psycho-narration, der innere Monolog und der Bewusstseinsstrom gehören der stummen Rede an. Zur Verdeutlichung habe ich noch den Redebericht eingefügt, der ja, wenn man es nicht so eng sieht, auch, unter dem Oberbegriff des Erzählerberichtes, eine nicht-gesprochene Rede berichtet: meine Schüler haben das als hilfreich angesehen.
Bei der direkten Figurenrede handelt es sich immer um zeitdeckendes Erzählen, die erzählte Zeit ( Rededauer in der Realität) und die Erzählzeit ( Dauer der Redewiedergabe) sind identisch.
Dieses Zeitverhältnis findet sich idealiter natürlich nur in dramatischen Texten, es begegnet aber, stellenweise, auch in epischen.
Arno Holz ( 1863-1929) und Johannes Schlaf ( 1862-1941) schildern so in einem Gespräch zwischen den Studenten Olaf und Jens die letzten Minuten ihres bei einem Duell schwer verletzten Kommilitonen Martin:
* „Du!“ „Was denn?!“ „Er liegt so auffallend still?“ „Ja! … Und … Herrgott! Sieh mal!!! Seine Nase ist - so spitz? Und … die - Augen …“
Olaf hatte sich schnell über Martin gebückt. Um seinen Mund lag jetzt ein krampfiges Lächeln. Die Arme lagen lang über das zerwühlte Bett hin. Das scharfe spitzige Gesicht, auf welches jetzt schräg die Sonne fiel, war wachsbleich. „Man … man spürt - den Puls gar nicht - mehr …“ „Was??“ „Ach … Er …er ist jatot?!“ “W…??“ „Tot!!“ „Tot?? Du meinst … tot???“ Die Worte blieben Jens in der Kehle stecken. Er zitterte. „Tot?“ Es war, als ob er an dem Wort kaute. „Es … es … ich will … die Wirtin …“ „Lass!“
Olaf hatte sich tief über die Leiche gebeugt. Er drückte ihr die Augen zu…. Eine Minute war vergangen. Sie hatten nicht gewagt, sich anzusehen.“ ( 6) * „ Die Alte stand vor ihm, schwieg und sah ihn fragend an. Es war ein winziges, dürres Weib von sechzig Jahren mit stechenden, boshaften, kleinen Augen, mit einer kleinen, spitzen Nase und glatt gekämmtem Haar. Ihre hellblonden, erst wenig ergrauten Haare waren mit Öl fett geschmiert. Um ihren dünnen, langen Hals hatte sie irgend ein schmutziges Flanelltuch gewickelt; an ihren Schultern hing, trotz der furchtbaren Hitze, eine zerfetzte, fadenscheinige Kazawejka ( i.e. Pelzjacke) herunter. Die Alte hustete und räusperte sich alle Augenblicke. Der junge Mann musste sie wohl irgendwie sonderbar angesehen haben, denn in ihren kleinen Augen blitzte einen Augenblick das frühere Misstrauen auf.
„Ich bin der Student Raskolnikow und war vor einem Monat bei Ihnen“, beeilte sich der junge Mann zu erklären, indem er sich bemühte, freundlicher zu sein. „Ich weiß es, Väterchen, ich weiß es ganz gut, dass Sie da gewesen sind“, erwiderte die Alte, ohne jedoch ihren forschenden Blick von seinem Gesicht abzuwenden.
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„Ich bin … ja, ich bin, sehen Sie, heute wegen einer ähnlichen Angelegenheit wiedergekommen“, fuhr Raskolnikow fort, durch ihr Misstrauen ein wenig aus der Fassung gebracht und verwundert.“ ( 7)
Der Dialog spricht für eine personale Erzählweise, in seinem Verlauf einigen sich beide auf den Preis für „eine alte, abgenutzte Silberuhr“, und Raskolnikow prägt sich die Räumlichkeit für seinen geplanten Raubmord ein. „Die Alte streckte die Hand aus, um ihm die Uhr abzugeben. Er nahm sie und ärgerte sich so, dass er schon nach Hause gehen wollte; aber bald bedachte er sich anders. Wo sollte er die Uhr versetzen? Übrigens hatte er hier noch etwas anderes vor!“ ( 8)
Bei der indirekten Rede wird eine Figurenrede nicht mehr, wie bei der direkten, mit Anführungszeichen wörtlich ‚zitiert’, sondern der allwissende Erzähler referiert sie mit mehr oder weniger Anlehnung an den originalen Wortlaut. Dabei tritt die auswählende Funktion des Erzählers sehr stark hervor, neben der distanzierenden Wiedergabe im Konjunktiv kann er von ihm für wichtig gehaltene Redeteile ausführlich reproduzieren, andere kurz zusammenfassen oder ganz auslassen. D.h. die indirekte Rede kann im Gegensatz zur direkten mehr oder weniger stark gerafft werden.
