Inhaltsverzeichnis
1 Einführung. 1
1.1 Armutsbekämpfung: Herausforderungen des 21. Jahrhunderts 1
1.2 Mikromärkte: Ein Instrument zur nachhaltigen Armutsbekämpfung 2
1.3 Micro banking: Finanzdienstleistungen für Mittellose 3
1.4 Problemstellung. 4
1.5 Forschungsstand im Bereich der Mikroversicherungen. 6
1.6 Struktur der Arbeit 6
2 Begriffsbestimmungen 7
2.1 Armut und Messindikatoren. 7
2.1.1 Der Ressourcenansatz 7
2.1.2 Der Lebenslagenansatz. 8
2.1.3 Relative Armut 11
2.1.4 Armut nach dem Menschenrechtsansatz 12
2.1.5 Kriterien für eine Zielgruppenbestimmung aus Sicht der Mikroversicherer 13
2.2 Risikoverletzbarkeit und Risikobewältigungsstrategien Armer. 14
2.2.1 Risiken. 14
2.2.2 Risikoverletzbarkeit: Die Armutsfalle 15
2.2.3 Strategien des Risikomanagements in armen Haushalten. 19
2.2.4 Versicherbare Risiken 22
2.3 Versicherungsprodukte am BOP-Markt. 24
2.3.1 Produktlinien 24
2.3.2 Ausgewählte Problemfelder bei Mikroversicherungen. 25
2.4 Das Interesse der Versicherer am BOP-Markt. 28
3 Der BOP-Markt in Bangladesch 29
3.1 Armut in Bangladesch. 29
3.2 Klima und Geografie. 29
3.3 Staat und Politik 31
3.4 Religiöse Besonderheiten. 31
3.4.1 Das Problem der Mitgift. 31
3.4.2 Versicherungen im Islam 33
3.5 Das Versicherungswesen in Bangladesch 38
4 Funktionsweise des Mikrokreditsystems am Beispiel der GRAMEEN-BANK in
Bangladesch 39
4.1 Die Entstehungsgeschichte der Bank 39
4.2 Funktionsweise der Geschäftsidee: „Darlehen ohne Sicherheiten an Mittellose“ 43
4.2.1 Die sechs Leitlinien des GRAMEEN-Kredites 44
4.3 Unterschiede zu konventionellen Kreditsystemen 48
4.4 Übertragbarkeit des Systems GRAMEEN. 49
5 Vom Mikrokredit zur Mikroversicherung. 50
5.1 Versicherungsprodukte von Mikrofinanzinstituten. 50
5.1.1 Ausgangslage: Bedarf zur Absicherung eines Mikrokredites 50
5.1.2 Möglichkeiten zur Absicherung versicherbarer Ausfallrisiken eines
Mikrokredites am Beispiel der GRAMEEN-Bank 51
5.2 Vulnerabilität auf Seiten der Mikrofinanzinstitutionen 53
5.2.1 Problemfeld: Risikomanagement im operativen Geschäft. 53
5.2.2 Problemfeld: Risikomanagement des Anbieters 54
5.3 Defizite reiner „credit-linked“ Versicherungen 55
5.4 Erfahrungen der Delta Life Versicherung 56
6 Schlussfolgerungen 59
6.1 Was können Versicherer von Mikrobanken lernen? - 11 ausgewählte Kriterien für
Mikroversicherungsprodukte 59
6.2 Möglichkeiten der Gestaltung von „endowment“-Produkten am Beispiel des
Kriteriums der „Strikten Kosteneffizienz“ 63
6.3 Ein Vorschlag für die Organisation eines Vertriebssystems. 64
6.4 Ausblick 66
7 Literatur. 68
II
Abkürzungsverzeichnis
% Prozent
$ Dollar
€ Euro
Abb. Abbildung
AIDS Acquired Immune Deficiency Syndrome (erworbenes Immundefektsyndrom)
Anh. Anhang
Anr. Anregung
BMZ
BNE Bruttonationaleinkommen
BOP Bottom of the Pyramid (Fuß der Wohlstandspyramide)
bspw. beispielsweise
ca.
d. h.
