1. Einleitung
Gegenstand dieser Arbeit ist das Experiment in den Sozialwissenschaften, speziell in der Medienwirkungsforschung.
Nach der Vorstellung einiger Definitionen wird auf die Voraussetzungen eingegangen, die zur Durchführung eines Experiments notwendig sind. Weiterhin wird die wichtigste Eigenschaft des experimentellen Forschungsdesigns beschrieben: der Nachweis der Kausalität.
Nach der Vorstellung der verschiedenen Arten von Experimenten und einiger Versuchsanordnungen, die anhand von Beispielen aus der sozialwissenschaftlichen Praxis verdeutlicht werden, kommt es zu einer Beleuchtung der Vor- und Nachteile von Experimenten.
Da diese Arbeit im Rahmen des Seminars „Einführung in die Publizistikwissenschaft. Medienwirkungsforschung“ geschrieben wird, soll zuletzt gezeigt werden, welche Möglichkeiten das Experiment speziell in der Medienwirkungsforschung bietet und bei welchen Untersuchungen es eingesetzt wird.
2
2. Das Experiment
2.1. Definitionen
Das Experiment ist in den Sozialwissenschaften „ein spezielles wissenschaftliches Verfahren, mit dem versucht wird, individuelles und/ oder soziales Denken, Handeln oder Verhalten in kontrastierenden Situationen aufgrund der gezielten Einwirkung eines besonderen Faktors zu überprüfen“ 1 .
Es wird durch einen „Experimentator bewusst eine Versuchsanordnung herbeigeführt, die ihm die Untersuchung eines bestimmten vermuteten ursächlichen Zusammenhangs erlaubt. Er manipuliert die unabhängige Variable, beobachtet die abhängige und minimiert den Effekt von Störvariablen.“ 2
Das Experiment ist der „Beweis für eine Hypothese, der zwei Faktoren in eine ursächliche Beziehung zueinander bringen will, indem er sie in unterschiedlichen Situationen untersucht. Diese Situationen werden in bezug auf alle Faktoren kontrolliert mit Ausnahme des einen, der uns besonders interessiert, da er entweder die hypothetische Ursache oder die hypothetische Wirkung darstellt.“ 3
„Im Experiment werden Bedingungen und Ereignisse künstlich geschaffen, so dass man auch Erscheinungen erforschen kann, die in der Natur nur äußerst selten oder unter solch ungünstigen Umständen vorkommen, dass eine systematische wissenschaftliche Untersuchung nicht möglich ist.“ 4
Das Experiment stellt eine „klassische Untersuchungsanlage der Medienwirkungs-forschung (dar), bei der vom Forscher die Untersuchungsbedingungen aufgrund des Vergleichs von Experimental- und Kontrollgruppe bzw. Vorher- und Nachhermessung so kontrolliert werden, dass zwingende Schlüsse bezüglich der Wirkung bestimmter Medienaussagen als Stimuli möglich werden.“ 5
1 Heinz Pürer: Einführung in die Publizistikwissenschaft, Band 1. München, 1990. S. 180
2 Wilfried Laatz: Empirische Methoden. Ein Lehrbuch für Sozialwissenschaftler. Frankfurt am Main,
1993. S. 458
3 Ernest Greenwood (zit. n. Ekkart Zimmermann: Das Experiment in den Sozialwissenschaften. Stuttgart,
1972. S. 32
4 John Stuart Mill (zit. n. Wilfried Schulz: Kausalität und Experiment in den Sozialwissenschaften. Mainz, 1970. S. 26
5 Heinz Bonfadelli: Medienwirkungsforschung, Band 1. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Konstanz, 1990. S.269-270
3
Das Experiment ist also eine Methode der Sozialwissenschaften, die durch das Schaffen künstlicher Versuchsanordnungen „ eine systematische wissenschaftliche Untersuchung“ 6 ermöglicht. Die „experimentelle Methode“ 7 wird „schlechthin als das Verfahren angesehen (...), mit dem man zu wissenschaftlicher Erfahrung gelangt“ 8 , weil
sie die einzige Methode darstellt, mit der Kausalzusammenhänge sicher festgestellt werden können. Dies geschieht, indem die Versuchssituation, in der die aufgestellte Hypothese getestet wird, vollkommen kontrolliert wird, d.h. es werden alle Faktoren, die einen Einfluß auf die untersuchte Wirkung haben könnten, isoliert, bis auf den Faktor, der als Ursache für die Wirkung erachtet wird. Es ist also das „Ziel des Experiments, Bedingungen zu schaffen, durch die für das Auftreten einer Erscheinung, einer Wirkung, alle anderen Erklärungsversuche bis auf einen unmöglich gemacht werden“ 9 .