Neben der Möglichkeit der Raffung hat der Erzähler mit indirekter Rede auch die der Gliederung, wie das Beispiel aus Manns „Doktor Faustus“ zeigt, wo Adrian Leverkühn, sein Freund Serenus Zeitblom und andere Hallenser Studenten „in einem Scheunengespräch vor Einschlafen“ über das Wesen des Staates diskutieren: * „Ich glaube, es war Matthäus Arzt, der sagte: „Das war echt, Leverkühn. Die Steigerung war gut. Erst sagst du „Sie“ zu uns, dann bringst du ein „ihr“ zustande, und ganz zuletzt kommt das „wir“, daran zerbrichst du dir fast die Zunge, das gewinnst du dir am allerschwersten ab, du hartgesottener Individualist.“ Den Namen wollte Adrian nicht annehmen. Das sei ganz falsch, sagte er, er sei gar kein Individualist, er bejahe durchaus die Gemeinschaft. „Theoretisch vielleicht“, erwiderte Arzt, „mit Ausschluss Adrian Leverkühns, von oben herab.“ Über die Jugend spreche er auch von oben herab, so als ob er nicht dazu gehöre, und sei unfähig, sich einzuschließen und einzufügen, denn was die Demut betreffe, von der wisse er wohl freilich nicht allzu viel. Es sei doch hier nicht die Rede von Demut gewesen, parierte Adrian, sondern im Gegenteil von selbstbewusstem Lebensgefühl. Und Deutschlin stellte den Antrag, dass man Leverkühn zu Ende reden lassen solle.
„Es war weiter nichts“, sagte dieser. „Man ging hier von dem Gedanken aus …“
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So geht es über zehn Seiten, bis Zeitblom, der Ich-Erzähler, schreiben kann: „Ich gebe die Reden dieser jungen Leute so wieder, wie sie gehalten wurden, in ihren Ausdrücken, die einem gelehrten Jargon angehörten, dessen Gespreiztheit ihnen nicht im mindesten zum Bewusstsein kam … man hätte es auch einfacher sagen können, aber dann wäre es nicht ihre geisteswissenschaftliche Sprache gewesen.“ Doch dann mischt sich der stämmige Konrad Deutschlin wieder ein, bis der Chargierte ( i.e. einer der drei Vorsitzenden einer studentischen Verbindung) Baworinski zum Schlafen mahnt, … „und dann ertönten die ersten Schnarchlaute in unserer Scheune, befriedete Kundgebungen der Anheimgabe ans Vegetative.“ ( 9) * Mit personalem Erzählverhalten in direkter Rede endet auch der Roman „Raskolnikow“: „Ich habe - „, begann Raskolnikow. „Trinken Sie Wasser!“ Raskolnikow wehrte mit der Hand ab: er mochte kein Wasser … Dann sprach er leise, langsam, aber deutlich:
„Ich habe die alte Beamtenwitwe und ihre Schwester Lisaweta mit dem Beil ermordet und beraubt. Ich bin ihr Mörder! …“
Ilja Petrowitsch sperrte den Mund auf. Von allen Seiten kam man herbeigelaufen. Raskolnikow wiederholte das Geständnis - - - - „ ( 10)
Der Epilog mit den Kapiteln 40 und 41 spielt in „Sibirien … am Ufer eines breiten Flusses“ in einer Stadt mit Festung. „In diesem„Gefängnis sitzt schon seit neun Monaten der zur Zwangsarbeit verschickte Verbrecher zweiter Klasse Rodjon Raskolnikow. …“ ( 10)
Es folgen Textbeispiele für die einzelnen Formen der s t u m m e n R e d e: a) erlebte Rede
Die erlebte Rede ist grammatisch vom Erzählerbericht nicht zu unterscheiden. Sie steht zwischen Erzählerbericht/ Erzählerrede und innerem Monolog. Die Darstellung des Geschehens erfolgt aus der Innensicht einer erzählten Figur. Jochen Vogt hat einige Hinweise gegeben, woran man erlebte Rede erkennen kann. Er zählt dazu deiktische ( i.e. hinweisende) Zeit- und Raumadverbien ( z.B. morgen, hier, nun u.a.), affektive/ argumentative Interjektionen ( z.B. gewiss, jedoch), emphatische Ausrufe ( z.B. ach!), subjektive Modalverben ( z.B. sie hatte den Baum zu putzen), explizite (i.e. ausführlich dargestellte, erklärte) Gedankenankündigung ( z.B. dachte sie) u.a. ( 13) Diese Gedankenankündigung k a n n stehen, muss aber nicht, wie aus dem Kafka-Beispiel ersichtlich. Die erlebte Rede als Wiedergabe der bestimmten Denkweise einer Person steht im Indikativ der dritten Person und meist im sog. epischen Präteritum, welches damit eine atemporale Funktion annimmt. * „Plötzlich … fiel ihm ein, er wolle seine Mutter besuchen. ( mit dem Konj. I endet die oratio obliqua, mit dem Tempus- und Moduswechsel ohne Inquit-Formel beginnt die erlebte Rede:) Nun war schon das Frühjahr fast zu Ende und damit das dritte Jahr, seitdem er sie nicht gesehen hatte. Sie hatte ihn damals gebeten, an seinem
