Originaltitel der eingereichten Arbeit (2008):
Eine Studie des politischen Systemwechsels im heutigen Brasilien
2
Inhaltsverzeichnis
Danksagung. 6
Gliederung. 8
Text. 16
Appendix. 142
Verzeichnis der Tabellen. 142
Literaturverzeichnis. 182
Internetquellen. 207
Working Papers - Publications - Reports 209
Verwendete Periodika. 211
Abk ürzungsverzeichnis. 215
Fremdw örter. 219
Parteien. 219
Regimeunterst ützende und Oppositionsparteien. 219
Parteienspektrum. 220
Parteiengr öße. 222
4
Regierungszeiten. 223
Phasen des Systemwandels in Brasilien (nach Smith) 224
5
Danksagung
Ich möchte ganz herzlich Herrn Dipl.-Volkswirt Dr. Ulf Heinsohn von der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin und Herrn Dr. Peter Thiery vom Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) an der LMU München für ihre Hilfe bei der Literatursuche und für ihren Rat danken.
Eine Ausstellung über die Yanomani in Brasilien im Jahr 1990 im Völkerkundemuseum in München hinterließ auch einen bleibenden Eindruck bei mir.
Ganz besonderer und herzlicher Dank gilt meinen Eltern, Aldo und Renate (geb. Mönch) Tanania, die mir dieses umfangreiche Studium ermöglicht haben und mir auch in den schwierigen Phasen meines Studiums halfen.
Ferner möchte ich Herrn Rafael Marin vom Center for Latin American Issues der George Washington University wie auch den Mitarbeitern des Lehrstuhls Prof. Pfister vom Lateinamerika-Zentrum der Universität Münster (Frau Howein u. a.), Frau Kristin Smith und Herrn Adam Stubits vom Latin America Program des Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington DC und den Mitarbeitern der Außenhandelskammer in Porto Alegre danken, die mir in einer großzügigen Art und Weise Unterlagen zur Verfügung gestellt haben.
Mein ehemaliger Mitschüler Martin Wurm (University of Wisconsin, Milwaukee) gab mir auch wertvolle Hilfe bei meiner Recherche zu dieser Arbeit, vor allem im wirtschaftlichen Bereich.
Auch die Professoren Wendy Hunter (University of Texas - Austin), Thomas Bruneau (Naval Postgraduate School - Monterey), Octavio Amarim (Vargas Stiftung), Wayne A. Selcher (Elizabethtown College, Pennsylvania) und Stefan Schirm (Ruhr-Universität Bochum) haben mir bei meiner Recherche sehr geholfen.
Ein Professor meinte sogar in einem Antwortschreiben auf eine Anfrage von mir bezüglich Brasilien:
6
„The Brazilians don’t seem to care if others study them or not these days; in fact,
they may prefer that others don’t. That way they have fewer things to justify or worry
about”.
Zuletzt möchte ich Herrn Professor Dr. Theo Stammen und Herrn Professor Dr. Andreas Brunold für die Betreuung bei der Erstellung dieser Arbeit und für die Vergabe dieses Themas ganz herzlich danken.
Robert Tanania München, im Oktober 2010
7
Gliederung
1 Einleitung 1 6
2 Theoretischer Teil 20
2.1 Der Autoritarismus 20
2.1.1 Traditioneller und neuer Autoritarismus in Lateinamerika 21
2.1.2 Merkmale des lateinamerikanischen neuen Autoritarismus 21
2.1.3 Der brasilianische Autoritarismus 22
2.2 Transition, Transformation und Systemwechsel 22
2.2.1 Transition 22
2.2.2 Transformation 23
2.2.3 Systemwechsel 23
2.2.4 Transformationsphasen 24
2.2.4.1 Liberalisierung (Ende des autokratischen Regimes) 24
2.2.4.2 Demokratisierung (Institutionalisierung der Demokratie) 24
2.2.4.3 Konsolidierung der Demokratie 25
2.2.4.4 Abgrenzung der Begriffe Redemokratisierung - Demokratisierung - 26
Demokratie
2.3 Ursachen für einen Umschwung 26
2.4 Demokratieform 26
2.5. Demokratie 27
2.6 Die Dependenztheorie (Entwicklungstheorie) 28
8
3 Historischer Teil 29
3.1 Die Situation vor dem Putsch von 1964 29
3.1.1 Von der Alten Republik zum Estado Nôvo 29 a) Die Alte Republik 29 b) Die Weltwirtschaftskrise 30 c) Die Ära Vargas 31 aa) 1. Staatsstreich 31 bb) 2. Staatsstreich 31 cc) Der Estado Nôvo 32
3.1.2 Die Phase der kurzen „populistischen“ Demokratie 34 (1945-1951, 1954-1964) a) Die Regierungszeit Dura 35 b) Die Regierungszeit Kubitschek 35 c) Die Regierungszeit Qadros 36 d) Die Regierungszeit Goulart 36
3.2 Das Militär in Brasilien 37
3.2.1 Das Militär als Akteur im Demokratisierungsprozess 37
3.2.2 Die Zeit der Militärherrschaft (1964-1985) 40 a) Allgemeines 40 b) Der Putsch von April 1964 42 c) Die Regierungszeit Castelo Branco 44 d) Die Regierungszeit Costa e Silva 47 e) Die Regierungszeit Médici 48 f) Zusammenfassung (Militärzeit bis 1974) 49 g) Die Wahlen von 1974 50 h) Die Endphase der Militärherrschaft (1974-1985) -50
Abertura mit moderatem Pluralismus aa) Die Regierungszeit Geisel 51 bb) Die Regierungszeit Figueiredo 53 cc) Die Wahlen von November 1982 als Wendepunkt 55 dd) Opposition gegen das Militärregime 56
3.2.3 Zusammenfassung Militärzeit 57
9
3.2.4 Die Wirtschaftspolitik der Militärs 59
4 Von Neves bis Cardoso 60
4.1 Die Regierungszeit Neves (PMDB) 60 4.2 Die Regierungszeit Sarney (1985-1990) 61 4.3 Die Regierungszeit Collor de Mello (1990-1992) 63
5 Analytischer Teil 66
5.1 Allgemeines 66
5.2 Die politische Ebene 68 5.2.1 Die Parteien 68 5.2.1.1 Allgemeines 68 5.2.1.2 Die Geschichte der Parteien 71
a) Allgemeines 71
b) Die Parteien in der Phase der kurzen „populistischen“ Demokratie 72 (1945-1951, 1954-1964)
c) Parteien und Militärherrschaft (1964-1985) 74
d) Parteien nach der Militärherrschaft 74 5.2.1.3 Regimeunterstützende Parteien 76 a) ARENA 76 b) PDS 76 c) PFL 77 d) PTB 78 e) PRN 78 5.2.1.4 Oppositionsparteien 79 a) MDB 79 b) PCB 81 c) PDT 81 d) PMDB 82 e) PT 84 5.2.2 Wahlen und Wahlsystem 86
10
5.3 Die Institutionelle Ebene 87 5.3.1 Der Kongress 88 5.3.2 Der Präsident 89
5.3.3 Staatsform und Verfassung 89 5.3.3.1 Die Staatsform 89 5.3.3.2 Die Verfassung 89 5.3.3.2.1 Die Verfassung von 1967 89 5.3.3.2.2 Die Verfassung von 1988 90 5.3.3.3 Die Exekutive 92 5.3.3.4 Der Kongress 92 5.3.3.5 Militär und Verfassung 93 5.3.3.6 Justizsystem und Verfassung 93 5.3.4 Die Behörden 94 5.3.4.1 Der SNI (ABIN) 94 5.3.4.2 Das DOPS 95 5.3.5 Das föderale System 95 5.3.6 Die Munizipien 97
5.4 Soziale Bewegungen als Akteur in der Demokratisierung 97 5.4.1 Allgemeines 97
5.4.2 Die Landlosenbewegung MST als Akteur im 99 Demokratisierungsprozess 5.4.3 Die sog. „grassroot movements“ 102 5.4.4 Die Frauenbewegungen 103
5.5 Menschenrechte 104
5.6 Die wirtschaftliche Entwicklung 106
5.6.1 Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen 106 Allgemeines 106 Der Öl-Schock von 1973 107
5.6.1.1 Inflation und Stabilisierung 108 5.6.1.2 Wirtschaftswachstum 109 5.6.1.3 Die Verschuldungskrise 111
11
5.6.1.4 Unternehmer und Industrie 113 5.6.1.5 Gewerkschaften 115 5.6.1.6 Importsubstitution und Modell der ISI 118
5.6.2 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen 119 5.6.2.1 Korruption und klientelistisches System 119 5.6.2.1.1 Korruption 119 5.6.2.1.2 Klientelistisches System 120 5.6.2.2 Armut und soziale Ungleichheit 122
5.6.3 Internationale wirtschaftliche Rahmenbedingungen 125 5.6.3.1 CEPAL 125 5.6.3.2 Weltbank und IWF 125 5.6.3.3 Mercosur / Mercosul 126
5.6.4 Die Wirtschaftspläne 127 5.6.4.1 in der Militärzeit 127 5.6.4.2 nach der Militärzeit 128 a) Der Cruzado-Plan (1986) 128 b) Collor I (1990) und Collor II (1991) 129 c) Der Plano Verde (1993) 129 d) Der Plano-Real 129
5.7 Nachhaltigkeit 130 5.7.1 Bildung 130
5.7.2 Umwelt und Natureinwohner 132 5.7.2.1 Umwelt 132 5.7.2.2 Natureinwohner 134
5.8 Der Nordosten Brasiliens 135
5.9 AIDS 135
5.10 Sicherheits- und Außenpolitik, internat. Organisationen 135
12
5.10.1 Sicherheitspolitik 135
5.10.2 Außenpolitik 136
5.10.2.1 Partnerschaft Brasilien-EU 136
5.10.2.2 USA 137
5.10.2.3 Rio-Gruppe 137
5.10.3 Internationale Organisationen 137
5.10.3.1 WTO 137
5.10.3.2 UNO 138
6 Ergebnis der Analyse und Bewertung 139
13
„Ordem e Progresso” (“Ordnung und Fortschritt”) - nat. brasilianisches Motto
Jede Veränderung eines politischen Regimes betrifft Millionen Leben, indem es ein
Spektrum an Emotionen hervorruft, das von der Angst bis zur Hoffnung reicht. (...)
