Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
5
1.1 Abgrenzung des Themas als Problemstellung 6
1.2 Die Thematik und der Aufbau der Arbeit 7
2. Die Europäische Ethnologie und das Internet
9
2.1 Zur Methodik 13
2.2 Online-Forschung - ein Exkurs 15
3. Das Web 2.0
18
3.1 Social Software 19
3.1.1 Erscheinungsformen der Social Software 19
3.2 Social Networks 24
3.2.1 Soziale Netzwerke - eine kulturwissenschaftliche Annährung 24
3.2.2 Social Networks im Internet 25
3.2.3 Die Anziehungskraft der Social Networks 26
3.2.4 Faszination Social Networks - Gründe für die Popularität 29
3.2.5 Die Kehrseite - Sendungsbewusstsein kontra Datenschutz 31
3.3 Die Nutzung der Social-Software-Systeme durch die deutsche
Bev ölkerung 35
4. Das studiVZ - Ein Social Network
37
4.1 Statistische Angaben 39
4.2 Funktionen 40
5. Freundschaft
46
5.1 Die Freundschaft außerhalb des WorldWideWeb’s 46
5.2 Die Freundschaft in Social Networks 48
2
6. Neue Formen der Kommunikation
51
6.1 Merkmale klassischer Kommunikation 51
6.2 Die technisch vermittelte Kommunikation 51
7. Identität und Selbstdarstellung
55
7.1 Die Identität und das Selbst 55
7.2 Die Identifikationsräume der Identität 57
7.3 Die Präsentation der Identität - Zur Selbstdarstellung 58
7.4 Die Öffentlichkeit des WorldWideWeb’s 60
7.5 Identitäten im Internet 61
7.6 Strategien und Taktiken 62
7.7 Resümee 63
8. Die Fragebogenauswertung
65
8.1 Die Mitglieder - statistische Daten 66
8.1.1 Das Geschlecht 66
8.1.2 Die Alterstruktur 66
8.1.3 Statistisches Resümee 68
8.2 Die Besuchszeiten 68
8.2.1 Häufigkeit der Logins 68
8.2.2 Zur Verweildauer 71
8.2.3 Resümee zu den Besuchszeiten 72
8.3 Motivation 72
8.3.1 Resümee 75
8.4 Das Profil 76
8.4.1 Wahrheitsgetreu oder beschönigt’? 76
8.4.2 Berufe 76
8.4.3 Resümee 77
8.5 Die Freundschaften 78
8.5.1 Resümee 79
8.6 Die Gruppen 81
8.6.1 Mitgliedschaften 81
3
8.6.2 Zur Kommunikation in den Foren 81
8.6.3 Resümee 84
8.7 Der Nachrichtendienst und die Pinnwand 86
8.7.1 Resümee 87
8.8 Die Fotoalben 88
8.8.1 Die Anzahl der Fotoalben 88
8.8.2 Der Inhalt der Fotoalben 89
8.8.3 Resümee zu den Fotoalben 89
8.9 Die Gruschelfunktion 94
8.9.1 Resümee 96
8.10 Eine Typologie der studiVZ Nutzer 97
8.11 Der Datenschutz 98
8.11.1 Resümee 100
8.11.2 Karrierekiller studiVZ? 102
8.12 Ergebnis der Fragebogenuntersuchung 105
9. Das Web 3.0 - Die Fortführung einer Idee
109
10. Schlussbetrachtung
111
11. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
114
12. Literaturverzeichnis
115
13. Anhang
124
13.1 Der Fragebogen 124
4
1. Einleitung
Das Internet 1 , vor gut zehn Jahren ein neues und dabei zunächst unterschätztes Medium, hat sich mittlerweile so weit etabliert, dass es den Status des Besonderen verloren hat und selbstverständlich in den Alltag vieler Menschen integriert ist. Der tägliche Umgang mit dem WorldWideWeb 2 (= WWW) und die dabei gewonnen Erfahrungen haben zu Kulturtechniken geführt, die im Rahmen der neuen Technologie und deren Möglichkeiten neu entstanden sind oder in diesen Rahmen übertragen wurden. Die unter dem Begriff Web 2.0 einhergehende und zunehmende Wandlung des Internetnutzers zum Internetmacher hat in den letzten drei Jahren eine gewaltige Bandbreite von Online-Portalen und Kommunikationsplattformen mit entsprechenden Zugriffszahlen und damit verbundenem ökonomischen Wert hervorgebracht. Die hier marktbeherrschenden Portale wie YouTube, MySpace oder die Plattform studiVZ verzeichnen explodierende Teilnehmerzahlen und werden auch als Quelle von kreativen Ideen seitens der Film-, TV- und Musikbranche genutzt. Die Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung (= AGOF) liefert mit den ‚internet facts 2007-III’ aktuelles Zahlenmaterial über die deutsche Online-Szene. Hier stieg das studiVZ von null auf Platz 22 des Rankings mit 3,45 Millionen Nutzern ein. Das bedeutet, dass 8,6 Prozent der deutschen Internetnutzer im dritten Quartal 2007 die Website besuchten. 3 Die Nutzer des Web 2.0 können nicht nur Inhalte anschauen und lesen, sondern Eigenes erschaffen, sich austauschen, Querverweise zu anderen Inhalten herstellen oder Vorhandenes erweitern und korrigieren. Die Nutzer selbst gestalten den virtuellen 4 Raum des Internets. Um in dieser global vernetzten virtuellen Welt aufzufallen, stellt es für den einzelnen Nutzer eine große Herausforderung dar, sich in seiner ganzen Person
1 Der Begriff Internet bezeichnet das Netz, das durch die physikalische Verbindung von Computern
entsteht, zusammen mit der für den Datenaustausch notwendigen Software. Vgl.: Jens Eitmann:
Nützlichkeit im Internet. Eine Bedarfsanalyse für ein Wissenschaftsportal am Beispiel der
Umweltpsychologie (= Blickwechsel. Schriftenreihe des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU
Berlin, Bd. 6), Stuttgart 2006, S. 13.
2 Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Dienst des Internets, nämlich das WorldWideWeb als Internet
bezeichnet bzw. mit ihm gleichgesetzt - wie auch in dieser Arbeit. Es besteht aus einzelnen Websites, die
grafisch aufbereitet Informationen beinhalten. Vgl.: Jens Eitmann: Nützlichkeit im Internet (2006), S. 13.
3 Christina Casalla: studiVZ erstmals in der AGOF vertreten, in: http://www.deutsche-
startups.de/2008/01/31/studivz-erstmals-in-der-agof-vertreten/ vom 31.01.2008 (eingesehen am
20.06.2008).
4 Der Begriff ‚virtuell’ ist mit verschiedenen Definitionen versehen. Er wird als Opposition zu ‚materiell’,
zu ‚natürlich’ und ‚wirklich’ verwendet, so dass eine sinnvolle Verwendung dieses Begriffes angezweifelt
werden kann. In dieser Arbeit bezeichnet er den Raum des Internets, den virtuellen Raum.
5
beachtenswert darzustellen. Welches Selbst wird dabei entworfen? Ist es ein erweitertes Selbst oder wird es als losgelöst von der eigenen Persönlichkeit betrachtet? Bei der Mitgliedschaft in der internetbasierten Social Software studiVZ ist die Selbstpräsentation ganz ausdrücklich im Spiel. Anonymität ist nicht erwünscht, sondern steht viel mehr im Gegensatz zum Sinn und Zweck einer Mitgliedschaft: Dem Aufbau und Erhalt eines sozialen Netzwerkes, dass über das WWW hinaus greifen und Freundschaften bewahren soll. Die Selbstdarstellung ist dabei ein Thema, das keineswegs nur psychologisch interessant und erforschenswert ist, sondern auch ethnologisch, wie diese Arbeit zeigen wird.
