Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 2 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin)
Die bayerische Metropole München an der Isar war durch ihre Lage - 48 Grad 9’ nördliche Breite, 10 Grad 36’ östliche Länge - exakt im Schnittwinkel der drei wesentlichen strategischen alliierten Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Das britische Bomber Command der Royal Air Force (RAF) und die 8 th United States Army Air Force (8. USAAF) griffen München von ihren Basen in Südostengland aus an, während die 15. USAAF die Stadt von ihrem Stützpunkt Foggia in der süditalienischen Provinz Apulien aus über die gefährlichere Alpenroute anflog. Die Entfernung Münchens von London wie von Foggia betrug gleichermaßen 900 Meilen. Im Fish Code des Bomber Command hatte München bei den Planungen für Flächenangriffe 1941/42 den Decknamen Catfish (dt. Wels) erhalten. 1
Bereits 1942, unter der Führung von Air Marshall Arthur Harris, holte die RAF zu massiven Schlägen gegen weitentfernte Ziele aus; dazu zählten auch bayerische Städte, die jedoch schon im Sommer 1940 vom Bomber Command mit wenig Erfolg angeflogen wurden. Seit März 1944 griffen die englischen Bomber zusammen mit der 8. USAAF und der 15. USAAF
München Tag und Nacht an, teils koordiniert, teils unabhängig voneinander. Die „kombinierte Bomberoffensive“ ab Sommer 1943 und das Bombardement der deutschen Städte rund um die Uhr (round the clock bombing), so wie es die Pointblank - Direktive im Sommer 1943 vorgesehen hatte, wurde nun auch für München bittere Wirklichkeit. 2 Von den 73 verzeichneten Angriffen auf die „Hauptstadt der Bewegung“, wie der offizielle
1 Target Information Sheet, Public Record Office (PRO), Kew bei London, Air 40/1522.
2 Pointblank war der Codename für die von den Combined Chiefs of Staff ausgearbeitete Luftoffensive vom 14. Mai 1943; Abdruck bei Anthony Verrier, Bomberoffensive gegen Deutschland 1939 bis 1945, Frankfurt/Main, S. 324ff.
Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 3 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin)
Beiname Münchens unter den Nationalsozialisten lautete, waren dreißig Großangriffe, von denen neun das britische Bomber Command, elf die 8. USAAF und zehn die 15. USAAF ausführten. 3 Die Auswirkungen der in diesen dreißig Angriffen abgeworfenen Bombenlast - nach den alliierten Angaben knapp 25 000 Tonnen Spreng- und Brandmunition 4 - stellte München bei Kriegsende in das Spitzenfeld der deutschen Ruinenstädte.
1. München als Angriffsziel
Für die Planungsstäbe der Alliierten war der Großraum München ein lohnendes Ziel, und dies bei weitem nicht nur wegen der symbolischen und politischen Bedeutung für die herrschenden Nationalsozialisten als Hauptstadt der Bewegung. Folgende Einrichtungen fanden Eingang in die vom Bomber Command 1942 angelegten und später auch von den US-Luftstreitkräften benutzten Bezirkszielkarte für München: 5
Zielkategorie Codenummer Standort Verkehr
Reichsbahnausbesserungswerk GH 353 A Freimann Hauptbahnhof und Komplex des GH 606 Zentrum Verschiebebahnhofs Laim Verschiebebahnnof Ost GH 643 München-Ost
3 Irmtraud Permooser, Der Luftkrieg über München 1942 - 1945. Bomben auf die Hauptstadt der Bewegung, München 1997 (2. Aufl.), S. 359; von nun an zitiert als Permooser mit entsprechender Seitenangabe. Dieses inzwischen vergriffene Buch ist die veröffentlichte Dissertation der Autorin dieses Artikels. Der vorliegende Artikel folgt der damals erstellten Strukturierung des Münchner Luftkriegsgeschehens.
4 Errechnet nach den alliierten Angaben der Bombenlasten; siehe Permooser, S. 359. In den übrigen 43 Angriffen (Stör-, Fehl- und Tiefangriffe) kann ein Schätzwert von ca. 200 Tonnen Bomben festgestellt werden.
