Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ------------------------------------------------------------------------------------------------- 2
I. Persuasion und Rhetorik ------------------------------------------------------------------------ 4
1.1 Die retorica dell’elogio in persuasiven monologischen Texten -------------------------------------- 4
1.2 Tadel in den italienischen Tageszeitungen la Repubblica und Corriere della Sera -------------- 5
II. Die Persuasion im Spannungsfeld von Argumentationstheorie und Linguistik------- 6
III. Die Lehrgebäude der Antiken Rhetorik ---------------------------------------------------- 12
3.1 Ein Überblick: Die historische Entwicklung der Antiken Rhetorik ------------------------------ 12
3.2 Die aristotelische Systematik öffentlicher Redehandlungen --------------------------------------- 19
3.2.1 Die Einteilung der drei Redegattungen nach Aristoteles ------------------------------------------------- 19
3.2.2 Die Interpretationsansätze im Problemfeld der Epideixis ----------------------------------------------- 24
3.3 Die rhetorischen Wirkungsbereiche Logos, Ethos und Pathos ------------------------------------ 27
IV. Die retorica dell’elogio unter linguistischer Betrachtung und Analyse --------------- 33
4.1 Die Lobrede als Operationsfeld von Ethos und Pathos --------------------------------------------- 33
4.2 Linguistische Analyse von Kommentaren am Beispiel der Minutio ------------------------------ 40
V. Die persuasiven Strategien der Epideixis --------------------------------------------------- 49
Literaturverzeichnis -------------------------------------------------------------------------------------------- 50
Anhang ------------------------------------------------------------------------------------------------------------ 51
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I. Persuasion und Rhetorik
Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit den persuasiven Techniken der Lobrede, jener dritten Redegattung des antiken Rhetoriktheoretikers Aristoteles, bei der scheinbar kein strittiger Gegenstand zur Disposition steht. Scheinbar. Mit Aristoteles wird die Rhetorik als die Kunst (téchnē) verstanden, mit deren Hilfe jeder Redner imstande sei, die Mittel zu finden, beim Publikum Überzeugung zu der durch ihn unterbreiteten strittigen These zu schaffen. Die Rhetorik ist auf die Persuasion des Auditoriums ausgerichtet. Die eue Rhetorik von PERELMAN/OLBRECHTS-TYTECA - welche das Ende einleitete, sich mit der Rhetorik als bloßem Studium des schönen Stils und der rhetorischen Figuren zu beschäftigen - macht deutlich dass das Gelingen einer persuasiven Sprechhandlung von der Zustimmung des Publikums zur strittigen These abhänge. Als Rezipient innerhalb dieser Kommunikationssituation ist das Publikum also nach wie vor zentraler Angelpunkt rhetorischen Handelns. Insbesondere rückte mit der neuen alten Rhetorik die Argumentationstheorie und -analyse mehr ins Blickfeld des Interesses, die das logische Rückgrat der Rhetorik bildet. Auch die Sprachwissenschaft hat sich dieser neuen interdisziplinären Forschungsrichtung angenommen. In dieser Seminararbeit gilt es aber, nach den persuasiven Mitteln zu suchen, die in erster Linie nicht dem Logos zuzuschreiben sind. Neben dem Logos sind seit Aristoteles Pathos und Ethos die beiden anderen Wirkungsstrategien der rhetorischen Handlungen. In diesem Zusammenhang spielt auch das Verhältnis der Dichotomie überzeugen/überreden (lat. convincere/persuadere) eine Rolle.
Die Lobrede - it. elogio - umfasst das Problemfeld der Epideixis, in der es immer noch unklar ist, inwieweit diese dritte Redegattung, der von Aristoteles als eigentlicher Beurteilungsgegenstand nur die rhetorische Leistung des Redners zugewiesen wurde, eine persuasive Handlung darstellt. Rhetorisches Handeln ist zudem aber grundsätzlich pragmatisch, also handlungsspezifisch ausgerichtet. Deshalb ist hier die Frage zu stellen, inwieweit in der heutigen Medienwelt, insbesondere im Bereich der Politik, Lobes- und Tadelhandlungen stattfinden, die durchaus auf Überzeugung angelegt sind und schließlich später in eine Handlung übergehen können/sollen. Journalisten verfassen solche persuasiven Texte und sprechen ein Lob oder einen Tadel aus: Modern gesprochen geben sie eine Kritik über einen allen Lesern bekannten Sachverhalt oder eine Person ab - sie schreiben Kommentare, Kritiken, eine Laudatio oder auch einen Nachruf. Hier ist es wirklich zu überprüfen, in welcher Art und Weise Linguisten solche persuasiven Texte beschreiben können. Deshalb muss die Linguistik auf die Fragen und Antworten der antiken Rhetorik zurückgreifen, um zu erfahren, wie sich die Mittel linguistisch beschreiben lassen, die jene persuasive Kraft besitzen.
1.1 Die retorica dell’elogio in persuasiven monologischen Texten
Das Ziel dieser Seminararbeit ist es zunächst, die Frage zu stellen, inwiefern die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu einsetzende Beschäftigung im Bereich der Argumentationstheorie und Per-
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suasion - unter Berücksichtigung der Aufarbeitung der antiken Rhetorik - die moderne Linguistik beeinflusst hat. Weiterhin ist die Frage zu stellen, was die antiken Rhetoriktheoretiker mit ihrer eigens geschaffenen Disziplin bezweckten, wie sie grundsätzlich aufgebaut ist und welche Ziele sie schließlich verfolgte. Dabei ist zu klären, wie sich das Phänomen der Persuasion - mit dem sich die antiken Rhetoriktheorien ja befassten - auch mit den modernen kommunikationswissenschaftlichen Methoden beschreiben lassen.
