den Formen der Komik im Film liegen wird. Hierzu ist es notwendig, zunächst eine Annäherung an die Tragikomik im weiteren Sinne sowie an zwei ihrer Teilaspekte, die Satire und die Groteske, vorzunehmen, um im Anschluss die theoretischen Vorüberlegungen auf den Film selbst anwenden zu können. Es soll untersucht werden, inwiefern die verwendeten Stilmittel und Handlungsmotive bestimmte Formen von Komik und Tragikomik erzeugen. Schließlich soll noch einmal rückbesinnend auf die Formulierung Anderssons eingegangen werden, auf die Überlegung, ob die Termini ‚tragische Komödie’ und ‚komische Tragödie’ sinnvoll sind.
1 Roy Andersson: Das jüngste Gewitter. Über den Film. URL: http://www.das-juengste-gewitter.de/about_short.html (20.7.2008).
2 DU LEVANDE (DAS JÜNGSTE GEWITTER). S/F/D/DK 2007. R: Roy Andersson. Dieser Arbeit liegt die
schwedische Originalfassung mit englischen Untertiteln zugrunde. Wörtlich zitiert werden die Untertitel. Die deutsche Synchronfassung erscheint im Oktober 2008 auf DVD.
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2. Die Tragikomödie
2.1 Versuch einer Begriffsklärung
In einem Interview, das Sven von Reden zum deutschen Filmstart mit Roy Andersson führte, äußerte sich dieser zum Humor in seinen Filmen wie folgt:
Es gibt ein paar Dinge, die nicht lustig sind im Leben, aber über vieles kann man lachen, über viele Probleme kann man lachen. Weil die Möglichkeit unserer Rettung, die Möglichkeit, die Situation zu ändern, so nah ist. Aber man sieht sie nicht. Man ergreift sie nicht. Man ist verloren. Und das ist tragikomisch. 3
Steht Tragikomik also im Zusammenhang mit statischem Verhalten? Nach Bergson ist es die „mechanisch wirkende Steifheit“ 4 , die uns menschliche Verhaltensweisen lächerlich erscheinen lässt, die Unfähigkeit, sich flexibel an eine Situation anzupassen. Doch lächerlich sind Anderssons Figuren nicht. Wir können zwar über sie schmunzeln, dennoch erscheinen die Figuren eher tragisch als lächerlich - möglicherweise, weil es uns manchmal schwer fällt, sich von ihnen abzugrenzen, weil sie trotz ihrer Überzeichnung zu nah an der Realität liegen. Eine Figur kann nur dann lächerlich wirken, wenn der Zuschauer bei ihrer Betrachtung ein Überlegenheitsgefühl besitzt, den sicheren Glauben, dass er selbst sich nie so statisch verhalten würde. Findet jedoch eine Identifikation, und sei sie auch nur geringfügig, mit der Figur statt, wirkt ihr Verhalten tragisch, und schon ist etwas im Spiel, was sich mit der Komiktheorie im Bergsonschen Sinne nicht vereinbaren lässt: Mitleid. Das Lachen sei mit Empfindungslosigkeit und Gleichgültigkeit verbunden, die Komik bedürfe einer „Anästhesie des Herzens“ 5 und wende sich an den reinen Intellekt, so Bergson 6 . Folgt man also in mechanischer Steifheit der Komiktheorie von Bergson, kann Tragikomik unmöglich funktionieren. Auch in der klassischen Dramentheorie ist ein Zwischengenre, in dem sich die Grundgattungen Tragödie und Komödie treffen, undenkbar. Die Abgrenzung der beiden Dramenformen voneinander ist zu scharf. Karl S. Guthke zeichnet die historische Entwicklung der Tragikomödie ausführlich nach, wobei er zwischen einer frühen, additiven Form der Tragikomödie, in der sowohl komische als auch tragische Elemente vorhanden sind, und einer synthetischen Form, in der Tragik und Komik identisch sind und somit das eine gleichzeitig auch das andere ist und umgekehrt, unterscheidet 7 .