5 District Target Map, PRO, Air 40/1522
Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 4 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin) Flughäfen
Oberwiesenfeld GU 3943 München-Nord Riem GU 4042 Schleißheim GU 4048 Neubiberg GU 4115
Flugzeugindustrie
B.M.W. GY 4653 München-Nord Junkers GY 4662 A Allach Forschungsanstalt Prof. Junkers GL 2659 Allach I.G. Farben Agfa GL 2617 Giesing
Versorgungswerke
E-Werk Thalkirchner Straße GO 1084 München-Süd Umschaltwerk GY 4662 B Karlsfeld Städtisches Gaswerk Dachauer Str. GQ 2058 München Nord
Maschinenbau
Maschinen- und Zahnradfabrik C.Hurth GZ 2737 München-Ost Motorenwerke Mannheim A.G. GR 3667 München-Nord (U-Boot-Motoren) Deckel GZ 2947 Sendling Krauss-Maffei GH 530 Allach J. Rathgeber A.G. GH 394 Moosach
Chemische Industrie
Metzleler Gummiwerke GS 166 München
Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 5 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin) Leichtmetallwerke
Vorderstemann & Seitz GZ 2903 München Bayerisches Leichtmetallwerk GH 353 B Neufreimann Heymann & Kayser
Militärische Einrichtungen
Feldherrnhalle GN 3757 Versammlungsort der NSDAP Bürgerbräukeller GN 3758 München-Ost Heereszeugamt GN 3763 Giesing
Dem Kundigen der Münchener Topographie fallen bei dieser Auflistung sicherlich einige Ungereimtheiten auf, wie das Fehlen der städtischen Kasernen, des Industrieflughafens in Oberpfaffenhofen, des
Luftgaukommandos VII in der Prinzregentenstraße oder das Fehlen der für die Entwicklung von flüssigem Wasser- und Sauerstoff entscheidenden Chemiewerke Linde und EWM in Höllriegelskreuth in der Gemeinde Pullach. Das Informationsdefizit wurde jedoch bis 1944 aufgeholt, da sich diese Zielgruppen dann in den alliierten Einsatzunterlagen finden, so beim kombinierten Angriff der Amerikaner am 19. Juli gegen die Chemiewerke in Höllriegelskreuth mit dem Ziel, die Entwicklung der deutschen V-Waffe zu blockieren.
Im “Bomber’s Baedeker”, dem “Städteführer” des Bomber Command zu den deutschen Angriffszielen, waren die Informationen zu München bis auf kleinere Mängel präzise recherchiert. 6 Dieses Zielhandbuch maß der bayerischen Hauptstadt besondere Bedeutung als Verkehrsdrehscheibe zu den Fronten zu, aber auch als Sitz wichtiger Flugindustrie mit BMW als
6 The Bomber’s Baedeker (Guide to Economic Importance of German Towns and Cities), 2 nd (1944) Edition, Part II Lahr - Zwickau, Munich S. 487 - 498, PRO, Air 14/2663.
Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 6 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin)
Hersteller des standardisierten BMW-801-Flugzeugmotors für die deutsche Jagdwaffe sowie als Ort von Fliegerhorsten. Ebenfalls hervorgehoben wurde der Symbolwert der Stadt als Geburtsstätte der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter Adolf Hitler, was ein zusätzliches „political target“ darstellte.
