1 Einleitung
„Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen
und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungs- losen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.“ 1
Die Äußerung des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering stellt auf den ersten Blick eine über-
spitzte und extrem vereinfachte Aussage dar, dennoch stehen diese Ausführungen symbolisch
für einige essentielle Strukturen und Verhältnisse die im gegenwärtigen ökonomischen Mo-
dell der Bundesrepublik Deutschland erkennbar sind. Innerhalb dieses Systems kam es in den
letzten Jahren zu massiven Veränderungen, die nicht nur auf den ökonomischen Bereich be-
grenzt blieben. Dabei erfolgte eine schrittweise Annäherung des kontinentaleuropäischen Ka-
pitalismusmodells an das angelsächsische Modell 2 . Erste Anzeichen für eine Veränderung
zeigten sich bereits zu Beginn der 1990er Jahre. So häuften sich die Meldungen über (feindli-
che) Übernahmen von deutschen durch ausländische Unternehmen und die Aktivitäten auf
den Kapitalmärkten nahmen rapide zu. Mit dem Boom der New Economy 3 wurden diese Ver-
Dieses Zitat ist Bestanteil einer Rede von Franz Müntefering mit dem Titel ‚Freiheit und Verantwortung‘. Der Redetext wurde wortwörtlich in den Programmheften der SPD vom Januar und April 2005 wiederholt Neben dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Modell lässt sich bis in die Mitte der 1990er Jahre auch das asiatische Modell aufführen. Alle drei Formen des Kapitalismus weisen für sich ganz spezifi- sche Eigenschaften auf. So ist der angelsächsische Kapitalismus durch starke Deregulierungsstrategien und Liberalisierungstendenzen geprägt (vgl. Hank 2000: 53). Das kontinentaleuropäische Modell ist demgegen- über dadurch gekennzeichnet, dass dem Konsens innerhalb der Interessenfindung eine höhere Bedeutung beigemessen wird und der ‚freie‘ Wettbewerb einen geringeren Stellenwert einnimmt als im angelsächsi- schen Modell (vgl. Hank 2000: 63). Das asiatische Modell galt bis zu den großen Finanzkrisen Mitte der 1990er Jahre als ‚Wunderkind der Weltwirtschaft‘. Dieses System ist gekennzeichnet durch eine relativ große Offenheit gegenüber ausländischen Investoren und Innovationen. Unternehmen, die hier agieren sind durch eine Langfristorientierung gekennzeichnet, die auf enge Beziehungen bauen und eine wichtige Rolle bei den Aushandlungsprozessen zwischen den ökonomischen Akteuren spielen (vgl. Hank 2000: 75).
Der Begriff der ‚New Economy‘ der seine deutsche Manifestierung im ‚Neuen Markt‘ findet, steht als Sinn- bild für den raschen Aufstieg und Niedergang einer ganzen Branche. Durch das Aufkommen neuer Kommu- nikationsformen und hier im Besonderen der Computer- und Internettechnologien konnte ein sprunghafter Anstieg in diesem Wirtschaftssegment beobachtet werden. Die in der ‚Old Economy‘ betriebene Massenfer- tigung von Produkten ist in der Sichtweise der ‚New Economy‘ überholt. Stattdessen soll der weltweite Wettbewerb um Informationen und innovative Ideen an dessen Stelle treten (vgl. Buch et al 2003: 1). Der ‚Hype‘ der sich um dieses Marktsegment formierte und seinen Ausdruck in den Kursdaten der NASDAQ o- der des NEMAX wiederfand erreichte teilweise gigantische Höhen. So lag der Kurswert des Onlineanbieters Yahoo zeitweise deutlich höher als der von etablierten Unternehmen wie Daimler-Chrysler oder Boeing (vgl. Buch et al 2003: 5). Das Auftauchen von Insolvenzen und das Verfehlen von Geschäftszielen führten dazu, dass sich das Vertrauen der Anleger und institutionellen Investoren in dieses Marktsegment verringerte, was die Finanzierungsmöglichkeiten dieser Unternehmen, die sich primär über die Ausgabe von Aktien finanzier-
