Inhaltsverzeichnis:
Einleitung S. 1
1 Gilles Kepels und seine These vom Niedergang des 2
Islamismus in den 1990er Jahren.
1.1 Gilles Kepel 2
1.2 Kepels These des Niedergangs des Islamismus. 3
2 Bassam Tibi und seine Wahrnehmung des 10
Islamismus bzw. seiner Zukunftsperspektive.
2.1 Bassam Tibi 10
2.2 Der islamische Fundamentalismus und seine Zukunfts- 11
und Entwicklungsaussichten bei Bassam Tibi.
3 Tibi und Kepel im Vergleich - Niedergang des Islamismus 14
versus anhaltende Bedrohung für die westliche Welt durch den
politischen Islam.
4 Der Islamismus im Niedergang - Kann die These Aufrecht 18
erhalten werden? (Schlussteil)
Einleitung
Die provokante These des Islamismus-Forschers Gilles Kepel, vom „Niedergang des Islamismus“ 1 , sowie die, wie wir sehen werden, gegensätzliche Einschätzung des Phänomens des politischen Islam und seiner Zukunftsperspektive seitens des Islamwissenschaftlers Bassam Tibi, stehen im Zentrum dieser Betrachtung. Die Hausarbeit soll eine vergleichende Analyse der Standpunkte dieser beiden international anerkannten Islam- bzw. Islamismus-Wissenschaftler bezüglich der Zukunftsaussichten der politischen Ideologie des Islamismus darstellen. Ziel der Analyse wird sein, zu klären, wie die Wissenschaftler zu einer so diametral unterschiedlichen Wahrnehmung des Bedrohungspotentials durch den Islamismus für die westliche Welt gelangen.
Es gilt somit auch der Frage nachzugehen, ob eine der beiden Einschätzungen des Zustandes der islamistischen Bewegung auf einem sichereren theoretischen Fundament steht, als die andere, oder ob, trotz der Gegensätzlichkeit der Thesen, beide nebeneinander ihre Daseinsberechtigung haben.
Die zeitgeschichtliche Brisanz dieser Thematik gebietet, dass die These Kepels, der den Islamismus im Niedergang sieht, vor dem Hintergrund des aktuellen Geschehens in der islamischen Welt gesehen werden muss. Im Verlaufe dieser Hausarbeit soll daher auch versucht werden, die These Kepels, wie auch Tibis Einschätzung zur Lage in der islamischen Welt vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu reflektieren und, soweit wie möglich, auf seine Richtigkeit zu untersuchen. Es soll noch erwähnt werden, wie der „schwierige“ Begriff Islamismus in dieser Hausarbeit Verwendung findet. Islamismus ist im Folgenden als politisierte Form des Islam zu verstehen, d.h. als eine politische Ideologie, die sich lediglich auf den Islam bzw. Koran beruft und in keinem Falle gleichbedeutend mit der Religionsgemeinschaft des Islam ist.
Im Wesentlichen stützt sich diese Analyse auf Gilles Kepels „Schwarzbuch des Dschihad“ 2 , in dem er die These des Aufstiegs und Niedergangs des Islamismus entwirft und das Buch somit von zentraler Bedeutung für diese Untersuchung wird, sowie auf die Monographien „Die neue Weltunordnung“ 3 und „Der neue
1 Siehe: Kepel, Gilles: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München 2002.
2 Ders.
3 Tibi, Bassam: Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamentalismus, Berlin 1999.
1
Totalitarismus“ 4 , beide von Bassam Tibi, in denen der islamische Fundamentalismus, sowie die Auswirkungen seiner Ausbreitung auf die Weltpolitik im Zentrum stehen und somit für die umrissene Thematik dieser Arbeit von entscheidender Bedeutung sind.
Im ersten Teil der Arbeit (1) wird Gilles Kepel und seine These dargestellt, im zweiten Teil (2) soll dann auf Bassam Tibis Einschätzungen eingegangen werden, um im dritten Abschnitt (3) einen Vergleich dieser beiden Positionen anzustellen. Abschließend sollen im letzten Teil der Hausarbeit, so weit wie möglich, die in dieser Einleitung aufgeworfenen Fragen zur Beantwortung kommen. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass zum Zwecke einer intensiven Auseinandersetzung mit den beiden angeführten Autoren, nur bedingt auf weitere Wissenschaftler und deren Positionen eingegangen werden kann. Im dritten Abschnitt sollen auch durch Bezugnahme auf einige Positionen anderer Forscher die Argumente Tibis und Kepels gewichtet werden. Im Wesentlichen beschränkt sich die Hausarbeit aber auf einen Vergleich der Thesen Kepels und Tibis.
1 Gilles Kepels und seine These vom Niedergang des Islamismus in den 1990er Jahren.
1.1 Gilles Kepel
Gilles Kepel, geboren 1955, ist ein französischer Professor für Politische Studien am Institut d’Etudes Politiques in Paris. Er studierte Soziologie und Arabistik. Kepel hatte in seiner universitären Laufbahn zahlreiche Gastprofessuren inne. Heute gilt Kepel als einer der renommiertesten Forscher zum Thema islamischer Fundamentalismus und ist weit über die französische Landesgrenze durch seine Forschungsarbeiten bekannt geworden. Neben dem hier im Zentrum stehenden Werk, „Schwarzbuch des Dschihad“, hat er einige weitere Monographien verfasst, die sich mit der heutigen islamischen Welt befassen.
