Inhalt
1. Vorwort 3
2. Pourquoi les Troyennes? 3
3. Existenz und Schicksal 3
3.1 A chacune son maître 3
3.1.1 Kassandra 5
3.1.2 Andromache 6
3.1.3 Hekabe 7
3.2 Der Antagonismus zwischen Helena und Hekabe 8
4. Gott und die Götter. 10
5. Euripides versus Sartre - Vorlage und Adaption. 12
6. Für ein Situationstheater 13
7. Schlusswort 14
Literatur 15
Abk ürzungsverzeichnis
MyR Mythos und Realität des Theaters
T Les Troyennes
TlG Der Teufel und der liebe Gott
2
1. Vorwort
Am 21. Juni 2005 ist Sartres hundertster Geburtstag. Dieser Tag wird einigen Anlass geben, den wohl größten französischen Philosophen und Schriftsteller des letzten Jahrhunderts zu 1 . Sartre, der vom hässlichen würdigen. Sartre, der Mann, der besessen war von den Wörtern
Entlein zum Phönix wurde, welcher stets von neuem aus der Asche seiner Existenz aufstieg. Sartre, der das Denken und Bewusstsein der Nation war.
2. Pourquoi les Troyennes?
Vor vierzig Jahren, am 10.März 1965, wurde das Stück am T.N.P unter der Leitung von Georges Wilson uraufgeführt. Bis zum heutigen Tage hat es an Aktualität nichts eingebüßt. Selbst die Vorlage des Euripides, welche nunmehr 2420 Jahre alt ist, kann sich rühmen, wenn auch keinen direkten inhaltlichen, so doch einen thematisch-exemplarischen Bezug zur heutigen Wirklichkeit bewahrt zu haben. Zynischerweise muss man dazusagen, dass die sensible Thematik des Krieges, von welcher Seite man sie auch betrachten möge, doch stets die gleichen Kritikpunkte aufwirft. Aufgrund der Unbelehrsamkeit des Menschen kann ein solches Stück schwerlich jemals an Aktualität verlieren. Sartre sieht „Die Troerinnen“ in einer Aufführung von Jaqueline Moatti. Vor dem 2 (1954-62) sieht er sich veranlasst, eine eigene Bearbeitung Hintergrund des Algerienkrieges
des Stoffes vorzunehmen. Schon zu Euripides Zeit stellte das Stück eine klare Verdammung des Krieges im Allgemeinen und der Kolonialexpeditionen im Besonderen dar. Sartre transponiert dieselbe politische Intention auf das Atomzeitalter: « [U]ne guerre atomique ne laissera ni vainqeurs ni vaincus. » (T 6)
Existenz und Schicksal
3.1 A chacune son maître
« Les Troyens sont morts. Tous. Voici les Troyennes. » (Poseidon, T 14)
Troja ist zerstört. Die rauchenden Ruinen bilden eine triste Kulisse. Bei ihren Zelten sitzen die gefangen genommenen Frauen der gefallenen Trojaner. Thalthybios, ein Herold der Griechen, eilt herbei, um den Troerinnen ihr künftiges Los zu verkünden. Er wird auch im weiteren Verlauf des Stückes stets als „Hiobsbotschafter“ fungieren.
Das beinahe erwartungsvolle Abwarten ihres Schicksals (III. und IV. Szene) erklärt, dass sich die überlebenden Troerinnen gemäß einem allgemein akzeptierten Kriegskodex bereits als
1 „Les Mots“ (1964) wird als einzige, wenn auch verhältnismäßig kurze Autobiographie Sartres angesehen 2 Unabhängigkeitskrieg der Algerier gegen das französische Militär
3
Beute der Griechen betrachten und keinerlei Hoffnung auf Verschonung hegen. Thalthybios tritt gewissermaßen als „Erlöser“ ihrer Mutmaßungen auf:
Alle Schicksale werden im Laufe der Tragödie in der nämlichen Reihenfolge vollstreckt, in welcher sie Thalthybios verkündet. « A chacune son maître. » (T 36) In einer klimaktischen Abfolge wird zunächst Kassandra ihr Los zuteil. Sie beansprucht der Atridenkönig Agamemnon als Konkubine für sich. Die jungfräuliche Priesterin, welche Keuschheit gelobt hat, soll demnach im Feindesbett entehrt werden. Daraufhin wird Andromache ihr Los zuteil, welche dem Achillessohn Neoptolemos versprochen ist. Man möge sich ihre doppelte Pein vor Augen führen, da Achilles der Mörder ihres Mannes Hektor war und Neoptolemos ihre Schwägerin Polyxena öffentlich hinrichten ließ. Schließlich findet die Verkündung ihren Höhepunkt im Ausruf des verderblichsten aller Schicksale, nämlich dem der Hekabe, welche dem Odysseus als Sklavin dienen soll. Als greise und Leid geplagte Frau, deren Mann Priamos (auf Geheiß des Odysseus von Neoptolemos erschlagen), all ihre 3 und ihre jüngste Tochter Polyxena bereits tot sind, soll sie nun dem Gedankenvater Söhne
der trojanischen List (hölzernes Pferd) zu Diensten sein. Hekabe verabscheut ihn und bezeichnet ihn als « monstre à la langue double », gleichwohl sie noch nicht ahnt, dass er auch noch ihren einzigen Enkel Astyanax töten lassen wird. (T 40)
Gemäß den aristotelischen Postulaten der klassischen Tragödie stellt Sartre ausschließlich die Schicksale königlicher und adliger Figuren dar. Interessant ist hierbei jedoch, dass er in dieser 4 (vierten) Szene den Ausschluss der übrigen Troerinnen von der zeremoniellen
Losteilwerdung explizit erwähnt. Als diese nach ihrer Zukunft fragen, antwortet ihnen Thalthybios nämlich « ...ce n’est pas mon affaire. Le fretin, on va le tirer au sort » (T 41) Möglicherweise ist hierin ein Kritikpunkt Sartres an dem klassischen Regelwerk zu sehen. Wahrscheinlicher aber erscheint mir, dass Sartre hier eine bewusste Gewichtung zugunsten der namenhaften, und nur dadurch auch historisch bedeutsamen, Persönlichkeiten vornimmt, um auf die unzähligen „Namenlosen“ aufmerksam zu machen, die jeder Krieg fordert. Denn an Könige wird man sich erinnern, nicht an Krieger.