DFÜ Datenfernübertragung
Dr. Doktor
DTN Datentransfernummer
ebd. ebenda
einschl. einschließlich
Entw. Entwicklung
etc. et cetera
EUR Euro
ff
GB GRAMEEN BANK
GCAP Consultative Group to Assist the Poor
GE Geldeinheiten
GTZ
HDI Human Development Index (Index der menschlichen Entwicklung)
HDR Human Development Report (Weltentwicklungsbericht)
HIV Human Immunodeficiency Virus (Menschliches Immunschwäche-Virus)
i. d. R.
III
IB Islamic Banking
ILO International Labour Office
incl. inklusive
Kap. Kapitel
KKP Kaufkraftparität
km Kilometer
Ltd. Limited
m.E. meines Erachtens
MDG Millenium Develepment Goals (Millenniumserklärung zur Armutsbekämpfung)
MFG Micro Finance Gateway (Mikrofinanzplattform)
MFI Micro Finance Institution (Mikrofinanzinstitution)
MH Moral Hazard
MIC Micro Insurance Center
Mio. Millionen
Mrd. Milliarden
NGO Non Gouvernement Organizations (Nicht-Regierungsorganisationen)
NN Normalnull
Nr.
o. g. oben genannt
OECD Organization for Economic Co-operation and Development
OHCHR Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights
P Prämie
p.a. pro anno
Prof. Professor
resp. respektive
S. Seite
sinng. sinngemäß
sog. sogenannt
Tab. Tabelle
u. a. und andere / unter anderem
u. U. unter Umständen
übers. n. übersetzt nach
UN United Nations (Vollversammlung der Vereinten Nationen)
URL Uniform Resource Locator (einheitlicher Quellenanzeiger)
USA United States of America
vgl. vergleiche
WHO World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)
z. B. zum Beispiel
z. T. zum Teil
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Armut und Arbeit (Quelle: ILO 2006) 8
Abbildung 2: Human Development Index - HDI (Quelle: UNDP 2006) 9
Abbildung 3: Human Poverty Index - HPI-1 (Quelle: UNDP 2006) 10
Abbildung 4: Gini-Index (Quelle: UNDP 2006, S. 335-337) 11
Abbildung 5: Klassifikation von Armutsniveaus (nach: SEBSTAD/COHEN 2000, S. 5) 13
Abbildung 6: Wirkung von Schadensereignissen auf das Armutsniveau mit und ohne Versi-
cherung (eigene Entw. nach Anreg. SEBSTAD/COHEN in: CHURCHILL 2006, S. 25) 16
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Millennium Development Goals - MDG. 1
Tabelle 2: Auswirkungen von Schadensereignissen auf arme Haushalte mit und ohne
Versicherung 18
Tabelle 3: Risikobewältigungsstrategien armer Haushalte 21
Tabelle 4: Signifikante Risiken in Indonesien 23
Tabelle 5: Formen von Mikroversicherungen im Nicht-Leben-Bereich. 25
Tabelle 6: Bedeutsame Regeln - Islam und Versicherungen. 33
Tabelle 7: Entwicklung der GRAMEEN-BANK 42
Tabelle 8: Die 16 Regeln der GRAMEEN BANK 46
V
1 Einführung
1.1 Armutsbekämpfung: Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
Im September 2000 verabschiedeten Staats- und Regierungschefs von 189 Ländern in einem Gipfeltreffen der Vollversammlung der Vereinten Nationen (United Nations, UN) in New York die sog. Millenniumserklärung. Diese Vereinbarung beschreibt die wesentlichen globalen Herausforderungen für die internationale Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Erklärung beinhaltet acht Zielsetzungen, deren Verwirklichung bis Ende 2015 erreicht werden soll, die "Millennium Development Goals" (MDGs):
Millenniumserklärung der UN: Acht Entwicklungsziele zur Senkung der Weltarmut bis 2015
Zur Bekämpfung der Armut gibt es verschiedene Ansätze und Projekte. Zu nennen sind hier u. a. Subventions-, Spenden- oder Regierungsprogramme, Entwicklungshilfe oder die Arbeit von Nicht-Regierungsorganisationen („Non Gouvernement Organizations“ (NGOs)) etc. Die meisten Ansätze zur Lösung von Armutsproblemen sind häufig regional oder lokal begrenzt. Sie helfen und haben teilweise enormen Erfolg, aber es stellt sich die Frage: Was passiert, wenn die Subventions- oder Spendenmittel erschöpft sind, Regierungsprogramme auslaufen oder die NGO das Dorf verlässt?
