Einleitung
Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich auf den Zusammenhang zwischen der Prädestinationslehre und der rastlosen Berufsarbeit eingehen. Ebenfalls werde ich den daraus entstehenden Geist des Kapitalismus kurz anschneiden. Beginnen möchte ich mit einer Begriffsdefinition der Prädestinationslehre, die den Zusammenhang zu der unermüdlichen Berufsarbeit darstellen soll. Die Hausarbeit soll verdeutlichen, welche Rolle die Religion der Calvinisten in Bezug auf die Berufsarbeit gespielt hat. Ein psychologischer Aspekt, warum die Menschen sich dennoch in die rastlose Berufsarbeit stürzen, obwohl sie nicht genau wissen, ob sie ihre Heilsgewissheit erlangen und das ewige Leben erhalten, soll geklärt werden.
Begriff Prädestination
Der Begriff der Prädestination ist aus der Religionsgeschichte entstanden. Es ist die Erwählung oder Verwerfung, die allein dem Willen Gottes entspringt, unabhängig vom menschlichen Handeln. Der Schöpfer der Prädestinationslehre war Augustinus. In der Reformation wurde sie von Johannes Calvin aufgegriffen. Unter den nichtchristlichen Religionen wird die Prädestination am konsequentesten vom Islam vertreten. 1
Die calvinistische Prädestinationslehre
„Prädestination nennen wir Gottes ewigen Beschluß, mit dem er sich festgelegt hat, was nach seinem Willen mit jedem Menschen geschehen soll. Es werden nämlich nicht alle mit gleichem Los erschaffen, sondern den einen wird ewiges Leben, den anderen ewige Verdammnis vorausbestimmt. Daher sagen wir, dass, je nachdem, auf welches von beiden Zielen hin jeder erschaffen worden ist, er entweder zum Leben oder zum Tod vorherbestimmt ist.“ 2
„Wir sagen, daß, was demnach die Schrift klar zeigt, Gott in einem ewigen und unveränderlichen Ratschluß ein für allemal festgelegt hat, wen er einst ein für allemal für das Heil annehmen und wen er dagegen dem Untergang weihen will; wir behaupten, dass dieser Ratschluß in Bezug auf die Erwählten in seiner grundlosen Barmherzigkeit sein Fundament ohne Berücksichtigung einer menschlichen Würdigkeit habe; daß aber denjenigen, die er der
1 Vergleich Der Brockhaus. 7.Aufl. S.713
2 Zitat aus: Gnade und Erkenntnis in Calvins Prädestinationslehre S.17
2
Verdammnis überlasse, aufgrund seines zwar gerechten und untadeligen, aber unfassbaren Urteils der Zugang zum Leben versperrt werde.“ 3
Gott ist sich bereits vor der Zeugung des Menschen seiner Entscheidung im Klaren. Er umfasst mit seiner Vorherbestimmung den gesamten Zeitraum von der Beschlussfassung vor der Welterschaffung bis hin zur Vollendung nach der Erneuerung der Welt. 4 Die Gewissheit des Erwähltseins wird der Mensch in seinem diesseitigen Leben nicht erlangen. Das Ziel des Menschen ist es, ewiges Leben und Heilsgewissheit zu bekommen. Jedoch hat Gott nicht alle erwählt, sondern nur einige wenige, die in sein Reich kommen dürfen. Die Nicht-Erwählten überlässt er Satan. Für den Menschen ist es nicht ersichtlich, ob er in den Himmel oder in die Hölle kommt. Es ist allein Gottes Beschluß festzulegen, welches menschliche Leben durch die Erlangung des ewigen Lebens gelingen soll und welches in der ewigen Verdammnis enden und somit scheitern soll. 5
Nun stellt sich die Frage, wie denn der gläubige Calvinist mit dieser unsicheren Situation umgeht. Denn wie auch immer der Calvinist lebt, ob er nur gute Taten vollbringt oder gottlos lebt, er hat nie die Gewissheit seines Gnadenstandes.
Das Jenseits der damaligen Menschen nahm eine größere und elementare Position ein, als das Diesseits. Um die ständige Unsicherheit zu bewältigen und Selbstsicherheit zu erlangen wurde die rastlose Berufsarbeit als Mittel eingesetzt. Die aufopfernde Hingabe zum Beruf sollten Zweifel verscheuchen.
Die rastlose Berufsarbeit ist eine wohl unbeabsichtigte Folge der Unsicherheit, die durch die Prädestinationslehre ausgeführt wurde.
