1. Einleitung und Gegenstand
Demographische Entwicklungen der letzten Jahre indizieren einen Zuwachs in der gesellschaftlichen Gruppe der Älteren, wohingegen die der Jüngeren stagniert und schrumpft. Somit stellen gesellschaftliche Entwicklungen die Politik - hier im Speziellen die Arbeitsmarktpolitik - vor neue Herausforderungen: Zum einen vor das Problem einer überproportionalen Frühverrentung Geringqualifizierter und zum anderen vor das der Langzeitarbeitslosigkeit. 1 Da es sich in beiden Problemfeldern zum Gros um strukturell bedingte Irritationen handelt, muss Arbeitsmarktpolitik bei relevanten Strukturmomenten ansetzen, um sinnvolle, unterstützende Maßnahmen gewährleisten zu können. Insbesondere ein in der Vergangenheit stetiger Zuwachs an Frühverrentungen erfordert eine Untersuchung dieses Phänomens und rückt somit die Personengruppe der Älteren in den Fokus dieser Arbeit. Für Ältere, die in der heutigen Zeit arbeitslos werden resp. sind, führen diese Entwicklungen zu einer besonders schwierigen Situation: Einerseits werden sie von Betrieben als „Belastung“ erlebt und gekündigt, können aber andererseits nicht mehr in Frühpension gehen. Aufgrund der ablehnenden Haltung der Betriebe haben Ältere besondere Schwierigkeiten, wieder einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Dies resultiert in dem Problem, dass Ältere oft jahrelang arbeitslos bleiben, bis sie endlich in Pension gehen können. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, Gründe für die Entstehung dieser Probleme zu beleuchten als auch deren sukzessive Veränderung durch den Lauf verschiedener Entwicklungen sowie Maßnahmen und Instrumente zu deren Bewältigung.
Der Begriff der Arbeitsmarktpolitik bedeutet konkret folgenden Sachverhalt: „Arbeitsmarktpolitik hat die Gestaltung des unmittelbaren Arbeitsmarktgeschehens und seiner Rahmenbedingungen zum Gegenstand.“ 2 Weiter ist sie vorrangig Aufgabe des Staates, der dem Anspruch gerecht zu werden versucht, durch quantitative wie qualitative Beeinflussung des Arbeitsmarktes (z.B. Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften) kompensatorische Effekte auf dem Markt zu fördern und der Entstehung von Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken resp. vorhandene abzubauen. Es stehen aber auch verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitssuchende im Vordergrund der aufgestellten Ziele. 3
1 Vgl. Bellmann/Dietz/Walwei, 2006, S. 69.
2 Bäcker, 2008, S. 534.
3 Ebd.
2
Es ist zu unterscheiden zwischen aktiven und passiven Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik: Passive Arbeitsmarktpolitik dient der materiellen Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit, aktive Arbeitsmarktpolitik zielt hingegen mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen auf die Beseitigung von Ungleichgewichten am Arbeitsmarkt ab. 4 Unter aktive Maßnahmen sind Instrumente wie z.B. Entgeltsicherung, Eingliederungszuschuss oder Förderung der Weiterbildung zu subsumieren, wohingegen unter passive Maßnahmen z.B. Altersteilzeit, Anhebung des Renteneintrittsalters als auch die Verringerung der maximalen Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld fallen. 5 Da aktive Instrumente die passiven im Laufe der Zeit zurückdrängen scheinen, ergibt sich somit die Momentaufnahme, dass sich die jüngeren Reformen der Arbeitsmarktpolitik am Leitbild der „Aktivierung“ orientieren - insbesondere am Primat des „Förderns und Forderns“ 6 - und diese sich daher als bedeutungsvoller im Vergleich zu den passiven Maßnahmen für diese Arbeit auszeichnen. Aufgrund dessen stehen aktive Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik für Ältere in Deutschland im Zentrum dieser Arbeit.
2. Entwicklung der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland
Im Laufe der letzten Jahrzehnte war Arbeitsmarktpolitik einer paradigmatischen Veränderung in Bezug auf Zielsetzung, instrumenteller und finanzieller Ausgestaltung sowie ihrer Verknüpfung mit angrenzenden Politikfeldern Veränderungen unterworfen. Um aktuelle Verhältnisse besser verstehen zu können, ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll, kurz auf die verschiedenen Paradigmenwechsel der Arbeitsmarktpolitik einzugehen.
1969 wurden beim ersten Paradigmenwechsel die aktiven Instrumente der Arbeitsmarktpolitik in den Vordergrund gestellt. Als „neue“ Qualität präsentierten sich Arbeitslosigkeit verhindernde, präventive Interventionen. Die utilitaristische Intention lag schwerpunktmäßig auf einer vorausschauenden Arbeitsmarktpolitik, welche sich auf Maßnahmen der Förderung beruflicher Mobilität durch Ausbildung, Umschulung und berufliche Fortbildung festgelegt hatte. Als teleologische Intentionen dürfen Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes, Verbesserung der Beschäftigungsstruktur und die Förderung des Wirtschaftwachstums angeführt werden. 7