4 Tibi, Bassam: Der neue Totalitarismus. „Heiliger Krieg“ und westliche Sicherheit, Darmstadt 2004.
2
1.2 Kepels These des Niedergangs des Islamismus.
Wie bereits erwähnt verfasst Kepel die These des Niedergangs des Islamismus in seinem „Schwarzbuch des Dschihad“. Bereits im Titel des Buches klingt an, dass Kepel mit dem Islamismus in gewisser Weise abrechnet und er scheint dem Phänomen des politischen Islam mit seinem Schwarzbuch nicht gerade pragmatisch entgegen zu treten. Im französischen Original ist der Titel des Buches sachlicher und zurückhaltender: „Jihad, Expansion et déclin de l’Islamisme“. Vermutlich lässt sich ein Buch mit dem Titel „Schwarzbuch des Dschihad“ schlicht besser verkaufen, was die inhaltlich falsche Übersetzung der deutschen Ausgabe erklären könnte. Ohne Frage stellt Kepels Werk eine entscheidende Arbeit zu diesem Thema dar, weil er erstmalig die These der Schwäche der islamistischen Ideologie in den 1990er Jahren aufwirft und sie - vermeintlich - bis zu Ende denkt, wenn er vom Niedergang des politischen Islam spricht: „Die islamistischen Bewegungen sind, […] in eine Phase des Niedergangs eingetreten […]“ 5 .
Diese Einschätzung der Lage muss für den durchschnittlich politisch interessierten Menschen zu einer gehörigen Portion Verwirrung und Unverständnis führen, sieht er doch in Zeiten radikal-islamischer Terroranschläge und des durch US-Präsident Bush ausgerufenen „war on terror“, sowie durch die Berichterstattung in den westlichen Medien, den Islamismus auf dem Vormarsch. Wie kann Gilles Kepel dennoch zu einer solchen Einschätzung gelangen?
An dieser Stelle sei erwähnt, dass Kepel die Thesen vor der Zäsur des 11. Septembers entworfen hat. Das „Schwarzbuch des Dschihad“ erschien erstmalig im Jahre 2000. In der deutschen Ausgabe von 2002 geht Kepel in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe jedoch auf den 11. September ein und bettet ihn gewissermaßen in seine These vom Niedergang ein: „Die Attentate von New York und Washington bezweckten offenbar […] muslimische Bevölkerungsgruppen mit Dschihad-Parolen zu mobilisieren, […]“ 6 , um, so Kepel weiter, der schwächelnden islamistischen Bewegung wieder Auftrieb zu verleihen. 7 . Zur Konfrontation der These Kepels mit der aktuellen Situation des Islamismus in der muslimischen Welt wird an späterer Stelle eingegangen.
5 Kepel: „Schwarzbuch“, S. 27.
6 Ders. S.11.
7 Vgl. Ders. S. 11.
3
Nun soll im Folgenden aber genauer untersucht und beschrieben werden worauf sich Gilles Kepel stützt, wenn er den Islamismus als eine sich im Niedergang befindliche Ideologie bzw. Bewegung charakterisiert.
Nach Kepels Beurteilung befand sich der Islamismus in den frühen 1970er Jahren im Aufschwung und wurde zur tonangebenden Strömungen in weiten Teilen der islamischen Welt. 8 Es gelang dem Islamismus, so Kepel weiter, die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen für seine Sache zu gewinnen. Die Schriften der islamistischen Vordenker wie Qutb, Maududi und Khomeini fanden nach Kepel insbesondere an den Hochschulen bei den jungen, intellektuellen Muslimen Anklang. Dieser muslimischen Intelligenzija gelang es demnach, die verarmten, städtischen Jugendlichen für ihre Sache zu gewinnen, welche mit der Ideologie des arabischen Nationalismus ihrer Väter gebrochen hatten und sich von der islamistischen Ideologie eine Besserung ihrer Lebensumstände versprachen. In weiten Teilen der muslimischen Welt, so fährt Kepel fort, gelang es den islamistischen Ideologen dann auch durch die vermeintlich religiöse Neuausrichtung und die Verheißung von politischer Partizipation, die der frommen Mittelschicht in den zumeist autoritären Regimen der islamischen Welt versagt blieb, das fromme Bürgertum für ihre Sache zu mobilisieren. 9
Diese Konstellation ist für Kepels Argumentation bezüglich des Aufstiegs und Niedergangs des Islamismus zentral. Er spricht von „sozialer Dualität“ 10 . Auf der einen Seite steht demnach die mittellose Jugend und dem gegenüber die fromme Mittelschicht. So ist für den politischen Erfolg der Ideologie von entscheidender Bedeutung, ob die Einheit dieser „sozialen Dualität“, d.h. das Bündnis der mittellosen Jugend mit der einflussreicheren frommen Mittelschicht zum Ziele der Machtergreifung durch die islamistische Bewegung, gegeben ist bzw. aufrecht erhalten werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies, nach Kepel, dass die islamistische Bewegung scheitert und es ihr nicht gelingt einen Gottesstaat auf Grundlage der koranischen „scharia“ zu errichten, wenn dieses Gesellschaftsbündnis der sozial schwachen Jugendlichen der Vorstädte mit den frommen Mittelschichten nicht gelingt oder gespalten wird. 11
8 Kepel: „Schwarzbuch“, Vgl. S. 61.
9 Ders. Vgl. S. 88.
10 Ders. S. 89.
11 Ders. Vgl. S. 89f.
4
Arbeit zitieren:
Joscha Hansen, 2006, Der Islamismus im Niedergang? Gilles Kepel im Vergleich mit Bassam Tibi, München, GRIN Verlag GmbH
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