Salutogenese
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Salutogenese. Sie erklärt den Begriff, das Modell und die Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben. Ferner wird behandelt, in welchen Bereichen die Salutogenese Einzug gehalten hat, bzw. welche Bedeutung ihr heute zukommt.
2. Was ist Salutogenese?
Salutogenese ist ein von Aaron Antonovsky geprägter Begriff, welchen er dem Begriff der Pathogenese gegenüberstellt. Die Pathogenese beschäftigt sich mit der Betrachtung von kranken Menschen, mit der Betrachtung der Krankheitsentstehung, mit der Prognose bezüglich einer Krankheit und den therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten, welche bei der jeweiligen Krankheit eingesetzt werden können.
Der Begriff der Salutogenese beschreibt eine andere Perspektive. Hier wird betrachtet, wie es Menschen gelingt, trotz möglicherweise extremen Lebensbedingungen gesund zu bleiben.
Pathogenese fragt nach der Krankheit. Salutogenese fragt nach der Gesundheit.
3. Wie ist das Modell der Salutogenese entstanden? 3.1 Zur Person Aaron Antonovskys
Aaron Antonovsky wurde 1923 in Brooklyn in den USA geboren. Nach dem zweiten Weltkrieg schloss er sein Soziologiestudium mit einem dem Doktortitel vergleichbaren Grad ab. 1960 emigrierte er nach Israel und nahm eine Stelle am Institut für Angewandte Sozialforschung in Jerusalem an. Eher zufällig kam er hier durch die Beteiligung an verschiedenen Forschungsprojekten zur Medizinsoziologie am Institut für angewandte Sozialforschung. Neben der Lehre wandte es sich hier vor allem der Stressforschung und der Erforschung latenter Funktionen der Institutionen des Gesundheitswesens zu.
Ab 1972 hatte er entscheidenden Anteil am Aufbau einer gemeindeorientierten medizinischen Fakultät an der Ben-Gurion-Universität. Er war zuständig für die verhaltenswissenschaftlichen und soziologischen Anteile des Curriculums und stand 9 Jahre dem Zulassungsausschuss vor, für den er ein Auswahlverfahren entwickelte, in dem es mehr auf Einstellung, Engagement und Verantwortungsübernahme als auf Schulnoten und Testergebnisse ankam.
Aaron Antonovsky starb am 7. Juli 1994 in Beer Sheba, Israel.
3.2 Die Entwicklung des Modells
Ausschlaggebend für die Entwicklung des Salutogenesemodells waren die ethnischen Unterschiede in der Verarbeitung der Menopause bei in Israel lebenden Frauen. Zu diesem Thema führte Antonovsky 1970 eine Datenanalyse durch. Unter den befragten Frauen befand sich auch eine Gruppe, die in nationalsozialistischen Konzentrationslagern überlebt hatten. Dies war aus später nicht mehr zu rekonstruierenden Gründen durch eine Ja-Nein Frage zum Aufenthalt in einem Konzentrationslager im Fragebogen erfasst worden. Die Tatsache, dass statistisch gesehen fast ein Drittel dieser Frauen es geschafft hatte, ihr Leben neu aufzubauen, war für Antonovsky ein Wunder, das ihn bewusst auf den Weg brachte, das zu formulieren, was er später als das salutogenetische Modell bezeichnet hat und das 1979 in Health, Stress and Coping veröffentlicht wurde. Der Erforschung dieses Wunders, des Wunders des Gesundbleibens, widmete er von da an seine Arbeit und sein Engagement.
