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DER MESSIE HOUSE INDEX (MHI) 3
VERSUCH EINER EMPIRISCHEN SYSTEMATISCHEN QUANTIFIZIERUNG ÜBER VERHALTENSÖKOLOGISCHE
PHÄNOTYPUS-DIAGNOSTIK DES MESSIE PHÄNOMENS 3
0. Abstract 3
1. Zusammenfassende Beschreibung des Modells 3
2. Grundlegende Definitionen relevanter Wissenschaftsdisziplinen 5
3. Ontogenese des überfüllten Wohnraumes 8
4. Psychodiagnostische Überlegungen zur Klassifikation Syndrom 32
5. Anatomie des Messie House Index Modells 33
VERMESSENE WOHNUNGEN ZUR BESTIMMUNG DES MHI: 35
METHODIK ZUR BESTIMMUNG DES MHI: 43
DISKUSSION: 43
LITERATUR 46
ANHANG: ............................................................................................................................................... 90 90
PROTOKOLL: ENTWURFSVORSCHLAG EINER PSYCHOTHERAPEUTISCHEN HABITATANAMNESE FÜR DAS
MESSPROTOKOLL ORIENTIERT AM FIELD-JOURNAL ANHAND DER MHI-METHODE: 91
VERWENDETES MESSINSTRUMENTARIUM: 92
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Der Messie House Index (MHI)
Versuch einer empirischen systematischen Quantifizierung über
verhaltensökologische Phänotypus-Diagnostik des Messie Phänomens.
0. Abstract
This study is a new diagnostic approach in compulsive hoarding. It opens a new possibility in that field of research to measure the clutter directly in habitats of compulsive hoarders individually for psychotherapy diagnostics. The Messie House Index (MHI) method was developed directly in empiric field research and in addition to indoor focus group exploration at the psychotherapeutic health care center at Sigmund Freud Private University Vienna weekly for three years. That was a very important work to point out qualitative knowledge in compulsive hoarding research. In that focus group the comorbitiy model was once more approved and figured out the typical symptoms in the hoarding syndrome. Theoretical multidisciplinary discussion is done predominant in the field of ecoethology. First time in compulsive hoarding research this way of sight opens further larger perspectives in this complex disease. It makes a running psychotherapy able to measure periodicly the real state of the human habitat and is also an Index for the habitat functionality, dysregulation and psychological strain.
keywords: compulsive hoarding, pathological hoarding, psychodiagnostic, index, messie, messy, messie, syndrome, ecoethology, syllogomanie, diogenes syndrome, collecting, caching, psychotherapy, measuring
1. Zusammenfassende Beschreibung des Modells
Der Messie House Index (MHI) ist ein Modell eines an Messies (compulsive hoarders) empirisch entwickelten psychodiagnostischen Messinstrumentes, welches direkt den
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engsten Aktionsraum – das Habitat – eines am Messie Syndrom leidenden Menschen zweidimensional metrisch vermessen und quantifizieren lässt. Dieses Grundmodell des MHI wurde mit besonderer Bedachtnahme auf die praktikable praktische Durchführbarkeit für den behandelnden Psychotherapeuten entwickelt und anhand dieser explorativen Feldstudie empirisch evaluiert. Die Entwicklungsarbeit der Feldforschung ist bereits orientiert an den psychotherapeutischen Diagnostikleitlinien (BARTUSKA et al. 2005). Der theoretische Zugang dieser überwiegend idiographischen Studie in der ganzheitlichen Grundlagenforschung dieses Syndromes ist primär ein ökoethologischer, aber auch interdisziplinärer aus den Gebieten der Kulturethologie, Humanethologie, Humanökologie, Ökologischen Psychologie, Ökologischen Psychotherapie, proxemischen Anthropologie, Wahrnehmungs,- Gedächtnis,- Gestalt- und in Anwendung für die und Tiefenpsychologie Biopsychologie Psychotherapiewissenschaft und der psychotherapeutischen Diagnostik des Messie Phänomens.
Diese neue Index-Messmethode ermöglicht erstmalig in der Psychotherapiewissenschaft einen exakten direkten Messbefund der (überfüllten) Habitates (der Messie Wohnung) zu erstellen und ist ebenso als Kontrollmessinstrument für die Psychotherapie einsetzbar, ein messbarer Index für den Verlauf des Therapiefortschrittes (REINECKER- HECHT & BAUMANN, 1998), dann dargestellt in einer Verlaufskurve und durchgeführt zu regelmäßigen Zeitpunkten.
Die Anwendung des MHI als quantifizierter Index erleichtert damit die systematische Dokumentation für die Messie-Psychotherapiediagnostik erheblich. Aufgrund des höchstgradigen Privatbereiches der Wohnstätte mitsamt aller Schambesetzungen von Menschen, die am Messie-Syndromes leiden, empfiehlt sich die Durchführung der Vermessung des MHI durch den behandelnden Psychotherapeuten oder allenfalls der psychotherapeutischen eingeschulten Hilfsperson. Damit bleibt das Vertrauensverhältnis und die Verschwiegenheit nach § 15 PthG (KIEREIN, PRITZ & SONNECK, 1991) zwischen Patient und Therapeut vollkommen unbeschadet und es wird ein zusätzlicher Nutzen für die Diagnostik und Therapie für den Patienten gezogen.
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2. Grundlegende Definitionen relevanter Wissenschaftsdisziplinen
Die Ökologie (von griech.: oikos = Haus, Hauswesen, Haushalt) im weitesten Sinne befasst sich mit Kausal- und Funktionszusammenhängen auf den verschiedenen Organisationsstufen, vom Organismus bis zur Biosphäre. Die Ökologie geht auf den Arzt und Professor für vergleichende Anatomie Ernst HAECKEL (2003) zurück, der 1866 ihr den heutigen Namen gab und erfuhr seit damals mehrere Wandlungen und natürlich enorme Arbeitsfeldzuwächse (STREIT, 1980). Sie behandelt vor allem die Wechselbeziehungen der Lebewesen untereinander und mit ihrer Umwelt (CZIHAK, LANGER & ZIEGLER, 1990; KÜHNELT, 1970; ILLIES & KLAUSEWITZ, 1973). Die Ökologie kennt Lebewesen als Universalisten und Spezialisten, vom Beuteschema und Nahrungsketten bishin zur Anpassung an klimatische Bedingungen (biotische und abiotische Faktoren) ihrer Lebensräume in chronobiologischem System. Je nach Ausgangspunkt der Betrachtung unterscheidet man beispielsweise Autökologie, Populationsökologie, Synökologie etc. (SCHAEFER & TISCHLER, 1983). Die Proxemik (von lat.: proximare = sich nahekommen) ist vom Anthropologen Edward T. Hall 1976 als Begriff und Forschungsrichtung definiert, welche sich mit der Ausnutzung des Raumes durch die einzelnen Interaktionspartner beschäftigt (HALL, 1976; SAUERMOST, 2005).