1.1 Die Abgrenzung des Themas als Problemstellung
Das Thema dieser Arbeit ist breit gefächert und strahlt in mehrere verschiedene Richtungen aus. Bei der Recherche stellte sich deshalb mehrmals die Problematik der Eingrenzung. Je weiter die Thematik in die Tiefe gelang und die Arbeit Formen annahm, taten sich neue Gesichtspunkte und Aspekte in der unbegrenzten Welt des Internets auf. Die positive Leistung des WWW, leicht und schnell an neue Informationen gelangen zu können, machte deutlich, wie viel mehr noch in dieser Untersuchung Anklang hätte finden können. Diese unstrukturierte Dichte und das stark zersplitterte Angebot der Informationen erschwerte das Setzen der Informationsgrenze, weshalb die Gefahr der thematischen Ausuferung stetig präsent war. Zudem ist es aufwendig, in der Vielzahl der Websites im WWW diejenigen zu finden, die über persönliche Meinungen hinausgehen - was fachliche Literatur betrifft. Wissenschaftliche Literatur ist - zum jetzigen Zeitpunkt - zu dieser Thematik kaum aufzufinden, was mit dem jungen Alter des studiVZ und überhaupt der Social Software zusammenhängt. Die wenigen Arbeiten, die es gibt, sind deshalb meist online-Artikel oder pdf-Dateien aus dem WWW, gebundene Bücher sind kaum erhältlich. Auch der schnelle Wandel des Internets war bei der Ausarbeitung immer präsent und zuweilen problematisch. Wer über Inhalte oder Systeme des Internets schreibt, muss stets mit bedenken, dass die Arbeit bei Fertigstellung schon überholt sein könnte. Beim Start der neuen Plattform meinVZ Ende Februar 2008, war plötzlich bereits Geschriebenes veraltet und nicht mehr auf dem neusten Stand. Es musste aktualisiert werden.
6
Die Begriffe zur Thematik sind in dieser Arbeit aus dem Englischen übernommen. Dies begründet sich einerseits mit dem Ursprung und der - von Beginn an beabsichtigten -Internationalität des Internets und andererseits aus dem daraus entstandenen und sachbezogenen alltäglichen Sprachgebrauch. Die Sprache des WWW ist englisch, weshalb die Begriffe zumeist aus dem Englischen stammen und schwer beziehungsweise uneindeutig ins Deutsche zu übersetzen sind. Zudem wurden die englischen Begriffe mittlerweile in den alltäglichen Sprachgebrauch der Deutschen übernommen. Diese Merkmale sprechen für die Verwendung der englischen Originalbegriffe in dieser Arbeit.
1.2 Die Thematik und der Aufbau der Arbeit
In dieser Arbeit wird eine soziokulturelle Untersuchung zur Selbstdarstellung der Nutzer der Social Software studiVZ vorgestellt. Hauptsächlich geht es darin um das Nutzungsverhalten der Mitglieder, um deren Vernetzung im Netzwerk und ihrer Präsentation in ihrem Profil. Welche Identitäten tauchen auf und welche gerade nicht? Wie wird das studiVZ im Unterschied zu realen Welten wahrgenommen und darin agiert? Was machen die Nutzer auf dieser Plattform? Was wird repräsentiert? In der Literatur werden Social Networks wie das studiVZ gerne als Communities oder Onlinegemeinschaften bezeichnet. Diese Begriffe für das studiVZ zu gebrauchen ist meines Erachtens problematisch, da er Homogenität suggeriert. Es kann davon ausgegangen werden, dass trotz gemeinsamer Interessen die Mitglieder erhebliche Unterschiede aufweisen. Wird dieser Begriff hier verwendet, so immer unter dem Vorbehalt, dass eine durchgängige Homogenität im studiVZ nicht existiert, außer vielleicht im Hinblick auf die Benutzerabsicht. Da sich allerdings im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff (Online-)Community für das studiVZ und auch für andere Onlineportale manifestiert hat, wird er in dieser Arbeit Gebrauch finden. Das studiVZ ist ein Onlineportal, in dem sich, in der Regel, Studenten untereinander austauschen. Dieser Community- beziehungsweise Gemeinschaftsaspekt ist allerdings nicht einfach zu verorten. Im studiVZ sind nicht nur Studenten Mitglied, sondern auch Hochschulmitarbeiter und Hochschulfremde. Auf Plattformen der Social-Software-Systeme wie dem studiVZ, die in erster Linie der Kommunikation als auch der sozialen Verknüpfung und der interaktiven Konstruktion sozialer Netzwerke dienen, ist die
7
Notwendigkeit eines Benutzerprofils, über welches der jeweilige Nutzer sich gegenüber der Community identifiziert und erste persönliche Merkmale an Stelle der unmittelbaren, leibhaftigen Präsenz platziert und so den anderen Mitgliedern und der breiten Öffentlichkeit präsentiert, obligatorisch. Wie das studiVZ Mitglied dies macht und welche Möglichkeiten ihm dazu zur Verfügung stehen, ist der Schwerpunkt der Fragebogenuntersuchung und somit dieser Arbeit.
Die Arbeit beschäftigt sich zuerst mit der Verortung dieser Thematik innerhalb des Faches der Europäischen Ethnologie. In Kapitel 2. „Die Europäische Ethnologie und das Internet“ wird, neben der Begründung der Methodenwahl, die Online-Forschung vorgestellt. Da das studiVZ als typisierte Erscheinung des Web 2.0 gilt, ist anschließend das Web 2.0 mit seinen Erscheinungsformen der Social Software Thematik dieser Arbeit. Besonderes Augenmerk gilt hier den Social Networks. Im folgenden Kapitel 4. „Das studiVZ - Ein Social Network“ wird die Plattform studiVZ vorgestellt. Für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema und für die Auswertung der Fragebögen ist es erforderlich die sozialen Beziehungen innerhalb des Netzwerkes abzugrenzen und eine Übersicht zu Freundschaft (Kapitel 5), Kommunikation (Kapitel 6) und zur Selbstdarstellung (Kapitel 7) vor die Fragebogenauswertung zu stellen, die dann in Kapitel 8 präsentiert wird. Ein Ausblick auf das Web 3.0 (Kapitel 9) und die Schlussbetrachtung (Kapitel 10) runden das Thema ab und beenden die Arbeit.
Die Untersuchung zur Selbstdarstellung von Nutzern der Social Software studiVZ kann keineswegs als repräsentativ angesehen werden. Zum einen liegt es in der Natur des Faches Europäische Ethnologie den Fokus auf Mikrogemeinschaften bzw. -kulturen zu richten und zum anderen reichen 88 gültig beantwortete Fragebögen nicht aus, um repräsentativ zu wirken. Allerdings zeigen solche Mikrostudien oftmals Aspekte, die in anderen Untersuchungen mit einer weitaus größeren Anzahl von Befragten keiner Be-oder Auswertung unterzogen werden.
8
2. Die Europäische Ethnologie und das Internet
Die Einführung der Volkskunde als akademische Disziplin wird häufig mit den durch die Industrialisierung einhergehenden soziokulturellen Wandlungsprozessen verknüpft. 5 Aus der Volkskunde wird zunehmend die Europäische Ethnologie, was die Neupositionierung des Faches betont. Peter Niedermüller, Herausgeber der Fachzeitschrift "Ethnologia Europea" und Professor für Europäische Ethnologie, nennt sie nun eine Wissenschaft, die grundsätzlich die "erweiterte Gegenwart der eigenen Gesellschaft ethnographisch untersucht" und nennt dabei fünf zentrale Perspektiven 6 , die sie von anderen Disziplinen unterscheide. Der Untersuchungsgegenstand "eigene Gesellschaft" bedingt, dass der/die ForscherIn und die Erforschten über eine gemeinsame Weltanschauung verfügen, da sie in derselben sozialisiert wurden. Das Fach Europäische Ethnologie versteht Kultur und Alltag als eine Einheit, in der sich die Beziehungen zwischen einem Individuum und der Gesellschaft erfassen lassen. Dadurch wird vorausgesetzt, dass der Europäische Ethnologe im Bereich der Kultur die Regeln und Praktiken gesellschaftlichen Zusammenlebens findet und im Bereich des Alltags die Orte und Situationen sozialen Erlebens beobachten kann. 7 Der Computer und das Internet sind heute zentrale und in hohem Maße alltagsbestimmende Technologien, die systematisch Informationen und
Informationssysteme erzeugen. Dabei erfassen sie die Bereiche des Konsums und der Freizeit ebenso, wie die persönliche Kommunikation und die gesellschaftliche beziehungsweise politische Partizipation. Das Internet vereinigt die vormals getrennten Formen Massenmedium und Kommunikationsmedium zu einer Einheit - zumindest im technischen Sinne. Es ist inzwischen in nahezu allen Lebensbereichen präsent und es
5 Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie, München ²2003, S. 20 - 30.
