Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 2
2. Inhalt und Form der Amsel ... 2
2.1 Erzählstruktur Rahmenhandlung - Gattungsfrage
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3. Die Amsel als Tor zum ,anderen Zustand' ... 4
3.1 Der ,andere Zustand'
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3.2 Musils Zeichen als ,Signale' des Möglichen
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4. Lacans ,Spiegelstadium' ... 6
4.1 Das Ich-Ideal
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4.2 Ich (je) und Ich (moi)
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5. Lacans Ideen und Die Amsel ein Vergleich ... 7
5.1 Die Bedeutung des kindlichen Weltbezugs
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5.2 Ich (je) und Ich (moi) bei Lacan - Aeins und Azwei bei Musil
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5.2.1 Azwei, das Ich (moi)
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5.2.2 Aeins, das Ich (je)
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5.3 Aeins als Spiegel Azweis
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5.4 Die Bedeutung des ,Dritten' im identifikatorischen Prozess
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6. Fazit... 12
7. Literaturverzeichnis... 13
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1. Einleitung
Robert Musil veröffentlichte seine Novelle Die Amsel - wobei der Gattungsbegriff
Novelle später noch eingehender betrachtet und diskutiert werden soll zum ersten Mal 1928
in der ,Neuen Rundschau' und nahm sie 1936 im ,Nachlaß zu Lebzeiten' wieder auf. Dabei
fand die Amsel zunächst in der internationalen Musil-Forschung nur geringe Beachtung und
das, obwohl sie laut Frederick W. Krotz ,,mit zum Gehaltvollsten Musilscher Prosa zählt"
(1970: 7) und nach Benno von Wiese ,,zu dem Besten gehört, was Musil geschrieben hat"
(1962: 299).
Die vorliegende Arbeit wir zeigen, inwieweit Musils Literaturtheorie in der Amsel mithilfe
psychoanalytischer Ideen Lacans interpretierbar ist. Dabei wird insbesondere auf einen von
Lacan verfassten Aufsatz zum so genannten ,,Spiegelstadium" Bezug genommen werden. Die
Bildung des ,,Ich" sowie die Beziehung zum ,Dritten' wird darüber hinaus eingeschlossen
werden und soll schließlich zum Verständnis musilscher Existenztheorien und seinem
Schreiben in der Amsel beitragen.
2. Inhalt und Form der Amsel
Die Novelle setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Nach einer Art Einleitung, in der der
Ich-Erzähler des zweiten Abschnitts, Azwei, und sein Gesprächspartner Aeins vorgestellt
werden, folgt ein zweiter Teil, der sich wiederum aus drei Geschichten zusammensetzt. Diese
drei Episoden, von Azwei als persönliche Erlebnisse erinnernd erzählt, sind ,,Stufen einer
Biographie, die in ihrer zeitlichen Reihenfolge erzählt" Azweis ,,psychische Entwicklung
anhand dreier Erlebnisse" (Baur 1973, 238) charakterisiert.
In der ersten Geschichte berichtet Azwei von der Flucht aus seinem Job, von seiner Frau
und aus der mechanischen Langeweile Berlins, um dem Ruf einer halb wahrgenommenen
Amsel zu folgen. Die zweite Erzählung behandelt ein Nahtoderlebnis Azweis bei einem
Fliegerpfeilangriff an der italienischen Front zwei Jahre später. Die dritte Geschichte
schließlich vollzieht die Krankheit und den anscheinend aufopfernden Tod seiner Mutter in
der Mitte der 20er Jahre nach, als Azwei nach Jahren der Abwesenheit wieder nach Hause
zurückkehrt und dort Gegenstände seiner Kindheit entdeckt und eine erneute Begegnung mit
der Amsel erlebt. (Vgl. West Nutting, 1983: 47)
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2.1 Erzählstruktur Rahmenhandlung - Gattungsfrage
Die Erzählstruktur weist verschiedene Besonderheiten auf, aus denen sich neue
Fragestellungen und Problematiken ergeben. Zu Beginn findet eine Einführung durch einen,
wie West Nutting es nennt, ,,objective and disinterested frame narrator" (1983, 47) statt,
einem objektiven und unvoreingenommenen Rahmenerzähler also. Burgstaller bezeichnet
diesen sogar als ,,auktorialen Erzähler" (1972, 269), wovon West Nutting sich klar abhebt. Er
betont ausdrücklich, dass es sich bei dem Erzähler nicht um einen allwissenden handeln
könne, da dieser voraussichtlich am Ende der Erzählung wieder aufträte, um die Botschaft
von Azweis letzter Geschichte zu verdeutlichen und damit den äußeren Rahmen zu schließen
(vgl. West Nutting 1983, 48). Der äußere Rahmen lässt sich dennoch durch die Einleitung des
- nennen wir ihn ,vorgelagerten' - Erzählers und der Vorstellung der weiteren Protagonisten,
oder auch ,nachgelagerten' Erzähler Aeins und Azwei, definieren. Die von Azwei
vorgetragenen drei Erlebnisse seiner bisherigen Lebensphase bilden den inneren Rahmen.