Danach ist zu klären, in welcher Art und Weise die Epideixis innerhalb der Rhetoriktradition ein Problemfeld darstellt, welches mit der Definition der Rhetorik als Redelehre und ihrem systematischen Aufbau im Zusammenhang steht. Dahin ist konkret die Frage zu stellen, wie sich die persuasiven Mittel eines Textes anhand von textsemantischen Strukturen analysieren lassen. Es geht also hierbei darum, herauszufinden, welche sprachlichen Mittel journalistische Autoren monologischer persuasiver Texte verwenden, um mit ihrer Darstellung zu überzeugen. Dabei sind die rhetorischen Wirkungsstrategien Logos, Ethos und Pathos von entscheidender Bedeutung, denn sie geben Hinweise darauf, in welche Richtung die Autoren versuchen, den Leser von der Darstellung ihrer persuasiven Handlung zu überzeugen. Schließlich ist anhand einiger Korpusbeispiele zu zeigen, in welcher Weise die moderne Linguistik einen Beitrag dazu leisten vermag, wie diese in persuasiven Texten verwendeten Überzeugungsstrategien ihre Wirkung durch die Sprache erzielen.
1.2 Tadel in den italienischen Tageszeitungen la Repubblica und Corriere della Sera
Der praktische Teil dieser Seminararbeit stützt sich auf die linguistische Analyse von drei Zeitungskommentaren der italienischen linksliberalen Tageszeitung la Repubblica und des konservativen Corriere della Sera, erschienen in Ausgaben der Jahre 2003 bis 2005. Es handelt sich dabei um nicht gewöhnliche Kommentare, sondern eigens für die Thematik dieser Arbeit relevante Texte, die von ihrem rhetorischen Gehalt her der dritten Gattung der Lobrede zuzuordnen ist.
Es sind von Journalisten geschriebene Texte, deren sprachliche Handlungen epideiktischer Natur sind. Da die Textanalyse im Wesentlichen auf der Redeanalyse aufbaut, die ihre Quelle in der antiken Rhe-toriktheorie und deren Gegenstand und Funktion - die Persuasion - findet, können solche persuasiven Texte auch nach deren Muster untersucht werden. Es ist also zu untersuchen, ob auch solche persuasiven Texte immer noch mit den gleichen antiken rhetorisch-persuasiven Mitteln arbeiten. Anschaulich zu zeigen wäre, ob auch solche persuasiven Sprechhandlungen in Form monologischer Zeitungskommentare die jene Argumentationsverfahren aufweisen, die Aristoteles beispielsweise speziell für den elogio näher untersucht hat. An dieses Problemfeld schließt sich die Frage an, wie sich dieses linguistisch beschreiben lässt.
Allgemein ist schließlich auch die Frage zu klären, ob die Autoren solcher Texte mit den verwendeten sprachlich-rhetorischen Mitteln ein persuasives Ziel verfolgen, das über konkrete Einstellungsveränderungen hinausgeht und eine Handlungsdisposition mittelbar hervorruft.
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II. Die Persuasion im Spannungsfeld von Argumentationstheorie und Linguistik
Es stellen sich schon gewisse Schwierigkeiten ein, wenn man versucht, einen Überblick über die Literatur zu geben, der dem Beziehungsverhältnis von Rhetorik, Persuasion und Argumentationstheorie sowie Linguistik gerecht wird. Aus diesem Grund wurde versucht, zwischen diesen Disziplinen einen gerechten Weg einzuschlagen. Im Folgenden werden die Arbeiten aufgeführt, die zur Entwicklung von Lösungsansätzen dieses Problemfeldes bedeutend beigetragen haben.
Die Rhetorik in seinem antiken Verständnis als der Redetheorie, die mit der Überzeugung eines Publikums und der Manipulation verbunden ist, andererseits an die Dialektik angrenzt, hat aufgrund des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon historisch geschaffenen Nährbodens einen deutlichen Aufwind erfahren. Besonders deutlich wird das daran, dass mit dem Aufkommen der Massenmedien und der Kommerzialisierung des Alltags, aber auch der zunehmenden Demokratisierung eine Entwicklung einherging, die die Argumentation in alle Lebensbereiche eintreten ließ (vgl. TUTESCU 2003 1 ). Ganz alltägliche Gespräche sind Beispiele dafür, in welch breitem Kontext der Begriff der Argumentation einerseits und der Persuasion im Allgemeinen zu fassen ist. Die Ansätze der Autoren gehen auf die antiken griechischen Autoren zurück.
Mit dem Erscheinen des Werkes Traité de l’argumentation (1976) leiten PERELMAN/OLBRECHTS-TYTECA die Neuausrichtung der Argumentation ein. Eine Argumentationstheorie, die sich wie in den Jahrhunderten zuvor seit Déscartes nicht mehr ausschließlich auf die formale Logik beschränkt. Sie beschreiben die Argumentation als das Studium der diskursiven Techniken, die es dem Äußernden erlauben, eine Zustimmung bei seinem Gegenüber durch wahrscheinliche Aussagen (Prämissen) herbeizuführen (vgl. TUTESCU 2003). Dabei beschreiben sie nicht einmal völlig Neues, sondern stehen in der seit der Aufklärung vernachlässigten Tradition Aristoteles’, dem eigentlichen Begründer der Ar-gumentationstheorie. Während das Gebiet der Logik rein formeller Natur sei, beschrieben die Begriffe der Überredung und Überzeugung die der Argumentation.
