Zusammenfassung 2
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1 Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit werden am Beispiel gentechnisch veränderter Lebensmittel Risikowahrnehmung und Risikoakzeptanz anhand einer Stichprobe von 503 Studierenden untersucht. Dabei wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss das Wissen über gentechnisch veränderte Lebensmittel, die Einstellung zu ihnen, die Präferenz für Nahrungsmittel aus ökologischem Anbau sowie bestimmte Mediennutzungsgewohnheiten auf Risikowahrnehmung und Risikoakzeptanz haben und wie diese Variablen untereinander zusammenhängen.
Die Datenerhebung erfolgt an der Universität Regensburg vor und nach einer eigens entwickelten Informationskampagne zum Thema Genfood (mit Informationsblättern, Informationsstand, Schautafel, Homepage) mit Hilfe von Fragebögen. Durch das experimentelle Design soll heraus-gefunden werden, welchen Einfluss die in der Informationskampagne dargebotene, neutral gehaltene Information auf die gemessenen Variablen hat.
Rund zwei Drittel der Befragten halten das von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ausgehende Risiko für hoch, haben eine insgesamt negative Einstellung zu ihnen und würden entsprechende Produkte nicht kaufen. Den größten Einfluss auf die Risikoakzeptanz hat die Einstellung zu Genfood - die Präferenz für Produkte aus ökologischen Anbau hat nur einen mäßigen, das Wissen über Genfood keinen Einfluss. Die Informationskampagne führt zu einer Erhöhung des Wissens über Genfood, aber zu keiner Änderung von Risikowahrnehmung und Risikoakzeptanz. Die ablehnende und kritische Haltung gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist bei Laien größer als bei Experten, bei Frauen größer als bei Männern und bei Vpn, die Informationsmaterial von umweltorientierten Herausgebern gelesen haben, größer als bei Lesern von In-formationsmaterial anderer Herausgeber.
Die Ergebnisse werden durch den Vergleich mit anderen Untersuchungen in Deutschland und Europa bestätigt. Insgesamt kann gesagt werden, dass für die Haltung zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln das Wissen über diese Produkte ohne Bedeutung ist. Entscheidend ist die Einstellung zu ihnen (d.h. alltagsweltlich geprägte Werte, Meinungen und Gefühle), die durch die selektive Nutzung von teilweise sehr einseitigen, emotional gefärbten Medieninhalten zusätzlich verstärkt wird.
Inhaltsverzeichnis 3
Inhaltsverzeichnis :
1 Zusammenfassung. 2
2 Einleitung 6
2.1 Aktualität und Brisanz des Themas „Genfood“ 6
2.2 Wichtige Publikationen 7
2.3 Gegenstand der vorliegenden Untersuchung 8
2.4 Begriffsbestimmung: Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel 10
2.5 Anwendungsbereiche der Gentechnik bei der Nahrungsmittelproduktion 11
2.5.1 Gentechnik in der Pflanzenzüchtung. 11
2.5.2 Beispiele für gentechnische Veränderungen bei Pflanzen 13
2.5.3 Gentechnik bei der Herstellung von Zusatzstoffen, Bakterien, Hefen, Pilzen und
Enzymen 16
2.6 Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen und Lebensmittel 18
2.6.1 Gesundheitliche Risiken gentechnisch veränderter Lebensmittel 18
2.6.2 Ökologische Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen 19
2.7 Risikodefinition und Risikowahrnehmung. 20
2.7.1 Formale Verfahren der „objektiven“ Risikobestimmung 20
2.7.2 Alltagspsychologische Risikoheuristiken. 22
2.7.3 Qualitative Risikomerkmale als Einflussgrößen der Risikowahrnehmung und der
Risikoakzeptanz. 23
2.7.4 Auswirkungen alltagspsychologischer Risikoheuristiken auf die
Risikowahrnehmung bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln 24
2.8 Hypothesen. 26
3 Methoden 29
3.1 Versuchspersonen. 29
3.2 Konstruktion des Fragebogens. 29
3.2.1 Auswahl der Items für Risikowahrnehmung, Einstellung und Risikoakzeptanz. 29
3.2.2 Überprüfung der Skalenhomogenität. 32
3.2.3 Berechnung der Gesamtwerte der Variablen Risikowahrnehmung, Einstellung,
Risikoakzeptanz und Präferenz für Öko-Nahrung. 33
3.2.4 Auswahl der Items für die Variable Wissen und Berechnung des Gesamtwerts 33
3.2.5 Messung der Mediennutzung. 34
3.2.6 Sonstige Variablen 34
Inhaltsverzeichnis 4
3.3 Design des Experiments 35
3.4 Versuchsmaterial für die Informationskampagne. 35
3.4.1 Informationsblätter. 36
3.4.2 Informationsstand und Schautafel. 37
3.4.3 Informations-Homepage. 38
3.5 Durchführung des Experiments. 39
4 Ergebnisse. 41
4.1 Deskriptive Auswertung der Variablen Risikowahrnehmung, Einstellung und
Risikoakzeptanz. 41
4.2 Ergebnisse des Wissenstests. 42
4.3 Zusammenhänge zwischen den Hauptvariablen. 43
4.4 Unterschiede zwischen Männern und Frauen. 45
4.5 Unterschiede zwischen den Studienfächern 50
4.6 Effekte der Informationskampagne. 55
4.7 Ergebnisse der Mediennutzung 58
4.7.1 Mediennutzung allgemein 58
4.7.2 Effekte von früher gelesenem Informationsmaterial verschiedener Herausgeber 59
4.8 Ergebnisse sonstiger Variablen 66
5 Diskussion 68
5.1 Deskriptive Ergebnisse im Vergleich mit anderen Studien. 68
5.2 Korrelationen der Hauptvariablen 70
5.2.1 Korrelationen von Risikowahrnehmung, Einstellung und Risikoakzeptanz. 70
5.2.2 Korrelationen von „Präferenz für Öko-Nahrung“ mit den anderen Hauptvariablen 71
5.2.3 Korrelation von Wissen mit den Hauptvariablen 73
5.2.4 Regressionsanalyse für Risikoakzeptanz. 75
5.3 Der Unterschied zwischen „Laien“ und „Experten“ 77
5.4 Effekte der Informationskampagne. 78
5.5 Geschlechtsunterschiede. 80
5.6 Mediennutzung. 82
5.6.1 Mediennutzung allgemein 82
5.6.2 Effekte von früher gelesenem Informationsmaterial verschiedener Herausgeber 84
5.7 Fazit und Ausblick 92
5.7.1 Das Konfliktpotential gentechnisch veränderter Nahrungsmittel 92
Inhaltsverzeichnis 5
5.7.2 Möglichkeiten der Konfliktbewältigung. 95
6 Literatur 100
Anhang A Übersicht über die im Fragebogen verwendeten Items, geordnet nach
Kategorien , sowie positiver und negativer Formulierung 108
Anhang B Fragebogen (2. Messung) 109
Anhang C Informationsblätter 109
Einleitung 6
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2 Einleitung
2.1 Aktualität und Brisanz des Themas „Genfood“
Die Debatte um die Nutzung der Gentechnik polarisiert seit einigen Jahren die deutsche Öffentlichkeit. Auf der einen Seite stehen die Befürworter, die das ökonomische und wissenschaftliche Potential der Gentechnik betonen, auf der anderen Seite Kritiker, die primär ökologische und soziale Risiken der Gentechnik thematisieren. Während jedoch Gentechnik bei medizinischen Anwendungen von einer breiten Mehrheit allgemein akzeptiert wird, stößt Gentechnik bei Lebensmitteln von allen Anwendungsmöglichkeiten auf die größte Ablehnung (vgl. Hampel & Renn, 1998). Die heftige Diskussion um gentechnisch veränderte Lebensmittel, die in vielen Ländern - nicht nur in Deutschland - entbrannt ist, hat zahlreiche politische Kontroversen auf nationaler, aber auch auf internationaler Ebene ausgelöst (vgl. Behrens; Meyer-Stumborg u.a., 1997), z.B. um die Novel Food-Verordnung (vgl. Europäisches Parlament, 1997), die die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten oder hergestellten Lebensmitteln regelt und aufgrund dieser Kontroversen im April 2000 durch eine neue EU-Verordnung ergänzt wurde (vgl. Greenpeace, 2000; Transgen, 2000a).