änderungen auf breiter Ebene sichtbar. Aktienhandel wurde zum Inbegriff für schnellen und
reibungslosen Liquiditätsbezug. Neue, junge Unternehmen mit teilweise waghalsigen Ideen -
die oft auch nur Ideen blieben - ‚schossen aus dem Boden‘ und erlebten für kurze Zeit einen
gigantischen Boom. Besonders häufig konnte dabei beobachtet werden, dass diese Unterneh-
men auf den Kapitalmärkten erheblich mehr ‚wert‘ waren als es der realen Unternehmensent-
wicklung entsprach. Dies führte zu erheblichen Überbewertungen, die angetrieben durch ei-
nen – besonders durch mediale Vermarktungsstrategien - fern der Realität liegenden Opti-
mismus und Glauben, in dem sich die ‚Hoffnungen‘ widerspiegelten schnell und unkompli-
ziert an den Renditen der Unternehmen zu partizipieren. Die Spekulationen erreichten Aus-
maße, in denen die Erwartungen und die tatsächlichen Entwicklungen der Unternehmen sich
immer mehr von einander ‚entfernten‘ (vgl. Soros 2008) und sich eine Spekulationsblase auf-
bauen konnte die in einem Crash im Jahre 2001 kollabierte und dabei viele Kleinanleger, die
den ‚verlockenden und verheißungsvollen Stimmen der Finanzbranche‘ gefolgt waren, in den
finanziellen Ruin trieb. Auch ein Großteil der Unternehmen an diesem ‚Neuen Markt‘ ging zu
Grunde oder wurde aufgrund des niedrigen Aktienkurses von anderen größeren Unternehmen
aufgekauft. 4 Dieses Beispiel der New Economy verdeutlicht dabei nur die ‚Spitze des Eisber-
ges‘ an Erscheinungen die seit der Mitte der 1990er Jahre zu beobachten sind. Die Verände-
rungen, die auf dem ‚Neuen Markt‘ am deutlichsten hervortraten, konnten auch in vielen an-
deren großen Unternehmen beobachtet werden. 5 Hinter diesen Veränderungen offenbart sich
ten in erheblichen Maße störte und zum Zusammenbruch vieler Unternehmen auf diesem Markt führte (vgl. Moldenhauer 2004: 2; Kühl 2003).
Diese Entwicklung beschreibt George Soros als typischen Verlauf eines Boom/Bust Zyklus. Dieser Prozess beginnt immer mit der Entwicklung eines herrschenden Vorurteils (für die Entwicklungen der New Economy bedeutete dies etwa die gigantischen Entwicklungen im Hochtechnologiebereich). In einer ersten Phase ist der Trend dabei kaum wahrnehmbar. Erst in der Phase der Beschleunigung wird dieser Trend auch einem breiten Publikum verdeutlicht (vgl. Soros 2000: 89). Dieser Sachverhalt bewirkt, dass das Vorurteil und der Trend weiter verstärkt werden. Der gesamte Prozess erfährt eine Beschleunigung und die Realität vermag den übertriebenen Erwartungen nicht mehr gerecht zu werden. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt der Wendepunkt dar von dem aus sich das Vorurteil in das Gegenteil kehrt und zu einer ‚Beschleunigung‘ in die entgegengesetzte Richtung führt und in einem Crash der Finanzmärkte münden kann (vgl. Soros 2000: 89). Dieses durch Soros geprägte Modell stellt eine Möglichkeit dar, Krisen an den internationalen Finanzmärkten nachzuzeichnen sowie neu auftauchende Konflikte zu erkennen.