Mit der ouvelle Rhétorique verfolgen PERELMAN/OLBRECHTS-TYTECA die Absicht, eine Diskussion über die Form der Argumentation zu beginnen, von dem sie sich einen praktischen Nutzen versprechen. Die beiden Autoren wählten ihren Korpus aus gerichtlichen Reden aus, anhand dessen sie die rhetorischen Mittel herausstellen, die eine Argumentation erfolgreich machen. Schließlich ist hiermit ein weiteres Ergebnis gegeben: Die in ihrer Konzeption der Argumentation hervorgehobene adhésion setzt die Existenz eines Auditoriums voraus, bei dem stets bestimmte Einstellungen stets vorhanden seien. Die argumentative Rede sei demnach eine sprachliche Handlung, die darauf abziele, das Publikum zu beeinflussen und infolgedessen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Das entscheidende Merkmal der adhésion bei PERELMAN/OLBRECHTS-TYTECA (vgl. 1976: 5) ist die variable Intensität, die nicht Klarheit (evidence) erreichen müsse. Ihre Untersuchung betrifft die von Aristoteles
1 TUTESCU, Mariana (2003): L’Argumentation. Kapitel 2/A.1. Bukarest. Quelle: http://www.unibuc.ro/eBooks/lls/MarianaTutescu-Argumentation/3.htm
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als nicht-analytisch beschriebenen Begründungshandlungen, die sich auf allgemeine Meinungen einer Topik stützen, denen das Publikum mit einer gewissen Intensität zustimmen würde: „En effet, l’objet de cette théorie est l’étude des techniques discursives permettant de provoquer ou d’accroître l’adhésion des esprits aux thèses qu’on présente à leur assentiment. Ce qui caractérise l’adhésion des esprits c’est que son intensité est variable : rien ne nous oblige à limiter notre étude à un degré particulier d’adhésion des esprits, caractérisé par l’évidence, rien ne nous permet de considérer a priori comme proportionnels les degrés d’adhésion à une thèse avec sa probabilité, et d’identifier évidence et vérité.“ (PERELMAN/OLBRECHTS-TYTECA 1976: 5)
Die Argumentation sei dann am wirkungsvollsten, wenn es dem Argumentierenden gelinge, die Zustimmung seines Auditoriums zu erreichen (vgl. ebd.: 7). Je präziser Werte in der Gesellschaft verankert seien, desto leichter sei es nach PERELMAN, auf deren Grundlage zu argumentieren und das Publikum zu der für das Gelingen der persuasiven Handlung stets eingeforderten Zustimmung zu bewegen. Jahre später erscheint die Arbeit Das Reich der Rhetorik (L’empire rhétorique) (1980), das konkret auf die Kritik zu seinem Traité eingeht und dennoch in der Kontinuität seiner vorherigen Arbeiten steht und sie zusammenfassend präsentiert.
In How to do Things with Words (1962) stellt der englische Philosoph John L. AUSTIN die These auf, dass (performative) Äußerungen nicht nur einen propositionalen Inhalt haben, sondern auch (sprachliche) Handlungen vollziehen. Das Buch erschien als postume Bearbeitung einer in Harvard gehaltenen Vorlesungsreihe. John L. AUSTINs Theorie der Sprechakte beschreibt die Analyse, nach der mit jeder sprachlichen Äußerung auch etwas getan werde, wie beispielsweise die argumentativ relevanten Sprechakte Behaupten, Beurteilen, Einräumen, Überreden, Überzeugen und Zustimmen (vgl. AUSTIN 2002: 170ff.). In seiner Theorie unterscheidet er zwischen konstativen und performativen Äußerungen, denen sein besonderes Interesse gilt: Diese spaltet er in drei Wirkungsbereiche auf, um die Sprechakte zu beschreiben und zu analysieren: Lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte, die er als die drei Dimensionen einer jeden performativen Äußerung bezeichnet (vgl. AUSTIN 2002: 118f.). Bei der Entwicklung seiner Theorie geht er empirisch vor und analysiert viele Proben performativer Äußerungen nach ihrem Gelingen und Misslingen, womit er den grundlegenden Unterschied zu konstativen Äußerungen verifizieren will, die nur wahr oder falsch sein könnten.
Mit Austins Werken und den Studien seines Schülers John R. SEARLE (Speech Acts, 1969), der seine Arbeit fortführt, beginnt mit dem Hinzutreten der pragmatischen Ebene von Äußerungen (bzw. Aussagen) die Wende, welche in späteren Argumentationstheorien ihren Einzug schafft. SEARLE zählt die persuasiven Verben überreden und überzeugen zur Dimension des perlokutionären Aktes: „Correlated with the notion of illocutionary acts is the notion of the consequences or effects such acts have on the actions, thoughts, or beliefs, etc. of hearers. For example, by arguing I may persuade or convince someone, by warning him I may scare or alarm him, by making a request I may get him to do something, by informing him I may convince him (enlighten, edify, inspire him, get him to realize). The italicized expressions above denote perlocutionary acts.” (SEARLE 1969: 25)
Verben wie behaupten, feststellen und bestätigen (engl. assert, state (that), affirm), die in das Spannungsfeld der Persuasion fallen, zählt er zu den Verben illokutionärer Akte (vgl. ebd.: 66). - Die beiden englischen Sprachphilosophen gelten als die Begründer der Sprechakttheorie.
