Zusammenfassung
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach Zusammenhängen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Den theoretischen Hintergrund dafür bilden sowohl entwicklungs-und individuationstheoretische Ansätze als auch die Bindungstheorie. Über Individuationsprozesse werden die Entwicklungsverläufe von Paarbeziehungen, beginnend mit den noch ungeübten neugierigen aber durchaus stark emotionalen ersten Gehversuchen im Bereich Paarbeziehung im Jugendalter bis hin zum jungen Erwachsenenalter, in dem die Beziehungen dann von stärkerer Gegenseitigkeit und Intimität geprägt sind, charakterisiert. In den jugendlichen Paarbeziehungen sind Konflikte zwischen Autonomie und Verbundenheit nicht selten. Meist werden diese durch eine Balance der beiden Konstrukte vor allem auf Verhaltensebene gelöst. Junge Erwachsene hingegen sind bereits stärker in der Lage Autonomie und Verbundenheit in ein interdependentes Verhältnis zu setzen. Die klassische Bindungstheorie bildet den Ausgangspunkt für das Verständnis von Bindungen als Paarbeziehungen. So kann angenommen werden, dass die in der Kindheit angeeigneten Bindungsmuster auf spätere Paarbeziehungen übertragen werden. Auf dieser Basis werden zentrale Faktoren der Beziehungsqualität in den Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch empirische Befunde verdeutlicht.
Das besondere Interesse der vorliegenden Arbeit gilt den Zusammenhängen zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Big Five, Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen. An der durch die DFG geförderten Münchner Studie nahmen 60 Paare teil. Für die vorliegende Arbeit werden sowohl Fragebogen- als auch Interviewdaten herangezogen. Es werden Testungen auf Individualebene und Paarebene durchgeführt. Als bedeutendste Prädiktoren für Autonomie und Verbundenheit in Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen sich die Konstrukte Neurotizismus sowie Selbstwert und Depressivität. Zwischen den Alterskohorten lassen sich deutlich die durch die Theorie erwarteten Differenzen beobachten, so dass in den Paarbeziehungen der Jugendlichen wesentlich weniger wechselseitige Prozesse zu beobachten sind und die jungen Erwachsenen größere Verbundenheit zeigen, indem sich die Partner in diesen Beziehungen bereits stärker öffnen und gegenseitig Gedanken sowie Gefühle anvertrauen. Geschlechtsspezifisch lässt sich sagen, dass sich für beide Geschlechter Verbundenheit als zentraler Angelpunkt in der Beziehung ausmachen lässt, denn auf diesem Gebiet zeigen sich die meisten Wechselwirkungen. Für die Frauen jedoch scheinen darüber hinaus Ängste und Unsicherheiten von zentraler Bedeutung in den Paarbeziehungen zu sein. Das Close Peer Relationship Interview (Selman & Schultz, 1990) hat sich, erstmalig in einer deutschen Studie angewendet, bewährt und kann die Ergebnisse der Fragebogenanalysen zumeist untermauern sowie ergän- zen.
ii
Inhaltsverzeichnis
ZUSAMMENFASSUNG I
INHALTSVERZEICHNIS. II
ABBILDUNGSVERZEICHNIS. IV
TABELLENVERZEICHNIS. V
EINLEITUNG 1
I. THEORETISCHER TEIL. 5
1 EINE ENTWICKLUNGSTHEORETISCHE SICHTWEISE AUF
PAARBEZIEHUNGEN IM JUGEND- UND JUNGEN ERWACHSENENALTER 6
1.1 Entwicklung von Paarbeziehungen 8
1.2 Autonomieentwicklung 11
1.2.1 Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit in jugendlichen Paarbeziehungen. 13
1.2.2 Autonome Konfliktbewältigung unter Aufrechterhaltung der Verbundenheit in Paarbeziehungen. 15
1.3 Zusammenfassung 16
2 DIE BINDUNGSTHEORIE ALS AUSGANGSPUNKT FÜR DAS VERSTÄNDNIS
VON AUTONOMIE UND VERBUNDENHEIT IN PAARBEZIEHUNGEN 18
2.1 Einfluss von Bindungserfahrungen im Kindes- und Jugendalter auf spätere
Beziehungsrepr äsentation 24
2.2 Bindungen als Paarbeziehungen 25
2.2.1 Das komplexe Wirkungsgefüge zwischen Commitment und Beziehungsstabilität unter Einbeziehung
von Bindungssicherheit und Beziehungszufriedenheit 29
2.2.2 Autonomie und Verbundenheit in Paarbindungen 30
2.3 Zusammenfassung 34
3 PERSÖNLICHKEIT UND PARTNERSCHAFT. 36
3.1 Persönlichkeit 37
3.2 Einfluss von Paarbeziehung auf Persönlichkeit 40
3.3 Einfluss von Persönlichkeit auf Paarbeziehung 42
3.3.1 Big Five. 42
3.3.2 Depressivität. 46
3.3.3 Selbstwert 51
3.4 Zusammenfassung 54
II. EMPIRISCHER TEIL 57
4 METHODE 58
4.1 Fragestellungen und Hypothesen 58
4.2 Stichprobe 65
4.3 Datenerhebung. 66
4.3.1 Fragebogen 67
4.3.2 Close Peer Relationship Interview 68
iii
4.4 Indikatoren 71
4.4.1 Die Skalen des Fragebogens. 72
4.4.2 Die Skalen des Close Peer Relationship Interviews. 77
4.5 Verfahren der Datenanalyse. 77
5 ERGEBNISSE. 79
5.1 Einführende Analysen 79
5.1.1 Statistische Kennwerte 79
5.1.2 Beziehungsdauer als mögliche Störvariable 84
5.1.3 Testung der Ähnlichkeitsthese. 85
5.2 Der Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit (Fragestellung 1 2) 87
5.2.1 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im Fragebogen. 88
5.2.2 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im CPRI 96
5.3 Der Zusammenhang zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit (Fragestellung 3)100
5.3.1 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit im Fragebogen 102
5.3.2 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit im CPRI 106
5.4 Selbstwert und Depressivität im Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit
(Fragestellung 4 5) 108
5.4.1 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den
Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im Fragebogen 109
5.4.2 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den
Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im CPRI 113
5.5 Depressivität und ihr Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit zwischen den Partnern
(Fragestellung 6) 116
5.5.1 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern
im Fragebogen 117
5.5.2 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern
im CPRI 119
5.6 Geschlecht und Kohorte als Moderatoren (Fragestellung 7) 119
6 DISKUSSION. 122
6.1 Diskussion der Befunde zur Interkorrelation der Kriterien 122
6.2 Diskussion der Befunde zu den Big Five 128
6.3 Diskussion der Befunde zu Selbstwert und Depressivität. 135