Spendensysteme reichen zur Verwirklichung der MDGs nicht aus. Sie bewirken sogar teilweise das Gegenteil und führen zu wirtschaftlichen Verzerrungen oder sind Anlass für politische Korruption. Es bedarf alternativer Lösungen, wenn die Weltarmut halbiert werden soll. Wie aber können arme Menschen nachhaltig aus der Armut ausbrechen und wie können betroffene Menschen, wenn sie auf sich selbst gestellt sind, aus eigener Kraft ein Leben frei von Almosen führen?
1.2 Mikromärkte: Ein Instrument zur nachhaltigen Armutsbekämpfung
C. K. PRAHALAD (2006) publizierte in seinem Buch „The fortune on the bottom of the pyramid“ (BOP) einen völlig neuen Denkansatz zur Lösung des Armutsproblems. Es ist ein ökonomischer Ansatz, der bis Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts von Fachkundigen eher geringwertig geschätzt und wenig beachtet wurde.
PRAHALAD formulierte mit seinem Ansatz eine neue Denkweise entgegen traditioneller Ansichten der Wirtschaftsunternehmen. Er identifizierte am „Fuß der Wohlstandspyramide“ (BOP) eine große Zahl an potenziellen Unternehmern und Konsumenten sowie einen enormen, nicht genutzten Reichtum. Nach allgemein herrschender Auffassung war der BOP für Unternehmen nicht attraktiv, da die Menschen über ein zu geringes Einkommen verfügen, um sie mit Waren oder Dienstleistungen zu versorgen (vgl. Prahalad 2006, S. 25-28). Das Potenzial am BOP wurde durchaus anerkannt. Es fehlte an Wegen, dieses zu erschließen. Sukzessive erkennen und nutzen innovative Unternehmen den BOP zunehmend als Chance. „Wenn wir aufhören, die Armen als Opfer … zu sehen, und stattdessen erkennen, dass sie flexible und kreative Unternehmer und preisbewusste Konsumenten sind, eröffnet sich plötzlich eine völlig neue Welt der Möglichkeiten.“ (ebd., S. 17-18). Hierin liegt der Schlüssel: Unternehmertum auf einer Mikroebene, sog. Sozialunternehmertum („social entrepreneurship”). Arme könnten sich aus der Armut befreien, wenn sie selbst und eigenverantwortlich an Wertschöpfungsprozessen beteiligt werden und Zugang zu modernen Produkten und Dienstleistungen erhalten. Das Abschöpfen von Mehrwerten (Ausbeutung) fördert Armut und Almosen (Spenden) lindern diese lediglich. Das Neue an dieser Denkweise war die Erkenntnis, dass die Menschen, die mit weniger als zwei US$ am Tag auskommen müssen, als Teilnehmer eines Marktes, des sog. BOP-Marktes mit seinen besonderen Bedingungen, gesehen wurden (vgl. ebd., S. 29-36).
Eine selbstverantwortliche Beteiligung Armer an der Wertschöpfungskette setzt aber voraus, dass sie Möglichkeiten finden müssen, in einkommensproduzierende Projekte zu investieren. Investieren bedeutet wiederum, dass finanzielle Mittel beschafft werden müssen, da die Betroffenen in der Regel nicht über Reserven verfügen. Armen ist aber der Zugang zu modernen Finanzdienstleistungen i. d .R. nicht möglich. Nach traditioneller Auffassung wären sie zu arm, um einen Kredit zu bekommen und würden auch nicht mit Geld umgehen können.
2
1.3 Micro banking: Finanzdienstleistungen für Mittellose
Anfangs werden zum Teil verhältnismäßig geringe Summen benötigt, häufig unter 50 US$ (vgl. SPIEGEL, P. 2006, S. 26-27). Nach den Regeln über Kreditvergabeentscheidungen konventioneller Banken ist dieser Bedarf so gering, dass die absoluten Zinseinnahmen kaum die Kosten der Kreditabwicklung decken würden. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners wäre damit zu rechnen, dass die Bank die Forderung gänzlich abschreiben muss, da es an Sicherheiten mangelt. Dies sind ideale Bedingungen für Geldverleiher, die Fremdkapital zu Wucherzinsen bereit stellen.