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In Anlehnung an SEARLE - dessen Hypothese in Speech Acts lautet: „speaking a language is a matter of performing speech acts according to systems of constitutive rules“ (SEARLE 1969: 38) - beschreibt KOPPERSCHMIDT (vgl. 1973: 75ff.) das Phänomen Persuasion als Einzelsprechakt. Die Berechtigung zu dieser Auffassung liege nach ihm neben den verstreuten expliziten Bemerkungen AUSTINs zum Sprechakt des Überzeugens in der pragmatischen Orientierung dieser Theorie, die das pragmatische Interesse einer sich handlungstheoretisch begründenden Rhetorik auf den Begriff bringe (vgl. KOP-PERSCHMIDT 1973: 75). Er schließt sich also AUSTIN und besonders SEARLE an, der die Verben überzeugen/überreden als perlokutionäre Akte bezeichnet hatte, denn diese würden nicht die perlokutive Explikation der vollzogenen Handlung kennzeichnen, sondern deren Reaktion bzw. Wirkung. Damit der Sprechakt des Überzeugens mittels der perlokutionären Explikation darstellbar sei, müsse der Ausdruck überzeugen auf die Formel „Ich führe (hiermit) Argumente (Gründe) dafür an, daß…“ (ebd.: 82) gebracht werden. Schließlich formuliert er sieben Regeln, die das Gelingen des persuasiven Sprechakts bedingen (vgl. ebd.: 84-98; vgl. dazu auch ORTAK 2004: 68).
KLEIN (vgl. 1987) nennt Sprechakte, die für die Beweisführung grundlegend ist, konklusive Sprech-handlungen und teilt sie unter Berücksichtigung von zwei Aspekten (zum einen der Gegenstand, auf den diese Handlungen bezogen sind und der so genannte Aspekt des Thematisierens wie Wahrheit, Richtigkeit, usw.) in vier Klassen ein: Erklären-warum, rechtfertigen, begründen und folgern. In seinem Buch Die konklusiven Sprechhandlungen (1987) beweist KLEIN, dass diese vier Sprechhandlungsklassen durch performative Verben bzw. Formeln nicht angewendet werden können (vgl. ebd.: 40). Der nächste Schritt in seinen Überlegungen besteht in der Gegenüberstellung jener konklusiven Sprechhandlungen mit den Sprechaktklassen von SEARLE (1969), die er um eine Klasse ergänzt. Durch die Kombination beider Gruppen kommt er zu der Schlussfolgerung, dass jede in einem Text vollzogene Sprechhandlung als eine argumentative Handlung interpretiert werden müsse (vgl. ebd.: 60). Auch die nach Definition nicht-konklusiven Sprechhandlungen hätten einen argumentativen Status, da sie dem Hauptziel des Textes untergeordnet seien. Ein gezieltes Einsetzen von einer Argumentationsstrategie liege jeder Textplanung bzw. -gestaltung zugrunde und entscheide über die Wahl der sprachlichen und nicht sprachlichen Mittel. Mit anderen Worten: Der Emittent versuche, mit Hilfe dieser argumentativen Textgestaltung die Akzeptanz der vorgebrachten Argumente seitens des Rezipienten zu erreichen, d.h. der Emittent benutze unterschiedliche Aussagen und Mittel, von denen der Emittent glaubt, dass die Adressaten sie akzeptieren (vgl. 1987: 67). In einem Gesamtüberblick über die Argu-mentationstheorie versteht der andere - Wolfgang - KLEIN die Argumentation wie folgt: „In einer Argumentation wird versucht, mit Hilfe des kollektiv Geltenden etwas kollektiv Fragliches in etwas Kollektiv Geltendes zu überführen.“ (KLEIN 1980: 19)
Bei alltäglichem Schließen gehe es also nicht um die Wahrheit der vorgebrachten Argumente, sondern um die Übernahme bzw. Bestätigung einer strittigen Sache.
Die sehr ehrgeizige Arbeit von Heinrich LAUSBERG, das Handbuch der literarischen Rhetorik (1960), versucht dem Anfänger des Studiums der Literaturwissenschaft eine Stütze zu bieten und ihm die Be-
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griffswelt der antiken Rhetorik näher zu bringen. Darüber hinaus sich setzt das Handbuch zur Aufgabe, „für den in der Textinterpretation stehenden Philologen ein orientierendes Hilfsmittel“ (ebd.: 7) zu bieten. Es stellt keine simple chronologische Rhetorikgeschichte dar, sondern ein mit ausführlichen Zitaten bestücktes, durch Paragraphen untergliedertes Nachschlagewerk, das den systematischen Aufbau der fünf Redeteile übernimmt und die in den Teilen relevanten rhetorischen Figuren und Termini definiert. Dies geschieht dadurch, dass LAUSBERG die relevanten Textstellen der antiken Rhetorik-theoretiker und denen des Mittelalters und der Neuzeit hinzufügt und die Überprüfbarkeit auf diese Weise vereinfacht. Die Rhetorik wird als Grundlage der Literaturentwicklung gesehen: „Der Unterricht in der literarischen Rhetorik will als Gegengift verstanden sein, als Schutz gegen eine allzu schnelle Aktualisierung des Kontakts mit der Individualität des Kunstwerks und seinem individuellen Schöpfer. Die Rhetorik will die langue aufzeigen, die das konventionelle Ausdruckmittel der parole ist. Eine langue ohne parole ist tot, eine parole ohne langue ist unmenschlich: Sprache, Kunst, soziales und individuelles Leben zeigen eine dialektische Interdependenz zwischen langue und parole. Die Aufgabe des […] Handbuchs ist hierbei die Ermöglichung eines ersten Überblicks über die Phänomene literarischer langue.“ (ebd.: 8)
