0 Einleitung
Spätestens seit den Ausgrabungen unter der Basilika St. Peter Mitte des letzten Jahrhunderts ist die Frage nach dem Aufenthalt und Martyrium Petri in Rom wieder aufgetaucht. Diese Frage ist auch untrennbar mit der Frage des römischen Primates verbunden. Wenn der Träger der Verheißung Jesu 1 nie in Rom war und auch nicht durch seine Nachfolge Christi das Martyrium erlitten hat, wenn St. Peter gar nicht auf dem Petrusgrab erbaut wurde, stellt sich die Frage nach dem Primat des Papstes ganz neu.
Obwohl diese Diskussion innerhalb der Forschung teilweise sehr emotional geführt wird 2 , versuche ich mit dieser Arbeit ein angemessenes Gesamtbild dieser Fragestellung entwerfen zu können. Das Gesamtthema „Petrus in Rom“ habe ich dabei in zwei verschiedene Fragestellungen aufgegliedert: Die erste Fragestellung wird sein, ob Petrus je in Rom war und ob er dort das Martyrium erlitten hat. Darauf aufbauend folgt dann die zweite Fragestellung, ob wir auch etwas über die Grablege Petri aussagen können. Literarische und archäologische Zeugnisse sollen dabei diese beide Fragestellungen klären.
In der Vergangenheit sind zu diesem Themenkomplex viele Werke erschienen. Zwei, auf die ich mich besonders beziehen möchte, stammen von GNILKA 3 und KLAUSNITZER 4 . RORDORF hat einen interessanten Artikel 5 über die Gründung Roms durch Petrus und Paulus veröffentlicht, den ich auch kurz erwähnen möchte. Die Fragestellung der Grablege Petri betreffend, möchte ich vor allem die Archäologen zu Wort kommen lassen, die ihre Ausgrabungsfunde teils sehr unterschiedlich interpretieren.
FINK 6 möchte die Frage des Petrusgrabes und der Bestattung Petri grundsätzlich anders verstanden wissen, dafür wurde er aber bereits vielfach kritisiert. Aus Platzgründen möchte ich daher nur einen
1 Vgl. Mt 16,17.
2 Siehe JORDAN, Wilhelm: Das Apostelgrab, 1: „Es gibt eine 'öffentliche Meinung', die die Ausgrabungen unter
St. Peter negativ beurteilt und die Auffindung der Überreste des Apostelleibes als absurd abtut. Diese wurde von
Gelehrten verursacht, die weder über Einblick noch über Sachkenntnis verfügten oder von vorgegebenen
Zwangsvorstellungen oder Feindseligkeiten bestimmt waren“.
3 GNILKA, Joachim: Petrus und Rom. Das Petrusbild in den ersten zwei Jahrhunderten, Freiburg im Breisgau
2002.
4 KLAUSNITZER, Wolfgang: Der Primat des Bischofs von Rom. Entwicklung. Dogma. Ökumenische Zukunft,
Freiburg im Breisgau 2004.
5 RORDORF, Willy: Was heisst: Petrus und Paulus haben die Kirche in Rom "gegründet"? Zu Irenäus, Adv. haer. III,1,1;
3,2.3. In: Willy RORDORF (Hg.), Lex orandi, lex credendi. Gesammelte Aufsätze zum 60. Geburtstag, Freiburg, Schweiz
1993, 203-210.
6 FINK, Josef: Das Petrusgrab in Rom, Wien 1988.
2
Kritiker zu Wort kommen lassen: Wilhelm JORDAN 7 . Leider muss ich bei meiner Bearbeitung von FASOLA einige Abstriche machen, dennoch führt er in seinem Werk 8 weitere interessante Details an, auf die andere Autoren verzichten: Er zeigt zum Beispiel die Spuren Petri und Pauli in Kunst und Legende 9 , da er um die Schwierigkeit der sonstigen Beweisführung zum Martyrium Petri in Rom weiß. FASOLA schreibt unter Hinweis auf die Etrusker: „Manchmal sind die Kunstwerke die einzige Spur, die in der Geschichte von einem Volk übrig bleiben“ 10 . Die Darstellung, wie sich das Wissen oder Nichtwissen um das Martyrium Petri in Kunst und Kultur niedergeschlagen hat, könnte so auch manches zum Verständnis beitragen.
7 JORDAN, Wilhelm: Das Apostelgrab. Der sakrale Grundstein der Vatikanischen Basilika, Trier 1990.
8 FASOLA, Umberto M.: Peter und Paul in Rom. Spuren auf dem Felsen, Rom 1980.
9 Vgl. ebd. 46-96.
10 Siehe ebd. 46.
3
1 War Petrus je in Rom? Hat er dort das Martyrium erlitten?
1.1 Die "Quo vadis?"-Legende 11
Die wohl bekannteste Überlieferung des petrinischen Martyriums in Rom ist die „Quo vadis?“-Legende. Die auf das 2. nachchristliche Jahrhundert datierbare Tradition, die man später in dem Papst Linus zugeschriebenen Martyrium beati Petri apostoli am vollständigsten wiederfindet, beschreibt dass Petrus betrübt aus Rom fliehen möchte und ihm währenddessen in der Stadtpforte Christus erscheint. Nachdem Petrus ihm seine Ehrfurcht bezeugt hat, fragt er ihn: „Quo vadis, Domine?“ 12 . Christus entgegnet ihm, er komme nach Rom, um sich abermals kreuzigen zu lassen. Als Petrus erfährt, dass der Herr wieder gekreuzigt werden solle, entscheidet er sich, umzukehren und ihm zu folgen. Nachdem der Herr verschwunden war, verstand Petrus, dass Christus in ihm gekreuzigt und leiden werde. Wie die Überlieferung berichtet, kehrte Petrus daraufhin Gott lobend nach Rom zurück. Die seltsamerweise sehr geringe Rezeption fasst FASOLA so zusammen: „Von dieser Episode bleibt seltsamerweise nur eine spätere archäologische Dokumentation übrig. Doch musste sie, mehr als die anderen der Gefangenschaft Petri, die altchristlichen Gläubigen erschüttert haben.“ 13 Als einzige Reminiszenz an diese Tradition steht bis heute die „Quo vadis?“-Kirche, die ein Abbild der Fussabdrücke Christi sein eigen nennt. Laut FASOLA darf man „diesem archäologischen Stück ... offenbar gar keinen historischen Wert beilegen.“ 14 Auch wenn interessanterweise die Ausmaße der Fußabdrücke mit denen auf dem Turiner Grabtuch fast genau übereinstimmen.
