Inhaltsangabe „Wieso ich? Eine deutsche Geschichte“:
Der vierzigjährige Protagonist erhält die Nachricht vom Krebstod seiner Mutter und noch am selben Tag ein Telegramm seiner drei Schwestern, in welchem sie ihn bitten, die Grabrede zu halten. Der Mann, der angibt in seinem Elternhaus von den weiblichen Mitgliedern seiner Familie schikaniert und traumatisiert worden zu sein, empfindet die Todesbotschaft als befreiend, die Verpflichtung die Grabrede über seine unversöhnte Mutter zu halten, als lähmend und trostlos. Er nimmt sich vor, die Rückreise in den Heimatort dazu zu nutzen, das verschwommene Profil seines vor 15 Jahren durch Freitod verstorbenen Vaters aufzuklaren. Auf der Bahnfahrt in seine Heimatstadt lernt er im Zugabteil eine Studentin kennen, die im selben Ort wohnt, in dem sich sein Mutterhaus befindet. Er quartiert sich bei ihr ein, da er sich nicht überwinden kann, das Haus zu betreten. Bei einer Vernissage, zu der er seine neue Geliebte begleitet, trifft er einen alten Bekannten seines Vaters. In der Nacht danach hat er einen Traum, der ihm Zweifel beschert, ob sein Vater wirklich sein Erzeuger ist und ob sein Bild von den Familienverhältnissen generell noch haltbar ist. Als er feststellt, dass die Schwestern in der Todesanzeige in der Zeitung seinen Namen bei den trauernden Angehörigen unerwähnt lassen, sieht er seine Vermutung bestätigt. Als er sie aufsucht, um sie mit seiner Entdeckung zu konfrontieren und dadurch mit ihnen abzurechnen, bricht er im Moment der Konfrontation zusammen und wird von seinen Schwestern wie ein Kleinkind und ohne Gegenwehr entkleidet, eingeölt, zugedeckt und mitsamt seinem alten Teddybären auf das Sofa gebettet. Auf dem Friedhof ergreift er die Flucht und ohne die Grabrede gehalten zu haben, tritt er seine Heimreise an. Im Zugabteil wirft er den Hut seines Vaters aus dem offenen Fenster.
G L I E D E R U N G
1. Vergangenheitsbewältigung und Identitätsstifter S.01
1.1 Intentionale Gattungsbestimmung S.03
1.2 Die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität S.05
2. Willkür: „Re-Aktion“ S.06
2.1
Der Entschluss: Rationalität als Elfenbeinturm
S.07 2.2
Das Unterlassen
S.09 2.3
Der Widerruf
2.4 Das Trauma der Vergangenheit 2.5 Selbstwirksamkeit S.12 3. Weltbild: „Pluralismus“ S.14
3.1 Die sozialen Rahmen und die vererbte Schuld S.14 3.2 Der Protagonist S.15
3.3 Die Mutter
3.4 Mutter-Sohn-Konflikt als Gesellschaftskritik S.19 3.4.1 Realitäts-Ästhetik S.21 3.5 Postmoderne Wirklichkeit S.22
4. Sinn / Bedeutung: „Die Entzweiung der Welt“ S.24 4.1 Die Ideologie der Sprache S.24 4.2 Psychotische Divergenz S.25
5. Wahrheit: „subjektiv“ S.28
5.1 „L’Effect de réelle“- Der Wirklichkeitseffekt S.29
6. Der „Identitätseffekt“ S.32 6.1 Der„selfing Prozess“ S.34 6.2 Der Abschied: Loslassen S.37
7. Bibliographie S.41
1
1. Vergangenheitsbewältigung und Identitätsstifter
Nach Jean-Francois Lyotard 1 gibt es vier Arten des Schweigens nach dem Holocaust: „das Schweigen der Schuld“, „das Schweigen der Scham“, „das Schweigen des Schreckens“ und „das Schweigen der Sinnlosigkeit“ 2 . Ein solches Schweigen steht für die Schwierigkeit vor dem Hintergrund einer traumatischen Vergangenheit Identität zu definieren und zu konstruieren. Ein gesellschaftlicher Erinnerungsdiskurs wird in Deutschland erst „seit Mitte der neunziger Jahre von der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit (...) geprägt“ 3 . Vorher, in der „frühen Bundesrepublik“ dämmerte das Land in einer Art Schockzustand über das Erlebte vor sich hin. In den „Jahren des Schweigens“, die sich dem Kriegsende bis zur gegenwärtigen Wende zum „erinnerungspolitischen Trend“ 4 anschlossen, verharrte die Nation reglos, tief verunsichert durch die Demaskierung von zuvor als absolut propagierten Werten und Idealen als schändliche und verbrecherische Gesinnung. So verunsichert, dass ein ganzes Land wie gelähmt das „Verdrängen vor Verarbeiten und Vergessen vor Verantworten“ 5 präferierte. Und das „ist genau das Themengebiet der neuen Erinnerungsliteratur, die diese non-dits [...] aus dem Unbewussten in die öffentliche Reflexion zurückholt“ 6 . Die Erzählung „Wieso ich?“ trägt natürlich nicht umsonst den Beinamen „Eine deutsche Geschichte“, weshalb sie auch als „die kollektive große Geschichte im Kleinformat von Familiengeschichten“ 7 gelesen werden muss.