Spätestens seit Einführung von gentechnisch veränderten Soja-Bohnen im November 1996 ist das Thema „Genfood“ einer breiten Öffentlichkeit bewusst. Seitdem hat sich einiges getan: Immer mehr gentechnisch modifizierte Pflanzen (insbesondere in den USA) werden entwickelt, in Freilandversuchen getestet und zugelassen. In naher Zukunft werden sie in Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion nicht mehr wegzudenken sein. So schreibt Jany (1998): „Es kann angenommen werden, dass innerhalb der nächsten 20-30 Jahre kaum noch neue Nutzpflanzen-sorten auf den Markt kommen werden, die nicht in irgendeiner Weise mit der Gentechnik in Berührung gekommen sind.“ (Jany, 1998, S. 19; vgl. auch Brandt, 1995). Bereits „heute stammen rund 80 % aller Enzyme für die Lebensmittelverarbeitung aus gentechnischer Herstellung“ (Jungbluth, 2000, S. 22). Janssen (1998) weist auf die enorme wirtschaftliche Bedeutung hin, die die Gentechnik bereits heute für die Nahrungsmittelproduktion hat: „Die Lebensmittelindustrie ist der Zukunftsmarkt der Gentechnik. Der weltweite Markt für gentechnisch erzeugte Lebensmittel wird auf etwa 73 Milliarden Dollar im Jahr 2000 geschätzt“ (Janssen, 1998, S. 29). Trotz dieser bedeutenden Rolle, die gentechnisch veränderte Lebensmittel in der Zukunft spielen wer- den, stoßen sie bei der Bevölkerung überwiegend auf Skepsis und offene Ablehnung.
Einleitung 7
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2.2 Wichtige Publikationen
Zur Akzeptanz von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln wurden bereits zahlreiche Studien in Deutschland und im europäischen Ausland durchgeführt, z.B. Greenpeace / GfK, 9/96, Greenpeace, 1996; MORI-Institut 1/97 (Greenpeace, 1997); VFA/EMNID, 1996; etliche Studien der „Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg“ (wie Hampel, 1997; Hampel & Renn, 1998; Zwick, 1998); Millet, 1995; Williams, 1998. Hervorzuheben ist insbesondere das Euro-Barometer 35.1, ein europäisches Forschungsprojekt, bei dem insgesamt ca. 16 000 Personen aus allen EU-Staaten befragt wurden (vgl. Hampel, 1997). Laut dieser Studie vertraten über 65 % der Befragten die Meinung, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ein Risiko für Umwelt und Gesundheit darstellen.
Einige der Studien sind jedoch schon mehrere Jahre alt und sind deshalb keine zuverlässige Quelle mehr für die jetzige Haltung der Bevölkerung zu Genfood, da sich die Entwicklung im Bereich der Biotechnologie so rasch vollzieht, dass der Gegenstand der Befragung ein teilweise anderer ist als beispielsweise noch im Jahr 1995. Manche Untersuchungen bedienen sich eher „weicher“ Methoden wie z.B. dem Semantischen Differential (z.B. Keck, 1998) oder Interviews (z.B. Zwick, 1998), die zwar den Vorteil einer großen Informationsfülle, aber dafür den Nachteil geringerer Objektivität und sehr kleiner Stichproben haben.
Teilweise wird in den Studien (z.B. Eurobarometer, 1997; Keck, 1998; Zwick, 1998) auch die Haltung zur Gentechnik allgemein (also auch zur medizinischen Diagnostik oder Therapie, zur Pharmaproduktion usw.) untersucht - nur wenige Fragen können sich daher gezielt mit der Haltung zu gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln befassen. Oft werden aus Zeit- und Kostengründen den Vpn nur wenige unspezifische Fragen gestellt, wie z.B. ob sie Genfood (bzw. Gentechnik allgemein) positiv oder negativ beurteilen (auf einer 5-Punkte-Skala), oder ob eher die Chancen oder die Risiken überwiegen und ob sie davon in Zukunft eher Verbesserungen oder Verschlechterungen erwarten.
Teilweise werden die Vpn sogar mit der beliebten aber ebenso pauschalen Allensbach-Frage „Ist die Gentechnik eher Segen oder Fluch?“ konfrontiert. Als Antwortmöglichkeiten werden ihnen dann die Optionen „eher Segen“, „eher Fluch“ und „gleichermaßen Segen wie Fluch“ vorgegeben. Bei solchen Fragen kommt dann typischerweise das Ergebnis heraus, dass sich die Mehrzahl der Befragten gegen die reine „Fluch-Segen-Option“ entscheidet, und es wird daraus die Schluss- folgerung gezogen, dass die Mehrheit der Bevölkerung ein „ambivalentes“ Verhältnis zu Gen-
Einleitung 8
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technik / Genfood hat. Doch was wird mit solch einer schwammigen Frage eigentlich genau gemessen? Ist es das wahrgenommene Risiko? Ist es die Einstellung zur Gentechnik oder sogar deren Akzeptanz?
