1. Fragestellung:
Viele Erzähltheoretiker streiten schon seit längerer Zeit darüber, inwieweit man den Inhalt eines Erzähltexts von der Darstellung derselben Erzählung unterscheiden kann. Viele verschiedene Begriffe wurden so im Laufe der Zeit in den Raum geworfen. Jedoch haben sich bei der Frage nach der Unterscheidung vom „Was“ und dem „Wie“ eines Erzähltextes bis heute in der Erzähltheorie nur zwei Wörter halten können: Die BegriffeKLVWRLUH und GLVFRXUV. Ich möchte in meiner Hausarbeit nun die Frage stellen:, Inwieweit lässt sich das Begriffspaar KLVWRLUHGLVFRXUV praktisch auf Ludwig Tiecks Erzählung Ä'HU EORQGH (FNEHUW³ anwenden?. Dabei möchte ich zunächst die beiden Begriffe KLVWRLUH und GLVFRXUV sowie deren Diskurs näher erläutern, dann der Frage nachgehen, inwieweit diese Begriffe auf Ludwig Tiecks Erzählung „Der blonde Eckbert“ anwendbar sein könnten, um schließlich am Ende meine Ergebnisse kurz zusammenzufassen.
2. Die Begriffe histoire und discours
Fabula/szujet histoire/discours Geschichte- 2.1.Von über bis
Erzählung/Narration- Die verschiedenen Theorien zwischen dem „Was“ und dem „Wie“ von Erzählungen
Der Versuch, Begriffe für die Frage nach der Unterscheidbarkeit zwischen dem „Was“ eines Erzähltextes und dem „Wie“ einer Erzählung, also einerseits der Präsentation oder Darstellung einer Erzählung und andererseits dem Inhalt und der Handlung eines Erzähltextes, zu finden, wurde erstmals im Russischen Formalismus unternommen. So kontrastierte Boris Tomasevskij im Jahr 1925 in seiner „Theorie der Literatur“ die Begriffe IDEXOD und VMX]HW. )DEXOD bedeutete dabei nach Boris Tomasevskij „‘die Gesamtheit der Motive in ihrer logischen, kausal-temporalen Verknüpfung‘“ und VMX]HW bezeichnete er „‘als die Gesamtheit derselben Motive in derjenigen Reihenfolge und Verknüpfung, in der sie im Werk vorliegen‘“ 1 .Ersteres stellte hier damit die chronologische und damit zeitliche Reihenfolge der durch die Ereignisse geprägte Geschichte dar und sollte damit zeigen, wie die Dinge in der
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fiktiven Erzählung wirklich geschehen sind, während zweiteres die Anordnung und Darstellung derselben Handlung in der Erzählung beschreiben sollte. 2
In den sechziger Jahren übersetzte der strukturalistische Erzähltheoretiker Tzvetan Todorov dann das Begriffspaar durch die Begriffe KLVWRLUH vs. GLVFRXUV, die der französische Linguist Emile Benveniste zuvor schon benutzt hatte, um zwischen dem Erzählen mit und ohne Sprecherinstanz zu unterscheiden.
Mit KLVWRLUH meinte Todorov dabei „eine bestimmte Realität, Ereignisse, die stattgefunden haben, Personen, die aus dieser Perspektive betrachtet, sich mit solchen, aus dem wirklichen Leben vermischen.‘“ 3 , während er den GLVFRXUV als etwas beschrieb, indem es einen Erzähler gibt, „‘der die Geschichte erzählt, und es gibt ihn gegenüber einen Leser, der sie aufnimmt.‘“ Es „‘zählen [so] nicht die erzählten Ereignisse, sondern die Weise, wie der Erzähler dafür gesorgt hat, dass wir sie kennenlernen.‘“ 4 .