6 Peter Niedermüller: Europäische Ethnologie. Deutungen, Optionen, Alternativen, in: Konrad Köstlin /
Peter Niedermüller / Herbert Nikitsch (Hrsg.): Die Wende als Wende? Orientierungen Europäischer
Ethnologien nach 1989, Wien 2002, S. 54. Die fünf zentralen Perspektiven sind nach Peter Niedermüller:
1. Europäische Ethnologie untersuche komplexe Gesellschaften; die Ausführung der Forschungen
finden ausschließlich in diesen komplexen Gesellschaften statt;
2. Europäische Ethologie konzentriere ihre Forschung auf die eigene Gesellschaft;
3. Europäische Ethnologie gehe immer von der Gegenwart aus, beschränke sich aber nicht auf diese:
sie untersuche die erweiterte Gegenwart;
4. Europäisch Ethnologische Untersuchung ziele auf die kulturelle Konstruktion (spät)moderner
Gesellschaften, der Wirkungsmacht, der Funktion und den Wandel von kulturellen Konzepten
und der soziokulturellen Logik (g)lokaler Welten;
5. Europäische Ethnologie arbeite ethnographisch und diskursanalytisch.
7 Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie (²2003), S. 115.
9
zählt zur alltäglichen Normalität, sich darin zu ‚bewegen’. 8 Das gesellschaftliche Zusammenleben und die Orte sozialen Erlebens wurden durch das WWW verändert beziehungsweise von der realen Welt in den Bereich der Virtualität verschoben. Immer mehr dieser Praktiken geschehen innerhalb des virtuellen Raumes, auf welchen man über den internetfähigen Computer von Zuhause aus zugreifen kann. Diese Veränderungen sind für das Fach von Bedeutung und forcieren geradezu untersucht zu werden.
Das Internet ist dementsprechend ein mächtiges und differenziertes Informations- und Kommunikationsmedium, dem es gelang, sich weltweit zu etablieren. Inzwischen kann, zumindest in Europa, Asien, Amerika und Australien, kein Fernsehsender, keine Universität, kein Unternehmen und keine Stadt es sich leisten, auf die eigene Homepage im WWW zu verzichten. Was man im Netz 9 nicht ‚googeln’ kann, existiert für manchen Internetnutzer nicht, weshalb der Internetauftritt mehr als eine reine Formsache darstellt und dementsprechend technischer Fähigkeiten und Kenntnisse bedarf. Der Umgang mit den neuen Medien ist heute für eine große Anzahl von Menschen beruflicher Alltag und selbstverständlicher Teil der Privatsphäre. In den letzten fünf Jahren stieg die Zahl der Kommunikationskanäle im Internet immer weiter an. Analog dazu stieg auch der Mitteilungsdrang der Internetnutzer. Immer mehr Belanglosigkeiten, von Kritikern gerne als Datenmüll oder Datenschrott betitelt, geistern durch das Internet. Für Kommunikationswissenschaftler, Psychologen oder auch Europäischen Ethnologen entwickelt sich hier eine neue und interessante Form des Miteinanders, mit deutlich weniger Privatsphäre, neuen Statussymbolen, neuen Denkformen und neuen Kommunikationsformen.
Für die Europäische Ethnologie ist es aus verschiedenen Gesichtspunkten wichtig, sich mit dieser Thematik zu befassen. Dabei lautet die Frage nicht (mehr), wer „drin ist“, sondern was er darin beziehungsweise daraus macht. Es „ist die Veränderung, die es der Sinnesorganisation und damit der Grundbefindlichkeit menschlichen Daseins zufügt.“ 10
8 Klaus Schönberger: Technik als Querschnittsdimension. Kulturwissenschaftliche Technikforschung am
Beispiel von Weblog-Nutzung in Frankreich und Deutschland, in: Reinhard Johler / Silke Görtsch
(Hrsg.): Zeitschrift für Volkskunde, 103. Jahrgang, 2007, S. 197 - 200.
9 Netz steht hier für den Begriff Internet. Das Internet wiederum ist ein weltweites Netzwerk von Host-
Computern (vernetzte Rechner), wobei jeder dieser Hosts von jedem Punkt im Netzwerk abgerufen
werden kann. Vgl.: Uwe Osterrieder: Kommunikation im Internet. Kommunikationsstrukturen im Internet
unter Betrachtung des WorldWideWeb als Massenmedium (= Medienpädagogik und Mediendidaktik 10),
Hamburg 2006, S. 15.
10 Frank Hartmann: Techniktheorien der Medien, in: Stefan Weber (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der
Kulturkritik bis zum Konstruktivismus, Konstanz 2003, S. 57.
10
Dieser Prozess des soziokulturellen Wandels betrifft nach Klaus Schönberger 11 „zahlreiche Untersuchungsfelder des Faches: Populär- und Popularkultur(en), Arbeit, Konsumkultur, interkulturelle Kommunikation, Gesundheit, Film und Fotografie, aber auch Geschlechterforschung.“ Er fordert deshalb, „dass für das Verständnis der gegenwärtigen Prozesse soziokulturellen Wandels auch die vielfältigen Tendenzen der Technisierung des Alltags in die Untersuchungen der Gegenwart mit einbezogen werden müssen“. 12 Allerdings darf nicht davon ausgegangen werden, dass der soziokulturelle Wandel im technischen Wandel aufgeht, vielmehr unterstützt, ermöglicht oder verstärkt die Technik und insbesondere das Internet, spezifische soziale Praxen und ihre soziokulturellen Praktiken in sehr unterschiedlicher Weise. 13 „Eine volkskundliche Forschung muss sich [...] diesen enorm rasch wandelnden kulturalen Prozessen im Umgang mit den neuen Medien widmen.“ 14 Ganz besonders deshalb, weil sich bei der Erforschung des Internets eine gesellschaftliche Differenzierung der Akteure zeigt. Sowohl im Privaten als auch im beruflichen Feld wird von der jungen und mittleren Generation inzwischen erwartet, dass sie an der Kommunikation via Internet teilhaben und so auf ein breites Informationsvolumen und auf eine Vielzahl von Arbeitsmöglichkeiten zurückgreifen können. Daneben ist der soziale Austausch bestimmter Gesellschaftsschichten, Menschen ähnlicher Interessen oder auch Randgruppenerscheinungen in der ganzen Welt durch dieses Medium möglich geworden. Es lässt nicht nur soziale Beziehungen über weite Grenzen hinweg entstehen, sondern vereinfacht es auch bereits bestehende Beziehungen über die Entfernung hinweg zu festigen. 15
Somit ist ein Aspekt, der in den ethnologischen Untersuchungsbereich fällt, der rasche und umfassende Informationszugang zu nahezu allem, was die Welt zu bieten hat, sowie die vielen neuen Möglichkeiten der Kommunikation und deren Folgen auf das soziale Miteinander und somit auf breite soziokulturelle Bereiche im ethnologischen Sinne. Das Internet als immer größer werdendes Informations- und Kommunikationsmedium bietet den Europäischen Ethnologen die Gelegenheit zu untersuchen, wie sich mit diesem
11 Mitherausgeber und Redakteur von: kommunikation@gesellschaft - Journal für alte und neue Medien
aus soziologischer, kulturanthropologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive“:
http://www.kommunikation-gesellschaft.de (eingesehen am 20.06.2008).
12 Klaus Schönberger: Technik als Querschnittsdimension (2007), S. 201.
13 Klaus Schönberger: Technik als Querschnittsdimension (2007), S. 203.
14 Alexander Boden / Peter Genath: Ethnografie und Internet. Communities als volkskundliches
Forschungsfeld, in: Gunther Hirschfelder / Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Rheinisch-westfälische Zeitschrift
für Volkskunde 50, Bd. L, Bonn/Münster 2005, S. 14.