Dies ist auch das Problem bei anderen globalen Fragen: Es findet keine Trennung statt zwischen Messung von Risikowahrnehmung, Einstellung und Risikoakzeptanz. Wo jedoch zwischen diesen Faktoren nicht unterschieden wird, kann als Ergebnis auch nur herauskommen, dass Vpn mehr oder weniger „dagegen“ sind. Für manche Zwecke, wie z.B. politische Entscheidungen, mögen solche Ergebnisse schon ausreichend und informativ genug sein. Aus psychologischer Sicht stellt sich jedoch die Frage nach dem „Warum“. Warum und in welchem Ausmaß werden gentechnisch veränderte Nahrungsmittel als Risiko erlebt? Vor welchen spezifischen Gefahren fürchtet sich die Bevölkerung konkret? Was ist der Grund für ihre negative Einstellung zu Genfood? Was denken die Menschen darüber? Welche Empfindungen haben sie dabei? Welche Auswirkungen haben Risikowahrnehmung und Einstellung auf die Risikoakzeptanz von Genfood und welchen Einfluss haben wahrgenommene Vorteile?
2.3 Gegenstand der vorliegenden Untersuchung
Diesen Fragen ging die vorliegende Untersuchung nach, die an 503 Studierenden der Universität Regensburg durchgeführt wurde. In einem aufwendigen Fragebogen wurden die Variablen Risikowahrnehmung, Einstellung und Risikoakzeptanz getrennt erfasst und durch je zehn Items operationalisiert. So wurde z.B. Risikoakzeptanz durch die Bereitschaft operationalisiert, gentechnisch veränderte Produkte zu kaufen und zu essen. Dabei wurden verschiedene Kontextbedingungen berücksichtigt, wie z.B. Preis, Nährwert oder Geschmack von Genfood. Diese Vorgehensweise bietet sich bei Lebensmitteln an; sie wird jedoch erst dadurch ermöglicht, dass sich der Untersuchungsgegenstand nicht auf Gentechnik im Allgemeinen bezieht, sondern eingeschränkt ist auf den Nahrungsmittelbereich. (Die Akzeptanz von der Gentechnik allgemein zu operationalisieren, ist eigentlich kaum möglich, da sie sich nur schwer an konkreten Verhaltensweisen bzw. Verhaltensabsichten festmachen lässt.)
Zusätzlich werden noch zwei weitere wichtige Variablen erhoben, nämlich das Wissen über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und die Präferenz für Öko-Nahrung. Das Wissen ist insofern ein wichtiger Faktor, da das Verständnis von Zusammenhängen, von Ursachen und Wirkungen bei Risiken das wahrgenommene Risiko reduziert und die Risikoakzeptanz erhöht.
Einleitung 9
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Dies betonen auch Böhm u.a. (1998): „Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Risikoperzeption wesentlich von kausalem Wissen beeinflusst wird.“ (Böhm u.a., 1998, S. 21) Aus diesem Grund wurde das Wissen über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel in der vorliegenden Untersuchung mit Hilfe eines eigenen Wissenstests erfasst, wodurch Zusammenhänge mit anderen Variablen untersucht werden konnten. Die meisten Studien verzichten dagegen auf den Aufwand einer Wissensmessung vollständig oder begnügen sich mit einer wenig objektiven Selbsteinschätzung des Wissens durch die Vp selbst (z.B. Biotech-Survey, Hampel & Renn, 1997). Lediglich Keck (1998) machte sich die Mühe, diese Variable mit einem eigenen Test zu messen.
Die Variable „Präferenz für Öko-Nahrung“ misst die Vorliebe für Produkte aus ökologischem Anbau, aus dem Reformhaus und dem Bio-Laden. Sie ist insofern relevant, als angenommen werden kann, dass sie negativ korreliert mit der Akzeptanz von Genfood und dass sie auch Ausdruck eines bestimmten Lebensstils und Naturbildes (im Sinne Zwicks, 1998) ist. Außerdem wurden die Vpn zu ihren Mediennutzungsgewohnheiten befragt, da die Medien für die Akzeptanz von Gentechnik eine entscheidende Rolle spielen (vgl. Analyse zur Wirkung der Berichterstattung über Gentechnik in den Medien von Pöss, 1999, sowie die Medienanalyse von Peters und Deisenroth, 1995). Dabei wurde untersucht, welche Medien die Vpn nutzen, um sich über gentechnisch veränderte Lebensmittel zu informieren. Besonderes Augenmerk galt der Frage, inwieweit es einen Zusammenhang gibt zwischen früher gelesenem Informationsmaterial verschiedener Herausgeber (z.B. Umweltparteien und -verbände, staatliche Organisationen, Biotechnologie-Unternehmen usw.) und der Haltung zu Genfood.
Zusätzlich fand ein Experiment statt: Zu zwei Messzeitpunkten wurden an der Universität Regensburg Vpn mit Fragebögen befragt. Dazwischen fand eine Informationskampagne über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel statt. Durch möglichst neutrale Sachinformation sollte das Wissen der Vpn über Genfood (= unabhängige Variable) erhöht werden und die Auswirkungen auf die anderen Variablen (Risikowahrnehmung, Einstellung und Risikoakzeptanz) gemessen werden.
Einleitung 10
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2.4 Begriffsbestimmung: Gentechnisch veränderte Nah-
rungsmittel
In der vorliegenden Arbeit werden unter gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln - aus Gründen besserer Lesbarkeit hier manchmal mit dem etwas populär klingenden Begriff „Genfood“ abgekürzt - alle Produkte verstanden, bei deren Entstehungsprozess gentechnische Methoden eingesetzt wurden. Gentechnik ist definiert als die Summe aller Methoden zur Isolierung, Charakterisierung und gezielten Veränderung und Übertragung von Erbgut. Der Begriff Lebensmittel wird als Synonym für Nahrungsmittel verwendet. Was konkret als gentechnisch verändertes Nahrungsmittel (Lebensmittel) gilt und was nicht, regelt die Novel Food-Verordnung. Darunter fallen:
a) Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die genetisch veränderte Organismen enthalten oder aus solchen bestehen;
b) Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die aus genetisch veränderten Organismen hergestellt wurden;
c) Lebensmittel und Lebensmittelzutaten mit neuer oder gezielt modifizierter primärer Molekularstruktur;
Novel Food-Verordnung, Artikel 1, a - c (vgl. Europäisches Parlament, 1997); für konkrete Beispiele vgl. die folgenden Punkte.
