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0 Einleitung
Das Galicische wird als Sprache im Nordwesten Spaniens, in den vier Provinzen A Coruña, Lugo, Pontevedra und Ourense gesprochen 1 . Wie auch das Katalanische Kataloniens oder das Baskische im Baskenland ist sie eine der Minderheitensprachen Spaniens.
Die Geschichte ihrer Schriftsprache ist gekennzeichnet von einem ständigen Auf und Ab: Im Mittelalter erlebte sie ihre erste Blütezeit, damals noch als sprachliche Einheit mit dem Portugiesischen, danach folgte eine quasi Nicht-Existenz in den sogenannten séculos escuros (16.-18. Jahrhundert). Ab 1868 wuchsen dann wieder die Bemühungen um die Schaffung einer galicischen Schriftsprache, die dann schlussendlich im Jahre 1982 in den von der Real Academía Galega (RAG) und des Instituto da Lingua Galega (ILG) 2 verabschiedeten verbindlichen Normen ihr offizielles Ende hatten. Der Sprachausbau, der nun eigentlich folgen müsste, wird jedoch immer noch behindert durch einen Streit um die Orthographienorm, in dem sich auf der einen Seite die Vertreter der RAG/ILG und auf der anderen Seite eine private Institution, die Associaçom Galega Da Língua (AGAL) 3 , gegenüber stehen, die beide verschiedene Auffassungen davon haben, wie die galicische Orthographie zu normieren sei (vgl. Luyken 1991:237-257). Die Geschichte um die Entstehung der Orthographienorm in Galicien und die Probleme, die sich dabei ergaben, werden in dieser Arbeit behandelt. Am Anfang steht ein historischer Abriss, danach wird kurz gezeigt, wie eine Sprache theoretisch normiert wird um sich anschließend dem speziellen Fall des Galicischen widmen zu können. Der Streit um die Norm wird ausführlich erläutert. Im letzten Teil wird der Versuch unternommen zu analysieren, wie zwei ausgewählte Probleme, die sich bei der Normierung ergaben, von der RAG und dem ILG konkret in den Normas gelöst werden.
1 Und darüber hinaus in einigen Gebieten Randgebieten der Provinzen León und Zamora und Asturien.
2 Im Folgenden abgekürzt mit RAG und ILG
3 Im Folgenden abgekürzt mit AGAL.
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1 Die Entwicklung der offiziellen Norm des Galicischen
1.1 Historischer Überblick: Die Entwicklung vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts erfuhr das Galicisch-Portugiesiche, das damals noch eine sprachliche Einheit darstellte, eine Blütezeit als Sprache der Lyrik und wurde zudem bis Mitte des 16. Jahrhunderts auch für die Abfassung von Dokumenten benutzt. Bröking (2002:56) schreibt, dass aus dieser Zeit mehr als 20.000 einzelne Dokumente aus den Bereichen der Administration, der Wirtschaft, des Rechtwesens, der Wissenschaften und der Religion überliefert sind und folgert daraus:
Die überlieferten Dokumente [lassen] keinen Zweifel daran, daß das Galicische im 14. und 15. Jahrhundert in Galicien die unumstrittene Sprache aller Bevölkerungsschichten war, die zur Erfüllung jedes erdenklichen kommunikativen Zweckes im mündlichen wie schriftlichen Medium diente (ebd. 2002:56).
Nichtsdestotrotz sind in der oben beschriebenen Blütezeit bereits Anzeichen des bevorstehenden Niedergangs der galicischen Sprache zu finden: Das Galicische wird in den sich intensivierenden Beziehungen zum kastilischen Königshof nicht als ‚Arbeitssprache’ gebraucht und ohnehin sorgte die politische Machtentfaltung Kastiliens für eine geographische Ausdehnung des Kastilischen, dessen Status sich den anderen Varietäten der iberischen Halbinsel überlegen zeigte (vgl. Luyken 1991:237).