6.4 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede 142
6.5 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Kohortenunterschiede 146
6.6 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Unterschiede in den Erhebungsmethoden 148
6.7 Abschließende Evaluation. 150
7 AUSBLICK 153
8 LITERATURVERZEICHNIS. 154
ANHANG 168
iv
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Developmental Relationship Scale Levels (Übernommen aus Selman Schultz, 1998 nach
einer Übersetzung von Kathrin Beckh)
Abbildung 2: Vergleich der unterschiedlichen methodischen Zugänge für ausgewählte Indikatoren
Abbildung 3: Die Skalen der Prädiktoren aus dem Fragebogen.
Abbildung 4: Die Skalen der Kriterien aus dem Fragebogen.
Abbildung 5: Aggregierte Skalen für Autonomie im Fragebogen
Abbildung 6: Aggregierte Skalen für Verbundenheit im Fragebogen.
Abbildung 7: Die Skalen der Kriterien aus dem CPRI
Abbildung 8: Boxplot zur Darstellungen der Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern für die
Variable Verträglichkeit.
Abbildung 9: Boxplot zur Darstellung der Mittelwertsunterschied zwischen den Geschlechtern für die
Variable Neurotizismus
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Autonomie-Skalen des Fragebogens.... 75 Tabelle 2: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Verbundenheits-Skalen des Fragebogens
.................................................................................................................................................................. 76 Tabelle 3: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der männlichen Jugendlichen ............. 79 Tabelle 4: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen. 79 Tabelle 5: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen ............... 80 Tabelle 6: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen... 80 Tabelle 7: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der männlichen
Jugendlichen .............................................................................................................................................. 81 Tabelle 8: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der männlichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 81 Tabelle 9: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen
.................................................................................................................................................................. 82 Tabelle 10: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der weiblichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 82 Tabelle 11: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen Jugendlichen83 Tabelle 12: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 83 Tabelle 13: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen. 83 Tabelle 14: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 84 Tabelle 15: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gesamtstichprobe ......................................................... 85 Tabelle 16: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der Jugendlichen .............................................. 86 Tabelle 17: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der jungen Erwachsenen.................................. 86 Tabelle 18: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer.......................... 88 Tabelle 19: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen ........................... 89 Tabelle 20: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen Jugendlichen 90 Tabelle 21: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 90 Tabelle 22: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen . 91 Tabelle 23: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 91 Tabelle 24: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gesamtstichprobe.......... 93 Tabelle 25: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der Jugendlichen94
Tabelle 26: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 95 Tabelle 27: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Männer ................................. 96 Tabelle 28: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Frauen................................... 97 Tabelle 29: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen Jugendlichen ...... 97 Tabelle 30: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
.................................................................................................................................................................. 97 Tabelle 31: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen ........ 98 Tabelle 32: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
.................................................................................................................................................................. 98 Tabelle 33: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gesamtsstichprobe ............. 98 Tabelle 34: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gruppe der jungen
Erwachsenen ............................................................................................................................................. 99 Tabelle 35: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der
Männer ................................................................................................................................................... 102 Tabelle 36: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der
Frauen..................................................................................................................................................... 102 Tabelle 37: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der
männlichen jungen Erwachsenen ............................................................................................................ 103 Tabelle 38: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der
weiblichen Jugendlichen........................................................................................................................... 104 Tabelle 39: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der