Auch das andere Buch LAUSBERGs, die Einführung Elemente der literarischen Rhetorik (1963) verfährt in ähnlicher Weise wie das Handbuch - jedoch nicht in der gleichen detaillierten Form. Der Grundriß der Rhetorik (1994) von UEDING/STEINBRINK ist das andere große Projekt, das sich zur Aufgabe macht, die Geschichte und die Methode der Rhetorik als Disziplin systematisch darzustellen. Dies geschieht auf konventionellem Wege, indem sie den historischen Gesamtüberblick über die Rhe-torikkonzeptionen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert von dem systematischen Teil trennen, der auf die einzelnen rhetorischen Techniken und Phänomene genauer eingeht. Die von den großen antiken Rhetorikern zu einem „humanistischen Bildungssystem“ (vgl. UEDING/STEINBRINK 1994: 1) erweiterte Redelehre habe besonders in Deutschland einen lang anhaltenden Verfall erlebt, der bei der Darstellung mitberücksichtigt werde, um den bis dahin vorherrschenden schlechten Ruf der Rhetorik beseitigen zu helfen und die Aktualität der Rhetorik zu unterstreichen - auch im Hinblick darauf, die neuen Medien des gesprochenen Wortes und Bildes einzubeziehen. Dabei verstehen die Autoren die Rhetorik als über ihr eigentliches Wirkungsfeld in der Praxis hinaus bestehende Theorie, die entgegen ihren ewigen ethischen Vorbehalten geradewegs zur Ausbildung eines sozial und moralisch-ethischen agierenden Menschen beitrage, wenn nicht sogar als Voraussetzung dazu gelte (vgl. ebd.: 3). Die Rhe-torik verstehen sie als eine Disziplin, deren Anwendung einen Arbeitsprozess und den Verlauf einer praktisch angewandten Beredsamkeit nach historischen Grundfesten untersuchen helfe: „Die rhetorische Methode [Hervorh. i. Orig.] schließlich bezeichnet das Verfahren, sämtliche Konstituenten eines Werkes aus einem sie alle übergreifenden Wirkungszusammenhang mit Hilfe des überlieferten, doch geschichtlich variablen und offenen, also weiterzuentwickelnden Systems der Rhetorik zu erklären und diesen selber historisch jeweils unterschiedlich und nach Maßgabe aller gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen zu begreifen.“ (ebd.: 6)
Dieses rhetorische System wird in einer typischen Rezeptionsweise vermittelt, basierend auf den rhe-torischen Phänomenen und subtilen Wirkungstechniken der antiken Rhetoriker. In L’Argumentation dans la langue (1983) stellen DUCROT/ANSCOMBRE die wichtigsten Arbeiten
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ihrer Argumentationstheorie zusammen, eine Theorie, die die Argumentation als festen Bestandteil in jede sprachliche Äußerung integriert. Eine sprachliche Äußerung besitze nach DUCROT/ANSCOMBRE immer zwei Aspekte, eine informative wie auch eine argumentative Seite. Jede Äußerung biete dem Empfänger eine „orientation argumentative“ (TUTESCU 2003), die den Empfänger zu einer vom Sprecher intendierten Schlussfolgerung bewege. Auf diese Weise argumentiere ein Sprecher mit jeder Äußerung, denn jede Äußerung - mag sie auch nur ausschließlich informativ sein - enthalte eine argumentative Kraft, wie sie es nennen. Von der linguistischen Analyse her gesehen, beschreiben sie die pragmatischen Konnektoren als die argumentativen Operatoren einer Rede, die in ihrer Konzeption den argumentativen Wert einer Äußerung deutlich machten:
„Le sens d’un énoncé comporte, comme partie intégrante, constitutive, cette forme d’influence que l’on appelle la force argumentative. Signifier, pour un enoncé, c’est orienter. De sorte que la langue, dans la mesure où elle contribue en première place déterminer le sens des énoncés, est un des lieux priviligiés où s’élabore l’argumentation.“ (DUCROT/ANSCOMBRE 1983: Avant-propos) Laut TUTESCU (vgl. 2003) sei ihrer Theorie die Unterscheidung zwischen Argumentation und dem Sprechakt Argumentieren zu verdanken. Die Argumentation definieren sie als einen Text mit mindestens einer Äußerung, die in einem begründenden Verhältnis zu einer anderen steht: „Lorsqu’un locuteur construit une argumentation, il présente, avons-nous dit, un énoncé E¹ (ou un ensemble d’énoncés) comme un argument devant autoriser un autre énoncé E² explicite ou implicite. Il peut sembler raisonnable de décrire l’argumentation comme l’accomplissement de deux actes: l’énonciation de l’argument d’une part, et d’autre part un acte d’inférer opéré lorsque l’on exprime ou sousentend la conclusion.“ (DUCROT/ANSCOMBRE 1983 : 11)
Von jenem acte d’inférer ist der acte d’argumenter zu unterscheiden. Denn dieser könne auch außerhalb der Argumentation auftreten, innerhalb einer Argumentation sei es der Akt, der eine Argumentation stützt (vgl. ebd.: 168). Die These der beiden französischen Wissenschaftler geht sogar so weit, dass praktisch jede Äußerung/Aussage (frz. enoncé) der Gegenstand eines argumentativen Sprechaktes sei und einen Teil seines Sinns ausmache, ob diese nun als Prämisse in einer Argumentation fungiere oder nicht. Die Äußerungen, in denen die Konklusionen in gradueller Anordnung schon enthalten seien, seien in eine syntaktische und semantische Struktur eingebunden, die dem Empfänger scheinbar nur einen informativen Wert lieferten: Die Begriffe orientation argumentative, gradualité und scalarité spielen bei DUCROT/ANSCOMBRE eine bedeutende Rolle:
„La structure argumentative, objet de la rhétorique intégrée: il s’agit d’une orientation interne des énoncés vers tel ou tel type de conclusions, orientation non déductible du contenu informatif.“ (DUCROT/ANSCOMBRE 1983: 35)
In einem ganz anderen Gewand präsentiert sich die Argumentationstheorie der Amsterdamer Schule, maßgeblich die der beiden Kommunikationswissenschaftler van EEMEREN/GROOTENDORST. Sie entwerfen eine Redetheorie, die in einem normativen Modell mündet: Sie betrachten die Argumentation im Verlauf kritischer Diskussionen, nähern sich der epistemisch-rhetorischen Ebene an und berücksichtigen zum Gelingen jener Diskurse einen Katalog von Sophismen.