Während das Kastilische also eine Standardisierung und einen stetigen lexikalischen Ausbau erfuhr, wurde das Galicische zur reinen Umgangsprache reduziert. Die ersten drei Jahrhunderte der Neuzeit (16.-18. Jahrhundert) werden in der galicischen Sprachgeschichtsschreibung im Allgemeinen als séculos escuros bezeichnet. 4 Luyken konstatiert, dass das Galicische in diesen drei Jahrhunderten als geschriebene Sprache praktisch nicht existierte. Eine einschneidende Veränderung erfolgte im vorangegangenen Jahrhundert. 5 In Galicien entstand eine sozio-politische Bewegung, die sich mit der Geschichte der eigenen Region sowie deren Kultur im weitesten Sinne auseinandersetzte. Diese sogenannte ‚Renacimiento-Bewegung’ forderte mehr Autonomie für Galicien,
4 Luyken (1993:130) setzt das Ende der séculos escuros in die Mitte des 19. Jahrhunderts.
5 Die Darstellung folgt im Wesentlichen Luyken (1993:137).
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sogar von einer galicischen Nationalität, begründet durch das Vorhandensein einer eigenen Sprache, war die Rede. 6 In diesem Zusammenhang rückte das eigene Idiom in ein anderes, positives Licht. Man sah es als wichtiges Merkmal, um sich von dem übrigen Spanien abzugrenzen. Es wurden wieder Versuche unternommen, das Galicische auch für literarische Zwecke zu gebrauchen. Das eigentliche Rexurdimento begann 1863 mit der Veröffentlichung eines Gedichtbandes der Dichterin Rosalía de Castro. Ziel dieser Epoche war es, das Galicische als Schriftsprache wiederzubeleben. An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass das Galicische vor allem als Sprache der Lyrik gebraucht wurde, Texte anderer Gattungen wurden kaum veröffentlicht und der offizielle Sprachgebrauch blieb ohnehin dem Kastilischen vorbehalten. In der Zeit von 1917-1936 änderte sich die Situation insofern, als dass das Galicische als Lyriksprache zunehmend an Bedeutung verlor und dafür in anderen schriftlichen Domänen Einzug fand. Es wurde u.a. für Prosastücke, Dramen, Essays und wissenschaftliche Texte gebraucht. Mit der Gründung zweier galicischer Zeitschriften 7 war die galicische Sprache also auf dem besten Weg „sich aus ihrer jahrhunderterlangen Beschränkung auf die informelle Funktion zu befreien“ (Luyken 1993:134).
Höhepunkt dieser Phase war wahrscheinlich die Forderung nach Zweisprachigkeit in Galicien in dem 1936 zum Referendum vorgelegten Autonomiestatut, das jedoch wegen des Ausbruchs des Bürgerkrieges nicht realisiert werden konnte. Nach dem Sieg Francos wurden alle regionalen Bewegungen und damit zusammenhängenden Bestrebungen unterdrückt, der Gebrauch aller nicht-kastilischen Varietäten wurde verboten. Bis 1946 kam keine Veröffentlichung auf Galicisch auf den Markt (vgl. Luyken 1991:241). Zu Anfang der 70er Jahre wurde die Situation der galicischen Schriftsprache sehr pessimistisch eingeschätzt, sogar der Sprachtod wurde prognostiziert. In dieser Zeit erwachte jedoch auch ein verändertes Bewusstsein für die galicische Sprache und man benutzte sie wieder bewusst schriftlich sowie mündlich. Als Galicien 1981 offiziell zur Autonomie wurde, erlang das Galicische neben dem der Staatssprache Spanisch schließlich kooffiziellen Status (vgl.
6 Luyken (1991:238) nennt als einen der Hauptvertreter dieser Bewegung Murguía, der sich ausgesprochen antizentralistisch und proportugiesisch zeigte.
7 ‚A Nosa Terra’ war eine Wochenzeitschrift, die 1907 erstmals herausgebracht wurde (vgl. Voigt 1992:111) und ‘Nós - Boletín Mensual da Cultura Galega’ eine Monatszeitschrift mit vierzehnjährigem Bestehen.
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Albrecht 1992:31). Der systematische funktionale Ausbau des Idioms und damit zunächst die Schaffung eines offiziellen Sprachmodells war unbedingt notwendig (Vgl. ebd.:242). In Zusammenarbeit erarbeiten die RAG und das ILG 1982 die Normas ortográficas e morfolóxicas do idioma galego 8 , offizielle Regeln für die Orthographie der galicischen Standarsprache (vgl. Esser 1990:129). Die AGAL, entrüstet darüber, dass ihre Orthographievorschläge keinerlei Einzug fanden, veröffentlichten ein Jahr später ein ihren Vorstellungen entsprechendes eigenes Orthographiemodell. Es entwickelte sich ein regelrechter Streit um die Norm, der bis heute in Galicien präsent ist (vgl. Kapitel 1.2 und 2).
Wie verläuft überhaupt der Prozess einer Sprachnormierung? Nach welchen Kriterien wird normiert und wer normiert überhaupt? Der folgende Abschnitt liefert einen kurzen Überblick.