Die Berufsarbeit
Die tägliche Arbeit wurde erstmals vom Protestantismus sittlich aufgewertet. Bisher galt die Arbeit als eine Art Zwang der notwendigen Lebensunterhaltung. Durch die Reformation wurde Arbeit nun zum sittlichen Verdienst. Der Beruf wurde zur Aufgabe und Erfüllung des Lebens. Nach Martin Luther galten weltliche Berufe dem Individuum von Gott zugeteilte Verpflichtungen zum sittlichen Wirken in der Welt. Der Beruf wurde zur Berufung. Bei den Reformatoren war die Berufsarbeit die einzige Möglichkeit ein gottgefälliges Leben zu führen. Jeder Beruf gilt als Beruf Gottes Wille. Im Calvinismus galt es den Beruf zu nutzen und ihn pflichtbewusst und erfolgreich auszuüben,
3 Zitat aus: Gnade und Erkenntnis in Calvins Prädestinationslehre S.17
4 Vergleich aus: Gnade und Erkenntnis in Calvins Prädestinationslehre S.23
5 Vergleich aus: Gnade und Erkenntnis in Calvins Prädestinationslehre S.23
3
um die eigene Erwähltheit durch Gott zu beweisen. Es durfte ohne weiteres Reichtum angesammelt werden. Als ein äußeres Zeichen, des Erfolges und somit auch die Verbundenheit zum Calvinismus wurde dies sogar erwünscht. Jedoch war der pure Luxus und eine verschwenderische Art des Genusses gottlos und verboten.
Im stark traditionalistischen Luthertum galt dass der Beruf eine Fügung ist, nach der man sich zu richten hatte. Nur in seines Standes konnte man Berufarbeit ausführen, anders beim Calvinismus. Hier gab es keine Stände bzw. Zunftsordnungen, die die Entwicklung des Einzelnen hätten hemmen können. “Nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit ist eben das von Gott verlangte.“ 6
Die Berufung laut Weber ist das vorzüglichste Mittel, um sich den eigenen Gnadenstand sicher zu werden. 7 Die Einstellung zur Arbeit ist der mächtigste Nachlass des Calvinismus. Doch nun stellt sich die Frage, was denn nun Arbeit ist. Arbeit ist die kritische Auseinandersetzung in jedem Lebensbereich. Arbeit bedeutet Handlung zur Mehrung Gottes Ruhms. 8 Im Grunde kann alles unter dem Begriff der Arbeit verstanden werden. Alles was der Mensch tut ist mit Arbeit verbunden. Arbeit soll nicht nur produktiv, sondern auch sozial betrachtet werden. Soziale Arbeit beinhaltet auch geistige Arbeit.
Berufsethik
Dadurch, dass die Menschen an ihrer von Gott gewollten Vorherbestimmung nichts ändern konnten stellt sich nun die Frage, wie die Lehre Calvins von den Gläubigen ertragen wurde. 9 Zum einen könnte man sich fragen, ob die Lehre überhaupt einen Einfluss auf die damalige Menschheit ausgeübt hat. Aber durch die enorme vorherrschende religiöse Orientierung, in der die Menschen sich eher mit ihrem Jenseits als mit ihrem diesseitigen Leben beschäftigten kam es gar nicht erst zu der Frage. In der damaligen Zeit herrschte eine religiöse Grundstimmung, dadurch machten sich viele Calvinisten Gedanken, ob sie denn nun der Auserwählte sind oder wie sie sich der Erwählung sicher sein können. 10 Durch mangelnde Selbstgewissheit sah man es als seine Pflicht an, sich selbst für erwählt zu halten. Durch diese Art und Weise seien selbstgewisse „Heilige“ gezüchtet worden. 11 Um die Selbstgewissheit zu
6 Zitat aus: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus S.141
7 Vergleich: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus S.94, S.157
8 Vergleich Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus S.137
9 Vergleich: Einführung in die protestantische Ethik S.138
10 Vergleich: Einführung in die protestantische Ethik S.138
11 Vergleich Einführung in die protestantische Ethik S.138
4
Arbeit zitieren:
Magister Anika Geldner, 2007, Die Prädestinationslehre als Ursache der rastlosen Berufsarbeit unter psychologischen Aspekten, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die historischen Entwicklungen...
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Calvinistisches Wirtschaftsethos und liberale Wirtschaftstheorie
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Referat / Aufsatz (Schule), 2 Seiten
Die calvinistische Erwerbsethik
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Der kapitalistische Unternehmer in der protestantischen Ethik Max Webe...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Vordiplomarbeit, 15 Seiten
Anika Geldner's Text Die Prädestinationslehre als Ursache der rastlosen Berufsarbeit unter psychologischen Aspekten ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anika Geldner hat den Text Die Prädestinationslehre als Ursache der rastlosen Berufsarbeit unter psychologischen Aspekten veröffentlicht
Anika Geldner hat einen neuen Text hochgeladen
Lars Gertenbach, Heike Kahlert, Stefan Kaufmann, Haermut Rosa, Christine Weinbach
Kausalitätsprobleme, Determinismus und Indeterminismus. Ursachen und I...
Kausalitätsprobleme, Determini...
Matthias Varga von Kibed
Grundlagen der soziologischen Theorie 3
Sinnverstehen und Intersubjekt...
Wolfgang Ludwig Schneider
0 Kommentare