Das Habitat (von lat.: habitare = bewohnen) stellt das engste Aktionssystem einer Art dar der allen Verhaltensansprüchen genügt (GATTERMANN, 2006).
Als Fachbegriff psychologisches Habitat ist der individuelle persönliche Kontext des Verhaltens definiert (FASSNACHT, 1995).
Das Territorium oder auch Revier genannt ist ein Eigenbezirk, ein gegen bestimmte oder alle Artgenossen verteidigtes Wohngebiet (SAUERMOST, 2005). Dieses ist beim Menschen, auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen (proxemischen) Distanzen eingerechnet, durch eine Vielzahl von Gesetzen schwer geschützer intimer Privatbereich.
Der „Sammeltrieb“ wird in der Psychologie auch Kollektionismus bezeichnet (WENNINGER, 2002).
Der Phänotyp (von griech.: phainesthai = sichtbar werden, erscheinen) ist die Gesamtheit der Typen von Eigenschaften bzw. Teilsystemen (SAUERMOST, 1994, 2005).
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Die ökologische Nische war zu Beginn der Ökologie vorerst topisch als Habitat verstanden. Später wird sie funktionell als Wechselwirkung vom Organismus und Umwelt verstanden, die erst dadurch entsteht (WILLI, 1988). Das bedeutet der funktionale Aspekt des Raumes für Individuen und was hier geschieht mitsamt der relevanten Umweltfaktoren (SAUERMOST, 1994, 2005) ist nunmehr im Vordergrund. Die Biozönose (von griech.: bios = Leben; koinos = gemeinsam) ist ein Verbund mehrerer Arten unter Betrachtung deren direkten und indirekten Wechselbeziehungen untereinander. Biozönose und Biotop (als abgrenzbarer Lebensraum bzw. Standort) ergeben das Ökosystem. Es herrscht das Prinzip der Selbstregulation vor (SAUERMOST, 1994).
Die Ethologie (von griech.: ethos = Verhalten, Sitte oder Gewohnheit) ist als Begriff nach GATTERMANN (2006) von Oskar Heinroth erstmals 1911 verwendet, gemäß dem Humanethologen Karl GRAMMER (1988) war es Geoffrey Saint-Hilaire im Jahr 1859, auch jahrzehntelang geführt als eingebürgerter Name „Vergleichende Verhaltensforschung“ (APFELBACH & DÖHL, 1980) oder Verhaltensbiologie (FRANCK, 1985) und sie war laut Konrad Lorenz so zu definieren, auf das Verhalten von Tieren und Menschen alle Fragestellungen und Methoden der Biologie seit Charles DARWIN (2006) anzuwenden sind (LORENZ, 1978; EIBL-EIBESFELDT, 2001). Es steht vor allem der Anpassungscharakter des Verhaltens (Evolutionstheorie) und seine stammesgeschichtliche Entwicklung im Vordergrund des Interesses (IMMELMANN, 1982; KÖNIG & MARKL, 1988). Es war im ersten Lehrbuch nach TINBERGEN (1956) die erste Grundfrage: warum sich ein Tier oder Mensch sich so verhält und nicht anders. Die hinter dem Verhalten liegende Kausalstruktur und die Verhaltensentwicklung waren wesentlich als auch die Frage nach Angeborenem und Erworbenem. Heute ist nach Berücksichtigung der Erkenntnisse der Entwicklungsbiopsychologie nicht mehr die Frage angeboren oder erworben, sondern es liegt je nach Entwicklungsphase ja beides vor (EIBL-EIBESFELDT, persönl.Mitt.). Für die Humanethologie spielt besonders die Beobachtung des Verhaltens im natürlichen und kulturellen Kontext eine wichtige Rolle (EIBL-EIBESFELDT, 1995, 1999, 2001; GRAMMER, 2001; KÖNIG & MARKL, 1988). Die Humanökologie ist jene Disziplin, welche in Ökosystemen wie z.B. die Primärproduzenten, Sekundärproduzenten, Populationsentwicklungen, Nahrung, Energie, Rohstoffe, Abfall und entsprechende Ökobilanzen als auch entsprechende
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Veränderungen der Umwelt im Fokus der Untersuchung hat (LÖTSCH, 1993; NENTWIG, 2005). Vor allem ist die humanökologische Situation seit den 1980ern unter der Leitherrschaft der mittlerweile alles beeinflußten Diktatur der Technologie und daraus entstandene Weltanschauungen der Industrialisierung und deren Folgen auf Ökosysteme (LORENZ, 1980; PRITZ, 1986b; SCHENKEL, 1975) im Mittelpunkt der diesbezüglichen Forschung. TRETTER (1988a) tritt dafür ein, in der Therapie auch den ökologischen Ansatz zu vertreten und das Individuum als Produkt eines inkohärenten Wechselspiels zwischen Person und Umwelt zu betrachten.
Der Arbeitsschwerpunkt der Verhaltensökologie ist das Studium der Nutzung des Aktionsraumes einer Art, dessen Zwänge durch die Ökologie auf das Verhalten und eben auch der Erfolg des Fortpflanzungsverhaltens (KREBS & DAVIES, 1984). Die ökologische Psychologie gibt es als Disziplin erst seit wenigen Jahrzehnten und befasst sich eher mit dem Einfluss der Umwelt auf einzelne Entwicklungen der Individuen beziehungsweise Kollektiven, berücksichtigt wiederum biotische (darin auch soziale) und abiotische Umweltbedingungen und Lebensräume, als „behavioural setting“. Sie ist aber multidisziplinär entstanden als auch multitheoretisch in den Zugängen (KRUSE, GRAUMANN & LANTERMANN, 1996). Theodore ROSZAK (1994) entwirft für den Menschen und der von ihm zerstörten Erde eine eigene Ökopsychologie, bei der als ökologisches Unbewusstes auch Carl Gustav JUNG (2000) kollektives Unbewusstes theoretisch eingebunden ist. Nach dem amerikanischen Entwicklungspsychologen BRONFENBRENNER (1993) unterscheidet man Mikrosystem (unmittelbare Beziehungen des Individuums), Mesosystem (Wechselbeziehungen zwischen Mikrosystemen, an dem das Individuum selbst aktiv beteiligt ist), Exosystem (Wechselbeziehungen zwischen Mikrosystemen, an dem das Individuum selbst nicht aktiv beteiligt ist), Makrosystem (gesamter kultureller und subkultureller Rahmen) und Chronosystem als biographische Wendepunkte des Individuums (BOJANOVSKY, 1994;
MOGEL, 1984; WENNINGER, 2002).