Gentechnisch veränderte Nutztiere (z.B. zur Fleisch- oder Milchproduktion) fallen ebenfalls unter diese Definition. Auf sie wurde jedoch in der durchgeführten Fragebogenuntersuchung nicht eingegangen, da sie bisher in der Lebensmittelproduktion praktisch keine Rolle spielen und da dies ein Thema ist, das als ethisch umstritten gilt und hochgradig emotionsgeladen diskutiert wird und daher nicht mit gentechnisch verändertem Obst und Gemüse in einen Topf geworfen werden sollte.
Einleitung 11
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2.5 Anwendungsbereiche der Gentechnik bei der Nahrungs-
mittelproduktion
2.5.1 Gentechnik in der Pflanzenzüchtung
Die Ziele der Gentechnik sind im Prinzip dieselben wie auch in der klassischen Züchtung. Seit der Mensch sesshaft wurde, betreibt er Pflanzenzüchtung zu seinem Nutzen. Doch erst seit etwa 100 Jahren werden die Vererbung pflanzlicher Merkmale wissenschaftlich erforscht und diese Erkenntnisse für die Land und Ernährungswirtschaft genutzt. Die Ziele der Pflanzenzüchtung sind in erster Linie, Anbauflächen effizienter zu nutzen und den Ertrag zu steigern. Außerdem soll die Qualität der verbessert werden (z.B. Geschmack, Konsistenz, Haltbarkeit), die Resistenz gegenüber Krankheiten (z.B. Viren, Pilze) und Schädlingen (z.B. Insekten und deren Larven) gesteigert werden. Damit verbunden ist auch der verringerte Einsatz von Spritzmitteln zur Kostenreduktion und Entlastung der Umwelt. Der Wuchs der Pflanzen soll optimiert werden (z.B. kurze, kräftige Halme beim Getreide als Schutz vor dem Umknicken durch Wind) und die Pflanze soll verschiedenen Standortansprüchen angepasst werden (z.B. Trockenheit, Temperatur, Licht). Damit verbunden ist auch das erst in den letzten Jahrzehnten hinzugekommene Ziel, die Welternährung zu sichern, indem Entwicklungsländern Nutzpflanzen zur Verfügung gestellt werden, die an die dortigen extremen klimatischen Bedingungen angepasst sind. Die Merkmalsvielfalt der Pflanzen entsteht zum einen durch zufällige, genetische Veränderungen (Mutationen) und zum anderen durch Neukombination. Um ein bestimmtes Zuchtziel zu erreichen, müssen deshalb einzelne Pflanzen mit der gewünschten Merkmalskombination ausgewählt und miteinander gekreuzt werden. Das Problem dabei ist, dass bei der Kreuzung zweier Pflanzen nicht nur das gewünschte Merkmal (z.B. Resistenz gegen eine bestimmte Krankheit) weitervererbt wird, sondern auch alle anderen - teilweise unerwünschten - Merkmale der Pflanze (z.B. geringer Ertrag, schlechter Geschmack, usw.) Deshalb sind Rückkreuzungen notwendig, um unerwünschte Eigenschaften wieder auszukreuzen. Aus diesem Grund sind Züchtungen sehr aufwendig, teuer und langwierig. Bis ein bestimmtes Züchtungsziel erreicht wird, vergehen Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte.
Die Gentechnik bietet Methoden, um diesen Vorgang drastisch zu verkürzen und effizienter zu gestalten. Mit Hilfe der Molekulardiagnostik ist es zum einen möglich, bestimmte Gene (z.B. für natürliche Schädlingsabwehr) in nahe verwandten Arten (z.B. wildlebende Verwandte) leicht aufzufinden und diese Gene für die weitere Zucht zu verwenden. Zum anderen ist es möglich, durch Züchtung erzeugte Arten mit Hilfe von Gentests darauf zu testen, ob sie bestimmte Gene
Einleitung 12
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enthalten der nicht. Der Vorteil ist, das die Auslese unabhängig von Umwelteinflüssen erfolgt und dass dieses Verfahren eine große Arbeits- Platz- Kosten- und Zeitersparnis mit sich bringt (zwei Tage im Labor).
Der größte Vorteil der Gentechnik ist jedoch, dass durch sie einzelne Gene gezielt in Pflanzen übertragen werden können. Anders als bei der Kreuzungszüchtung werden dabei nicht viele andere Merkmale neu kombiniert, sondern nur diejenigen übertragen, die erwünscht sind. Die Gen-Übertragung kann dabei innerhalb von Artgrenzen (von einer Maissorte auf eine andere Maissorte) oder über Artgrenzen hinweg durchgeführt werden (z.B. von einem Bakterium auf Mais, wie beim sog. Bt-Mais). Gerade die Gen-Übertragung über Artgrenzen hinweg eröffnet neue Möglichkeiten, die bisher mit Hilfe der klassischen Züchtung nicht möglich waren. Die Gentechnik ermöglicht es auch erstmals, Kontrolle auf den Züchtungsvorgang auszuüben, da bei Gentransfers bekannt ist, welche Gene in eine Pflanze eingebracht werden und welche Funktion sie ausüben. In der klassischen Züchtung wird dagegen immer nur nach Phänotypen (Aussehen der Pflanze) selektiert und gekreuzt. Der Genotyp (Erbgut) ist dabei unbekannt. Um den Züchtungsvorgang zu beschleunigen, werden dabei auch teilweise aggressive Chemikalien und Radioaktivität eingesetzt, um Mutationen am Erbgut herbeizuführen und dadurch die genetische Variabilität zu erhöhen. Welche Gene jedoch verändert werden und welche (möglicherweise unerwünschten oder schädlichen) Auswirkungen dies hat, bleibt in der klassischen Züchtung unbekannt und dem Zufall überlassen (vgl. Jany, 1998). Bei gentechnischen Methoden ist man jedoch auf solche Zufälligkeiten und Ungewissheiten nicht angewiesen. Gentechnik ist eine von vielen Methoden der Biotechnologie, die zur Ergänzung der klassischen Züchtung eingesetzt werden (vgl. Jungbluth, 2000). „Die Gentechnik eröffnet der Züchtung neue und zielgerichtetere Wege zur Gewinnung von Nutzorganismen. Die Gentechnik ist per se weder gut noch schlecht“ (Jany, 1998, S. 16; vgl. auch Hammes, 1997; Lebensmittelchemische Gesellschaft, 1994).