Es mag ungewöhnlich anmuten, in der Dritten Welt von Finanzdienstleistungsmärkten zu sprechen. Es gibt auf der einen Seite zwar die Nachfrage nach Fremdkapital, auf der anderen Seite ist es nach traditionellem Verständnis aber scheinbar unmöglich, reguläre Anbieter auf diesem Markt zu finden. An dieser Stelle widerspricht PRAHALAD (2006). Er sagt, dass die Zielgruppe des BOP-Marktes weltweit etwa vier Milliarden Menschen umfasst. Um diese Märkte zu erschließen, müsse man Systeme entwickeln, die die natürlichen Bedingungen und Gegebenheiten dieser Märkte berücksichtigen. Er durchbricht die herrschende Meinung: Es sei z. B. falsch zu sagen, dass man sich am BOP die Produkte der Unternehmen nicht leisten könne, sondern vielmehr seien die Produkte für den Markt ungeeignet. Der Bedarf sei enorm hoch. Aber es sind moderne, innovative Lösungen gefragt, um den Kunden die Produkte zugänglich zu machen (ebd., S. 25-28).
Dieser Grundgedanke lässt sich leicht auf Finanzdienstleitungen übertragen. Eine Form der Berücksichtigung der Marktgegebenheiten wäre z. B. die Kostenstruktur eines Produktes zu verändern, damit es für diesen Markt geeignet ist. Das darf aber nicht bedeuten, dass die Qualität des Produktes verringert wird.
Die wohl bekannteste Mikrofinanzinstitution (MFI) ist die von Professor Dr. MUHAMMAD YUNUS gegründete GRAMEEN BANK (GB) [übersetzt: „Dörfliche Bank“] in Bangladesch. Diese Bank arbeitet seit 1995 ohne staatliche Subventionen auf rein kommerzieller Basis und vergibt Kleinstkredite, nicht selten mit einer Höhe von unter 50 bis 100 US$ an Arme. Der Erfolg des Unternehmens war beispielhaft für die Bekämpfung der Armut in Ländern der Dritten Welt. 64 Prozent der GRAMEEN-Kunden haben die Armutsgrenze durchbrochen (YUNUS 2007). Mittlerweile wurden in den letzten zehn Jahren weltweit 223 GRAMEEN-Programme in 58 Entwicklungsländern ins Leben gerufen, die sich an dem System und den Erfahrungen der Bank in Bangladesch orientieren (vgl. GRAMEEN 2007).
3
1.4 Problemstellung
Nachhaltigkeit bedeutet, dass es gelingen muss, Armen Wege zu öffnen, die einen dauerhaften Ausstieg aus der Armutssituation und ein Leben unabhängig von Spenden und Almosen ermöglichen. Das bedeutet, dass auf der einen Seite das Investieren in Produktionsmöglichkeiten, deren Ergebnis eine Verbesserung der Einkommenssituation Armer sein muss, unabdingbar ist. Auf der anderen Seite ist aber ein Absichern von erreichten Zuständen und Verbesserungen notwendig. Dieses betrifft sowohl Sachwerte als auch die Arbeitskraft resp. die Gesundheit der Betroffenen.
Versicherungen sind eine Möglichkeit des Transfers von Risiko an Versicherungsunternehmen bzw. Versicherer. Sie sind Teil des Risikomanagements allgemein (vgl. u. a. ZWEI- FEL/EISEN 2003,S. 3; FARNY 2000, S. 21). Mikroversicherungen sind Versicherungen, die auf die Bedürfnisse des Risikotransfers armer Menschen, die am BOP leben, zugeschnitten sind. Sie sind ein Beitrag, die Verletzbarkeit armer Haushalte zu senken bzw. erreichte Zustände der Verbesserung von Armutssituationen abzusichern.