Die ökologische Psychotherapie ist ein vom Schweizer Psychiater Jürg Willi neu geschaffenes Psychotherapiemodell, welche die Entwicklung der Person im gestalten seiner Umwelt – auch als sozialen Nische – (WILLI, 1988) und die Entwicklung ihrer Lebensumstände mitsamt ihrer Wechselwirkungen bearbeitet (SCHMIDBAUER, 1982; STUMM & PRITZ, 2000; WILLI, 2005).
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TRETTER (1988b) sieht als Notwendigkeit am Beispiel von älteren Menschen, die die meiste Zeit in Wohnungen verbringen, auch eine Wohnungsanamnese durchzuführen.
3. Ontogenese des überfüllten Wohnraumes
Am Beginn allen Verhaltensforschens steht das Erstellen eines Ethogrammes (Verhaltensinventar) im Vordergrund (EIBL-EIBESFELDT, 1962, 1999; KLINGHAMMER, 1994; MEDICUS, 2001; PLOOG & GOTTWALD, 1974; TINBERGEN, 1978; ZIMEN, 1971; 1993). Da methodisch nicht alle Verhaltensweisen des Menschen in Studien gleichzeitig protokolliert werden können (GATTERMANN, 1990; IMMELMANN, 1983; IMMELMANN, PRÖVE & SOSSINKA, 1996; IMMELMANN, SCHERER & VOGEL, 1988; KOTRSCHAL, 2000; LEHNER, 1998; MARTIN & BATESON, 2004; NAGUIB, 2006; PRITZ, 1990; SCHLEIDT, 1984, 2000), bekommt hier die Real-life-habitat-situation des Messies als Verhaltensweise zur Klassifikation (FASSNACHT, 1995; HINDE, 1973; IMMELMANN, SCHERER & VOGEL, 1988; SCHLEIDT, 1983) – als Teilethogramm – der Funktionskreis des Jagen und Sammelns vorerst höchste Bedeutung (KÖNIG & MARKL, 1988). Diese Verhaltensweise ist primär die Ursache für die Ausgestaltung einer „typischen“ Messie-Wohnung und dessen Folgen und deswegen erhält diese Verhaltensweise durchgängig multidisziplinär theroretische Betrachtung. Ebenso werden eigene Explorationserkenntnisse aus der mittlerweile dreijährigen Betreuung der Messie-Selbsthilfegruppe (Fokalgruppe für meine Exploration von Betroffenen) an der psychotherapeutischen Universitätsambulanz an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien nach hermeneutischer Methode (PRITZ & TEUFELHART, 1996) angeführt, diese explorierten Erkenntnisse wurden auch regelmäßig gruppendynamisch in der Fokalgruppe überprüft und diskutiert.
Aus anthropologisch-ethologischer Sicht stellt das Jagen und Sammeln eine Funktion des Überlebens dar und ist im Pleistozän und Neolithikum entstanden (HEBERER, 1968; HEBERER, SCHWIDETZKY & WALTER, 1970; KÖNIG & MARKL, 1988; SCHMIDBAUER, 1972a). Nun ist in dieser Anagenese durch Fulguration der Homo sapiens als Kulturmensch entstanden (EIBL-EIBESFELDT, 1975, 1976; KURTH & VOLAND, 2000; LORENZ, 1969, 1971, 1974), bei dem das Sammeln und Speichern das allen
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Lebensleistungen zugrundeliegenden Grundprinzip darstellt (KÖNIG & MARKL, 1988; LORENZ 1967, 1969; VOGEL & VOLAND, 1988). Die Territorialität ist wie bei vielen Tieren auch ein Merkmal vom Kulturwesen Mensch (ARDREY, 1966; EIBL-EIBESFELDT, 1974, 1978; GRAMMER, 1993; GRAMMER & EIBL-EIBESFELDT, 1993; LEYHAUSEN, 1954; MORRIS, 1978; TINBERGEN, 1978). Diese Eigenschaft hat der aus der Tinbergen Schule entstammende Desmond MORRIS (1981) an einer ausführlichen kulturethologischen Analyse am Fussballspiel angestellt, in dem stammesregelgeleitet eine gespielte „Jagd“ um eine „Beute“ im abgesteckten Territorium vollzogen wird und die Zuschauer virtuell mit allen Emotionen, oft begleitet von spezifischen Ritualen, Traditionen und mit Stammessymbolen ausgestattet, passiv mitkämpfen. Zugleich werden rechtzeitig diverse Fanartikel und Fussballeraufkleber zum Sammeln feilgeboten, die begeisterte Kinder und Jugendliche schon früh in den Sammelbann ziehen. Oft entsteht die Lust zur Verkomplettierung der Sammlung in dieser Zeit sehr stark. Dieses Beispiel zeigt wie verhaltensökologische Grundfunktionen sich der Kulturmensch spielerisch – und das weltweit – zeigenmacht. Erwachsene Menschen, in der vor allem westlichen Industriekultur, jagen – besonders die Weiblichkeit – kultureller Beutestücke wie Kleidung, Schmuck, Schuhen und Handtaschen nach, Männer wiederum gerne Werkzeugen und Technik. Literatur verschiedenster Gattungen sind bei der Fokalgruppe relativ gleich verteilte Lieblingsobjekte.