Einleitung 13
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Tabelle 1
Chancen der Gentechnik im Agrar- und Lebensmittelsektor:
Quelle: (Jany, 1998, S. 23)
2.5.2 Beispiele für gentechnische Veränderungen bei Pflanzen
Resistenz gegen Schadinsekten:
• Mais. Der von der Firma Novartis entwickelte Bt-Mais enthält ein Gen des natürlich im Boden vorkommenden Bakteriums „Bacillus thuringiensis“ (Bt). Aufgrund dieses Gens produ- ziert die Maispflanze ein Eiweiß, das für die Raupen des Maiszünslers, einer Schmetterlingsart,
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tödlich ist. Dadurch ist dieser Mais gegen seinen größten Fraßschädling resistent. Der Einsatz von Spritzmitteln kann dadurch stark reduziert werden.
• Kartoffel. Hersteller: Monsanto. Resistenz gegen den Kartoffelkäfer durch Bt-Toxin.
Resistenz gegen Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide):
• Soja-Bohne. Hersteller: Monsanto. Resistenz gegen das Herbizid Roundup® (ebenfalls Monsanto). Während alle „Unkräuter“ auf dem Feld eingehen, übersteht die resistente Sojapflanze den Spritzmitteleinsatz unbeschadet. Anbaufläche weltweit (1999): 21,6 Mio ha.
• Mais. Hersteller: AgrEvo; Monsanto; Dekalb Genetics. Resistenz gegen Wirkstoffe Glufosinat und Glyphosat.
Anbaufläche weltweit (1999): 11,1 Mio ha.
Resistenzen gegen Viren:
• Zuckerrübe. Hersteller: AgrEvo; Novartis. Resistenz gegen Rizomania-Virus, Erreger einer Viruserkrankung (Wurzelbärtigkeit), der jährlich 30 % der Zuckerrübenernte in Süddeutschland zum Opfer fällt.
• Zucchini. Hersteller: Asgrow Seed.
Resistenzen gegen Pilze:
• Kartoffel. Durch ein Gen aus dem Bodenbakterium „Bacillus amyloliquefaciens“ Resistenz gegen die Pilzkrankheit „Kraut- und Knollenfäule“, die jährlich zu 20 %igen Ertragsverlusten führt. Einsatz von Pilzbekämpfungsmitteln (Fungizide) kann dadurch stark reduziert werden.
Verbesserung des Geschmacks:
• Tomate. Hersteller: Calgene; DNA Plant Technology; Monsanto; Zeneca; Agritope. Bekanntestes Produkt: Flavr Savr®-Tomate („Anti-Matsch-Tomate“) von Monsanto. Ein Gen, das für die Reifung - und damit für das Weichwerden - der Tomate verantwortlich ist wurde isoliert und zusätzlich in „umgekehrter Richtung“ wieder eingebaut. Der Reifungsvorgang wird somit hinausgezögert. Dadurch muss die Tomate nicht - wie sonst üblich - grün geerntet werden, sondern kann am Strauch reifen und ihr volles Aroma entfalten. Nach der Ernte bleibt sie dennoch transportfähig.
Einleitung 15
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Veränderte Inhaltsstoffe:
• Raps. Veränderte Fettsäurezusammensetzung. In den USA wird bereits seit 1995 ein von Calgene (heute Monsanto) entwickelter Raps angebaut, der aufgrund eines eingeschleusten Fremdgens Laurinsäure bildet, eine Fettsäure, die normalerweise in Raps nicht enthalten ist. Aufgrund seiner veränderten Zusammensetzung weist dieses Rapsöl (Laurical®) besondere technologische Eigenschaften auf und wird in der Margarineherstellung, bei Süßwaren (Pralinen) oder bei Molkereiprodukten eingesetzt. Andere, bereits fortgeschrittene Ziele sind die Erhöhung des Anteils an langkettigen Fettsäuren (Wegfall des Härtens flüssiger Öle bei der Margarineproduktion oder ein höherer Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren (z.B. DHA), denen gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben werden. Weitere Veränderungen sind die Anreicherung mit Beta-Carotin, einer Vorstufe von Vitamin A (für Bevölkerungsgruppen mit Vitamin-A-Mangel) und die Anreicherung mit Aminosäuren, vor allem zur Optimierung als Futtermittel.
• Tomate. Erhöhung des Stärkegehalts und eine gleichzeitige Senkung des Wassergehalts (damit höheres Trockengewicht und Kosteneinsparungen bei der Verarbeitung von Tomatenprodukten). Ein anderes Ziel ist die Steigerung des Carotinoidgehalts.
• Reis. „Hypoallergener Reis“, d.h. eine Sorte, bei der auf gentechnischem Wege die Bildung eines bestimmten Proteins (AS-Albumin) unterdrückt wird, das als starkes Allergen bekannt ist. Dieser Reis kann auch von Menschen mit Reis-Allergie verzehrt werden (wichtig in asiatischen Ländern, in denen Reis Hauptbestandteil der Nahrung ist).
Reis mit erhöhtem Eisengehalt* produziert durch ein Gen aus der Sojabohne dreimal so viel Eisen wie herkömmlicher Reis (wichtig zur Bekämpfung der Mangelernährung in der Dritten Welt).
Reis mit erhöhtem Provitamin A-Gehalt* kann ebenfalls dazu beitragen, Mangelernährung in der Dritten Welt zu bekämpfen und dadurch Fehlentwicklungen, Erblindung und erhöhter Sterblichkeit insbesondere bei Kindern vorzubeugen.
Alle aufgelisteten Produkte existieren bereits und sind alle zumindest in den USA zugelassen (mit Ausnahme der mit * gekennzeichneten). Teilweise sind sie auch in Europa zugelassen, teilweise werden sie in Europa noch in Freilandversuchen angebaut. Bei einigen Pflanzen (z.B. Soja, Mais, Raps) gibt es verschiedene Produkte (z.B. Resistenzen gegen Pilze, Viren, Schädlinge und Herbizide; veränderte Zusammensetzung der Inhaltsstoffe u.a.); sie wurden der Übersichtlichkeit hal- ber nicht in die Auswahl mit aufgenommen. Quellen: Ast & Sell, 1998; Dürkop & Dubbert,
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1998; Jany 1998; DIE ZEIT, 1999; Monsanto, 1999; Novartis, 1997; Transgen, 2000; Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, 2000; Jungbluth, 2000; StMLU, 1998; BML, 1997; Nüsslein-Volhard 1998; Stampf, 1997; Tanner 1998b.