Die Veränderungen konnten dabei nicht in der gleichen Intensität in verschiedenen Unternehmen beobachtet werden. Gerade für Deutschland lassen sich Einzelfallanalysen von Unternehmen aufzeigen, die mit unter- schiedlichen Strategien den Shareholder-Value Ansatz in ihren Unternehmen implementierten. Als ein eher radikales Beispiel lässt sich die Umstrukturierung des Hoechst Konzerns aufführen. In diesem, bis zu seiner Umorientierung, stark diversifizierten Unternehmen mit unterschiedlichen Schwerpunktsegmenten konnte eine radikale Abkehr vom rheinischen Kapitalismus beobachtet werden. Im Zuge der Transformation kon- zentrierte sich der Konzern auf die Bereiche des Life Science Segmentes und löste sich von seinen Chemie- segmenten. Hoechst steht damit für die radikale Abkehr vom Stakeholdersystem. Ende der 1980er Jahre hatte der Konzern seine wichtigsten Wettbewerbsvorteile in einigen Segmenten verloren und die Gewinnmargen
ein Bild indem das Modell des Rheinischen Kapitalismus‘ 6 schrittweise durch den auf die
‚Erwirtschaftung‘ des Shareholder-Value ausgerichteten angelsächsischer Kapitalismustyps
auf- und abgelöst wird. Der Kapitalmarkt und die Bewertung durch die Aktionäre avancierten
zum neuen Leitmotiv für viele Unternehmen. Teilweise konnten dabei Aktivitäten auf den
Kapitalmärkten beobachtet werden, die so im deutschen Modell bisher nicht bekannt waren.
Damit sind die Aktivitätszuwächse von Finanzmarktakteuren, wie etwa ‚Hedgefonds‘ 7 oder
‚Private-Equity-Fonds‘ 8 gemeint, die mit vollständig auf die Finanzspekulation ausgelegten
Intentionen in die Eigentümerstrukturen deutscher Unternehmen eintreten, um entweder durch
reine Finanzspekulation oder durch den Einkauf in ein Unternehmen – mit dem Ziel von die-
gingen dramatisch zurück (vgl. Vitols 2003 (a): 207). Mit dem Vorstandsvorsitzenden, Jürgen Dormann, ge- langte 1994 ein Manager an die Spitze des Unternehmens für den der
Shareholder-Value
zu den wichtigsten Unternehmenszielen avancierte. Der Zusammenschluss mit dem französischen Unternehmen Rhone-Poulenc zu Aventis sollte dem Unternehmen die nötige Marktmacht erschließen, um mit anderen, insbesondere US- amerikanischen Unternehmen, konkurrieren zu können (vgl. Vitols 2003 (a): 209). Ein weniger radikaler Wandel findet sich ebenfalls in der Pharmabranche im Bayer Konzern wieder. Dieses Unternehmen vollzog einen maßvollen Wandel im Rahmen der Unternehmenstradition. Zwar gewann auch hier eine finanzorien- tierte Unternehmenspolitik zunehmend an Bedeutung, dennoch wurden auch Bekenntnisse zum rheinischen Kapitalismus geäußert, um auch zukünftig wichtige Entscheidungen mit den Stakeholdern zu koordinieren (vgl. Vitols 2003 (a): 211). Der Hauptfokus der Aktivität des Unternehmens sollte weiterhin auf den vier Kernbereichen (Polymere, Chemie, Gesundheit und Agrarprodukte) liegen, dennoch wurden auch hier unren- table Unternehmensbestandteile abgestoßen oder verkauft (vgl. Vitols 2003 (a): 212).