weiblichen jungen Erwachsenen .............................................................................................................. 104 Tabelle 40: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der
Männer ................................................................................................................................................... 106 Tabelle 41: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der
Frauen..................................................................................................................................................... 106 Tabelle 42: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der
männlichen Jugendlichen......................................................................................................................... 107 Tabelle 43: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der
männlichen jungen Erwachsenen ............................................................................................................ 107 Tabelle 44: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der
weiblichen jungen Erwachsenen .............................................................................................................. 107 Tabelle 45: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der Männer .......................................................................................................................... 109 Tabelle 46: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der Frauen............................................................................................................................ 110
Tabelle 47: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der männlichen Jugendlichen................................................................................................ 110 Tabelle 48: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der männlichen jungen Erwachsene...................................................................................... 111 Tabelle 49: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der weiblichen Jugendlichen.................................................................................................. 111 Tabelle 50: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in
der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen ..................................................................................... 112 Tabelle 51: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der Männer ................................................................................................................................ 113 Tabelle 52: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der Frauen.................................................................................................................................. 114 Tabelle 53: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der männlichen Jugendlichen...................................................................................................... 114 Tabelle 54: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen ......................................................................................... 114 Tabelle 55: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der weiblichen Jugendlichen........................................................................................................ 115 Tabelle 56: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der
Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen ........................................................................................... 115 Tabelle 57: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in
der Gesamtsstichprobe ............................................................................................................................. 117 Tabelle 58: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in
der Gruppe der Jugendlichen ................................................................................................................... 118 Tabelle 59: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in
der Gruppe der jungen Erwachsenen ....................................................................................................... 118
1 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
Einleitung
Die Wissenschaft hat eine Vielzahl von Modellen, Hypothesen und Theorien hervorgebracht, die zur Beschreibung und Untersuchung von Paarbeziehungen herangezogen werden können. Diese Theorien beschäftigen sich zum Beispiel damit, weshalb Menschen Ehen oder vergleichbar enge Formen von Bindungen mit anderen Menschen eingehen oder warum zufriedenstellende Liebesbeziehungen zu den zentralsten Lebenszielen der meisten Menschen gehören. In den Modellen zur Paarbeziehung wird überdies die Frage erörtert, welche Gründe zu einem Scheitern von romantischen Beziehungen beitragen und warum die Menschen sich nach einer überwundenen Trennung dennoch auf eine erneute Paarbeziehung mit einem anderen Menschen einlassen.
Der soziobiologische Forschungsansatz geht davon aus, dass bestimmte soziobiologische Ursachen, wie zum Beispiel die lange Betreuung und Fürsorge der Kinder dafür verantwortlich sind, dass sich Menschen in enge, andauernde und meist monogame romantische Beziehungen begeben. Durch die Bewusstwerdung, dass nur durch das Eingehen sozialer Beziehungen und der intensiven Pflege der Kinder die erfolgreiche Reproduktion gewährleistet werden kann, werden Prozesse der Kommunikations- und Kooperationskompetenzen gefördert, die die Grundlage für das Gelingen einer Paarbeziehung bilden (Lösel & Bender, 2003, S.46-49).
Auch beim strukturell-funktionalen Ansatz wird die Paarbeziehung unter einem eher funktionellen Blickwinkeln betrachtet. Die reproduktive Fitness steht hier jedoch weniger im Mittelpunkt. Vielmehr bildet die Familie eine Funktion der sozialen Gesellschaft. Dabei richten sich die Familienstruktur und das Familienleben nach den Bedürfnissen der Gesellschaft, die sich im Laufe der Historie wandeln und kulturell verschieden sind (Lösel & Bender, 2003, S.50).
