1. Ausgangspunkt der Überlegungen
Romania - der Begriff verbindet all die Gebiete, deren Sprachen im Romanischen wurzeln. Aber er bezeichnet auch einen Kulturraum - wenngleich auch keinen homogenen - doch aber einen mit vielen Ähnlichkeiten. Es genügt sich beispielsweise das Wort „Musik“ in den verschiedenen Sprachen anzusehen: Musica (lat.), musica (ital.), música (span.), música (port.), musique (frz.), muzică (rum.). Die Verwandtschaft ist unleugbar. Jedoch wer denkt an dieser Stelle weiter zurück als bis zum lateinischen „musica“? Denn es waren nicht die Römer, die das Wort für die Tonkunst erfanden. Die Wurzeln des Ausdrucks reichen weiter zurück bin in das antike Griechenland, wo das Musizieren neben melos und logos auch musiké hieß.
Derlei Beispiele fänden sich zahlreiche. Anlass genug für diese Arbeit, den Einfluss des antiken Griechenlands auf das Römische Reich und somit auf die Kulturen der Romania zu betrachten. Da in einem solchen Rahmen unmöglich alle Aspekte der imitatio graeca berücksichtigt werden können, wird hier der Bereich Erziehung und Bildung fokussiert. Zahlreiche Teilaspekte wie beispielsweise Philosophie, Literatur und Sprache werden sich aber auch innerhalb dieses Fokus’ wieder finden.
Die nachfolgenden Betrachtungen sollen einen Eindruck davon vermitteln, in wie weit das griechische Erziehungs- und Bildungsideal von den Römern adaptiert bzw. modifiziert und somit Grundlage für die heutigen Bildungssysteme der Romania wurde.
2. Wie das eine zum anderen kam…
„Alexander der Große eröffnete einen Abschnitt der antiken Geschichte, innerhalb
dessen die Ereignisse sich mit Notwendigkeit auf Weltreich und Weltherrschaft hin
ausrichteten. Und diesen war es eigen, daß […] sie durch das Griechentum geformt
wurden. Mit dem politischen Niedergang trat dieses Griechentum seinen geistigen
Siegeszug erst an. […] Aber an seine Stelle rückten zwei Völker […]. Sie traten die
Nachfolge an: beidesmal ein Volk, das sich die Kraft der Eroberung bewahrt, dem die
Befruchtung mit griechischem Wesen die schlummernden Fähigkeiten geweckt hatte.
Die Makedonen und Rom […].“ 1
Wenngleich zwar mit deutlicher ideologischer Färbung, beschreibt Franz Altheim hier doch auf recht treffende Weise, wie die durch Alexander den Großen eroberten, und somit mit der griechischen Kultur in Berührung gebrachten Territorien im Osten Europas nach seinem Tod und der Bildung der Diadochenstaaten den Ausgangspunkt für den Hellenismus, also die Verbreitung der griechischen Kultur bildeten. Der direkte Kontakt zwischen Römern und Griechen entstand zum einen auf der italienischen Halbinsel, wo die Römer 272 v. Chr. Tarent und die anderen Städte der
1 Altheim, Franz: Rom und der Hellenismus. Pantheon, Amsterdam/Leipzig: 1949, S. 12f.
2
Magna Graecia in Süditalien dem Reich angliederten nachdem Pyrrus das Römische Reich attackiert hatte. 2
Zum anderen versuchte das Römische Reich im 2. Jh. v. Chr. nach Osten zu expandieren. 171 v. Chr. begann der dritte Krieg zwischen den Römern und dem mit Griechenland verbündeten Makedonien, wobei letzteres unterlag und von den Siegern aufgelöst wurde. 146 v. Chr. war das ehemalige Makedonien dann Römische Provinz. Im selben Jahr wurde auch Griechenland nach einem Aufstand gegen die Römer, welche daraufhin Korinth zerstörten, dem Imperium als Provinz Achaea angeschlossen. 3 Doch die Verlierer entpuppten sich bald als Sieger auf kultureller Ebene, wie Horaz später feststellte: „Graecia capta ferum victorem cepit.“ 4
3. …und was es bewirkte
In den folgenden Abschnitten soll zunächst das Ideal der antiken griechischen Erziehung und Bildung anhand des paideia-Begriffs und einigen Quellenbetrachtungen erläutert werden. Daraufhin wird zu untersuchen sein, in welcher Form sich das griechische Gedankengut und seine Institutionen im Römischen Reich wieder finden.