Lyotards Arten des Schweigens sind im übertragenen Sinn in der Erzählung Krügers enthalten, denn sie spiegeln sich im Umgang der Figuren mit ihrer eigenen Existenz wider: Die Figuren sind Repräsentanten unterschiedlicher Generationen und Befindlichkeiten der deutschen Nation während des Paradigmenwechsels im „Umgang der bundesdeutschen Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit“ 8 : Die erste
1 Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, S.35
2 Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337
3 Wolfgang Bergem, Identitätsformationen in Deutschland, S.286
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.25
7 Ebd.
8 Heribert Prantl, Wenn die Geschichte ruhen soll, http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/289/110179/
2
„Phase der »Vergangenheitspolitik«“ 9 war eine Zeit der „Verharmlosung, der Leugnung und der Amnestie“ 10 , die nun in den achtziger Jahren (dem Entstehungszeitraum der Erzählung) in die dritte Phase der
„Vergangenheitsbewältigung“ 11 überging. Die Figuren werden als mehr oder minder reglos in ihrer Rolle präsentiert, der sie durch äußerliche Zwänge machtlos ausgeliefert zu sein meinen. Die Mutter des Protagonisten schwieg zeitlebens über die Familiengeschichte vor Scham, welche „eine Scham der Unzulänglichkeit ist“ 12 : eine Unfähigkeit, sich von der Schuld zu reinigen, die ihr von der vorhergehenden Generation unbewältigt übertragen wurde. Deshalb muss sie diese „enormen Verdrängungs- und Verleugnungsleistungen“ 13 verrichten, die sich in ihrem Leben als hypersensible Moralität entladen. Der Vater praktizierte zu seinen Lebzeiten ein „Schweigen der Sinnlosigkeit“ 14 im Sinne einer nihilistischen Lebensgestaltung, die von seiner postmodernen Lebensphilosophie noch betont wird. Denn an der Wand seines Arbeitszimmers prangte Jürgen Habermas Zitat „Fortschritt ist die ewige Wiederkehr der Katastrophe“ 15 . Diese radikale Fortschrittskritik ist ein Symptom der Postmoderne und Statut für die Ablehnung moderner „Forderung nach ständiger Neuerung“ 16 . So ist es signifikant, dass er selbst seinem Leben im mittleren Alter ein Ende setzte. Die postmoderne Fortschrittskritik ist aber auch durch die Struktur der Erzählung präsent, denn der Handlungsbogen ist zyklisch aufgebaut: Der Sohn, icherzählender Protagonist, macht sich auf den Weg, die „unter der Kruste der Zeit“ (S.158) schleierhaft gewordene Identität des Vaters zu definieren, derer er sich nur spiralartig über Indizien anzunähern vermag. Nachdem er aber schließlich für einen kurzen Moment die Erkenntnis einer neuen Weltsicht erlangt, die alles bisher für wahr Gehaltene in Frage stellt, fällt er resignierend wieder auf das alte Denkmuster zurück und macht sich schließlich unverrichteter Dinge auf den Heimweg. Der Protagonist schließlich ersetzt den Widerruf des eigenen Weltbildes, der sich als
9 Bericht zur Fachkonferenz »Das linke und das rechte Auge - Zur juristischen Aufarbeitung von NS-Staat und DDR«
10 Heribert Prantl, Wenn die Geschichte ruhen soll, http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/289/110179/
11 Bericht zur Fachkonferenz »Das linke und das rechte Auge - Zur juristischen Aufarbeitung von NS-Staat und DDR«, http://www.forumjustizgeschichte.de/Bericht-zur-Fac.36.0.html
12 Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337
13 Tilman Moser, Übernommenes Trauma, entlehnter Konflikt, S.406
14 Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337
15 Jürgen Habermas über Walter Benjamins negative Geschichtsbetrachtung, Philosophisch-politische Profile, S.347
16 Brockhaus Band 11 „Postmoderne“, S.157
3
„unausdrückbar“ 17 erweist, mit einem „Schweigen des Schreckens“ 18 . Doch es ist eben „das Schweigen, das eine problematische Vergangenheit fortwirken läßt“ 19 , denn auch wenn es z.B. in der Nachkriegszeit „die Seelen vor affektiver Überforderung schützte, schwächte [die fehlende Auseinandersetzung, S.D.] andererseits die Kraft und ein Gefühl von Kohärenz und Identität“ 20 .