Der Begriff rheinischer Kapitalismus steht als eine Art Synonym für den Kapitalismustyp kontinentaleuropä-
Hedgefonds stellen eine besondere Spielart von Kapitalanlagegesellschaften dar (vgl. Deutsche Bundesbank 1999: 31-44). Die allgemein(en) üblichen Bestimmungen für Investmentfonds gelten für sie nicht und sie un- terliegen damit faktisch keiner Aufsicht. Sie bewegen sich überwiegend im regulatorisch und aufsichtsrecht- lich freien Niemandsland, sind frei für die Wahl ihrer Anlagemöglichkeit und können so ein bedeutend höhe- res Risiko eingehen (vgl. Huffschmid 1999: 92). Dies ist auch einer der Gründe warum sie überdurchschnitt- lich hohe Gewinne produzieren. Die Gefahr die sich aus den Aktivitäten der Hedgefonds ergibt besteht in ei- nem konzentrierten Einsatz der finanziellen Mittel verschiedener Fonds gegen ein erkorenes Anlageobjekt. Die Fonds verfolgen unterschiedliche Ziele. So existieren Fonds, die global agieren und weltweit nach lukra- tiven Anlagemöglichkeiten suchen (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Fondsform bilden Makro Fonds. Diese spekulieren auf makroökonomische Entwicklungen (in der Regel mit Wechselkursen) (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere spekulative Form von Hedgefonds findet sich in marktneutralen Fonds wieder. Deren Tätigkeit besteht darin, bestimmte Zins- oder andere Einkommensunterschiede auszunutzen. So leihen sich diese Fonds etwa in Ländern mit niedrigen Zinsen Kapital, um dieses in anderen Ländern mit hohen Zinssätzen gewinnbringend weiter zu veräußern (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Strategie stellen ereignisgetriebenen Fonds dar. Diese setzen auf Marktbewegungen, aufgrund besonderer Ereignisse wie etwa Fusionen oder Zusammenbrüche von Unternehmen (vgl. Huffschmid 1999: 96).
Unter Private-Equity-Fonds versteht man Fonds in denen durch die Investition von privatem Eigenkapital in nicht börsennotierte Unternehmen eine über den in ‘Public Fonds’ liegende Rendite erreicht werden soll (vgl. Botzenhardt 2007: 5). Die durchgeführte Investition ist dabei auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Über diese Fonds sammeln spezielle Gesellschaften Gelder von privaten Investoren um diese anschließend in ge- eignete Investitionsobjekte zu investieren (vgl. Koss 2006: 136). Das Ziel der Fonds besteht langfristig darin die Beteiligung an einem Unternehmen an der Börse oder an ein anderes Unternehmen zu veräußern. Eine Unterform des Private-Equity findet sich im Venture Capital wieder. In solchen Unternehmen dient eine sol- che Finanzierung dazu, noch relativ junge Unternehmen, die sich in einer frühen Entwicklungsphase befin- den, aufzubauen mit dem Ziel diese gewinnbringend zu veräußern (vgl. Huffschmid 2007: 31ff.; Koss 2006: 136; Kühl 2003).
sem die profitabelsten Unternehmensanteile zu entfernen und den Rest des Unternehmens wieder abzustoßen - auf relativ schnelle Weise eine hohe Rendite für die Anleger zu ‚erwirt- schaften‘. 9 Diese neuen Akteure stellen dabei jedoch nur einen kleinen und bezogen auf die ökonomischen Verhaltensweisen extremen Teil der Veränderungen dar, die zu beobachten sind, denn auch in der Ausrichtung der ökonomischen Aktivitäten vieler Unternehmen konn- ten entscheidende Tendenzen einer Annäherung des deutschen Modells an das angelsächsi- sche festgestellt werden. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen diese Veränderun- gen, die in den letzten Jahren zu beobachten waren, darzustellen. Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die Beschreibung der für die Bundesrepublik Deutschland bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein typischen Stakeholderkoalition, um an dieser zu erörtern, wel- che Bedingungen es waren die zu einer Veränderung - hin zu einer ‚Shareholderisierung‘ - führten. Im Spezifischen wird dabei auch auf die besondere Rolle charakteristischer Akteure eingegangen deren Bedeutung in der Forcierung und Entfaltung dieser neuen Entwicklungen von entscheidender Bedeutung ist.