Zu den bedeutendsten Theorien der Partnerschaft gehören die Austausch- und Investitionsthe-orien. Diese Theorien beschreiben Partnerschaften als ein ständiges Abwägen von Kosten und Nutzen (Mikula, 1992). Jenes ökonomische Verhaltensmodell wird durch das Geben und Nehmen in der Paarbeziehung symbolisiert. Je mehr beide Partner ihre Bedürfnisse als befriedigt ansehen, desto glücklicher sind sie in der Beziehung. Das Gefühl der Zufriedenheit entsteht dabei vorwiegend dadurch, dass die Verhaltenweisen des Partners eine Art Belohnung darstellen. Im Gegenzug dazu werden auch Investitionen gefordert. Als solche werden die Auseinandersetzungen mit dem Partner sowie mit seinen Gefühlen und Ängsten oder auch physische Aufwendungen in der Beziehung bezeichnet (Thibaut & Kelly, 1959).
Vergleichbar mit den austauschtheoretischen Sichtweisen sind familienökonomische Theorien der Ansicht, dass Menschen enge Beziehungen eingehen, um ihren persönlichen Nutzen zu vergrößern. Zentral für diese Theorie ist der Begriff „commodities“ - er steht für Güter, die erst durch eine enge und stabile Bindung entstehen. Unterstützung, Anerkennung, Liebe oder
2 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
auch zwischenmenschliche Kontakte können etwa als „commodities“ bezeichnet werden (Lösel & Bender, 2003, S.54).
Einen großen Wert auf Interaktionen in der Beziehung sowie auf Kommunikation zwischen den Partnern und Konfliktbewältigungsstrategien legen lern- und verhaltenstheoretische Ansätze. Beziehungsstabilität und -qualität sollen danach in erster Linie durch das Miteinander der beiden Partner bestimmt werden. So gibt es Verhaltensweisen, die der Beziehung dienlich sind, und solche, sie werden als dysfunktional bezeichnet, die die Beziehung belasten (Lösel & Bender, 2003, S.57-60).
Daran anschließend lohnt es sich die Belastungs- und Bewältigungs-Modelle zu erwähnen. Diese Modelle gehen davon aus, dass Paare in der Lage sind Konflikte und schwierige Situationen aktiv zu bewältigen und ihre Entwicklung wirksam zu gestalten (Lösel & Bender, 2003, S.63-65).
Ein zentraler Aspekt für die vorliegende Arbeit wird der bindungstheoretische Ansatz sein. Dieser geht davon aus, dass Bindungserfahrungen in der Kindheit den Ausgangspunkt für die Gestaltung von Paarbeziehungen im späteren Leben bilden (Lösel & Bender, 2003, S.61-62).
Die Ähnlichkeitsthese findet in der Partnerschaftsforschung großen Anklang. Sie sagt voraus, dass Menschen eher mit solchen Personen eine enge Beziehung eingehen, die ihnen sowohl physisch als auch psychisch und ebenso in sozialen Merkmalen ähnlich sind (Mikula & Stroebe, 1991). Diese Annahme wird in den verschiedensten Paartheorien integriert und gilt deshalb nicht als eigener Theorieansatz. Der Ähnlichkeitsthese steht die Komplementaritätsthese gegenüber, die besagt, dass sich Gegensätze anziehen und eine Paarbeziehung ein Ort der wechselseitigen Ergänzung ist. Winch (1985) ist der Überzeugung, dass bei der Partnerwahl die Ähnlichkeit entscheidend ist. Auf der Suche nach einem potentiellen Partner wird nach Übereinstimmungen in Interessen und Werten gesucht. Bei andauernder Beziehung allerdings steht eine wechselseitige Erweiterung im Vordergrund und trägt maßgeblich zur Bedürfnisbefriedigung in der Beziehung bei (Winch, 1958). Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass dieses Komplementaritätsmodell wissenschaftlich zu wenig bestätigt ist. Es wird kritisiert, dass komplementäre Strukturen vermutlich nur in solchen Beziehungen zu finden sind, in denen sich die Partner ähnlich genug sind und das gegenseitige Ergänzen zur individuellen Charakteristik der beiden Partner gehört. (Lösel & Bender, 2003, S.55-57).
Erstrebenswert ist im Allgemeinen eine Integration aller Theorien der Paarbeziehung, denn keine der vorgestellten Theorien allein kann einen umfassenden und ausreichenden Blick auf das Phänomen der Paarbeziehungen liefern. Auch in der vorliegenden Arbeit soll der Versuch einer Integration gemacht werden. So werden außer bindungstheoretischen Ansätzen ebenso entwicklungstheoretische Ansätze berücksichtigt, die Paarbeziehungen im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter betrachten und vergleichen. Verhaltenstheoretische Ansätze und Belastungs-Bewältigungs-Modelle finden ihre Berücksichtigung, wenn es um Autonomieent-
3 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
wicklung und dabei insbesondere um Konfliktbewältigung in Liebesbeziehungen geht. Die Betrachtungsweisen der Austausch- und Investitionstheorien finden sich wieder, indem sich diese Arbeit mit Fürsorge, Commitment und Verbundenheit in Liebesbeziehungen beschäftigt.