15 Alexander Boden / Peter Genath: Ethnografie und Internet (2005), S. 14f.
11
Medium Kommunikationsgewohnheiten und Kommunikationsprozesse ändern, beziehungsweise inwiefern sich neue Kommunikationsformen etablieren. Eine Frage unter diesem Blickwinkel wäre beispielsweise inwieweit und wie effizient das zumeist ungefilterte und auch chaotische Informationsangebot von den Internetnutzern angenommen und reflektiert wird. Tatsächlich ist für viele die erste Information, die sie im Internet zu einem Thema oder einer Fragestellung erhalten, genauso gültig, wie eine offizielle Definition. Leider sind viele Informationen nichts weiter als individuelle Feststellungen oder Für-Wahr-Haltungen, die mit objektiver Information nichts zu tun haben, und von daher Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzen, die über das reine Abrufen von Informationen hinausgehen. Sie bedürfen vielmehr einer kritischen Bewertung, welche aber eine entsprechende Sachkenntnis voraussetzt. Aber auch Fragen nach den Nutzern des Internets sind denkbar. Welche Personen nutzen zu welchem Zweck das Internet? Inwieweit sind Konzepte wie Identität, Vertrauen oder Freundschaft relevant und wie äußern sich diese in einer konkreten Nutzerkultur? Der Umgang mit dem Medium Internet folgt bestimmten kulturellen Mustern und ist deshalb nicht unabhängig von den Akteuren. 16 Zu dieser Thematik bieten sich als Untersuchungsgegenstand insbesondere die verschiedenen Formen der Social Software an. In dieser Arbeit ist es das Social Network studiVZ.
Sehr bedeutsam ist ebenso der Aspekt, dass sich diese große virtuelle Welt ganz konkret für ethnologische Untersuchungen nutzen lässt. 17 Es stellt heutzutage keine große Schwierigkeit mehr dar, mit Hilfe des Internets, Personen für eine Untersuchung oder Umfrage gewinnen zu können. Die Verbreitung des Mediums lässt es zu, eine große Zahl von Freiwilligen oder Interessierten zu erreichen. Besonders interkulturelle Untersuchungen lassen sich über das grenzenlose Internet weitgehend problemlos umsetzen. Durch die weltweite Vernetzung ist es möglich, beispielsweise Fragebögen in unterschiedlicher Sprache in den jeweiligen Ländern zu ‚verteilen’, um so einen kostengünstigen Kulturvergleich anzustreben. Über die Frage der Platzierung und Kontrolle der Teilnehmer müsste man sich hier jedoch genauere Gedanken machen. 18 Ein nicht zu vernachlässigender Gesichtspunkt für die Europäische Ethnologie, der in dieser Arbeit jedoch nicht weiter verfolgt werden soll, ist die Außendarstellung des Fachs. Das Bild dessen, was Europäische Ethnologen eigentlich machen, ist in der
16 Alexander Boden / Peter Genath: Ethnografie und Internet (2005), S. 13.
17 Dieser Thematik wird im Kapitel 2.2 „Online-Forschung - ein Exkurs“ detailliert nachgegangen.
18 Harald G. Wallbott: Warum ist das Internet wichtig für die Psychologie?, in: Bernad Batinic (Hrsg.):
Internet für Psychologen, Göttingen ²2000, S. 1 - 6.
12
Öffentlichkeit alles andere als präsent. Wie kann man das ändern? Wie stellt sich das Fach dar? Es herrscht mittlerweile geradezu ein Zwang zur Medienpräsenz, da, wie bereits erwähnt, sich eine Mentalität entwickelt, die davon ausgeht, dass das, was sich nicht über die im Netz zur Verfügung stehenden Suchmaschinen eruieren lässt, nicht existent oder relevant ist. Die Europäische Ethnologie kann es sich als Institution aus diesem Grunde nicht mehr erlauben, ohne einen attraktiven, interessanten und informativen Internetauftritt auskommen zu wollen.
2.1 Zur Methodik
Zur empirischen Untersuchung des Social Network studiVZ stellt die Feldforschung eine notwendige Methode dar. Die teilnehmende Beobachtung in Kombination mit qualitativen Interviews ist die klassische Forschungsmethode der Europäischen Ethnologie, da sie sich besonders eignet, soziales Verhalten zu beschreiben. Die klassische Form der Feldforschung ist allerdings nicht auf ein internetbasiertes Netzwerk übertragbar. Das feldbasierte Forschungskonzept muss modifiziert werden. Beim Feld, im Gegensatz zum Netz, wurde auf vermeintlich natürliche, wie geographische, soziale und/oder kulturelle Grenzen zurückgegriffen. Dieser Bezug betrifft nun ein Netz von Aktivitäten, in dem oftmals räumlich, sozial und kulturell getrennte Akteure teilhaben. Natürlich muss auch ein Netz räumlich und zeitlich eingegrenzt werden. Durch die dynamische Eigenart der Netzwerkakteure ist die Festlegung des Beobachtungsbereiches jedoch eine recht komplexe Aufgabe. So tritt anstelle eines längeren stationären Feldaufenthalts der Bürostuhl und Computer. Geforscht wird online in Internetportalen und virtuellen Welten. Geographische Abgrenzungen sind dabei meist nur noch lingual zu treffen. Denn in deutschsprachigen Netzwerken können Deutsche, Schweizer, Österreicher, deutschsprachige Emigranten oder Deutsch sprechende Ausländer beteiligt sein. Dasselbe gilt für jedwedes Netzwerk, unabhängig davon, ob es sich um ein russisch-, spanisch- oder englischsprachiges handelt. 19
Bei der Ethnographie von Netzwerken ist es zudem nicht ausreichend, einzelne Knoten des Handlungsnetzes zu beschreiben. Zum Verständnis von Handlungen und
19 Stefan Beck / Andreas Wittel: Forschung ohne Feld und doppelten Boden. Zur Ethnographie von
Handlungsnetzen, in: Irene Götz / Andreas Wittel (Hrsg.): Arbeitskulturen im Umbruch (2000),
S. 213 - 226.
13
Bedeutungen der Akteure muss das Netz, „seine Dynamik und die darin aktualisierten Relationen zwischen Menschen, Objekten, Aktivitäten und Bedeutungen“ beobachtet werden. „Damit fragt eine Ethnographie von Netzen weder nach tiefer Kultur oder verborgenen Bedeutungen, noch nach einem über den Akteuren angesiedelten Wertehimmel [...]. Versucht wird vielmehr, Kultur als Produkt und Bedingung von Interaktionsereignissen zwischen Menschen und zwischen Menschen und Nicht-Menschen zu fassen: Kultur entsteht hier im mit-menschlichen „Dazwischen“ und konkretisiert sich etwa materiell, institutionell, sozial und ideell in produzierten Dingen, auf Dauer gestellten Institutionen oder Beziehungen sowie in verbindlichen und verbindenden Werten.“ 20 In dieser Arbeit konkretisiert sich das mit-menschliche Dazwischen in Form der Online-Plattform studiVZ.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Feldforschung und Netzforschung betrifft die Zugangsbedingungen. Während in der klassischen Feldforschung bereits eine Person genügt, die dem Ethnographen Schritt für Schritt das gesamte Feld erschließt, benötigt er in der Netzforschung mehrere Schlüsselpersonen 21 , über deren Knotenpunkte er immer weiter in das Netz vordringen kann. Scheitert dabei das soziale Geschick des Ethnographen, läuft er Gefahr, Zutritt zu gewissen Netzknoten nicht zu erhalten. 22
Das Internet bietet dem Ethnologen aber auch die Chance, einer einfacheren Kontaktaufnahme zu den Medien nutzenden Akteuren, da die moderne Technik mittels Videokonferenzen oder Instant Messengern einen einfachen Zugriff auf eine Vielzahl von Menschen ermöglicht, die für Interviews gewonnen werden können. So sind beispielsweise im Netzwerk studiVZ die Nicknames der Instant Messenger MSN, Skype oder ICQ der Mitglieder zu finden.
Zur Erforschung des studiVZ wurde in dieser Arbeit auf die Methoden der teilnehmenden Beobachtung in Kombination mit einem Online-Fragebogen zurückgegriffen. Die Beobachtungstechnik lässt sich durch folgende Merkmale charakterisieren:
- Die Beobachtung erfolgte im internetbasierten Social Network studiVZ, in dem der Sozialforscher an den Interaktionen der Plattform selbst teilnahm und die
20 Stefan Beck / Andreas Wittel: Forschung ohne Feld und doppelten Boden (2000), S. 223.
21 Die Schlüsselpersonen im studiVZ sind die Freundschaften und die Gruppenmitgliedschaften.
22 Stefan Beck / Andreas Wittel: Forschung ohne Feld und doppelten Boden (2000), S. 224.
14
bereitgestellten Anwendungen selbst nutzte. „Empirische Forschung über das Netz kann und soll im Netz selbst stattfinden.“ 23 Der Forscher war innerer Beobachter und interner Bestandteil des Forschungsobjekts. - Die Verteilung des Fragebogens wurde mit dem studiVZ verknüpft, indem die URL (= Uniform Resource Locator = Synonym für Internetadresse) des Online-Fragebogens im studiVZ verbreitet wurde, um so direkt die zu untersuchenden Personen anzusprechen, nämlich studiVZ Mitglieder. Der Fragebogen wurde dementsprechend online gestellt, weil das studiVZ eine Online-Plattform ist und sich folglich die zu erforschenden Personen in dieser virtuellen Welt befinden und nicht bei zufälligen Befragungen in einer Fußgängerzone getroffen werden können.
