Vorwort
Das vorliegende Buch wurde ursprünglich als Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Diplom Betriebswirt (FH) an der Fachhochschule Regensburg eingereicht. Da es immer mehr Naturheilpraxen, Heilpraktiker, Heilpraktikeranwärter, Heilpraktikerschulen und Praxisgründer gibt soll diese Arbeit nun allen Interessierten zugänglich sein und dienen. Das Buch umfasst einen sehr ausführlich recherchierten theoretischen Teil mit vielen Zahlen, Fakten und Umfragen zum Markt für Naturheilkunde und Alternativmedizin der auch für Nicht-Heilpraktiker, die in diesen Märkten aktiv sind oder sich für diese Märkte interessieren (Verbände, Ärzte, Lehrer und Anwender für Techniken im Bereich der Naturheilkunde und Alternativmedizin) wichtige Informationen bietet. Des weiteren vermittelt dieser Teil ein betriebswirtschaftliches Basiswissen für Existenzgründer und legt somit den Grundstein für den praktischen Teil des Buches - ein Fallbeispiel mit Businessplan für Heilpraktiker - der das Buch abrundet.
Über den Autor
Ulrich Andrös, Jahrgang 1979 studierte Betriebswirtschaft in Regensburg und beschäftigt sich seit über 10 Jahren mit Naturheilkunde, Alternativmedizin, Schamanismus, Spiritualität und Psychologie. Er verbrachte lange Zeit in Südamerika und lebt derzeit in Spanien. Während seines Studiums hatte er Kontakt mit vielen Heilpraktikern und bekam dadurch sehr genauen Einblick in die betriebswirtschaftlichen Erfordernisse und Problematiken von Heilpraxen und Neugründungen. In seinem vorliegenden ersten Buch erstellt er eine Synthese aus wissenschaftlichem Ansatz (Studien, Statistiken, Umfragen), notwendigen theoretischen Grundlagen (Betriebswirtschaft) und praktischer Ausführung (Businessplan) zu einem an Bedeutung stark zunehmenden und bisher vernachlässigtem Thema.
Danksagung
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei allen, die mich während meines Studiums begleitet, unterstützt und gefördert haben und mir in Zeiten von Krankheit und Not beigestanden haben, sowie allen die mich bei der Erstellung dieser Arbeit unterstützt haben.
3
Die Gründung einer Naturheilpraxis -
Betriebswirtschaftliche Aspekte dargestellt an einem
Fallbeispiel
INHALTSVERZEICHNIS
I. Abkürzungsverzeichnis 8
A. Grundlagen 11
0. Einleitung 11
1. Einführung zum Thema 11
1.1. Arbeitsschritte 12
1.2. Historischer Hintergrund zum Beruf des Heilpraktiker 13
1.3. Aktuelle Umfragen zur Naturheilkunde 16
1.4. Zahlen und Fakten 18
1.5. Trends und Entwicklungen 21
1.6. Erfolgsfaktoren und Problemfelder des Berufsstandes 22
1.7. Persönliche Anforderungen 24
2. Rechtliche Erfordernisse 25
2.1. Rechtliche Grundlage des Heilpraktikerberufs 25
2.2. Relevante Gesetze und Vorschriften 25
2.2.1. Heilpraktikergesetz 25
2.2.2. Gesetzliche Einschränkungen 27
2.2.3. Wettbewerbsgesetze 28
2.2.4. Sonstige Vorschriften 29
2.3. Pflichten des Heilpraktikers 30
2.3.1. Berufsordnung 30
2.3.2. Aufklärungspflicht 30
4
