I
INHALTSVERZEICHNIS
Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VI
Abk ürzungsverzeichnis VII
Anhangverzeichnis IX
A UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND UND AUFBAU DER ARBEIT 1
B DIE FUNKTIONSFÄHIGKEITSANALYSE AUF BASIS DES KONZEPTS ZUR
KOORDINATIONSM ÄNGELDIAGNOSE (KMD-KONZEPT) 3
1. EINFÜHRUNG IN DAS KONZEPT ZUR
KOORDINATIONSM ÄNGELDIAGNOSE 3
1.1 Idee, theoretische Grundlage und Vorgehensweise 3
1.2 Die fünf Regelkreise der KMD-Funktionsfähigkeitsanalyse 7
1.2.1 Der Markträumungsprozess 8
1.2.2 Der Renditenormalisierungsprozess 8
1.2.3 Der Übermachterosionsprozess 9
1.2.4 Der Produktfortschrittsprozess 9
1.2.5 Der Verfahrensfortschrittprozess 10
1.2.5 Vermaschung der Regelkreise 11
2. INDUSTRIEÖKONOMISCH ORIENTIERTE BESCHREIBUNG DER
MARKTSTRUKTUR DER DEUTSCHEN CHEMISCHEN INDUSTRIE 12
2.1 Produktorientierte Marktbeschreibung 12
2.1.1 Das prototypische Produkt, seine Verwendung sowie enge und weite Substitutionsprodukte 12
2.1.2 Sachliche, räumliche und zeitliche Marktabgrenzung 18
2.1.3 Segmentierung des Marktes nach Verwendungszwecken und Vertragstypen 19
2.1.4 Segmentierung nach Vertriebsformen und Präsentationsarten 21
2.1.5 Entwicklungsphase des Marktes 23
II
2.2 Nachfrageorientierte Marktbeschreibung 26
2.2.1 Aktuelle Nachfrager: Zusammensetzung und Marktanteile 26
2.2.2 Volks- und weltwirtschaftliche Bedeutung großer Nachfrager; vertikale Verflechtungen 29
2.2.3 Hauptbestimmungsfaktoren der Nachfrage- und Konjunkturabhängigkeit 32
2.3 Anbieterorientierte Marktbeschreibung 36
2.3.1 Aktuelle Anbieter: Zusammensetzung, Marktanteile, Produktionstechnik und Kostenstruktur 36
2.3.2 Potenzielle Anbieter: Herkunftsbereiche und Eintrittshemmnisse 41
2.3.3 Potentielle Nachfrager: Angebotsumstellungsflexibilität der Anbieter 45
2.3.4 Vertikale Verflechtung der Anbieter 46
2.3.5 Bedeutung der Anbieter als Arbeitgeber, Nachfrager in- und ausländischer Vorprodukte sowie
Vorlieferanten und Exporteure 47
2.4 Institutionenorientierte Marktbeschreibung 50
2.4.1 Die Ordnung des Marktes: Rechtsvorschriften, Usancen, Organisation zur Kompetenzverteilung
sowie zur Strukturierung der Informationsflüsse und Anreize 50
2.4.2 Mit dem Markt verbundene Interessengruppen 53
2.4.3 Kapitalmarkteinflüsse 56
2.5 Marktstruktur und Funktionsweise: theoriebasierte zusammenfassende Beschreibung von Institutionen, Strukturen und Verhaltensweisen, die für die Funktionsfähigkeit der Marktprozesse von besonderer Bedeutung sind 62
3. FUNKTIONSWEISE DES MARKTES FÜR CHEMISCHE PRODUKTE -PRÜFUNG AUF KOORDINATIONSMÄNGEL, SCHWACHSTELLEN UND IRRITATIONSPHASEN 64
3.1 Analyse des Markträumungsprozesses 64
3.1.1 Ermittlung und Beurteilung von Indikatoren zur zeitreihenanalytischen Beschreibung und Bewertung
der Funktionsfähigkeit des Regelkreises der Markträumung 64
3.1.2 Beschreibung und Beurteilung der Prozessmusterentwicklung: optische Inspektion sowie statistische
Tests zur Prüfung der Richtungs- und Suffizienzbedingung; GRV-Ermittlung 67
3.1.3 Prüfung der Prozessmusterentwicklung auf industrieökonomische Plausibilität 73
3.1.4 Prüfung der Funktionsweise auf Niveaudefekte 76
3.1.5 Zusammenfassende Beurteilung des Markträumungsprozesses 78
III
3.2 Analyse des Renditenormalisierungsprozesses 79
3.2.1 Ermittlung und Beurteilung von Indikatoren zur zeitreihenanalytischen Beschreibung und Bewertung
der Funktionsfähigkeit des Regelkreises der Renditenormalisierung 79
3.2.2 Beschreibung und Entwicklung der Prozessmusterentwicklung: optische Inspektionen sowie
statistische Tests zur Prüfung der Richtungs- und der Suffizienzbedingung GRV-Ermittlung 81
3.2.3 Prüfung der Prozessmusterentwicklung auf industrieökonomische Plausibilität 85
3.2.4 Prüfung der Funktionsweise auf Niveaudefekte 87
3.2.5 Zusammenfassende Beurteilung des Renditenormalisierungsprozesses 88
3.3 Analyse des Übermachterosionsprozesses 89
3.1.1 Ermittlung und Beurteilung von Indikatoren zur zeitreihenanalytischen Beschreibung und Bewertung
der Funktionsfähigkeit des Regelkreises der Übermachterosion 89
3.3.2 Beschreibung und Beurteilung der Prozessmusterentwicklung: optische Inspektionen sowie
statistische Tests zur Prüfung der Richtungs- und der Suffizienzbedingung GRV-Ermittlung 91
3.3.3 Prüfung der Prozessmusterentwicklung auf industrieökonomische Plausibilität 95
3.3.4 Prüfung der Funktionsweise auf Niveaudefekte 98
3.3.5 Zusammenfassende Beurteilung des Übermachterosionsprozesses 99
3.4 Analyse des Produktfortschrittprozesses 100
3.4.1 Ermittlung und Beurteilung von Indikatoren zur zeitreihenanalytischen Beschreibung und Bewertung
der Funktionsfähigkeit des Regelkreises des Produktfortschritts 100
3.4.2 Beschreibung und Beurteilung der Prozessmusterentwicklung: optische Inspektionen sowie
statistische Tests zur Prüfung der Richtungs- und der Suffizienzbedingung IAV-Ermittlung 103
3.4.3 Prüfung des Prozessmusters auf industrieökonomische Plausibilität 107
3.4.4 Prüfung der Funktionsweise auf Niveaudefekte 111
3.4.5 Zusammenfassende Beurteilung des Produktfortschrittsprozesses 112
3.5 Analyse des Verfahrensfortschrittprozesses 113
3.5.1 Ermittlung und Beurteilung von Indikatoren zur zeitreihenanalytischen Beschreibung und Bewertung
der Funktionsfähigkeit des Regelkreises des Verfahrensfortschritts 113
3.5.2 Beschreibung und Beurteilung der Prozessmusterentwicklung: Optische Inspektionen sowie
statistische Tests zur Prüfung der Richtungs- und der Suffizienzbedingung IAV-Ermittlung 116
3.5.3 Prüfung der Prozessmusterentwicklung auf industrieökonomische Plausibilität 120
3.5.4 Prüfung der Funktionsweise auf Niveaudefekte 122
3.5.5 Zusammenfassende Beurteilung des Verfahrensfortschrittsprozesses 123
IV
4. INTERVENTIONSPRÜFUNG 124
4.1 Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der Funktionsfähigkeitsanalyse 124
4.2 Ökonomische Legitimation einer Maßnahmengestaltung 124
C ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE UND SCHLUSSBETRACHTUNG 125 Anhang 128
Literaturverzeichnis 157
V
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Vereinfachte Regelkreisdarstellung des Kernprozesses beim
Markträumungsprozess ......................................................................................... 7 Abb. 2: Produktionsstruktur der chemischen Industrie 2006 gemessen an
Produktionswerten .............................................................................................. 16 Abb. 3: Anteile an Vorprodukten / Investitions- und Konsumgütern 2005........................ 16 Abb. 4: Einteilung der Chemieindustrie nach Vertragstypen ............................................ 21 Abb. 5: Produktlebenszyklus von Liquid Cristal (LC) und Polyvinylchlorid (PVC) ......... 24 Abb. 6: Struktur der Aus- bzw. Einfuhr chemischer Erzeugnisse 2005............................. 28 Abb. 7: Anteile an der gesamten branchenexternen Verwendung von Chemiewaren ........ 31 Abb. 8: Abweichung des Kapazitätsauslastungsgrads der chemischen Industrie bzw. des Auslastungsgrads des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials von der betriebsüblichen Normalauslastung resp. von dessen Normalniveau.................... 33 Abb. 9: Verbrauch chemischer Produkte pro Kopf in ausgewählten Regionen 2006......... 35 Abb. 10: Weltweite Neustrukturierung der chemischen Industrie ..................................... 38 Abb. 11: Formen vertikaler Integration ............................................................................ 46 Abb. 12: Grafische Darstellung des Markträumungsprozesses in der deutschen