Als Thalthybios das Zelt der Troerinnen von außen rötlich leuchten sieht, befürchtet er ihren 5 vivantes. Ce serait trop commode pour elles » (T 41) Suizid und fordert « ...pas de torches
Diese Aussage setzt die erschütterlichen Leiden der Troerinnen in ein neues Verhältnis zum Tod, welcher nunmehr angenehmer erscheint, als im derzeitigen Zustand weiterzuleben: Die Troerinnen haben alle ihre Männer in diesem Krieg verloren und sitzen nun mit abrasierten 6 , in Lumpen gehüllt und von unsagbarem Schmerz gebrochen in ihren Zelten und Haaren
warten auf ihre weitere Behandlung durch die feindliche Siegermacht. Ein weiteres Zitat soll diese Pein, die den Tod dem Leben vorzuzieht, untermauern: So spricht Thalthybios eingangs
3 Hektor durch das Schwert Achilles’, welcher Hektors Leichnahm an seinen Wagen angebunden durch die Stadt zog, Paris durch den vergifteten Pfeil des Philoktetes, (Deiphobos durch Menelaos, Polydoros durch den thrakischen Fürst Polymestor) 4 sie werden als Chor zusammengefasst 5 Fackel als Symbol der Vernichtung
6 entweder als Zeichen, dass sie fortan Sklaven sind oder auch zur Selbstkasteiung
4
7 , nicht ohne die Anmerkung «Cassandre elle- inkryptischen Formeln vom Tod Polyxenas
même l’enviera souvent.» (T 38) Seine Befürchtung des Selbstmordes unter den Troerinnen ist also durchaus gerechtfertigt. Doch Kassandra, die aus dem Zelt hervorstürmt, entwirft zunächst ein recht befremdendes Bild einer leidgeplagten Gefangenen, das sich jedoch später, unter näherer Betrachtung ihrer Motivation als kohärent herausstellt:
3.1.1 Kassandra
Mit einer brennenden Fackel in der Hand, welche stets auch als Symbol für den Untergang Trojas gesehen wird (vgl. Traum der Hekabe, Fußnote 7), ruft Kassandra in tänzerischer 8 an. Im Angesicht größter Trauer und Verzweiflung Trance den Hochzeitsgott Hymenaios
verfällt Kassandra in einen nahezu deliranten Zustand. Euphorisch fordert sie die Troerinnen 9 zu freuen. « Où sont vos robes de fête? Il auf, sich mit ihr über ihre bevorstehende Hochzeit faut crier de joie! » (T 46) Dem Anschein nach ist sie völlig von Sinnen. Scheinbar ohne Bedacht prophezeit sie Agamemnons Tod durch seine Frau Klytaimnestra, obwohl Thalthybios noch zugegen ist. « ...notre grand lit nuptial sera son lit de mort. » (T 47) 10 der Apollonpriesterin, dass ihre Prophezeiungen von niemandem Doch es ist das Schicksal
ernst genommen werden. Daher kann sie dem gesamten Atridenhaus auch öffentlich ihre Rache schwören, ohne dafür bestraft zu werden. « Je ruinerai sa race [c]omme il a ruiné la nôtre [...] Oh! Comme il va saigner! » (T 48) Im Folgenden sagt sie freudig (joyeusement) ihren eigenen Tod voraus, was einen ersten Höhepunkt in der Kassandraszene darstellt. « Moi, on me coupera le cou » (T 48) Ihr Übermut ist dadurch begründet, dass sie, trotzdem sie in Feindeshand gerät und sterben muss, ihr vorherbestimmtes Schicksal annimmt, wodurch sie ihre Rache bekommt und ihre Jungfrauenehre behält. Sie opfert sich freiwillig, um ihr Geschlecht zu rächen und dessen Ehre aufrecht zu erhalten und wird somit wird zur 11 Märtyrerin .
Fast beiläufig erwähnt sie den Muttermord Orests aus Rache für seinen Vater. Es scheint als versuche sie, ihre vermeintlichen „Behauptungen“ durch Details zu verifizieren. Vielleicht ist es aber auch lediglich ein Kunstgriff Sartres, um dem Publikum seiner Zeit das nötige mythologische Hintergrundwissen mitzuliefern.
7 Sie ist die jüngste Tochter Hekabes und wurde am Grab des Achilles zu dessen Ehrung und Würdigung geopfert. (siehe Euripides: „Hekabe“)
8 Sohn des Apollon und einer Muse, als schöner Jüngling mit Fackel und Kranz dargestellt 9 geplant ist die heimliche Verheiratung mit Agamemnon
10 Apollon stattete sie mit der Gabe der Weissagung aus, jedoch mit dem Zusatz, damit nie Glauben zu finden. K. sagte auch schon den Untergang Trojas vorher.
11 Polyxena (in Euripides’ „Hekabe“) wird im Bewusstsein pflichtbewusster Heldenehrung am Grabe des Achilles geopfert, hatte sich zuvor jedoch (wie später Kassandra) selbst für den Tod entschieden, um dem Sklavenleben zu entrinnen
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Philipp Zöllner, 2004, Sartre: Les troyennes - Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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