3 Sven von Reden: „Wir sehen die Wahrheit selbst, wenn wir lachen.“ Roy Andersson über seine Filme. Interview-Auszüge aus dem Kinomagazin. URL:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/ard/kinomagazin/119093/index.html (31.7.2008).
4 Henri Bergson: Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. [Le rire 1900]. Darmstadt 1988, S. 17.
5 Ebd., S. 15.
6 Vgl. ebd., S.14f.
7 Vgl. Karl S. Guthke: Die moderne Tragikomödie. Theorie und Gestalt. Göttingen 1968, S. 13-52.
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Eric Bentley, legt in Das lebendige Drama ein Kapitel zur Tragikomödie vor, in dem er die Geschichte des Genres skizziert, bevor er sich einer Definition annähert: Komödie mit Tränen statt Gelächter war Komödie ohne Komödie. Tragödie, in der der unversöhnliche Konflikt ex hypothesi ausgeklammert ist, ist Tragödie ohne Tragödie. Das Ergebnis tragikomisch zu nennen, hat daher keinerlei Logik. Gültige Tragikomödie könnte sich nur ergeben, wenn die Dramatiker in dieses Mittel-Genre genau das wiedereinbringen könnten, was sie ihm vorenthalten haben. 8
Ein hybrides Genre aus Komödie und Tragödie wird also nur dann dem Terminus der Tragikomödie gerecht, wenn die Eigenheiten der klassischen Genres nicht außen vor bleiben, sondern eine parallele Verwendung finden. Bentley nennt außerdem die beiden für ihn augenscheinlich erfolgreichsten Arten der Tragikomödie, nämlich erstens eine Tragödie mit glücklichem Ausgang, die also keine ‚verhütete’, sondern eine ‚transzendierte’ Tragödie sei, eine Tragödie also, die ihre strukturellen Grenzen überschreitet; die zweite Form sei vice versa eine Komödie mit unglücklichem Ausgang 9 .
Wenden wir uns abschließend einem dritten Komiktheoretiker zu, Peter L. Berger, der Tragikomik als Trost begreift, wobei sich die Tragikomödie vom gutmütigen Humor unterscheide 10 :
Der [gutmütige Humor] verbannt, soweit es irgend möglich ist, das Tragische aus seinen fragilen Konstruktionen einer künstlichen Realität [...]. Der sogenannte schwarze Humor trotzt dem Tragischen, wie es seine synonyme Bezeichnung ‚Galgenhumor’ drastisch zum Ausdruck bringt. Dann gibt es den grotesken Humor, wo das Tragische in einem absurden Universum aufgeht [...]. In der Tragikomödie wird das Tragische weder verbannt, noch wird ihm Trotz geboten, noch geht es in etwas anderem auf. Es bleibt sozusagen momentan in der Schwebe. 11
Die Tragikomödie ist also weder mit dem gutmütigen Humor, noch mit dem schwarzen oder dem grotesken Humor gleichzusetzen, sie stellt einen Sonderfall dar, eine Komödie, in der das Tragische eine uneingeschränkte und dennoch gleichrangige Position einnimmt, sich jedoch einer Konkretisierung verweigert. Auch wenn die betrachteten Theorien sich in einigen Punkten voneinander unterscheiden, so lässt sich unter ihnen dennoch ein Konsens ausmachen: In ihrer Entwicklung formierte sich die Tragikomödie zu einem hybriden Genre 12 , in dem Komik und Tragik eine Synthese miteinander eingehen, sich also zu einer neuen Einheit
8 Eric Bentley: Das lebendige Drama. Eine elementare Dramaturgie. [The Life of the Drama 1964]. Hannover 1967, S. 307.
9 Vgl. ebd., S.308f.
10 Vgl. Peter L. Berger: Erlösendes Lachen: Das Komische in der menschlichen Erfahrung. [Redeeming Laughter 1997]. Berlin/New York 1998, S.137.