2.3.3. Sorgfaltspflicht …………………………………………………….. 31 2.3.4. Schweigepflicht ………………………………………………….… 32 2.4. Behandlungsvertrag …………………………………………….… 33 2.5. Kontrollen ………………………………………………………….. 34 3. Betätigungsfelder ……………………………………………….… 35 3.1. Haupttätigkeit als Therapeut …………………………………..… 37 3.2. Nebentätigkeiten ………………………………………………..… 38 3.2.1. Kurse, Vorträge und Seminare ………………………………..… 38 3.2.2. Verband, Arzneimittelkommission, Prüfungsgremium ………… 39 3.2.3. Veröffentlichungen ………………………………………………… 39 3.2.4. Lehrauftrag ……………………………………………………….… 40 3.2.5. Verkaufstätigkeit …………………………………………………… 40 4. Die Praxis ………………………………………………………..… 40 4.1. Ausbildung ……………………………………………………….… 41 4.2. Praxisneueröffnung ……………………………………………..… 42 4.3. Rechtsform ………………………………………………………… 42 4.4. Räumlichkeiten ………………………………………………….… 44 4.5. Fortbildung ………………………………………………………… 45 5. Praxisführung ……………………………………………………… 45 5.1. Patientenmanagement ………………………………………….… 45 5.2. Mitarbeiterführung ………………………………………………… 47 5.3. Einkauf und Logistik …………………………………………….… 48 5.4. Arbeitsabläufe …………………………………………………...… 48 5.5. Organisation der Praxis ………………………………………...… 49 5.6. Abrechnung ………………………………………………………… 50 5.7. Netzwerke ………………………………………………………..… 51 6. Marketing ………………………………………………………….. 52 6.1. Marktforschung ……………………………………………………. 53 6.1.1. Marktanalyse ………………………………………………………. 53 6.1.2. Standortanalyse …………………………………………………… 53 6.2. Marketing-Mix ……………………………………………………… 54 6.2.1. Die angebotenen Dienstleistungen ……………………………… 54 6.2.2. Preispolitik ………………………………………………………..… 55
5
6.2.3. Vertrieb der Dienstleistungen ……………………………………. 56 6.2.4. Kommunikationspolitik …………………………………………… 56 7. Finanzen und Steuern ………………………………………….… 57 7.1. Gründungsfinanzplanung ………………………………………… 57 7.1.1. Planteil Investitionen und Abschreibungen …………………..… 58 7.1.2. Planteil Fixkosten und variable Kosten …………………………. 58 7.1.3. Planteil Markteinführungskosten und Gründungskosten ……… 59 7.1.4. Planteil Einnahmen/Ausgaben und Gewinn/Verlust …………... 59 7.1.5. Planteil Finanzierung und Liquidität …………………………….. 63 7.2. Steuern …………………………………………………………….. 64 7.2.1. Umsatzsteuer ……………………………………………………… 64 7.2.2. Einkommenssteuer ……………………………………………..… 65 7.2.3. Gewerbesteuer ……………………………………………………. 65 7.2.4. Buchführung ……………………………………………………..… 66 7.2.5. Steuerberater ……………………………………………………… 67 8. Risikomanagement ……………………………………………..… 67 8.1. Krankenversicherung …………………………………………….. 68 8.2. Berufs- / Betriebshaftpflichtversicherung ………………………. 69 8.3. Einrichtungs- / Betriebsversicherung …………………………… 70 8.4. Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung …………………… 70 8.5. Strafrechtsschutzversicherung ………………………………..… 71 B. Businessplan ……………………………………………………… 72 1. Zeitpunkt der Gründung ……………………………………….… 72 2. Gründerperson ………………………………………………….… 72 3. Gründungsvorhaben ……………………………………………... 73 4. Marktchancen …………………………………………………….. 75 5. Marketingstrategie ……………………………………………….. 76 6. Konkurrenz ………………………………………………………… 77 7. Wettbewerbskonzepte …………………………………………… 79 8. Zukunftsaussichten …………………………………………….… 80 9. Standort …………………………………………………………… 80 10. Kostenplanung ……………………………………………………. 81 11. Rentabilitätsvorschau ……………………………………………. 83
6
12. Gründungsfinanzplan 83
13. Rechtsform 88
14. Rahmenbedingungen 88
C. Schluss 90
II. Literaturverzeichnis 91
III. Anhang 95
IV. Tabellenverzeichnis 100
V. Abbildungsverzeichnis 100
7
A. Grundlagen
0. Einleitung
Zu Beginn der Arbeit möchte ich darauf hinweisen, dass im Text ausschließlich männliche Formen verwendet werden. Dies soll keine Diskriminierung des Weiblichen sein, sondern dient lediglich der besseren Lesbarkeit des Textes. Ziel der Arbeit ist die Erstellung eines schlüssigen und praktikablen Unternehmenskonzepts (Businessplans) für eine Naturheilpraxis auf der Basis eines fundierten, theoretischen Grundsteins, der im ersten Teil gelegt werden soll.