Die dramatischen Momente, die den Machtwechsel symbolisieren, bewahren sich in
der Erinnerung der Menschen als Schlüsseldaten ihrer Existenz, aber die Fakten an
sich sind in Wirklichkeit der Gipfelpunkt eines langen Prozesses.
Juan J. Linz 1
Perhaps the most striking example of democratization introduced from above by a
military elite that realized and indeed supported the need to move toward
democracy.
Samuel Huntington 2
Democracy is not just a nice little extra. It`s fundamental to our life as human beings.
Interview mit Luís Inácio da Silva („Lula“), 20. Juni 1996 3
We have a regime change of liberty, but we are not living under a regime of
democracy. (…) We have not created up until now institutions capable of functioning
democratically.
Up to a certain point, trading posts and favors is a normal fact of any political system.
What has become abnormal in our current political situation is that favor is traded for
favor, post for post. In other words, there is no more politics, no more political debate.
(…) The result is that we are witnessing a restoration of oligarchical power, the same
type of power that was utilized in 1964 to contain popular pressure.
1 Linz, Qulebra, 1987, S. 11.
2 Huntington, One Soul, 1988, S. 7.
3 Kingstone/Power, Brazil, 2000, S. 126.
4 Veja, 29.06.1988, S. 5-8.
14
1 Einleitung
Seit den 1970er Jahren hat die politikwissenschaftliche Literatur zu Lateinamerika den Regimewandel und den Transformationsprozess in dieser Region als Schwerpunkt 5 . Im Vergleich zu allen anderen Transitionen in Lateinamerika und Südeuropa stellt die Transition in Brasilien die längste, bei weitem komplexeste von einem autoritären Regime hin zu einer Demokratie und von den neuesten Transitionen (Argentinien, Bolivien, Ecuador, Peru und Uruguay) die wichtigste dar 6 . Die Frage, ob die neuen Demokratien in Lateinamerika bereits konsolidiert sind, oder sich noch in der Phase eines noch nicht abgeschlossenen Transitionsprozesses befinden, wird in den USA, Lateinamerika und in Europa seit den 1990er Jahren kontrovers diskutiert 7 . Das Regime in Brasilien nach 1945 war zugänglicher als andere lateinamerikanische Regime wie z. B. Argentinien, Chile und Uruguay 8 . Dies lag u.a. daran, dass die politische Kultur in Brasilien nach 1945 offener war und die politische Unterdrückung in Brasilien nicht die Strenge hatte wie es in anderen Regimen in dieser Region der Fall war 9 . Diese Zugänglichkeit und relative Offenheit trugen so zu einer umfangreichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Brasilien nach 1945 bei 10 . Lebten 1960 noch 70% der Bevölkerung in Lateinamerika ländlich, so wandelte sich diese Zahl bis zum Jahr 2000 hin zu einer zu 70% urban lebenden Bevölkerung, in Brasilien hauptsächlich in den küstennahen Ballungsgebieten des Nordostens, Südosten und Südens, und der Alphabetisierungsgrad veränderte sich mit demselben Prozentniveau 11 . Seit 1950 hat sich die Bevölkerungszahl in Brasilien verdreifacht und 2002 waren 50% der Bevölkerung jünger als 20 Jahre alt 12 . Brasilien erreichte so in der Skala der bevölkerungsreichsten Länder Platz 8 13 .
Bereits in den 1950er Jahren erschien den Modernisierungstheoretikern die Demokratisierung als eine direkte Folge wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer
5 Codato, Transition, 2006, S. vi.
6 Bruneau/Hewitt, Church, 1989, S. 39 und Mainwaring, Transition, 1986, S. 149).
7 Heinz, Militär, 2001, S. 13.
8 Skidmore, Politics, 1988, S. vi.
9 Skidmore, Politics, 1988, S. vi.
10 Skidmore, Politics, 1988, S. vi.
11 Wiarda/Kline, Politics, 2000, S. xii. Vgl. auch Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2002, S. 128.
12 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2002, S. 128.
13 Pereira, Development, 1984, S. xiii.
16
Differenzierung und Eine Intensivierung der
Transformationsforschung begann jedoch erst ab Mitte der 1970er Jahre, als die autoritären Regime in Südeuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika zusammenbrachen, mit einer weiteren Intensivierung nach dem Ende des real existierenden Sozialismus 15 . Bis dahin war in der Forschung die Breakdown-of-Democracy-Theorie vorherrschend, die sich mit dem Zusammenbruch von demokratischen Regimen zwischen den beiden Weltkriegen und in den Entwicklungsländern befasste 16 . In den 1980er Jahren beschäftigte man sich in der Lateinamerikaforschung noch vornehmlich mit der Transition hin zu einer Demokratie, während man später in den 1990er Jahren dazu überging, sich mehr mit der Frage zu beschäftigen, wie sich diese neuen Demokratien in der Zukunft entwickeln würden 17 . Brasilien stellt bezüglich dieser Thematik eines der am meisten in der Fachwelt diskutierten Länder dar. In den USA wurde die Transitionsforschung entscheidend Mitte der 1980er Jahre von der Projektgruppe „Transition to Democracy“ um Guillermo O`Donnell und seinen Mitarbeitern (Schmitter/Whitehead) beeinflusst, in Deutschland von der Heidelberger Projektgruppe
„Lateinamerikaforschung“ (Nohlen/Thibaut) 18 .
Brasilien ist das nach seiner Fläche und Bevölkerungszahl - 192 Millionen im Jahr 2008 laut WamS (161,7 Millionen Einwohner nach einer Schätzung von 1998, 1990 noch 150 Millionen) - nach Russland, Kanada, China und den USA das fünftgrößte Land der Erde 19 . Es ist 24 mal größer als Deutschland und ca. 206 mal größer als die Schweiz 20 . Durch seine sehr große Atlantikküste ist Brasilien für den weltweiten Handel über Schiffswege geradezu prädestiniert 21 . Die meisten Menschen leben entlang einer 200 Meilenzone an der Atlantikküste von der Grenze zu Uruguay bis südlich von Fortaleza 22 . Im Nordosten lebten im Jahr 1996 nur 7,2% der Bevölkerung, während im Südosten 42,7% der Bevölkerung lebten 23 . Brasilien hat von allen lateinamerikanischen Ländern die größte Bevölkerungszahl mit indianischer
14 Krüger, Transformation, 2005, S. 33.
15 Krüger, Transformation, 2005, S. 33.
16 Krüger, Transformation, 2005, S. 33.
17 Codato, Transition, 2006, S. vi.
18 Coerw, Transformation, 2005, S. 33.
20 Finke, Landflucht, 1998, S. 2.
21 Wiarda, Brazil, 2000, S. 129.
22 Wiarda, Brazil, 2000, S. 129.
23 Wiarda, Brazil, 2000, S. 131.
17
und afrikanischer Abstammung 24 . Die ethnische Bevölkerung Brasiliens gliedert sich wie folgt auf: 53% Weiße, 22% Mulatten, 12 % Mestizen, 11 % Schwarze und 2% Sonstige; ca. 80% sind Katholiken und 18% Protestanten 25 . Die ersten demokratischen Gehversuche in Lateinamerika wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gemacht. Während Chile und Uruguay eine sehr ausgeprägte demokratische Tradition entwickelt haben, gab es in Brasilien einen mehrfachen Wechsel zwischen Demokratie und autoritärer Herrschaft, man spricht hier von mehreren „Redemokratisierungsphasen“ 26 . Noch in den 1960er und frühen 1970er Jahren galt Lateinamerika als eine Region, in der Diktaturen und politische Instabilität vorherrschten. In unmittelbarer Folge der dritten Demokratisierungswelle (1974-1994) 27 , die in Südeuropa begann, entwickelten sich die lateinamerikanischen Staaten größtenteils von autoritären in demokratische Systeme 28 . Bis auf das Kuba Fidel Castro`s wurden in allen lateinamerikanischen Ländern die bisherigen autoritären Machthaber durch demokratisch gewählte zivile Regierungen ersetzt. Dabei sind diese neuen Regierungen nicht durch Gewaltaktionen, sondern durch demokratische Prozesse an ihre Positionen gelangt. Der Wunschtraum von John Fitzgerald Kennedy, dass die kubanische Revolution von 1959 für die lateinamerikanischen Oligarchien eine Art Schockwelle auslösen würde, wurde nicht erfüllt 29 . Brasilien ist eines von insgesamt 89 Autokratien weltweit, die sich seit 1974 zu einer Demokratie transformiert haben 30 . Es ist mit 47,3% der Fläche Südamerikas das größte Land in dieser Region und zweitgrößter Agrarexporteur der Welt. Die Bevölkerung hat sich seit 1950 fast vervierfacht, was fast 50% der Bevölkerungszahl des südamerikanischen Kontinents entspricht 31 . Der Name Brasilien kommt von dem von den Indígenas, den Nachkommen der Ureinwohner Brasiliens, geschaffenen Wort „pau brasil“, das eine tropische Holzart beschreibt, die als Färbemittel in der Manufaktur verwendet wurde 32 . In Brasilien wie in Argentinien und Uruguay fand der
24 Wiarda/Kline, Politics, 2000, S. 6.
25 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 60.
