Inhaltsverzeichnis
I Gaius Valerius Catullus 3
II Das Pseudonym Lesbia 4
III Die Beziehung zu Lesbia - foedus fides und amicitia bei Catull 6
IV Die Lesbiagedichte 8
A carmen 8 8
B carmen 76 11
V Zusammenfassung 14
VI Bibliographie 15
2
I. Gaius Valerius Catullus
Was wir über Gaius Valerius Catullus sicher wissen, ist nicht viel. Er wurde ungefähr im Jahre 84 v. Chr. in Verona geboren. In der Nähe dieser Stadt, auf der sich in das Südende des Gardasees erstreckenden Halbinsel Sirmio, besaß sein Vater eine Villa, die später Catulls Lieblingsaufenthalt war. Catulls Vater scheint zu der einflußreichen und wohlhabenden Schicht römischer Bürger gehört zu haben, die überall in den Provinzen den Handel und die Finanzverwaltung in Händen hielten. Denn auch Caesar nahm, wenn er in seine oberitalienischen Provinz reiste, die Gastfreundschaft von Catulls Vater in Anspruch. Im Alter von etwa zwanzig Jahren kam Catull nach Rom, vermutlich um eine politische Laufbahn einzuschlagen. Hier schloß er sich dem Kreis um Valerius Cato an, zu dem auch Licinius Galbus, Furius Bibaculus und Helvius Cinna zu zählen waren. Im Laufe der Zeit kaufte er sich eine Villa in Rom und einen Landsitz bei Tivoli.
Im Jahre 57 begleitete er den Praetor C. Memmius zusammen mit Helvius Cinna nach Bithynien und kehrte im darauffolgenden Jahr nach Italien zurück, nachdem er die berühmten Städte Kleinasiens und vor allem das Grab seines Bruders in der Nähe von Troja besucht hattte. „In Rom wurde für Catull die Literatur wichtiger als die Politik. Bei einem jungen Mann, der auf politischem Gebiet bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr nichts anderes unternommen hat, als einmal in der Begleitung eines Propraetors Aufgaben in der Provinz zu
versehen, kann das politische Engagement nicht sehr groß gewesen sein.“ 1 Trotzdem zeigen einige seiner Gedichte eine klare politische Parteinahme. „Catulls und Calvus´ Haltung dürfte vielmehr eine unter der stadtrömischen jungen Aristokratie verbreitete oppositionelle Gesinnung widerspiegeln: in diesen Kreisen hielt man schon im Jahre 59 v.
Chr. das Willkürregiment der Triumvirn für unerträglich.“ 2 Catull starb wahrscheinlich im Jahre 54 v. Chr.
1 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S. 5
2 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S. 6
3
II. Das Pseudonym Lesbia
Schon immer bewegte die Frage, welche historische Gestalt sich hinter dem Pseudonym Lesbia versteckt, die Gemüter der Leser der Lesbiagedichte. Denn daß Lesbia nur ein Deckname war, war schon für Ovid in seinem Überblick über die Liebesdichtung eine
feststehende Tatsache. 3 Aber warum gerade der Name Lesbia? Carmen 35 kann hier vielleicht Aufschluß bieten. Catull lobt ein von den Gedichten ihres Freundes begeistertes Mädchen, sie sei ein Sapphica puella Musa doctior. „In literarischen Kreisen näherte man sich also offenbar bereits dem Ideal der `docta puella´, das dann in der Liebeselegie so hervortritt, und man erwartete von der Geliebten nicht nur physische Reize, sondern auch Witz, Charme und eine musikalisch-
literarische Bildung.“ 4 Wenn Catull seine Geliebte also Lesbia, Frau von der Insel Lesbos nennt, so soll das eine Anspielung an die griechische Dichterinsel und an die dort wirkende Sappho sein. Der Name Lesbia ist als Kompliment an Lesbias funkelnden Geist zu verstehen, der sie in Catulls Augen
über alle anderen Frauen erhob 5 , und alleine der Vergleich anderer Frauen mit Lesbia erschien ihm mehr als geschmacklos 6 .