Dabei muss allerdings erwähnt werden, dass Aeins und Azwei vom vorgelagerten Erzähler so
eingesetzt werden, dass sie als bloße Übermittler der vom ersten Erzähler erlebten
Sachverhalte gesehen werden sollen:
Die beiden Männer, deren ich erwähnen muss um drei kleine Geschichten zu
erzählen, bei denen es darauf ankommt, wer sie berichtet -, waren
Jugendfreunde; nennen wir sie Aeins und Azwei. (NzL, 1936: 185)
Aufgrund dieser Konstellation der Erzähler kommt es in der Fachliteratur zu kontroverser
Diskussion der Amsel im Hinblick auf ihre Gattungszugehörigkeit. Die Argumentation
derjenigen, die der Amsel nur unter Vorbehalt Novellencharakter zusprechen, gründet auf dem
fehlenden, abschließenden Kommentar nach der dritten Geschichte Azweis, um so den
äußeren Rahmen zu konkludieren. Legt man aber zugrunde, dass Azwei nicht zwangsläufig
als ein eigener Charakter der Amsel gesehen werden muss, sondern eher als eine vom Erzähler
eingesetzte Figur, um seine eigene Entwicklung zu veranschaulichen, so ist der Schluss der
dritten Geschichte durchaus auch als Abschluss des äußeren Rahmens zu interpretieren. Den
Beweis, dass Aeins und Azwei offenbar Bewusstseinsspaltungen ,,eines nicht unmittelbar
auftretenden theoretischen Menschen A" (Reniers Servranckx, 1972: 192) sind, liefert
Azwei dem Leser selbst, denn er sagt:
,,ich habe mich jahrelang mit keinem Menschen aussprechen können, und wenn
ich mich darüber laut mit mir selbst sprechen hörte, wäre ich mir, offen
gestanden, unheimlich." (NzL, 1936: 197)
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Zu dem Verhältnis der beiden ,,Jugendfreunde" (NzL, 1936: 185) Aeins und Azwei wird
im Folgenden an späterer Stelle noch einmal detaillierter Bezug genommen werden.
3. Die Amsel als Tor zum ,anderen Zustand'
3.1 Der ,andere Zustand'
Robert Musil differenziert in all seinen Werken nicht nur in der Amsel zwischen
unterschiedlichen ,Bewusstseinszuständen', in denen das Individuum existieren kann. Seine
Auffassung von der Welt und der damit einher gehenden Wirklichkeitsvorstellung sieht vor,
dass es neben der real erfassbaren Welt noch wenigstens eine andere Welt gibt, einen
,anderen Zustand' ,,jenseits jener ,Grenze zweier Welten'" (Tb II, 1153). Diese andere Welt
,,wird nicht als ein Zusammenhang dinglicher Beziehungen erlebt, sondern als eine Folge
ichhafter Erlebnisse" (Tb II, 1153).