Unter Wissenschaftler/innen und Marktforscher/innen besteht weitgehend Einigkeit darüber, welche ethischen Mindestanforderungen für die Durchführung von ‚Humanexperimenten’ und anderen Formen der Datenerhebung unter Beteiligung von Personen zu beachten sind. So soll beispielsweise die Versuchsteilnahme freiwillig erfolgen, die Anonymität von Daten der Teilnehmer/innen gewährleistet sein und zugesichert werden, dass eine vertrauliche Behandlung der erhobenen Daten sowie deren ausschließliche Verwendung für Zwecke des Forschungsprojekts stattfindet. 24 Diese Anforderungen werden hier erfüllt.
Im Folgenden werden die Entstehung, sowie die Vorzüge und Nachteile der Online-Forschung vorgestellt, um deren Bedeutung und die Gründe für deren Wahl in dieser Arbeit zu erläutern.
2.2 Online-Forschung - ein Exkurs
Im Jahre 2005 feierte die Online-Forschung ihren zehnjährigen Geburtstag. Seit der Veröffentlichung von HTML 2.0 25 im Jahre 1994 war man in der Lage, Daten über das
23 Stefan Weber: Medien - Systeme - Netze: Elemente einer Theorie der Cyber-Netzwerke, Bielefeld
2001, S. 102.
24 Waldemar Dzeyk: Ethische Dimensionen der Online-Forschung, Kölner Psychologische Studien,
Jahrgang VI, Heft 1 (2001), S. 1 - 30.
25 HTML ist die Skriptsprache, in der WWW-Dokumente verfasst sind. Mit der Version 2.0 konnten
erstmals Eingabeformulare in WWW-Dokumente integriert werden. Vgl.: Olaf Hofmann / Olaf Wenzel:
10 Jahre Online-Forschung: Von Visionen, dem Boden der Tatsachen und letztlich doch erfüllten
Erwartungen, in: Planung & Analyse 1 (2005), S. 25.
15
WWW mit Hilfe von Eingabeformularen zu erheben. Wann in Deutschland die ersten Erhebungen über das WWW stattfanden, lässt sich nicht mehr exakt feststellen. Man kann allerdings davon ausgehen, dass sich erst im Jahr 1995 die Online-Forschung etablierte, als das ISDN immer deutlicher Einzug in die deutschen Haushalte nahm und der Datenaustausch somit schneller wurde. Seit 1998 ist der Anteil der Online-Interviews kontinuierlich gewachsen. Lag er zu jener Zeit noch bei knapp 1% waren es 2003 bereits 10% 26 und 2005 22%. 27
Die Internetverbreitung in Deutschland steigt weiter an: 42,7 Millionen Erwachsene (65,8% der deutschen Erwachsenen) sind online. Das ist ein Anstieg um 1,9 Millionen Internetnutzer zum Vorjahr (2007: 62,7%). Die höchsten Zuwachsraten weisen die ‚Silver Surfer’ auf. Von den 60- bis 79-Jährigen surfen inzwischen 29,2% im Internet. Zu diesen Ergebnissen kommt die ARD/ZDF-Online-Studie 2008, die seit 1997 die Messlatte für die Internet-Entwicklung in Deutschland ist. 28 Die weitere Zunahme der Internet-Nutzung wird vermutlich durch das Älterwerden der heute noch eher jungen Internet-Nutzer vorangetrieben werden. Gleichzeitig wächst auch das Internetangebot in Deutschland. Es wird deshalb immer wichtiger, nicht nur zu wissen, wie viele Zugriffe auf eine Website erfolgen, sondern auch welche Menschen hinter diesen Zugriffen stehen und welche Gründe sie dafür haben. Diese Daten zu erheben ist Aufgabe der Online-Forschung. 29
Die Online-Forschung hat traditionellen Erhebungsmethoden einiges voraus. Sie ist kostengünstiger, liefert schneller Ergebnisse, kann multimediale Inhalte anzeigen, Antworten sofort auf Plausibilität prüfen, die Teilnehmer sind unabhängig von deren räumlichen Entfernungen erreichbar und sie können selbst wählen, wann sie an der Befragung teilnehmen. Allerdings birgt sie auch Schwächen. So muss gewährleistet werden, dass der Befragte die Online-Befragung bis zum Ende ausfüllt, dass seine Daten geschützt werden und dass die Befragung keinen Profi-Testern ‚zum Opfer fällt’, also durch diese verfälscht wird, da Profi-Tester sich häufig in Weblogs und Foren
26 Olaf Hofmann / Olaf Wenzel: 10 Jahre Online-Forschung (2005), S. 24 - 26.
27 Unknown: Online-Forschung weiterhin auf dem Erfolgsweg, in: Planung und Analyse 1 (2007), S. 3.
28 ARD/ZDF: Onlinestudie 2008. Internetnutzung steigt weiter an, in:
http://www.ard.de/intern/presseservice/-/id=8058/nid=8058/did=815386/19i5cr1/index.html vom
10.06.2008 (eingesehen am 15.06.2008).
29 Olaf Hofmann / Olaf Wenzel: 10 Jahre Online-Forschung (2005), S. 28.
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bereits über die Befragungen austauschen, um in das Screening breiter Umfragen, die vergütet werden, zu passen und letztlich rekrutiert zu werden. 30 Ein weiterer großer Vorteil von Online-Befragungen liegt in der Qualität der Antworten, die, im Vergleich zu anderen Befragungsarten, erheblich höher ist. Dies liegt hauptsächlich daran, dass kein Befragter während der Mittagspause gestört oder auf dem Weg zur Arbeit aufgehalten wird. Ebenso müssen die Antworten durch den Interviewer nicht in Stichworten eilig mitgeschrieben werden. 31 Mit dem Begriff Online-Forschung ist dementsprechend einerseits die Erforschung der Online-Nutzung und andererseits die Forschung mit Hilfe von Online-Diensten gemeint. Er verbindet den thematischen mit dem methodischen Blick. Da die Zielgruppe dieser Untersuchung, die Mitglieder des studiVZ, sich im Medium Internet bewegt, also auf der Plattform www.studivz.net, bietet es sich an, die Daten mittels netzbasierter Umgebungen zu erheben. So findet die Untersuchung thematisch und methodisch im WWW statt. Der Nachteil der Online-Forschung, dass nur ein Teil der Bevölkerung online ist und so mittels der Online-Methoden keine repräsentativen Ergebnisse erzielt werden können, greift hier nicht, da das studiVZ ein reines Onlineportal ist.
Das studiVZ ist eine Erscheinung, der es erst mit Beginn des Web 2.0 möglich war zu starten. Was veränderte sich? Und wieso faszinieren die Social-Software-Systeme die Menschen in der ganzen Welt? Dies zu klären ist Aufgabe des nächsten Kapitels, in dem das Web 2.0, die Social Software in ihren Ausprägungen und Social Networks, wie das studiVZ, einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Das studiVZ wird im Anschluss daran vorgestellt.
30 Steffen Persiel: Risiken durch Profitester in der Online-Forschung, in: Planung & Analyse 1 (2005), S.
98 - 101; Jens Eitmann: Nützlichkeit im Internet (2006), S. 67.