Die Erzählung ist ebenso wie viele postmoderne Texte „darauf gerichtet, den LeserInnen die Zweifelhaftigkeit, die Gesetztheit, die Willkür und die Ideologielastigkeit jeglicher Festlegung erfahrbar zu machen.“ 21 So muss der Protagonist durch die postmodernen Konditionen an seiner Illusion von der Existenz einer totalitären Wahrheit scheitern. „Die Alterität des Anderen soll nicht länger ein zu negierendes oder auflösendes Hindernis sein, sondern als Möglichkeit der Selbstentfaltung und der gemeinsamen Wahrheitssuche wahrgenommen werden“ 22 , eine Lehre, die dringend applizierbar ist auf die deutsche Geschichte. Denn ohne die Akzeptanz, dass es neben der eigenen Lebensauffassung gleichberechtigte Alternativen gibt, setzt sich das moderne Subjekt nicht „gegen ein System zur Wehr, das alles normiert und nivelliert und das total zu werden droht“ 23 .
1.1 Intentionale Gattungsbestimmung
Krüger leistet mit seiner Erzählung einen Beitrag zur Erinnerungskultur der Deutschen. Sein Werk trägt Züge der „Väterliteratur“, die „in den siebziger und achtziger Jahren“ entstand, aber auch des Familienromans, in dem seit den „neunziger Jahren“ 24 die nationale Historie in der Familiengeschichte verarbeitet wird. Krüger unterstützt den literarischen Diskurs zum Thema mit dem konsequenten „Thematisieren und Profilieren von deutscher Identität“ 25 und stellt dabei infrage, inwiefern man „normalerweise“ Vergangenheit zu bewältigen versucht und ob dies (auf diese Art) möglich ist. Der Leser muss selbst rekapitulieren und reflektieren, ob
17 Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, S.35
18 Neva Slibar, Anschreiben gegen das Schweigen, S.337
19 Dr. Ulfried Geuter, Reden ist besser als Schweigen: Auch die Enkel leiden am Holocaust
20 Tilmann Moser, Übernommenes Trauma, entlehnter Konflikt, S.406
21 Prof. Martin Klepper, Die amerikanische Postmoderne zwischen Spiel und Rekonstruktion, S.52
22 Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S.397
23 Ebd. S.396
24 Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.26
25 Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S. 287
4
man in der Vergangenheit tatsächlich zu sich selbst finden kann oder ob und welche Alternativen es gibt. „Gemeinsames Thema“ der Väterliteratur und des Familienromans ist „die Fokussierung auf ein fiktives oder autobiographisches Ich, das sich seiner/ihrer Identität gegenüber der eigenen Familie und der deutschen Geschichte versichert“ 26 . Das Thema deutsche Geschichte wird bei Krüger sehr subtil berührt, der extradiegetisch-homodiegetische Ich-Erzähler berichtet zwar von den Familienverhältnissen als stark autoritärem Matriarchat, das aufgrund seiner Funktionsweise auf das Nazi-Regime anspielt: die familiäre Einheit wird vom Befehlshaber in zwei Lager separiert und das „Andere“, hier die beiden männlichen Familienmitglieder, als schlecht und schändlich erklärt und kontinuierlich als so geartet propagiert. Doch explizit wird der Nazi-Diskurs nur am Rand im Bezug auf seine Eltern, einen Freund der Familie und seinen ehemaligen Musiklehrer touchiert. Dennoch ist die Gemeinsamkeit mit den beiden „Subgattungen der deutschen Erinnerungsliteratur“ 27 offensichtlich, wenn auch in abstrahierter Variation. Das thematische Zentrum der Erzählung ist, ähnlich wie das der Väterliteratur, „die Konfrontation, die Auseinandersetzung und die Abrechnung mit dem Vater“. Im Bezug auf Konfrontation und Auseinandersetzung stimmt dieses Motiv mit der Textstruktur von „Wieso ich?“ überein, doch hinsichtlich der „Abrechnung“ und dessen, dass „die Väterliteratur im Zeichen des Bruchs steht“ 28 , wird der „anthropologische Grundkonflikt“ 29 in der Erzählung doch hauptsächlich mit der Mutter ausgetragen. Indem also „andere Familienmitglieder und Generationen“ an der Entfremdung beteiligt sind, indem ihre Funktion und Beziehung zum Protagonisten von selbigem hinterfragt werden (er gedenkt unter anderem „mein Verhältnis zu den Schwestern einer ernsten Prüfung zu unterziehen“ S.223), geht es eben auch „um die Integration des eigenen Ich in einen Familienzusammenhang“ 30 , die das thematische Zentrum des Familienromans ausmacht. „Während die Figur des Ich-Erzählers in der Väterliteratur von einem starken Abgrenzungswillen bestimmt wird, stellt sie sich im Familienroman als suchende, erleidende, deutende und