Chemieindustrie, 1978-2006.............................................................................. 68 Abb. 13: Grafische Darstellung des Renditenormalisierungsprozesses in der deutschen
chemischen Industrie......................................................................................... 82 Abb. 14: Indikatorverlauf des Übermachterosionsprozesses in der Chemieindustrie insgesamt auf Basis des Herfindahl-Hirschmann-Index ..................................... 93 Abb. 15: Indikatorverlauf des Übermachterosionsprozesses in ausgewählten Güterzweigen der Chemieindustrie auf Basis des Herfindahl-Hirschmann-Index ..................... 93 Abb. 16: Indikatorenvergleich für den Produktfortschrittsprozess in der deutschen
Chemieindustrie .............................................................................................. 104 Abb. 17: Produktfortschrittsprozess in der deutschen Chemieindustrie im Vergleich zur
Abb. 18: Verfahrensfortschrittsprozess in der deutschen Chemieindustrie im Vergleich zur japanischen Chemieindustrie, dargestellt anhand der Lohnquotendifferenzen .. 117
VI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Abgrenzung der deutschen Chemie-Industrien nach WZ 2008 14
Tabelle 2: Absatzstruktur von chemischen Erzeugnissen in Deutschland 2005 26
Tabelle 3: HHIs auf 3-Steller-Ebene im Jahre 2006 30
Tabelle 4: Die 10 größten Unternehmen der deutschen chemischen Industrie (nach Umsatz 2007) 37
Tabelle 5: Vorherrschende Produktionsprozesse der Hersteller chemischer Produkte nach Branchen 39
Tabelle 6: Darstellung der Arbeits- und Kapitalintensitäten der Eisenschaffenden Industrie und des Verarbeitenden Gewerbes insgesamt für Deutschland, 1980 und 1997 40 Tabelle 7: Mindestoptimale technische Betriebsgröße (MOTB) ausgewählter chemischer Grundstoffe 43
Tabelle 8: Mit großen Banken personell verflochtene Konzerne der chemischen Industrie 61 Tabelle 9: Grad der Regelungsverluste (GRV) im Markträumungsprozess der deutschen Chemieindustrie 72
Tabelle 10: Funktionale Reaktionen im Prozessmuster des Renditenormalisierungsprozesses 80
Tabelle 11: GRV im Renditenormalisierungsprozess der deutschen Chemieindustrie 84
Tabelle 12: Korrekturfaktoren zur Berechnung der Übermachtindikatoren 92
Tabelle 13: Index der Aufholverluste des Verfahrensfortschrittsprozesses 119
Tabelle 14: Gesamtergebnisdarstellung 127
VII
Abkürzungsverzeichnis
AbwAG = Abwasserabgabengesetz ADF = Augmented Dickey-Fuller AG = Aktiengesellschaft B2B = Business to Business BAVC = Bundesarbeitgeberverband Chemie BG = Berufsgenossenschaft BGBl = Bundesgesetzblatt BtMG = Betäubungsmittelgesetz Cefic = European Chemical Industry Council ChemG = Chemikaliengesetz CO 2 = Kohlenstoffdioxid DIW = Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung E-Commerce = Electronic Commerce EGV = Vertrag der europäischen Gemeinschaft EPA = Europäisches Patentamt F&E = Forschung und Entwicklung GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung GRV = Grad der Regelungsverluste GWB = Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung HHI = Herfindahl-Hirschmann-Index IAV = Index der Aufholverluste ICCA = International Council of Chemical Associations IG BCE = Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie IG BE = Industriegewerkschaft Bergbau und Energie IG CPK = Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik K = Kapazitätsauslastungsgrad KF = Korrekturfaktor KGaA = Kommanditgesellschaft auf Aktien KMD = Koordinationsmängeldiagnose KMU = Kleine und mittlere Unternehmen KWR = Kapazitätswachstumsrate LB = Lagerbestand
VIII
LC = Liquid Cristal LCD = Liquid Cristal Display LF = Lieferfrist M&A = Mergers and Acquisitions MOTB = Mindestoptimale technische Betriebsgröße NACE = Nomenclature générale des activés économiques dans les Communautés Europèens OECD = Organisation for Economic Co-operation and Development PBWV = Potentielles Bruttowertschöpfungsvolumen PVC = Polyvinylchlorid REACH = Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals Rev = Revision SE = Societas Europaea TEHG = Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz VCI = Verband der chemischen Industrie VGR = Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung WIPO = World Intellectual Property Organization WZ 2003 = Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2003 WZ 2008 = Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2008
IX
Anhangsverzeichnis
Anhang 1: Abweichung der Auslastung des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials
Anhang 2: Gesprächsprotokoll Experteninterview vom 14.11.2008 ............................... 130
Anhang M 1: Wertetabelle für die Analyse des Markträumungsprozesses.......................... 135 Anhang M 2: Wertetabelle für die GRV-Analyse des Markträumungsprozesses ................ 143
Anhang R 1: Wertetabelle für die Analyse des Renditenormalisierungsprozess 145
Anhang R 2: Wertetabelle für die GRV-Analyse des Renditenormalisierungsprozess 147
Anhang Ü 1: Wertetabelle für die Analyse des Übermachterosionsprozess 148
Anhang P 1: Wertetabelle für die Analyse des Produktfortschrittprozesses 149
Anhang V 1: Wertetabelle für die Analyse des Verfahrensfortschrittsprozesses ................. 153
1
A Untersuchungsgegenstand und Aufbau der Arbeit
In der vorliegenden Arbeit soll die dynamische Funktionsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie untersucht werden. Zur Beurteilung dieser wird auf das Koordinationsmängel-Diagnosekonzept (KMD-Konzept) zurückgegriffen, welches es ermöglicht reale Märkte mittels empirischer Daten zu bewerten. 1 Die Untersuchung des deutschen Chemiemarktes und Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit ist dabei aus mehreren Gründen von besonderem Interesse:
- Die deutsche Chemieindustrie ist eine der größten deutschen Industrien. Mit einem Umsatzanteil am Umsatz des Verarbeitenden Gewerbes von 10,3% ist sie hinter der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Elektrotechnischen Industrie die viertgrößte deutsche Branche. 2
- Zudem zählt die Chemieindustrie zu den innovativsten Industrie Deutschlands und ist Impulsgeber für viele andere Branchen. Die Funktionsfähigkeit des Chemiemarktes insbesondere hinsichtlich des technischen Fortschritts, färbt also unmittelbar auf die deutsche Wirtschaft ab.
- Durch die Wiedervereinigung hatte die chemische Industrie mit der Integration der Chemiestandorte der ehemaligen DDR eine große Aufgabe vor sich. - Die Globalisierung und weitere äußere Faktoren, wie der starke Rohölpreisanstieg, machten breite Umstrukturierungsmaßnahmen notwendig. Die Auswirkungen dieser Strukturkrise gilt es zu untersuchen.