1. Einführung zum Thema
Bereits 1997 schrieb die damalige deutsche Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth im Heilpraktiker Jahrbuch, dass die Bedeutung der Naturheilkunde in den Jahren davor zugenommen habe [vgl. Foester 1997, 11]. Mittlerweile gehen an die zehn Millionen Bundesbürger regelmäßig oder gelegentlich zum Heilpraktiker. Das Bedürfnis nach Naturheilverfahren ist in den letzten Jahren nachhaltig gestiegen [vgl. VR 2003, 1]. „Heilpraktiker erkennen und heilen Krankheiten, die vor allem Störungen des seelischen und körperlichen Gesamtsystems sind, durch die Stärkung der natürlichen Abwehrkräfte. Dabei wenden sie Therapieverfahren an, die grundsätzlich aus der Natur- und Volksheilkunde übernommen sind, zum Beispiel Akupunktur 1 , Irisdiagnose 2 und Homöopathie 3 .“ [Stat. BA 2006, 33] So lautet die Berufsdefinition die vom Statistischen Bundesamt verwendet wird. Zu den Aufgaben und Tätigkeiten eines Heilpraktikers gehören die Anamnese (Erfragen der Lebens- und Umweltbedingungen des Patienten) und das Erstellen einer Diagnose (Zuordnen von Beschwerden und Symptomen zu einem Krankheitsbild), das Führen von Beratungsgesprächen und das Durchführen therapeutischer Maßnahmen sowie die Organisation der Praxis. In der Auswahl der angewandten Diagnose und Therapieverfahren ist der Heilpraktiker völlig frei. Jedoch ist die zuständige Gesundheitsbehörde im
1 Heilmethode der Traditionellen Chinesischen Medizin durch Einsetzen von Metallnadeln
2 Diagnose von Krankheiten aufgrund von Veränderungen der Farb- und Strukturmuster der Regenbogenhaut des Auges
3 Heilbehandlung mit hoch verdünnten, dynamisierten Arzneimitteln
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Einzelfall ermächtigt, eine Behandlungsmethode, deren Wirksamkeit und Gefährlichkeit umstritten ist, durch Ordnungsverfügung zu untersagen (OVG NW, 4.12.1985, Az 13 A 959/84).
Während Ärzte und Heilpraktiker Heilberufen nachgehen, wird jeder anderen Tätigkeit am Patienten (z.B. Krankenschwester, Masseur, Physiotherapeut) die Bezeichnung Heilhilfsberuf zugeordnet. Die Unterscheidung liegt in der Verantwortung und der Entscheidungsfreiheit. Heilhilfsberufler dürfen nur auf Veranlassung eines Heilberuflers am Patienten tätig werden (BFH BStBl II 1998, 453). Diese Definitionen sind eine wichtige Voraussetzung für das Textverständnis und geben die Möglichkeit, nun genauer auf die Vorgehensweise dieser Arbeit einzugehen.
1.1. Arbeitsschritte
Zunächst werden im allgemeinen Teil der Arbeit die wichtigsten Punkte einer Existenzgründung als Heilpraktiker erläutert, Erfolgsfaktoren aufgezeigt und Problemfelder diskutiert. Im praktischen Teil der Arbeit wird dann ein Businessplan für einen Heilpraktiker erstellt, der sich in der Stadt X niederlassen möchte. Um der Arbeit einen überschaubaren Rahmen zu geben, müssen vorweg einige Annahmen getroffen werden, die nachfolgend aufgezählt und begründet werden.
Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei der zu gründenden Praxis um eine Einzelpraxis ohne Angestellte handelt. Deshalb werden die verschiedenen Rechtsformen und die Themen Mitarbeiterführung und Zusammenarbeit entsprechend kurz gehalten. Eine Umfrage, die das Wickert -Institut 1999 im Auftrag der Stiftung Deutscher Heilpraktiker zur wirtschaftlichen Situation von Heilpraktiker-Existenzen durchführte, ergab, dass 79 % aller Praxen Einzelpraxen ohne Angestellte sind [vgl. Kreß 2005, 5]. Der Anteil der Gemeinschaftspraxen beträgt dieser Umfrage zufolge 5 %, während eine Statistik zwei Jahre später nur 1 % zählte [vgl. Rebmann 2005, 5]. Im Folgenden wird auch nicht das Heilpraktikertum im Nebenerwerb diskutiert, sondern der Status der Vollexistenz, den der Wickert - Umfrage zufolge 70 % der Praxen erreichen [vgl. Kreß 2005, 5]. Es wird von einer Praxisneugründung ausgegangen. Das Thema Praxisübernahme wird aufgrund der geringeren praktischen Relevanz nicht diskutiert. Aufgrund der zahllosen Behandlungsmethoden und unterschiedlichen Philosophien ist die Übernahme einer Heilpraxis wesentlich komplexer als die Übernahme einer
12
Arztpraxis. Gründe dafür sind die unterschiedliche Ausstattung, die für verschiedene Therapieverfahren benötigt wird, und das Phänomen, dass sich viele Heilpraxen in den Privathäusern der Praxisinhaber befinden, was eine Übernahme erschwert. Außerdem ist es sehr fraglich, ob die Patienten von einem Heilpraktiker zum anderen übergehen würden, oder ob sie sich ihren neuen Heilpraktiker nicht lieber selbst auswählen. Das Phänomen „Heilpraktiker“ ist im übrigen kein neues, sondern blickt inzwischen auch in der Bundesrepublik auf eine lange Geschichte zurück.
1.2. Historischer Hintergrund
Die Gewerbeordnung von 1869 gab Bürgern im Deutschen Reich, die sich berufen fühlten, Krankheiten zu erkennen und zu heilen, die Möglichkeit, ein Schild an der Tür anzubringen und Kranke mit Schlangengift, Heilerde oder sonstigen, beliebigen Heilmitteln zu behandeln. Einzig das Ausüben der Heiltätigkeit im Umherziehen war verboten. Auf verschiedenen Jahrmärkten Heilelixiere anzubieten und Kranke zu behandeln, wie vormals üblich, war durch die Gewerbeordnung strafbar geworden. Unter dem
nationalsozialistischen Regime wurde im Jahre 1939 ein Gesetz erlassen, das es für Heilkundige, die keine Ärzte waren, erforderlich machte eine Erlaubnis zu besitzen. Zugleich wurde den Heilern verboten, Ausbildungsstätten einzurichten. Somit war der Berufsstand auf Eis gelegt. Nur wenigen Ausnahmetalenten gelang es, durch ein Gutachtergremium zum Arzt für Naturheilkunde ernannt zu werden. Nach dem Krieg organisierten sich die Heilpraktiker und zogen vor Gericht. 1957 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass nach rechtsstaatlichen Grundsätzen jeder Bewerber einen Anspruch auf Erteilung der Berufserlaubnis besitzt [vgl. Mehler 1986, 121].
13
Abbildung 1
Zahl der Heilpraktiker mit eigener Praxis in der BRD 20000
15000
10000
5000
0
1950 1960 1970 1980 1985 1990 1995 2000 2005 Quelle: diverse Quellen des Literaturverzeichnis
Vor dem zweiten Weltkrieg betrug die Zahl der Heilpraktiker ca. 23 000, im Jahre 1960 gab es nur noch 2 700 zugelassene Heilpraktiker in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) [vgl. Engler 2007, 28]. Seit damals ist die Zahl der Heilpraktiker in der BRD stark angewachsen. Mehrere Statistiken belegen, dass es derzeit ca. 18 000 Heilpraxen gibt, bei jeder dritten handelt es sich jedoch um eine Teilzeitpraxis [vgl. Sparkasse 2004, 18]. Tabelle 1
Allgemeine Statistik für Heilpraktiker (Stand Januar 2008)
14
Quelle: http://www.adressen-im-trend.de/medizinadressen/heilberufe/heilpraktiker.html Auffallend ist die starke Schieflage zwischen Praxen in Ost und West, was sich durch die gesetzliche Zulassung von Ausbildungsstätten in der BRD erklärt, die es in der DDR nicht gab. Zudem fällt auf, dass der Anteil an Praxen mit eigener Internetseite und E-Mail Adresse noch erstaunlich niedrig ist. Die Zahl derer, die eine Heilpraktikererlaubnis besitzen, dürfte hingegen über 100 000 liegen, so die Verbandsfunktionärin Monika Gerhardus in einem Telefongespräch. Dafür spricht auch Tabelle 2, die zeigt, dass in den Jahren 2000 bis 2006 allein in Bayern 4 673 Personen die Zulassung erfolgreich erworben haben. Tabelle 2
Ergebnisse der zentralen Heilpraktikerüberprüfung in Bayern
Quelle: Landratsamt Ansbach, Gesundheitsamt, Ansbach 2007
Viele, die eine Erlaubnis besitzen, beabsichtigen jedoch gar nicht, eine Heilpraxis zu gründen, beispielsweise Apotheker, die durch die Ausbildung nur ihr naturmedizinisches Wissen erweitern wollen. Andere scheitern an der Neugründung und müssen die Praxis bald wieder schließen. Trotzdem
15
bestätigen diverse Umfragen den Aufwärtstrend im Bereich der alternativen Medizin, was im Folgenden genauer dargelegt werden soll.