26 Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.26
27 Ebd.
28 Ebd.
29 Ebd. S.28
30 Ebd. S.26
5
lernende dar.“ 31 In der Erzählung finden sich beide Charakteristika wieder, wobei dringend der letztgenannte Aspekt des „lernens“ exkludiert werden muss, da dieser bis zum Ende fragwürdig bleibt. So nutzt Michael Krüger in der Tradition der Väterliteratur die „intergenerationelle Sollbruchstelle“, um „das Drama der deutschen Nachkriegsgeschichte von Schuld und Anklage, Verstrickung und Auflehnung exemplarisch [auszuagieren]“ 32 , wobei er den „Bruch zwischen den Generationen“ zur Identitätssuche während der Erkundung der grundsätzlichen familiären Verhältnisse nutzt.
1.2 Die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität
Es geht sowohl auf der individuellen Ebene der Vergangenheitsbewältigung darum, Identität retrospektiv greifbar zu machen, als auch in Abstraktion auf der Ebene der nationalen Erinnerungspolitik und -kultur. Der Erinnerungsdiskurs der Erzählung über die Familien-Vergangenheit impliziert einen Diskurs über die „individuelle Ressourcenfrage für Identitäts- wie für Theorieentwicklung“ 33 . Michael Krüger relativiert nämlich das Fassungsvermögen des kommunikativen aber auch des kulturellen Gedächtnisses für diese Zwecke: Das kommunikative Gedächtnis besteht aus „Erinnerungen, die sich auf rezente Vergangenheit beziehen“ 34 , “Erinnerungen, die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt"; das kulturelle Gedächtnis dagegen „richtet sich auf Fixpunkte der Vergangenheit. Auch in ihr vermag sich Vergangenheit nicht als solche zu erhalten. Vergangenheit gerinnt hier viel mehr zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet“ 35 . Diese beiden sogenannten „Modi Memorandi“ 36 können in Krügers Szenario keine rechte Sinnstiftung zur Identitätsfindung durch Vergangenheitsbewältigung leisten. Weil die Vergangenheit aber der existentielle Nährboden für die individuelle Identität ist und hier nun der Zugang zu dieser so offenkundig blockiert ist, muss in diesem Rahmen auch die moderne „Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität“ 37 konsultiert werden.
31 Aleida Assmann, Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, S.27
32 Ebd. S.28
33 Wolfgang Kraus, Identität als Narration: Die narrative Konstruktion von Identitätsprojekten
34 Peter V. Zima, Moderne Postmoderne, S. 287
35 Ebd.
36 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S.50
37 Wolfgang Kraus, Identität als Narration: Die narrative Konstruktion von Identitätsprojekten
6
In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Krüger die sich Ende der achtziger Jahre ablösenden Modi Memorandi ad absurdum führt und welche
Selbstbefreiungsstrategie er stattdessen für das Diskurs-Panoptikum der Gesellschaft zum Umgang mit Vergangenheit generell und mit Identitätsstiftern speziell anbietet.
