1.Einleitung
SexuellerMissbrauchvonKindernisteinederschlimmstenGewaltanwendungeninunsererGesellschaft. Während vor 20 Jahren noch kaum über dieses Thema gesprochen wurde, so ist es heutzutage in den Medien oder in zahlreichen Sorgerechtsakten und Strafanzeigen omniprä-sent.(Eich,2000,S.1;Wanke&Tripammer,1992,S.10)
Obwohl seit einiger Zeit Präventionsmassnahmen wie Aufklärungskampagnen eingesetzt werden, liegt die Zahl der sexuell missbrauchten Kindern in der Schweiz pro Jahr immer noch bei 45'000(Huser-Studer&Leuzinger,1992,S.7).
IneinemerstenTeilwirdversucht„sexuellerMissbrauch“zudefinierenundeswerdenverschie-deneFormenaufgezeigt.BevoraufdieBewältigungsstrategieneingegangenwird,werdenFolgen sexuellen Missbrauchs aufgezeigt. Hierbei wird auf geschlechtsspezifische Unterschiede eingegangen.
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2.DefinitionundFormendessexuellenMissbrauchs
2.1.Definitionsversuche
DieAbgrenzungzwischensexuellemMissbrauchundliebevollemKörperkontaktmiteinemKind istsehrschwierig.BraeckerundWirtz-Weinrich(1992)undWankeundTripammer(1992)sehen 1 bewusstamKörpereinesKindes dieGrenzedessexuellenMissbrauchsdort,wosichderTäter
befriedigt (S. 21; S. 14). Deegener (1998) konkretisiert dies und sagt, dass „unter sexuellem MissbrauchvonKindernjedeHandlungverstanden[werdenkann],dieanodervoreinemKind entwedergegendenWillendesKindesvorgenommenwirdoderderdasKindaufgrundseiner körperlichen,seelischen,geistigenodersprachlichenUnterlegenheitnichtwissentlichzustimmen kann.DieMissbrauchernutzenihreMacht-undAutoritätspositionaus,umihreeigenenBedürfnisseaufKostenderKinderzubefriedigen,dieKinderwerdenzuSexualobjektenherabgewür-digt“(S.24).
EinweiteresMerkmalsexuellenMissbrauchsist„...dieVerpflichtungzurGeheimhaltung,die dasKindzurSprachlosigkeit,WehrlosigkeitundHilflosigkeitverurteilt“(Huser-Studer&Leuzin-ger,1992,S.6).
2.2.FormensexuellenMissbrauchs
Sexueller Missbrauch tritt in verschiedenen Formen auf. Es wird im Wesentlichen zwischen Pädophilie, Kinderprostitution, Kinderpornographie und Inzest unterschieden (vgl. Falardeau, 2001,S.49-54;Finkelohr,1998,S.120-121;Müller-Luckmann,1997,S.24;Wanke&Tripam-mer,1992,S.13-14).
Der Missbrauch innerhalb der Familie (Inzest) wird häufig als die schlimmste Form sexuellen Missbrauchs angesehen, da er sich einerseits meistens über mehrere Jahre hinweg zieht und andererseits das Kind in seiner eigentlichen Schutzsphäre misshandelt wird. (Finkelohr, 1998, S.120)
KinderprostitutionundKinderpornographiesindErscheinungenderletzenzweiJahrzehnte.Die-serinAsienbegonneneTrendhatsichlängstauchinunserenKulturkreisenetabliertundkonnte bisjetztnochnichtwirksambekämpftwerden.
PädophileoderPädosexuelleschaffensichmeistzuihrenOpferneineVertrauensbasis,bevorsie diesesexuellmisshandeln(Eich,2000,S.3).
1 Je nach Quellesindzwischen90 bis99ProzentderTäterMänner(vgl.Braecker& Wirtz,1992,S.21; Finkelohr,2000,S.120;Huser-Studer&Leuzinger,1992,S.6).
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3.FolgensexuellenMissbrauchs
Sexuelle Misshandlung in jeder Form hinterlässt bei den betroffenen Kindern jeden Alters verheerende Folgen. Hier wird auf unmittelbare Reaktionen und auf später eintreffende Folgen eingegangen.Weiterwirdgeprüft,obesgeschlechtsspezifischeUnterschiedegibt.
3.1.Kurzzeitfolgen
„Unter Kurzzeitfolgen werden zum einen unmittelbare Reaktionen des Kindes auf die sexuelle MisshandlungundzumanderenmittelfristigeFolgenverstanden,diebeidenKinderninnerhalb der ersten beiden Jahre nach Beginn der sexuellen Misshandlung auftreten.“ (Moggi, 2004, S.318)
SiekönneninvierGruppenunterteiltwerden.
3.1.1.KörperlicheVerletzungen
Häufige körperliche Verletzungen sind Entzündungen, Blutergüsse und Striemen im genitalen, analenundoralenBereich.WeitersindGeschlechtskrankheitenwiebeispielsweiseAidsmöglich. (vgl.beispielsweiseMoggi,2004,S.318)
3.1.2.Em otionaleReaktionen
Nach Deegener (1998) gehört Angst zu den verbreitetsten Folgeerscheinungen von sexuellem Missbrauch.DieAngstvordemTäter,AngstvorweiteremMissbrauchundAngstvorSchlägen kann sogar soweit führen, dass die Kinder eine allgemeine Abneigung gegenüber Männern entwickeln(S.90-91).
