"Vor dem Gesetz". Jacques Derridas Kafka-Lektüre
von
Thomas Keith
2
Inhaltsverzeichnis
0
Der Text... 3
I
Hinführung: Kafka, postmodern ... 4
II
Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz"... 5
II.1
Die Schrift und die différance ... 5
II.2
"Dekonstruktion" eine Negativitätsästhetik ... 6
II.3
Zur Methodik ... 7
II.4
Die Kerngedanken rote Fäden in Derridas Text ... 9
II.4.1
Der "axiomatische Konsens" das Gesetz der Literatur ... 10
II.4.2
Allgemeinheit des Gesetzes der Literatur vs. Individualität des
literarischen Textes, Allgemeines vs. Besonderes ... 11
II.4.3
Gesetz und Narration ... 12
II.4.4
Die differánce ... 14
II.4.5
Die Selbstreferenzialität der Erzählung ... 15
II.4.6
Die Rolle des Titels und des Anfangs ... 16
II.4.7
"Vor dem Gesetz" als Prototyp von Literatur... 17
III
Zur Bewertung ... 18
Literaturverzeichnis ... 22
3
0
Der Text
VOR DEM GESETZ
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande
und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den
Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später
werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,« sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da
das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich
der Mann, um durch das Tor ins Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er
und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes
hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter.
Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den
Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat
der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer
zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel
genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen
Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt
bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür
sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche,
eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter
stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach
vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und
zum Schluß sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der
Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei
es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an,
aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu
haben.«Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast
ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das
einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall,
in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur
noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des
Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe,
ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht
schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine
Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der
unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor
seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu
einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da
er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief
zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des
Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du
bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso
kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der
Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein
vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst
Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und
schließe ihn.«
(Franz Kafka: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. München/Leipzig 1919 (recte 1920),
S.49-56)
4
I
Hinführung: Kafka, postmodern
Am Beispiel Kafka als einem von der Literaturwissenschaft exzessiv beackerten Feld
können sich in einer Synopse der vorliegenden Forschungsarbeiten zu einem
bestimmten Text besonders deutlich die unterschiedlichen Ansätze und Methoden
zeigen, wie sie im Rahmen der die jeweilige Zeit prägenden Paradigmen verortet
sind, und ihre Grenzen, die gerade beim Sich-Abmühen an Kafka deutlich werden.
"Vor dem Gesetz", ein besonders häufig traktierter Text, kann dazu als
Musterbeispiel dienen.
1
Der hermeneutischen Tradition verpflichtete Interpretationen stiften "von einer
dominant gesetzten Ebene kulturell gesicherten Wissens der Biographie, der
Geschichte, der Epoche, der literarischen Gattung usw." eine (meist religiöse oder im
weitesten Sinn existenzphilosophische) Gesamtdeutung.
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Bereits in den 1970-ern
rückte aber das Unbestimmbare in Kafkas Texten in den Mittelpunkt des
interpretativen Interesses und wurde ausdrücklich thematisiert. Statt Rätsel auflösen
zu wollen, kam die Kafka-Forschung zu der Einsicht, dass die Unbestimmbarkeit
weniger auf der Referenzebene des Textes liegt als vielmehr in seiner eigenen
Struktur. Damit geriet der Interpretationsprozess selbst in den Fokus. Es lag nahe,
"Vor dem Gesetz" (und die Exegese dieses Textes im Romankontext des "Proceß",
wo er als so genannte `Türhüterlegende' auftritt) dabei als Gleichnis für Verstehen
und Deuten im Allgemeinen zu lesen, den Text zugleich als Illustration und
Konstruktion deutungstheoretischer Einsichten. "[P]ostmoderne[...] Theorieansätze",
wie sie Klaus-Michael Bogdal nennt, spitzen diese Beobachtungen zu und bestreiten
"radikal eine substantiierbare Sinnhaftigkeit".
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Sie unternehmen keine Anstrengungen
mehr, einen Sinn aus dem Text herauszudestillieren: seine Rätselhaftigkeit wird als
selbstverständlich akzeptiert, ja geradezu zelebriert. Bedeutungen sind nach diesen
Ansätzen nichts Festes, sondern in ständigem Fluss; die Struktur, die Topographie
ist in andauernder Bewegung und wird von einem "sich ständig transformierende[n]
Sinn"
4
durchlaufen.
Jaques Derrida ist einer der Vordenker in diese Richtung. An seiner Arbeit "Préjugés"
1
siehe für neuere Ansätze: Klaus Michael Bogdal: (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen zu
Kafkas "Vor dem Gesetz". Opladen 1993.
Ein von Oliver Jahraus und Stefan Neuhaus herausgegebenes Reclam-Bändchen hat sich eine andere kurze
Erzählung vorgenommen: "Kafkas 'Urteil' und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart 2002.
2
Bogdal: "Das Urteil kommt nicht mit einemmal". Symptomale Lektüre und historische Diskursanalyse von Kafkas
'Vor dem Gesetz'. In: id. (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis, S.43-63 (S.48).
3
ibid., S.76.
4
ibid., S.48.
5
zu "Vor dem Gesetz" wird der Paradigmenwechsel von 'Sinnsuche' zu
'Sinnbestreitung' in der literaturtheoretischen Praxis besonders deutlich, sein Text
über Kafkas Text ist zu einem Musterbeispiel für so genanntes dekonstruktives
Lesen und Textverständnis und dessen Selbstentwicklung aus einem Primärtext
geraten.
