Die theoretischen Konzeptionen der Sprachwissenschaft haben sich in den letzten knapp 100 Jahren stetig geändert und weiterentwickelt. Dabei können die Theorien der modernen Linguistik im wesentlichen in folgende Grundpositionen zusammengefasst werden: die Systemlinguistik (inklusive der generativen Grammatik) und die Pragmalinguistik.
Die systematische Linguistik, die bis 1970 vorherrschte, ist durchzogen von einer struktualistischen Betrachtungsweise, mit welcher man die sprachlichen Formen als Sprachsystem mit verschiedenen Teilsystemen interpretierte. Zu ihren entwicklungsrelevanten Stationen seien die Prager Schule (1926), die Kopenhagener Schule (1930) und der Amerikanische Deskriptivismus (bzw. Distributionalismus ab 1951) erwähnt, welche im wesentlichen auf den Ideen Ferdinand de Saussures basieren.
Saussure gliederte (1905) die Sprache in die Trias langue (das Zeichensystem als soziale Erscheinung), parole (die individuelle Anwendung dieses Systems) und language (die allgemeine Sprachfähigkeit) und gilt mit dieser ersten Systematisierung als Begründer der modernen Sprachwissenschaft. Die Vertreter der generativen Linguistik hingegen beschäftigten sich mit der Sprachkompetenz und suchten nach Formulierungen für Regeln, welche die menschliche Fähigkeit zur Produktion immer neuer Sätze ermöglicht.
Seit etwa 1970 verlagerte sich das Interesse von der systemorientierten Linguistik zur kommunikationsorientierten Linguistik. Es wurde erkannt, dass „die sprachlichen Zeichensysteme kein Selbstzweck sind, sondern immer nur Mittel zu außersprachlichen Zwecken“. Dieser neue Aspekt der Funktionen sprachlicher Mittel in der kommunikativen Tätigkeit führte 1970 zur kommunikativ-pragmatischen Wende. Die Pragmalinguistik ging nun der Frage nach, wie der Gebrauch der Sprache durch situative und kommunikative Bedingungen gelenkt wird. Somit stellt die Pragmatik einen selbständigen Bereich der Sprachwissenschaft dar, da sie eine zusätzliche Betrachtungsweise von Sprache ist.
Der Gebrauch der sprachlichen Formen wurde zuerst mit der Sprechakttheorie systematisiert, der innere Zusammenhang zwischen einzelnen sprachlichen Handlungen wurde in ein Ordnungssystem zu bringen versucht.
Die vorliegende Arbeit umreißt die verschiedenen Entwicklungsstufen der Sprechakttheorie, die ihre Ursprünge in der Sprachphilosophie bzw. Logik findet, von John L. Austin zuerst ausgebildet und u.a. von Searle weiterentwickelt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Überlegungen der Sprachphilosophie
3 Zur Theorie der Sprachakte nach Austin
4 Weiterentwicklung der Sprechakttheorie durch Searle
4.1 Sprechaktregeln
4.2 Indirekte Sprechakte
4.3 Klassifikation der Sprechakte
5 Vergleichende Beobachtungen
6 Abschliessende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die zentralen Konzepte der Sprechakttheorie. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie sich die theoretische Perspektive von einer rein strukturalistischen Sprachbetrachtung hin zur Analyse von Sprache als situativem und kommunikativem Handlungsvollzug gewandelt hat, mit besonderem Fokus auf die Ansätze von John L. Austin und John R. Searle.
- Sprachphilosophische Grundlagen des Handlungscharakters von Sprache
- Austins Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen
- Searles Erweiterung der Theorie und Systematisierung von Sprechaktregeln
- Die Analyse und Klassifikation indirekter Sprechakte
- Vergleichende Gegenüberstellung der Klassifikationssysteme
Auszug aus dem Buch
3 Zur Theorie der Sprachakte nach Austin
In seiner Vorlesung „How to do things with words“ (1955) entwickelte Austin die Sprechakttheorie, welche in der posthumen Veröffentlichung zusammen mit dem Buch „Speech Acts“ von Searle einen entscheidenden Anstoß zur pragmatischen Wende darstellt. Austin und die Vertreter der Sprechakttheorie gehen von der grundlegenden Fragestellung aus, was wir tun, wenn und indem wir sprechen. Es geht um die Suche nach den Eigenschaften der Sprachverwendung, nicht mehr um die Aspekte des Sprachsystems.