Besondere Aufmerksamkeit wird in der hiesigen Untersuchung den Persönlichkeitsmerkmalen der Big Five sowie dem Selbstwert und Depressivität zuteil, die entscheidenden Einfluss auf Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen haben können. So treffen in einer Liebesbeziehung zwei Personen mit ihren individuellen Persönlichkeitsmerkmalen aufeinander, woraus sich vielfältige Wechselwirkungen zwischen den Charaktereigenschaften beider Partner und ihrer Beziehung entwickeln (Neyer, 2003). Es wird angenommen, dass sowohl die Persönlichkeit des einzelnen Partners Einfluss auf die Gestaltung der gemeinsamen Paarbeziehung hat, als auch, dass dyadische Interaktionen mit Veränderungen in den Persönlichkeitsmerkmalen beider Partner einhergehen (Neyer, 2003). Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten fünf Persönlichkeitskonstrukte der Big Five Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Neurotizismus und Offenheit werden genetisch bedingt als eher stabile Persönlichkeitsmerkmale betrachtet (McCrae & Costa, 1995). Wohingegen der Selbstwert eines Menschen durch Umwelteinflüsse stärker veränderbar ist (Asendorpf, 2003). Einig sind sich die Forscher darin, dass mit fortschreitendem Erwachsenwerden die Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen zunimmt (McGue et al., 1993). Für Liebesbeziehungen kann gesagt werden, dass diese mit wachsender Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen fester und konstanter werden (Asendorpf, 2002).
Das erste Kapitel dieser Arbeit widmet sich Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter vor dem Hintergrund entwicklungs- und individuationstheoretischer Ansätze. Diese bilden die Basis zur Darstellung der Autonomieentwicklung im Jugendalter, Charakterisierung von Paarbeziehungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie Dokumentation von Konfliktbewältigungsstrategien in den jungen Liebesbeziehungen zur Schaffung einer Balance zwischen Verbundenheit und Autonomie. Kapitel 2 wendet sich den Konstrukten Autonomie und Verbundenheit unter einem bindungstheoretischen Blickwinkel zu. Ausgehend von der klassischen Bindungstheorie (Bowlby, 1999, 2006) und den von Ainsworth et al. (1987) identifizierten Bindungsstilen in der Kindheit werden die Bindungsrepräsentationen im Jugend- und Erwachsenenalter dargestellt. Darüber hinaus werden die Stabilität der in der Kindheit erworbenen Bindungsmuster und ihr Einfluss auf spätere Paarbeziehungen hinterfragt. Durch empirische Befunde im Forschungsbereich der Partnerschaftsbindung werden zentrale Faktoren einer Liebesbeziehung erläutert - den Aspekten Nähe und Autonomie gilt besondere Aufmerksamkeit. Ausgehend von einer kurzen Darstellung zur Persönlichkeitsentwicklung werden im dritten Kapitel eine Vielzahl empirischer Befunde im Bereich Persönlichkeit und Paarbeziehung - allgemein und im speziellen Kontext von Autonomie und Inti- mität - erläutert. Diese bilden die Grundlage der im vierten Kapitel formulierten Fragestellun-
4 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
gen und Hypothesen. In diesem Abschnitt werden außerdem Angaben zu Stichprobe, Datenerhebung und Verfahren der Datenanalyse gemacht. Nach der Darstellung der Ergebnisse (Kapitel 5) werden diese vor dem Hintergrund der in der Theorie dargestellten Aspekte sowie erläuterten empirischen Befunde vorangegangener Studien diskutiert (Kapitel 6). Außerdem werden Stärken aber auch Begrenztheiten der vorliegenden Untersuchung aufgezeigt. Abschließend erfolgt ein Resümee sowie Ausblick auf mögliche zukünftige Studien (Kapitel 7).
Dass die vorliegende Arbeit den geforderten Rahmen einer Magisterarbeit in gewisser Hinsicht übersteigt, ist durchaus nicht unerkannt geblieben. Aufgrund des persönlichen Engagements bei der Kodierung der Close Peer Relationship Interviews (CPRI, Selman & Schultz, 1990) jedoch, wurde bei mir ein intensives Interesse geweckt dieses in Deutschland bislang relativ unerforschte Intensivinterview einer ausführlicheren und vergleichenden Analyse zu unterziehen. Deshalb habe ich mich bewusst für den umfangreicheren und umfassenderen Rahmen dieser Untersuchung entschieden, in der Hoffnung damit unter anderem einen klärenden Beitrag leisten zu können, inwieweit erhebungsökonomisch vorteilhaftere schriftliche Befragungen mit den durch das CPRI erhobenen Indikatoren korrespondieren.