II
Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz"
II.1
Die Schrift und die différance
Um Derridas Kafka-Lektüre nachvollziehen zu können, sollen zuerst die zentralen
philosophisch-semiotischen Theoreme zusammengefasst werden, die sie fundieren.
Deren Zentrum bilden die Begriffe Schrift und différance. Derridas Konzeption der
Schrift radikalisiert und transformiert den Begriff der langue beim Begründer der
modernen (strukturalen) Linguistik, Ferdinand de Saussure. Für Saussure hat die
parole, die gesprochene Sprache, Vorrang vor der langue, dem Sprachsystem, das
die parole aktualisiert. In der parole verweist ein Subjekt mittels eines Zeichens,
eines Signifikanten, auf ein Bezeichnetes, ein Signifikat. Da die gesprochene
Sprache aber flüchtig ist, ein Zeichen jedoch immer wiederholbar sein muss, spricht
Derrida vom Schriftcharakter des Signifikanten, vom Primat der Schrift, in der die
Zeichen fixiert sind: in jedem Zeichensystem muss, damit er funktionieren kann, ein
gleichsam Schriftliches existieren.
Ein Zeichen, bemerkt schon Saussure, hat eine wesentlich paradoxe Struktur: es
beinhaltet eine Gegenwart, die es nicht selbst ist, es schiebt die Präsenz der das
Zeichen aussendenden Subjektivität und der Wirklichkeit des Bezeichneten räumlich
und zeitlich auf. Die Vorstellung der Beziehung eines Signifikanten auf ein Signifikat
und ein Subjekt, die jenseits des Zeichensystems liegen und dort präsent sind, lehnt
Derrida aber als von der (präsenz)metaphysischen Tradition inauguriert ab. Er
versucht die Paradoxie des Zeichens zu erklären, indem er im Zeichenmodell den
Signifikanten privilegiert. Dieser steht nach Derrida innerhalb eines immanenten
Verweisungszusammenhangs von weiteren Signifikanten; seine Bedeutung
konstituiert sich allein in seiner Abhängigkeit von seinen Nebenzeichen, durch seine
Stellung, durch seine Beziehung zu allen ihn umgebenden Zeichen. So entsteht ein
Netz aus Signifikanten als Struktur ohne Zentrum. Bedeutung tritt nur innerhalb
dieses Netzes hervor, nicht durch Verweis auf ein Innen im Sinne eines Audsdrucks
(einer Subjektivität, einer subjektiven Intention) oder auf ein Außen im Sinne einer
6
Referenz oder äußeren Realität. Das Ganze der Textur aus Signifikanten nennt
Derrida Schrift (Schrift ist also bei ihm kein empirischer Titel).
Da ein Zeichen also seine Bedeutung nur durch die Differenzialität des
Zeichensystems erhält, aber in verschiedenen Kontexten auftritt, kann ihm keine
feste Bedeutung, kein konstantes Signifikat zugeordnet werden: seine Bedeutung
differiert ständig jede Iteration ist Alteration.
Was nun die Differenzen zwischen den Signifikanten stiftet, wird mit dem
Neologismus "différance" bezeichnet. Die différance muss unter zwei Aspekten
gesehen werden: halb aktivisch, halb passivisch. Sie bezeichnet zum einen das
movens der Differenzierung, das, was die Bedeutung räumlich und zeitlich
aufschiebt, die generative Tätigkeit des Differenzierens. Zum anderen ist die
différance auch die Unterscheidung, Andersheit und Nicht-Identität der Signifikanten
untereinander in einem System sowie eines Signifikanten, sobald er in einem
anderen Kontext auftaucht: also das, was sie resultativ erzeugt.
5
Dieses Prinzip ein
ursprüngliches Ereignis, ohne dass es Ursprung wäre liegt jenseits der Sprache, ist
nur in Paradoxien zu umreißen (Derrida zieht eine Parallele zur negativen Theologie)
und nur von den Effekten her zu verstehen.
II.2
"Dekonstruktion" eine Negativitätsästhetik
Gegen Festschreibungen in ein fixes System will Derrida das in der différance
gründende Spiel der Differenzen perpetuieren und Bedeutungen vervielfältigen,
verschieben und transformieren, um die Festlegungen der traditionellen Metaphysik
auf Präsenzen zu destabilisieren. Dieses Verfahren bezeichnet er als
Dekonstruktion.
Vom Gesichtspunkt der philosophischen Ästhetik aus kann dieses Paradigma um
die Klassifizierung als 'Methode' zu vermeiden als eine Negativitätsästhetik
betrachtet werden.
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In einem dekonstruktiven Rahmen lässt sich die Besonderheit
der Kunst als Sich-Besondern und die ästhetische Wirkung als Widerspruch,
Zurückweisung und Negation konzipieren. Eine ästhetische Erfahrung besteht
demnach in einem Verstehensversuch und seinem Scheitern, sie ist antiteleologisch.
5
"Die différance ist das systematische Spiel der Differenzen, der Spuren von Differenzen, der Verräumlichung,
mittels derer sich die Elemente aufeinander beziehen. Diese Verräumlichung ist die zugleich aktive und passive
Herstellung der Intervalle, ohne die die vollen Ausdrücke nicht bezeichnen, nicht funktionieren würden (das a der
différance weist auf jene Unentschiedenheit in bezug auf die Aktivität und Passivität hin [...])." (Jacques Derrida:
Semiologie und Grammatologie. In: Postmoderne und Dekonstruktion, S.140-164 (S.151).)
6
Die folgenden Ausführungen dazu nach Christoph Menke: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung
nach Adorno und Derrida. Frankfurt/M. 1988.
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