2.2.Voraussetzungen
2.2.1. Die Hypothese als Grundlage des Experiments
Versuchssituationen werden geschaffen durch die „gezielte Einwirkung eines Faktors, also einer geistigen, physischen oder psychischen Manipulation“ 10 auf die
Versuchsperson. „Die Wahl diese Faktors erfolgt aufgrund der Annahme einer Kausalhypothese, die überprüft werden soll“ 11 , es muß also vor der Durchführung eines
Experiments „die sprachliche Formulierung einer wissenschaftlichen Annahme, eines wissenschaftlichen Problems“ 12 stattgefunden haben, um ein klar definiertes Ziel der
Versuchsdurchführung vor Augen zu haben. Dabei unterscheidet man das Experiment, das von einer offenen Hypothese ausgehen, - auch „Erkundungsexperiment“ 13 genannt-,
vom „Entscheidungsexperiment, das von einer prognostischen Hypothese ausgeht und immer ein Falsifizierungsversuch ist. “ 14
6 Wilfried Schulz, S.26
7 Wilfried Schulz, S.69
8 Wilfried Schulz, S.69
9 Wilfried Schulz, S.90
10 Heinz Pürer, S.180
11 Heinz Pürer, S.180
12 Wilfried Schulz, S.60
13 Wilfried Schulz, S.117
14 Wilfried Schulz, S.117
4
2.2.2. Das Merkmal-Trias
Weiterhin gilt als Versuchsvoraussetzung das „klassische(...) Merkmal- Trias“ nach Wundt, nämlich die „Willkürlichkeit, Wiederholbarkeit und Variierbarkeit der Bedingungen“ 15 , wonach ein „Vorgang (...) absichtlich herbeigeführt und ausgelöst“ 16 und durch diese bewusste Gestaltung der experimentellen Bedingungen
auch wiederholt werden kann. Dadurch können andere Forscher unter gleichen Bedingungen das Experiment wiederholen, um die gefundene Aussage prüfen zu können. Die Variierbarkeit der Versuchsbedingungen bezieht sich darauf, dass es möglich sein muß, bestimmte Variablen isoliert voneinander zu manipulieren, um die „zugrundeliegende(...) Hypothese (...) in unterschiedlichen Situationen“ 17 überprüfen zu
können. Dabei müssen die Rahmenbedingungen des Experiments immer konstant gehalten werden. „Die Versuchsbedingungen lassen sich am besten (...) konstant halten, wenn man sie künstlich schafft, wenn man also das Experiment im Labor durchführt und den Versuch von allen äußeren, nicht künstlich geschaffenen Bedingungen isoliert.“ 18 Die Nachteile von Laborexperimenten im Unterschied zu Feldexperimenten,
also zu Versuchen, bei denen die Versuchspersonen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, wird später beleuchtet.
2.2.3. Beeinträchtigung der inneren und äußeren Gültigkeit durch Störvariablen Vorab einige Begriffserläuterungen: Die „unabhängige Variable“ 19 ist die Variable, deren „Einfluß (...) untersucht werden“ 20 soll und die dazu „vom Versuchsleiter planmäßig variiert“ 21 wird. Unter der „abhängige(n) Variable(n)“ 22 versteht man „die
Variable, deren Abhängigkeit von der unabhängigen Variable Gegenstand der Untersuchung ist“ 23 . Als „Störvariablen“ werden „alle Variablen (bezeichnet), die sonst
15 Erwin Roth: Sozialwissenschaftliche Methoden. München, 1993. S.231
16 Erwin Roth, S. 231
17 Ekkart Zimmermann, S.37
18 Wilfried Schulz, S.95
19 Erwin Roth, S.108
20 Erwin Roth, S.108
21 Erwin Roth, S.108
22 Erwin Roth, S.108
23 Erwin Roth, S.108
5
noch ( d.h. außer den planmäßig variierten unabhängigen Variablen) einen Einfluß auf die abhängige Variable haben.“ 24
Eine weitere Voraussetzung für eine Versuchsdurchführung liegt somit in der „Ausschaltung oder zumindest Kontrolle von Störvariablen“ 25 , da „die innere und
äußere Gültigkeit von Versuchsplänen (...) durch verschiedene Störfaktoren beeinflusst werden“ 26 kann.
„Die innere Gültigkeit von Versuchsplänen ist dann gegeben, wenn sich die zu beobachtenden Effekte auch tatsächlich auf die im Experiment bewusst gesetzten unabhängigen Variablen zurückführen lassen“ 27 , „wenn die Variation der abhängigen
Variablen eindeutig auf die (manipulative) Variation der unabhängigen Variable zurückgeführt werden kann“ 28 , d.h. wenn eine Abhängigkeit zwischen zwei Variablen
oder ein Kausalzusammenhang festgestellt werden kann.
„Von äußerer Gültigkeit spricht man, wenn sich die im Experiment erzielten Ergebnisse über die erfasste Stichprobe hinaus generalisieren lassen“ 29 , wenn „die aus einem
Experiment gezogenen Schlussfolgerungen auf andere Stichproben von Versuchspersonen, situative und örtliche Gegebenheiten bzw. Randbedingungen sowie auf experimentelle Manipulationen und Messverfahren generalisiert werden können 30 ,
wodurch letztendlich „über die Falsifikation oder Akzeptanz von Ausgangshypothesen“ 31 entschieden wird.
Bei der „Analyse von Zusammenhängen“ 32 ist es also unabdingbar, die möglichen
Störvariablen auszuschalten, zu minimieren, aber in jedem Fall konstant zu halten, um für jedes Experiment die gleichen Rahmenbedingungen zu erhalten . Nur so können Trugschlüsse vermieden werden. „Die Störvariablen können unterschiedliche Charakteristika haben, die nicht auf die gleiche Weise zu kontrollieren sind“ 33 , dies
können „Variablen (sein), die in der Untersuchung manipuliert werden (oder) solche, die potentiell manipuliert werden könnten“ 34 , aber auch „relativ feste Merkmale der
24 Erwin Roth, S.108
25 Wilfried Laatz, S.459
26 Gerhard Tulodziecki: Einführung in die Medienforschung. Köln, 1981. S.146
27 Gerhard Tulodziecki, S.146
28 Erwin Roth, S.237
29 Gerhard Tulodziecki, S.146
30 Erwin Roth, S.237
31 Gerhard Tulodziecki, S.146
32 Wilfried Laatz, S.461
33 Wilfried Laatz, S.461
34 Wilfried Laatz, S.461
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Bettina Schaab, 2001, Das Experiment in der Medienwirkungsforschung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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