0. Einleitung
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, des wahrscheinlich eindrucksvollsten Bildes menschlicher Hybris, gehört zu den wohl berühmtesten Erzählungen der Bibel und könnte sich vom Bekanntheitsgrad sicherlich mit Adam und Eva im Paradies, ja sogar mit dem berühmt-berüchtigten Weihnachtsmärchen nach Lukas messen. Wie so oft gilt es aber, den tatsächlichen Text von der verbreiteten opinio communis über dessen Deutung zu trennen. So ist weder Nimrod der Erbauer, noch wird der Turm durch göttliche Intervention zerstört! Diese Arbeit wird, nachdem mit einer vorsichtigen und literarisch eher wertlosen
deutschen Übersetzung (1.2.) des hebräischen Textes 1 (1.1.) eine Arbeitsgrundlage geschaffen worden ist, versuchen, folgende Fragen zu beantworten:
1. Wer ist der Verfasser der Turmbauerzählung?
2. Aus welchem Anlass wurde diese geschrieben? oder schärfer formuliert: Wo stand der Turm zu Babel? und: 3. Welche theologischen Aussagen wohnen ihr inne?
Da der Text auf den ersten, spätestens auf den zweiten, Blick durch gewisse Inkohärenzen auffällt, wird zunächst eine literarkritische Analyse (2.) vorgenommen werden müssen; auf diese Weise wird dann, unter Berücksichtigung der Geschichte Israels und seiner Nachbarn einerseits und archäologischer Funde andererseits, auf den/die Verfasser und ihre Intention(en) geschlossen werde können (3.). Dabei wird auch versucht werden, den Turm zu lokalisieren. Aus mangelnden archäologischen und (ur-)altsprachlichen Kenntnissen, wird dieses äußerst interessante Kapitel, das sich vor allem auf Christoph Uehlingers Untersuchungen stützt, leider nicht in einer ihm gebührenden Ausführlichkeit behandelt werden können. Stattdessen wird die Turmbauerzählung im letzten Teil dieser Arbeit wieder in ihrer Gesamtgestalt und ihrem besonderen Umfeld als Mittlerin zwischen Ur- und Patriarchengeschichte auf die ihr innewohnenden, theologischen Aussagen hin betrachtet und interpretiert. Im Schlussteil (5.) werden die gewonnen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und bewertet.
1
Gewählt wird der von den Masoreten überlieferte Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia, 5. verb. Aufl., Stuttgart 1997, der „an allen Stellen, an denen die Lesarten der alten Versionen oder einzelner hebräischer Handschriften von ihm abweichen, als ursprünglicher Text vorzuziehen ist.“ (Uehlinger, Christoph, Weltreich und
2
1. Grundlegendes
1.1. Hebräischer Text 2
2 Biblia Hebraica Stuttgartensia, 5. verb. Aufl., Stuttgart 1997. Abwandlung des Gottesnamens: D. Verf. Strukturierung nach: Uehlinger, Weltreich. Im Folgenden werden Zitate aus der BHS als solche nicht weiter gekennzeichnet.
3
1.2. Deutsche Übersetzung 3
Und es war [einmal] die ganze Erde eine Lippe/Rede/Sprache 1
und eine/einerlei/einheitliche Worte. 2 Und es war bei ihrem Fortziehen von Osten her,
Und es sprach[…] ein Mann zu seinem Freund (=sie sprachen untereinander): 3
Wohlan! Lasst uns Ziegel ziegeln, und lasst uns zu Brand brennen! Und es wurde (=diente) ihnen der Ziegel als Stein, und das Erdpech/Bitumen war (=diente) ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: 4
Wohlan! Bauen wir uns eine Stadt und einen Turm/Zitadelle und sein Haupt/Spitze im Himmel, und machen wir uns (so?) einen Namen,
dass wir nicht zerstreut werden über das Antlitz der ganzen Erde. Da stieg [der Herr] hinab, um die Stadt und den Turm/Zitadelle zu sehen, 5
welchen die Söhne Adams/Menschensöhne bauten. Da sprach [der Herr]: 6
Siehe! Ein Volk und eine Lippe/Rede/Sprache [haben sie] alle. Und dies [ist] der Anfang ihres Tuns. Und jetzt wird ihnen nicht verwehrt, was sie alles zu tun ersinnen.