Der französische Erzähltheoretiker Gerard Genette wiederum veränderte die oben genannten Wörter und erweiterte diese zu einem dritten Begriff. So behält er zwar das Wort *HVFKLFKWH KLVWRLUH als „‘narrativen Inhalt‘“ bei, aber ersetzt zugleich den GLVFRXUV-Begriff durch die beiden Wörter (U]lKOXQJ, welches sich hier bei ihm auf den „narrativen Text oder Diskurs“ beziehen soll und 1DUUDWLRQ, welches dem „produzierenden narrativen Akt sowie im weiteren Sinne der realen oder fiktiven Situation vorbehalten sein soll, in der er erfolgt.“. 5
2.2.Scheffels/Martinez Kritik zu den Theorien und dessen Bild und Anordnung von histoire und discours
2.2.1 Scheffels/Martinez Kommentare den Theorien von Tomasevskij, Benveniste, Todorov und Genette
Scheffel/Martinez sehen nun zwar Ähnlichkeiten in den Theorien von Tomasevskij, Benveniste und Todorov, aber auch große Unterschiede. So glauben sie, dass „Tomasevskijs VMX]HW nur die Reihenfolge der Ereignisse in ihrer literarischen Darstellung bestimmt“, während „Todorovs GLVFRXUV stattdessen den gesamten
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Bereich der literarischen Vermittlung eines Geschehens“ vermitteln soll. 6 Der Begriff VMX]HW bezieht sich hier also nur auf Inhalte, die für die Handlung relevant sind, während der Begriff GLVFRXUV auch die Anordnung von Zeit und Raum sowie den Schreibstil oder die Erzählerperspektive regeln soll. 7 Bei Benveniste sehen sie beim Begriff GLVFRXUV wiederum eher einen linguistisch erfassbaren Unterschied. 8
Auf der anderen Seite umfasst laut Scheffel/Martinez Todorovs KLVWRLUH auch „nicht nur [die handlungsrelevanten Teile des] Geschehen[s] [der )DEXOD], sondern vielmehr das umfassende Kontinuum der erzählten Welt, innerhalb dessen das Geschehen stattfindet.“. 9
Deshalb nehmen Scheffel/Martinez nun hier, wie schon der oben beschriebene Gerard Genette, lieber eine Dreiteilung der Begriffe vor. Auf der einen Seite steht für sie so „die erzählte Welt (oder Disgese) von dem engeren Begriff der Handlung, der sich nur auf die Gesamtheit der handlungsfunktionalen Elemente der dargestellten Welt bezieht“ und auf der anderen Seite steht für die beiden Erzähltheoretiker „die Art und Weise der Vermittlung der erzählten Welt“, welches sie als 'DUVWHOOXQJ bezeichnen. 10
2.2.2. Scheffel/Martinez Anordnung und Bild von den Begriffen histoire und discours
Außerdem unterteilen Scheffel/Martinez die drei Bereiche hier jeweils auch nochmals in verschiedene Kategorien. Nach den beiden Erzähltheoretikern besteht die +DQGOXQJKLVWRLUHVR aus den vier Elementen Ä(UHLJQLV³ (Motiv), Ä*HVFKHKHQ³ Ä*HVFKLFKWH³ und Ä+DQGOXQJVVFKHPD³, während die 'DUVWHOOXQJ die beiden Kategorien Ä(U]lKOXQJ³ und Ä(U]lKOHQ³ umfasst. Auf der Seite der +DQGOXQJKLVWRLUH ist das Ä(UHLJQLV³ dabei „die elementare Einheit des narrativen Textes“ 11 , das zusammen mit anderen handlungsrelevanten Ereignissen, aneinandergereiht und chronologisch geordnet. das Ä*HVFKHKHQ³ der Handlung bestimmt. Wenn die Ereignisse schließlich nicht nur chronologisch, sondern auch kausal aufeinander folgen, wird aus dem Geschehen, nach Scheffel/Martinez, eine Geschichte, die sich dann wiederum zu einem Ä+DQGOXQJVVFKHPD³ entwickelt,
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wenn „aus der Gesamtheit der erzählten Ereignisse [ein] abstrahiertes globales Schema der Geschichte [wird], das nicht nur für den einzelnen Text, sondern für ganze Textgruppen (wie z.B. Gattungen) charakteristisch sein kann“ 12 , aus der die Geschichte „eine abgeschlossene (Anfang, Mitte,Ende) und sinnhafte (z.B. archetypische) Struktur“ 13 erhält. 14 Damit ist hierbei gemeint, dass der Aufbau und die Dramaturgie der Geschichte signifikant für eine bestimmte Gattung sein könnten, z.B. für das Kunstmärchen.
Auf der Seite der 'DUVWHOOXQJGLVFRXUV umfasst die Kategorie Ä(U]lKOXQJ³ wiederum „die erzählten Ereignisse in der Reihenfolge ihrer Darstellung im Text“ 15 . Das bedeutet, dass die Chronologie der Geschichte hier nicht unbedingt eingehalten werden muss, sondern durch Vorausdeutungen und Rückwendungen in der Zeitform und dem chronologischen Aufbau hin-und her springen kann. Und die Kategorie „Erzählen“ bezieht sich dagegen nur auf „die Präsentation der Geschichte und die Art und Weise dieser Präsentation in bestimmten Sprachen (z.B. rein sprachliche oder audio-visuelle) und Darstellungsverfahren (z.B. Erzählsituation oder Sprachstil)“ 16 . 17
Nachdem ich nun die Begrifflichkeiten anhand von Martinez/ Scheffel näher erläutert haben, möchte ich nun von meinen bisherigen, nur theoretischen Überlegungen, zur Praxis übergehen und die Begriffe *HVFKLFKWHKLVWRLUH und 'DUVWHOOXQJGLVFRXUV sowie die auf diese Begriffe jeweils zugeordneten Kategorien auf Ludwig Tiecks Erzählung „Der blonde Eckbert“ anwenden und dabei die Frage stellen: Welche Ereignisse geschehen in dieser Erzählung? Welche Geschichte wird erzählt und gibt es ein Handlungsmuster? Und vor allem auch: Wie ist die Erzählung chronologisch angeordnet? Gibt es vielleicht sogar Rückwendungen und Vorausdeutungen? Und welche stilistischen und sprachlichen Formen stechen in Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ heraus? Oder anders gesagt: Wie wird die Erzählung präsentiert und dargestellt?
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Arbeit zitieren:
Daniel Voigt, 2009, "Histoire" vs. "discours" am Beispiel von Ludwig Tiecks Erzählung "Der blonde Eckbert", München, GRIN Verlag GmbH
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