1.2 Der Ursprung der römischen Christengemeinde 15
Über den Ursprung oder gar den Gründer der römischen Christengemeinde lässt sich nichts Definitives sagen. Sueton, der römische Schriftsteller berichtet von einer Vertreibung der Juden aus Rom. Kaiser Claudius hatte wohl im Jahr 49 n. Chr. alle Juden aus Rom ausweisen lassen, weil er eine Eskalation der anhaltenden Unruhen wegen „Anstiftung durch einen Chrestus“ befürchtete. Die römische Gemeinde trug damals wohl einen Streit um die Messianität Jesu aus. Daher können wir im Jahr 49
11 Vgl. FASOLA, Umberto M.: Peter und Paul in Rom, 60-64.
12 frei übersetzt: „Wohin gehst du, Herr?“.
13 Siehe FASOLA, Umberto M.: Peter und Paul in Rom, 64.
14 Siehe ebd..
15 Vgl. FASOLA, Umberto M.: Peter und Paul in Rom, 10-17; KLAUSNITZER, Wolfgang.: Der Primat, 130.
4
bereits eine judenchristliche Gemeinde in Rom annehmen. FASOLA schreibt über die Ausweisungen: „Die Apostelgeschichte ist voll von Berichten über Unruhen, die das Erscheinen des Christentums im Schosse der jüdischen Gemeinden hervorgerufen hatte. Vielmal kam es ja zu Mord und unkontrollierten Gewalttätigkeiten. ... Es ist verständlich, dass in Rom die Behörden länger dauernde Unruhen nicht dulden konnten und den drastischen Beschluss gefasst hatten, die Juden von der Hauptstadt zu entfernen.“ 16 . Im 18. Kapitel der Apostelgeschichte 17 erfahren wir, dass Paulus auf Aquila und Priszilla trifft, ein judenchristliches Ehepaar, das ebenfalls aufgrund des Edikts aus Rom ausgewiesen wurde. Viele Quellen sprechen nicht nur vom Martyrium des Petrus und des Paulus in Rom, sondern auch davon, dass beide die römische Gemeinde gegründet haben. Hierzu scheint mir der Aufsatz 18 von W. RORDORF bedeutend, der in seiner Behandlung des ersten Kapitels des III. Buches des Werks adversus haereses von Irenäus zum Schluss kommt, dass Irenäus die Gründungstätigkeit des Petrus und Paulus in Rom nicht im ursprünglichen Sinne, sondern im übertragenen Sinne gemeint haben könne. Das Bild eines Hausbaus benutzend, will laut RORDORF Irenäus ausdrücken, dass Petrus und Paulus die römische Gemeinde durch ihre mündliche Predigt gegründet und durch ihre schriftliche Predigt auferbaut haben. Ein missionarisches Wirken der beiden und damit die faktische Gründerschaft schließt er aus.
1.3 Literarische Zeugnisse des frühen Christentums 19
1.3.1 Das Neue Testament
Neutestamentarische Belege über den Aufenthalt Petri in Rom sind wohl „am wenigsten aussagekräftig“ 20 . Die Tatsache, dass ein Aufenthalt Petri in Rom im gesamten Römerbrief nicht erwähnt wird, kann auch einfach nur darauf hindeuten, dass Petrus sich erst nach der Abfassung des Römerbriefes in Rom aufgehalten hat. Dies stellt ein weiteres Argument gegen die faktische Gründung der römischen Christengemeinde durch Petrus dar.
Petrus begegnet uns in der Apostelgeschichte nach seiner wunderbaren Befreiung aus dem Gefängnis. Im 12. Kapitel heißt es: „Dann verließ er sie und ging an einen anderen Ort.“ 21 Diese Formulierung „an einen anderen Ort“ wirft die Frage auf, wohin Petrus gegangen ist. Manche Forscher vertreten die
16 Siehe FASOLA, Umberto M.: Peter und Paul in Rom, 15.
17 Vgl. Apg 18,2.
18 Vgl. RORDORF, Willy: Was heisst: Petrus und Paulus haben die Kirche in Rom "gegründet"? Zu Irenäus, Adv.
haer. III,1,1; 3,2.3. In: Willy RORDORF (Hg.), Lex orandi, lex credendi. Gesammelte Aufsätze zum 60.
Geburtstag, Freiburg, Schweiz 1993, 203-210.
19 Vgl. GNILKA, Joachim: Petrus und Rom, 110-126; KLAUSNITZER, Wolfgang: Der Primat, 132-138.
20 Siehe KLAUSNITZER, Wolfgang: Der Primat, 132.
21 Siehe Apg 12,17.
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Arbeit zitieren:
cand. theol. Christian Baltes, 2008, Petrus in Rom, München, GRIN Verlag GmbH
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