26 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 197.
27 Bei Huntington zählen zur 3. Demokratisierungswelle in Lateinamerika u.a. Brasilien, Ekuador, El
Savador, Guatemala und Peru. Vgl. Huntington, Third Wave, 1991, S. 15 und Müller,
Globalisierung, 2002, S. 25 ff.
28 Merkel/Thiery, Systemwechsel, 2002, S. 181.
29 Hacke, Weltmacht, 2005, S. 82.
30 Merkel, Institutionen, 2000, S. 4.
31 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 119. Vgl. auch Sukup, Zeitbombe Südamerika, 1988, S. 200
und Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 62.
32 Sukup, Zeitbombe Südamerika, 1988, S. 201.
18
Wandel vom Militärregime hin zu einem demokratischen Regime friedlich statt 33 . Gerade auch für das Verständnis der Transformation der osteuropäischen Länder nach dem Ende des Kalten Krieges ist ein Verständnis der Transformation in Lateinamerika von Vorteil. Infolge der Einwanderung im 20. Jahrhundert leben heute sogar 1,5 Millionen japanischstämmige Menschen in Brasilien 34 . Mit Beginn der Amtszeit Lulas im Jahr 2005 begann Brasilien stärkere Aktivitäten in der Sicherheitspolitik und in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, als dies noch in den 1990er Jahren der Fall war, zu entwickeln 35 . Der Historiker Burns schreibt in dem Vorwort zu seiner Geschichte Brasiliens, dass in den 1960er Jahren nicht mehr als 10 Studenten seine Kurse zu Brasilien besuchten, während die Zahl dieser Studenten einige Jahre nach dem Putsch der Militärs in den 1970er Jahren auf über 70 anstieg. Deutschsprachige Literatur ist bis heute nach wie vor nur sehr rar vertreten im Gegensatz zur englischen und spanischen Literatur, die sich sehr stark mit der Transition in Brasilien beschäftigt, wie schon Veser (1993) festgestellt hat. Im Besonderen sind die Werke von Wöhlcke, Veser (1993, Diss.), Schirm (Habil.), Fritz, Heinz (2001, Habil.), Krause (2006, Diss.) und Rumpf (2003, Diss.) hervorzuheben. In dieser Arbeit sollen zunächst die theoretischen Grundlagen der Transformationsforschung erklärt werden (Teil 2) und danach die zeitliche Dimension (Teile 3 und 4) zusammen mit der sachlich-empirischen Dimension mit ihren Teilsystemen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (Teil 5) 36 .
33 Mainwaring, Democracy in Brazil, 1995, S. 120.
34 Hecking, Welt am Sonntag, 30.09.2007, S. 97.
35 Schirm, Strukturpolitik, 2007, S. 1.
36 Vgl. auch Merkel/Puhle, Transformationen, 1999, S. 19 und Couto, Reforma, 1998, S. 51-86.
19
2 Theoretischer Teil
Im theoretischen Teil der Arbeit sollen zunächst Begriffe wie Demokratie, Autoritarismus und Systemwechsel erklärt werden.
Bevor man eine Entscheidung treffen kann, ob eine Transformation eines politischen Systems, also ein echter Systemwechsel vorliegt, ist eine Typologisierung der verschiedenen politischen Systeme notwendig. Bei einer solchen Typologisierung ist die Einteilung in Idealtypen sinnvoll, weil auf diese Weise die „Vielfalt unterschiedlicher realer Systeme auf wesentliche charakterisierende
Merkmale zusammengefasst werden kann“ 37 .
Merkmale zur Unterscheidung sind nach Linz der Grad des politischen Pluralismus, der Grad der staatlich gelenkten politischen Mobilisierung und der Charakter der Legitimation in der Bevölkerung 38 .
2.1 Autoritarismus
Definition
Als autoritäre Systeme bezeichnet man Systeme, bei denen nur ein begrenzter Pluralismus besteht, die keine ausformulierte Ideologie besitzen, die keinen hohen Grad an politischer Mobilisierung besitzen und die durch eine starke Exekutive gekennzeichnet sind, die in keiner Weise einer politischen Verantwortung unterliegt, obwohl eine solche durch beschränkte Wahlen legitimiert sein kann 39 . Nach Juan Linz sind autoritäre Regime zwischen totalitären und demokratischen Regimen einzuordnen und stellen eine eigene Herrschaftsform dar 40 . Er definiert die wesentlichen Merkmale autoritärer Systeme folgendermaßen: „Autoritarian regimes are political systems with limited not responsible political
pluralismus: without eleborate and guiding ideology (but with distinctive mentalities),
without intensive nor extensive political mobilization (except at some points in their
development), and in which a leader (or occasionally a smalll group) exercises power
within formally ill-defined limits but actually quite predictible ones“ 41 .
37 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 25.
38 Lauth, Vergleichende Regierungslehre, 2002, S. 116.
39 Linz, Spain, 1970, S. 255
40 Lauth, Vergleichende Regierungslehre, 2002, S. 116.
41 Linz, Spain, 1970, S. 251.
20
Einen guten Überblick über die verschiedenen Typen politischer Regime gibt Munck (Abb. 1).
2.1.1 Traditioneller und neuer Autoritarismus in Lateinamerika 42 In Lateinamerika gab es zum Zeitpunkt des Transitionsbeginns sowohl einen modernen als auch einen traditionellen Autoritarismus 43 .
2.1.2 Merkmale des lateinamerikanischen neuen Autoritarismus 44
Der neue Autoritarismus in Lateinamerika ist typisch für Länder, die sich auf einer bestimmten Stufe der industriellen Entwicklung befinden und eine gewisse historischpolitische Stabilität aufweisen 45 . Der Führungszirkel entsteht hier im Umfeld des Militärs, in welchem dieser eine führende Rolle als Institution spielt 46 . Um diesen Zirkel bildet sich ein weiteres Umfeld kapitalistischer und technokratischer Gruppen 47 . Dieser Autoritarismus steht für das Modell einer „neuen Gesellschaft“ mit dem Ziel, in der Zukunft eine neue politische Ordnung zu errichten 48 . Aus dem Streben zur Erreichung dieses Ziels entwickelte sich ein hohes Maß an Repression und Gewalt gerade auch gegenüber der eigenen Bevölkerung 49 . Dabei hatte der Autoritarismus in den kommunistischen Ländern eine viel schlimmere Wirkung auf die Zivilgesellschaft als derjenige in Lateinamerika 50 . Von 1900 bis 1939 lag der Anteil von autoritären, nicht-demokratischen Regimen in Lateinamerika bei 52%, während er in der Periode von 1940 bis 1977 auf 55% anstieg und dann in der Periode 1978 bis 2000 auf 24% fiel (siehe Schaubilder 1 bis 3 - Changing Incidence of Political Regimes) 51 .
42 Araya, Chile, 1992, S. 8 ff.
43 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 196
44 Araya, Chile, 1992, S. 29 ff.
45 Araya, Chile, 1992, S. 30.
46 Araya, Chile, 1992, S. 31.
47 Araya, Chile, 1992, S. 31.
48 Araya, Chile, 1992, S. 31.
49 Araya, Chile, 1992, S. 31.
50 McDonough et. al., Democratization, 1998, S. 922.
51 Smith, Democracy, 2004, S. 10.
21
2.1.3 Der brasilianische Autoritarismus
Der Coup d`Etat und die folgende Politik waren nicht absichtlich darauf hin ausgerichtet, sich zu einem bürokratisch-autoritaristischen Regime und Staat hinzuentwickeln 52 . Während es in Chile einen Prozess der Denationalisierung gab, expandierte hingegen der staatliche Sektor in Brasilien 53 . In Brasilien wurden die Parteien und damit das Parlament zwar kontrolliert, das Parlament war auch einmal zeitweise aufgelöst, in Chile und Argentinien dagegen wurden die Parteien und das Parlament durch eine symbolische Schließung vom politischen Prozess ausgeschlossen 54 . Nach Kinzo ist das Militärregime in Brasilien ein „hybrides“ Regime, d. h. dass in diesem Regime neben den autoritaristischen Elementen auch demokratische Elemente enthalten waren 55 .
2.2 Transition, Transformation und Systemwechsel
Die theorieorientierte Transformationsforschung hat ihren Ursprung in der makrosoziologisch orientierten Forschung der 1950er und 1960er Jahre 56 . In den 1980er Jahren waren mikropolitologisch-akteurstheoretische Theorien in der Forschung dominierend 57 . Die Transitionsforschung hat den Wandel vom Autoritarismus zur Demokratie nicht nur begleitet, sondern sie war in einigen Ländern in der Modellsuche voraus, um den Wandlungs- und Öffnungsprozess zu beschleunigen 58 . Normatives Referenzmodell in der lateinamerikanischen Transformationsforschung war hier im Besonderen Spanien 59 .
2.2.1 Transition
Die Transitionsforschung entwickelte sich direkt aus der Autoritarismusforschung, die versucht hatte, in der Entwicklungsdynamik der autoritären Regime Ansatzpunkte für Demokratisierungsstrategien zu finden 60 . Die Lehre von der Transitionsforschung ist ein Zweig der Vergleichenden Regierungslehre 61 . In dieser Arbeit soll der Begriff der Transition ganz im Sinne Merkels verwendet werden, d. h. als ein Vorgang, der
52 Cardoso, Regime, 1981, S. 4.
53 Cardoso, Regime, 1981, S. 3 f.
54 Cardoso, Regime, 1981, S. 3.
55 Kinzo, MDB, 1988, S. 96 f.
56 Merkel/Thiery, Systemwechsel, 2002, S. 183.
57 Merkel/Thiery, Systemwechsel, 2002, S. 183.
58 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 196.
59 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 196.
60 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 201.
