Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Romanisches Seminar Französisch
Wintersemester 2006/ 2007
Abgabedatum: 16.04.2007
Eulaliasequenz
Hausarbeit zum sprachwissenschaftlichen Hauptseminar:
,,Epochen der französischen Sprachgeschichte"
Verfasserin: Kathleen Fritzsche
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
1
2.
Text der Eulaliasequenz
3
2.1 Altfranzösischer Originaltext
3
2.2 Deutsche Übersetzung
4
3.
Historischer Hintergrund
5
4.
Die Sequenz als literarische Form im Mittelalter
6
5.
Sprachwissenschaftliche Studie der Eulaliasequenz
6
5.1 Phonetik und Phonologie
6
5.2. Morphosyntax
8
5.2.1 Wortstellung
8
5.2.2 Nomen
9
5.2.3 Verben
9
5.2.4 Enklitika
10
5.2.5 Negation
10
5.2.6 Adjektive
11
5.3 Lexik
12
5.4 Das Problem des Verses 15 ,,Ellent adunet lo suon element"
15
5.5 Orthographie
16
6.
Schlussbetrachtung
17
7.
Literaturverzeichnis
18
8.
Anhang
20
8.1 Manuskript des Originaltexts der altfranzösischen Version der
Eulaliasequenz
20
8.2 Lateinische Version der Eulaliasequenz
21
1
1.
Einleitung
Als die Römer im 1. Jahrhundert v.Chr. Gallien eroberten, um die Bewohner zu
unterwerfen und zu assimilieren, konnte niemand ahnen, welche Auswirkungen dies auf
die Entwicklung des Lateinischen auf dem heutigen Gebiet Frankreichs haben würde. Nach
über Jahrhunderte andauernden Sprachkontakt mit den keltischsprachigen Galliern
entwickelte sich in den unteren Bevölkerungsschichten eine Form des Vulgärlateins
1
, so
wie dies u.a. auch in Italien und Spanien der Fall war. Aus der galloromanischen Form des
Vulgärlateins entstand nach und nach das Altfranzösische, welches anfangs als lingua
rustica romana
bezeichnet wurde. Durch das Konzil von Tours im Jahre 813 wurde
erstmals anerkannt, dass sich das Lateinische in Gallien anders entwickelte hatte, als das
Lateinische in Rom (Yaguello 2003, S. 23). Das Konzil forderte die Kirchenvertreter auf,
ihre Predigten nicht mehr im klassischen Latein sondern in der Sprache des Volkes zu
halten, um die Predigten für jeden verständlich zu machen
2
.
Der Text der Straßburger Eide
3
aus dem Jahre 842 ist das erste überlieferte
Dokument, welches eindeutig altfranzösische Sprachmerkmale der langue d'oïl aufweist.
Die Eulaliasequenz
4
folgte dann ca. 880 als erster erhaltener literarischer Text in
altfranzösischer Sprache
5
, basierend auf einer lateinischen Vorlage
6
. Anders als die
Straßburger Eide gibt die Eulaliasequenz schon recht gut Auskunft über die
Lautverhältnisse des Altfranzösischen zu jener Zeit. Der schon im 2. Jahrhundert n.Chr.
abgeschlossene Quantitätenkollaps der lateinischen Vokale, d.h. die Längen der Vokale
hatten im Altfranzösischen keine bedeutungsunterscheidende Funktion mehr, hatte als
Grundlage für die Diphthongierungen der Vokale im Altfranzösischen gedient, welche in
der Eulaliasequenz erstmals orthographisch umgesetzt wurden (Rickard 1977, S. 38).
1
Lat. lingua vulgaris
2
Originaltext von dem Konzil, zitiert nach Yaguello 2003, S. 23: ,,Et ut easdem omelias quisque aperte
transferre studeat in rusticam Romanam linguam aut Thiotiscam, quo facilius cuncti possint intellegere, quae
dicuntur."
3
Frz. Serments de Strasbourg
4
Frz. Séquence de Sainte Eulalie
5
Die Bezeichnung ,,altfranzösische Sprache" ist hierbei problematisch, da es zu jener Zeit noch keine
einheitliche altfranzösische Sprache gab. Gemeint ist hier der Dialekt des Franzischen, welcher vorwiegend
im Gebiet der Ile-de-France gesprochen wurde und später als Grundlage für die Entwicklung der
französischen Standard- und Literatursprache diente (cf. auch Hilty 1968).
Cf. Kesselring 1973, S. 196: ,,Die ganze überlieferte altfranzösische Literatur ist Dialektliteratur.
"Altfranzösisch" selbst ist eine Abstraktion; es gab nur altfranzösische Dialekte. Die Entstehung der
französischen Schrift-, Gemein- und Nationalsprache gehört höchstens der letzten altfranzösischen Epoche
an. Verwaltungs- und Kirchensprache blieb bis ins 16. Jh. das Lateinische; das Romanische wurde nur für
volkstümliche Zwecke verwendet."