* Zum Sprachgebrauch dieser Arbeit: In der vorliegenden Arbeit wird häufig der Begriff „Partner“ verwendet. Kontextabhängig wird zu erkennen sein, ob es sich dabei um den männlichen Partner handelt, oder um eine geschlechtsneutrale Form, für die ich mich aufgrund der besseren Lesbarkeit der Arbeit entschieden habe, bei der dann weibliche wie auch männliche Partner einer Paarbeziehung gemeint sind.
5 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
I. Theoretischer Teil
Den Einstieg in die Thematik bildet die entwicklungstheoretische Sichtweise auf die Entwicklung von Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. So findet sich zu Beginn des ersten Kapitels ein definitorischer Überblick zu den Begriffen Jugend und junge Erwachsene, gefolgt von entwicklungspsychologischen Theorien der Adoleszenz. Anschließend werden Paarbeziehungen des Jugend- und jungen Erwachsenenalters charakterisiert und verglichen. Dies bildet die Grundlage für die Darstellung der Autonomieentwicklung in der Jugend und seiner Wichtigkeit für das Gelingen von Liebesbeziehungen. Es wird aufgezeigt, inwiefern und wodurch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Lage sind in ihren jungen Liebesbeziehungen ihre autonomen Bedürfnisse zu befriedigen und trotzdem die Verbundenheit zum Partner in Konfliktsituationen aufrecht zu erhalten. Das angestrebte Ausbalancieren von Autonomie und Verbundenheit bildet den Übergang zum zweiten Kapitel, in dem es um eine bindungstheoretische Sicht auf Liebesbeziehungen geht. Die klassische Bindungstheorie nach Bowlby bildet den Ausgangs- und Angelpunkt, von dem aus Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen betrachtet werden soll. Eingangs werden in einem kurzen Überblick die Bindungsstile der Kindheit dargestellt, gefolgt von einer Erläuterung der typischen Bindungsrepräsentationen für das Jugend- und junge Erwachsenenalter und Überlegungen zu Kontinuität und Veränderungen von Bindungsmustern über die Lebensspanne hinweg. Darauf basierend werden anschließend empirische Befunde dargestellt, die aufzeigen inwiefern Erfahrungen mit Bindungspersonen in der Kindheit einen Einfluss auf die Gestaltung von späteren Liebesbeziehungen haben. Besondere Beachtung gilt dann der Thematik Bindungen als Paarbeziehungen, von der aus sich der Blickwinkel von der ursprünglichen Bindungstheorie stärker löst und auf die grundlegenden Merkmale von Paarbeziehungen gelenkt wird: Beziehungsqualität, Commitment, Beziehungsstabilität, Bindungssicherheit und Beziehungszufriedenheit sowie Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen. Im Bereich Autonomie und Verbundenheit wird auf die für die vorliegende Arbeit wichtige Problematik des Vermeidens von Nähe und den Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit eingegangen. Zentrum des Theorieteils und gleichzeitig die Überleitung zum empirischen Teil der Arbeit bildet im dritten Kapitel eine ausführliche Darstellung gegenwärtiger Befunde über den Zusammenhang von Persönlichkeit und Partnerschaft. Ausgehend von einer kurzen Darstellung zur Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen und deren Stabilität, wird unterschieden zwischen dem Einfluss von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsvariablen und vice versa dem Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf Liebesbeziehungen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Persönlichkeitskonstrukte der Big Five (Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit) sowie Selbstwert und Depressivität. Auf der Grundlage dieser Betrachtungen werden im darauffolgenden empirischen Teil der Magister- arbeit die Fragestellungen konkretisiert und Hypothesen formuliert.
6 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
1 Eine entwicklungstheoretische Sichtweise auf Paarbeziehungen im
Jugend- und jungen Erwachsenenalter
„Jugendliche“ und „junge Erwachsene“ - eine Begriffsdefinition
Soziologen betrachten den Begriff Jugend innerhalb eines sozialen Gruppengefüges. Sie unterschieden die sozialen Gruppen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Psychologen verwenden vorrangig die Bezeichnung Adoleszenz. Diese Formulierung ist vor allem im amerikanischen Sprachraum sehr gebräuchlich und es wird differenziert zwischen Früh-, Mittel- und Spätadoleszenz. Biologen wiederum verwenden hingegen stärker den Begriff Pubertät, der sich auf biologische Veränderungen, die in dieser Altersspanne ablaufen, konzentriert (Fend, 2003). Einig sind sich Soziologen, Entwicklungspsychologen und Pädagogen darin, dass man mit dem Begriff Jugend im Allgemeinen einen Lebensabschnitt bezeichnet, der mit der körperlichen Reifung beginnt und vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter endet (Ewert, 1983, S.11-12).