Den ersten Werkzeuggebrauch vermutet man um die Entwicklung des aufrechten Ganges, entlang der damit verbundenen anatomischen Veränderungen (CAMPBELL, 1979; GEIGER, 1998; LEAKEY, 1998; OSCHE, 1979a). Die diffizilere Verwendung der Hand als „angeborenes“ Werkzeug war der erste Schritt dahin (EIBL-EIBESFELDT, 1996; RENSCH, 1968), um auch zum Kulturmenschen zu werden (OSCHE, 1979b; TINBERGEN, 1978; VOGEL & VOLAND, 1988). Sobald Werkzeuggebrauch entsteht (KÖHLER, 1963; PLOOG, 1964) ergibt sich wesentliche Erleichterung, den täglichen Überlebenskampf bestreiten zu können. Der entscheidende Schritt hierbei aber ist nicht die Werkzeug/Jagdwaffenherstellung selbst als Entstehungsbeginn der „Technik“, sondern das jeweilige Utensil erhält erst durch den Gebrauch die Funktion als Werkzeug, Waffe, Nahrungszubereitungshilfsmittel, Kleidung oder Hausbaumaterial (LIEDTKE, 1996a). Durch stammesgeschichtliches Lernen, Adaptation (LORENZ, 1966; TINBERGEN, 1978) und dessen tradierte Weitergabe von Optimierungen (ALEXANDER, 1979; EIBL-
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EIBESFELDT, 1978; EIBL-EIBESFELDT, LORENZ, 1974; CHMIELEWSKI & KOZLOWSKI, 1985; OSCHE, 1979b; VOGEL & VOLAND, 1988) entstanden laufend neue Erfindungen, mündend in Handwerk, Land- und Forstwirtschaft und Techniktraditionen bishin zur wissenschaftlich-industriellen Technik. Die bedingungslose Abhängigkeit von dieser Technokratie wurde bereits von ILLIES (1976), KÜHNELT (1963) und LORENZ (1940, 1950, 1974, 1980) beschrieben. Die Frage der Autodomestikation (Selbstdomestikation) des Menschen und seiner Folgen für Körper und Geist diskutiert man schon mehrere Jahrzehnte und ist meines Erachtens heutzutage sehr aktuell. Die vergleichende Anatomie (ELLENBERGER & GÜNTHER, 1908; ELLENBERGER & BAUM, 1943), die Pathologie in der Haustiermedizin (SOMMER, 1925; FRAUCHINGER, 1953) und zoologische Haustierkunde (HERRE & RÖHRS, 1990; ZIMEN, 1992, 1993) zeigen Resultate einer Analogie bzw. Konvergenz durch die Zivilisation bedingter, zumindest sehr vieler phänotypischer Merkmale dieser speziellen Domestikation des Menschen. Die Humanmedizin bezeichnet die meisten somatischen Störungen heute als Zivilisationserkrankungen (beispielsweise Adipositas, Herz- Kreislauferkrankungen, Orthopädischer Leiden bedingt durch Bewegungsmangel et cetera). Mehr denn je ersieht man heutzutage eine universelle Grenzenlosigkeit, ob im explosiven Wachstum oder Entgrenzung in verschiedensten Bereichen, aber auch in Vermehrung von Leidenszuständen von Mensch, Tier und Pflanzen.
Der Mensch alleine ist nicht etwa das einzige Kulturwesen, so auch vor allem Vögel und Primaten (HEDIGER, 1977). Schon relativ früh ist der hoarding instinct in vitro an Laborratten in den USA untersucht worden. Hierbei stellte man fest, dass durch Veränderung von Umgebungstemperatur und Nahrungsdeprivation eine Steigerung des Sammelverhaltens entsteht (MORGAN, 1947). Weiters untersuchte man verhaltensökologisch bei Arten wie Rotfuchs (Vulpes vulpes), Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes), Hörnchen (Tamiasciurus ssp.), Canidae (Hyaena hyaena et brunnea) nach Faktoren, die Ausprägungen des Sammeln (von Nahrung) beeinflussen. Wesentlich beeinflussend waren hier grundsätzliche Lebensweise der Species (GITTLEMAN, 1996) wie Einzeln- bzw. Gruppenlebensweise, Populationsdichte, Alter, Geschlecht, und Diebstahlsgefahr durch Artgenossen oder Mitlebewesen anderer Gattungen (ANDERSSON & KREBS, 1978; CLAYTON, 1995). Das Horten von vor allem Nahrung und Baumaterialien ist in neueren Studien bei einer Unzahl von Tieren
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sämtlicher Gattungen beschrieben (BRODIN & LUNDBORG, 2003; VANDER WALL, 1990, 2006). Männliche Laubenvögel (Ptilonorhynchidae) verbringen einen grossen Teil der Zeit damit, üppig verzierteste Konstruktionen als Balznest herzustellen, verwenden sie aber nicht als Brutnester (ZAHAVI, 1998). Entscheidungsfindungen, was gehortet werden soll oder nicht, wird entlang der optimal foraging theory diskutiert und ergibt in dieser Studie im wesentlichen die Abhängigkeit vom Vorliegen von aktuellem und zukünftigem Nahrungsangebot und dem Nährwertgehalt über die Zeit (GERBER, REICHMAN & ROUCHGARDEN, 2004). Es wird neuroökologisch zur Zeit aber kontrovers diskutiert, inwieweit unter anderem die Größe des Hippocampus das food hoarding bei verschiedenen Species bestimmt (HEALY, DE KORT & CLAYTON, 2005; DE KORT & CLAYTON, 2006). Am Raben (Corvus wurde gezielt am corax) Nahrungsspeicherverhalten entdeckt, dass sie genau registrieren wenn sie beim Nahrungssichern beobachtet wurden und von wem (BUGNYAR & HEINRICH, 2005). Eine aktuelle Arbeit aus Arizona an Ameisen (Temnothorax albipennis) stellt nun ökologisch als Hypothese fest, dass Spezialisten in einer bestimmten Tätigkeit nicht bevorteilt erfolgreicher sind als Universalisten (DORNHAUS, 2008). Schon früh stellte Konrad LORENZ (1950) den Menschen als spezialisierten Universalisten dar. Der Vorteil aller Tiere gegenüber dem Menschen ist jedoch beim Horten dass sie den Aktionsraum (fast) jederzeit wechseln können, die Menschen in einer fixen Wohnung aber üblicherweise nicht. Dieser äussere Zwang ist auch aus Kostengründen eine wesentliche unüberwindbare Schranke für den Kulturmenschen. Zum Vergleich regelt in der Verhaltensökologie beim Wolfsrudel sich das territoriale Wanderungsverhalten vor allem durch das Ernährungsangebot des Habitates (BIBIKOW, 1990; OKARMA, 1997). Das ist die primäre Habitatqualität der vorliegenden Gegend. Ist das Angebot nicht ausreichend vorhanden um das Überleben zu sichern, so können Wölfe den Aktionsraum maximal bis zu 1000 km am Tag durchwandern. Der Messie, der sein begrenztes Habitat als direkte Umwelt krankheitsbedingt von mäßig bis gänzlich unbewohnbar bzw. unbelebbar macht und kann eben nicht oder nicht so leicht (aus Kostengründen bedingt) abwandern.
