1 Einleitung
Als 1871 das Deutsche Reich wiedergegründet wurde, endete eine lange Zeit der Klein- und Vielstaaterei auf deutschem Boden. Das vereinte Reich umfasste dabei lediglich die unter dem Begriff „kleindeutsch“ bekannte Größe und war weiterhin von Österreich getrennt. Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident Otto von Bismarck legte wenig Wert auf die Einbeziehung Österreichs, da er vielmehr die Führungsrolle Preußens und somit der Hohenzollern im Reiche stärken wollte. 1
Legt man den Fokus auf konfessionelle Aspekte, wird schnell deutlich, dass mit der Reichsgründung die Katholiken in die Minderheit gerieten, da besonders das protestantisch geprägte Preußen einen Großteil der Bevölkerung stellte. 2
Bismarck setzte sich in der Folgezeit das Ziel, die Katholiken zu schwächen und versuchte sie durch gezielte Gesetzesmaßnahmen in die Bedeutungslosigkeit zu führen. Der Jesuitenorden als katholische Organisation blieb daher nicht unberührt. Mit ihrem Verbot 1872 mussten die Jesuiten ihre Tätigkeiten auf dem deutschen Reichsgebiet beenden. Schon im Vorfeld dieses Verbotes entbrannte in Deutschland eine heftige Diskussion über die Rolle der Jesuiten in der katholischen Kirche und über ihr allgemeines Wirken.
Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit den Ereignissen während der Reichsgründung 1871 und untersucht die Frage, wie die zeitgenössische - vor allem protestantisch geprägte -Gesellschaft und Literatur mit dem Jesuitenorden verfuhr. Wie wurden die Jesuiten begutachtet und wo lagen die Kritikpunkte, die ein Verbot des Ordens rechtfertigten? Darüber hinaus soll in einem kurzen Ausblick der Jesuitenstreit um 1890 betrachtet werden, der eine mögliche Rückkehr des Ordens ins Deutsche Reich diskutierte.
Da die Forschung den Kampf Bismarcks gegen die katholische Kirche und der Gesellschaft Jesu überwiegend in seiner Gesamtheit bewertet, werde ich mich vor allem mit einzelnen Quellen dieser Zeit beschäftigen, die gezielt auf dem Thema Jesuiten basieren. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass „nur wenig Material von der Ordenstätigkeit in Deutschland“ vorhanden ist, wie Fritz Hartung in seiner Einleitung über „Die Vorgeschichte des Kulturkampfes“ anmerkt. 3
Gliederungspunkt eins des Hauptteils „Die Jesuiten zur Zeit der Gründung des Deutschen Reiches 1871“ untersucht unter anderem die ersten Kontroversen um das Wirken der Jesuiten. Da die Gesellschaft Jesu immer in Verbindung mit der katholischen Kirche gebracht werden
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muss, wird zudem die konfessionelle Konstellation des Deutschen Reiches im Jahr 1871 erläutert.
Im darauf folgenden zweiten Gliederungspunkt „Maßnahmen gegen die katholische Kirche und den Jesuitenorden“ wird der Kulturkampf ausführlich dargestellt. Dieser beginnt mit den ersten Maßnahmen gegen die Katholiken bis hin zum Verbot des Jesuitenordens. Anhand des Beispiels Posen wird die Schärfe der damaligen Kontroverse näher erklärt. Im Anschluss wird, neben der persönlichen Haltung Kaiserin Augustas zum Kulturkampf, ein Aufsatz eines Münchener Professors Johannes Huber aus dem Jahr 1873 herangezogen, in dem die Kontroverse um den Jesuitenorden näher erläutert wird.
Das dritte Kapitel „Die Diskussion um die Aufhebung des Jesuitengesetzes um 1890“ gibt einen kleinen Ausblick auf das Ende des Kulturkampfes und auf die mögliche Aufhebung des Jesuitenverbots. Im letzten Gliederungspunkt „Die Bilanz des Kulturkampfes“ wird anhand von einzelnen Quellen eine Gesamtbewertung des Kulturkampfes vorgenommen. Das Fazit greift die Thematik erneut auf und bewertet die Situation im Deutschen Reich ab 1871.