1.3. Aktuelle Umfragen zur Naturheilkunde
Prof. Dr. Josef Beuth vom Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheil-kundlicher Verfahren am Universitätsklinikum Köln belegt mit seiner repräsentativen PASCOE-Studie von 2007 die wachsende Bedeutung der Naturmedizin 4 : „80,9 % der Bevölkerung bevorzugen die Naturmedizin als Primärmedizin. 91,8 % versprechen sich eine bessere Wirksamkeit und weniger Nebenwirkungen. Fast ein Drittel der Befragten hält sich im Hinblick auf Naturmedizin für gut oder sehr gut informiert.“ [@Prof.Beuth 2007] Allerdings gilt das Vertrauen hinsichtlich der Informationen zur Naturmedizin vor allem Ärzten und Apothekern.
Dr. Edgar Piel vom Institut für Meinungsforschung in Allensbach veranschaulichte in seinem Eröffnungsreferat „Naturheilmittel im Spiegel der Demoskopie“ beim 17. Deutschen Heilpraktikerkongress in Karlsruhe im Juni 2007 Einstellungen und Verbraucherverhalten im Trend. Seit 1970 ist der Anteil der Konsumenten von Naturheilmitteln von 52 % auf 66 % gestiegen, wobei der Anteil in den alten Bundesländern höher ist, als in den neuen. Unter den Verbrauchern befinden sich mehr Frauen als Männer. Vor allem in der Altersgruppe von 16 bis 44 Jahren hat sich der Anteil der Konsumenten von Naturheilmitteln seit 1970 deutlich erhöht. Freiberufler und Selbständige greifen häufiger zur Naturmedizin als beispielsweise Arbeiter. 66 % der Bevölkerung führen bei leichteren Erkrankungen eine Selbstmedikation 5 mit nicht verschreibungspflichtigen Mitteln aus der Apotheke durch. Vor 30 Jahren lag der Anteil bei nur 44 %. Sprachen sich damals noch 42 % gegen Selbstmedikation aus, sind dies heute nur noch 23 % der Bundesbürger. Naturheilkundlich stehen dabei vor allem Mineral- und Vitaminpräparate, sowie Arzneitees auf der Einkaufsliste. Nur in 9 % der Fälle wurden die Mittel von einem Arzt empfohlen; bei immerhin 14 % vom Apotheker. Überwiegend war die Kaufentscheidung aber durch Familientradition, Ratschläge von Freunden und den guten Ruf des Produkts beeinflusst. Die Gefahr von Nebenwirkungen
4 Unter Naturmedizin versteht man alle Medikamente aus dem Bereich der Homöopathie und der pflanzlichen Arzneimittel.
5 Unter Selbstmedikation versteht man, dass jemand bei Erkrankung das Medikament, das zur Besserung führen soll, selbst auswählt und kauft.