Wohlan! Lasst uns hinabsteigen und dort ihre Lippe/Rede/Sprache vermengen/verwirren, 7
dass ein Mann nicht die Lippe/Rede/Sprache seines Freundes höre/verstehe[…]. Und [der Herr] zerstreute sie von dort über das Antlitz der ganzen Erde. 8
Und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Deshalb nannte er (=nennt man) ihren Namen Babel, 9
denn dort hat [der Herr] die Lippe/Rede/Sprache der ganzen Erde vermengt/verwirrt,
3 Unter Berücksichtigung von: Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1996; Die Bibel in heutigem Deutsch. Die Gute Nachricht des Alten und Neuen Testaments mit den Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften / Apokryphen), Stuttgart 1982; Die Bibel oder die ganze heilige Schrift des alten und neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart1972; Die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments, Zürich 1993; Steuer, Rita Maria, Das Alte Testament. Interlinearübersetzung Hebräisch-Deutsch und Transkription des hebräischen Grundtextes nach der Biblia Hebraica Stuttgartensia 1983, Bd. 1. Genesis - Deuteronomium, Stuttgart ²1989.
4
2. Literarkritik. Der Turm als Stufenbau
Unübersehbar herrscht zwischen V7 und V8 eine logische Spannung: Spricht Gott noch in Ersterem davon, dass er die L i p p e /usw. der Menschen v e r w i r r e n will, z e r s t r e u t er in V8 die M e n s c h h e i t . Auch wenn man das Verwirren der Sprache und das Zerstreuen der Menschen als einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang verstehen könnte - wobei das Verhältnis in beide Richtungen denkbar wäre -, so ist doch der erzählerische Sprung ungewöhnlich groß. Zudem scheint die nun folgende Bemerkung, die Menschen hätten mit dem Bau aufgehört, überflüssig. Eine ähnliche Inkohärenz lässt sich in V4 finden: Die Furcht vor dem Zerstreutwerden steht in keinem Zusammenhang zum Namenmachen. Außerdem wird in diesen beiden Versen (als auch in V9) das ¬« ¤ ¸ µ , die ganze Erde, anders, nämlich örtlich, gebraucht als in V1, wo es die Einwohnerschaft derselbigen bezeichnet. Aus diesem und aus der auffälligen Gleichartigkeit besagter drei Sätze ist zu schließen, dass diese einer zweiten literarischen Schicht angehören. „Löst man die genannten Halbverse aus dem Text heraus, so bietet die dabei resultierende Vorlage […] grössere [sic!] logische
Kohärenz.“ 4 ¤´¹ § º In V1 wird das Motiv der „einen Lippe“ ( ) durch die £ ©¸¡ ©£§ „einen/einerlei Worte“ ( ) zu einem scheinbaren Hendiadyion
erweitert. 5 Sehr kunstvoll werden diese „einen Worte“ dann anschließend in V3 sprachlich umgesetzt: Sowie die Menschen zum ersten Mal zu sprechen beginnen, tun sie dies in einer zweifachen figura etymologica („Lasst uns Ziegel ziegeln und ¤¬ ¤°¡¬¤ lasst uns zu Brand brennen!“), in zahlreichen Alliterationen (z. Bsp. ¯¡ ¬) und einer Annominatio ( ¤¥ ®§ ¸ ¸®§¬ [...] ). Allerdings beschränken sich diese
stilistischen Besonderheiten im Ganzen nur auf V3. Zudem scheinen sie als reine Materialnotizen der Erzählung durchaus entbehrlich zu sein. Auch wird der Halbvers 1b, in dem diese kunstvolle Rede der Menschen durch das „eine/einerlei Worte“ eingeleitet wird, im Gegensatz zur „einen Lippe“ von V1a in den Versen 6a, 7a.b und 9a (in den letzten dreien ohne º§ ) nicht noch einmal wiederholt. Ein anderes, wenn auch nicht ganz überzeugendes Wortspiel findet sich in V9, wo der Stadtname „Babel“ (¬¡¡) auf das Verb „verwirren“ (¬¬¡) zurückgeführt wird. Dass V9 der Erzählung fremd ist, macht ihr Charakter deutlich: „Zwischen dem in der
4 Uehlinger, Weltreich, S. 309. Vgl. auch: Westermann, Claus, Genesis, Bd.1. Genesis 1-11, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 713.
5 Dies gilt nur insoweit „eine Lippe“ als „eine Sprache“ verstanden wird.
5
Arbeit zitieren:
Konrad Bach, 2005, Der Turmbau zu Babel, München, GRIN Verlag GmbH
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Exegese: Der Turmbau von Babel (Gen 11, 1-9)
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