61 Nohlen/Schultze, Lexikon, 2005, S. 1037.
22
ausschließlich den Übergang von autokratischen bzw. totalitären
(nichtdemokratischen) zu liberaldemokratischen und pluralistischen Systemen bezeichnet 62 . Das neue demokratische System ist mit dem Abschluss der Transition noch nicht konsolidiert 63 . Die Phase der Transition fand in Lateinamerika hauptsächlich in den 1970er und 1980er Jahren bis 1990 statt 64 . Sie erfolgte zeitgleich mit der schwersten ökonomischen Krise, die Lateinamerika seit den 1930er Jahren erlebte 65 . Die meisten Transitionen zur Demokratie folgten auf einen Kollaps oder einen Zusammenbruch des Regimes (nach dem II. Weltkrieg: Deutschland, Japan, Österreich, Italien; 1974: Portugal und Griechenland; 1948: Costa Rica) 66 .
2.2.2 Transformation
Der Begriff Transformation wird nach dieser Theorie als Oberbegriff ohne spezifische Bedeutung verwendet, der sowohl Regime- und Systemwechsel, Regime- und Systemwandel als auch die Transition und den Übergang von der Diktatur zur Demokratie beinhaltet 67 . Von einer tatsächlichen Transformation lässt sich erst dann sprechen, wenn „die Substanz politischer Entscheidungen der Kontrolle der alten Machthaber entgleitet und dem unsicheren Ausgang der demokratischen Konkurrenz übergeben wird“ 68 , was in Brasilien ab 1974 schrittweise geschah.
2.2.3 Systemwechsel
Unter Systemwechsel versteht man den allgemeinen meist durch politische Kreise hervorgerufenen Prozess des Übergangs von einem Regimetyp zu einem anderen 69 . Nach Merkel bedeutet ein Systemwechsel die Auflösung der alten Herrschaftsstruktur, wobei
„grundlegende Missbildungen in den Verfahren, fehlerhafte soziale Integration und
unsensible fundamentale politische Herrschaftspositionen institutionalisiert
werden“ 70 .
62 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 34. Vgl. auch Merkel/Thiery, Systemwechsel, in: Lauth,
Vergleichende Regierungslehre, 2002, S. 182.
63 Merkel/Puhle, Transformationen, 1999, S. 135.
64 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 196.
65 Nohlen/Thibaut, Lateinamerika, 1996, S. 197.
66 Mainwaring/Viola, Brazil, 1985, S. 196.
67 Merkel/Thiery, „Systemwechsel“, 2002, S. 182. Vgl. auch Wolf, Transformation, 1998, S. 40 ff. und
Merkel/Puhle, Transformation, 1999, S. 105.
68 Rüb, Die Herausbildung politischer Institutionen, in: Merkel, Systemwechsel, Bd. 1, S. 115.
69 Nohlen, Systemwechsel, in: ders., Kleines Lexikon der Politik, 2001, S. 507-510.
70 Merkel, Systemwechsel: 1, 1994, S. 13.
23
2.2.4 Transformationsphasen
Die verschiedenen Phasen des Systemwechsels von einer autokratischen zu einer demokratischen Ordnung haben O`Donnell, Schmitter und Merkel ausgearbeitet. Nach Merkel liegen zwischen dem autokratischen System und der konsolidierten Demokratie die drei Phasen des tatsächlichen Systemwechsels: Ende des autokratischen Regimes 71 , Institutionalisierung der Demokratie und demokratische Konsolidierung 72 (analog auch Huntington 73 ).
2.2.4.1 Liberalisierung (Ende des autokratischen Regimes)
Unter Liberalisierung versteht man nach O`Donnell und Schmitter den Versuch der herrschenden Eliten, das autoritäre System ohne Gefährdung der bestehenden Machtverhältnisse kontrolliert zu öffnen 74 . Dabei wird die beginnende demokratische Öffnung infolge des Drucks von politischen Oppositions- und Reformkräften ausgelöst 75 .
2.2.4.2 Demokratisierung (Institutionalisierung der Demokratie)
Als zweite Phase folgt die Einführung demokratischer Institutionen, die die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger am politischen Geschehen und den politischen Wettbewerb garantieren soll 76 . Es gibt in diesem Stadium der Transformation noch keine ausgewogene Balance der einzelnen Kräfte, die die Funktion der Begrenzung und der Legitimierung von politischen Entscheidungen übernimmt 77 . Diese Phase beginnt, wenn die alten Machteliten die Kontrolle über die politischen Entscheidungen verlieren und diese auf demokratische Verfahren übertragen wird, deren substantielle Resultate nicht mehr bestimmt werden können 78 . Sie endet mit der Verabschiedung einer neuen demokratischen Verfassung und, wenn diese sowohl den politischen Wettbewerb als auch die politischen Entscheidungsverfahren verbindlich normiert 79 . Es handelt sich bei dieser
71 Bei O`Donnell und Schmitter (O`Donnell/Schmitter, 1986, S. 7 ff) ist dies die Liberalisierungsphase
(vgl. auch Przeworski, 1991, S. 51 ff).
72 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 119 ff)
73 Huntington, Third Wave, 1991, S. 35.
74 O`Donnell/Schmitter, Transitions, 1986, S. 7.
75 O`Donnell/Schmitter, Transitions, 1986, S. 7 ff.
76 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 119 ff.
77 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 137.
78 Rüb, Die Herausbildung politischer Institutionen in Demokratisierungsprozessen, in: Merkel,
Systemwechsel: 1, 1994, S. 114.
79 Merkle, Systemtransformation, 1999, S. 137.
24
Art von Phase also um einen Abschnitt in einem Systemwechsel, in welchem die neuen demokratischen Institutionen und Verfahren etabliert werden 80 .
2.2.4.3 Konsolidierung der Demokratie
Auf die Phase der Demokratisierung folgt in der Regel eine Phase der demokratischen Konsolidierung, die schon mit den ersten demokratischen Wahlen beginnt und mit einem stabilen Zustand des politischen Systems ihr Ende findet 81 . Diese ersten freien Wahlen werden als sogenannte Gründungswahlen (founding elections) bezeichnet 82 . Man kann auch die Verabschiedung der Verfassung oder die Revision der alten Verfassung als Beginn der Konsolidierung ansehen 83 . Nohlen, Linz, Garreton, Gasiorowski und Power grenzen die Übergangsphase (Systemwechsel) von der Konsolidierungsphase ab, weil die Übergangsphase eine politische Transformation darstellt, mit der ein politisches System abgelöst wird, während hingegen die Konsolidierungsphase die Transformationsprozesse innerhalb eines politischen Systems beschreibt 84 . Uneins ist man in der Fachwelt noch, welche politischen und gesellschaftlichen Institutionen stabilisiert sein müssen, damit man von einer Konsolidierung sprechen kann 85 . Wann dieser stabile Zustand des politischen Systems erreicht sein soll, darüber gibt es in der Fachwelt aufgrund der Ungenauigkeit dieses Begriffs verschiedene Meinungen 86 . Die Konsolidierung dauert länger als die Transformation 87 . In der dritten Demokratisierungswelle des 20. Jahrhunderts 88 gab es mehr Übergänge zur Demokratie, die mit der Institutionalisierung demokratischer Systeme abgeschlossen wurden als sich Demokratien am Ende konsolidieren konnten 89 . Sie kann bereits vor der Etablierung der demokratischen Institutionen oder bevor einzelne Gesetze entstanden sind in einzelnen Teilbereichen beginnen 90 . Ein wichtiges Merkmal zur Einordnung des Begriffs der Konsolidierung ist die Analyse der Verhaltens- und Einstellungsebene
80 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 137. Vgl. auch Coerw, Transformation, 2005, S. 39.
81 Merkel//Puhle, Transformation, 1999, S. 135.
82 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 143.
83 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 143.
84 Nohlen, Demokratie, 1988, S. 5. Vgl. auch Linz, Transiciones, 1990, S. 28; Garretón, Problems,
1988, S. 364 f. und Gasiorowski/Power, Consolidation, 1998, S. 742 f.
85 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 144.
86 Bos, Eliten, 1994, S. 86.
87 Merkel//Puhle, Transformationen, 1999, S. 135
88 Griechenland, Portugal, Argentinien u. a. Vgl. Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 136.
89 Merkel//Puhle, Transformationen, 1999, S. 135
90 Merkel, Systemtransformation, 1999, S. 143.
25
eines Staatsvolks zu seinem neuen demokratischen System 91 . Smith zeigt, dass der Anteil von demokratischen Regimen von 5% in der Periode 1900 bis 1939 über 30% in der Periode 1940-1977 auf 55% in der Periode 1978 bis 2000 anstieg 92 .
2.2.4.4 Abgrenzung der Begriffe Redemokratisierung - Demokratisierung -Demokratie 93
Nach Wiarda ist einer der 11 Kategorien für den lateinamerikanischen Demokratiebegriff die ausgeprägte personalistische Führung (Caudilismo) 94 . Eine Unterscheidung zwischen Redemokratisierung und Demokratisierung ist nicht notwendig, da beide Begriffe synonym den gleichen Vorgang meinen, nämlich den Übergang vom autoritären System hin zur Restituierung demokratischer Institutionen 95 . Stepan bezeichnet die brasilianische Redemokratisierung als „redemocratization initiated by `Military-as-Government`“ 96 .
2.3 Ursachen für einen Umschwung
In Lateinamerika waren es vor allem wirtschaftliche neben sozialen Gründen, die eine Transition von autoritären zu demokratischen Systemen begünstigten: viele Diktatoren wollten in dieser Region die ökonomischen Zustände verbessern 97 .