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In dieser Konzeption bezeichnet der Begriff des Sophismus jene Sprechakte, die auf irgendwelche Weise die Lösungsfindung eines Diskurses beeinträchtigen: Die in ihrer Konzeption als Fehler entwickelten Sophismen werden mit Hilfe von normativen Regeln aufgedeckt und müssten in den verschiedenen Stufen einer Argumentationshandlung wie beispielsweise der einer diskursiven Diskussion beachtet werden (vgl. TUTESCU 2003). Sie versuchen, eine Analyse der Sophismen vorzunehmen, und betrachten Regelwidrigkeiten, die die Argumentation zur Lösung eines Meinungskonfliktes erschweren. In ihrem 1996 erschienenen Werk Fundamentals of Argumentation Theory (frz. Titel: La nouvelle dialectique) beschreiben sie den Diskurs als interaktiven Prozess mittels eines geregelten Austauschs von Sprechakten:
„Le modèle idéal pragma-dialectique définit les règles du discours argumentatif raissonnable comme les règles de production des actes de langage dans une discussion critique destinée à résoudre un différend. À chaque étape, les règles indiquent à quel moment les participants à une telle discussion doivent exécuter telle manoeuvre particulière. Les sophismes sont considérés comme des manoeuvres incorrectes qui violent une ou plusieurs règles de la discussion. C’est pourquoi figurent, parmi les sophismes, tant les erreurs logiques que bien d’autres facteurs susceptibles d’entraîner l’échec du discours argumentatif.“ (EEMEREN/GROOTENDORST 1996: 237)
Schließlich habe die dialektische Diskurstheorie neben der eingeforderten Rationalität noch ein zweites Kriterium, nämlich dass das Prozedere der Argumentation nach bestimmten Regeln ablaufe, welches es erlaube, das argumentative Ziel - die Lösung des zwischen zwei Parteien herrschenden Meinungskonflikts - auch zu erreichen. Dieser über Regeln methodische Austausch sei eine Interaktion von Sprechakten, d.h. eine pragma-dialektische Konzeption. Wo die rhetorische Analyse einerseits die argumentative Rede rekonstruiere, indem sie die Rede in ihre Bestandteile zerlegt, die beim Publikum Überzeugung schaffen, untersuche die pragmatische Dialektik die Aspekte, die für die Lösung des Meinungskonflikts innerhalb eines idealen Diskurses notwendig seien. Beschreibe die rhetorische Argumentation die Möglichkeiten der Persuasion, denke ihr Konzept der dialektischen Argumentation über die Regeln eines richtigen Diskursesverlaufes nach (vgl. ebd.: 12ff.). In ähnlicher Weise wie Fundamentals of Argumentation Theory werden in einem aktuelleren Werk von EEMEREN/GROOTENDORST pragma-dialektische Regeln aufgestellt, die in einem kritischen Diskurs eine vernunftorientierte Norm der Sprechhandlungen vorgeben, in denen ein Meinungskonflikt im Mittelpunkt steht:
„These rules are to be considered as the rules that are to be followed in order to play the game effectively, and they are to be judged for their capacity to serve this purpose well - their problem-validity. In order for the rules to be of any practical significance, however, there also must be potential discussants who are prepared to play the by these rules, because they accept them intersubjectively - so that the rules acquire conventional validity as well.” (EEMEREN/GROOTENDORST 2004: 187) Schließlich räumen sie ein, dass diese nicht immer exakt eingehalten würden und unterstreichen dennoch, dass nur unter deren Einhaltung eine Konfliktlösung möglich sei - es den Diskussionspartnern also angeraten scheint, diese auch zu akzeptieren (vgl. ebd. 188f.).
Im Anschluss folgt der Hauptteil dieser Seminararbeit, der mit einem großzügigen theoretischen Teil zunächst in die argumentationsanalytische Terminologie einführen soll.
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III. Die Lehrgebäude der Antiken Rhetorik
3.1 Ein Überblick: Die historische Entwicklung der Antiken Rhetorik
Die Beredsamkeit war in der griechisch-römischen Antike ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens und Bildungswesens. Von der Blütezeit der griechischen Demokratie im 5./4. Jahrhundert an bis 1000 Jahre später, in der Zeit, als sie längst zum Kanon der artes liberales zählte, behauptete sie sich als schließlich ausgefeilte Theorie und in der öffentlichen Praxis.