3.3 Was beschreibt das Modell der Salutogenese? Antonovskys Ausgangspunkt waren Daten, die zeigten, dass sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt wenigstens ein Drittel und mit einer guten Wahrscheinlichkeit die Mehrheit der Bevölkerung einer jeden modernen Industriegesellschaft in einem - nach diversen vernünftigen Definitionen -morbiden, pathologischen Zustand befindet. Krankheit ist somit keine relativ seltene Abweichung. Eine pathologische Orientierung versucht zu erklären, warum Menschen krank werden, warum sie unter eine gegebene Krankheitskategorie fallen. Eine salutogenetische Orientierung, die sich auf die Ursprünge der Gesundheit konzentriert, stellt eine radikal andere Frage. Antonovsky vermeidet die gängige Dichotomie der Unterteilung von Menschen in krank und gesund. Vielmehr geht er davon aus, dass sich jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt an einer Stelle eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums befindet. Die Frage, die er stellt lautet: Warum befinden sich Menschen auf der positiven Seite des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums oder warum bewegen sie sich auf den positiven Pol zu, unabhängig von ihrer aktuellen Position? Antonovsky selbst äußert sich nicht zu einer bestimmten Definition von Gesundheit. Er sagt:
Wir sind alle sterblich. Ebenso sind wir alle, solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund. Der salutogenetische Ansatz sieht vor, dass wir die Position jeder Person auf diesem Kontinuum zu jedem beliebigen Zeitpunkt untersuchen. 1
Diese andere Betrachtung eines Menschen, die nicht auf der Dichotomie der Unterscheidung von gesunden und kranken Menschen beruht, sondern eine Person vielmehr auf einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum platziert eröffnet auf den ersten Blick eine positive Perspektive. Antonovsky bezeichnet sich selbst jedoch als mit einer pessimistischen Haltung
1 Aaron Antonovsky, Salutogenese in der Übersetzung durch Franke, Tübingen 1997 S. 23
ausgestattet. Doch er sagt:
Die der Salutogenese zugrunde liegende Prämisse ist in der Tat pessimistisch, doch paradoxerweise ist die Perspektive, die sie eröffnet, zwar ohne Illusion, aber alles andere als düster. 2 denn
Sie rührt aus dem fundamentalen Postulat, dass Heterostase, Altern und fortschreitende Entropie die Kerncharakteristika aller lebenden Organismen sind. (...) Sie verhindert, dass wir der Gefahr unterliegen, uns ausschließlich auf die Ätiologie einer bestimmten Krankheit zu konzentrieren, statt immer nach der gesamten Geschichte eines Menschen zu suchen - einschließlich seiner oder ihrer Krankheit. (...) Stressoren werden nicht als etwas Unanständiges angesehen, das fortwährend reduziert werden muss, sondern als allgegenwärtig. Darüber hinaus werden die Konsequenzen von Stressoren nicht notwendigerweise als pathologisch angenommen, sondern als möglicherweise sehr wohl gesund - abhängig vom Charakter des Stressors und der erfolgreichen Auflösung der Anspannung. 3
Zur Verdeutlichung benutzt Antonovsky folgenden, nicht von ihm selbst verfasste Metapher eines Flusses:
Die zeitgenössische westliche Medizin wird darin mit einem wohl organisierten, gewaltigen und technologisch hoch entwickelten Bemühen verglichen, Ertrinkende aus einem reißenden Fluss zu bergen. Hingebungsvoll dieser Aufgabe gewidmet und häufig sehr gut entlohnt, richten die Mitglieder dieses Unternehmens niemals ihre Augen oder ihr Bewusstsein auf das, was stromaufwärts passiert, um die Flussbiegung herum, darauf, wer oder was all diese Leute in den Fluss stößt. 4 Zu dieser Metapher ist Antonovskys
fundamentalistische philosophischen Annahme (...), dass der Fluss der Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, dass ein Großteil des Flusses sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: “Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?” (...) Ich habe mich dem Argument verschrieben, dass die Art, wie gut man schwimmt, zwar nicht ausschließlich, aber zu einem wesentlichen Anteil durch das SOC determiniert ist. Unter den objektiv gleichen Charakteristika des Flusses werden die Menschen unterschiedlich gut oder schlecht zurechtkommen. 5 Der Begriff des SOC wird im Folgenden erklärt.
2 Aaron Antonovsky, Salutogenese in der Übersetzung durch Franke, Tübingen 1997 S. 31 3 Aaron Antonovsky, Salutogenese in der Übersetzung durch Franke, Tübingen 1997 S. 29 f. 4 Aaron Antonovsky, Salutogenese in der Übersetzung durch Franke, Tübingen 1997 S. 91 5 Aaron Antonovsky, Salutogenese in der Übersetzung durch Franke, Tübingen 1997 S. 92
Arbeit zitieren:
Sibylle Heising, 2008, Salutogenese: Modell zur Entmystifizierung der Gesundheit nach Aaron Antonovsky, München, GRIN Verlag GmbH
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