2. Willkür: „Re-Aktion“
Jürgen Habermas hatte im Historikerstreit von 1986/87, also dem Publikationszeitraum der Erzählung, die „apologetische[n] Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ 38 kritisiert. Er meinte damit die rechtfertigende Argumentation gewisser Historiker, die den Holocaust als einen Völkermord in die Reihe vorheriger Völkermorde eingliederten und ihn „als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich“ 39 machten, was die Singularität der Naziverbrechen in seinen Augen relativierte. Der Protagonist der Erzählung „Wieso ich?“ verfügt über ein ähnlich apologetisch funktionierendes Selbstbild. Er hat eine „Theorie der [eigenen, S.D.] Nichtverantwortlichkeit“ (S.227) über sein gesamtes Leben entwickelt, mit der er „[s]eine Krankheiten, Hypochondrien und Empfindlichkeiten“ (S.223), das heißt seine Neurosen und Persönlichkeitsstörungen entschuldigt. Dadurch scheint er nicht oder nur eingeschränkt in der Lage zu sein, bewusst und aktiv sein Leben durch Entscheidungsfindungsprozesse und durch die sich darauf ergebenden Konsequenzen für das eigene Agieren voranzutreiben. Er tritt stets statt agierend nur re-agierend auf und lässt sich in der Vielzahl von Situationen durch äußere Umstände zur Durchführung einer Handlung „zwingen“ bzw. davon abhalten. Das „Dazwischenkommende“ ist transzendentales Motiv der Erzählung und wohnt fast jeder noch so banalen Situation inne, ja ist sogar in der Sprache des Romans verwirklicht, also in der Sprache des Erzählers. Jeder Satz ist fragmentiert, wird unterbrochen von Einschüben, die die basale Aussage erläutern, deren Informationsgehalt aber auffallend oft irrelevant für das Verständnis zu unnötig komplexen Sätzen anschwellen lassen. Das heißt, selbst auf der Ebene der Artikulation ist der Ich-Erzähler nicht in der Lage, sein Anliegen ohne Umschweife,
38 Jürgen Habermas, Eine Schadensabwicklung. Apologetische Tendenzen in der Zeitgeschichtsschreibung, in: Historikerstreit, S.62-77
39 Ebd. S.71
7
Unterbrechungen oder Ausführungen zu Ende zu bringen. Dem Rezipienten dieser Arbeit wird auffallen, wie häufig Textzitate durch den Verfasser mit „[…]“ abgekürzt werden müssen. Es kann beim Protagonisten also nur eingeschränkt von Handlungen bzw. Aktionen gesprochen werden, sondern eher von Reaktionen gemäß der allgemeinen Definition im Brockhaus als „durch etwas ausgelöste Aktivität“ 40 .
2.1 Der Entschluss: Rationalität als Elfenbeinturm
So beschließt er beispielsweise in einer Bahnhofskneipe, nachdem er mit dem Zug in seiner Heimatstadt angekommen ist, die Studentin anzurufen, die er auf der Fahrt kennen gelernt hatte, „um sowohl einen geeigneten Gesprächspartner zur Fortsetzung der eben aufgetauchten Wissenschaftsprobleme als auch ein Nachtquartier zu finden“, wobei diese rationalen Beweggründe als Hauptanliegen ausgegeben werden und das persönliche Bedürfnis, nämlich der Studentin näher zu kommen, nur zum „Nebenprodukt dieser zwei zur Lösung anstehenden Grundprobleme“ (S.172) abgewertet wird. Die Erörterung von Wissenschaftsproblemen liefert aus Sicht des Protagonisten den Grund für die Notwendigkeit mit der Studentin in Kontakt zu treten. Der Ich-Erzähler bevorzugt eine rationalisierte Artikulation seines Annäherungsvorhabens, indem er die bei der Studentin „als Verdacht bestehende Frage der genetischen Anziehung ein Stück vorangebracht werden“ (S.172) wollte, um seine Sehnsucht rational begründbar zu machen („meine genetische Sehnsucht nach ihr“ S.172) und damit sowohl zur Existenz zu berechtigen als auch als Motivation für einen Anruf zu rechtfertigen. So ist nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Motivation für die Nachforschungen ob einer Existenz der zur Fortpflanzung mit ihm erforderlichen „äußerst selten anzutreffenden Genkombination“ (S.170) bei der Studentin legitimiert, da sie zur Erlangung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse auf dem Gebiet der Biologie dient. Die Betonung eines etwaigen Nützlichkeitsaspekts in der Begegnung mit ihr befähigt ihn, seinen Wunsch zu etablieren und dient ihm nicht nur in dieser Situation, sondern auch generell, als Rechtfertigung für seine Präferenz bestimmter Handlungen oder Ansichten, um nicht „als ein seinen Trieben verfallenes […] Subjekt hingestellt“ (S.182) zu werden.
40 Brockhaus Band XI, „Reaktion“ S.326
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Sofia Doßmann, 2009, Eine konventionelle Suche nach Wahrheit und Identität unter postmodernen Bedingungen, München, GRIN Verlag GmbH
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