In zweierlei Hinsicht war die Rhetorik eine formale Disziplin, die einerseits mit sprachlichen Formen arbeitete, also mit Semantik, Syntax und der klanglich-rhythmischen Ausformung, andererseits mit logischen Formen, mit deren Hilfe die Theoretiker in einer sich entwickelnden überzeugenden Argumentations-technik auf der Suche nach der Wahrheit waren:
„Die Rhetorik ist durch diesen zweifachen Inbegriff formaler Regeln und Prozeduren einerseits mit der Poetik, andererseits mit der Logik oder Dialektik verwandt: mit der Poetik teilt sie sich in die Stilistik, mit der Logik in die Lehre vom Beweisverfahren, vom Schluß (Syllogismus).“ (FUHRMANN 1995: 8) Die Rhetorik war aus Protest gegen die traditionellen adligen Führungsschichten jener griechischen Aufklärungsbewegung hervorgegangen und wurde zum „Lieblingskind der Sophistik“ (ebd.: 9). Später erst kam es zur Ausbildung einer téchnē, die maßgeblich von der zunächst wissenschaftlichen Analyse rhetorischer Beweise eines Aristoteles’ bis zur Ausbildung eines durch (Cicero und) Quintilian ausgereiften theoretischen Lehrgebäudes reicht:
„Über das Wesen der Rhetorik - ob es sich bei ihr um eine Wissenschaft, um eine Kunst oder lediglich um Routine handele - hat man sich während der ganzen Antike nicht einigen können: sie wurde wegen des problematischen Verhältnisses, das die öffentliche Rede zur Wahrheit hat, von philosophischer Seite immer wieder abschätzig beurteilt und entsprechend niedrig eingestuft.“ (ebd.: 11) Dieser Widerstreit in Bezug auf die unterschiedlichen Auffassungen durchzieht sich durch die gesamte Rhetorikgeschichte und tritt auch in dieser Seminararbeit immer wieder an manchen Stellen zutage. Nach FUHRMANN (vgl. ebd.: 12) tritt das Konzept der Rhetorik als téchnē zum ersten Mal in Platons Dialog Gorgias auf, wo sie von der Titelfigur, dem Redelehrer und Vertreter der Sophistik, als Kunst bezeichnet wird, die selbst dann gebraucht werden dürfte, wenn sie manipulativen Zwecken diene. Gerade dieser Dialog gilt in der Geschichte der antiken Rhetorik als Paradebeispiel der widerstreitenden Positionen. Platon führt hier im dialektischen Diskurs vor, was er gegen die von den Sophisten propagierte Rhetorik und der vorzubringen hat: Er tut das mit Hilfe der zweiten Figur des Dialogs, seines Lehrers Sokrates. Wo Gorgias die Allmacht des Wortes propagiert, lässt Platon Sokrates einwenden, dass die Rhetorik, wie sie die Sophisten anwenden und verbreiten, nur auf Erfahrungen und nicht auf Wissen basiere und somit auch keine Erkenntnis hervorbringe:
„Die Definitionen, die […] [einer] ersten Gruppe angehören, suchen die Rhetorik von ihrem Zweck her in den Griff zu bekommen; sie sind stärker formal orientiert und sehen davon ab, vom Redner eine bestimmte moralische Beschaffenheit zu fordern und ihm irgendwelche Beschränkungen in der Wahl seiner Mittel aufzuerlegen. […]
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Die Definitionen der zweiten Gruppe hingegen verlangen vom Redner mehr oder minder ausdrücklich moralische Qualifikationen, womit sie ihm zugleich Beschränkungen in der Wahl seiner Mittel auferlegen.“ (FUHRMANN 1995: 12; 13)
Die Ursprünge der Rhetorik als Theorie der Beredsamkeit liegen jedoch woanders, nämlich in Sizilien. Denn dort habe es nach dem Sturz der Tyrannis (467) gerichtliche Prozesse gegeben, bei denen zum ersten Mal wortgewaltige Redner aufgetreten seien (vgl. GÖTTERT 1994: 75). Im Griechenland Homers hat es eine praktische Beredsamkeit zwar schon gegeben, aber erst das Aufkommen der Demokratie trug entschieden zum Aufstieg einer auf Regeln basierenden Beredsamkeit bei. In der Überlieferung ist von zwei Syrakusanern Teisias und Korax als den Begründern der Rhetorik die Rede, womit man aber nicht sehr viel anfangen kann, da nichts Schriftliches von ihnen überliefert ist. Daneben weiß man aber von einem dritten aus Sizilien Stammenden, eben jenem Gorgias von Leontinoi (etwa 480-380 v. Chr.), der in Athen erfolgreich als Redelehrer auftrat. Er war Sophist, Vertreter jener Bewegung, die wirkungsvoll mit neuen sprachlichen Methoden Einfluss auf ihre Umwelt nehmen wollten. Der eigentliche Widerstreit zwischen den Auffassungen der Redekunst nimmt hier ihren Anfang. Zwei Gruppen, die Sophisten (Gorgias) und die Philosophen der Dialektik (Sokrates, Platon) beanspruchten jeder auf seine eigene Weise, die Rhetorik richtig zu vermitteln. Im Zentrum des Dissens’ stand die verschiedene Auffassung der Persuasion als Überredungskunst. Beide sahen zwar darin die Aneignung der Welt durch Sprache im allgemeinen Sinn, hatten aber verschiedene Meinungen, wie sie diese zu erreichen trachteten. Die Sophisten sahen in der Rhetorik ein wirksames Instrument diesseitiger Lebensführung, um als einzelner Mensch Einfluss auf seine Umgebung zu nehmen und Weltzustände über alle moralischen und ethischen Verpflichtungen hinweg zum eigenen Vorteil zu verändern. Sie wehrten sich, allein die eigenen Interessen verfolgend, gegen die überindividuelle Erkenntnis, indem sie die Meinung vertraten, dass die Erkenntnis zur Wahrheit unmöglich sei. Gorgias als Hauptvertreter der Sophisten kam es also mehr darauf an, die eigenen Interessen durch die Rede möglichst effektiv durchzusetzen, ob die darin vertretenen Meinungen nun der Wahrheit entsprechen oder nicht, ob die die eigene individuelle Meinung zum Ausdruck bringenden Mittel legitim waren oder nicht: „Mit seinen Ausführungen verbalisiert Gorgias demnach mehr als ein philosophisches Credo; als sprachliches Handeln aufgefasst, schafft er die argumentative Basis dafür, die Zweckgebundenheit des lógos [eigene Hervorh.] in der kommunikativen Praxis als das Maß aller Dinge zu verstehen.“ (ORTAK 2004: 27)
Gorgias und die „ersten berufsmäßigen Intellektuellen“ (GÖTTERT 1994: 76) verfolgten eine pragmatische Redekonzeption, die auf Wirkung aus war, auf den Erfolg der sprachlichen Handlung. Die widersprüchliche Auffassung des vieldeutigen Begriffs des Logos kommt hier zum Ausdruck, deren amoralische Anordnung nur auf Widerstand stoßen musste - auf den, dem Sokrates und Platon mit der durch sie begründeten Philosophie verpflichtet waren.