3.1. Paideia - Formung eines vollkommenen Menschen
Entscheidend für die griechische Bildung ist das Konzept von der paideía (παιδεία), der (Kindes-)Erziehung (abgeleitet von παιδί = Kind). Dieser Begriff, der erstmals im 5. vorchristlichen Jahrhundert bei Aischylos auftaucht, 5 bezeichnet die „zugleich intellektuelle und ethische Erziehung und Bildung als Vorgang […], andererseits die Bildung als Besitz und Ergebnis des Erziehungsprozesses […].“ 6 Platon beschreibt sie in seinen Gesetzen als „jene von Kind auf genossene Erziehung, die den Trieb und die Liebe dazu weckt, ein Bürger im vollsten Sinne des Wortes zu werden, der gelernt hat mit Gerechtigkeit zu herrschen und sich beherrschen zu lassen.“ 7 Es geht also darum, den Menschen unbewusst zu sozialisieren, ihn auf das Leben in der Gemeinschaft der Polis vorzubereiten, ihn aber auch intellektuell und körperlich zu schulen. Gymnastik und Musik sind die ersten Disziplinen des Kindes. Durch das praktische Nachahmen guter Vorbilder soll der junge Mensch mit seiner vorhandenen Begabungen (physis, φύσις) die ρετή,
2 Vgl. Evans, James Allen (Hrsg.): Arts & Humanities through the Eras. Ancient Greece and Rome.
Thomson/Gale, Detroit, New York u.a.: 2005, xxiv.
3 Evans: 2005, xxvii.
4 Cancik, Hubert/Schneider, Helmuth (Hrsg.): Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 7,
Metzler, Stuttgart/Weimar: 2001, Sp. 320.
5 Vgl. Cancik/Schneider: 2001, Bd. 9, Sp. 151.
6 Cancik/Schneider: 2001, Bd. 2, Sp. 663.
7 Platon: Gesetze I. Zitiert nach Castle, Edgar Bradshaw: Die Erziehung in der Antike und ihre
Wirkung in der Gegenwart. Klett, Stuttgart: 1965, S. 104.
3
das Gutsein, also ethische Werte vermittelt bekommen. Ziel der Erziehung ist die „äußere und innerliche Vortrefflichkeit“ (kalokagathía, καλοκγαθος), wie sie dem altadeligen Ideal entsprach. 8
Mit den Sophisten wird das Bildungsprogramm dann intellektualisiert, wobei sprachliche Disziplinen in den Mittelpunkt rücken und die körperliche Ertüchtigung zurücktritt. Aber auch die Entfaltung des Individuums wird - besonders bei Isokrates - zu einem wichtigen Aspekt und Platon erklärt die Bildung eines Menschen zu seinem wertvollsten Gut, da sie seine „kulturelle Identität definiert“. 9 Die Römer adaptierten die griechischen Bildungsideale und ihre Institutionen, wobei die anthropozentrische paideía im Lateinischen zu humanitas wurde, weshalb man hier von einer Art erstem Humanismus sprechen kann.
Doch zunächst seien hier einige Ideen der beiden großen griechischen Denker Platon und Aristoteles vorgestellt, die sich mit der Formung des griechischen Menschen befassen.
3.2. Platon
Sowohl Platon als auch sein Schüler Aristoteles beschäftigten sich in ihren Schriften über den Staat und die Politik mit der Erziehung des Menschen. Die grundlegenden Ideen sollen hier kurz umrissen werden, um ein vollständigeres Bild von den Idealen der griechischen Menschenbildung zu erhalten.
In seinem „Staat“ entwirft Platon ein dreistufiges, pyramidenförmiges Gesellschaftsmodell bestehend aus der arbeitenden Erzeugerschicht, den die Befehle ausführenden Verwaltungsbeamten und den Philosophenherrschern. 10 Es handelt sich also um ein aristokratisches Modell einer Herrschaft der Besten. Auszubilden gilt es die letzten beiden Gruppen und zwar zunächst parallel. Bis zum achtzehnten Lebensjahr sieht Platon die gängige Athener Ausbildung vor. Danach empfiehlt er zwei Jahre sportlich-militärischer Übungen. Mit zwanzig Jahren werden dann die Besten in schwierigen Auswahlprüfungen von den weniger Geeigneten separiert. Die Auserwählten betreiben nun zunächst weiterführende Studien in Mathematik bis sie mit dreißig Jahren als „Schlußstein des ganzen Gebäudes“ 11 vollends in die Geheimnisse der Dialektik eingeweiht werden. Etwa mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahr endet dann die theoretische Ausbildung und die Schüler treten in den Dienst der Öffentlichkeit, entweder militärisch oder in der Verwaltung. Erst mit fünfzig Jahren zeigt sich dann, ob ein Mann geeignet ist für das
8 Vgl. Cancik/Schneider: 2001, Bd. 9, Sp. 151.
9 Vgl. und Zitat: Cancik/Schneider: 2001, Bd. 9, Sp. 151.
10 Vgl. Castle: 1965, S. 83.
11 Platon: Staat, VII. Zitiert nach Castle: 1965, S. 84.
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Arbeit zitieren:
Susanne Ziese, 2007, Von der enkyklios paideia zur Enzyklopädie, München, GRIN Verlag GmbH
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