1 Einleitung
Die Vermittlung von Fremdsprachen mit Hilfe eines Lehrbuches ist an Regelschulen Gang und Gäbe. Anders die Reformschulen und auch die Erwachsenenbildung. Hier gibt es den nur teilweisen Einsatz von Lehrbüchern als Vokabelliste und Grammatik-Nachschlagwerk oder auch den völligen Verzicht auf das Lehrwerk aus verschiedenen Gründen. Ist die Frage des Lehrbuchs eine Entscheidungsfrage, die als Antwort nur völlige Zustimmung oder strikte Ablehnung zulässt? Dieser Frage und einer möglichen Antwort soll in dieser Seminararbeit auf den Grund gegangen werden. Es sollen Vorschläge unterbreitet werden, wie im Fremdsprachenunterricht auch ohne Lehrwerk gearbeitet werden kann, ohne jedoch das Anwenden des Lehrwerks völlig abzulehnen.
Einleitend werden hierfür einige Überlegungen bezüglich der zeitlichen Einordnung von Lehrbuchkritik angestellt. Anschließend wird auf den heutigen Einsatz von Lehrwerken im Fremdsprachenunterricht eingegangen. Dies soll sowohl aus der Perspektive des Lehrers, als auch aus der des Lerners geschehen. Der anschließende Punkt wendet sich der Lehrbuchkritik unter drei ausgewählten Gesichtspunkten zu.
Im zweiten Teil werden einige Alternativen zum Lehrbuch im Fremdsprachenunterricht hinsichtlich ihrer Umsetzung und der vorher aufgeführten Kritik vorgestellt werden. Abschließend dann ein Ausblick und ein Vorschlag zur Beantwortung der Frage, wie ein Lehrwerk im Fremdsprachenunterricht einzusetzen ist.
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Teil I - Lehrwerke und Kritik
2 Ein kurzer Rückblick
Die Kritik am Einsatz von Lehrwerken im Fremdsprachenunterricht setzte verstärkt zum Ende der 90er Jahre des 20.Jahrhunderts ein. Diese Erscheinung ist im Kontext der Entwicklung des Fremdsprachenunterrichts ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sehen. Wie Gudrun Bogdanski schreibt, stand bis zu Beginn der 90er Jahre der Fremdsprachenlehrer als Steuerer des Lernprozesses im Mittelpunkt des Fremdsprachenunterrichts. Mit dem Aufkommen des kommunikativen Ansatzes rückten nach und nach die Lerner, ihre Lernprozesse und auch ihre Lernprogression in das Zentrum des Interesses. 1 Es wurde verstärkt Wert darauf gelegt, die Lebenswelt der Lerner in den Fremdsprachenunterricht mit einzubeziehen. Hier wurde sich stark an den reformpädagogischen Ansätzen orientiert. Wie im Punkt 4.2 noch zu sehen sein wird, wurden viele Ideen zur Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts von Célestine Freinet übernommen. Die Lehrbücher, welche damals noch in den Schulen benutzt wurden, wurden seiner Meinung nach dem Anspruch der Kontextualisierung der Lerninhalte in die Lebenswelt der Lerner nicht mehr gerecht und er versuchte, die Lerner stärker in ihren Lernprozess einzubeziehen..
Die übliche Lehrbuchkritik der späten 90er Jahre ist heute kaum noch haltbar. Wie sich die Methodik des Fremdsprachenunterrichts verändert hat, entwickelten sich auch die Lehrbücher weiter. 2 Von Realitätsferne, unechter Drillkommunikation und Pauken sprachlicher Wissenseinheiten 3 kann kaum noch die Rede sein. Trotzdem steht ein Kritikpunkt an der strengen Lehrbucharbeit nach wie vor im Mittelpunkt der Diskussion: der natürliche Abnutzungsprozess 4 bei Lehrern und Lernern. Um diesem Entgegenzuwirken ist es nötig, neben den Lehrwerken auch Alternativen zu bieten. Ob es jedoch angebracht wäre, grundsätzlich auf ein
1 Vgl.: Bogdanski, Gudrun: „Fremdsprachen mit Lehrwerken“, in: Erziehungskunst. Monatszeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners 61 (1997) 4, S.374-379, S.374 f.