2.4 Demokratieform
Bei Brasilien handelt es sich nach O`Donnell wie bei Argentinien, Peru und Ecuador um eine „delegative Demokratie“ (O`Donnell 1994) 98 . In diesem Subtyp der defekten Demokratie wird die Kontrolle der Exekutive durch die Legislative und durch die dritte Gewalt eingeschränkt oder gestört 99 . Die horizontalen rechtsstaatlichen Kontrollmechanismen und die checks and balances sind hier beeinträchtigt 100 . Neben dem Begriff „delegative Demokratie“ werden in der Typologie auch Begriffe wie „Democradura“, „Dictablanda“ (Linz, Schmitter/O`Donnell) oder „nonliberal electoral
91 Barios, Konsolidierung, 1999, S. 9 ff.
92 Smith, Democracy, 2004, S. 11 f.
93 Veser, Brasilien, 1993, S. 18-21.
94 Wiarda, Struggle, 1980, zitiert nach Veser, Brasilien, 1993, S. 19.
95 Nohlen, Demokratie, 1988, zitiert nach Veser, Brasilien, 1993, S. 20.
96 Hagopian, Brazil, 1990, S. 149.
97 Fanger, Demokratisierung, 1994, S. 85.
98 O`Donnell, Delegative Democracy, 1994, S. 55.
99 Merkel et. al., Defekte Demokratie: 1, 2003, S. 71.
100 Merkel et. al., Defekte Demokratie: 1, 2003, S. 71.
26
democracy“ (Diamond) verwendet 101 . Nach Merkel wandelte sich Brasilien seit der Redemokratisierung 1985 von einer Enklaven- über eine delegative hin zu einer illiberalen Demokratie, wobei das Militär viele Vorrechte für sich behielt und der Übergang zur delegativen Demokratie fließend ist 102 . In einer illiberalen Demokratie sind die Grundprinzipien der Staatsbürgerschaft beschädigt, weil in ihr Grund-, Menschen- Freiheits- und Bürgerrechte verletzt sind 103 . Die beim Aufbau des Rechtsstaats auftretenden Probleme sind hier nicht gelöst 104 .
2.5. Demokratie
Nach dem amerikanischen Demokratieforscher Robert Dahl müssen die folgenden Kriterien erfüllt sein, um von einer Demokratie sprechen zu können 105 : 1. Assoziations- und Koalitionsfreiheit 2. Recht auf freie Meinungsäußerung 3. Recht, zu wählen
4. Recht, in öffentliche Ämter gewählt zu werden (passives Wahlrecht) 5. Recht politischer Eliten, um Wählerstimmen und Unterstützung zu konkurrieren 6. Existenz alternativer, pluralistischer Informationsquellen 7. freie und faire Wahlen
8. Institutionen, die die Regierungspolitik von Wählerstimmen und anderen Ausdrucksformen der Bürgerpräferenzen abhängig machen. Diese Kriterien können nach Dahl nur dann gewährleistet und aufrechterhalten werden, wenn die Rechtsstaatlichkeit und die klassischen Menschen- und Bürgerrechte gesichert sind 106 . Nach Merkel/Puhle ist neben diesen von Dahl genannten Kriterien auch die horizontale Gewaltenkontrolle, vor allem die Kontrolle der Exekutive, ein wichtiges Demokratiekriterium 107 .
101 Merkel/Puhle, Transformationen, 1999, S. 18.
102 Merkel et. al., Defekte Demokratie: 1, 2003, S. 135, 261.
103 Merkel et. al., Defekte Demokratie: 1, 2003, S. 261
104 Merkel et. al., Defekte Demokratie: 1, 2003, S. 262.
105 Dahl, Polyarchy, 1971, S. 3.
106 Dahl, Democracy, 1989, S. 221, S. 223.
107 Merkel/Puhle, Transformationen, 1999, S. 13, 17 f.
27
2.6 Die Dependenztheorie (Entwicklungstheorie)
Mitte der 1960er Jahre erschienen in Lateinamerika die ersten wissenschaftlichen Arbeiten, die von dem Begriff dependencia handelten 108 . Im Zentrum dieser Dependenztheorie genauso wie in der marxistischen Theorie steht eine kritische Analyse des Einflusses von strukturellen ökonomischen Ungleichheiten und Abhängigkeiten 109 . Als einer der herausragendsten Vertreter dieser Theorie gilt der ehemalige brasilianische Regierungschef Fernando Henrique Cardoso 110 . Er veröffentlichte eines der ersten Bücher zu dieser Theorie mit dem Titel „Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika“ (1969, deutsche Ausgabe 1976) 111 . Die Dependenztheorie versucht u.a. die Machtergreifung durch das Militär als Institution zu erklären 112 . Dabei betont sie im Gegensatz zur Modernisierungstheorie die externen Verursachungsfaktoren 113 . Nach ihr verhalten sich die herrschenden Schichten in der Dritten Welt entsprechend den Interessen des Kapitals, wobei die Form politischer Herrschaft nur eine Nebenrolle darstellt 114 .
108 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2002, S. 181.
109 Weiß/Herrmann, Welthandelsrecht, 2003, Rdnr. 40.
110 http://www.lateinamerika-studien.at/content/geschichtepolitik/brasilien/brasilien-90.html (Zugriff:
25.03.2007)
111 http://www.lateinamerika-studien.at/content/geschichtepolitik/brasilien/brasilien-90.html (Zugriff:
25.03.2007)
112 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 5.
113 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 5.
114 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 6.
28
3 Historischer Teil
In Lateinamerika wechselten die Formen politischer Herrschaftsausübung öfter als in den westlich geprägten Industrieländern 115 . Portugiesisch-Amerika fand im Gegensatz zu Spanisch-Amerika erst später zur Staatsform der Republik 116 . Im Gegensatz zum Blick aus Distanz auf Lateinamerika, bei dem Lateinamerika monoton als eine Einheit erscheint, verfügt Lateinamerika jedoch über eine Vielfalt aus soziokulturellen und wirtschaftlichen Strukturen 117 . Im Folgenden möchte ich zunächst die Situation vor dem Putsch von 1964 erläutern und im Anschluss daran die Entwicklungen in der Militärzeit bis 1985 beschreiben.
3.1 Allgemeines - Die Situation vor dem Putsch von 1964
3.1.1 Von der Alten Republik zum Estado Nôvo
a) Die Alte Republik (1889-1930)
Nach der Abdankung Kaiser Pedro I., entstand ein Muster der gegenseitigen Machtverteilung ohne eine zentral lenkende Persönlichkeit, das bis zum Sturz der Monarchie (1889) bestehen blieb 118 . Während sich in Hispanoamerika das sog. System des caudilismo bildete, entstand in Brasilien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das sog. System des coronelismo 119 : anders als in den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten, deren Gründung die unmittelbare Folge eines Unabhängigkeitskrieges war, waren derartige Entwicklungen wie auch Interventionen des Militärs in der Politik in Brasilien unbekannt 120 . Mit der Verfassung von 1891 wurde in Brasilien der Föderalismus eingeführt 121 . Die ersten demokratischen Zeichen in Lateinamerika wurden um das Jahr 1910 ersichtlich (Abb. 2) Den Zeitraum von 1900-1929 in Brasilien beurteilt Smith als oligarchisches System 122 . Die
115 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 6.
116 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 60 f.
117 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 3.
118 Moltmann, Militär, 1975, S. 168.
119 Das Wort „coronelismo“ kommt von dem Wort „coroneis“: so ist die brasilianische
Bezeichnung für den Dienstrang eines Oberst, den die Großgrundbesitzer in Brasilien augrund
ihrer Privilegierung erhielten.
120 Cammack, Brazil, 1991, S. 24. Vgl. auch Cammack, Brazil, 1982, S. 54 ff und Heinz, Militär, 2001,
S. 121.
121 Cammack, Brazil, 1991, S. 24.
122 Smith, Democracy, 2004, S. 33.
29
Demokratie in Brasilien stellt eine eigene kulturelle Leistung dar und ist keine Staatsform, die von außen durch fremde Mächte oktroyiert wurde 123 . Für den Zeitraum nach 1910 spricht man im Falle Brasiliens von intra-oligarchischen Wahlen: die Wahlbeteiligung lag zwischen 1918 und 1926 bei 2,6%, Frauen und Analphabeten waren ausgeschlossen 124 . Die essentiell traditionelle Gesellschaft in Brasilien bildete in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Ausgangsbasis für ein gutes und sich kontinuierlich steigerndes Wirtschaftswachstum bis weit in das Jahr 1930 hinein 125 . In den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts ist eine aktivere Mittelklasse entstanden 126 .
b) Die Weltwirtschaftskrise
Parallel zur Weltwirtschaftskrise kam es zu innenpolitischen Spannungen infolge der kompromisslosen Haltung São Paulos bei der Auswahl des
Präsidentschaftskandidaten 127 . In dieser Krise brach 1930 eine Revolution aus 128 . Dadurch wurde die Vorherrschaft der sog. „Kaffeebarone“ gebrochen und es entstand eine Art populistischer Pakt zwischen dem Kaffeebürgertum und der Industriearbeiterschaft mit Migrationshintergrund, die Brasilien bis 1964 maßgeblich wirtschaftlich und politisch formte 129 . Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Politik von den einflussreichen Landbesitzern und den Eliten in den größten Staaten bestimmt und das politische System war von Betrügereien und beschnittenem Wahlrecht geprägt 130 . Beide Krisen wirkten aufeinander wie ein Katalysator und trugen zu einer gegenseitigen Verschärfung der angespannten Lage bei.
123 Wöhlcke, Brasilien, 1991, S. 51.
124 Smith, Democracy, 2004, S. 8 und Stepan, Brazil, 1971, S. 124.
125 Pereira, Brazil, 1984, S. 7.
126 Pereira, Brazil, 1984, S. 15.
127 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 120.
128 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 120. Pereira, Development, 1984, S. 1.
129 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 120. Pereira, Development, 1984, S. 1 f.