Der Normierungsprozess einer Sprache 9 1.2
Soll eine bisher nur im mündlichen Gebrauch existente Sprache den Status einer Schriftsprache erlangen, setzt dies eine Sprachnormierung voraus, die im Allgemeinen mit der Korpusplanung anfängt und danach in die Statusplanung mündet. Beide Termini sollen im folgenden kurz beschrieben werden, danach soll konkret auf die Probleme, die bei der Normierung des Galicischen auftraten, eingegangen werden.
1.3 Die Korpusplanung
Die Korpusplanung beginnt damit, zunächst die Vielzahl von Varianten eines sprachlichen Phänomens, die von einer Sprachgemeinschaft verwendet werden, zu erfassen und danach diejenige auszuwählen, die als Standardvariante festgelegt werden soll. Dieses Procedere ist meist Aufgabe einer Normierungsinstanz, dies können herausragende Einzelpersonen 10 , private Vereinigungen, Institute, Akademien oder der Staat selbst sein.
F. Fernández Rei unterteilt das galicische Gebiet in drei Sprachblöcke, in denen teilweise verschiedene Varianten eines sprachlichen Phänomens
8 Der Einfachheit halber werden diese im weiteren Textverlauf als Normas bezeichnet.
9 Ich folge hier im Wesentlichen Winkelmann (1990:15-25).
10 Die Normierung des modernen Katalanischen beispielsweise ist im wesentlichen das Werk eines einzelnen: Pompeu Fabras (1868-1948).
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existieren. 11 So wird in dem von Rei benannten westlichen Block das einfache Perfekt in der ersten Person Singular auf -ín gebildet (cantín) anstatt, wie in den meisten Gebieten, auf -ei (cantei). Aufgabe einer Normierungsinstanz wäre nun im ersten Schritt eine dieser Varianten als Standardvariante auszuwählen und dann im zweiten Schritt orthographisch zu fixieren. Ziel ist es die teilweise erhebliche Variation in der Flexion und in der Lexik zu reduzieren und eine einheitliche Verschriftung zu schaffen und dabei gleichzeitig den Eindruck zu vermeiden, dass die zu schaffende Standardvarietät die bisher meist mündlich gebrauchten Varietäten der Sprache zu verdrängen versucht. Die anschließende Festschreibung der Standardvarianten erfolgt in der Herstellung von Grammatiken und Wörterbüchern.
1.3.1 Normierungskriterien romanischer Minderheitensprachen
Da es sich bei dem Galicischen um eine Minderheitensprache der romanischen Sprachfamilie handelt, möchte ich an dieser Stelle Kriterien nennen, die Winkelmann (1990) speziell bei der Kodifizierung romanischer
Minderheitensprachen ausmacht und anschließend noch zwei eigene Überlegungen hinzunehmen:
1. Soll das historisierende Prinzip oder das ahistorisierende Prinzip verwendet werden, d.h. sollte man bei der Neukodifizierung einer Sprache an deren mittelalterliche Tradition anknüpfen oder nicht? 2. Soll bei der Verschriftung das phonetische/phonologische oder das etymologisierende Prinzip Einzug finden? 12
3. Die Norm soll einfach zu erlernen sein und für jeden zugänglich sein. Es stellt sich also die Frage wie stark die Abweichung einer geschaffenen Norm zu der real-gesprochenen Sprache sein darf.
4. Identifizieren sich die Sprecher mit der geschaffenen Norm?
11 In der Linguistik ist man sich uneinig über die Einteilung der verschiedenen galicischen Varietäten in Dialekte bzw. Zonen, so macht R. Carballo Calero z.B. vier Zonen aus (vgl. Pérez Bouza 1996:3f.).
12 Bei erstgenanntem Prinzip wird einfach ausgedrückt „so geschrieben wie auch gesprochen wird“, es bietet sich daher nur an, wenn die Ausdrucksseite der jeweiligen Sprache eine geringe Variabilität aufweist. Das zweite Prinzip bedient sich bereits bestehenden Formen einer meist verwandten Sprache und passt diese der zu kodifizierenden Sprache an. Der Vorteil hierbei ist eine gemeinsame Basis für Minderheitensprachen, die lautlich stark divergierende Varietäten aufweisen.
Arbeit zitieren:
Nicole Zanger, 2009, Eine linguistische Analyse: Die Entwicklung der offiziellen Norm des Galicischen, München, GRIN Verlag GmbH
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