Neben diesen radikalen Akteuren kann eine Veränderung auch dahingehend festgestellt werden, dass die Geldanlage zunehmend durch sogenannte institutionelle Investoren professionalisiert wird (vgl. Huffschmid 1999: 82).
Allgemeine Veränderungen in der ökonomischen Sphäre
Die drastischen institutionellen Veränderungen, die sich innerhalb der ökonomischen Sphäre zu Beginn der 1990er Jahre abspielten, lassen sich allgemein zusammenfassen als eine Ab- kehr von der bis dahin gültigen Corporate-Governance-Struktur 10 deutscher Prägung. Die Zielverschiebungen in der strategischen Ausrichtung lösten in der Folge Umwälzungsprozes- se in der internen Strukturierung vieler Unternehmen aus. Verstärkt konnte dieser Aspekt zu Beginn der 1990er Jahre in großen, international agierenden Konzernen beobachtet werden. 11 Doch im Laufe der Zeit erfasste dieser Wandel auch weitere, kleinere börsennotierte Unter- nehmen. Das primäre Unternehmensziel lag nun nicht länger in einer auf (langfristigen) Wachstum vieler verstreuter Unternehmenssegmente ausgerichteten Unternehmensstrategie sondern die Führung der Unternehmen richtete sich zunehmend an den Interessen der Aktio- näre aus (vgl. Höpner 2003: 15). Diese Orientierung wird als Shareholder-Value bezeichnet und ist auf eine dauerhafte Steigerung des Aktionärsnutzens angelegt 12 . Anderen Interessen- gruppen, zu denen auch die Arbeitnehmer oder die Gewerkschaften gezählt werden, wird da- bei ein insgesamt sinkender Bedeutungsgehalt beigemessen.
Der Argumentationsausgangspunkt beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche ursprüngli- chen, originären systematischen Eigenschaften das ‚Deutsche Modell‘ kennzeichneten und welche spezifischen Charakteristika es prägten. Im Anschluss daran werden die Bedingungen aufgezeigt, deren Folgen zur schrittweisen ‚Zersetzung‘ dieses Systems führten.
10
Unter dem Begriff Corporate Governance versteht man die Regeln und die betrieblichen Institutionen nach denen Unternehmen beherrscht werden. Dabei werden die spezifischen Eigenschaften der für das System ty- pischen Strukturmerkmale analysiert und beschrieben (vgl. Hall/Soskice 2001: 21-27; Deeg 2006: 84ff.).
11
Als radikale Beispiele lassen sich hierfür die Umorientierung der Deutschen Bank und des Allianz Versiche- rungskonzerns auf das
Shareholder-Value
Konzept benennen. Diese beiden Unternehmen zeichneten sich durch eine hohe Verflechtungsdichte mit anderen Unternehmen aus und bildeten so das Zentrum der ‚Deutschland AG‘. Die Deutsche Bank orientierte ihre Aktivitäten auf das Investmentbanking und vollzog so eine Abkehr vom bis dahin verfolgten Hausbankenprinzip (vgl. Beyer 2003: 123f.). Auch der Allianz Kon- zern orientierte seine Geschäftspolitik auf globaler Ebene um und vollzog so schrittweise eine Abkehr von der ‚Deutschland AG‘ (vgl. Beyer 2003: 132ff.).
12 Alfred Rappaport kann als der Begründer des Shareholder-Value Ansatzes benannt werden und lieferte mit seinem Buch ‚Creating Shareholder-Value‘ eine der Grundlagen für die ökonomischen Aktivitäten von bör- sennotierten Unternehmen (Rappaport 1986).