Das KMD-Konzept setzt sich schwerpunktmäßig aus zwei Teilen zusammen. Es besteht zum einen aus dem positiven Modell der dynamischen Funktionsweise des Marktes, zum anderen aus einem normativen Konzept zur Bewertung der Ergebnisse, welche auf dem Chemiemarkt erzielt werden. Es ist somit möglich:
• Märkte auf versteckte Kartelle zu überprüfen,
• wirtschaftspolitische Maßnahmen zu bewerten, • die Wirkung von Deregulierung- und Privatisierung zu beurteilen, • industrieökonomische Thesen zu testen und • das betriebswirtschaftliche Controlling zu optimieren. 3
1 Für einen Überblick und den aktuellen Stand der Forschung vgl. Grossekettler (2006), (2008).
2 Vgl. Verband der chemischen Industrie (2007, S. 42-44).
3 Vgl. Grossekettler (2004, S. 25-36).
2
Funktionsfähigkeit auf einem Markt liegt im Rahmen des KMD-Konzeptes dann vor, wenn fünf Teilprozesse funktionsfähig sind. Die Aufgaben der einzelnen Teilprozesse und die methodischen Grundlagen des Konzepts werden ausführlich in Kapitel 1 erläutert. Kapitel 2 hat die ausführliche Beschreibung der Marktstruktur der deutschen Chemieindustrie zum Inhalt. Diese Überlegungen werden angestellt, um Funktionseinschränkungen innerhalb der Prozesse interpretieren und erklären zu können. In Kapitel 3 werden dann die empirische Testmöglichkeit dargestellt und geeignete Indikatoren festgelegt. Die Prozessmusterverläufe werden dargestellt und beurteilt. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandorts Deutschland kritisch beantwortet.
3
B Die Funktionsfähigkeit auf Basis des Konzepts zur Koordinationsmängeldiagnose
1. Einführung in das Konzept zur Koordinationsmängeldiagnose
1.1 Idee, theoretische Grundlage und Vorgehensweise
Das Koordinationsmängeldiagnose (KMD)-Konzept als wettbewerbspolitische Konzeption, wurde aufgrund der bestehenden Schwachstellen existierender, insbesondere komparativstatischer Modelle, entwickelt. Der Ansatzpunkt war dabei, dass komparativ-statische Modelle sich nicht unmittelbar anwenden und empirisch testen lassen. Dafür verantwortlich sind zwei Probleme:
Die in der komparativ-statischen Analyse verwendeten Nachfrage- und Angebotskurven lassen sich nur unter fragwürdigen Zusatzannahmen identifizieren. Beobachtete Preis-Mengen-Kombinationen könnten nicht auf, sondern zwischen Nachfrage- und Angebotskurve liegen (Ungleichgewichtspunkte) und bei neuen Beobachtungspunkten ist es unklar, welche Veränderungen zu diesen geführt haben (Operationalisierungs- und Identifikationsproblem). Des Weiteren werden, um Dynamik abzubilden, bei komparativ-statischen Untersuchungen sehr schnelle Prozesse unterstellt die zu stabilen Gleichgewichten führen. Die fehlende empirische Überprüfung der Annahme der dynamischen Stabilitätsvoraussetzung führt zum Problem der Prozessdynamik. 4
Beim KMD-Konzept wird nun davon ausgegangen, dass auf Märkten in der Regel Ungleichgewichte auftreten. Aufgrund von Selbstregulierungsprozessen nähert sich der Markt allerdings immer wieder einem Gleichgewichtszustand an. 5 Von folgenden grundlegenden Hypothesen wird dabei ausgegangen:
• Gemäß der Legitimationshypothese erfüllen Marktprozesse in Volkswirtschaften die Aufgaben, welche in einer Zentralverwaltungswirtschaft ein gemeinwohlorientierter Diktator inne hätte, und
• die Stabilitätsvermutung, nach der diese Aufgaben im Normalfall erfüllt werden. 6
Die zuvor erwähnten Aufgaben gliedert Grossekettler (2004, S. 7) in fünf Prozesse die dafür sorgen sollen, das folgende systematischen Tendenzen erfüllt sind:
4 Vgl. Grossekettler (2008, S. 4).
5 Vgl. Kubani (2006, S. 7).
6 Vgl. Grossekettler (2004, S. 6 f.).
4
• Die Markträumungsfunktion, welche dafür sorgt, dass es tendenziell zum Ausgleich von Angebots- und Nachfragemengen kommt und die Verschwendung von Produkti-onsfaktoren, z.B. durch Wartezeiten oder kostspielige Suchaktivitäten, verhindert wird,
• die Renditenormalisierungsfunktion bei der Über- und Unterrenditen und damit einhergehende Überkapazitäten und Kapazitätsengpässe tendenziell abgebaut werden. Dies sorgt für eine optimale Faktorallokation indem Sach- und Humankapital zum Ort der höchsten Ergiebigkeit gelenkt wird, dort die Renditen und Kapazitäten normalisiert werden und somit eine leistungsgerechte Einkommensverteilung erreicht wird, • eine Tendenz zum Abbau von Übermachtpositionen von Nachfragern und Anbietern wird mittels der Übermachterosionsfunktion erreicht. Niemand soll über die Fähigkeit verfügen auf dem Markt, aber auch vor- oder nachgelagerten Märkten, Monopol-oder politische Verteilungskampfrenten zu erlangen.
• Bei der Produktfortschrittsfunktion sollen eventuelle Rückstände gegenüber einem Referenzmarkt mit Produkt- und Qualitätsführern aufgeholt werden, so dass inländische Wettbewerber konkurrenzfähig bleiben und die Nachfrager mehrere Wahlmöglichkeiten haben,
• und abschließend der Verfahrensfortschrittprozess, bei dem Verfahrensfortschrittsrückstände gegenüber einem Markt mit weltweit anerkannten Kostenführern abgebaut werden sollen, um somit die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Anbieter zu erhalten und den Nachfragern ein möglichst günstiges Preis-Leistungsverhältnis zu gewährleisten.
Wiederum wird, im Gegensatz zur komparativ-statistischen Analyse, innerhalb dieser Prozesse nicht mehr zwischen Stabilität und Instabilität unterschieden, sondern von einer unterschiedlich großen kybernetischen Stabilität ausgegangen, welche die Funktionsfähigkeit von Regelkreisen beschreibt. 7
Die Funktionsweise eines Regelkreises kann dabei gut mit dem Beispiel einer Klimaanlage illustriert werden. Dabei soll eine Regelgröße (die Raumtemperatur) für eine Regelstrecke (den zu klimatisierenden Raum) im Zeitablauf möglichst nah an einem Normwert (z.B. 22 Grad Celsius) liegen. Ist dies nicht der Fall sorgt eine Stellgröße (hier ein Thermostat, welches mit einem Kühl- und Heizaggregat gekoppelt ist) für die Korrektur der Abweichung.
7 Vgl. zur kybernetischen Stabilität Grossekettler (2006, S. 8 f.)
5
Übertragen auf den Markträumungsprozess würde die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage der Regelgröße entsprechen, die um den Normwert Null schwanken sollte und die Stellgröße dem Preis. 8
Um die erfassten Regel- und Stellgrößen für die unterschiedlichen Prozesse nun auch empirisch überprüfen zu können, ist es nötig hierfür geeignete Indikatoren zu finden. Dabei wird zwischen Ideal-, Standard- und Hilfsindikatoren unterschieden. Erstere gelten ex definitione als valide, da sie per Konvention genau das messen, was sie messen sollen. 9 Für die Märkte des verarbeitenden Gewerbes sind (Quasi-)Idealindikatoren bereits ermittelt worden. 10 Quasi-Idealindikator deshalb, weil für einen Idealindikator ein Konsens z.B. unter Experten herbeigeführt werden müsste, von dem allerdings bei den vorliegenden Indikatoren auszugehen ist. Standardindikatoren umfassen neben den Idealindikatoren auch Messgrößen, die mit den Ide-alindikatoren hoch korreliert sind. Hilfsindikatoren sind weniger stark mit den Idealindikatoren korreliert und weisen nur einen geringen Validitätsgrad auf. 11
Der erste Teil der Funktionsfähigkeitsuntersuchung mittels des KMD-Konzeptes beginnt mit einer ausführlichen Marktbeschreibung aus anbieter-, nachfrager-, produkt- und institutione-norientierter Sicht um so die Eigenarten des zu untersuchenden Marktes zu erfassen. Daran anschließend wird untersucht, ob die Idealindikatoren für den Markt zur Verfügung stehen oder alternativ Hilfsindikatoren verwendet werden müssen. Es folgt eine Gegenüberstellung von Stell- und Regelgröße, um die Funktionsfähigkeit der einzelnen Prozesse zu untersuchen.