Die angeführten Beispiele sind lediglich eine kleine Auswahl, die bei weitem nicht vollständig ist. Eine sehr gute Übersicht über sämtliche gentechnisch veränderten Pflanzen mit Informationen über Freisetzungen, Zulassungen, Anbauflächen, vorgenommenen Veränderungen und Verwendung in Lebensmitteln findet sich unter: www.transgen.de/Suchen/index.html (Transgen, 2000).
2.5.3 Gentechnik bei der Herstellung von Zusatzstoffen, Bakterien, Hefen, Pilzen und Enzymen
Zusatzstoffe:
Zusatzstoffe werden in der Lebensmittelverarbeitung beispielsweise als Geschmacksverstärker, Süßstoffe, Aminosäuren, Vitamine, Aromen, Farbstoffe, Konservierungsmittel, Verdickungsmittel und Emulgatoren eingesetzt (vgl. Janssen, 1998; Jungbluth, 2000). Beispiele für gentechnisch hergestellte Zusatzstoffe sind Vitamin C, Vanillin und der Süßstoff Thaumatin.
Bakterien, Hefen, Pilze:
Mehr als ein Viertel der Nahrungsmittel (z.B. Milchprodukte, Sauergemüse, Rohwürste, Bier, Wein, Brot) werden mit Hilfe von Milchsäurebakterien oder Hefen hergestellt. Pilze sorgen für die Reifung und Geschmackentwicklung von Käse (z.B. Camenbert). Mikroorganismen werden in der Lebensmitteltechnologie als Starterkulturen eingesetzt, um gezielt chemische Zusammensetzungen und Geschmack zu verändern, sowie als Schutzkulturen, um das Wachstum von Krankheitserregern und anderen störenden Keimen zu hemmen. Bei Back- und Bierhefen existieren bereits einige gentechnisch hergestellten Sorten. Die meisten Produkte befinden sich jedoch noch in der Entwicklung oder sind noch nicht zugelassen.
Enzyme:
Enzyme sind Eiweißstoffe, die in allen Lebewesen in geringer Konzentrationen vorkommen. Sie katalysieren die spezifische Umwandlung von Stoffen mit hoher Umsatzrate unter gemäßigten Bedingungen, d.h. sie sind eine Art Reaktionsbeschleuniger. Sie sind biologisch abbaubar und daher im Endprodukt meist nicht mehr vorhanden (vgl. Jany, 1998; Jungbluth, 2000).
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Enzyme werden benötigt für die Herstellung von Back- und Teigwaren (z.B. Amylasen, Glucanasen, Xylanasen), Stärke (z.B. Glucoamylase, Pullanasen), Bier und Wein (z.B. Amylasen, Pektinasen), Frucht- und Gemüsesäfte (z.B. Cellunasen, Arabinasen), Fleisch- und Wurstwaren (z.B. Proteinasen, Peptidasen) und Milchprodukten (z.B. Proteinase (= Chymosin), Lactase). Heutzutage werden Enzyme in der Regel mit Hilfe von Mikroorganismen (z.B. Bakterien) gewonnen. Durch gentechnische Eingriffe können diese so verändert werden, dass sie das gewünschte Enzym in größerer Menge und höherer Reinheit produzieren. Dadurch können Ressourcen und Zeit gespart, das Abfallaufkommen reduziert und Produktionsverfahren verbessert werden. Alle oben genannten Enzyme und viele andere werden mittlerweile mit Hilfe von Gentechnik produziert. „Heute stammen 80 % aller Enzyme für die Lebensmittelverarbeitung aus gentechnischer Herstellung.“ (Jungbluth, 2000, S. 22)
Ein bekanntes Beispiel für ein gentechnisch hergestelltes Enzym ist das Chymosin, das zur Käseherstellung benötigt wird (vgl. Janssen, 1998). Das Labferment wird traditionell aus zerkleinerten Kälbermägen gewonnen und dient der Dicklegung der Milch. Für die weltweite Käseproduktion müssen jährlich 70 Millionen Kälbermägen aufgearbeitet werden. Gentechnisch hergestelltes Chymosin aus Schimmelpilzkulturen dagegen (in Deutschland und 18 weiteren Nationen zugelassen) kann den Weltbedarf umweltfreundlich und kostengünstig decken. Es ist identisch mit der wirksamen Substanz im traditionell eingesetzten Kälbermagenlab und wird im Laufe der Käsereifung im Endprodukt Käse abgebaut. Gentechnisch hergestelltes Chymosin kann billig und in sehr hoher Reinheit produziert werden. Es enthält nur 1 % Verunreinigungen - im Gegensatz zu Chymosin aus Kälbermagenextrakt, das zu 95 % aus Verunreinigungen besteht. Damit kann der gentechnisch hergestellte Käse auch von Allergikern gegessen werden, die herkömmlichen Käse wegen allergener Substanzen im vergleichsweise hohen Anteil an Verunreinigungen nicht vertragen. In Großbritannien werben inzwischen sogar Tierschützer für die gentechnische Produktion von Chymosin, mit dem Argument, dass somit weniger Kälber für die Käseproduktion geschlachtet werden müssten. Nachteile gentechnisch hergestellten Chymosins sind nicht be- kannt (vgl. Jungbluth, 2000).
