Inhaltsverzeichnis
1 Einleitende Worte: Schreiben heißt, anderswo hinzugehen. 4
2 Georges Bataille: Dieses Verlangen zu taumeln. 5
2.1 Von der philosophischen Annahme ontologischer Negation 5
2.2 Die Dimension einer kulturellen Übertragbarkeit 7
3 Atheologische Elemente im Stück: Manchmal stellt sich Baal tot. 8
3.1 Theatraler Exzess als Gedanke der Gottesverschwendung 8
3.2 Das Heilige als Grenzerfahrung der Brechtschen Konzeption 10
3.3 Literarische Analyse. Der Tod im Wald 15
4 Abschließende Gedanken: Ein Versuch der Ordnung 18
5 Literaturnachweise und Quellen 19
6 Anhang: Herangezogenes Gedicht 21
3
1 Einleitende Worte: Schreiben heißt, anderswo hinzugehen.
“Der singende Vogel und der schreibende Mensch geben sich selbst preis. […] In dieser Preisgabe des
Subjekts, in jenem souveränen Augenblick, [blitzt] das Licht des Selbstbewusstseins […] auf, um gleich darauf in der Nacht eines ebenso souveränen Nichtwissens zu versinken.” 1
Inwiefern gelingt es einem Autor, den Moment grenzwertiger Erfahrbarkeit eines Zustandes zur poetisch originellen Umsetzung zu bringen? Wie lässt sich womöglich gar über Themen wie das Sterben schreiben, die anscheinend ohne Bezüglichkeit zur Mystik nicht auskommen? Die Kunstsprache der Literatur geht mit dem Tod und den Toten in einer vielfachen, jedoch fast immer religiösen Weise um. Es kann nicht allein die Frage nach Identität, womöglich gar nach individueller Selbstfindung sein, die aufgeworfen wird, sobald eine Auseinandersetzung mit dem kulturell subjektiven Bewusstsein für Sprache durch eine Autorschaft erhoben wird. Was eine derartige Auseinandersetzung dem Verfasser des jeweiligen Werkes abfordert, ist eine selbstkritische Perspektive, die nur auf philosophischer Grundlage einen Ansatz der Überlegung ermöglicht. Damit sei jener Scheitelpunkt gemeint, an dem sich das unbestimmt Skandalös-Erregende von der bestimmten Wiederholbarkeit alltäglicher Elemente abtrennt.
Diese Arbeit soll - aufbauend auf Textauszüge des französischen Philosophen Georges Bataille - einige Überlegungen und Anregungen in Bezug auf Bertolt Brechts Erstlingswerk „Baal“ unternehmen. Dabei geht es aber nicht allein um die Frage nach jener selbstkritischen Perspektive des Autors, sondern viel eher um die Analyse und Charaktersierung der Dichterfigur im Stück, um Baal, der stets an der Grenze zum Übermaß aller Umstände und damit in dauerhaftem Verbrauch lebt. Nach einer kurzen Vorstellung der in diesem Kontext relevanten Kerngedanken Batailles seien einige wichtige Stellen des Theaterstückes analysiert, sowie Baals Gedicht Der Tod im Wald aus der Szene „Ahorn im Wind“ näher untersucht. Gerade hier wird die Allgegenwärtigkeit des Todes vollkommen auf die Spitze getrieben. Dabei wird es unabdingbar sein, einen religiösen Aspekt genauer zu betrachten, da dieses Gedicht nicht nur den (verheiligten) Prozess des Sterbens besonders gut aufzeigt, sondern als eine wesentliche Stelle des gesamten Werkes angenommen werden kann.
1 Boelderl, Artur R.: Georges Bataille. Über Gottes Verschwendung und andere Kopflosigkeiten, Parerga, Berlin 2005, S. 99.
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2 George Bataille: Dieses Verlangen zu taumeln.
2.1 Von der philosophischen Annahme ontologischer Negation
“Man kann nur leben im Selbstwiderspruch, der aufgeführt werden muß […]. Man kann nur denken mit zerbrochenem Kopf.” 2
Wenn es darum geht, Batailles Theorie einer Religion zu verstehen, so ist es unabdingbar sich von vornherein eines Standpunktes zu vergewissern: Hier geht es um den Versuch einer menschlichen Erfahrung, die grundsätzlich nicht erfahrbar sein kann, weil ihr entgegen dem Bestreben einer Annäherung an jene Grenze des Mystischen zur subjektiv begründbaren Welt hin weniger gelingt, als das sie diese viel mehr übersteigt. 3 Wenn demnach ein Denkprozess nur aus einer menschlichen Leidensfähigkeit oder Leiden an sich, einem Riss in sich selbst, nämlich mit zerbrochenem Kopf möglich wird, so zeigt sich an dieser Stelle die Tragweite der nahezu paradoxen Ansicht Georges Batailles gegenüber einem Verständnis von innerer Sinnlichkeit.