Eine weitere sehr häufige Folge sind nach Bauernfeind und Schäfer (1992) Schuldgefühle. Das KindsuchtinseinerSituationvonOhnmachtverzweifeltnacheinemSchuldigenundfindethäufig sich selbst. Schliesslich hat es ja selbst mitgemacht und sich nicht gewehrt, es verspürte ja vielleicht sogar selbst eine sexuelle Erregung. Solche andauernden Schuldgefühle können zu eineminnerenpsychischenZerfall,zuAbspaltungssymptomenmitgeistigerAbwesenheitundzu Realitätsfremdeführen(S.163-164).
Aufgrund ihrer hoffnungslosen Situation entwickeln viele Kinder Depressionen.Sietrauernum ihre verlorene Kindheit und sind vor allem beim inzestuösen Missbrauch voller Enttäuschung, dasseinnahestehenderMenschsolcheTatendurchführenkann.InFällen,indeneneinemnie-mandglaubt,hegendieOpferhäufigSelbstmordpläne,umeinenAuswegausdieseraussichtlosen Situation zu finden. Selbstverstümmelungen (Nägelkauen, Haareausreissen, Schnittverlet-zungen,BrandfleckenvonausgedrücktenZigaretten)alsFolgevonnichtausgelebtenAggressio-nen,WutundSchuldgefühlensindebenfallsrelativhäufig.(Deegener,1998,S.93,102-103) Scham-, Schuld-, Minderwertigkeits- und Erniedringungsgefühle können zu einem geringen Selbstwertgefühl führen. Diese werden durch Schuldzuweisungen durch die Täter zusätzlich
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verstärkt. (Deegner, 1998, S. 93; Huser-Studer & Leuzinger, 1992, S. 16). Conte (1988, zit. in Gahleitner, 2000, S. 103) fand in seinen Untersuchungen heraus, dass 33 Prozent (nach Auf-deckungdesMissbrauchs)undsogar42Prozent(einJahrnachAufdeckung)derOpfereindeut-lichschlechteresSelbstwertgefühlundwenigVertraueninihreeigenenFähigkeitenhatten. MagersuchthatsehrhäufigsexuelleMisshandlungalsUrsache.DurchdasHungernwillsichdas Opfer unattraktiv und unansehnlich machen. Bei oralen Vergewaltigungen wird der Mund zu einer Ekelzone. Das Kind kann nichts mehr essen. Auch die Fresssucht dient zum Schutz vor weiteren Misshandlungen. Huser-Studer und Leuzinger (1992) sehen noch einen weiteren GrundfürdieseEssstörungen:„SowohlEsssuchtwieauchMagersuchtsindVersuche,dieMacht überdeneigenenKörperzurückzugewinnenunddieimmerwiedererlebteOhnmachtzubesiegen. Das „Sich-Übergeben“, das meist beide Formen der Essstörungen begleitet, kann als Versuch gesehen werden, die schrecklichen Erlebnisse aus dem Körper herauszubringen.“ (S.16).
3.1.3.Psychosom atischeFolgen
MisshandelteKinderleidenhäufiganSchlafstörungenundAlpträumen.Grunddafürist,dasssie Angsthaben,dassihnenindieser„PhasederAbwesenheit“etwaszustossenkönnte.Sieschlafen sehr unruhig und wachen oftmals schreiend und Schweiss gebadet auf. (Deegener, 1998, S.92;Gahleitner,2000,S.98;Huser-Studer&Leuzinger,1992,S.15) Kopf-,Hals-,Magen-undUnterleibsschmerzenohnekörperlichenBefundkönnenalsFolgedes emotionalenStressesauftreten(Deegner,1998,S.95).
NachDeegener(1998)sindBettnässenundEinkotenzweiweiterehäufigeSymptomesexuellen Missbrauchs. Einnässen und Einkoten kann als Ausdruck der Verunsicherung, Aggression und Angstgedeutetwerden.WeiterdienendieseMittelhäufigdazu,demTätereineekelvolleSitua-tionzupräsentieren,umsichvorweiterensexuellenHandlungenzuschützen(S.96). DiepsychischeBelastungundderGeheimhaltungszwangkönnenbeidenKindernzuSprachstö- rungen,LegasthenieundsogarzuVerstummungführen(Deegener,1998,S.96;Huser-Studer& Leuzinger,1992,S.16).
3.1.4.StörungendesSexual-undSozialverhaltens
Verschiedene Autoren bezeichnen als eine der häufigsten Verhaltensstörungen den sozialen Rückzug.DieseAbkapselungtritthäufigalsNebenerscheinungdesniedrigenSelbstwertgefühls auf. Die Opfer fühlen sich minderwertig, bezeichnen sich selbst als sündig und vermeiden so jegliche sozialen Kontakte. Ein anderer Grund für diese Abschottung kann auch die Angst vor einem weiteren sexuellen Missbrauch sein. Denn häufig hatten die Betroffenen vor der Miss-handlung ein sehr inniges Verhältnis zum Täter. (Deegener, 1998, S. 97-98; Gahleitner, 2000, S.105;Huser-Studer&Leuzinger,1992,S.17)
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Arbeit zitieren:
Simon Lussi, 2005, Sexueller Missbrauch bei Jungen und Mädchen, München, GRIN Verlag GmbH
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