2 Hauptteil
2.1 Die Jesuiten zur Zeit der Gründung des Deutschen Reiches 1871
2.1.1 Erste Kontroversen um das Wirken der Jesuiten
Mit dem Kriegsbeginn zwischen Deutschland und Frankreich im Jahr 1870 standen sich nicht nur zwei europäische Mächte, sondern auch zwei konfessionell unterschiedlich geprägte Staaten gegenüber. Die überwiegend protestantischen deutschen Staaten kämpften gegen das katholische Frankreich. In Teilen Deutschlands mehrte sich der Eindruck, dass die Katholiken diesen Krieg anders beurteilten als Bismarck ihn offiziell führte. Dieser wollte durch einen erfolgreichen Kriegsverlauf die Einheit Deutschlands erzielen. Das wird unter anderem durch ein Schreiben des Danziger Regierungspräsidenten Diest vom 2. August 1870 an den Minister zu Eulenburg deutlich. Darin schreibt er: „Wie im Jahre 1866 hat auch jetzt wieder die Meinung unter der katholischen Bevölkerung Verbreitung gefunden, der gegenwärtige Krieg sei vorzugsweise ein Krieg der beiden christlichen Konfessionen gegeneinander“. Desweiteren merkt er an, dass diesen Verdächtigungen eine „Jesuitenhetze“ vorausgegangen sei, da die Jesuiten „in den letzten Wochen und Monaten einige sogenannte `Missionen` im diesseitigen Bezirke abgehalten“ habe. 4
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Dieses Beispiel zeigt, dass Diest die Jesuiten als eigentliche Schuldige der Auseinandersetzung anklagt. Um diesen, zu dieser Zeit wohl an verschiedenen Orten Deutschlands entstandenen Eindruck zu wiederlegen, schreibt der Posener Erzbischof Ledochowski am 13. August 1870 dem preußischen Kultusminister Heinrich von Mühler, dass ihm die Vorwürfe gegen die Jesuiten zwar vereinzelt zugetragen worden seien, diese jedoch - sollten sie wie im beschriebenen Ausmaße stattfinden - nicht auf die von ihm „eingerichteten Jesuitenmissionen“ zurückzuführen seien. Er bezeichnet die Anschuldigungen als ungerecht und grundlos, da „erfahrungsgemäß die Jesuitenmissionen […] zur Hebung wahrer Gottesfurcht und Nächstenliebe wesentlich beitragen“ würden. Ledochowski wehrt sich in seinem Brief gegen die, in einer Mitteilung Mühlers vom 10. August 1870 erbrachten Anschuldigungen, die aufgeregte Stimmung der katholischen Bevölkerung sei vor allem auf das Wirken der Jesuiten zurückzuführen. 5 Die Quellen verdeutlichen, dass schon im Vorfeld der Reichsgründung die katholische Kirche und die Rolle ihres Jesuitenordens Bestandteil kontroverser Diskussionen waren. Als schließlich das Deutsche Reich, ohne Einbeziehung Österreichs, unter Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck am 18. Januar 1871 gegründet wurde, stellten die Protestanten die Bevölkerungsmehrheit im Reich. Für die Katholiken und die Jesuiten sollten äußerst unangenehme Zeiten folgen.
2.1.2 Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes
Ein weiterer Punkt, der zu zunehmenden Spannungen zwischen den Protestanten und Katholiken in Deutschland führte, war die Tatsache, dass sich das Reich immer mehr den Gedanken des Liberalismus öffnete. Demzufolge verschärfte ein zusätzliches Ereignis den Streit zwischen beiden konfessionellen Lagern: Mit dem 1. Vaticanum am 18. Juli 1870, in dem das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes verabschiedet wurde, sollte die Auseinandersetzung einen weiteren Höhepunkt erreichen. Papst Pius IX. bewirkte, dass bestimmte Entscheidungen eines Konzils oder des Papstes als absolut fehlerfrei angesehen werden sollten. Nicht nur die Protestanten nahmen diese Entscheidung mit Unverständnis auf, auch innerhalb der katholischen Gemeinschaft führte das Unfehlbarkeitsdogma zu widersprüchlichen Ansichten. 6 So lehnte die Mehrheit der katholischen Bischöfe diesesbesonders von den Jesuiten geforderte - Dogma ab, was schließlich „zur Abspaltung der Altkatholischen Kirche führte.“ 7
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In seiner Wirkung auf die Protestanten und Gegner der katholischen Minderheit im Deutschen Reich wird das Unfehlbarkeitsdogma häufig als eigentlicher Auslöser des Kulturkampfes gesehen. 8
2.1.3 Das Deutsche Reich als evangelisches Kaisertum?
Mit der Niederlage Frankreich 1871 stand der Neugründung des Deutschen Reiches nichts mehr im Wege. Um die späteren Ereignisse und Sichtweisen besser verstehen zu können, sollte man verschiedene Stimmen in Deutschland zur Zeit der Reichsgründung genauer untersuchen. Hierbei sind einzelne Kommentare sowohl von evangelischen Theologen als auch von allgemeinen Publizisten bemerkenswert, die die Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Deutschland würdigten. Der Sieg sei ein Beweis, „daß Gott die Hohenzollern seit jeher dazu ausersehen hatte, Großes für Deutschland zu tun“. Die Forderung nach einem wird ausgerufen. Die „Neue Evangelische „evangelischen Deutschland“
Kirchenzeitung“ schreibt: „Die Epoche der deutschen Geschichte, welche mit dem Jahre 1517 begann, kommt unter Krieg und Kriegsgeschrei zu einem gottgeordneten Abschluß“. Nach seiner Krönung bezeichnete die Zeitung Kaiser Wilhelm als „Anfänger einer neuen Geschichte, als den Gründer des evangelischen Kaisertums deutscher Nation“. 9 Mit der Reichsgründung 1871 war die Einheit Deutschlands wieder hergestellt. Da sich Österreich, wie zuvor schon angemerkt, nicht anschloss, bestand das Reich aus der schon Jahrzehnte zuvor diskutierten kleindeutschen Lösung, so dass die Katholiken stark in die Minderheit gerieten. Sie sahen, anders als die überwiegende Mehrheit des Reiches und besonders des protestantisch geprägten Preußens, nicht den Kaiser, sondern den Papst als höchste Autorität. Zudem vertraten die deutschen Katholiken die Auffassung, dass traditionell eher Österreich eine führende Rolle in der deutschen Politik zustände, was jedoch nach 1871 unmöglich wurde.
Insgesamt lässt sich sagen, dass das Deutsche Reich und dessen Führung als evangelisches Kaisertum bezeichnet werden kann, was in der Folgezeit durch eine anti-katholische Politik ihren Ausdruck finden sollte.
2.2 Maßnahmen gegen die katholische Kirche und den Jesuitenorden
2.2.1 Vorwürfe gegen das Zentrum
Das Verhältnis der Katholiken zum neuen Deutschen Reich und seiner kaiserlichen Autorität wurde demzufolge auch Inhalt von reichsweiten Diskussionen in Gesellschaft, Politik und
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Arbeit zitieren:
Christian Albers, 2009, Die Jesuiten im protestantisch geprägten Deutschen Reich ab 1871, München, GRIN Verlag GmbH
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