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Geburtstag zu ihr zu kommen, er hatte auch trotz manchen Hindernissen dieser Bitte entsprochen und ihr sogar das Versprechen gegeben, jeden Geburtstag bei ihr zu verbringen, ein Versprechen, das er allerdings schon zweimal nicht gehalten hatte. Dafür wollte er aber jetzt nicht erst bis zu seinem Geburtstag warten, obwohl dieser schon in vierzehn Tagen war, sondern sofort fahren. Er sagte sich zwar …“ ( an dieser Stelle fährt Kafka nach dem verbum dicendi „sagte“ nicht mit der oratio obliqua fort, sonden mit einem Inhaltssatz: „dass kein besonderer Grund vorlag …“) ( 14)
Die an dem deiktischen temporalen Adverb ‚nun’ erkennbare erlebte Rede stammt aus einem der im Anhang von Franz Kafkas ( 1883-1924) Roman „Der Prozess“ wiedergegebenen unveröffentlichten Kapitel mit der Überschrift „Fahrt zur Mutter“. Der Roman selbst beginnt so: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet …“ * „In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er auf dem Rücken und blickte in 2 das Dunkel empor.
3 Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen zerrisse, 4 wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und eine unermesslich 5 tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte … „Ich werde leben!“ sagte Thomas 6 Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem 7 Schluchzen erzitterte. „Dies ist es, dass ich leben werde! Es wird leben … und 8 dass dieses Es nicht ich bin, das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, 9 den der Tod berichtigen wird. So ist es, so ist es! … Warum?“ Und bei dieser 10 Frage schlug die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er wusste 11 und verstand wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer in die Kissen 12 zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem bisschen Wahrheit, das 13 er soeben hatte erschauen dürfen.
14 Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu beten, dass es 15 noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit gefalteten Händen, 16 ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte schauen … 17 Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und 18 wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod war ein 19 Glück, so tief, dass es nur in begnadeten Augenblicken, wie diesem, ganz zu 20 ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglichen peinlichen Irrgang, 21 die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den widrigsten Banden 22 und Schranken - einen beklagenswerten Unglücksfall machte er wieder gut. ( …) 23 War nicht jeder Mensch ein Missgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in eine 24 peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis! Schranken und 25 Bande überall! Durch das Gitterfenster seiner Individualität starrt der Mensch 26 hoffnungslos auf die Ringmauern der äußeren Umstände, bis der Tod kommt und 27 ihn zur Heimkehr und Freiheit ruft …
28 … Ich trage den Kein, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen und 29 Betätigungen der Welt in mir … ( …)
30 Er weinte, presste das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und wie im 31 Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an
32 schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen.“ ( 15)
Dieser leicht gekürzte Textauszug aus dem fünften Kapitel des 10. Teiles der „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ von Thomas Mann ( 1875-1955) handelt von den Sorgen, die sich der Senator Thomas Buddenbrook um seine Ehe macht, weil
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Gerd Berner, 2009, Die erzählte Wirklichkeit - Hilfsmittel zur Interpretation erzählender Texte, München, GRIN Verlag GmbH
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