16
sahen 38 % bei chemischen Arzneimitteln als groß an, bei Naturheilmitteln jedoch nur 1 %. 69 % der Personen, die bereits Naturheilmittel benutzt hatten, erzielten gute Erfolge bei Erkältungskrankheiten. Bei allen anderen Beschwerdearten lagen die Erfolgsquoten nur zwischen 14 % und 27 %. Über 60 % der Bevölkerung greifen bei Krankheit und gesundheitlichen Beschwerden zum Teil auf Naturheilmittel zurück. Lediglich 4 - 5 % vertrauen ausschließlich den Naturpräparaten. Auch Kritik an den Ärzten und der Schulmedizin geht aus der Allensbach-Studie hervor. So beklagen 56 % der Bundesbürger den Zeitmangel der Ärzte und 45 % den mangelnden Einsatz an alternativen Heilmethoden. Kritisiert werden zudem die mangelnde ganzheitliche Sichtweise, das fehlende Wissen über Naturheilmittel und die rasche Verordnung von starken Medikamenten. Abbildung 2
17
Zudem sind 72 % der Deutschen überzeugt, dass viele körperliche Krankheiten psychische Ursachen haben. Die Haltung gegenüber psychologischer Beratung ist aber zweigeteilt, während Massagen, Vitamine und Akupunktur von der Mehrheit befürwortet werden. Die Bewertung der Naturheilkunde ist gespalten. 58 % des Gesamtbevölkerung wünschen sich mehr Ärzte und Therapeuten, die in diesen Verfahren geschult sind und 57 % glauben, dass mit Hilfe dieser Verfahren häufiger Patienten geheilt wurden, die die Schulmedizin schon aufgegeben hatte. 54 % sind der Ansicht, dass es auf dem Gebiet der alternativen Heilkunde viele Scharlatane und Pfuscher gibt und 39 % trauen diesen Methoden keine Wirksamkeit bei schweren Erkrankungen zu. 81 % sehen die Chance, dass sich Schulmedizin und alternative Verfahren gegenseitig ergänzen. Waren es im Jahre 2001 nur 7 % der Bevölkerung, die Informationen über Medikamente im Internet suchten, so stieg die Zahl bis 2006 auf 27 %.
Die zunehmende Bedeutung des Internets für den Gesundheitsmarkt bestätigte auch eine von T - Online im Jahre 2002 durchgeführte Umfrage unter Internetnutzern, die rezeptfreie Gesundheitspräparate wie Schmerzmittel oder Vitamine kauften. 35 % informierten sich übers Internet, das somit als Informationsquelle noch vor dem Fernsehen und Zeitschriften landete. Auch diese Befragung bestätigte, dass Frauen auf dem Gesundheitsmarkt als Zielgruppe klar vor den Männern liegen [vgl. @CoMed 2007]. Aussagen wie diese lassen sich jedoch nur schwer mit Zahlenmaterial untermauern.
1.4. Zahlen und Fakten
Es gibt zwar den Dachverband „Die Deutschen Heilpraktikerverbände“ (DDH), in dem die sechs größten Berufsverbände zusammengeschlossen sind um gemeinsam Kongresse zu veranstalten, jedoch konkurrieren die Verbände beim Anwerben neuer Mitglieder. Nicht zuletzt diese Zerstückelung bewirkt, dass die Zahlen und Statistiken auf dem Heilpraktikermarkt enorm voneinander abweichen. Monika Gerhardus, Organisatorin des größten deutschen Heilpraktikerkongresses in Karlsruhe, an dem 2007 über 4 000 Heilpraktiker teilnahmen, sprach im Rahmen der Eröffnungsrede von 14 000 den Beruf ausübenden Heilpraktikern mit einem jährlichen Marktvolumen der Abrechnungen in Höhe von derzeit ca. 1 Mrd. EUR. Dies sei allerdings nur eine vorsichtige Schätzung. Eine andere Quelle gibt schon für das Jahr 2002
18
einen Branchenumsatz für Heilpraktiker von 2,6 Mrd. EUR an, bei 18 000 praktizierenden Heilpraktikern [vgl. Rebmann 2005, 5]. Die Zahl, der von der zuständigen Berufsgenossenschaft erfassten Heilpraxen, hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht. Versichert werden müssen nur Angestellte in einer Heilpraxis, was dafür spricht, dass es in Deutschland weniger als 1000 Angestellte in Naturheilpraxen gibt. Tabelle 3
Entwicklung der Zahl der erfassten Naturheilpraxen und deren Mitarbeiter durch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Quelle: Statistik der BGW, Hamburg 2007
Hier besteht ein signifikanter Widerspruch zum Branchenbericht der Sparkassen - Finanzgruppe, die in ihrem Bericht auf Zahlenmaterial des Statistischen Bundesamtes zurückgreift, und bei 18 000 Heilpraktikern für eine Durchschnittspraxis von einer Mitarbeiteranzahl von drei Personen inklusive Praxisinhaber ausgeht [vgl. Sparkasse 2004, 19].