Der Ausgangspunkt –
Der
Rheinische Kapitalismus
und das Stakeholdersystem
Das Stakeholdersystem und die damit einhergehende systemspezifische ‚Unternehmenskoali-
tion‘ zeigt gravierende Unterschiede im Vergleich zum Shareholder-Value-System. Einer der
wesentlichen Differenzen liegt in der Ausrichtung des Informationsflusses innerhalb der Un-
ternehmen. So lässt sich das Stakeholdersystem als ein Insidersystem bezeichnen, in dem der
Informationsfluss zwischen den beteiligten Akteuren auf internen Kommunikationswegen
festgelegt und ausgerichtet ist (vgl. Höpner 2003: 24). Dies produzierte ein Informationsgefäl-
le. Für außenstehende Akteure war es dadurch äußert schwierig, in die internen Strukturen
eines Unternehmens Einblick zu erhalten. Verstärkt wurde dieser Aspekt durch Bilanzie-
rungsregeln, die es dem Top-Management eines Unternehmens erlaub(t)en, stille Reserven in
Form von Rücklagen zu bilden und diese nicht an die Aktionäre auszuschütten (vgl. Höpner
2003: 24). Mit diesem Sachverhalt steht ein weiterer Aspekt in enger Verbindung der dadurch
gekennzeichnet ist, dass deutsche Unternehmen bis in die Mitte der 1990er Jahre über stabile
Aktionärskreise verfügten. Diese setzten sich zumeist aus Unternehmen und Banken 13 , aber
auch aus den ursprünglichen Familieneigentümern sowie Gewerkschaften zusammen (vgl.
Höpner 2003: 24). Typisch für diesen stabilen Aktionärskreis ist, dass primär langfristige stra-
tegische Ziele im Unternehmen verfolgt werden und kurzfristige Interessenbefriedigungen,
etwa durch hohe Renditeerwartungen, in den Hintergrund treten. Ein weiteres charakteristi-
sches Merkmal der Unternehmensführung im Rheinischen Kapitalismus bestand in der beson-
deren Bedeutung die den deutschen Großbanken zugeschrieben wurde. Diese fungierten pri-
13
Jürgen Beyer (1998) hat in einer Studie explizit diese Strukturen analysiert und dabei enge Verflechtungen
(Personal- und Kapitalverflechtungen) festgestellt. Diese Netzwerke besaßen unterschiedliche Funktionen. Zum einen dienten sie als Schutz vor externen Übergriffen, das heißt, deutsche Unternehmen agierten in ei- ner ‚geschützten Umgebung‘, in die kaum ausländische Unternehmen eindrangen. Diese Schutzfunktion er- klärt auch die kaum vorhandene Anzahl feindlicher Übernahmen, welche auf die Funktionsweise dieser Netzwerke zurückzuführen ist (vgl. Beyer 1998: 83). Neben dieser Schutzfunktion konstatiert Beyer weiter, dass diese Netzwerke auch eine regulierende Funktion ausübten, das heißt, kein Unternehmen konnte ein an- deres dominieren. Durch den wechselseitigen Austausch von Führungskräften in die Aufsichtsgremien eines anderen Unternehmens wurden Strategien aufeinander abgestimmt, was es für einzelne Unternehmen unmög- lich machte, bestimmte Ziele zu verfolgen, deren Resultat in eine dominierende Marktposition führen sollte (vgl. Windolf 1997: 88). Die Banken entsendeten durchschnittlich häufiger Vertreter in die Aufsichtsräte an- derer Unternehmen (vgl. Beyer 1998: 134). Durch Personalverflechtungen erhielten sie dabei entscheidende Einblicke in die jeweiligen Unternehmen, was für sie natürlich die Kreditentscheidung wesentlich beeinfluss- te und auf diesem Wege konnte auch mäßigender Einfluss auf das Management ausgeübt werden (vgl. Beyer 1998: 137). Das Hauptaugenmerk deutscher Banken lag zu diesem Zeitpunkt in der Verfolgung makroöko- nomischer Ziele, deren primäres Interesse in der Stabilisierung des Wirtschaftssystems lagen (vgl. Windolf 1997: 89).