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2.6 Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen und
Lebensmittel
2.6.1 Gesundheitliche Risiken gentechnisch veränderter Lebensmittel
In Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden unter anderem folgende Risiken für die menschliche Gesundheit diskutiert:
• erhöhtes Allergierisiko
• gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe (Toxine, Pathogene)
• Übertragung von Antibiotikaresistenzen (z.B. Markergene in Bt-Mais) auf Krankheitserreger des Menschen
Nach Meinung vieler Wissenschaftler reichen einfache toxikologische Standardtests für die Beurteilung der gesundheitlichen Risiken gentechnisch veränderter Lebewesen nicht aus. Laut einer Pressemitteilung der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1999) erfordert Genfood heute neue, besser angepasste Analysemethoden (vgl. auch Bartsch & Haag, 1996). Ein aktuelles Beispiel für die kontroverse Diskussion um Gesundheitsschäden durch gentechnisch veränderte Lebensmittel stellt die Untersuchung des Rowett Research Institute (vgl. BBC News, 1999; Enserink, 1998; Rowett Research Institute, 1999) an gentechnisch veränderten Kartoffeln dar. Viele andere Experten halten dagegen die von Genfood ausgehenden Gesundheitsrisiken für eher gering. Sie verweisen auf die hohen Sicherheitsvorschriften für gentechnisch hergestellte Lebensmittel und relativieren mögliche Gefahren an ohnehin immer möglichen Risiken, wie sie ebenso - bzw. noch wahrscheinlicher - bei herkömmlichen Lebensmitteln auftreten können (z.B. Allergien durch Pflanzen aus klassischer Züchtung). Anderen möglichen Problemen, wie der Übertragung von Antibiotikaresistenz-Genen wird argumentativ durch den Hinweis begegnet, dass diese ohnehin durch Mikroorganismen in der natürlichen Umwelt weit verbreitet sind und beim Verzehr von frischem Obst und Gemüse ständig aufgenommen werden. Außerdem wird immer mit extrem geringen Wahrscheinlichkeiten von gesundheitlichen Schäden argumentiert.
Ein Beispiel für eine solche Argumentationsweise bietet Jany (1998):
„Alle transgenen Pflanzen und die daraus gewonnenen Erzeugnisse werden umfassend und intensiv einer staatlichen Sicherheitsbewertung unterzogen. Erst wenn die Unbedenklichkeit für Mensch und Natur auf wissenschaftlicher Basis festgestellt wurde, dürfen Pflanzen frei angebaut und ihre Erzeugnisse frei in den Verkehr gebracht werden. Bislang wurden noch keine neuen Pflanzensor- ten und keine Lebensmittel so umfassend untersucht wie die gentechnisch modifizierten. Insbe-
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sondere stellen Lebensmittel aus transgenen Pflanzen hinsichtlich Allergien die bestuntersuchten und sichersten Erzeugnisse dar. Im Gegensatz zu den traditionellen Verfahren ist bei der Gentechnik das neu eingeführte Protein bekannt und sein allergenes Potential überprüft worden. Die gegenwärtig in der EU zugelassenen Erzeugnisse, sei es aus herbizidtoleranten Sojabohnen, Raps oder insektentolerantem Mais, entsprechen den traditionellen Produkten. Sie sind genauso sicher und gesund wie diese; es besteht kein neues oder anderes Gefährdungspotential.“ (Jany, 1998, S. 16)
Vgl. dazu auch Hammes (1997); Lebensmittelchemische Gesellschaft (1994).
2.6.2 Ökologische Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen
Als ökologische Risiken, also Gefahren für Natur und Umwelt, werden am häufigsten genannt:
• Gentransfer durch Pollenflug auf verwandte Pflanzen, wodurch die Fitness der Wildpflanzen erhöht werden kann
• Unkontrollierte Übertragung eingefügter Gene und (z.B. Antibiotikaresistenzen) auf andere Organismen (z.B. Bakterien)
• Resistenzentwicklung bei Unkräutern, pflanzlichen Krankheitserregern (Pathogenen) und Schadinsekten
• Unerwünschte Effekte auf Nichtzielorganismen, wie z.B. Bestäuber, räuberische Insekten, und seltene Arten durch Abwehrstoffe, die die Pflanze selber produziert
• Verminderung der Artenvielfalt, Verdrängung konkurrenzschwacher Arten
• unvorhersehbare Langzeitfolgen (Vgl. Mellon & Rissler, 1995; Tappeser, 1998).
In Ökosystemen ist bei der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen grundsätzlich mit unvorhersehbaren, indirekten und stark zeitverzögert auftretenden Effekten zu rechnen, die systembedingt und nur schwer zu kontrollieren sind (vgl. Metaanalyse von Mellon & Rissler, 1995; UBA, 1998).
Bei Nöh (in: Bartsch & Haag, 1996) heißt es unter anderem, dass die Abschätzung des ökologischen Risikos von Freisetzungen und des Inverkehrbringens gentechnisch veränderter Organismen derzeit nicht zuletzt wegen der großen Wissenslücken über ökosystemare Zusammenhänge noch Probleme bereite und die Datenlage insgesamt unzureichend sei. Sukopp (in: Bartsch & Haag, 1996) gibt zu bedenken, dass es zu weitreichenden Veränderungen in der Struktur und in
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den Funktionen naturnaher und natürlicher Ökosysteme kommen könne, falls eine unkontrollierte Übertragung von Genen zwischen gentechnisch veränderten und „normalen“ Organismen stattfände. Forschungsergebnisse der ETH Zürich (vgl. Freese, 1999) und des Scottish Crop Research Institute (vgl. Williams, 1998) belegen z.B., dass beim Anbau gentechnisch veränderter herbizidresistenter Pflanzen nicht nur die Schädlinge, sondern auch deren natürliche Feinde in ihrem Fortbestand gefährdet werden können.
Zu allen genannten Gefahren gibt es aber auch entsprechende Gegenargumente, die je nach Forscher und Studie die möglichen negativen Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen auf das Ökosystem für viel geringer einschätzen oder mit dem Verweis auf andere Gefahren relativieren. Welches Risiko genveränderte Pflanzen für die Umwelt darstellen, darüber existieren in der Biologie unter Experten seit längerem große Differenzen, die im Zusammenhang mit dieser Studie jedoch nicht so wichtig sind. Es kann aber gesagt werden, dass es bei den möglichen negativen Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen auf das Ökosystem weit mehr Unklarheiten gibt als bei möglichen negativen Auswirkungen von Genfood auf die Gesundheit des Menschen.
2.7 Risikodefinition und Risikowahrnehmung
2.7.1 Formale Verfahren der „objektiven“ Risikobestimmung
In der gesellschaftlichen Debatte um Risiken, lassen sich generell zwei grundsätzlich verschiedene Risikokonzepte unterscheiden: Auf der einen Seite naturwissenschaftliche sogenannte „objektive“ Risikokonzepte, wie sie Experten verwenden, und auf der anderen Seite alltagspsychologische, qualitative Risikoheuristiken, wie sie im allgemeinen Laien verwenden. Diese unterschiedlichen Strategien tragen entscheidend dazu bei, dass Risiken von Experten teilweise völlig anders eingeschätzt werden als von Laien (vgl. Jungermann & Slovic, 1993a; Kaplan & Garrick, 1993; Renn & Zwick, 1997).