Mittels eines Zeit-Diagramms werden die Datenreihen einer optischen Inspektion zugänglich gemacht. Hierbei wird untersucht, ob das Zusammenspiel zwischen Regel- und Stellgröße funktioniert und sich die Regelgröße immer wieder dem Normwert annähert (beim Markträumungsprozess z.B. der Wert 0). Nachfolgend sorgen statistische Tests dafür, dass die Ergebnisse der optischen Inspektion nicht durch Maßstabseffekte verfälscht worden sind. 12 Dabei werden Abweichungs-, Trend- und Reaktionstests durchgeführt. 13
Daran anschließend werden Plausibilitätsüberlegungen angestellt, ob es sich bei den inspizierten Störungen um Stabilitäts- oder Niveaudefekte handelt. Von einem Stabilitätsdefekt ist zu
8 Vgl. Grossekettler (2006, S. 5).
9 Vgl. Grossekettler (2004, S. 18).
10 Vgl. hierzu die Arbeiten von Munsberg (1994), Nagel (1998), Schengber (1996) und Sebbel-Leschke (1996).
11 Vgl. Grossekettler (2004, S. 19).
12 Vgl. Kubani (2006, S. 11).
13 Vgl. zu den statistischen Testmöglichkeiten Blankenburg/Reher (2008).
6
sprechen, wenn Gleichgewichtsstörungen, wie sie alltäglich im Wirtschaftsleben auftreten nicht wieder ausreguliert werden können. Wenn sowohl das Prozessmuster also auch die theoretischen Überlegungen eine Funktionsunfähigkeit nahe legen wird von einem Koordinationsmangel gesprochen. 14
Davon zu unterscheiden sind Koordinationsmängel in Form von Niveaudefekten hervorgerufen durch Marktversagen (z.B. externe Effekte oder Machterscheinungen). 15 Von Funktionsschwächen spricht man, wenn Klagen über eine Niveauverzerrung vorliegen, die zuständigen Behörden diese aber als unerheblich zurück weisen können oder genau anders herum die Behörden eine Verzerrung verkünden, ohne dass Wirtschaftssubjekte geschädigt oder begünstigt werden. Bei fehlender Dauerhaftigkeit der Verzerrung wird von einer Irritation gesprochen. 16
Sind weder Stabilitätsdefekte noch Niveaudefekte zu verzeichnen, so kann von dynamischer Stabilität bzw. Verzerrungsfreiheit für den Prozess gesprochen werde. Falls ein Koordinationsmangel festgestellt wurde ist ein staatliches Eingreifen legitimiert und im Rahmen einer Interventionsprüfung sind Eignung, Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit möglicher Instrumente zu prüfen. 17
14 Weitere Begrifflichkeiten sind die Schwachstelle, wenn entweder Prozessmuster oder theoretische Überlegungen für eine Funktionsstörung sprechen und die Irritation, wenn die Funktionsstörung nicht dauerhaft auftritt vgl. Grossekettler (2004, S 13).
15 Zur Theorie des Marktversagens vgl Fritsch/Wein/Ewers (2007).
16 Vgl. Grossekettler (2004, S 15 f.).
17 Vgl. Grossekettler (2003, S. 585 f.).
7
1.2 Die fünf Regelkreise der KMD-Funktionsfähigkeitsanalyse
Am Beispiel des Markträumungsprozesses soll die Funktionsweise der zu untersuchenden Regelkreise dargestellt werden.
Quelle: Grossekettler (2004, S. 10).
Exogene Störungen auf den Regelkreis lassen die Regelgröße (die Differenzmenge zwischen Angebot und Nachfrage) x D vom Sollwert 0 abweichen was endogene Reaktionen von D "x e hervorruft so dass sich x D wieder in Richtung des Sollwerts bewegt. Bei dieser Betrachtung werden die Instrumente mittels derer die Veränderung von angestoßen wird ausgeklam- D "x e
! ! !
!
8
mert. Es handelt sich um den sog. Globalprozess. 18 Im Gegensatz dazu sind beim Kernprozess die Instrumente klar definiert. Beim Beispiel des Markträumungsprozesses werden durch Abweichungen von dem Sollwert evozierte Preisvariationen "p e ausgelöst, welche den Differenzen entgegen wirken (sieh Abb. 1) indem bei Übernachfrage Preiserhöhungen und bei Überangebot Preissenkungen erfolgen. !
1.2.1 Der Markträumungsprozess
Wie bei der vorangegangenen Erläuterung der Regelkreise schon beispielhaft beschrieben kann dem Markträumungsprozess Funktionsfähigkeit attestiert werden, wenn die Differenz aus Nachfrage- und Angebotsmenge ( x N und x A ) bzw. die daraus resultierende Differenzmenge ( x D ) als Regelgröße kurzfristig den Wert Null annimmt. Zur Korrektur der exogenen Störungen soll hierbei die Stellgröße „Preis“ zuständig sein. 19 ! !
! 1.2.2 Der Renditenormalisierungsprozess
Der R-Prozess soll sicherstellen, dass Angebot und Nachfrage langfristig zum Ausgleich gebracht werden. Theoretische Basis ist hierbei das Renditeausgleichstheorem. Dieses besagt, dass eine wohlfahrtsoptimale Verwendung aller Produktionsfaktoren dann erreicht ist, wenn sich deren Grenzrenditen entsprechen. Die Branchenrenditen sollten also der volkswirtschaftlichen Durchschnittsrendite entsprechen. 20
Damit ist die Regelgröße Differenzrendite ( r D ) definiert, als Differenz der Rendite des Untersuchungsmarktes ( r U ) zum volkswirtschaftlichen Durchschnitt ( r V ).
!
r D = r U " r V ! !
Globale Stellgröße des R-Prozesses ist dabei äquivalent zum M-Prozess , die Stellgröße D "r e !
des Kernprozesses hingegen die Kapazitätswachstumsrate "w e .
! !
18 Vgl. hierzu und im Folgenden Grossekettler (2004, S. 10 f.).
19 Zum Markträumungsprozess ausführlich vgl. Munsberg (1994, S. 40-76).
20 Zum Renditeausgleichstheorem vgl. Nagel (1998, S. 37 f.).
9
1.2.3 Der Übermachterosionsprozess
Der Übermachterosionsprozess soll dafür Sorge tragen, dass Machtungleichgewichte zwischen Anbietern und Nachfragern ausgeglichen werden. Ausgeprägte Machtpositionen einer Marktseite sind dabei prinzipiell volkswirtschaftlich unerwünscht, da diese versuchen Marktprozesse zu ihren Gunsten zu beeinflussen. 21
Marktmacht geht typischerweise mit erhöhten Marktkonzentrationen einher. Diese können durch den Herfindahl-Hirschmann-Index veranschaulicht werden. Dieser sollte sowohl für Anbieter- als auch Nachfragerseite 22 ermittelt werden und um Korrekturfaktoren, die auch potentielle Macht berücksichtigen, modifiziert werden. Anschließend kann die Regelgröße „Übermacht“ ( m D ) aus der Differenz von Anbietermacht ( m A ) und Nachfragermacht ( m N ) ermittelt werden: m D = m A " m N
! ! !
Durch evozierte Strukturveränderungen ( ), also Eintritten auf der marktstarken Seite, soll D "m e !
der Übermacht einer Marktseite entgegengewirkt werden. Da allerdings nicht zwischen evozierten und exogen bedingten Variationen unterschieden werden kann, fehlt ein geeigneter !
Indikator für die Stellgröße und es wird lediglich der Globalprozess betrachtet.
1.2.4 Der Produktfortschrittsprozess
Bei den Fortschrittsprozessen geht es im Gegensatz zu den vorherigen Prozessen nicht um die Erreichung eines Idealzustandes, sondern um einen Performancevergleich zu einem ausländischen Vorbildmarkt. 23 Hinsichtlich des Produktfortschrittes geht es darum, dass bei der Verbesserung alter und Entwicklung neuer Produkte Rückstände gegenüber dem Referenzmarkt abgebaut werden, die Differenz aus dem Marktanteil neuer Produkte ( q DP ) auf dem Untersuchungs- ( )und Vergleichsmarkt ( ) also geringer wird: P P q U q V
! 21 Vgl. zum Übermachterosionsprozess Schengber (1996).
22 Da in der Regel ein breites Spektrum an Nachfragern existiert, wird das Konzentrationsmaß zumeist vereinfachend auf den Wert Null festgesetzt.
23 Zur Funktionsweise des Produktfortschritts vgl. Sebbel-Leschke (1996, S. 52).
10
Stellgröße des Globalprozesses ist dabei wiederum die „evozierte Fortschrittsbeschleunigung“ ) 24 . Die Stellgröße des Kernprozesses sollte das Ausmaß der Aufholanstrengungen auf ( DP "q e
dem Untersuchungsmarkt sein. 25 Ein relevanter Indikatoren hierfür ist z. B. die „Veränderung beim Forschungs- und Entwicklungsaufwand (F&E-Aufwand) “ ( "A e ). !