11 Ebd., S.137f.
12 Auf die Problematik des Genrebegriffs soll aus Selektionsgründen an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Vgl. hierzu beispielsweise Knut Hickethier: Genretheorie und Genreanalyse. In: Jürgen Felix (Hrsg.): Moderne Film Theorie. 2. Aufl. Mainz 2003. S. 62-103.
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zusammenschließen. Hierbei spielt die Simultaneität der genrespezifischen Merkmale eine entscheidende Rolle, was eine Überschreitung der jeweiligen Konventionen zur Folge hat. Auf diese Weise bleibt das Tragische in der Komödie nur schwer greifbar und lässt sich als nur wenig konkrete ‚Stimmung’ beschreiben. Diese Feststellungen führen uns zu der Überlegung, weshalb sich die Tragikomödie erst derart spät herausgebildet und aktuell zu einem Subgenre von zunehmender Präsenz manifestiert hat 13 .
2.2 Die Tragikomödie und der Geist der Gegenwart
Während Tragik und Komik im klassischen Drama per definitionem unvereinbar waren, schließen sie sich nachweislich seit der Renaissance nicht länger aus. In seinem Kapitel über die Modernität der Gattung befasst sich Guthke mit der Tatsache, dass sowohl Autoren als auch Kritiker regelmäßig betonen, die Tragikomödie verleihe „dem Geist der ‚Gegenwart’ auf besonders oder gar einzigartig angemessene Weise Ausdruck“ 14 . Die Entstehung der gemischten Dramengattungen, zu denen auch die Tragikomödie gehöre, entspräche dem Niedergang der Tragödie und der Komödie, so Guthke. Weiter legt er dar, dass, während die Tragödie eine unerschütterliche metaphysische Weltordnung voraussetze, die moderne Tragikomödie nun Fragen über die Stellung und Bedeutung des Menschen in der Welt stelle, die zuvor ausschließlich in der Tragödie Ausdruck fanden, wodurch diese Einbußen in Bezug auf ihre Transzendenz erdulden muss. Jener Verlust der Transzendenz jedoch sei in der modernen Tragikomödie rückgängig gemacht, folglich sei sie häufig ‚metaphysisch’, wie es ursprünglich die Tragödie war 15 .
Anhand zahlreicher Beispiele stellt Guthke letztlich Folgendes heraus: Die Tragikomödie spiegelt eine Weltsicht, die an Komplexität zugenommen hat und der ein tragischer Held, wie ihn die klassischen Gattungen präsentierten, nicht länger gerecht wird. Die Welt sei ungreifbar, unüberschaubar und anonym, zitiert er Dürrenmatt 16 . Es existiere ein „prekäres Gleichgewicht zwischen Chaos und Form, Gestaltlosigkeit und
13 Katja Hettich beschreibt die Vorteile, die das Label ‚Melancholische Komödie’ gegenüber dem Terminus ‚Tragikomödie’ gegenwärtig aufweist: Es erlaube eine Differenzierung der aktuellen tragikomisch anmutenden Filme zu früheren Tragikomödien wie denen Chaplins, Lubitschs oder Wilders. Bezeichnend für die Melancholische Komödie sei es, dass nicht traditionell gestrickte Handlungsstrukturen im Mittelpunkt stünden, sondern der Ausdruck eines Gemütszustandes sowie die Wirkung auf den Zuschauer und die stilistischen Mittel, mit denen diese erzielt werde. Vgl. Katja Hettich: Die melancholische Komödie. Hollywood außerhalb des Mainstreams. Marburg 2008, S. 14ff.
14 Guthke: Die moderne Tragikomödie, S. 102.
15 Vgl. ebd., S. 103-105.
16 Vgl. ebd., S. 134.
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Arbeit zitieren:
Eva Tüttelmann, 2008, „These days, I just prescribe pills“ - Tragikomik in Roy Anderssons "Das jüngste Gewitter", München, GRIN Verlag GmbH
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