2 Andreas Nieweiler stellt die These auf, dass Lehrwerke sogar katalysierend bei der Umsetzung neuer didaktischer Erkenntnisse wirken und eine erzieherische Funktion für Erzieherinnen und Erzieher haben. Seiner Meinung nach etablieren sich methodische Veränderungen schneller und effektiver im Fremdsprachenunterricht durch den Einsatz von Lehrwerken, vgl.: Nieweiler, Andreas: „Sprachenlernen mit dem Lehrwerk - Thesen zur Lehrbucharbeit im Fremdsprachenunterricht“, in: Renate Fery/ Volker Raddatz (Hrsg.): Lehrwerke und ihre Alternativen. Band 3 Kolloquium Fremdsprachenunterricht, Berlin 2000, S. 3. Im Folgenden: Nieweiler: „Sprachenlernen mit dem Lehrwerk“.
3 Vgl.: Müller, Bernd-Dietrich: „Fremdsprachenunterricht - Gedanken zu pädagogischen Alternativen“, aus: Müller, Bernd-Dietrich (Hg.): Anders lernen im Fremdsprachenunterricht, Berlin u.a. 1989, S.5-10, S.5. Im Folgenden: Müller, Anders lernen im Fremdsprachenunterricht.
4 Vgl.: Leitzgen, Günter: „Weg vom Lehrbuch! Ein Zwischenruf und drei Vorschläge“, in: französisch heute 3 (1996) S.190-198, S.190. Im Folgenden: Leitzgen: „Weg vom Lehrbuch!“.
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Lehrwerk im Fremdsprachenunterricht zu verzichten, wird sich auf den folgenden Seiten herausstellen.
3 Lehrwerke im Fremdsprachenunterricht
Lehrwerke - zu denen Lehrbücher, Arbeitshefte, Grammatiken, Audiomaterial und mittlerweile auch Lernsoftware gehören - bieten im Fremdsprachenunterricht viele Möglichkeiten, können aber auch bei falschem Gebrauch ein großes Hindernis darstellen. Wie bereits oben erwähnt ist der Fremdsprachenunterricht kommunikativ orientiert, mittlerweile sind es auch die Lehrwerke. Es geht im Fremdsprachenunterricht in erster Linie um die Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten. Berücksichtigt werden sollen dabei die vier Fertigkeiten 5 . Durch Übungen und Texte sollen Lerner nicht nur sprachliche Erscheinungen festigen, sie sollen auch durch Gruppen- oder Partnerarbeit zum tatsächlichen Sprachgebrauch angeregt werden. 6
3.1 Bedeutung für den Fremdsprachenlehrer
Die Bedeutung des Lehrwerks für den Fremdsprachenlehrer ist sehr groß. Lehrer, die sich sehr streng an die Vorgaben in Lehrwerken halten und dieses kleinlich abarbeiten, sehen in dem Lehrwerk oft die einzige Stütze für ihren Fremdsprachenunterricht. Es bietet ihnen Ordnung und die Garantie für einen logisch aufgebauten Lernfortschritt. Da die Lehrwerke meist von Fachleuten ausgearbeitet werden, können sie vor allem Referendaren und Berufseinsteigern die Sicherheit geben, nichts falsch zu machen. Diese Sicherheit spielt nicht nur für den Lehrer eine große Rolle, auch Außenstehende, wie zum Beispiel die Erziehungsberechtigten, können anhand des Lehrwerkes verfolgen, ob der Lehrer einen lehrplankonformen Unterricht durchführt. 7
5 Die vier Fertigkeiten- Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben - werden seit dem kommunikativen Ansatz im Fremdsprachenunterricht gleichrangig berücksichtigt. Zuvor lag der Hauptakzent im Fremdsprachenunterricht bei der Herausbildung formalsprachlicher Kenntnisse, die Lese- und Schreibfähigkeit überwog gegenüber der Hör- und Sprechfähigkeit. Vgl: Damblemont, Armelle: Auswahl und Aufbereitung lehrwerksungebundener Unterrichtsmaterialien für Erwachsene, Mainz 1989, S.9. Im Folgenden: Damblemont: Auswahl und Aufbereitung lehrwerksungebundener Unterrichtsmaterialien.