4 Vgl. Pilz, 2004, S. 146.
5 Vgl.Eichhorst/Sproß, 2005, S. 4.
6 Vgl. Stascheit, 2007, S. 271f.
7 Vgl. Bäcker, 2008, S. 540.
3
1997/98 stellte sich der zweite Paradigmenwechsel als Zäsur im beschäftigungspolitischen Anspruch der Arbeitsmarktpolitik dar, indem dieser lapidar aufgegeben wurde. Ziel war nun nicht mehr die Herstellung und Aufrechterhaltung eines hohen Beschäftigungsstandes. Auch wurde der präventive Aspekt nur noch nachrangig verfolgt. Die Einführung des Primats der Nachrangigkeit der Arbeitsförderung verweist indirekt auf die neue, „besondere“ Verantwortung, die den Arbeitsmarktbeteiligten nun zugeschrieben wird. Auch sollten „…wettbewerbsfähige Arbeitsplätze nicht gefährdet werden…“. 8
Der dritte Paradigmenwechsel 2001 wurde überschattet von der Einführung der Hartz VI Gesetze. Diesen kommt eine besondere Bedeutung zu, denn hier wird Arbeitsförderung als ein Abbau des Arbeitslosenbestandes begriffen (durch verkürzte, individuelle Dauer von Arbeitslosigkeit). Realisieren wollte man diese Vorstellung durch einen schnelleren Ausgleich von Angebot und Nachfrage. 9 Als Zielgrößen werden hier in Anlehnung an das SGB III „Beschäftigungsfähigkeit“ und „Erwerbsfähigkeit“ verfolgt, um so dem Gedanken eines hohen Beschäftigungsstandes sowie der Vermeidung unterwertiger Beschäftigung gerecht werden zu können.
Ähnliche Strukturmomente der Maßnahmen des ersten und dritten Paradigmenwechsels legen den Schluss nahe, dass hier strategisch - mittels arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen - das Ziel der Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes verfolgt wurde. Weiter skizzieren Maßnahmen sowie Effekte der Paradigmenwechsel eine Prognose, in der kurzzeitige Beschäftigung Arbeitsloser keine valide, dauerhafte Lösung arbeitsmarktpolitischer Probleme darstellt. Der Gedanke des Ziels und Förderung eines hohen, dauerhaften Beschäftigungsstandes - insbesondere auch im Hinblick darauf, Ältere länger im Betrieb zu behalten - trägt somit sicherlich einen Teil zur Lösung der Probleme dieses Themengebiets bei.
3. Situation Älterer auf dem deutschen Arbeitsmarkt
Betrachtet man die Alterspyramide unter Berücksichtigung künftiger Entwicklungen durch eine demographische Folie, so wird schnell ersichtlich, dass in naher Zukunft den Großteil der Arbeiter Ältere ausmachen werden. Wie sich die Situation Älterer auf dem Arbeitsmarkt präsentiert und welche Vor- bzw. Nachteile das Merkmal Alter als unabhängige Variable im
8 Vgl. Bäcker 2008, S. 540.
9 Ebd.
4
Kalkül des arbeitsmarktpolitischen Geflechts mit sich bringt, wird im Folgenden näher beleuchtet.
3.1. Alterstypisches Qualifikationsrisiko
Dem Prozess des Alterns sind Veränderungen von Qualifikationen unterschiedlichster Richtungen inhärent. So ist im Alter eine Zunahme von extrafunktionellen Qualifikationen (z.B. Zuverlässigkeit und Erfahrung) zu konstatieren wohingegen parallel eine Abnahme funktioneller Qualitäten (z.B. kognitive Funktionen, Schnelligkeit) zu verzeichnen ist. 10 Hieran wird deutlich, dass altersbedingte Probleme im Beruf genau dann auftreten, wenn Leistungselemente gefordert werden, welche mit zunehmendem Alter abnehmen. Insbesondere gilt dies für Berufe mit begrenzter Beschäftigungsdauer. 11 Als weiteres Qualifikationsrisiko für Ältere erweist sich ein altersselektiver Zugang zu Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen 12 , der in letzter Konsequenz ein zusätzliches Qualifikationsrisiko für Ältere bedeutet, wenngleich er nicht notwendig dessen Voraussetzung sein muss: Die Entwertung beruflicher Qualifikationen älterer Arbeiter im Zuge der Einführung neuer Technologien und/oder arbeitsorganisatorischer Innovationen und Veränderungen, an denen sie aufgrund des obig erwähnten altersselektiven Zugangs nicht partizipieren können. 13 Zu nennen bleibt noch eine berufs-, tätigkeits- oder betriebsspezifische Entwertung beruflicher Qualifikationen indem spezielles Arbeitsvermögen nicht gebraucht, beansprucht und somit letztlich abgebaut wird. 14
Eine zunehmende Technisierung 15 und die damit einhergehenden, geforderten anspruchsvolleren Qualifikationen und Kompetenzen messen dem Qualifikationsrisiko, dass Ältere an vielen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen nicht teilnehmen dürfen, eine ganz besondere Bedeutung zu und erheben somit konkrete arbeitsmarktpolitische Ansprüche.
3.2. Alterstypisches Krankheitsrisiko
Bei dem Begriff „alterstypische Erkrankungen“ korreliert in der Vorstellung der meisten Menschen die Intensität von Krankheit mit zunehmend biologischem Alter positiv und auch werden als Ursachen biologische angesehen. Tatsächlich sind „…biologische Alterungsprozesse als nahezu irrelevant…“ zu betrachten. 16 Vielmehr sind zunehmend
10 Vgl. Naegele, 2005, S. 216.
11 Ebd.
12 Vgl. Schiersmann, 2000, S. 284.
13 Vgl. Naegele, 2005, S. 216.
14 Ebd.
15 Vgl. Promberger, 2008, S. 74.
16 Vgl. Naegele, 2005, S. 216.
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Arbeit zitieren:
Marcus Gießmann, 2008, Aktive Arbeitsmarktpolitik für Ältere, München, GRIN Verlag GmbH
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