31 Detlef Struck: Online-Forschung für jedermann!?, in: Planung & Analyse 2 (2007), S. 64f.
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3. Das Web 2.0
Die durch Presse und Fernsehen vertrauten Formen der Massenkommunikation schließen jede Interaktion zwischen den Menschen aus. Dagegen formiert sich das Internet als Weltkommunikationskanal. Unter dem nicht verbindlich definierten Begriff Web 2.0 32 steht alles, was sich im Netz und um das Netz herum entwickelt hat, seien es wirtschaftliche Aspekte des Web oder soziale Phänomene. Was das Web 2.0 genau ist, kann auch hier nicht geklärt werden, allerdings wird der Begriff so weit erläutert, dass er verständlich und erkennbar logisch mit der gängigen Sichtweise in der Literatur 33 vereinbar und auch in dieser Arbeit adäquat einsetzbar ist. Der Begriff Web 2.0 steht für eine „radikaldemokratische“ Zusammenarbeit und Kooperation der Kommunikationsfreudigen aller Länder. Es wird damit jenes Medium betitelt, dessen Inhalte von den Nutzern selbst produziert werden. 34 Das Web 2.0 funktioniert demnach nur, wenn die Nutzer die Websites nicht nur konsumieren, sondern auch aktiv an Webangeboten und -plattformen mitwirken, sich somit im Prinzip ihr eigenes Angebot an Informationen und Inhalten schaffen. Web 2.0 ist das Kürzel für ein einfach zu bedienendes „Mitmach-Internet“. Es geht um Partizipation, Vernetzung, Darstellung und Austausch, zumeist über eine spezielle, dafür bereitgestellte Plattform. 35 Diese Plattformen gehören zu den Social-Software-Systemen. Was eine Social Software ist und welche verschiedenen Erscheinungsformen sie besitzt, wird im folgenden Abschnitt nachgegangen.
32 Für den Begriff Web 2.0 gibt es keine verbindliche Definition, so dass er in seiner Bedeutung oftmals
in verschiedenen Varianten anzutreffen ist. Vgl.: Tom Alby: Web 2.0. Konzepte, Anwendungen,
Technologien, München/Wien 2007, S. 18.
33 Vgl.: Tom Alby: Web 2.0 (2007); Bert Brückmann: Web 2.0-Social Software der neuen Generation, in:
http://www.sciencegarden.de/berichte/200702/web20/web20.php von Februar/März 2007 (eingesehen am
20.06.2008); Kai Lehmann / Michael Schetsche (Hrsg.): Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel
des Wissens, Bielefeld ²2007; Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und
freie Software die Welt verändern, Hannover ²2006.
34 Norbert Bolz: Das Abc der Medien, München 2007, S. 30.
35 Martin Fisch / Christoph Gscheidle: Onliner 2007: Das „Mitmach-Netz“ im Breitbandzeitalter. PC-
Ausstattung und Formen aktiver Internetnutzung: Ergebnisse der ARD/ZDF Online-Studie 2007, in:
http://www.daserste.de/service/ardonl0407.pdf vom August 2007 (eingesehen am 20.06.2008).
18
3.1 Social Software
Wie bereits erwähnt, entwickelt sich das WWW seit dem Jahr 2002 mehr und mehr zu einem Kommunikationsmedium für Gleichgesinnte, indem Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen ihr Wissen miteinander austauschen können und dabei ein soziales Netzwerk knüpfen. Diese Eigenart des Internets beziehungsweise des neuen Nutzerverhaltens, hat den Begriff Web 2.0 mitgeprägt. Außerdem bringt diese Etikettierung zum Ausdruck, dass Inhalte nicht mehr nur von Medienanbietern, sondern auch in gleichem Maße von den Nutzern der vorhandenen Angebote bereitgestellt werden. Das Web, zunächst als reiner Vertriebskanal von Medienunternehmen, ist nunmehr ein interaktives Massenmedium, in welchem der Nutzer gleichzeitig Anbieter sein kann. 36
Softwaresysteme, die die menschliche Kommunikation, Interaktion und Zusammenarbeit unterstützen, werden als Social Software bezeichnet. Mit der Etablierung von Weblogs und Wikis 37 entstand der Begriff etwa im Jahr 2002. Den Systemen ist gemein, dass sie den Aufbau und die Pflege sozialer Netzwerke und Communities unterstützen und weitgehend mittels Selbstorganisation funktionieren. 38 Sie wurden zu einem sozialen Raum in der virtuellen Welt, in dem Erfahrung und Austausch über die Grenzen der Zeit und des Raumes möglich ist. Ebenso wie der Begriff Web 2.0 ist allerdings auch der Begriff Social Software nicht exakt definiert und wurde hier nach der gängigen Meinung in der Literatur gedeutet.
3.1.1 Erscheinungsformen der Social Software
Es gibt im Internet verschiedene Möglichkeiten, um aktiv an dessen Inhalten teilhaben zu können. Foren, Instant Messenger, Wikis, Weblogs, Videoportale, Social Bookmarks und Social Networks sind einige Varianten der Social Software. Wo liegen jedoch die Unterschiede und Eigenarten der verschiedenen Erscheinungsformen? Dieser Frage wird im Folgenden nachgegangen. Die dabei angeführten und als Beispiel dienenden Internetadressen beziehen sich auf den deutschsprachigen Raum.
36 Michael Bächle: Social Software, in: Informatik Spektrum 29, Nr. 2 (2006), S. 121.
37 Die Begriffe Weblog und Wiki werden in Kapitel 3.1.1 „Erscheinungsformen der Social Software“
erläutert.
38 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 121.
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Das Forum
Ein Forum ist eine Diskussionsplattform auf einer Website. In ihm können Diskussionsbeiträge zu einem bestimmten Thema (sog. Threads) hinterlassen werden, auf die andere Teilnehmer reagieren und Antworten schreiben können. Es ist aber auch möglich, sich die Beiträge im Web nur anzuschauen, um so einen Einblick in die jeweilige Thematik zu erhalten. 39 Foren betreiben nahezu alle großen Nachrichtendienste, Zeitschriften und Gruppierungen wie www.spiegel.de/forum/, www.pcwelt.de/forum/, http://forum.tagesschau.de/, www.medizin-forum.de oder www.forum-fuer-senioren.de/, um nur einige zu nennen.
Instant Messaging
Instant Messaging ist ein serverbasierter Dienst, der es ermöglicht, mittels einer Client Software 40 in Echtzeit mit anderen Teilnehmern zu kommunizieren. Die Kommunikation erfolgt über die Computertastatur, ist somit textuell und wird als ‚Chatten’ bezeichnet. Die Software bietet mittlerweile viele nützliche Funktionen an, so dass der Nutzer sich beispielsweise informieren kann, ob ein Kommunikationspartner gerade online und somit ein Chat möglich ist. Das lange Warten auf die Beantwortung einer wichtigen Email kann dadurch umgangen werden und die Zielperson direkt und in Echtzeit kontaktiert werden. 41 Instant Messenger sind beispielsweise MSN 42 , Skype 43 oder ICQ 44 . Skype bietet zudem eine Internettelefonie (= voipen 45 ) an, in der Mitglieder kostenfrei untereinander über das Internet telefonieren und sich, bei entsprechender Ausrüstung, via Webcam in Echtzeit dabei auf dem Desktop anschauen können. Wird ein Guthaben mittels Lastschrift erworben, ist es ebenfalls möglich sehr günstig (ab 0,017 €/Min) 46 ins globale Festnetz zu telefonieren.
39 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 122.
40 Als Client (englisch für „Klient“, „Mandant“) wird ein Computerprogramm bezeichnet, welches nach
dem Client-Server-System Verbindung mit einem Server aufnimmt und Nachrichten mit diesem
austauscht. Die Kommunikation erfolgt vorwiegend über ein Rechnernetz. Vgl.:
http://de.wikipedia.org/wiki/Client (eingesehen am 21.06.2008).
41 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 122.
42 http://de.msn.com (eingesehen am 25.06.2008).
43 http://www.skype.de (eingesehen am 25.06.2008).
44 http://www.icq.de (eingesehen am 25.06.2008).
45 Das Telefonieren übers Internet wird „Voice Over Internet Protocol“, kurz „voip“ genannt, was auch
vom Duden mittlerweile aufgenommen wurde. Vgl.: David Pfeifer: Klick, wie moderne Medien uns
klüger machen, Frankfurt a. M. 2007, S. 10.