6 Vgl.: Damblemont: Auswahl und Aufbereitung lehrwerksungebundener Unterrichtsmaterialien, S.10.
7 Vgl.: Lutzker, Peter: „Fremdsprachen ohne Lehrbuch“, in: Erziehungskunst. Monatszeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners 61 (1997) 4, S.361-373, S. 371. Im Folgenden: Lutzker: „Fremdsprachen ohne Lehrbuch“ ; Kiersch, Johannes: „Nun also doch Lehrbücher im Fremdsprachenunterricht?“, in: Erziehungskunst. Monatszeit-
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Für den Lehrer selbst stellt das Lehrwerk auch eine erheblich Entlastung bei der Unterrichts-vorbereitung dar. Die aufwändige Materialsuche nach geeigneten Texten oder Übungen kann gerade verunsicherten Berufseinsteigern erspart bleiben. 8
3.2 Bedeutung für den Fremdsprachenlerner
Unter der Voraussetzung, dass das dem Lerner angebotene Lehrwerk für diesen auch nachvollziehbar ist 9 , kann das Lehrwerk für den Lerner eine große Hilfe sein. Ein Lehrwerk ist für viele Lerner ein Orientierungspunkt und eine wichtige Strukturhilfe. 10 Andreas Nieweiler schreibt: „Dem Lehrwerk liegt eine durchdachte didaktische Progression zugrunde, die den Lernbedürfnissen der Lerner/innen entgegenkommt. Es dient als Strukturierungshilfe beim Sprachenlernen. 11 “ Durch oftmals lernernahe Erklärungen von Lern- und Arbeitstechniken, aber auch von sprachlichen Erscheinungsformen, hat der Lerner die Möglichkeit, den Unterricht zu Hause selbstständig nachzuarbeiten. 12 Bei Prüfungsvorbereitungen gerade in den höheren Jahrgängen spielt das Lehrwerk eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die systematische Aufarbeitung grammatischer Erscheinungsformen und des Vokabulars ermöglichen es dem Lerner, einen genauen Überblick über das bereits Gelernte zu erhalten sowie dies zu wiederholen und gegebenenfalls zu vertiefen. Das Lehrbuch kann ebenfalls eine wichtige Stützfunktion bei Schul- oder Lehrerwechsel haben, da es in solch einem Fall für beide Seiten als Orientierungshilfe dienen kann. 13
Andreas Nieweiler bringt an, dass gute, motivierende und ansprechende Texte Lehrwerke auch zu Lesewerken werden lassen können, hier in erster Linie das Lehrbuch. 14 Entsprechen die Themen und Texte der Lehrwerke den Interessen der jugendlichen Lerner, können sie zu Diskussionen anregen und neue Interessen wecken. Weiterhin merkt er an, dass die so oft
schrift zur Pädagogik Rudolf Steiners 61 (1997) 4, S.353-360, S. 354 f.. Im Folgenden: Kiersch: „Nun also doch Lehrbücher?“.