Das Konzept der GB ist aus ökonomischer Sicht beispielhaft dafür, dass das Kreditwesen auf dem BOP-Markt offensichtlich funktioniert resp. Marktbedingungen gefunden wurden, die Armen einen Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglichen. 1 Die Zunahme der Angebote von Mikrobanken zeigt, dass das Geschäft mit Mikrokrediten weltweit Erfolg hat und das System übertragbar ist. Einerseits wird Armen eine ernst zu nehmende Perspektive zum Ausstieg aus dem „Kreislauf der Armut“ (vgl. NUSCHELER 2006, S. 194) geboten, andererseits sind Banken in der Lage, subventionsfrei und damit ökonomisch unabhängig zu wirtschaften. Dies legt die in dieser Arbeit untersuchte Kernfrage nahe, ob sich aus dem System und den Erfahrungen der Mikrobanken möglicherweise wertvolle Erkenntnisse gewinnen und auf die Entwicklung des Mikroversicherungswesens übertragen lassen können. Das Bankenwesen ist dem Versicherungswesen sehr ähnlich. Das „micro banking“ hat sich im Zeitverlauf etwa ab Mitte der 70er Jahre gegen viele Widerstände zu einem bedeutsamen und mittlerweile auch von NGOs sowie Hilfs- und Spendenorganisationen anerkannten Instrument der wirksamen Armutsbekämpfung entwickelt. Das breitere Interesse an Mikrover- 1 Danebengibt es aber auch weitere Mikrobanken, z.B. baut die christliche NGO „Opportunity International“
ebenfalls eigenständig seit Anfang der 70er Jahre sog. Trustbanks (Vertrauensbanken) nach dem Prinzip der GB
auf (OI 2007). Die GB ist vor allem aus dem Grund als Beispiel gewählt worden, weil diese finanziell unabhän-
gig von Spenden arbeitet und klar das Ziel der ökonomischen Unabhängigkeit hat.
4
sicherungen dagegen steckt noch in den Kinderschuhen und entwickelt sich seit etwa zehn Jahren stärker.
Es liegt auf der Hand, dass es ein besonderes Problem sein könnte, die Zahlung von Prämien zu organisieren. Am BOP gibt es keine kostenminimierenden Einzugsermächtigungen, weil die Kunden zu Bankensystemen keinen Zugang haben. Die Kunden haben auch kein regelmäßiges und darüber hinaus nur ein geringes Einkommen. Wie also organisieren MFIs die Rückzahlung von Darlehen? Wie ist das Inkasso von Versicherungsprämien effizient möglich? Lassen sich aufgrund der Ähnlichkeit der Geschäftsfelder der Banken und der Versicherer Synergien identifizieren?
Die Beantwortung der Frage, was Versicherer von Mikrobanken lernen können, befasst sich damit, marktrelevante Besonderheiten herauszuarbeiten, die für Finanzdienstleistungsunternehmen am BOP-Markt aus einer versicherungsspezifischen Perspektive bedeutsam sind. Ableitend aus der Feststellung PRAHALADs, dass die Produkte konventioneller Ökonomien für den BOP-Markt nicht geeignet seien, stellt sich die Frage: Welche Kriterien müssen Versicherungsprodukte erfüllen, damit sie für die Kunden aus armen Haushalten geeignet sind? Gibt es Möglichkeiten bzw. Ansätze der Umsetzbarkeit dieser Kriterien, die sich aus den Erfahrungen der Arbeit von Mikrobanken ableiten lassen?
Aufmerksamkeit erregte die Verleihung des Friedensnobelpreises 2006 an MUHAMMAD YUNUS für die Arbeit der GRAMEEN Bank. Die Preisverleihung gab Anlass, sich mit dem System der Bank auseinander zu setzten und mit dem Land Bangladesch zu beschäftigen. Initiiert wurde das Thema der Arbeit aufgrund einer Nachrichtenmeldung. Der deutsche Versicherer ALLIANZ startete im August 2006 in Indonesien ein einjähriges Pilotprojekt einer Mikroversicherung. „Payung Keluarga“ (wörtlich: „Familien-Regenschirm“) heißt das Produkt (vgl. ALLIANZ 2006). Diese Versicherung ist eine Todesfallabsicherung für Nehmer von Mikrokrediten. Mit dem Produkt werden Kredite mit einer Durchschnittshöhe von 2 Mio. Rupien (240 US$) abgesichert. Im Todesfall des Kreditnehmers während der Vertragslaufzeit werden das Darlehen und die ausstehenden Zinsen abgelöst und zusätzlich das Doppelte des ursprünglichen Darlehensbetrages an die Hinterbliebenen ausgezahlt. Die Jahresprämie beträgt durchschnittlich 20.000 Rupien (2,40 US$). Minimumprämien liegen bei umgerechnet 0,66 US$ pro Jahr (ebd.).