46 Stand 09. Juni 2008, in: http://www.skype.de.
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Wiki
Ein Wiki (Hawaiisch für „schnell“ 47 ) ist eine Sammlung von Websites, die von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch direkt online geändert oder ergänzt werden können. Wikis ermöglichen es verschiedenen Autoren, gemeinschaftlich an Texten zu arbeiten. Wie bei Hypertexten 48 üblich, sind die einzelnen Seiten eines Wikis durch Querverweise (Hyperlinks) miteinander verbunden. Zur Vernetzung von verschiedenen Wikis dient das Konzept der InterWiki-Verweise. Wikis gehören zu den Content-Management-Systemen 49 , setzen aber auf die Philosophie des offenen Zugriffs. Die Änderbarkeit der Seiten durch jedermann setzt eine ursprüngliche Idee des WWW erstmals konsequent um und erfüllt weiterhin eine wesentliche Anforderung an die Social Software und das Web 2.0. 50 Das weltgrößte Wiki ist die 2001 gegründete Wikipedia 51 , eine freie Enzyklopädie. Weitere, im deutschsprachigen Raum bekannte Wikis sind beispielsweise das Stadtwiki Karlsruhe 52 , das JuraWiki 53 , die Reiseführer Wikivoyage 54 und Wikitravel 55 , die Wikipedia-Parodien Stupidedia 56 und Kamelopedia 57 sowie die Science-Fiction-Datenbank zu Star Trek Memory Alpha 58 .
47 Hawaiian Dictionaries, in: http://wehewehe.org/gsdl2.5/cgi-bin/hdict?e=q-0hdict--00-0-0--010---4----
den--0-000lpm--1en-Zz-1---Zz-1-home-wiki--00031-0000escapewin-00&a=q&d=D21021 (eingesehen
am 20.06.2008)..
48 Ein Hypertext ist ein Textdokument mit elektronischen Querverweisen auf andere Text- oder
Informationsquellen. Vgl.: http://www.lehrer-
online.de/422275.php?sid=70839535541487030820402950295980 (eingesehen am 20.06.2008).
49 Ein Content-Management-System (CMS) ist ein Programm, das in der Regel zur komfortablen
Verwaltung von Homepages eingesetzt wird. Dabei gibt der Anwender beispielsweise neue Texte für
seine Homepage in einen Editor ein, das CMS sorgt dann automatisch für die Anpassung und Einbettung
der Inhalte auf der Internetseite. Vgl.: Alexander Boden / Peter Genath: Ethnografie und Internet (2005),
S. 17.
50 Richard Cyganiak: Wiki und WCMS: Ein Vergleich, in:
http://richard.cyganiak.de/2002/wiki_und_wcms/wiki_und_wcms.pdf vom 19.05.2002, S. 3 (eingesehen
am 20.06.2008).
51 www.wikipedia.de (eingesehen am 25.06.2008).
52 http://ka.stadtwiki.net (eingesehen am 25.06.2008).
53 http://www.jurawiki.de (eingesehen am 25.06.2008).
54 http://www.wikivoyage.org/de (eingesehen am 25.06.2008).
55 http://wikitravel.org/de (eingesehen am 25.06.2008).
56 http://stupidedia.org/stupi (eingesehen am 25.06.2008).
57 http://kamelopedia.mormo.org (eingesehen am 25.06.2008).
58 http://memory-alpha.org/de (eingesehen am 25.06.2008).
21
Der Blog bzw. Weblog
Der Begriff Weblog leitet sich ab von web, der englischen Bezeichnung für das Internet, dem WWW und dem Logbuch. Meist wird er in seiner verkürzten Version Blog verwendet. 59
Ein Blog ist ähnlich einem Tagebuch. Er handelt über ein spezifisches Thema und wird von einem einzelnen Autor, dem so genannten Blogger erstellt. Leser können durch Kommentarbeiträge einen Artikel des Bloggers kommentieren. Durch das Kopieren der entsprechenden Trackback 60 -URL kann sich der Blogger auf einen anderen Blog beziehen. So lässt sich automatisch ein Netzwerk von Beiträgen und Kommentaren aufbauen. Es lassen sich mit einem Weblog also Online-Communities für private und öffentliche Zwecke bilden, Informationen auf vielen Ebenen verlinken und Wissenssammlungen anlegen. Die Gesamtheit aller Blogs wird als Blogosphäre bezeichnet. Die aktuellen Beiträge sind in einem Blog immer zuoberst, die Darstellung erfolgt also in umgekehrter chronologischer Reihenfolge. Thematisch kann in einem Blog alles vertreten sein. Die Bandbreite reicht von Fachblogs, Fotoblogs, Werbeblogs und journalistischen Blogs über öffentliche Blogs hin zu den Tagebüchern. Blogs gelten auch als Frühwarnsysteme zur Erkennung neuer Kundentrends. 61 Weblog-Plattformen finden sich unter folgenden Webadressen: www.blogger.com, www.myblog.de, www.netvibes.com oder www.technorati.com.
Das Videoportal
Ein Videoportal erlaubt Benutzern das einfache Hochladen und Ansehen von, in der Regel kurzen, selbst gedrehten Filmen, aber auch von aufgezeichneten Sendungen aus dem Fernsehen, was bereits zu Copyright-Problemen führte. Jedoch haben die Unternehmen bald bemerkt, dass die eigene Popularität durch die Medienaufmerksamkeit größer wurde, so dass Partnerschaften (wie zum Beispiel von YouTube und NBC Universal) zustande kamen. Die selbst erstellten Filme stehen allerdings im Vordergrund. Jeder Internetnutzer kann mit einem Handy oder einer (Web-)Kamera eigene Filme drehen und sie auf die Plattform eines Videoportals
59 Sylvia Ainetter: Blogs - Literarische Aspekte eines neuen Mediums. Eine Analyse am Beispiel des
Weblogs Miagolare, Wien/Münster 2006, S. 16.
60 Ein Trackback ist eine automatische Notifikation zwischen zwei Websites, um verwandte Einträge auf
einer Seite miteinander zu verbinden. Vgl.: Tom Alby: Web 2.0 (2007), S. 218.
61 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 123; Sylvia Ainetter: Blogs - Literarische Aspekte eines
neuen Mediums (2006), S. 25ff; Astrid Haarland / Markus-Christian Koch: Generation Blogger, Bonn
2004, S. 21.
22
hochladen. Eines der bekanntesten Videoportale ist YouTube. 62 Hier können die Videos anderer Benutzer nicht nur angesehen, sondern auch abonniert werden. Die Abonnements anderer Benutzer können durchstöbert werden, Nachrichten können ausgetauscht und Kommentare zu den einzelnen Videos geschrieben werden. Ferner ist es möglich die Videos zu bewerten oder zu zensieren. 63 Weitere Videoportale sind unter folgenden Adressen zu finden: www.myvideo.de, www.clipfish.de, www.hausgemacht.tv oder www.mytv.de.
Social Bookmarking
Social-Bookmarking-Systeme dienen der Erfassung und Kategorisierung von Links. Diese Linksammlung wird allgemein zugänglich gemacht und mit anderen Benutzern des Tools verlinkt, die den gleichen Bookmark 64 hinterlegt haben. Gleichzeitig werden die Links mit Schlagworten versehen, dem so genannten Tagging. Die daraus resultierende Vernetzung über Links und Tags bietet reichhaltige
Informationsmöglichkeiten, die zum Teil die der Suchmaschinen übertreffen. 65 Social-Bookmark-Systeme sind beispielsweise: http://del.icio.us/, www.mister-wong.de oder http://www.connotea.org/.
Social Networking
Diese Form der Social Software ermöglicht den Aufbau von zielgerichteten privaten oder geschäftlichen Beziehungen im Internet. Durch Hinterlegung eines eigenen Profils werden die persönlichen Daten für andere Nutzer sichtbar und zugänglich gemacht. Über die eigenen Kontakte lassen sich so Verbindungen zu deren Freunden herstellen. 66 Eine detaillierte Beschreibung findet sich in dem Kapiteln 3.2 „Social Networks“ und 4. „Das studiVZ - ein Social Network“ in denen es sich explizit um das studiVZ dreht, das zu den Social-Network-Systemen gezählt wird. Weitere Social-Network-Plattformen finden sich unter: www.xing.de, www.lokalisten.de, www.myspace.de, www.schuelervz.de oder www.meinvz.de.
62 www.youtube.com (eingesehen am 25.06.2008).
63 Tom Alby: Web 2.0 (2007), S. 105 - 108.
64 Ein Bookmark ist im Internet mit der Bedeutung eines Lesezeichens gleichzusetzen.
65 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 123.