! 1.2.5 Der Verfahrensfortschrittprozess
Beim Verfahrensfortschritt geht es darum, dass dauerhafte Rückstände bei Einführung und Entwicklung neuer Verfahren zur Produktion gegenüber einem Referenzmarkt, der als Weltkostenführer bezeichnet werden kann, abgebaut werden. 26
Somit ist die Regelgröße Verfahrensfortschrittsdifferenz ( q DV ) definiert als die Differenz aus dem Verwendungsanteil neuer Verfahren auf dem Untersuchungs- ( ) und Vergleichsmarkt V q U ( ): V q V
! !
q DV = q U V " q V V
!
Aufgrund fehlender empirischer Daten für diese Variablen wird als Hilfsindikator der Lohn- ! kostennachteil als entscheidende Kostenkomponente verwendet. Die, idealerweise zu minimierende, Regelgröße ergibt sich somit zu:
l D = l U " l V
Stellgröße des Globalprozesses ist die evozierte Veränderung der Lohnkostenanteile ( ). D "l e !
Höheren Lohnkostenanteilen gegenüber dem Vergleichsmarkt kann durch Steigerung der Arbeitsproduktivität entgegengewirkt werden. Damit kann die evozierte Produktivitätsentwick- !
) als Stellgröße des Kernprozesses bestimmt werden. 27 lung ( U "# e
!
24 Für beide Stellgrößenindikatoren gilt wiederum, dass die evozierten Änderungen durch die gesamten Veränderungen angenähert werden.
25 Vgl. Grossekettler (1991, S. 473).
26 Vgl. zu Verfahrensfortschrittsdifferenzen Sebbel-Leschke (1996, S. 64 f.).
27 Auch hier werden beide Stellgrößen, aufgrund der fehlenden Trennung von evozierten und exogenen Verände- rungen, durch die Gesamtveränderungen angenähert.
11
1.2.5 Vermaschung der Regelkreise
Die Regelkreise stehen allerdings nicht separat nebeneinander sondern sind untereinander „vermascht“. 28 Die Störung eines Marktmechanismus kann somit auch kurzfristig/langfristig Auswirkungen auf andere Marktprozesse mit sich bringen. Auch ist es möglich, dass Teilprozessen Funktionsfähigkeit attestiert werden kann, das Gesamtsystem aber aufgrund ungünstiger Kopplungen Mängel aufweist.
Im Zuge der Plausibilitätsüberlegungen wird deshalb die künstliche Trennung der einzelnen Prozesse wieder aufgehoben um Kopplungszusammenhänge beurteilen zu können.
28 Vgl. Kubani (2006, S. 25).
12
2. Industrieökonomisch orientierte Beschreibung der Marktstruktur der deutschen chemischen Industrie
Im Folgenden soll vor der eigentlichen Funktionsfähigkeitsanalyse der Markt umfassend beschrieben werden. Die produkt-, nachfrager-, anbieter- und institutionenorientierte Marktbeschreibung dient dabei der Ex-ante-Offenlegung von eventuellen Beeinträchtigungen des Marktgeschehens und soll die Spezifika des chemischen Marktes herausstellen.
2.1 Produktorientierte Marktbeschreibung
Vorweg soll die historische Entwicklung der chemischen Industrie in Deutschland dargestellt werden, um dann die chemische Produktpalette, deren Substitute und Vertriebswege, vorzustellen. Auch wird der Markt abgegrenzt, seine aktuelle Entwicklung untersucht und die Perspektiven des Marktes für Chemieprodukte beleuchtet.
2.1.1 Das prototypische Produkt, seine Verwendung sowie enge und weite Substitutionsprodukte
Ihren Ursprung hatte die Chemie bereits im 4. Jahrhundert vor Christus in China mit der dort praktizierten Alchemie, bei der mindere Metalle zu Gold umgewandelt werden sollten. Auch war man auf der Suche nach einem Serum, welches Unsterblichkeit mit sich bringen sollte. Die praktische Chemie war auch im antiken Griechenland weit verbreitet, wo Metallhandwerker mit Metallen und deren Legierungen vertraut waren, Juweliere Metalloberflächen mit Salzen und Farben bearbeiteten und mittels der Kochkunst Medikamente, Metalle und Parfüm aus Pflanzen, Erzen und Tieren extrahiert wurden. Die moderne Chemie entstand allerdings erst im 18. Jahrhundert. 29
Im Gegensatz zu anderen Industrien entwickelte sich diese nicht durch handwerkliche Erfordernisse. Erst nach der Etablierung der Chemie als Wissenschaft an den Universitäten und der Erschließung neuer Anwendungsgebiete bekam die Chemie ihren Stellenwert. 30 Mit einem Verfahren zur Sodaherstellung begründete Lavoisier die Chemie als Industrie. 31 Durch das enorme Bevölkerungswachstum zu Zeiten der industriellen Revolution war Soda zur Textil-
29 Vgl.Brock (1997, S .4-7).
30 Vgl. Schumann (1994, S. 530 f.).
31 Vgl. Hermann (2001, S. 2).
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bleiche sehr gefragt und die Nachfrage so stark, dass eine industrielle Produktion einsetzte. So wurde auch Schwefelsäure zur Textilbleiche verwendet und gleichzeitig die Einsatzmöglichkeit dieses Stoffes zur Farbenherstellung entdeckt. Diese synthetischen Farben dienten wiederum als Vor- und Zwischenprodukte für pharmazeutische Produkte. Es entstanden eigenständige Branchen, wie die schwerchemische Industrie und die pharmazeutische Industrie. Deutsche Unternehmen konnten schon vor 1900 durch Innovationserfolge eine starke Marktposition erlangen und sich auch in wichtigen ausländischen Märkten positionieren. 32
Ein weiterer Meilenstein konnte durch Innovationen in der organischen Chemie anfangs des 20. Jahrhunderts erreicht werden, indem auf Basis von Kohlefolgeprodukten Kunststoffe und synthetische Fasern hergestellt werden konnten. Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte der Wechsel der Rohstoffbasis weg von der Kohle hin zum Erdöl/-gas. Die Petrochemie war begründet, so dass es möglich war Holz und Metallwaren durch synthetische Massenprodukte zu substituieren. 33
Das Umsatzvolumen der deutschen chemischen Industrie im Jahre 2006 beträgt 162 Mrd. Euro und entspricht damit gemessen am Umsatz dem viertgrößten Wirtschaftszweig des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland. 34
Da es sich bei der chemischen Industrie um eine heterogene Branche mit einer Vielzahl von Produkten handelt, ist es zweckmäßig die Branche von anderen abzugrenzen. Dies wird im Folgenden anhand des amtlichen statistischen Klassifikationsschemas vollzogen. Die aktuelle Klassifikation der Wirtschaftszweige 2008 (WZ 2008) der Bundesrepublik Deutschland richtet sich nach den Vorgaben der statistischen Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft (NACE Rev.2). 35 Formal besteht die Klassifizierung aus fünf Gliederungsebenen mit Abschnitten (1-Buchstabencode), Abteilungen (zweistellige Codes), Gruppen (dreistellige Codes), Klassen (vierstellige Codes) und Unterklassen (fünfstellige Codes), wobei Abschnitte am stärksten und Unterklassen am geringsten aggregiert sind. 36 Für die chemische Industrie stellt sich diese Klassifikationssystematik, aufgeschlüsselt bis auf die Gruppenebene wie folgt dar:
32 Vgl. Bathelt, (2001, S. 701).
33 Vgl. ebenda, S. 701 f.
34 Vgl. Verband der chemischen Industrie (2007, S. 42-47).
35 Vgl. Europäische Kommission (2008).
36 Vgl. Statistisches Bundesamt (2008a).
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Anorganische Grundchemikalien umfassen Industriegase, Düngemittel, Stickstoffverbindungen und sonstige anorganische Stoffe. Den Polymeren werden Kunststoffe in Primärform, synthetischer Kautschuk in Primärform und Chemiefasern zugeordnet. Unter Fein- und Spezialchemikalien sind Farbstoffe, Pigmente, Schädlingsbekämpfungsmittel, Anstrichmittel und sonstige chemischen Erzeugnisse zusammengefasst. 39 Grundlegend für die folgenden Untersuchungen soll aufgrund der besseren Vergleichbarkeit und Datenverfügbarkeit die amtliche Statistik inklusive der Pharmabranche sein, also die Klassifikation nach WZ 2003.