5
1.5 Forschungsstand im Bereich der Mikroversicherungen
Etwa seit der Erklärung der MDGs im Jahre 2000 wird die Diskussion um die Mikroversicherungen intensiviert. Experten aus verschiedenen Bereichen tauschen Erfahrungen und Erkenntnisse aus. Die Diskussionen werden nicht nur von Fachleuten aus dem Versicherungswesen und der Wissenschaft geführt. Es werden auch Erkenntnisse von NGOs und Hilfsorganisationen in den Entwicklungsprozess einbezogen. Die Literaturlage spiegelt den jungen Entwicklungsstand der Forschung wider. Im englischsprachigen Raum gibt es erste wenige Printpublikationen. Es werden zahlreiche Aufsätze zur Verfügung gestellt, wobei die meisten Informationen über das Internet zugänglich sind.
Hervorzuheben sind hierbei aus meiner Sicht die Arbeit des Micro Insurance Centers (MIC) und die des Micro Finance Gateway (MFG) mit einer speziellen Plattform zum Thema Mikroversicherungen. Beide Organisationen sind etwa seit dem Jahr 2000 aktiv. Die Consultative Group to Assist the Poor (GCAP) ist 1995 aus einer Initiative der Weltbank entstanden, arbeitet unabhängig und wurde ursprünglich gegründet, um das „micro-banking“ zu fördern. In Deutschland sind die MUNICRE Foundation, die ALLIANZ Versicherung und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Bereich der Mikroversicherungen stark engagiert. Das Interesse an der Thematik wächst sehr stark. Mittlerweile erscheinen nahezu monatlich neue Publikationen. Vieles sind Fallstudien und Erfahrungsberichte. Vor allem sind die teilnehmenden Institutionen daran interessiert, aus Fehlern zu lernen. Diese Veröffentlichungen sind eine wesentliche Basis der hier vorliegenden Arbeit.
1.6 Struktur der Arbeit
Zunächst werden im 2. Kapitel Begriffsbestimmungen vorgenommen. Der sozial- und politikwissenschaftlich geprägte Begriff Armut wird aus Sicht des Mikroversicherungswesens operationalisiert. Die spezifische Risikosituation der Armen wird am Anschluss untersucht. Es werden Möglichkeiten der Versicherbarkeit Armer analysiert und aktuelle Produktentwicklungen vorgestellt.
Im 3. Kapitel wird das Land Bangladesch hinsichtlich seiner Marktbedingungen für Mikroversicherungsprodukte analysiert. Hierzu werden Rahmeninformationen zusammen getragen und landesspezifische Besonderheiten untersucht. Im Anschluss wird im 4. Kapitel das System der GRAMEEN BANK vorgestellt. Im Focus stehen dabei Informationen, die für Versicherer bedeutsam sein können.
6
Im 5. Kapitel werden Schnittstellen von Mikrobank- und Mikroversichereraktivitäten analysiert. Es wird untersucht, welche Versicherungsprodukte in Mikrokrediten enthalten sind und welche Grenzen das Versicherungsangebot der GRAMEEN BANK hat. Es werden Nachteile von kreditgebundenen Versicherungen erarbeitet. Sodann wird ein Lebensversicherungsprodukt eines Versicherers aus Bangladesch diskutiert und dessen Erfahrungen aus der erfolgreichen Abwehr des Scheiterns eines Mikroversicherungsproduktes ausgewertet. Im Schlusskapitel 6 werden ausgewählte wesentliche Kriterien für Mikroversicherungsprodukte aus dem Studium des Systems der GRAMEEN BANK abgeleitet. Anhand eines der entwickelten Kriterien wird dessen BOP-Marktrelevanz am Beispiel von Abschlussprovisionen getestet und ein Vorschlag für die Organisation eines Vertriebssystems unterbreitet.