66 Michael Bächle: Social Software (2006), S. 124.
23
Die in dieser Arbeit zu untersuchende Plattform studiVZ wird innerhalb der Social-Software-Systeme zu den Social Networks gezählt. Was genau Social Networks auszeichnet und weshalb sie sich einer solchen Beliebtheit erfreuen wird im nachfolgenden Abschnitt Thema sein.
3.2 Social Networks
Das studiVZ lässt sich, wie Xing oder MySpace, zu den Social-Network-Systemen zählen. Soziale Netzwerke gab es allerdings schon lange vor der Erfindung des Web 2.0. Was ist neu am internetbasierten Social Network? Dieser Frage wird nun im weiteren Verlauf auf den Grund gegangen. Dazu wird eingangs das Soziale Netzwerk kulturwissenschaftlich verortet, um darauf aufbauend das Signifikante der Social Networks im Internet herauszuarbeiten.
3.2.1 Soziale Netzwerke - eine kulturwissenschaftliche Annährung
Unter einem sozialen Netzwerk wird in der Kulturwissenschaft eine eigenständige Form der Koordination von Interaktionen verstanden, deren Kern die Kooperation autonomer, aber wechselseitig voneinander abhängiger (interdependenter) Personen ist. Soziale Netzwerke bestehen aus lockeren und oft unüberschaubaren Beziehungsgeflechten, die als schwach eingestuft werden können, aber das eigene soziale Geschehen beeinflussen. Die Zugehörigen eines Netzwerkes, können auf diese Weise ihre partikularen Ziele besser realisieren und leichter Informationen erhalten. Der Zeithorizont eines Netzwerkes ist eher mittelfristig, das heißt für einen überschaubaren Zeitraum muss es stabil sein und verlässlich funktionieren. Die Möglichkeit auszusteigen und die Kooperation zu beenden, ist im Prinzip immer gegeben. Die Kooperationsbeziehung ist reziprok, womit die Partner jeweils voneinander profitieren, allerdings sind sie nur locker miteinander verbunden und weisen in der Regel kein Wir-Gefühl auf. Wichtig ist in erster Linie die Zuversicht, dass die Kooperation sich auszahlt. In der Kulturwissenschaft besteht die Fokussierung auf gesellschaftliche Prozesse, die sich durch soziales Handeln beziehungsweise soziale Kommunikation etablieren, sowie auf gesellschaftliche Strukturen, deren Entstehung und deren Entwicklung auf die Wechselwirkung von Handlungen beziehungsweise Kommunikationen bezogen werden
24
kann. Die sozialen Netzwerke machen den Grad der sozialen Verankerung einzelner Personen sichtbar. 67
Das moderne Netzwerk hat einerseits eine destabilisierende und anderseits eine innovative Funktion. Es bricht alte Strukturen auf (Destabilisierung) und öffnet sie für fremde Werte, Ideen und Güter (Innovation). Zugleich bündelt es die vorhandenen Machtressourcen und dient so der Ressourcenmobilisierung und als Aufstiegsinstrument. Das Netzwerk erscheint als ein Balanceakt zwischen fixierter Struktur und destruktiver Kreativität. Typisch ist, dass in ihm nicht eine bestimmte Form der Bedürfnisbefriedigung und der Aneignung von Ressourcen dominieren, sondern viele verschiedene Ausprägungen. 68
Wie internetbasierte Social Networks dagegen aussehen, ist Gegenstand nachfolgender Betrachtung.
3.2.2 Social Networks im Internet
Die weltliche Bevölkerung steht vor einer neuen Gemeinschaftsform: der von elektronischen Netzwerken getragenen und durch sie organisierten Nachbarschaft. Die Bedeutung dieser Netzwerke liegt nicht in der Dimension der Informationsverarbeitung, sondern in der Bildung von Gemeinschaften, die über die ‚natürlichen’, d.h. räumlich bedingten Möglichkeiten hinausgehen. Damit verliert die Nation als identitätsbildende Instanz immer mehr an Bedeutung, zugunsten der globalisierenden und auch tribalisierenden Kräfte. 69 Das schafft ein „globales Gehirn, durch das die Menschen näher denn je zusammenrücken und überhaupt erst durch Gleichzeitigkeit eine Menschheit geschaffen wird, in der jeder Einzelne gewissermaßen eine Nervenzelle oder einen Knoten bildet.“ 70 Die Fäden innerhalb des internetbasierten Netzwerkes sind beispielsweise die Links, die öffentlich einsehbaren Freundschaften oder Gruppenmitgliedschaften. Ein Knoten, also die Verknüpfung mindestens zweier Fäden, ist im Social Network der Mensch, der Nutzer, das Mitglied.
67 Johannes Weyer (Hrsg.): Soziale Netzwerke. Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen
Netzwerkforschung, München/Wien/Oldenbourg 2000, S. 11 - 18; Mathias Groß / Christoph Mörl:
Soziale Netzwerke im Internet. Analyse der Monetarisierungsmöglichkeiten und Entwicklung eines
integrierten Geschäftsmodells, Boizenburg 2008, S. 38f.
68 Johannes Weyer (Hrsg.): Soziale Netzwerke (2000), S. 270 - 272.
69 Norbert Bolz: Das Abc der Medien (2007), S. 128f.
70 Kai Lehmann / Michael Schetsche (Hrsg.): Die Google-Gesellschaft (²2007), S. 11f.
25
Nachdem durch die Digitalisierung von Medieninhalten die Medien selbst zu einem weltweit vernetzten Hypermedium zusammenwachsen, entstehen neben der globalen Öffentlichkeit eine Vielzahl von begrenzten Öffentlichkeiten, die jedoch meist frei zugänglich sind. Diese kleinen Öffentlichkeiten stellen Informationen via Websites, Newsgroups, Messaging, Chaträume, Wikis oder Social Networks schneller, direkter und persönlicher zur Verfügung, als dies klassische Medien wie Presse, TV und Radio je bewerkstelligen könnten - ganz ohne redaktionellen Filter. Zudem vernetzen sie die Menschen direkt und innerhalb eines interaktiven Rahmens, so dass Informationen unmittelbar ergänzt, kritisiert und korrigiert werden können. Diese Möglichkeit, kollektiv Informationen jeder Art zu verbreiten, zu rezipieren und zu verändern, ist, unabhängig von der Qualität der so entstehenden Inhalte, eine Eigenschaft, die dem Web 2.0 zugeordnet wird. Es sind nun die Individuen selbst, die aus der Rolle des Empfängers heraus, auch die Möglichkeit erhalten, Informationen aller Art in die globale Öffentlichkeit einzubringen und so Informationsmonopole außer Kraft zu setzen. Diese von unten geschaffene Öffentlichkeit breitet sich schnell von Knoten zu Knoten, von Computer zu Computer weltweit aus. 71 Dies gab es vor der Erfindung des Web 2.0 nicht. Der Wirkungskreis der in internetbasierten Social Network verbundenen Personen ist weitreichender und machtvoller als je zuvor. So können von unten Aufstiege in der Arbeitswelt vereitelt werden, aber auch gut geschützte, für die Öffentlichkeit brisante Themen ans Licht kommen. Dieser Thematik über die Kehrseite des Web 2.0 und somit dem Social Networking wird an späterer Stelle, in Kapitel 3.2.5 „Die Kehrseite - Sendungsbewusstsein kontra Datenschutz“ nachgegangen und deshalb hier nicht näher ausgeführt.
3.2.3 Die Anziehungskraft der Social Networks
Ob beim Studierendenverzeichnis studiVZ, im Business-Club Xing, auf dem elektronischen Pausenhof schuelerVZ, bei Myspace oder der neusten Plattform meinVZ, nie war es so einfach, neue Bekanntschaften aus aller Welt zu machen oder Geschäftsbeziehungen aufzubauen und sich mit diesen in Gruppen über Fach- und Trivial-Themen auszutauschen. Die Anzahl derjenigen, die sich an diesem regen Austausch beteiligen, ist weitreichender und größer als der in den sozialen Netzwerken,
71 Kai Lehmann / Michael Schetsche (Hrsg.): Die Google-Gesellschaft (²2007), S. 12 - 14.
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Silke Mohr, 2008, Neue Kommunikationsmöglichkeiten im Web 2.0, München, GRIN Verlag GmbH
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