In den Planstäben der US-Luftstreitkräfte rangierte München von Herbst 1944 an bis Kriegsende vor allem als hochrangiges Verkehrsziel. Über München liefen die Nord- Süd- bzw. Ost- West- Verbindungen des Schienenverkehrs im Reichsgebiet. Das bedeutete, dass der Nachschub für Italien sowie für den Balkan den Eisenbahnknotenpunkt München passieren musste. Ab Sommer 1944 wurde das Münchner Schienennetz vorwiegend von der 15. USAAF bombardiert, aber auch die 8. USAAF beteiligte sich an dessen systematischer Zerschlagung. Selbst die bis zum Schluss an ihrem Konzept von unterschiedslosen Flächenangriffen (area bombing- Direktive vom 14. Februar 1942) festhaltende RAF setzte ihre Zielmarkierungen gegen Ende 1944 in einer Weise, dass eine weitere Schädigung des Bahnhofsareals garantiert war. Die sofort nach den Angriffen begonnenen Wiederaufbaumaßnahmen am deutschen Eisenbahnnetz trieb die Angreifer zur Verzweiflung. In den gleich nach Beendigung der Kampfhandlungen erstellten USSBS- Berichten 7 wurde gerade den Arbeiten am Verkehrsnetz in München enorme Hartnäckigkeit bescheinigt. Erstaunlich schnelle Reparaturleistung von Strecken und fieberhaftes Arbeiten in den Reichsbahnausbesserungswerken in Freimann und Neuaubing waren dafür verantwortlich, dass dieses Ziel bis zum Ende trotz katastrophaler Schäden nicht vollkommen ausgeschaltet werden konnte. Die Überkapazität im deutschen Eisenbahnnetz hatte zur Folge, dass die Angreifer ebenfalls eine Überkapazität an Zerstörungskraft investieren mussten, um den Nachschub an die Fronten zu unterbinden. Dies erzeugte wiederum hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung durch Streueffekte auf die umliegenden Wohngebiete, da die
7 United States Srategic Bombing Survey 202: Effects of Bombing on Railroad Installations in Regensburg, Nurnberg and Munich, o.O. 1947.
Muenchen im Luftkrieg 1942 - 1945 7 Dr. Irmtraud Eve Burianek Kurzfassung der Dissertation in Geschichte: Die Strategie des westalliierten Luftkriegs gegen Muenchen. (© Alle Rechte bei der Autorin)
Transportziele wie die Münchner Verschiebebahnhofe in den dicht bebauten deutschen Innenstädten lagen.
München stellte im Zweiten Weltkrieg also in dreifacher Hinsicht ein wichtiges Zielobjekt der alliierten Luftwaffen dar:
• Erstens diente die Stadt seit 1942 als Flachenziel für die auf area bombing spezialisierten Gruppen des englischen Bomber Command. Angegriffen wurden dabei immer klar gekennzeichnete Areale der dicht bebauten Innenstadt, da die englischen Planer davon ausgingen dadurch eine allgemeine Reduzierung des Industriepotentials wie die Demoralisierung der deutschen Bevölkerung zu erreichen.
• Zweitens wurde das Zielsystem “Deutsche Luftwaffe” von der amerikanischen 8. wie 15. USAAF ins Visier genommen. Der Sitz des BMW Werks sowie ein Kranz bedeutender Militärflughäfen fielen in diese Kategorie. Ebenfalls attackiert wurden zwei wichtige Chemiewerke im Süden Münchens, die als unabdingbare Zulieferer für die deutsche V-Waffe fungierten.
• Als dritte Kategorie fungierte das Zielsystem “Verkehr”, das von Herbst 1944 bis Kriegsende in den Angriffen auf München immer mehr Gewicht erlangte, da das Münchner Schienennetz eine zentrale Nachschubfunktion für die Fronten einnahm. 8
Das aus der Luft auffällig strukturierte Stadtbild Münchens war bei den Crews ein gefürchtetes Ziel. Oft ging ein Raunen durch den Raum, wenn das Ziel Catfish als Angriffsziel bekannt gegeben wurde. 9 Noch gefürchteter waren jedoch Berlin, Essen und Wien. Die sieben- bis achtstündige Flugzeit bedeutete für die Besatzungen eine Strapaze, vor allem auch weil der lange Anflugweg für die von England aus startenden Luftflotten die Gefährdung durch deutsche Flakzonen von der Nordsee- und Kanalküste bis zum Ziel
8 Siehe Permooser, S. 106.
9 Siehe Permooser, S. 86; Dies war ebenfalls das Ergebnis von Zeitzeugeninterviews mit amerikanischen und englischen Veteranen, die Angriffe auf München flogen.
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Dr.phil. Irmtraud Eve Burianek, 1994, München im Luftkrieg 1942 bis 1945, München, GRIN Verlag GmbH
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