130 Hagopian, Brazil, 1990, S. 153.
30
c) Die Ära Vargas 131
Die Phase der Transition von der dezentralisierten Oligarchie zur politischen Zentralisierung (1930-1937) und die Phase der zivilen Diktatur (1937-1945)
aa) 1. Staatsstreich
Der Versuch der Machteliten in São Paulo, die brasilianische Präsidentschaft entgegen dem eigentlichen seit der Alten Republik bestehenden Turnus an sich zu reißen - eigentlich wäre die gewohnheitsrechtliche Rotation auf Minas Gerais gefallen -, führte 1930 zum Ausbruch der von Getúlio Vargas angeführten Revolution und damit auch zum Ende der sog. „Kaffe mit Milch“-Politik 132 (política do café-comleite) der beiden miteinander um die Präsidentschaft konkurrierenden Staaten 133 . Vargas regierte Brasilien von 1930 bis 1954 (Ausnahme 1945-50) 134 . Der Einfluss der oligarchischen Eliten begann sich infolge dieser Revolution zu vermindern und es wurde ein radikaler Wandel weg von der lokal-oligarchischen hin zu einer nationalpopulistischen Politik vollzogen 135 . Bis 1930 war Brasilien ein semikoloniales Land 136 . Mit Beginn von Vargas Machtergreifung und der „liberalen Allianz“ aus Militärs, einer neuen städtischen Mittelschicht und den neu entstehenden Arbeitnehmer- und Industrieeliten begann Brasiliens Phase einer modernen Industrialisierung 137 . 1932 wurden in einem kleineren Bürgerkrieg die alten Eliten von São Paulo durch die Anhänger von Vargas besiegt 138 .
bb) 2. Staatsstreich
Infolge des Widerstandes der Großgrundbesitzer gegen den Wandel vom exportorientierten Wirtschaftsmodell hin zur importsubstituierenden Industrialisierung kam es am 10. November 1937 zu einem weiteren Staatsstreich von Getúlio Vargas, der die Großgrundbesitzer, die Widerstand gegen diesen Wandel leisteten, zwar nicht völlig entmachtete, sondern sie zusammen mit der nach oben strebenden Stadtbevölkerung und den jungen Industriearbeitern in einen populistischen
131 Flynn, Brazil - A Political Analysis, 1978, S. 94-132.
132 http://pt.wikipedia.org/wiki/Pol%C3%ADtica_do_caf%C3%A9_com_leite (Zugriff: 23.11.2006).
Minas Gerais war der größte Milchproduzent und São Paulo der größte Kaffeeproduzent.
133 Wesson/Fleischer, Brazil, 1983, S. 91. Vgl. auch Black, Redemocratization, 1992, S. 85.
134 Wesson, Democracy, 1982, S. 23.
135 Pereira, Brazil, 1984, S. 11. Vgl. auch Faro de Castro/Valladão de Carvalho, Brazil, 2003, S. 467.
136 Pereira, Brazil, 1984, S. 9.
137 Calcagnotto, Umweltpolitik, 1990, S. 87.
138 Cammack, Brazil, 1991, S. 29.
31
Sozialpakt einband 139 . Als Vorwand für diesen Staatsstreich wurde ein fingiertes pseudo-kommunistisches Papier herangezogen, welches von dem pro-faschistischen Geheimdienstoffizier Olympio Mourao Filho geschrieben wurde 140 . Mit diesem Sozialpakt schuf Vargas ein korporativistisches System (developmentalist model): Gewerkschaften und Parteien wurden gleichgeschaltet, die herrschenden Eliten wurden symbolisch an der Macht beteiligt 141 und es wurden die folgenden Einrichtungen neu geschaffen: ein Nationaler Kaffeerat (1931), ein Institut für den Cocoaschutz (1932), ein Institut für Zucker und Alkohol und ein Rentenfond für Seearbeiter (1933), ein Rentenfond für Bankarbeiter (1934) und ein Rentenfond für kaufmännische Arbeitnehmer (1935), und sechs weitere ähnliche Einrichtungen (1937, 1938 und 1940 - davon 3 Rentenkassen und jeweils eine Einrichtung für Stahl und Salz) 142 . In Lateinamerika hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur Chile und Ecuador bereits ein eigenes Pensionswesen 143 . Ferner löste er die Parteien und den Kongress auf 144 . Die neue Verfassung schuf die Grundlage für ein autoritäres und zentralistisches Regime 145 . Nach dem Zweiten Weltkrieg zwang das Militär infolge der in Lateinamerika erwachenden demokratischen Bewegungen Vargas zum Rücktritt 146 .
cc) Der Estado Nôvo (1937-1945) 147
Die Zeit des von Vargas begründeten autoritären Militärregimes bezeichnet man als Estado Nôvo (1937-1945) 148 . Smith bezeichnet die Zeit der Ära Vargas (1930-1945) als nicht-demokratisch 149 . Dieser „Neue Staat“ war in seiner Form ähnlich dem Regime von Salazar in Portugal und eine Art Diktatur in Anlehnung an den europäischen Faschismus 150 . Mit diesem „Neuen Staat“ wurde eine neue Form von Massenloyalität durch die Modernität der mit ihm einhergehenden politischen Agenda
139 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 120. Vgl. auch Krumwiede/Waldmann, Lateinamerika, 1992,
S. 61; Heinz, Militär, 2001, S. 133 und Stepan, Brazil, 1989, S. 5.
140 Camamck, Brazil, 1991, S. 29.
141 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 61.
142 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 61 und Faro de Castro/Valladão de Carvalho,
Brazil, 2003, S. 469.
143 Orenstein, New Pension, 2006, S. 297.
144 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 120.
145 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 121.
146 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 121.
147 Flynn, Brazil - A Political Analysis, 1978, S. 94-132.
148 Skidmore, Slow Road, 1989, S. 5.
149 Smith, Democracy, 2004, S. 33.
150 Fleischer, Parties, 1998, S. 8. Vgl. auch Nolte, Militärregime, 1994, S. 24.
32
geschaffen 151 . Unter Vargas übernahm der Staat eine erweiterte Rolle in der Wirtschaftspolitik und ein Modernisierungsprozess begann 152 . Die ersten Unternehmungen zur Förderung und Verarbeitung von Erz wurden in dieser Zeit mit staatlicher Unterstützung geschaffen 153 . Programm und Politik von Vargas wurden in dieser Zeit von den nationalistischen Tendenzen und den autoritären Zügen des tenentismo 154 beeinflusst 155 . Dabei verließ sich Vargas beim Ausbau seiner Macht jedoch mehr auf höhere Offiziere als auf die unteren Offiziersränge 156 . 1937 löste Vargas mit Hilfe der Streitkräfte außerdem den Kongress auf, um die Macht der Kommunisten einzudämmen und kündigte für 1943 ein Plebiszit für die Neuwahl des Präsidenten an 157 . Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Exportorientierung der brasilianischen Wirtschaft zu 158 . Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa im Mai 1945 setzte Vargas seine 1943 begonnene populistische Politik fort und erlies ein Dekret, mit dem der Einfluss ausländischer Firmen in der brasilianischen Wirtschaft reduziert werden sollte, nachdem er bereits Anfang des Jahres linksgerichtete Politiker aus dem Gefängnis entlassen hatte 159 . Die US-Regierung setzte Vargas daraufhin auf eine Liste lateinamerikanischer Staatsführer, die zurücktreten sollten 160 . Die PSD und die PTB wurden von Vargas in dieser Periode gesteuert und von oben bis unten in ihrer Struktur kontrolliert 161 . In dieser Zeit wurde auch die Bundesbürokratie aufgebaut als eine Art Gegenpol gegen die traditionell orientierten Einzelstaaten, die urbane Arbeiterschaft wurde korporativ integriert und auf diese Weise kontrolliert und Staatsunternehmen wurden eingerichtet, die ein wesentlicher Motor für die Industrialisierung des Landes wurden 162 . Der Staat begann in dieser Zeit sein wirtschaftliches Engagement auszubauen: so wurden mit staatlicher Unterstützung die ersten Unternehmen zur Gewinnung und Verarbeitung von Erzen gegründet und Instrumente zur Beeinflussung des Kreditwesens und des Außenhandels geschaffen 163 . Das Muster der staatlichen Lenkung der Beziehungen
151 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 61.
152 Fleischer, Parties, 1998, S. 1.
153 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 96.
154 Von tenente = Leutnant.
155 Moltmann, Militär, 1975, S. 169. Vgl. Punkt 3.2.1.
156 Moltmann, Militär, 1975, S. 170.
157 Cammack, Politics, 1988, S. 115.
158 Waldmann/Krumwiede, Lateinamerika, 1992, S. 61.
159 Skidmore/Smith, Latin America, 2005, S. 162.
160 Skidmore/Smith, Latin America, 2005, S. 162.
161 Lamounier/Meneguello, Parties, 1985, S. 2.
162 Heinz, Militär, 2001, S. 125.
163 Heinz, Militär, 2001, S. 126.
33
zwischen Unternehmen auf der einen Seite und gewerkschaftlichen Organisationen auf der anderen Seite wurde bereits in dieser Zeit geschaffen 164 . Im Oktober 1945 wurde Vargas durch einen Staatsstreich der Militärs zum Rücktritt gezwungen, nachdem diese ihm ein Ultimatum zum Rücktritt gesetzt hatten 165 und ein Mehrparteiensystem eingeführt 166 .