2 Begriffsbestimmungen
2.1 Armut und Messindikatoren
2.1.1 Der Ressourcenansatz
Weltweit leben mehr als eine Milliarde Menschen unter extremsten Armutsbedingungen. Armut selbst ist jedoch nur schwer quantifizierbar. Hunger, Leid, Krankheit, Angst etc. sind typische Ausprägungen von Armut, lassen sich aber nur bedingt monetär bewerten. Eine Möglichkeit Armut zu beziffern ist der Vergleich des Einkommens im Weltmaßstab, über welches arme Haushalte verfügen. Dieser „Ressourcenansatz“ geht auf Überlegungen der Weltbank zurück. Hiernach gilt als „absolut“ bzw. „extrem“ arm, wer weniger als einen US$ Einkommen 2 am Tag zur Verfügung hat (BMZ 2007).
Das International Labour Office (ILO) veröffentlicht hierzu regelmäßig Zahlen. Zum Vergleich werden auch Daten mit einer zwei-US$-Grenze bereitgestellt. Im Jahr 2005 verfügten weltweit etwa 520 Mio. Menschen über weniger als einen US$ bzw. 1,4 Mrd. über weniger als zwei US$ Tageseinkommen (ILO 2006). 3
2 Die Armutsgrenze ist ein willkürlich gesetzter, aber allgemein anerkannter Konsenswert. Ein US$ wird zu den
„... 1985 geltenden internationalen Preisen und der jeweiligen Landeswährung unter Verwendung von Kauf-
kraftparitäten (KKP) ..“ (Weltbank 2007, S. 362) angegeben. Seit 1993 werden zur Berechnung des Human
Development Index die von der Weltbank ermittelten, am Konsum orientierten KKP-Schätzungen verwendet.
Durch den Wechsel (bis dahin wurden die sog. „Penn World Tables“ verwendet) hat ein US$ zu KKP-Preisen
von 1985 einen Wert von 1,08 US$ (ebd.).
3 Die Zahlen der ILO weichen deutlich von den Daten PRAHALADs ab. PRAHALAD zieht für seine ökonomische
Pyramide jedoch eigene frühere Untersuchungen heran (PRAHALAD 2006, S. 22). Zu vermuten ist, dass er auch
Menschen berücksichtigt, die von offiziellen Statistiken nicht erfasst werden.
7
Auffällig ist, dass der Anteil der Menschen, die mit weniger als einem US$ täglich leben müssen, im subsaharischen Afrika (56,3 Prozent) und in Süd-Asien (35,8 Prozent) besonders hoch ist. Der Anteil derer, die mit weniger als zwei US$ am Tag auskommen müssen, liegt weltweit bei knapp 50 Prozent, wobei auch hier Länder in Afrika und Asien besonders betroffen sind. In Südasien liegt der Anteil bei 87,3 und im subsaharischen Afrika bei 87,0 Prozent (ebd.).
Die nachfolgende Abbildung 1 fasst den Umfang der Armut (Zahl der Menschen je Region unterhalb der Ein- bzw. Zwei-US$-Grenze) sowie deren Anteil an der Bevölkerung je Region (prozentuale Angaben) in Entwicklungsregionen zusammen. Erkennbar ist ein leichter Abwärtstrend der von Armut betroffenen Bevölkerungsanteile.
2.1.2 Der Lebenslagenansatz
Weiter gefasst werden kann der Begriff Armut nach dem „Lebenslagenansatz“. Nach diesem werden umfassendere Kriterien berücksichtigt, wie etwa „... Bildungschancen, Lebensstandard, Selbstbestimmung, Rechtssicherheit, Einfluss auf politische Entscheidungen und vieles mehr.“ (BMZ 2007)
Die Weltbank informiert jährlich im Weltentwicklungsbericht (Human Development Report (HDR)) über den Stand des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme (UNDP)). In diesen Berichten werden umfangreiche Daten und Berichte zum weltweiten Stand der Armut zur Verfügung gestellt.