Auch bzgl. des Durchschnittsverdienstes von Heilpraktikern ergibt sich aus dem vorhandenen Zahlenmaterial kein klares Bild. Der Informationsdienst für Freie Berufe errechnete für das Jahr 2002 einen Durchschnittsgewinn vor Steuern von 62 843 EUR [vgl. Rebmann 2005, 13] und bewegt sich damit auf demselben Niveau wie der Branchenbericht der Sparkasse, der für das Jahr 2000 von 61 619 EUR Gewinn je Praxis spricht [vgl. Sparkasse 2004, 21]. Andererseits gab das Statistische Bundesamt in seinem Jahrbuch 2006 einen Durchschnittsgewinn für Heilpraktiker von 16 790 EUR an, während das Statistische Landesamt in Hessen für 2003 einen Wert von 16 820 EUR ermittelte.
19
Dass es sich beim naturheilkundlichen Markt um einen Wachstumsmarkt handelt, darüber herrscht hingegen Einigkeit. Als Beweis dafür gelten neben den Zahlen auch Indizien wie die Eröffnung der Deutschen Klinik für Naturheilkunde und Präventivmedizin (DKNP) und die erstmalige Übernahme von Akupunktur- und Homöopathiebehandlungen, allerdings durchgeführt von Ärzten für Naturheilverfahren, durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) [vgl. HVB 2006]. Die GKV bieten inzwischen naturheilkundliche Zusatzversicherungen an, die je nach Anbieter zwischen 60 und 80 % der Beträge von Heilpraktikerrechnungen bis zu einem Höchstbetrag von 300 bis 750 EUR pro Jahr übernehmen. Die Techniker Krankenkasse offeriert das Tarifmodell TK - Kombi Praxis Extra wobei 80% der Aufwendungen im Rahmen der Gebührenordnung für Heilpraktiker (GebüH) übernommen werden [vgl. Sparkasse 2004, 9]. Bei Privatversicherern gehören Heilpraktikerleistungen zwar nicht zwingend zum Basistarif, jedoch bietet nahezu jeder Versicherer ein Tarifmodell an, in dem Heilpraktikerleistungen enthalten sind.
Bis zum Jahre 2002 gab es nur zwei Lehrstühle für Naturheilkunde in Deutschland, an den Universitäten Rostock und Witten/Herdecke. Insgesamt gab es bundesweit gerade einmal 59 Veranstaltungen zum Themenbereich Naturheilkunde an deutschen Universitäten. Von den 36 medizinischen Fakultäten bot genau ein Drittel keinerlei Veranstaltungen an. Hier gab es in den letzten fünf Jahren große Veränderungen. Beispiele dafür sind der erste Lehrstuhl für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Einrichtung des Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität Köln sowie die onkologische Ambulanz für Naturheilverfahren an der Universität Jena.
Einerseits war es von Vorteil, dass viele Gebiete der Naturheilkunde bisher komplett den Heilpraktikern überlassen wurden, andererseits ist es für die naturheilkundliche Branche insgesamt von großer Bedeutung, dass die Forschung wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise für alternative Heilverfahren erbringt, um die Skepsis der Patienten zu dämpfen, und die Krankenkassen zur Ausweitung der Kostenübernahme zu zwingen. Die Carstens - Stiftung, gegründet und geleitet von der Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Carstens, deren Zielsetzung die Integration von Naturheilverfahren an deutschen Hochschulen ist, hat im April 2007 eine Stiftungsprofessur zur Forschung in der Komplementärmedizin an der Berliner
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Diplom Betriebswirt (FH) Ulrich Andrös, 2008, Die Gründung einer Naturheilpraxis, München, GRIN Verlag GmbH
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