Im Ablauf von Jahren oder auch Jahrzehnten, zuerst oft als Freizeithobby ausgeführt (HELLER, 1986), ergibt sich – auch bei benigenen Sammlern – eine erhebliche Anhäufung und Verdichtung des Sammelgutes. Der Besitz und Bindungen an Objekte
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hat schon ab frühester Kindheit des Menschen wesentliche soziale Funktionen in menschlichen Verbänden (EGGERS, 1984). Das Spielzeug hat für Kinder eine wichtige Bedeutung für die psychische Entwicklung und Wahrnehmung des gesunden Selbst (BÜHLER, 1922; EIBL-EIBESFELDT, 1996; HASSENSTEIN, 1987; LIEDTKE, 1996b; ERIKSON, 1978, 2003; SPIEL, 1974; SPITZ, 1973, 1976; STERN, 2007; PIAGET, 1974, 1975b; PIAGET & INHELDER, 1976; SCHENK-DANZINGER, 1988; WINNICOTT, 2006). Das Spielverhalten verbleibt in adulten Tieren und Menschen bis ins hohe Alter durchwegs erhalten wie beispielsweise die Photographien des bis dato letzten Nobelpreisträgers der Universität Wien, Konrad Lorenz mit der Spielzeugeisenbahn zeigen (FESTETICS, 1988, 187; 2000, 132; KOENIG, 1983, 302). Nach Jean PIAGET (1975a) erfährt der kleine Mensch innerhalb der ersten 18 Lebensmonate in erstaunlicher Geschwindigkeit ungewöhnlich viele Erwerbungen und sind zurückzuführen auf folgende bipolare Mechanismen, die diesen Fortschritt ermöglichen: diejenigen, die einerseits aus dem Lernen durch die Erfahrung mit den empirischen Abstraktionen entstehen, die sie auslösen und andererseits die reflektierende Abstraktion. Letztere ermöglicht, beginnend mit den ersten Koordinationen und Schemata neue Assimilationsrahmen und Strukturen abzuleiten, wobei sie das Reflektieren auf neuen Ebenen mit der reorganisierenden Reflexion kombiniert. Es resultiert daraus ein aufwertender Ausgleich. Er entdeckte am paradigmatischen Drei-Berge-Versuch (PIAGET & INHELDER, 1975) die erst relativ späte vollständige Ausbildung der Wahrnehmung der Perspektiven im Raum und bestätigte damit unter anderem den kindlichen Egozentrismus. Das Phänomen der bis in das Erwachsenenalter der Messies erhaltenen und verstärkten Objektpermanenz ist durch die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie, Übergangsobjektphänomen (BRODY, 1980; BOWLBY, 2006; FAIRBAIRN, 1941; FONAGY et al. 2006; MOSER, 1967; STEVENSON, 1954; WINNICOTT, 1953, 1969; WULFF, 1946) exzellent erklärbar. In der Fokusgruppe sind diese Bereiche wie die Bindungstheorie (BOWLBY, 2006; FONAGY, 2006) ein wichtiger Punkt für die psychotherapeutische Durcharbeitung, welches ich in der Fokalgruppe genauso wie REHBERGER (2007) bestätigt gefunden hatte. Eine noch unveröffentlichte Arbeit untersuchte neuerdings an Messies (compulsive hoarders) methodisch mithilfe hierarchischer multipler Regression die Ausbildung der Bindung an Objekte zu zwei verschiedenen Zeitpunkten und enthüllte das Anfangsbindungsverhalten (initial
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attachment) der Person zum Objekt als besten Prädiktor des Bindungsverhaltens gegenüber der Messung zum zweiten Zeitpunkt (GRISHAM et al. 2008). Der Einzelne erfährt bei der unerlässlichen bindungstheoretischen Durcharbeitung wichtige persönliche Erkenntnisse über die individuelle Bedeutung mancher Objekte seiner hypertrophierten Sammlung. Der Begriff Objekt ist im modernen Sprachgebrauch sehr entpersonalisiert worden und leider mit einem Ding synonym verwendet (FURTH, 1998). Ich erkannte explorativ bei vielen Menschen in der Fokusgruppe das wiederkehrende (verstärkte) Muster nach dem Prinzip BOSZORMENYI-NAGY und SPARK (2006) bei der noch lebenden Kriegsgeneration und deren Nachfahren im Bezug auf die aus Armut bedingte besonders enge Bindung an Objekte und Alltagsmaterialien, da man damals vieles nicht hatte, vieles zerstört wurde und dringend benötigte. Man hört aussergewöhnlich oft „Das kann man noch brauchen“. Durch die hohe ökologische Ressourcenknappheit der heutigen Zeit ist dieser Sachverhalt wieder eine reelle Wahrheit für viele Menschen geworden, welche mich an die Nachkriegsarmut durchwegs erinnert.
Das Sammeln und Horten selbst ist nicht pathologisch (AIGNER, DEMAL & DOLD, 2009; HALPERIN & GLICK, 2003). Beispielsweise besitzt Irenäus Eibl-Eibesfeldt mittlerweile eine statthafte Sammlung von Kulturgütern aus mehreren Jahrzehnten aus seinen Humanforschungsexpeditionen (UHER, KRELL & SCHIEFENHÖVEL, 1993). Ein ebenso berühmter Ethologe beschrieb die Wege um den Sammelkult der ursprünglich von den damaligen Kolonialmächten, nach vor allem Afrika, importierten wenige Millimeter großen eingefärbten Glasperlen, die zusammengesetzt am Körper der Menschen als getragene Schmuckstücke bis heute mit viel Symbolkraft dargeboten werden (WICKLER & SEIBT, 1998). Es hatte Sigmund Freud eine überaus große Leidenschaft im Sammeln kleinerer wertvoller Skulpturen aus vor allem Ägypten und Griechenland. Max H. Friedrich sammelt leidenschaftlich Märchen und (Kinder-) Puppen rund um die ganze Welt und deren tiefenpsychologischer und ethnologischer Bedeutung, fallweise erhalten die Kinder an seiner Uniklinik diese Objekte zum Spielen.