8 Vgl.: Kiersch: „Nun also doch Lehrbücher?“, S.355.
9 Die Nachvollziehbarkeit der Lerninhalte eines Lehrwerkes macht Bleyhl an der Übereinstimmung dieser mit den bisherigen Lebenserfahrungen und der momentanen Situation des Lerners fest. Die persönliche Lebenslage des Lerners sollte angesprochen werden, um eine persönliche Anteilnahme und dadurch eine persönliche Bereicherung, welche ein wichtiges Moment in Bezug auf die Motivierung ist, zu erreichen. Vgl. Bleyhl, Werner: „Variationen über das Thema: Fremdsprachenmethoden“, in: Praxis des neusprachlichen Unterrichts, 29 (1982) 1, S.3-14, S. 3, 13.
10 Vgl.: Nieweiler: „Sprachenlernen mit dem Lehrwerk“, S. 7.
11 ebd., S.4.
12 Vgl.: ebd., S. 354.
13 Vgl.: ebd., S.354.
14 Vgl.: Nieweiler: „Sprachenlernen mit dem Lehrwerk“, S.2.
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kritisierte Künstlichkeit eines Lehrbuches von den Lernern durchaus akzeptiert wird, da sie es von Beginn der Schulzeit an gewohnt sind, mit diesen zu arbeiten und sich auf sie einzustellen:
Das Lehrwerk ist und bleibt pädagogische Veranstaltung, methodische-didaktische Inszenierung, die als solche von den Lerner/innen akzeptiert wird. Nur der Grad der Künstlichkeit der Lernarrangements entscheidet letztlich über Zustimmung bzw. Ablehnung aus Lernersicht. 15
4 Kritik an Lehrwerken
In diesem Kapitel sollen nun die gängigsten Kritikpunkte an Lehrwerken im Fremdsprachenunterricht angesprochen werden. Einige wurden als nützliche Punkte schon in den vorhergehenden Punkten angesprochen, sollen hier jedoch nochmals aufgegriffen werden. Dabei geht es nicht um richtige oder falsche Argumente, sondern viel mehr um die Gegenüberstellung derjenigen. Mit einer Wertung wird im Schlussteil fortgesetzt.
4.1 Natürliche Progression vs. logische Progression
Ein wichtiger Punkt aller Kritiken gegenüber dem Einsatz von Lehrwerken im Fremdsprachenunterricht ist die natürliche Progression des Lerners, welche laut den Kritikern nicht mit der des Lehrwerks übereinstimmen könne. Liegenhausen schreibt dazu:
Die empirischen Befunde deuten darauf hin, daß den Lernvariablen nur ein ganz bescheidener Anteil am Lernerfolg zukommt bzw. daß man von einer eingeschränkten Lehrbarkeit von Sprache auszugehen hat. Auch unter Unterrichtsbedingungen läuft der Erwerb einer Fremdsprache im hohen Maße als naturwüchsiger Prozeß ab, und naturwüchsige Prozesse erweisen sich gemeinhin gegenüber manipulierten Eingriffen von außen als resistent. Mit anderen Worten, jeglicher Spracherwerb weist - ganz unabhängig von der jeweiligen Lernumgebung - ein hohes Maß an Eigengesetzlichkeit auf. 16
Die Lernerbedürfnisse, welche durch die natürliche Progression des Lerners bestimmt werden, blieben bei dem strengen Einsatz von Lehrwerken unberücksichtigt, im Vordergrund stünden stattdessen die logische Progression des Lehrwerks. 17
Laut Johannes Kiersch sind Lehrwerke regelrecht lernerfeindlich. Er stützt sich auf Aussagen anderer Wissenschaftler, zum Beispiel die von Peter Lutzker. Dieser geht in seinem Buch
15 ebd., S.6.
16 Legenhausen, Lienhard: „Vokabelerwerb im autonomen Kontext. Ergebnisse aus dem deutsch-dänischen Forschungsprojet LAALE“, in: Die neueren Sprachen 95 (1994), S.467-483, S.468.
17 Vgl.: Leitzgen: „Weg vom Lehrbuch!“, S.191.
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Arbeit zitieren:
Annegret Jahn, 2009, Lehrwerksferner Fremdsprachenunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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