Mit einem solchen Gedanken beginnt eine ungewohnte Übertragung des Begriffs von Heiligtum und Gott, die damit keinesfalls ein rein christliches Schöpferverständnis sein kann. 4 Bataille weist uns auf die Größe des Umstandes hin, in dem also die Mystik ihr Wesen hat, und das gleich in einer doppelten Weise - zum einen nämlich als eben all jenes, das dem erfahrenden Subjekt nicht erfahrbar und damit freilich überhöht erscheint (er hebt gerade Erotik, Gewalt und Religion auf eine gemeinsame abstrakte Ebene des Heiligen an); zum anderen aber, und hier trennt er sich ganz wesentlich von einer hergebrachten Definition ab, als jenes „Andere“ verstanden, das gemeinhin im Sinne des Ausgeschlossenen, Dunklen, Verbotenen, Verfemten 5 begriffen wird.
2 Kamper, Dietmar: Denken mit zerbrochenem Kopf. Das Vermächtnis Georges Batailles, in: Hetzel, Andreas & Wiechens, Peter (Hg.): Georges Bataille. Vorreden zur Überschreitung, Würzburg 1999, S. 296.
3 Vgl. dazu: Kendall, Stuart: Georges Bataille, Reaktion Books, London 2007.
4 Siehe auch: Thielicke, Helmut: Die geheime Frage nach Gott. Hintergründe unserer geistigen Situation, Herder, Freiburg 1972.
5 Vgl. dazu: Bataille, Georges: Der verfemte Teil, in: Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985.
5
“Dieses Verlangen zu taumeln, das jeden Menschen im Innersten umtreibt, unterscheidet sich […] vom
Verlangen zu sterben, weil es zweideutig ist: sicher ist es das Verlangen zu sterben, aber es ist zugleich
das Verlangen, an den Grenzen des Möglichen und des Unmöglichen mit immer größerer Intensivität zu leben.” 6
Durch die Suche nach religiöser Souveränität des Subjektes, finde gleichermaßen der Versuch der Revision einer im Leben verlorenen Intimität statt. Damit befindet sich jeder Mensch, der folglich an dieser zweifachen Grenze lebt, auch in einem unvermeidlichen Zustand der, entsprechend der Intensitivität seiner Neigung zum Mystischen, nach Bataille stets eine (egal wie motivierte) Nähe zum Tod erzwingt. Es stellt sich dabei die Überlegung ein, inwiefern dies in Kauf genommen wird. Das „kopflose Denken“, zu welchem eine diese religiöse Verklärung demnach führt, stellt keine Fragen mehr nach dem Warum, findet sich also ab mit diesem Zustand überhöhten Seins, gleichwohl er nur im Augenblick erfüllt ist. Ein derartig motivierter Prozess gipfelt im Moment der Ekstase, an dem allein sich diese Eigentlichwerdung des erfahrenden Subjekts vollzieht. In diesem Moment der Übertretung reiner „Produktion“, wie sie Bataille nennt (meint jenes Prinzip der Sterblichkeit, jenen nicht aufzugebenden Drang nach Selbsterhalt in alltäglicher Rekapitulation der erzogenen Umstände), und nur dort, kann das Sakrale, das Heilige an sich stattfinden. Es ist dabei nicht wichtig, in welchem speziellen Prozess dies geschieht, hier ist allein das Prinzip der Grenzwanderung von entscheidender Trageweite, jener Augenblick des Exzesses, der gewissermaßen zum Ort des Heiligen, zur göttlichen Grenze wird, einem Zustand der „äußersten Verschwendung“ 7 , der sich vom profanen Augenblick menschlicher Mühsamkeit und Arbeit abhebt: „Gott ist nichts, wenn er nicht die Entgrenzung Gottes nach allen Seiten ist.“ 8 Hier stellt sich die Frage nach der Lebbarkeit eines dieses aus dem Leben gelösten Zustandes. Da der Mensch anscheinend nur mit Gott haltbar ist, sei er gezwungen, den Tod Gottes und die Unmöglichkeit dessen Existenz anzuerkennen - um schließlich selbst eine göttliche Position einzunehmen. Ausdrücklich weist Bataille uns in seiner Ausführung aber darauf hin: diese Herauslösung kann sich in Wirklichkeit nicht vollziehen.
6 Bataille, Georges: L’expérience intérieure, O.C.V, S. 21, in: “J’appelle experience un voyage au bout du possible de l’homme.” Zit. nach Gondek, Azephalische Subjektivität, S. 161, Anm. 15, Übers. ARB.
7 Vgl. dazu: Bataille, Georges: Der verfemte Teil, in: Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985.
8 Bataille, Georges: Die Erotik, Matthes & Seitz, München 1994, S. 262.
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2009, Unter düstern Sternen in dem Jammertal, München, GRIN Verlag GmbH
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