Jedoch sind bei Unaufhörlichkeit dieses Jagd- und Sammelverhaltens die ethologischen Begriffe der Ersatzhandlung und Übersprungsreaktion (BIRKMAYER, 1975) orientiert am Funktionskreis Jagd- und Sammelverhalten in der Messie Problematik ebenso anwendbar. Hans ASPERGER (1956) erklärt in seinem Heilpädagogischen Meisterwerk
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die wichtige Bedeutung dieser Übersprungsreaktion als wichtiges Erklärungshilfsmittel für pathologische Phänomene. Diese unaufhörliche Handlungskette beim Messie- Syndrom, ontogenetisch betrachtet, als permanentes Zubringen des Kultursammelgutes und phylogenetisch als spezifische Instinkt-Kultur-Verschränkung gesehen, mündet bei Fehlen von psychotherapeutischer Intervention unweigerlich in die Nichtbewohnbarkeit der Wohnung, als maladaptative Akkommodation des Meso- und Makrosystemes. Der Habitus der Wohnung und Situs solitus der Objekte im Wohnraum selbst beginnt mit Stapel, mündet in Gangsystemen („Stichwege“), wo der Überblick über die Lokalisation von einzelnen Stücken zumeist noch kognitiv representativ vorliegt. Es folgt ein Zusammenwachsen dieser größeren Einheiten und es verblasst auch das bis dahin extreme ausgeprägte Gedächtnis (Repräsentativ einer 4D-Landkarte) bezogen auf die Lokalisierbarkeit der einzelnen Objekte in der Wohnung (entspräche wohl der Objektpermanenz). Ab diesem Zeitpunkt jedoch berichten die Messies aus selbstreflektorischer Erkenntnis vom Verlieren des Überblickes, ein Gleiten ins Chaos ist somit die Folge. Wenn es Möglichkeiten gibt auszulagern werden diese wahrgenommen. Trotzdem möchten die meisten Messies diese geliebten Dinge aber lieber bei sich griffbereit haben. Es ist leider im extremer Ausprägung des Syndromes eine vollständige „Selbstausgrenzung“ aus der eigenen Wohnung möglich und eine Vermehrung von Wohnungen leider auch nicht ausgeschlossen. Damit ist bei den heutigen Wohnungspreisen und Mieten eine programmierte enorme Verschuldung und Obdachlosigkeit die zusätzliche Folge.
Die (molekularen) Aktone sind die Summe aller einzelnen Verhaltensabläufe (gleichbedeutend „Wie“ die Person das „Was“ macht) und wurden von den amerikanischen verhaltensökologischen Forschern Barker und Wright im Jahr 1955 in Midwest and ist Children erstmals definiert (FASSNACHT, 1995; WENNINGER, 2002). Diese Aktone, die den überfüllten Zustand der Wohnung verursachen, münden in weiterer Folge in verschiedenste Ordnungsversuche bei den Messies, die nur allzuoft erfolglos enden. Parallel dazu aber finden die Messies jedoch unaufhörlich weiter genügend begehrte Beutestücke, die natürlich wiederum wo verstaut werden wollen. Aufgrund der überhöhten Objektbindung von Messies an das Sammelgut – sie können sich von keinem Utensil mehr trennen – entsteht so dieser typische störungsspezifische bedrohliche Circulus vitiosus.
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Einzelne neuro-physiologische Erregungszustände (PANKSEPP, 2005) vor dem Jagdverhalten des Messies nach neuem Sammelgut sind vergleichbar dem Craving von Suchtpatienten nach neuen Rauschdrogen oder ebengleiche Vorgänge bei den nichtstoffgebundenen Süchten (FÖRSTL, HAUTZINGER & ROTH, 2006; REHBERGER, 2007), ähnlich wie dem Jagen nach Beutetieren selbst (SCHERNTHANER, 1993). Aus Explorationen von Messies wird dasselbe Verhalten bei Ebay-Versteigerungen von diesem „Jagdfieber“ nach Produkten berichtet. Irenäus Eibl-Eibesfeldt berichtete am Konrad-Lorenz-Symposium in Wien von einer Studie an Medizinstudenten: Hierbei bestimmte man den Hormonstatus bei männlichen Prüfungskandidaten. Der Testosteronspiegel war bei denen, die die Prüfung bestanden hatten, signifikant höher als bei denen, die nicht bestanden hatten (EIBL-EIBESFELDT, 1993a). Das menschliche Gehirn besitzt zudem ein hervorragendes Belohnungs- und Verstärkersystem (HÜTHER, 2007; SCHMIDT & RIST, 2006). Zum Vergleich praktizieren im regnum animalium die weltbesten Gruppenjäger, die Wölfe (Canis lupus) im Rudel, ritualisiert vor dem gemeinsamen Jagen zuerst einen Sammelruf, oft gefolgt vom gemeinsamen Chorheulen (CRISLER, 1972; MECH, 1975; MECH & BOITANI, 2006; SCHASSBURGER, 1993; ZIMEN, 1971, 1976, 1982, 1993) und „schalten sich gemeinsam hoch“ in den Zustand höherer (neuronaler) Aktivierung vor dem „Auf-die-Jagd-gehen“ (DRÖSCHER, 1978; FOX, 1992; MURIE, 2001; TRUMLER, 1987; ZIMEN, persönl. Mitt.). Auch haben viele Jagdhunde von Berufsjägern noch eine solche Verhaltensweise trotz der Domestikation koevolutiv noch innewohnen, und erlangen praktisch einen Zustand erhöhter Aktivität vor dem auf die Jagd gehen (oder Fahren) gemeinsam mit dem Jäger (ZIMEN, 1993). In urbanen Gebieten fungiert oft der Hund (Canis lupus f. familiaris) als das soziale Bindemittel
zwischen den Großstadtmenschen (HUMMEL-BAYER, 1995; NEKULA, 1998; NORLING, 1983). Der Hund als Haustier hat durch die Domestikation in der Obhut des Menschen selbst seine ökologische Nische „gefunden“. Das konnte meiner Hypothese nach daraus folgernd nur dadurch passieren, dass der Wolf wie der Mensch ein relativ einzigartiges zum Menschen „analoges“, insbesondere soziales (ZIMEN, 1975, 1976, 1982) Verhaltensinventar aufweist, welches mein Verhaltensbiologielehrer Erik Zimen dann anthropologisch in Frankreich geprüft hatte und in einem beliebten „WAS IST WAS“ Kinderbuch publizierte (ZIMEN, 1997). Der „Hauswolf“ gilt heute als das älteste Haustier des Menschen (BERGLER, 1986; BRACKERT &