Musil stellt an Dichtung einen ,,erkenntnistheoretischen, experimentellen Anspruch"
(Kulenkampff, 1999, 302). Der Autor geht davon aus, dass die rationale Welt nur ein Teil
aller möglichen Welten sei. Dabei bildet der ,andere Zustand' nicht nur einen
Alternativentwurf zum üblichen Lebensprogramm, sondern müsse als ursprünglichere
Existenzebene verstanden werden, deren ,Totalität' heutigentags nurmehr ,bruchstückhaft'
erfahrbar und nahezu unkommunizierbar sei (vgl. Scharold, 2000: 84). Und so lassen sich
auch die drei scheinbar konfusen Darstellungen Azweis in der Amsel erklären. Denn
das Absolute in welcher Ausprägung auch immer existiert für Musil nicht
mehr, und das Bestehende erweist sich als ein Provisorium, als eine mögliche
Welt. Folglich muß die wirkliche Welt ,erfunden' werden, denn die Menschen
leben noch nicht in ihrer Wirklichkeit, sie müssen sie erst erfinden. (Deutsch,
1993, 23)
Die ,wirkliche Welt', wie Deutsch sie nennt, muss aber nicht erst erfunden werden, sie ist
in ihrer unendlichen Vielzahl von möglichen Welten allgegenwärtig.
Im Weiteren Verlauf dieser Arbeit soll unter Einbeziehen insbesondere der Theorien des
französischen Psychoanalytikers Jacques Lacans eine Interpretation der Zeichen Musils in der
Amsel
sowie eine Einordnung seiner Protagonisten Aeins und Azwei erfolgen.
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3.2 Musils Zeichen als ,Signale' des Möglichen
Die Bedeutung und die Funktion der Amsel, die nicht einmal in jeder der drei Episoden
als eben dieses Tierbild auftritt (vgl. die zweite Geschichte, in der ein Fliegerpfeil die Rolle
der Amsel einnimmt), in der gleichnamigen Novelle Robert Musils ist vielfach diskutiert
worden.
In einer der ersten Interpretationen der Amsel bemerkt schon Benno v. Wiese, dass die
Amsel, oder respektive der Fliegerpfeil, als ,Zeichen' zu verstehen sei, das wiederum aber
,,nichts für sich allein oder durch sich allein" (v. Wiese, 1962: 304) bedeute. Es ist also
folglich evident, sich einer eingehenderen Untersuchung der Zeichen Musils zu widmen.
Dem Leser der Amsel stellt sich zunächst einmal die Herausforderung, sich über das ihm
Vertraute, das Rationale oder in Musils Worten ,Ratioide', hinwegzusetzen. Um das Anliegen
des Autors erfassen zu können, muss der Leser bereit sein, die für ihn real existierende und
greifbar erscheinende Welt in Frage zu stellen und muss für die Vorstellung einer ,größeren'
Welt, im Sinne einer Welt hinter dem eigentlich Sichtbaren, Fassbaren, Greifbaren, offen
sein.
Musil setzt hierzu in seiner Novelle Die Amsel Zeichen ein, die, wie v. Wiese es
formuliert, ,,keinerlei ablösbaren, im dinglich Bildhaften erscheinenden Wert" (1962: 304)
haben. Vielmehr entzögen sie sich der
direkten deutenden Auslegung radikal [...], obwohl sie ein frei erlebtes Handeln
des Menschen in Bewegung setzen, ohne daß jedoch zwischen dem jeweiligen
Zeichen und dem ihm folgenden Tun ein kausaler Bezug (v. Wiese, 1962: 304)
bestünde. Später weist v. Wiese noch einmal darauf hin, dass das ,Zeichen' nur darauf
aufmerksam mache, ,,daß durch ein äußeres Ereignis [die Amsel in der ersten und der dritten
Geschichte und der Fliegerpfeil in der zweiten] ein analoger innerer Vorgang gleichsam
herausgefordert wird." (1962: 305). Karthaus sieht hierin seine These bestätigt, dass das
Tierbild auf absolute Möglichkeit verweise, die alles enthielte (vgl. 1965: 103). Er nennt die
Amsel einen ,,Zaubervogel", der ,,Bote und Zeichen einer anderen Welt" (1965: 107) sei.
Musil will den Leser also auf eine Welt aufmerksam machen, die außerhalb unserer
,,endgültig fixierte[n] Wirklichkeit" (v. Wiese, 1962: 305) liegt.
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