3.1.2 Die Phase der kurzen „populistischen“ Demokratie (1945-1951, 1954-1964) 167 Am 28. Februar 1945 verkündete Vargas mit dem konstitutionellen Gesetz Nr. 9, dass innerhalb von 90 Tagen allgemeine Wahlen für einen Präsidenten, die Abgeordnetenkammer und den Bundesrat (seit 1937 Nachfolger des Senats) stattfinden sollten 168 . So fand Brasilien (1946) mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs neben vielen anderen Ländern in Lateinamerika seinen Weg zur Demokratie (Guatemala: 1945, Peru: 1945, Argentinien: 1946, Venezuela: 1946 und Ecuador: 1948), während Chile, Uruguay und Kolumbien bereits seit 1942 demokratische Merkmale aufwiesen 169 . Die politische Elite in dieser Zeit rekrutierte sich fast ausnahmslos aus der Ära Vargas und das unter Vargas geschaffene korporatistische System blieb bestehen 170 . Die drei größten Parteien in dieser Zeit im Parlament waren die PSD, UND und die PTB, die zusammen 80% der Sitze im Unterhaus innehatten 171 . Die UND war in dieser Zeit die größte Oppositionspartei 172 . Trotz des formell demokratischen Charakters des politischen Systems in dieser Zeit waren die politischen Parteien nur Akteure zweiten Ranges 173 . Die sog. „demokratische Mehrparteienperiode“, die mit der Verfassung von 1946 unter Dura begann, erlebte insgesamt vier direkt gewählte Präsidenten (1945, 1950, 1955 und 1960) 174 .
164 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 96, zitiert nach Skidmore, Politics, 1973, S. 31.
165 Skidmore/Smith, Latin America, 2005, S. 163 und Holtz, Brasilien, 1981, S. 272.
166 Skidmore, Slow Road, 1989, S. 5.
167 Codato, Transition, 2006, S. 4.
168 Cammack, Politics, 1988, S. 117.
169 Smith, Democracy, 2004, S. 8 f.
170 Wöhlcke, Brasilien, 1991, S. 122 und Mainwaring, Brazil, 1988, S. 94.
171 Amorim Neto/Santos, Connection, 2001, S. 216 f.
172 Amorim Neto/Santos, Connection, 2001, S. 217.
173 Mainwaring, Brazil, 1988, S. 94.
174 Fleischer, Parties, 1998, S. 1.
34
a) Die Regierungszeit Dura (1946-1951)
Beide 1945 gegründete Parteien, die PTB und die PSD, sind Kinder des autoritären Regimes der 1930er Jahre und unterstützten die Wahl von Dura zum Staatspräsidenten 175 . Die gute Politik von Vargas zur Belebung der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch dessen ehemaligen Kriegsminister Dura mit seiner Konzentration auf den Kaffeeexport und die damit einhergehende Abhängigkeit der brasilianischen Wirtschaft von den Weltmarktpreisen zunichte gemacht 176 . Skidmore beschreibt die Zeit nach Vargas wie folgt: „it was the military, not the politicicans, who were the immediate custodians of
power“ 177 .
In den 1950er Jahren explodierte die Bevölkerungszahl in Lateinamerika und die Arbeit verlagerte sich immer mehr vom Agrarsektor hin zum Dienstleistungs- und Produktionssektor, was dazu führte, dass der Mittelstand wuchs 178 .
b) Die Regierungszeit Kubitschek (1955-1961)
Mit der Wahl von Kubitschek zum Präsidenten wurde eine schwere Staatskrise im letzten Augenblick abgewendet 179 . Das politische System mit der Vorherrschaft der Allianz aus PSD-PTB seit 1945 wurde durch die Frage der Landreform erschüttert und das populistische System aus der Vargaszeit fand dadurch ein Ende 180 . Dieser Prozess stellt eine Veränderung des politischen Systems von einem künstlichen Parteiensystem auf der Basis von zeitlich begrenzten Klassenallianzen hin zu einem neuen System dar, das sich parallel zu dem Muster der Klassenveränderung neu ausrichtet 181 . Unter Kubitschek wurden Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen zur Produktion von Gütern des gehobenen Konsums gefördert 182 . Mit staatlichen Investitionen wurden der Stahlsektor und Infrastrukturmaßnahmen gefördert 183 .
175 Cammack, Brazil, 1991, S. 31.
176 Skidmore/Smith, Latin America, 2005, S. 164.
177 Skidmore, Politics, 1967, S. 53, zitiert nach Cammack, Politics, 1988, S. 117.
178 Booth, National Revolts, 1991, S. 38.
179 Cammack, Brazil, 1991, S. 33.
180 Cammack, Brazil, 1991, S. 34.
181 Cammack, Brazil, 1991, S. 34.
182 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 94.
183 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 94.
35
c) Die Regierungszeit Qadros
1961 kam der Kandidat der Unionspartei UND und Lehrer Jânino Qadros mit einer absoluten Mehrheit an die Macht 184 . Sein Gegner, Marschall Henrique Lott, der Kubitschek 1955 mittels eines präventiven Putsches an die Macht verhalf, unterlag 185 . Vor seiner Wahl war er bereits Bürgermeister von São Paulo 186 .
d) Die Regierungszeit Goulart
Quadros überließ nach kurzer Zeit mit seinem freiwilligen Rücktritt im Jahr 1963 seinem Vizepräsidenten João („Jango“) Goulart, dem ehemaligen Arbeitsminister unter Vargas, die Macht, der durch ein Plebiszit die vollen präsidentiellen Befugnisse zurückerhält 187 . Goulart war ein PTB-Politiker und Protégé von Vargas 188 . Seine Macht wurde jedoch als Gegenleistung für die Unterstützung seiner Amtsübernahme durch die Militärs durch das parlamentarische System geschwächt 189 . Die von Qadros eingeleitete Reformpolitik der Nationalisierung ausländischer Betriebe wurde von Goulart intensiviert 190 . Goulart war während seiner ganzen Amtszeit mit einer starken Opposition der Bundesstaaten konfrontiert 191 . Die wirtschaftlichen Stabilisierungsansätze von Kubitschek, Quadros und Goulart waren mit dem Ende der Amtszeit Goularts endgültig gescheitert, da der Widerstand gegen diese Ansätze in der Gesellschaft und in der Politik zu groß wurde 192 . Zunächst verfolgte Goulart wie Vargas eine konservative Strategie mit dem Campos-Furtado-Dreijahresplan zur Stabiliserung, infolge der verschiedenen Gegensätze um diesen Plan wurde dessen Strategie radikaler 193 . Die konservative Balance der von Vargas organisierten Allianz zur Unterstützung einer von staatlicher Seite geförderten Industrialisierung und zur Eindämmung einer Radikalisierung war gescheitert 194 . Infolge der Rezession, steigenden Inflation und der politischen Isolierung Brasiliens vollzog Goulart 1963
184 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 121. Vgl. auch Skidmore, Politics, 1988, S. 7 und Lins da
Silva, Democracy, 1993, S. 126.
185 Heinz, Militär, 2001, S. 126.
186 Lins da Silva, Democracy, 1993, S. 126.
187 Holtz, Brasilien, 1981, S. 273. Vgl. auch Heinz, Militär, 2001, S. 133, Skidmore, Politics, 1967, S.
187-205 (Quadros), 205-253 (Goulart); Wöhlcke, Kosten, 1991, S. 177; Lateinamerika II, 1994,
S. 25 und Lins da Silva, Democracy, 1993, S. 126.
188 Skidmore, Politics, 1988, S. 5.
189 Cammack, Brazil, 1991, S. 34.
190 Nohlen, Lexikon Dritte Welt, 2000, S. 121.
191 Mainwaring/Samuels, Federalism, 1999, S. 3.
192 Bernecker et al., Geschichte Brasiliens, 2000, S. 273.
193 Cammack, Brazil, 1991, S. 34.
194 Cammack, Brazil, 1991, S. 34.
36
einen Linksruck 195 . Die konservativen parlamentarischen Kräfte aus UND und PSD schlossen sich nun gegen ihn zusammen 196 . Die US-Regierung unterstützte die Gegner von Goulart, da ihr dessen Regime zu linksorientiert wurde 197 .
3.2 Das Militär in Brasilien
Bezüglich der langfristig ausgelegten Faktoren in der Demokratisierung hat Brasilien einige Besonderheiten, die beispielsweise die politischen Institutionen oder die wirtschaftliche Entwicklung unter der Militärherrschaft betreffen 198 . Es gibt keinen anderen Fall einer von „oben“ gesteuerten Transition, in dem die Transition zur Demokratie so lange dauerte wie im Brasilien unter den Militärs 199 .
3.2.1 Das Militär als Akteur im Demokratisierungsprozess 200
Anders als in den USA hatte das Militär in Lateinamerika und in Brasilien seine historischen Wurzeln bereits in der Kolonialzeit, so dass es den Militärs über Jahrhunderte hinweg möglich war, einen sehr großen Einfluss in der Gesellschaft auszubauen und erreichen zu können, mit eigenen Rechten (fueros) und eigenem Rechtsstatus 201 . Bereits im 18. Jahrhundert waren Militärangehörige in der Verwaltung zivilen Einrichtungen vorgeordnet 202 . Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Militär keinen herausragenden Einfluss auf die Ämterverteilung und die Verteilung der politischen Macht 203 . Im Krieg gegen Paraguay (1865-1870) hatte das brasilianische Militär den Oberbefehl über die Koalitionsstreitkräfte von Argentinien, Uruguay und Brasilien 204 . In der Verfassung von 1889 wurde die Rolle eines poder moderador festgeschrieben: das Militär sollte diese Funktion übernehmen und bei Konflikten zwischen Politikern und Parteien vor dem Ausbruch von Gewalt schützen 205 . Seit 1889 kam es infolge dieses politischen Einflusses gehäuft zu Interventionen des Militärs in der Politik (Abb. 3). 40 der 207 Mitglieder in der verfassungsgebenden Versammlung von 1890 waren Mitglieder der Streitkräfte 206 .
