Da ist der Maschinensetzer Fritz und sein in Formalin liegender Zwilling, der entweder stumme oder poetische Akzidenzsetzer Willi mit seinem unglaublichen Geheimnis, der schizophrene Buchdrucker Manfred mit seinen sprechenden Pressen „Phönix“ und „Mercedes“ und schließlich Püppi, die ihre Flucht meist mit Hilfe einer Flasche „Kreuz des Südens“ verübt und ihr Herz an eine Gloxinie verliert. Sie sind Außenseiter, die alle in diesen Problemen vereint sind und nach der Schließung der Druckerei sogar für einen kurzen Augenblick dieser Einsamkeit entfliehen und einander vertrauen können, da sie gemeinsam ein „eigentümliches Gefühl von Nähe und Schicksal“ erfasst. Verständnis und Kontakt ist jedoch ein Fremdwort in diesem Quartett. Annäherungsversuche Püppis scheitern an einer Gefühlsoffenbarung von Fritz. - Denn Gefühle zeigen erhöht das Maß der Verletzbarkeit. Und Schmerzen können Posbichs Angestellte in ihrer kleinen Welt gar nicht gebrauchen. Schmerz und Liebe sind oft eng miteinander verknüpft; und daher verharrt auch jeder der „Letzten“ in seiner eigenen Welt, deren Rhythmus durch das Wechselspiel von Arbeitszeit, Feierabend und Wochenende angegeben wird.
Der Roman beginnt mit einem Stück Prosa, das so gar nicht zu dem restlichen Inhalt passen möchte. Doch dann öffnet sich schon der Vorhang und die Zirkusdirektorin lässt die „einarmige, blaue Elefantin“ (Püppi) über die Frankstraße stolpern, bis diese vor dem „privaten, polygraphischen Betrieb“ von Udo Posbich stehen bleibt und dem Leser ohne Umschweife zu verstehen gibt, dass sie den „Feierabend“ als einen Glücksmoment betrachtet. Die dilettantische Püppi hat ihren Lehrberuf seit neun Jahren nicht mehr ausgeübt. ihr Facharbeiterbrief beseitigt zwar Unglauben, aber nicht Inkompetenz. Während eines Aushilfsjobs in einer Nervenklinik lernte sie Manfred kennen, der sie wegen konsumierter Pharmazeutika jedoch nicht wahrnehmen konnte. Jahre später trifft sie ihn ausgerechnet in der Druckerei wieder, die ihm durch Posbichs Not eine Rehabilitierung ermöglichte. Fritz spielt in dieser Vorstellung den Clown. Präsentiert als eine „unglücklich geratene Mischung aus Andy Warhol, Klaus Kinski, Hans Albers und Heino“ ist er der redselige Spinner des Quartetts. Doch er spielt nur den lustigen Clown, denn eigentlich fühlt er sich „doppelt und gleichzeitig einer zu wenig“. - Durch eine Operation ist ihm sein parasitärer Zwilling aus der Hüfte entfernt worden. Seitdem ist bei ihm „Ruhe“. Er sucht Kontakt zu Frauen, fühlt sich von ihnen verstanden, weil er genau wie sie weiß: „Menschen zur Welt zu bringen, das ist das Größte.“ Er scheitert jedoch bei seinem Outing in der „Waldschänke“ und zieht sich danach von Püppi zurück, weil er sich selber und durch sie „entzaubert“ und „verraten“ hat.
Die Letzten ist keine Chronik. Schon deshalb verliert sich der autobiografische Charakter. Der Roman ist vielmehr eine facettenreiche Darstellung von Gefühlen, Schicksalen und Problemen und bewältigt das Gleichgewicht zwischen „Lachen und Gänsehaut“ (Ingo Schulze). Schwarzer Humor und ironische Satire beleben die Darstellung der Figuren. Denn die genaue und sprachgewandte Darstellung des Quartetts durch Dialoge, Monologe, Erinnerungen und Briefe macht die Besonderheit dieses Romans aus. Bei genauer Lektüre lassen sich viele Themen und Ansatzpunkte erkennen: Systemkritik, Homosexualität, Geschlechterkonflikt, Alkoholismus und die verzweifelte Suche nach Glück und Liebe sind in diesem Roman ebenso zu finden wie Situationskomik, Ironie, Wortwitz und eine subtile Aussage über die Bedeutung von Schrift, die der Leser vielleicht erst bemerken wird, wenn er mit dem Roman Daumenkino gespielt hat. Marcel Heuwinkel
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Marcel Heuwinkel, 2001, Manege Frei, München, GRIN Verlag GmbH
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