VAN
KLEFFENS, 1989;
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FEDDERSEN-PETERSEN, 1992; HERRE & RÖHRS, 1990; OESER, 2001, 2004; TRUMLER, 1987, 1994; WACHTEL, 2002; ZIMEN, 1971, 1987, 1988, 1992, 1993, persönl. Mitt.). Er steigert die nonverbale Kommunikationsfähigkeit als auch kindliche Sozialkompetenz (BERGLER, 1994; GUTTMANN, PREDOVIC & ZEMANEK, 1983; VERNOOIJ & SCHNEIDER, 2008) und ist in der Psychotherapie im sehr erfolgreichen heilkundlerischen Einsatz und wurde durch viele Arbeiten belegt (BERGLER, 2000; MCCULLOCH, 1983; SCHLAPPACK, 1998; VERNOOIJ & SCHNEIDER, 2008; WACHTEL, 2002). Die Existenz eines Hundes in Lebensgemeinschaft mit einem Messie ergibt eine gewisse Rücksichtnahme auf die artgerechten „hündischen“ Lebensraumansprüche im Haus bzw. der Wohnung und stellt damit ein gewisses „Ordnungsregulativ“ innerhalb der Messie-Wohnung dar, das sonst nur Partner oder Angehörige sind. Es zeigen im Internet drastische Videoberichte auf „youtube“ Fälle des anderen Extremes, von unkontrolliertem „Animal Hoarding“, wofür das Land Niederösterreich zur Zeit vorbildhaft eine Hotline für Betroffene eingerichtet hat. Es gab bereits vereinzelt durch Medien bekanntgewordene Fälle auch in Österreich. Das Tier als Sammelobjekt gibt zum Unterschied von leblosen Objekten viel an aktiver emotionaler Zuwendung dem Messie direkt zurück. Bei diesem Sonderfall des Compulsive Hoardings ist allzuoft Mensch und Tier in seiner somatischen Gesundheit gleichermassen stärkstens bedroht. Es wird hierbei leider tiergerechte Haltung nicht mehr berücksichtigt und die Hygiene wird im Laufe der rasanten Populationsvermehrung der tierischen Pfleglinge hochgradig mangelhaft. Auch da sollte es vermehrt Forschungsarbeit geben. Leider sind offizielle Tierschutzhäuser selbst massiv überfüllt. Sigmund Freud zählte bekanntlich zu den ersten Kundschaften im Wiener Tierschutzhaus und holte selbst Hunde zu sich, jedoch in tiergerechtem kontrollierten Ausmaß. Es zeigt sich leider aus der Exploration von Betroffenen, dass die Krankheitseinsicht generell beim Messie-Syndrom mangelhaft ist. Sie oder deren Angehörige bzw. engste Freunde suchen erst sehr spät die professionelle Hilfe auf. Hier greift der MHI als diagnostisches Hilfsmittel besonders, da der Index bei Erstsichtung der Wohnung als sehr hoch zu erwarten ist.
Auch das (verstärkte) Lenken der Wahrnehmung auf die begehrten Konsumobjekte und das Suchverhalten nach neuen Jagdgründen von Kulturgütern (Suche nach Flohmärkten), zählt zu Aktonen. Messies zählen durchwegs zu hochgradigen Spezialisten im Bezug auf das Auffinden dieser Flohmärkte oder auch entsprechender
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Auflassungen. Ich denke, dass genau diese Aktone die Diskussion über Komorbidität des Messie-Syndromes zu ADHS nähren (BAROCKA, 2009; HARTL et al. 2005), da bei hyperaktiven Kindern ebensolche Aktone als beobachtete Verhaltensweisen auffällig werden können – aber nicht manifestiert bleiben müssen. Neurobiologische Befunde im Detail dazu präsentierte Gerald HÜTHER (2007) in Wien zur ADHS-Thematik. Ebenso stand Alfred PRITZ (2008, 2009) der aufgeflammten ADHS-Diskussion gegenüber dem Messie-Syndrom aus differentialdiagnostischen Gründen kritisch gegenüber.
Die (molaren) Aktionen sind das unaufhörliche Jagen und Sammeln nach weiterem Kulturgut und sind sind auf der Symptomebene vorerst Ursache für den nicht mehr bewohnbaren Zustand der Messie-Wohnung.
Das einzige Limit ist die Begrenztheit des Aktionsraumes (Habitat), das ist beim urbanen Menschen üblicherweise die fixierte Raumbegrenzung der verfügbaren Nutzfläche der Wohnung. In ländlichen Gebieten gesellt sich noch die Möglichkeit leicht erreichbarer Verstaumöglichkeiten in Gärten, Gartenhäuschen oder ähnlicher Bauwerke hinzu. Die oft großen Flächen der ländlichen Grundstücke insgesamt lassen weit mehr an Auslagerung aus der primären genutzten Wohnfläche zu als die Wohnungen im urbanen Gebiet. Ausgehend von der Proxemik und meiner praktischen Überlegungen dazu komme ich zum Schluß, dass unter Verwendung dieses MHI- Modelles man, wenn es notwendig ist, mit Korrekturfaktoren zur spezifischen Anpassung arbeiten könne. Da sollte aber eine genauere Untersuchung, ob die MHI- Methode in Wohnhäusern gleich anwendbar ist wie in Wohnungen, separat anzustellen sein.
Die Erforschung des Verhaltens im Raum war vor allem in der vergleichenden Physiologie, Allgemeinen Psychologie, Philosophie und Vergleichenden Ethologie untersucht worden (ALTNER, 1967; BIRBAUMER & SCHMIDT, 1991; BUCHHOLTZ, 1982; BURKHART, SCHLEIDT & VON HOLST, 1969, 1970; HUSSERL, 1991; GOLDSTEIN, 2002; GUTTMANN, 1982, 1994; IMMELMANN, 1974; LEWIN, 1963, 1969; LEYHAUSEN, 1954; PRITZEL, BRAND & MARKOWITSCH, 2003; SCHÖNE, 1983; TEMBROCK, 1974). In der Biologie war Jakob VON UEXKÜLL (1930, 1970) der vergleichenden Untersuchung und Differenzierung von Umwelt und der Umgebung der Tiere und Menschen sehr früh schon zugetan. Ihre Lebensräume und räumlichen Ansprüche wurden hier untersucht. Im Vergleich von verschiedenen Tierarten diskutierte HESS (1975) auch über die
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sensiblen Phasen bezüglich Habitatselektion (Umweltbevorzugungen) und einen möglichen Zusammenhang zu sozialen prägungsählichen Vorgängen bei Tier und Menschen. Das führte zu interessanten ökologischen Überlegungen von prägungsähnlichen Isolationsmechanismen bei Tierarten (IMMELMANN, 1973).