„Jugend […] ist die Verhaltensphase des Menschen, in der er nicht mehr die Rolle des Kindes spielt und in der er noch nicht die Rolle des Erwachsenen als vollgültigen Träger der sozialen Institutionen, also z.B. der Familie, der Öffentlichkeit und politischen Ordnung, der Rechts- und Wirtschaftsordnung usw. übernommen hat“ (Schelsky, 1957, S.16).
Der Psychoanalytiker Peter Blos charakterisiert die eigentliche Jugendphase damit, dass vor allem die Frage nach dem „Wer bin ich?“ in dieser Zeit im Mittelpunkt steht. Die libidinösen Energien, welche bislang auf die Eltern gerichtet waren, wenden sich mehr und mehr nach innen und gegengeschlechtlichen Partnern zu. Zentral in seiner Theorie der Adoleszenz sind die neuen sexuellen Impulse, mit denen der Jugendliche konfrontiert ist. Auf die Thematik der entwicklungspsychologischen Theorien der Adoleszenz wird sich der anschließende Abschnitt gesondert konzentrieren, da er für die vorliegende Arbeit ein zentraler Aspekt sein dürfte (Fend, 2003).
Ungeklärt bleibt, wann genau der Eintritt ins Erwachsenenalter von statten geht. Der Beginn der Jugend mit Einsetzen der biologischen Reife hat sich im Allgemeinen bewährt. Dadurch, dass dieser körperliche Reifungsprozess aber immer früher beginnt, wird die Jugendphase stärker ausgedehnt, weshalb es üblich ist den Übergang vom Jugendalter zum Erwachsenenalter als junges Erwachsenenalter zu bezeichnen (Ewert, 1983, S.16).
Das junge Erwachsenenalter, auch als Spätadoleszenz bezeichnet, beginnt im Allgemeinen etwa mit Vollendung des 17. Lebensjahres und dauert bis in die Mitte der Zwanziger an. Wann genau dieser Lebensabschnitt endet und man vom Erwachsenen sprechen kann, ist mit konkreten Altersgrenzen nicht zu definieren. Als soziale Normierungen lassen sich zum Bei- spiel Wahlalter, Strafmündigkeit oder Wehrpflicht anführen. Entwicklungspsychologisch
7 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
zeigt sich jedoch, dass vor allem eine veränderte Selbstsicht sowie Unabhängigkeit, Verant-wortung und Reife den Erwachsenenstatus rechtfertigen (Ewert, 1983, S.16).
Peter Blos beschreibt den Lebensabschnitt des jungen Erwachsenen als Zeit der Identitätsarbeit. Immer stärker ist der einst Jugendliche nun in der Lage sein reales Ich zu definieren und sich auf die konkrete Lebensplanung zu konzentrieren; dazu gehören Zukunftsvorstellungen und -pläne und auch das Eingehen verantwortungsbewusster Paarbeziehungen (Fend, 2003).
Entwicklungspsychologische Theorien der Adoleszenz
Eine Vielzahl von Theorien und Anschauungen existieren über den Verlauf der Adoleszenz. Zum einen gibt es die sogenannten Katastrophentheorien, die davon ausgehen, dass der Eintritt ins Jugendalter mit einem kompletten Bruch vorangegangener kindlicher psychischer Strukturen einhergeht und dass die Adoleszenz ein Lebensabschnitt der Rebellion im Gefüge dramatischer Gefühle ist, die mit einem Neubeginn durch ein reflektiertes und gereiftes Selbst endet (Ewert, 1983, S.26).
Ein bedeutender Vertreter dieser Ansichten ist Stanley Hall. Er beschreibt den Jugendlichen als kräftiger, ausdauernder und widerstandfähiger als in seiner vorangegangenen Kindheit. Die Interessen der Jugendlichen suchen vor allem das Ziel möglichst unähnlich zu denen der Eltern zu sein. Hall betont, dass gleichsam mit den Sturm- und Drangperioden der Adoleszenten, Werte wie Religion, Moral, Sympathie oder ästhetisches Empfinden hingegen nur wenig entwickelt sind (Ewert, 1983, S.29).
Oswald Krob schildert den Beginn der adoleszenten Phase mit einer Wendung nach innen, die von Selbstreflexion und dem Bedürfnis nach Ablösung von den Eltern charakterisiert ist. Daran schließt sich eine Phase der Reifezeit an, in der neue Erkenntnisse getroffen werden, welche in der darauf folgenden Phase im Alltag erprobt werden, so dass das Jugendalter anschließend mit einer erneuten Wendung nach Außen abgeschlossen wird. Eine sehr ähnliche Theorie findet sich bei Arnold Gesell, der analog dazu von einer anfänglichen Innenwendung schreibt, welche in einer Gegenbewegung mündet - in einem neuen Selbst mit Vertrauen und Interesse an der eigenen Person und an seiner Außenwelt (Ewert, 1983, S. 32-36).