Zwar waren auch diese dem Glauben gegenüber skeptisch eingestellt, dass der Mensch die absolute Wahrheit nie zu erkennen vermag. Doch anstatt die „Geltungsbedingungen des lógos“ (ORTAK 2004: 27) nur allein auf die eigennützige, individuelle Lebensführung anzuwenden, stellten sie in Aussicht, der idealen Erkenntnis zumindest näher zu kommen. Für sie stellte der Logos der Rede nicht ein In-
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strument dar, die Außenwelt den eigenen Bedürfnissen anzupassen, sondern ein bedeutsames Mittel zur Wahrheitsfindung - die sich die Philosophie fortan auch konsequent zur Aufgabe setzte: „Es ist sicher nicht übertrieben, in der Kontroverse die Grundlegung für den gängigen Topos vom Gegensatz zwischen ‚Theorie’ und ‚Praxis’ zu sehen. Hier nimmt das sehr komplizierte Wechselverhält-nis von Philosophie und Rhetorik, die jeweils den in der Antike vorgezeichneten Sprachbegriff durchzusetzen versuchen und immer wieder auch gegenseitige Vereinnahmungsversuche unternehmen, seinen Ausgangspunkt.“ (ORTAK 2004: 28)
Dabei spiegelt der Gorgias-Dialog diese Kontroverse wider, in der die von den Sophisten propagierte, vordergründig persuasive sprachliche Handlung der der Wahrheitssuche verpflichteten Philosophie gegenüber steht, die sich mit Hilfe der Dialektik an der Erkenntnis orientiert. Bei Sokrates war die sophistische Rhetorik gar nicht befugt, Lehrbarkeit zu beanspruchen, da er ihr die Erkenntnisgewinnung von vornherein abgesprochen hatte. So vertreten die Sophisten eine falsche Auffassung von der Kunst des Redens, denn der Ausschluss der Erkenntnisgebundenheit eines Logos bedeute, dass es keine auf Reflexion und Einsicht beruhende Lehre sein könne, also auch keine téchnē: Das stellt den Gegensatz zwischen der Persuasion dar, der bei den Sophisten allein auf Glaubhaftmachung beruht, bei den Philosophen unter Sokrates und Platon hingegen auf dem Wissen. Die durch Sokrates im Streit mit den Sophisten begründete Kritik führte letztendlich zur Diskreditierung der sophistischen Rede-und Persuasionskonzeption (zum Handlungscharakter mehr in Kapitel III.2). Es ist also erkennbar, welche Entwicklung die Rhetoriktheorie eingeschlagen hatte. Zunächst kam es unter den Sophisten zur Ausbildung einer Überredungskunst, mit der Überzeugung Gorgias’, dass die Macht der Rede keine Grenzen kenne und sie bei richtiger Anwendung alles durchsetzen könne. Diese erste Stufe der Rhetorik kennzeichnet somit die irrationale, übermäßige Nutzung der Suggestivkraft, bei der Täuschung und Betörung erlaubt waren - nicht „Wahrheit und Wissen, sondern Schein und Meinung“ waren die persuasiven Mittel (vgl. FUHRMANN 1995: 19).
Die Philosophen seit Platon dachten nicht so eigensinnig. Im Gegensatz zu den Sophisten glaubten sie daran, dass die Vernunft die zum Beginn der großen Krise eingebrochenen Traditionen, die bis dahin der Bevölkerung Halt gegeben hatten, ersetzen könne. Dabei könne sie nicht so sehr dem Individuum, sondern mehr der Gemeinschaft förderlich sein, in dem sie ein krisenfestes Wertesystem schuf. Durch die Sophisten sahen sie sich in ihren Bestrebungen provoziert und richteten ihre Kritik an sie: Aus diesem Grund prangerten sie die von den Sophisten propagierte und in der Praxis angewandte - auf Täuschung und Betörung hinauslaufende - Rhetorik an und wandelten sie in etwas um, was sie ihrer Meinung nach hätte sein müssen: Durch die durch Platon entwickelte wissenschaftliche Methode, der Dialektik, wollte man sich dem wahren Wissen Zutritt verschaffen, anstatt sich wie die Sophisten mit der Wahrscheinlichkeit zu begnügen (vgl. FUHRMANN 1995: 31). Was Platons Schüler Aristoteles später inspiriert haben muss, ist eine andere Auffassung, die seine - dem Begründer der Rhetoriktheorie - geschaffene Einteilung der Redegattungen und die Verifizierung der Überzeugungsmittel, aber insbesondere die Affektenlehre beeinflusst haben mag:
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Magister Artium Andreas Reimann, 2006, Die "retorica dell'elogio" in Texten der italienischen Tageszeitungen "La Repubblica" und "Corriere della Sera", München, GRIN Verlag GmbH
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