Im Säuglingsforschungsbereich waren sehr zentrale Erkenntnisse im ersten postnatalen Erfassen von Mundraum, Tastraum und Greifraum entstanden (BÜHLER, 1922; EIBL- EIBESFELDT, 1999; SPITZ, 1973, 1976; STERN, 2007). In der naturwissenschaftlich ausgerichteten Psychologie in Heidelberg beschrieb bereits im Jahre 1863 der Docent Wilhelm Wundt in seiner „Siebzehnten Vorlesung über die Menschen- und Thierseele“ Erklärungen vom Phänomen des Raumes. Was wir als Raum in unserer sinnlichen Wahrnehmung konstruieren ist nichts anderes als unsere Raumanschauung, die durch Erfahrung und Denken bereichert wird. Mit der Kraft der psychischen Tätigkeit der Vorstellung und des Denkens ist das metaphysische Rätsel um Bewusstsein im Raum und Zeit gelöst (WUNDT, 1990). In Wien beschreibt Hubert ROHRACHER (1971) die Wahrnehmung als relative egozentrische Lokalisation. Für die Zeitwahrnehmung ist als Grundvoraussetzung das Gedächtnis notwendig um erst eine Speicherabfrage möglich zu haben (ARNOLD, 1968, 1984; PRIBRAM, 1971), welches wiederum vom emotionalen Kontext moduliert wird (CIOMPI, 1993, 2005; ERK et al. 2003; GUTTMANN, 1982, 1990; SPITZER, 2006, 2007). Sie ist der Raumwahrnehmung gegenüber viel unabhängiger. Luc CIOMPI (1988) sieht affektlogische strukturelle Kopplungen beispielsweise von Denken und Fühlen für Raum-Zeitliches Erleben als Grundlage der psychischen
Bewusstseinsstruktur in Abhängigkeit der relativen Geschwindigkeit an. Seiner Eskalationstheorie folgend wäre das Überkippen in Schizophrenie bzw. Psychosen als Abwehrmechanismus zu verstehen.
Der schweizerische Tiergartenforscher Heini Hediger begann mit der Fragestellung ob und wie die Fluchtdistanz oder biologische Distanz (BIRKMAYER, 1975) sich bei den verschiedenen Species äussert. Die Raumperzeption in der Proxemik des Menschen ist orientiert an der Ebene Haut & Muskeln, Sinnes (-reichweite) wie Augen, Ohren und Nase, welches dann Distanzstufen wie Intimdistanz, Persönliche Distanz, Soziale Distanz und Öffentliche Distanz ergibt (HALL, 1976, 1990; SCHOBER, 2006). Weiterführend wird in der Proxemik auch die Zeit – Kulturverschränkung diskutiert. Es gibt beispielsweise in den „Industriegebieten“ Amerika, Europa und Asien erkennbare
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Unterschiedlichkeiten in diesem Distanzverhalten (HALL, 1990). Das amerikanische Ehepaar JONAS und JONAS (1977) skizziert die Eigentümlichkeit des menschlichen Nervensystemes aus geeinter anthropologischer, psychologischer und medizinischer Sichtweise, dass sich die Wachsamkeit bei Betrachten von Gewohntem vermindert. In den grandiosen Vorlesungen von Giselher Guttmann kann man sich als Hörer an die Äusserung erinnern: „Während Sie gerade gespannt die Vorlesung hören, nehmen Sie den Sessel unter sich nicht bewusst wahr; Ihre bewusste Wahrnehmung lenkt Sie erst darauf, weil ich das gerade jetzt erwähne“. Eine Studie bezüglich selektiver Aufmerksamkeit zeigt anhand einer Versuchsanordnung mithilfe unterschiedlich präsentierten Bildern von einem Gesicht, Haus und beweglicher Punkte im 3 Tesla fMRI Signa Scanner, dass die selektive Aufmerksamkeit auch an ein bestimmtes Objekt und dessen cortikaler Weiterverarbeitung gebunden sein kann – nicht wie man bislang glaubte – ausschliesslich an rein räumliche Gesichtsfelder gebunden ist (O’CRAVEN, DOWNING & KANWISHER, 1999).
In Oberösterreich (Urfahr und Puchenau) wurden im Jahre 1974 Studien in Österreich im Bezug auf die Wohnqualität durchgeführt. In Linz-Urfahr, Bewohner eines Hochhauses, gaben als primären Grund für Übersiedlungsmotive die Räumliche Beengtheit an. Im Vergleich dazu, Bewohner der Bungalows bzw. Einfamilienhäusern der Puchenau-Anlage gaben an, dass die bauliche Mauerisolierung (das waren inkludierte territorial abgeschirmte Gartenflächen) als Ergebnisqualität der Geborgenheit als sehr hoch bewerteten. Ein Gefühl der Beengtheit ist hierorts nicht gegeben. Eine von der Wohnform bedingte Ballung stellt sich als kontakthinderlich dar. Aufgelockerte Architektur ist förderlich für Sozialkontakte. Heterogene Wohnformen auf beengterem Raum verstärken positive wie negative Eigenheiten im Erleben der Bewohner. Es resultiert eine Tendenz zur Abkapselung innerhalb der eigenen Bezugsgruppe (GUTTMANN, 1974). Eine nachfolgende wiener Arbeit diskutiert psychologische Sichtweisen der Wohnqualität von Wohnungen (PIETSCH, 1983). Demzufolge sind für die psychische Wohnzufriedenheit die Raumdimensionen, Standort, Belichtung, Funktionalität, Ausstattung und Umweltkontakte essentiell. Dem adaptierten Polaritätsprofil (GUTTMANN, 1978, zit.n. PIETSCH, 1983, 44) würden die subjektiven Erlebniseigenheiten für eine Messie Wohnung angewandt das negativere der beiden Eigenschaftspaare darstellen. Ein Merkmal unter diesen insgesamt 21 Paaren
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BA Andreas Schmidt, 2009, Der Messie House Index (MHI), Munich, GRIN Publishing GmbH
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