Eine Klassifizierung lässt sich auch an Hand der Ausgaben für Forschung und Entwicklung einer Industrie durchführen. Unterteilt wird in forschungsintensive Industrien (F&E-Ausgaben > 3,5%), wobei höherwertige (3,5% < F&E-Ausgaben < 8,5%) und Spitzentechnologien (F&E-Ausgaben > 8,5%) unterschieden werden und nicht forschungsintensive (F&E-Ausgaben < 3,5%). Der prozentuale Anteil ergibt sich aus den Ausgaben für F&E gemessen am Umsatz. Der Anteil der Gesamtausgaben der chemischen Industrie (inkl. Pharma) für Forschung und Entwicklung am Umsatz des Jahres 2007 betrug 5,5%, was für die hohe Forschungsintensität der Branche spricht. 40
Wie die vorausgehenden Ausführungen gezeigt haben, gibt es in der chemischen Industrie nicht das prototypische Produkt. Vom Düngemittel bis zur Chemiefaser weist die Branche eine breite und heterogene Produktpalette auf. Schätzungen zufolge können nahezu 70.000 Produktlinien identifiziert werden. 41 Einen Überblick über die Bedeutung der einzelnen Produktgruppen, gemessen an deren Produktionswerten, soll folgende Übersicht geben:
39 Vgl. Verband der chemischen Industrie (2007, S. 10).
40 Vgl. Verband der chemischen Industrie (2008c, S. 4). Zu beachten ist allerdings, dass die Pharmaindustrie (14,2%) rund fünfmal so forschungsintensiv wie die Chemie im engeren Sinne (2,9%) ist.
41 Vgl. Budde/Krämer (2001, S. 1).
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Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Darstellung
Zur Einteilung der Stahlerzeugnisse gemäß ihrem Verwendungszweck werden die Verwendungsarten Vorprodukt, Konsumgut und Investitionsgut unterschieden. Demnach kann für die chemische Industrie (inkl. Pharma) festgehalten werden, dass nahezu keine Produkte als Investitionsgüter Verwendung finden. Chemische Erzeugnisse dienen zu 94% als Vorprodukte und werden nur zu einem geringen Anteil konsumiert. 42
Abb. 3: Anteile an Vorprodukten / Investitions- und Konsumgütern 2005 Quelle: Statistisches Bundesamt (2008, S. 6-21), eigene Darstellung und Berechnung.
42 Zu typischen Produkten zur Weiterverarbeitung / zum Konsum vgl. Verband der chemischen Industrie (2007, S. 17-19).
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Lediglich im Pharmabereich liegt der Anteil der konsumierten Güter bei 66%. 43 Zum Vergleich: Der Anteil an Investitionsgütern in der Maschinenbaubranche liegt bei 42%. Chemische Betriebe sind somit hauptsächlich Zulieferunternehmen für die Endprodukte anderer Industrien. Die Konjunkturabhängigkeit der chemischen Industrie ist damit maßgeblich von der Konjunkturreagibilität der nachfragenden Industrien bestimmt. 44
Zu überprüfen ist weiterhin, inwieweit chemische Produkte durch Substitutionsprodukte ersetzt werden können. Hinsichtlich anderer industrieller Bereiche lassen sich keine direkten Substitutionsprodukte ausmachen. Innerhalb der chemischen Industrie selbst existieren allerdings vielfältige Austauschbeziehungen. Häufig werden dabei klassisch-chemische Grundstoffe durch den Einsatz von nachwachsenden Ressourcen ersetzt. So können beispielsweise Chemiefasern durch Naturfasern, bestehend aus pflanzlichen oder tierischen Bestandteilen, in bestimmten Bereichen substituiert werden. Der Marktanteil der Naturfasern am Fasernmarkt nimmt allerdings im Vergleich zu Chemiefasern stark ab. 45 Weitere Beispiele für den Einsatz nachhaltiger Ressourcen sind Biokunststoffe, Naturkosmetik oder Biowaschmittel. 46
Zur Nutzung dieser Rohstoffe sind darüber hinaus die klassischen chemischen Verfahren nicht geeignet. Fester Bestandteil der Herstellung vieler chemischer Erzeugnisse sind die Methoden der Biotechnologie geworden. Grundlage für die industrielle Produktion bilden hierbei Organismen oder deren Bestandteile. Diese Methodik bietet eine Vielzahl von Einsatzgebieten und Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise könnten biotechnologische Verfahren im Bereich der Kunststoffherstellung die teure und rohstoffabhängige petrochemische Produktion auf Dauer ersetzten und darüber hinaus Kunststoffe hergestellt werden, die biologisch abbaubar sind. 47
Fehlende Substitutionsmöglichkeiten können die Funktionsfähigkeit der Fortschrittprozesse, aber auch des Übermachterosionsprozesses beeinflussen. Letztendlich bleibt festzuhalten, dass Substitute, nach Abgrenzung der amtlichen Statistik, hauptsächlich innerhalb der chemischen Industrie auftreten. So sind im Bereich der Biotechnologie auf nationalstaatlicher Ebene insbesondere die großen deutschen Chemiekonzerne Bayer, BASF und Henkel tätig. 48
43 Vgl. Statistisches Bundesamt (2008, S. 5-20).
44 Vgl. hierzu ausführlich Gliederungspunkt 2.2.3.
45 Vgl. Karus (2000, S. 1).
46 Vgl. Peters (2007, S. 17-23).
47 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2007, S. 10-22).
48 Vgl. ebenda, S. 5.
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2.1.2 Sachliche, räumliche und zeitliche Marktabgrenzung
Die sachliche Marktabgrenzung kann grundsätzlich durch verschiedene Konzepte mit unterschiedlichen Kriterien erfolgen. Die Abgrenzung erfolgt im Rahmen der KMD-Analyse grundsätzlich nach dem Substitutionsprinzip. Hervorgetan haben sich das Bedarfsmarktkonzept von Arndt/Abbott und die Theorie der Substitutionslücke nach Robinson. 49 Da es sich allerdings bei der chemischen Industrie um eine Branche mit einer kaum erfassbaren Anzahl von Substitutionsbeziehungen zu anderen Produkten handelt, soll die sachliche Marktabgrenzung anhand der zuvor beschriebenen amtlichen Statistik vorgenommen werden.
In räumlicher Hinsicht wird bei dieser Branchenanalyse das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland als der relevante Markt abgegrenzt. Aufgrund der vorhandenen Datenlage muss darauf hingewiesen werden, dass bis zur Wiedervereinigung lediglich Daten der chemischen Industrie Westdeutschlands erfasst wurden. Angesichts der Überführung der ostdeutschen Chemiebetriebe in Kombinate, welches faktisch zu staatlich gelenkten Monopolunternehmen führte, und der ausschließlichen Produktion für die ehemalige Sowjetunion erscheint eine vorherige Berücksichtigung dieser als nicht zweckmäßig. 50
Bei der zeitlichen Abgrenzung ist zu berücksichtigen, dass ein Zeitraum von mindestens zehn Jahren erforderlich ist, um eine aussagefähige Prozessmusteranalyse zu garantieren. 51 Der Datenbestand für die folgenden empirischen Untersuchungen umfasst dabei für alle Prozesse einen größeren Zeitraum, so dass diese Bedingung erfüllt ist.
Schmidt argumentiert, dass drei zeitliche Marktgrenzen betrachtet werden müssen. Unterschieden werden dabei Grenzen gesetzlicher, natürlicher (Saisonprodukte) und technischwirtschaftlicher Art (z.B. neue od. verschwindende Produkte). 52 Die beiden letztgenannten sind für die weitere Prozessmusteranalyse relevant. 53 Im Bereich der saisonalen Produkte ist insbesondere die Sparte der Pflanzenschutzmittel entsprechend der verschiedenen Anbaukulturen betroffen. 54 Aufgrund des relativ geringen Anteils dieser Sparte am Produktionswert der gesamten chemischen Industrie und der relativ konstanten monatlichen Umsatzzahlen kann ein saisonaler Einfluss als relativ gering bezeichnet werden.