Bei naturwissenschaftlichen Risikokonzepten wird ein Risiko als Produkt von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensschwere definiert. Technische Risikoexperten setzen damit Risiko mit durchschnittlicher Verlusterwartung pro Zeiteinheit gleich. Diese Operationalisierung, wie sie v.a. Versicherungen verwenden, ist zwar für mittlere Schadensfälle, die häufig auftreten und für die es zahlreiche Erfahrungswerte aus der Vergangenheit gibt, praktikabel, bei Groß- und Risi- kotechnologien, wie z.B. Atomenergie oder Gentechnik, stoßen sie jedoch an Grenzen. Denn
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gerade für neuartige Technologien wie die Gentechnik gibt es keine Erfahrungswerte, die Wahrscheinlichkeiten von Katastrophen (z.B. Auskreuzen von Genen mit schädlicher Wirkung o.ä.) sind teilweise sehr gering, aber mögliche Schäden sehr groß (z.B. Gesundheitsschäden bei Millionen von Menschen durch den Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel; ökologische Schäden).
Aus diesem Grund ist man bei Risiken wie Gentechnik auf induktive Risikomodelle angewiesen, bei denen sehr seltene oder bislang nie eingetretene Schadensfälle modellhaft aus den Fehlerwahrscheinlichkeiten der Einzelkomponenten geschätzt werden müssen. Diese induktiven Verfahren sind jedoch im Vergleich mit statistisch extrapolierten Fällen mit großer Häufigkeit (z.B. Verkehrsunfälle) mit sehr großen Unsicherheiten behaftet.
„Die Schwierigkeit ist, dass es keine objektiven, quantitativen Methoden gibt, die gewährleisten könnten, dass alle möglichen Ereignisabläufe, die zur Katastrophe führen, erkannt und sicherheitstechnisch abgedeckt sind und dass die Sicherheitseinrichtungen, wenn sie benötigt werden, in jedem Fall, wie geplant, funktionieren [...] Nicht einmal prinzipiell gibt es eine objektive und quantitative Methode, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit von Unfällen zu berechnen.“ (C. Beck, AEC Brookhaven National Laboratory, zitiert in Kollert, 1993, S. 29)
So ist es beispielsweise schlichtweg unmöglich, objektiv die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der ein Antibiotikaresistenz-Gen (z.B. aus dem Bt-Mais) auf Bakterien in der Darmflora des Menschen übertragen wird. Schlimmer noch: Es besteht unter Experten noch nicht einmal Einigkeit darüber, wie negativ dieses Ereignis eigentlich wäre. So kam es z.B. beim herbizidresistenten Raps (Resistenz gegen Unkrautvernichtungsmittel Roundup®) bereits zu einer Übertragung des Resistenzgens auf wildlebende Rapsarten (vgl. Jany, 1998), doch bei der Beurteilung dieses Vorgangs scheiden sich die Geister: Während für die einen Experten die Übertragung von Herbizidresistenz-Genen auf wildlebende Arten als eine Art „GAU“ gilt, da dadurch „Superunkräuter“ entstehen können, ist dies für andere Experten kein großes Problem. Sie argumentieren, dass der einzige Lebensraum, in dem die Wildpflanze aufgrund ihrer neu gewonnenen Herbizidresistenz einen Überlebensvorteil besitzt, der Acker ist, auf dem das Unkrautvernichtungsmittel ausgebracht wird. Somit hätte der Landwirt das gleiche Problem, das er ohne die Einführung der herbititresistenten transgenen Nutzpflanze ohnehin hat. In der freien Natur dagegen bietet die Resistenz gegen ein Unkrautvernichtungsmittel einer Pflanze gar keinen Se-lektionsvorteil, da dieses Gift dort nicht vorkommt. Deswegen werden sich dort die Resistenzgene nicht weiter ausbreiten (vgl. Tanner, 1998b). Das Beispiel zeigt, warum es so schwierig ist, objektive Risikoabschätzungen zu geben: Nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Schadens ist sehr schwierig zu bestimmen, auch über die Bewertung eines Schadens gibt es völlig
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verschiedene Ansichten. Auf diesen Punkt weist auch Novitzki (1993) hin, indem er sagt, Risikoabschätzungen seien grundsätzlich immer standort- und wertgebunden. „Risiken sind keine objektiven Tatbestände, die unabhängig von der Meinung der Menschen existieren. Sie sind einem sozialen Kommunikationsprozess ausgeliefert und werden [...] dort festgelegt.“ (Novitzki, 1993, S. 126) Eine voraussetzungslose Risikoabschätzung ist schon allein aus diesem Grund nicht möglich.
Hinzu kommt, dass in der Praxis hinter jeder Risikoabschätzung auch unterschiedliche Interessen derer stecken, die eine solche Studie in Auftrag geben oder selbst durchführen. So wundert es auch nicht, dass bezüglich von ökologischen Risiken transgener Pflanzen Untersuchungen des Umweltbundesamtes zu anderen Ergebnissen kommen als Untersuchungen, bei denen Monsanto oder Novartis ihre eigenen Produkte untersuchen. Dies liegt daran, dass je nach Standpunkt, theoretischem Hintergrund und eigenen Zielen, unterschiedliche Fragestellungen untersucht und unterschiedliche Methoden verwendet werden. Daraus können leicht unterschiedliche Risikoeinschätzungen resultieren, obwohl alle Studien gleichermaßen nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt wurden (zu Expertendilemma vgl. Fischhoff u.a., 1993; Nennen & Garbe, 1996).
2.7.2 Alltagspsychologische Risikoheuristiken
Im Gegensatz zu technischen Risikoexperten nehmen Laien Risiken als ein komplexes, mehrdimensionales Phänomen wahr. Subjektive Verlusterwartungen (geschweige denn statistisch gemessene Verlusterwartungen) spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die Größe des wahrgenommenen Risikos wird vielmehr entscheidend vom Kontext einer riskanten Situation beeinflusst.
Unterschiede zwischen wahrgenommenen und statistisch berechneten Verlusterwartungen können u.a. durch folgende Prinzipien erklärt werden:
• Je mehr Risiken mental verfügbar sind (d.h. je stärker sie im Gedächtnis repräsentiert sind), desto eher wird ihre Wahrscheinlichkeit überschätzt
• Je mehr Risiken Assoziationen mit bereits bekannten Ereignissen wecken, desto eher wird ihre Wahrscheinlichkeit überschätzt.
Arbeit zitieren:
Martin Gründl, 2000, Risikowahrnehmung und Risikoakzeptanz am Beispiel gentechnisch veränderter Nahrungsmittel, München, GRIN Verlag GmbH
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