Die erste wesentliche Beobachtung Austins liegt in der Überzeugung, dass die Sätze natürlicher Sprachen nicht immer deskriptiven Charakter haben, also nicht immer als wahr oder falsch eingestuft werden können. Aussagen, die eine Behauptung darstellen, also als wahr oder falsch bezeichnet werden können, benennt Austin als konstativ, z.B. „Ich habe heute sechs Stunden an dieser Arbeit geschrieben“. Jedoch können mit so genannten performativen Sätzen Handlungen vollzogen werden. Mit performativen Äußerungen beschreibt man nicht, was man tut, sondern vollzieht unter bestimmten Umständen eine Handlung. Sie beschreiben Sätze, „in denen wir etwas tun, dadurch dass wir etwas sagen oder indem wir etwas sagen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert den Übergang von der Systemlinguistik zur kommunikationsorientierten Pragmalinguistik und führt in die Thematik der Sprechakttheorie ein.
2 Überlegungen der Sprachphilosophie: Dieses Kapitel beleuchtet den Handlungscharakter der Sprache und führt zentrale Denker wie Aristoteles und Wittgenstein ein, deren Überlegungen die Basis für die Sprechakttheorie bilden.
3 Zur Theorie der Sprachakte nach Austin: Hier werden Austins Konzepte der konstativen und performativen Äußerungen sowie die Dreiteilung des Sprechakts in Lokution, Illokution und Perlokution dargestellt.
4 Weiterentwicklung der Sprechakttheorie durch Searle: Dieses Kapitel erläutert Searles Modifikation der Sprechakttheorie durch präzisere Regelwerke, die Analyse indirekter Sprechakte und ein systematisches Klassifikationsmodell.
5 Vergleichende Beobachtungen: Dieses Kapitel stellt die Ansätze von Austin und Searle gegenüber und prüft die Kompatibilität ihrer Klassifikationssysteme für die Sprachanalyse.
6 Abschliessende Bemerkungen: Das Fazit fasst die Bedeutung der Sprechakttheorie für die moderne Sprachwissenschaft zusammen und weist gleichzeitig auf deren methodische Grenzen hin.
Schlüsselwörter
Sprechakttheorie, Pragmalinguistik, John L. Austin, John R. Searle, Performative Äußerung, Illokution, Lokution, Perlokution, Sprachspiele, Sprechaktregeln, Indirekte Sprechakte, Kommunikative Wende, Sprachphilosophie, Proposition, Klassifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entstehung und Entwicklung der Sprechakttheorie, insbesondere den Übergang von sprachphilosophischen Ansätzen hin zu einer linguistisch fundierten Theorie des Sprachhandelns.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Unterscheidung von Sprechakttypen, die Bedingungen für das Gelingen sprachlicher Handlungen sowie den Wandel der Sprachbetrachtung im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Sprechakttheorie von Austin zu Searle nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie Sprachgebrauch systematisch als Handlung begriffen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretische Analyse und den Vergleich linguistischer Konzepte, basierend auf der grundlegenden fachwissenschaftlichen Literatur der Pragmalinguistik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Theorien von Austin und Searle, den spezifischen Sprechaktregeln, der Klassifikation von Sprechakten sowie der Analyse indirekter Sprechakte.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Sprechakt, Illokution, Perlokution, performative Äußerung und die pragmatische Wende.
Inwiefern unterscheidet sich Searle von Austin?
Searle führt eine differenziertere Klassifikation der Sprechakte ein, indem er explizite Unterscheidungskriterien wie die psychische Einstellung und die Entsprechungsrichtung zwischen Worten und Tatsachen nutzt.
Was sind laut der Arbeit "indirekte Sprechakte"?
Indirekte Sprechakte liegen vor, wenn eine Äußerung eine andere illokutionäre Rolle einnimmt, als es ihre wörtliche Form vermuten lässt, etwa wenn eine Frage als Aufforderung verstanden wird.
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- Malte Birkenfeld (Author), 2001, Zur Entwicklung der Sprechakttheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125144