49 Vgl. zu einer überblicksartigen Darstellung dieser Konzepte Schmidt (2005, S. 49-53).
50 Vgl. Bathelt (1997, S. 123 f.)
51 Vgl. Kubani (2006, S. 44).
52 Vgl. Schmidt (2005, S. 54).
53 Vgl. Drecker (1998, S. 37).
54 Vgl. u. a. Bayer (2007, S. 62).
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Eine zeitliche Abgrenzung anhand des Lebenszyklus eines Produkts ist nur bei stark eingegrenzten Märkten mit einem einzelnem Produkt sinnvoll, nicht aber für eine ganze Branche, da sich die Produktlebenszyklen ständig verlängern. 55
2.1.3 Segmentierung des Marktes nach Verwendungszwecken und Vertragstypen
Einen Überblick über die unterschiedlichen chemischen Produktsparten und die Aufteilung der Outputs nach deren Verwendungszweck in Investitionsgüter, Konsumgüter und Vorprodukte wurde bereits unter 2.1.1 vorgenommen.
Für die Analyse der Prozessmuster im Rahmen der Funktionsfähigkeitsanalyse ist darüber hinaus die vorherrschende Vertragsart auf dem untersuchten Markt von Bedeutung. Nach Grossekettler richtet sich eine Vertragsart nach den Dimensionen Beherrschungsgrad - inwieweit sind beide Vertragspartner gleichberechtigt - und dem Bindungsgrad, welcher die Dauer der Bindung der Vertragspartner darstellt. 56 Folgende vier Vertragsarten lassen sich daraufhin unterscheiden:
• Spotmarktverträge mit gleichberechtigten Partnern und kurzfristiger Bindung, • Kooperationsverträge mit gleichberechtigten Partnern und langfristiger Bindung, • Führungsverträge mit Weisungsbefugnissen für nur einen Partner und kurzfristiger Bindung und
• Beherrschungsverträge mit Weisungsbefugnissen für nur einen Partner und langfristiger Bindung.
Langfristig bindende Kooperationen können dabei zu einer Verzögerung der Preisreaktion führen und somit den Markträumungsprozess beeinflussen. Ebenso können einseitige Weisungsbefugnisse Zulieferunternehmen dazu zwingen keine weiteren Unternehmen zu beliefern. Dies beeinflusst die Funktionsfähigkeit des Übermachterosionsprozesses.
Im ersten Schritt sollen die dominierenden Vertragstypen auf dem Beschaffungsmarkt, unterteilt in die Chemiesparten Grundchemikalien / Farben u. Lacke und pharmazeutische Erzeugnisse, illustriert werden. 57 Folgende Vertragstypen sind hierbei jeweils vorherrschend:
55 Zum Lebenszyklus einzelner chemischer Produkte vgl. Gliederungspunkt 2.1.5.
56 Vgl. Grossekettler/Hadamitzky/Lorenz (2005, S. 100). Im Folgenden werden die äquivalenten Dimensionen Zeitliche Bindung und Zentralisationsgrad (vgl. Drecker (1998, S. 40)) verwendet.
57 Diese Produktgruppen decken ca. 75% des Produktionswertes der chemischen Industrie ab vgl. Abb.1.
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Im Bereich der Grundchemikalien stammen die Rohstoffe aus der mineralölverarbeitenden Industrie und dem Bergbau. Diese Verträge werden in der Regel mit einer langfristigen Bindung und einer Dauer von drei bis vier, manchmal sogar zehn Jahren, geschlossen. Darüber hinaus wird zusätzlicher Rohstoffbedarf über Spotmärkte abgedeckt. 58 Auch die benötigten Vor- und Zwischenprodukte der schwerchemischen Industrie werden aufgrund der Verbundproduktion in der Regel mit langfristigen Abnahmegarantien geordert. 59 Sowohl bei Farben und Lacken, als auch bei Pharmazeutika dominieren kurzfristige Vertragsgestaltungen. Allerdings wird in der Sparte der Farben und Lacke zunehmend Wert auf stabile und langfristige Zulieferbeziehungen gelegt, da diese Anbieter meist nicht über die notwendigen F&E-Kapazitäten verfügen und somit eng mit den Zulieferern zusammenarbeiten. 60 Auch die pharmazeutische Industrie setzt zunehmend auf mehrjährige Absprachen mit den Zulieferern. 61 Es gibt keine Anzeichen dafür, dass in einer Sparte die Gleichberechtigung der Vertragspartner eingeschränkt ist. Die Vertragspartner befinden sich zumeist in gegenseitiger Abhängigkeit, so dass von einer Gleichberechtigung auszugehen ist.
Auf dem Absatzmarkt ergibt sich ein analoges Bild. Im Bereich der Grundchemikalien sind aufgrund der Verbundproduktionen häufig langfristige Bindungen anzutreffen. Sowohl in der pharmazeutischen, als auch der Farben- und Lackindustrie sind hingegen eher kurzfristige Verkaufskontakte verbreitet. Tendenziell ist festzuhalten, dass die Bedeutung von kurzfristigen Marktbeziehungen in allen Bereichen eher stagniert und langfristige Kontrakte an Bedeutung zunehmen. 62 Darüber hinaus sind die meisten kurzfristig orientierten Kontrakte in der Regel keine klassischen Spotmarktbeziehungen, da auch hier in der Regel langjährige Kontakte bestehen. 63
Trotz des Wunsches nach langfristigen Bindungen sowohl in der Beziehung zu Zulieferern als auch zu Abnehmern kommt es in vielen Bereichen zu kurzfristigen Preisanpassungen. So wird beispielsweise mit Großhändlern jährlich über Preise, Mengenrabatte und Bestellfrequenzen verhandelt, so dass der Gefahr einer Preisstarrheit durch langfristige Bindungen entgegen gewirkt wird. 64 Nachfolgend die vorherrschenden Vertragstypen im Überblick:
58 Vgl. BASF (2007).
59 Vgl. Bathelt (1997, S. 185-187).
60 Vgl. Bathelt (1997, S. 228).
61 Vgl. ebenda, S. 281.
62 Vgl. ebenda, S. 317.
63 Vgl. ebenda, S. 312.
64 Vgl. ebenda, S. 195, S. 238, S. 288 f.
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Abb. 4: Einteilung der Chemieindustrie nach Vertragstypen Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Drecker (1998, S. 43).
2.1.4 Segmentierung nach Vertriebsformen und Präsentationsarten
Die Wahl der Vertriebsform und der Präsentationsart chemischer Produkte wird mittels der Distributionspolitik getroffen. Dabei ist die Distributionspolitik definiert als die „Gesamtheit aller Entscheidungen und Handlungen, welche die Verteilung von [...] Leistungen vom Hersteller zum Endkäufer [...]“ (Meffert 2008, S. 562) betreffen. Wesentliche Punkte dieser Entscheidung sind die Wahl des Absatzkanals und des logistischen Systems. Bei den Absatzkanälen unterscheidet man zwischen dem direkten Vertrieb, bei dem zwischen Hersteller und Endverbraucher ein unmittelbarer Kontakt besteht, und dem indirekten Vertrieb, bei dem diverse Absatzmittler (z.B. Großhändler) eingeschaltet werden. 65 Kriterien für die Wahl sowohl von Absatzkanal als auch logistischem System sind verwendungsbezogene und technischphysikalische Eigenschaften der Produkte. Eine verwendungsbezogene Eigenschaft ist z. B. die Erklärungsbedürftigkeit eines Produkts, technisch-physikalische Eigenschaften können Größe oder Lagerfähigkeit sein. Ersteres hat dabei Einfluss auf die Wahl des Absatzkanals,