8
Eine Maßzahl zur Beurteilung der Lebenslage in der Welt ist der Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index (HDI)). Dieser wird auf einer Skala von {0 ≤ HDI ≤ 1} abgebildet. Der Index berücksichtigt neben dem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen in US$ (KKP) auch die Lebenserwartung und den Bildungsstand der Gesellschaft.
Im Jahr 2004 wurde für 177 Länder ein HDI ermittelt. Bei einem HDI ≥ 0,800 liegt ein hohes Entwicklungsniveau vor. Im Intervall {0,800 > HDI ≥ 0,500} wird von einem mittleren „human development“ einer Gesellschaft und bei einem HDI < 0,500 von einem geringen Ent-wicklungsstand gesprochen. Deutschland erreichte einen Wert von HDI = 0,932 (Platz 21) und bspw. die USA einen Wert von HDI = 0,948 (Platz 8). Auffällig ist, dass die Länder des subsaharischen Afrika im Mittel einen Wert von nur HDI = 0,472 und die am wenigsten entwickelten Länder einen HDI = 0,464 erreichen. Das Schlusslicht Niger (Platz 177) erreicht einen Wert von nur noch HDI = 0,311 (UNDP 2006, S. 283-284).
Die Abbildung 2 zeigt die 25 Länder mit dem höchsten HDI (linke Seite). Im Vergleich dazu (rechte Seite) sind Mittelwerte verschiedener Regionen (Entwicklungsländer, Mittel- und Osteuropa einschl. CIS-Länder [Ukraine, Weißrussland]) und des OECD-Raumes abgebildet.
9
Zusätzlich sind Mittelwerte innerhalb der Niveaus („levels“) des Entwicklungsstandes („high, medium, low human development“) bzw. innerhalb verschiedener Einkommensniveaus angegeben.
Nachteilig an diesem Index ist, dass hier Durchschnittswerte innerhalb einer Region abgebildet werden. Der Index ist stark abhängig von den aus den UN-Ländern zur Verfügung gestellten Daten. In Entwicklungsländern werden Erhebungen nicht regelmäßig vorgenommen und teilweise geschätzt. Daher werden für die Veröffentlichung der Indizes die jeweils zuletzt bekannten Daten verwendet. Zudem sind Daten dieser Länder aufgrund praktischer Probleme während der Datenerhebungen (Zuverlässigkeit, Erhebungsmethoden) vorsichtig zu interpretieren. Die HDI-Variable „Einkommen“ ist nicht für alle Länder tatsächlich das Einkommen. Teilweise wird sie aus Gründen des zur Verfügung stehenden Datenmaterials mit Daten zum Verbrauch der Haushalte gleich gesetzt (Weltbank 2001, S. 373).
Ein weiterer Index zur Beurteilung der Lebenslage in armen Ländern ist der „Human Poverty Index“ (HPI-1). Dieser berücksichtigt Daten, wie die Wahrscheinlichkeit, nicht älter als 40 Lebensjahre zu werden, die Analphabetenrate, die Trinkwasserverfügbarkeit oder die Unterernährung von Kindern (UNDP 2006, S. 292). Die Abbildung 3 zeigt einen Ausschnitt dieser Datentabelle für die Beispielländer Indonesien, Bangladesch und Indien.
Zum Vergleich sind in den rechten Spalten die ein- und zwei-US$-Grenzen sowie die nationalen Armutsgrenzen abgebildet. Die „national poverty line“ (NPL) gibt den prozentualen Anteil der Bevölkerung an, die unterhalb einer - durch den betreffenden Staat festgelegten -Armutsgrenze lebt. Sie soll landesspezifische Besonderheiten berücksichtigen, ist jedoch eine subjektive Grenze (UNDP 2006, S. 407). Bemerkenswert ist, dass die NPL in Indonesien und Bangladesch zwischen der Ein- und Zwei-US$-Grenze, in Indien sogar unterhalb beider Grenzen liegt. Individuen, die also aus Sicht der Weltbank als extrem arm gelten, sind dies nach nationalen Auffassungen nicht.
10
Arbeit zitieren:
Marco Winter, 2007, Mikrofinanzwesen und Mikroversicherungen, München, GRIN Verlag GmbH
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