Die Wahl so poetischer Namen für die in Gedichten verherrlichten Geliebten findet sich damals auch bei anderen Dichtern: Tibull und Properz wählten die Namen aus dem Umkreis des Dichtergottes Apoll - Delia und Cynthia, und Ovid wählte als Namen den der nach Sappho berühmtesten griechischen Dichterin Corinna.
„Welcher Name sich hinter Catulls Pseudonym verbarg, scheint den Zeitgenossen kein Geheimnis gewesen zu sein. Ovid jedenfalls muß ihn gekannt haben; er hätte sonst nicht so
sicher sagen können, daß Lesbia ein Pseudonym sei.“ 7 Apuleius berichtet im zweiten Jahrhundert in seiner Verteidigungsrede, Lesbias wirklicher Name habe Clodia gelautet. Er hat sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe die Namen schöner Knaben mit Pseudonymen verhüllt. Er führt daraufhin die klassischen Liebesdichter Catull, Ticidas, Properz und Tibull an, die dies auf dieselbe Weise praktiziert hätten, und stellt den Pseudonymen die eigentlichen Namen der von den Dichtern verehrten Mädchen gegenüber. „Das klingt nicht nach leichtfertiger Erfindung; denn die Berufung auf eine
3 Ov. tr. 2,427f. sic sua lascivo cantata est saepe Catullo femina, cui falsum Lesbia nomen erat.
4 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S.25
5 c.86: Lesbia formosa est, quae cum pulcherrima tota est, tum omnibus una omnis subripuit Veneres.
6 c.43: tecum Lesbia nostra comparatur? o saeclum insapiens et infacetum!
4
übliche Praktik der Liebesdichtung war nur dann ein entlastendes Argument, wenn dies eine
bekannte Tatsache war.“ 8 Auch das von Bentley entdeckte Gesetz, daß ein Pseudonym in der Dichtung immer ein genaues metrisches Äquivalent des wirklichen Namen sein mußte, spricht für Clodia. Wenn man jetzt nun nach Damen mit dem Namen Clodia zu Catulls Zeit Ausschau hält, stößt man unweigerlich auf die ältere Schwester des Volkstribunen P. Clodius Pulcher, die mit Q. Caecilius Metellus Celer, dem Consul des Jahres 60 verheiratet war. „Diese Clodia ist durch Cicero wohlbekannt. Er schildert sie freilich in recht zwiespältiger Weise. Zunächst stellt er sie im Briefwechsel als eine schöne, ungemein selbstbewußte Dame dar, die auch im politischen Geschäft ihre Hände im Spiel hatte. Später aber, nachdem P. Clodius Ciceros Intimfeind geworden ist, greift sie Cicero in der Rede für Caelius aufs unflätigste an. Sie ist in diesem Prozeß eine Hauptzeugin der Anklage, und Cicero versucht, ihre belastenden Aussagen als Ausfluß ihres Hasses gegen ihren ehemaligen Liebhaber Caelius abzuqualifizieren und sie auch sonst durch die Schilderung ihres unmoralischen
Lebenswandels als nicht vertrauenswürdig hinzustellen.“ 9 Auch carmen 79 spricht für Clodia als Lesbia - Lesbius est pulcher: quid ni? quem Lesbia malit, wenn man dem Gerede in Rom Beachtung schenkt, daß Clodia und Clodius ein inzestöses Verhältnis hatten, auf das Cicero vielfach anspielt, und Clodius den Beinamen Pulcher hatte. Lesbius stünde hier also für Clodius. Es ist als wahrscheinlich anzunehmen, daß Lesbia die historische Clodia ist.
7 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S. 26
8 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S. 26
9 Syndikus, Hans Peter: Catull. Erster Band, S. 27
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Somchai Areerasd, 1997, Zu: Catulls "Carmen 8 und 76" - Zweimal Abschied von Lesbia?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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