65 Vgl. Meffert/Burmann/Kirchgeorg (2007, S. 573 f.).
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letzteres auf die Wahl des logistischen Systems. 66
Aufgrund der heterogenen Produktpalette der chemischen Industrie sind auch unterschiedliche Distributionspolitiken innerhalb der jeweiligen Produktsparten anzutreffen. Den Absatzkanal betreffend ist eine Unterscheidung zwischen den Produkten, die als Vorprodukte in weitere Verarbeitungsprozesse eingehen, und den Konsumgütern sinnvoll. 67
Zu den vorwiegend konsumierten Gütern zählen dabei u. a. die Schädlingsbekämpfungs-, Pflanzenschutz- und Desinfektionsmittel, pharmazeutische Erzeugnisse, sowie Seifen-, Wasch-, Reinigungs- und Körperpflegemittel und Duftstoffe. 68 Pharmazeutische Erzeugnisse werden zu 75% über den Großhandel an Apotheken vertrieben. Ein Direktvertrieb an Apotheken ist nur in sehr geringem Umfang vorhanden. 69 Auch im Bereich der Seifen-, Wasch-, Reinigungs- und Körperpflegemittel wird zumeist der Lebensmitteleinzelhandel als Absatzmittler zum Endverbraucher zwischengeschaltet. Große Abnehmer von Henkel, eine der führenden Firmen in diesem Bereich, sind hierbei u. a. Wal Mart und die Metro Group. 70 Beim Vertrieb von Pflanzenschutzmittel ist davon auszugehen, dass hier Absatzmittler wie Groß-und Einzelhändler eingesetzt werden. 71 Es lässt sich festhalten, dass die chemischen Konsumgüter über den indirekten Absatz den Kunden erreichen. Im Bereich der Konsumgüter ist das logistische System von entscheidender Bedeutung, um eine weit reichende Distribution mit minimalen Transaktionskosten zu gewährleisten. Häufig werden Bestellungen von Groß- und Einzelhändlern per Post, Bahn oder über Kurierdienste und Speditionen verschickt. 72
Im Bereich der chemischen Erzeugnisse die vorwiegend zur Weiterverarbeitung produziert werden, dominiert der Absatzkanal des direkten Vertriebs. Einen Großteil dieser zur Weiterverarbeitung gedachten Produkte bilden die chemischen Grundstoffe. In diesem Absatzbereich handelt es sich weitestgehend um Business to Business (B2B)-Marketing, bei dem der direkte Kontakt zwischen Zulieferer und Abnehmer eine besondere Rolle einnimmt. Dies resultiert daraus, dass der Transport von chemischen Grundchemikalien in Gas- oder Flüssig-form spezielle Transportfahrzeuge oder Kenntnisse benötigt. Teilweise betreiben die Zulieferer eine eigene Transportflotte. Außerdem existieren Sicherheitsvorgaben für den Transport
66 Vgl. Ahlert (1996).
67 Vgl. Gliederungspunkt 2.1.1.
68 Vgl. Verband der chemischen Industrie (2007, S. 19).
69 Vgl. Bathelt (1997, S. 287).
70 Vgl. Henkel (2008, S. 26).
71 Die Bayer AG spricht in ihrem Geschäftsbericht von einem mehrstufigen Vertriebssystem.
72 Vgl. Jakobi (2002, S. 25).
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und die Lagerung. 73 Diese Form der Distribution kann zu hohen Kosten führen. Am kostengünstigsten ist hierbei die Verbundproduktion, wenn die Vorprodukte direkt über eine Pipeline angeliefert werden. 74
Beim Vertrieb von Anstrichmitteln, Druckfarben und Kitten ist zwischen standardisierten Produkten zu unterscheiden, die über Groß- und Einzelhändler über die üblichen Transportwege vertrieben werden und den Produkten, welche nach speziellen Abnehmerbedürfnissen entwickelt werden. 75 Ein Beispiel hierfür ist BASF, welche spezielle Lacke für Automobilhersteller in engen Partnerschaften entwickeln und somit im direkten Vertrieb herstellen. 76
Von besonderer Bedeutung für die Chemieindustrie, insbesondere seit den 90er Jahren, ist die Distribution mittels des Absatzkanals des elektronischen Handels (E-Commerce). 77 Wesentliche Vorteile für die Unternehmen sind neben Kostensenkungen auch die Möglichkeit eines personalisierten Kundenkontaktes und die Gewinnung von Informationen über die Präferenzen der Kunden.
2.1.5 Entwicklungsphase des Marktes
Um die Entwicklungsphase zu bestimmen, in der sich der Markt für chemische Erzeugnisse befindet, soll das Marktphasenschema von Heuß herangezogen werden. Dabei handelt es sich um den Versuch die wirtschaftliche Entwicklung eines Marktes in einem Markt-Lebenszyklus darzustellen. Dieser beinhaltet vier Phasen, die durch das Wachstum vom Produktionsvolumen und Umsatz bestimmt werden. Jeder Phase können andere Unternehmertypen zugeordnet werden. In der Einführungsphase gelingt es einem Pionierunternehmer ein innovatives Produkt auf den Markt zu bringen. Die Expansionsphase ist durch Eintritte imitierender Unternehmen aufgrund der hohen zu erzielenden Gewinne im Markt gekennzeichnet und wird von hohen Produktionsvolumina und Umsatzzuwächsen begleitet. In Phase drei verlangsamen sich die Zuwächse und nur wenige neue Unternehmen treten in den Markt ein. Anschließend kommt es entweder zur Sättigungsphase, bei der Produktionsvolumen/Umsatzwachstum stagnieren oder zur Rückbildungsphase, bei der das Produktionsvolumen sogar abnimmt. 78
73 Vgl. ebenda.
74 Vgl. Bathelt (1997, S. 192).
75 Vgl. ebenda, S. 236.
76 Vgl. BASF (2007, S .47).
77 Vgl. hierzu ausführlich Dornbusch (2001, S. 62-100).
78 Vgl. hier und im Folgenden Heuß (1965).
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Beispielhaft soll der Lebenszyklus ausgewählter polymerer Werkstoffe dargestellt werden. Dabei handelt es sich nach der amtlichen Abgrenzung um chemische Grundstoffe.
Abb. 5: Produktlebenszyklus von Liquid Cristal (LC) und Polyvinylchlorid (PVC) Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Schlüter (2001, S. 629).
Dieser Bereich ist durch eine hohe Commoditisierung geprägt. Dies bedeutet, dass sich die Produkte mehrheitlich bereits in der Reifephase bzw. Stagnationsphase befinden und Ertragszuwächse nur noch durch effizientere Produktionstechniken möglich sind. Beispiel hierfür ist das PVC. PVC wird zum Großteil im Bausektor für Fußbodenbeläge oder Fensterprofile verwendet. Unternehmen versuchen die Anzahl dieser reifen Produkte im Portfolio möglichst gering zu halten. 79 Allerdings ist zu beachten, dass es sich im Falle von PVC und vielen anderen Vor- und Zwischenprodukten um ein „immerwährendes Produkt der Chemieindustrie“ (Schlüter 2001, S. 629) handelt, welches sich dauerhaft in der Stagnationsphase befinden wird.
Im Gegensatz dazu dürfte sich das Polymer Liquid Crystals aufgrund der großen Nachfrage nach LC-Flachbildschirmen oder auch Liquid Cristals Displays (LCDs) in der Wachstums-
79 Vgl. Leker/Rühmer (2003, S. 269).
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phase befinden. Für die Commodities bleibt festzuhalten, dass sich dieser Markt in der Reifebzw. Stagnationsphase befindet und Hersteller durch Verbesserung der Verfahrenstechnik und Optimierung von Einkauf und Distribution ihre Kosten senken. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Markt in einer späten Phase befindet sind die Konzentrationsprozesse auf dem Chemiemarkt, wobei zwischen 1990 und 1999 43% der Unternehmen in Fusionen und Beteiligungen involviert waren. 80
Auf dem Markt der Spezialchemikalien, also der Grundstoffchemie nachgelagerten Produktionsstufe steht Anwendungs- und Kundenorientierung im Vordergrund. Dieses Segment lockt Unternehmen durch hohe Wachstumsraten und Gewinnspannen an. Zusehends versuchen Unternehmen Nischenmärkte zu besetzen, auch durch Zukäufe und Verkäufe. Dieser Bereich ist deshalb eher der Wachstums- oder Reifephase zuzuordnen. 81
Statistiken für die chemische Industrie insgesamt bestätigen den oben gewonnen Eindruck. So lag im Zeitraum zwischen 1980 und 1997 die Umsatzwachstumsrate der chemischen Produkte mit 2,6% unter der des verarbeitenden Gewerbes mit 3,2%, was darauf schließen läst, dass sich die chemische Industrie als Ganzes in der Sättigungsphase befindet. Insbesondere das Wachstum bei chemischen Grundstoffen liegt mit 1,6% weit unter dem des verarbeitenden Gewerbes. Im Bereich der übrigen chemischen Produkte kann ebenfalls der obige Eindruck bestätigt werden (Umsatzwachstum von 3,8%). 82
80 Vgl. Rehfeld (2004, S. 43).
81 Vgl. Rehfeld (2004, S. 44 f.).
82 Vgl. Görzig/Schintke/Schmidt (1998, S. 4).
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Diplom-Volkswirt Benedikt Hüppe, 2008, Die deutsche Chemieindustrie, München, GRIN Verlag GmbH
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