195 Mainwaring/Samuels, Brazil, 1999, S. 82.
196 Cammack, Brazil, 1991, S. 35.
197 Payne, Industrialists, 1993, S. xviii f.
198 Kinzo, Brazil, 2001, S. 20.
199 Mainwaring, Transition, 1986, S. 158.
200 Hunter, Politicians, 1995, S. 425-443.
201 Wiarda/Kline, Politics, 2000, S. 38.
202 Heinz, Militär, 2001, S. 127.
203 Moltmann, Militär, 1975, S. 168.
204 Heinz, Militär, 2001, S. 127.
205 Heinz, Militär, 2001, S. 123.
206 Heinz, Militär, 2001, S. 127.
37
Der Großteil des Militärs ging in einer neuen Mittelklasse 207 auf (ab dem Krieg mit Paraguay, 1865-1870), während in der Marine der alte brasilianische Adel großen Einfluss hatte und diesen kontinuierlich ausbaute 208 . Schon in der Zeit bis 1930 hatte das Militär in den einzelnen Bundesstaaten in Milizform dieselbe Stärke wie die brasilianische Nationalarmee 209 . 1925 hatte São Paulo eine 14 000 Mann starke Armee, seine eigene Militärakademie und eine ausländische Militärmission 210 . In den 1920er Jahren entstand auf der Ebene eines Offiziersranges als Folge von Rivalitäten zwischen den einzelnen militärischen Rangstufen im Militär die sog. tenetismo-Bewegung der tenentes 211 : der etablierte Föderalismus sollte jetzt durch einen neuen Zentralismus ersetzt werden und die politischen Forderungen der Mittelschicht wie eine Verbesserung des Bildungssystems oder eine Verbesserung des Verfahrens zur Integration von Ausländern wurden übernommen 212 . Durch das brasilianische Expeditionskorps in Italien (1941-1945) wurden viele Erfahrungen und Eindrücke über den Westen und die USA von den Militärs 213 nach Brasilien überliefert 214 . Nach 1945 wurde der Einfluss des Militärs so groß, dass die cobertura militar (militärische Deckung) für den Erfolg oder das Ende eines Politikers entscheidend werden konnte 215 . 1955 versuchten die Militärminister für alle drei Teilstreitkräfte den Amtsantritt von Juscelino Kubitschek, dem sie kommunistische Sympathien unterstellten, zu verhindern, was jedoch misslang 216 . Marschall Henrique Lott verhalf Kubitschek mittels eines präventiven Putschs an die Macht, was bis zu diesem Zeitpunkt den gewichtigsten Fall der cobertura militar darstellte 217 . Seit 1920 ist die Größe des Militärs deutlich und kontinuierlich ohne Unterbrechung angestiegen (Abb. 4). Die Anzahl der Militärangehörigen stieg von 272.550 (1981) auf 296.700 (1991), was einem Anteil von 3,6% (1981) bzw. 1,9% (1991) pro 1000 Einwohner entspricht, während die Anzahl der Angehörigen der paramilitärischen Kräfte von 185.00 (1981) auf 243.000 (1991) anstieg (Abb. 5 und 6). Bereits im
207 1941-1943 stammten 76,4% der Militärs aus der Mittelschicht. 1962-1966 waren es 78,2% (Stepan,
Brazil, 1971, S. 34)
208 Pereira, Brazil, 1984, S. 15.
209 Wiarda/Kline, Politics, 2000, S. 36.
210 Love, Brasil, 1993, S. 202.
211 Von tenente = Leutnant.
212 Moltmann, Militär, 1975, S. 169.
213 Zu dem Wort „Militärs“: der Autor benutzt in diesem Text öfters die Bezeichnung „Militärs“. Damit ist
das Militär in seiner Gesamtheit gemeint, eben die Streitkräfte, zusammen mit allen Faktoren, die
diese Personen-/Machtgruppe unterstützten wie der militärisch-industrielle Komplex etc.
214 Heinz, Militär, 2001, S. 127.
215 Moltmann, Militär, 1975, S. 17
216 Heinz, Militär, 2001, S. 126.
217 Heinz, Militär, 2001, S. 126..
38
Zeitraum 1954-1964 bildeten sich stark nationalistisch geprägte Gruppen bei den Militärs heraus: die sog. „grün-gelbe“ 218 Fraktion war für ein nationales Entwicklungsprogramm mit der Kontrolle über Firmen, Naturressourcen und Finanzen, während die „blaue“ (ab 1964 „weiche“) Fraktion für eine enge Kooperation mit den USA eintrat 219 . Man kann jedoch beim brasilianischen Militär nicht von einer „politischen Partei“ sprechen, sondern es heißt vielmehr in Militärtexten, dass das Militär das nationale Interesse und die moralische Tradition der Nation verkörpert 220 . Mit der zunehmenden Wirtschaftskrise ab 1975 verkleinerte sich die tragende breite Basis der Militärherrschaft, weil diese ihre politische Legitimation mit dem wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu einer führenden Macht in Lateinamerika verbunden hatte 221 . Mitte der 1980er Jahre hatte das Militär im Vergleich zu zehn Jahre davor deutlich an Einfluss verloren, bildete aber trotzdem noch eine autonome Macht im Staat 222 . Auf teilstaatlicher Ebene hatte das Militär bis Mitte der 1980er Jahre eine Demokratisierung zugelassen, auf Bundesebene behielt es jedoch seinen alten Einfluss auch weiterhin 223 . Der Prozentsatz der Befragten, die sich für ein stärkeres Engagement der Militärs in der Politik einsetzten fiel von 79% auf 36% (1994) 224 . Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre entwickelte sich Brasilien zu einem der wichtigsten Waffenexporteure (bewaffnete Fahrzeuge, Flugzeuge, Schiffe und Raketen) in der Dritten Welt, was den Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes zusätzlich zu dem bis dahin bestehenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss um ein Vielfaches vergrößerte 225 . 1989 existierten in Brasilien 350 Unternehmen mit 100 000 Arbeitsplätzen in der Rüstungsindustrie 226 . Die Höhe der militärischen Ausgaben stieg von 1981 bis 1991 um mehr als das Doppelte von 2,378 Milliarden USD (1981) auf 5,295 Milliarden USD (1991) (Abb. 7).
218 Diese Farben sind eine Anlehnung an die Farben des brasilianischen Flagge.
219 Heinz, Militär, 2001, S. 143.
220 Heinz, Militär, 2001, S. 58.
221 Schirm, Brasilien, 1990, S. 100.
222 Mainwaring/Viola, Brazil, 1985, S. 217.
223 Mainwaring/Viola, Brazil, 1985, S. 217.
224 Calcagnotto, Politische Kultur, 1994, S. 178 ff.
225 Conca, Complex, 1997, S. 283.
226 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 100.
39
3.2.2 Die Zeit der Militärherrschaft (1964-1985)
a) Allgemeines
Ab Mitte der 60er Jahre übernahmen die Streitkräfte in vielen Ländern Lateinamerikas die Macht und ersetzten zivil gewählte Regierungen durch Militärregime 227 . So erlebte Brasilien (1964) wie auch Argentinien (1966,1976), Chile (1973), Peru (1968) und Uruguay (1973,1976) eine Phase der Militärherrschaft, die mit dem Sturz der bisherigen gewählten Regierung ihren Anfang nahm 228 . Nur in Venezuela und Kolumbien wurden die demokratischen Regime nicht umgestürzt 229 . Bereits vor 1964 (1954, 1955, 1961,1962) nahmen die Teilstreitkräfte oder das Militär allgemein offen oder verdeckt Einfluss auf die Besetzung der Präsidentschaft 230 . Wie in Brasilien hofften die Militärs auch in anderen Ländern, durch Strukturveränderungen in Wirtschaft und Politik eine Rückkehr zu linkspopulistischen Regimen zu verhindern 231 . In vielen Ländern Lateinamerikas wie auch in Brasilien wurden die Spielregeln des politischen Tagesgeschäfts von den Militärs bereits lange Zeit vor deren Machtübernahme festgelegt und Interventionen in der Politik erübrigten sich aus diesem Grund 232 . Aus der Sicht der Militärs steht der Staat der Gesellschaft paternalistisch, klientelistisch und kontrollierend gegenüber 233 . Der Coup von 1964 wie auch die Staatsstreiche in den anderen lateinamerikanischen Ländern widerlegten die These der Modernisierungstheoretiker, wonach mit einer wirtschaftlichen Modernisierung auch die Wahrscheinlichkeit einer Demokratisierung einhergehe 234 . Außerdem führte Erdmann den empirischen Nachweis, dass Demokratien auch in nicht entwickelten Ländern bestehen können 235 . Das Militärregime in Brasilien war nicht so repressiv wie die Militärregime in den anderen lateinamerikanischen Ländern 236 . Diese Militärinterventionen bestätigten die weit verbreitete Theorie, wonach eine Zunahme des Modernisierungsgrades und der Professionalität der Militärs eine Reduzierung der Wahrscheinlichkeit einer militärischen Intervention im politischen System eines Landes zur Folge hatte, nicht,
227 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 3. Vgl. auch Neto, Intervention, 1995, S. 61.
228 Hagopian, Change, 1993, S. 467. Vgl. auch Nohlen, Militärregime, 1986, S. 3.
229 Nohlen, Militärregime, 1986, S. 3.
230 Moltmann, Brasilien, 1989, S. 86.
231 Heinz, Militär, 2001, S. 13.
232 Heinz, Militär, 2001, S. 56 f.
233 Heinz, Militär, 2001, S. 58.
234 Rustow, Growth, 1960 und Lipset, Democracy, 1959. Vgl. auch Krause, Partizipation, 2006, S. 59.
235 Erdmann, Demokratie, 1996, zitiert nach Krause, Partizipation, 2006, S. 60.
236 Bruneau, Intelligence, 2007, S. 2.
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M. A. Robert Tanania, 2008, Transition in Brasilien, München, GRIN Verlag GmbH
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