mär nach dem Hausbankenprinzip, dass heißt sie waren vorzugsweise für die Vergabe von Krediten verantwortlich (vgl. Höpner 2003: 24). Dies und die enge Verflechtung – durch Ka- pital- und Personalverflechtungen - mit den Unternehmen führten zu einem dichten, sich selbst schützenden Netzwerk. 14 Eine Schlüsselposition nahmen in diesem Netzwerk Versiche- rungen und Banken ein. Diese delegierten durchschnittlich häufiger Vertreter in die Auf- sichtsräte anderer Unternehmen (vgl. Beyer 1998: 134). Durch diese Verflechtungen erhielten die entsendenden Unternehmen entscheidende Einblicke in die jeweiligen Zielunternehmen. Dadurch wurde es insbesondere für die Banken wesentlich vereinfacht, Einblicke in die Er- trags- und Leistungsfähigkeit eines Unternehmens zu erhalten, um so Kreditvergabeentschei- dungen zu treffen und gleichzeitig Einfluss auf das Management der Zielunternehmen nehmen zu können (vgl. Bey- er 1998: 137). In Abbildung eins ist eine schematisch vereinfachte Darstellung eines solchen Netzwerkes dargestellt.
Abbildung 1: Vereinfachte schematische Darstellung von Kapital- und Personalverflechtungen der ‚Deutsch- land AG‘
Quelle: In Anlehnung an Windolf 1997: 89)
14
Für dieses Netzwerk führten einige Autoren den Begriff der ‚Deutschland AG‘ ein. Dieser verweist auf die internen Strukturierungsmechanismen, die eine Schutzfunktion ausübten und so die beteiligten Unternehmen relativ gut gegen außenstehende Akteure abschirmten (vgl. Beyer 2003: 118).
Ein weiterer, bis heute erhaltener, charakteristischer Bestandteil des deutschen Stakeholder- systems besteht in der besonderen Aufteilung der Führungsebenen in Vorstand und Aufsichts- rat. Beide Organe üben dabei eine wechselseitig regulierende Funktion aus. Der Vorstand wird durch den Aufsichtsrat ernannt und unterliegt der ständigen Kontrolle durch die Mitglie- der dieses Gremiums. Dieser setzt sich aus Vertretern von Banken und/oder anderen Unter- nehmen zusammen. Der Vorstand selbst leitet die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens und setzt die operativen Zielsetzungen um (vgl. Höpner 2003: 24). Dieses zweigliedrige System stellt eine einzigartige Form der Unternehmenskontrolle dar, die in anderen Ländern so nicht vorzufinden ist. Für britische oder amerikanische Unternehmen ist es eher typisch, einen Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze eines Unternehmens zu haben, der einzelne Ge- schäftsaktivitäten und ökonomische Ziele vorgibt. Eine weitere Besonderheit des deutschen Stakeholdermodells spiegelt sich in der Rekrutierung und Zusammensetzung der Führungs- kräfte der Unternehmen und Konzerne wider. Diese wurden nicht wie in angelsächsischen Unternehmen extern von einem Markt für Führungskräfte rekrutiert, sondern stiegen zumeist aus dem Kreis der Arbeitnehmer in die jeweiligen Top-Positionen auf (vgl. Höpner 2003: 24). Dabei wurden viele Abteilungen des Unternehmens durch sogenannte ‚kaminförmige Karrie- ren‘ durchlaufen, um nach diesen grundlegenden Erfahrungen und entsprechender Leistungen in die ‚oberen‘ Leistungspositionen aufzusteigen (vgl. Hartmann 1996: 71).
Das Rheinische Modell lässt sich zusammenfassend als ein relativ stabiles System bezeichnen, dessen interne Kontrollmechanismen eine ausgleichende Funktion ausübten und es durch die netzwerkartigen Strukturen relativ resistent gegenüber externen Faktoren machte. Daraus er- gibt sich die Frage, welche Veränderungen eintraten, die zu einer langsamen ‚Zersetzung‘ dieses Systems führten.
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Matthias Völcker, 2009, 'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und dessen (soziale) Folgen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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