Zur Bedeutung der Dialekte in der Eulaliasequenz siehe Kapitel 5.3 der vorliegenden Hausarbeit.
6
Kesselring 1973, S. 191: ,,Um 880 die Eulaliasequenz [...] Bearbeitung einer mittellateinischen Vorlage,
dem CANTICUM EULALIAE des Prudentius, zu Ehren der spanischen Heiligen Eulalia aus Mérida (gest.
304) [...]."
2
Die
vorliegende
Hausarbeit
betrachtet
die
Eulaliasequenz
auf
sprachwissenschaftlicher Ebene näher. Im Folgenden werden zunächst der altfranzösische
Originaltext und dessen deutsche Übersetzung dargestellt. Zudem wird auf den
historischen Hintergrund und auf die Sequenz als literarische Form im Mittelalter
eingegangen. Weiterhin wird eine ausführliche sprachwissenschaftliche Studie
vorgenommen, um die Bereiche Phonetik und Phonologie, Morphosyntax, Lexik, das
Problem des Verses 15 und die Orthographie in der Eulaliasequenz genauer zu
untersuchen.
3
2.
Text der Eulaliasequenz
2.1
Altfranzösischer Originaltext
7
Buona pulcella fut Eulalia,
Bel auret corps, bellezour anima.
2
Voldrent la veintre li Deo inimi,
Voldrent la faire dïaule servir.
4
Elle nont eskoltet les mals conseillers
Qu'elle Deo raneiet, chi maent sus en ciel.
6
Ne por or ned argent ne paramenz,
Por manatce regiel ne preiement,
8
Nïule cose non la pouret omque pleier
La polle sempre non amast lo Deo menestier.
10
E poro fut presentede Maximiien
Chi rex eret a cels dis soure pagiens.
12
Il li enortet, dont lei nonque chielt,
Qued elle fuiet lo nom christiien.
14
Ellent adunet
8
lo suon element :
Melz sostendreiet les empedementz
16
Qu'elle perdesse sa virginitet ;
Por os furet morte a grand honestet.
18
Enz enl fou lo getterent com arde tost:
Elle colpes non auret, poro nos coist.
20
A czo nos voldret concreidre li rex pagiens ;
Ad une spede li roveret tolir lo chief.
22
La domnizelle celle kose non contredist :
Volt lo seule lazsier, si ruovet Krist.
24
In figure de colomb volat a ciel.
Tuit oram que por nos degnet preier
26
Qued auuisset de nos Christus mercit
Post la mort et a Lui nos laist venir
28
Par souue clementia.
7
Text nach Berger; Brasseur 2004, S. 63
8
Auch: aduret. Cf. dazu Kapitel 5.4
4
2.2
Deutsche Übersetzung
9
Ein gutes junges Mädchen war Eulalia,
sie hatte einen schönen Körper, eine noch schönere Seele.
2
Die Feinde Gottes wollten sie besiegen,
sie wollten sie dazu bringen, dem Teufel zu dienen.
4
Sie hört nicht auf die schlechten Ratgeber,
dass sie Gott verleugnen solle, der oben im Himmel weilt,
6
weder Gold, noch Silber, noch Schmuck,
noch königliche Drohung, noch Bitten,
8
Keine Sache konnte sie jemals davon abbringen,
dass das Mädchen den Dienst für Gott nicht immerfort liebte.
10
Und deswegen wurde sie Maximian vorgeführt,
der in jenen Tagen König der Heiden war.
12
Er ermahnt sie, was sie nicht kümmert,
dass sie die Christen und ihre Religion verlassen soll.
14
Sie erwidert, indem sie das Element, welches das ihre ist, bekräftigt,
lieber würde sie die Folter aushalten,
16
als dass sie ihre (spirituelle) Unschuld verliere,
deswegen gab sie ihr Leben zu großer Ehre hin.
18
Hinein ins Feuer warfen sie sie, damit sie rasch verbrenne,
sie hatte keine Sünden, daher brannte sie nicht.
20
Damit wollte der heidnische König sich nicht zufrieden geben;
er befahl, dass man ihr mit einem Schwert das Haupt abschlage.
22
Das junge Mädchen widersprach dieser Sache nicht:
Sie wollte die Welt verlassen, und betet zu Christus,
24
in Gestalt einer Taube flog sie zum Himmel.
Lasset uns alle beten, dass sie für uns bitten möge,
26
dass Christus Gnade mit uns haben möge
nach dem Tode und uns zu ihm kommen lasse
28
durch seine Milde.
9
Übersetzung nach Hesse und Berger; Brasseur 2004, S. 62
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