Den Katastrophentheorien, welche davon ausgehen, dass die Jugendlichen den Einflüssen der Umwelt ausgeliefert sind, so dass keinerlei bewusstes Einwirken auf die eigene Entwicklung möglich ist, stehen Theorien gegenüber, welche die Plastizität der menschlichen Psyche in den Mittelpunkt stellen und das Individuum als Gestalter seiner Umwelt wahrnehmen. Im Gegensatz zu den Katastrophentheorien gehen diese Theorien von einem stetigen Übergang von Kindheit ins Jugendalter aus. Jene kulturanthropologischen Ansichten haben einen neuen Forschungstrend ausgelöst, welcher sich mit den Wechselwirkungen zwischen dem Indivi- duum und seiner Umwelt beschäftigt (Ewert, 1983, S. 47-50).
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Eine Integration dieser zwei Sichtweisen findet sich zum Beispiel bei dem Erziehungswissenschaftler Thomas Ziehe, der sowohl psychoanalytische Ansätze als auch moderne Sozialisationsbedingungen in seine Theorie einbezieht. Im Mittelpunkt stehen für ihn die gesunde Ablösung von den Eltern und die daraus folgende Möglichkeit zum Aufbau eines autonomen Selbst. Ziehe kritisiert die nahezu symbiotische Beziehung zwischen Eltern und Kind in der heutigen Zeit sowie, dass das Kind zur Quelle der Bedürfnisbefriedigung für die Eltern wird, was es dem Jugendlichen in der Adoleszenz erschwert von dem narzisstisch geprägten Ich-Ideal, welches durch die Eltern vermittelt wird, zu einem reifen und unabhängigen Realitäts-Ich zu gelangen (Fend, 2003).
„Dem reifenden Ich wird auf längere Sicht kein Ausruhen vor dem narzisstischen Anspruch gegönnt, es soll Agent des Ich-Ideals werden, soll Erfolge vorzeigen. Andernfalls setzt die Strafe der Depression ein, das Gefühl der Ich-Leere, der Ich-Verarmung, der selbstdestruktiven Verhaltensunmöglichkeit“ (Ziehe, 1975, S.78).
Ziehe plädiert deshalb für eine stärkere Strukturierung der Erwachsenenrolle und betont die Wichtigkeit zwischen den Lebenswelten von Eltern und Kindern deutlich zu trennen (Fend, 2003).
Gerade diese moderne Theorie der Adoleszenz betont die Wichtigkeit der Autonomieentwicklung im Jugendalter, auf der in dieser Arbeit eingroßer Schwerpunkt liegt. Eine gesunde Ablösung von den Eltern während der Adoleszenz und die Entdeckung des eigenen realistischen Ichs bilden unter anderem auch die Grundlage für die Entwicklung einer zufriedenen gesunden Persönlichkeit und im weiteren Sinne auch für das Gelingen einer Paarbeziehung und ein interdependentes Verhältnis zum Partner, welches durch ein Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit gekennzeichnet ist. Dieser Gedanke wird in einem der folgenden Kapitel erneut aufgegriffen und intensiver betrachtet.
1.1 Entwicklung von Paarbeziehungen
In den wissenschaftlichen Untersuchungen zur Entwicklung von Beziehungen stößt man immer wieder auf Lücken. Viele empirische Untersuchungen gibt es zum Beispiel zu Eltern-Kind-Interaktionen im Säuglingsalter. Welche Merkmale dieser Interaktion jedoch im frühen Erwachsenenalter kennzeichnen, darüber weiß die Forschung bislang wenig. Ebenso existiert viel Untersuchungsmaterial zu Freundschaften im Kindesalter; Freundschaften im mittleren Erwachsenenalter blieben bisher jedoch weitgehend unerforscht. Eine Entwicklung von Paarbeziehungen über die gesamte Lebensspanne hinweg nachzuzeichnen ist aus diesen Gründen nicht unproblematisch (Fingerman & Lang, 2004). Wichtig ist, so sind die Autoren der Ansicht, bei der Untersuchung von Liebesbeziehungen individuelle Veränderungen der einzelnen Partner, Veränderungen der Beziehung selbst und des sozialen Kontextes zu beobachten.
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Paarbeziehungen zeichnen sich im Allgemeinen durch folgende Kriterien aus (Bierhoff & Schmohr, 2004):
1. Die Partner fühlen sich zueinander hingezogen.
2. Der Wille zur gegenseitigen Öffnungsbereitschaft ist vorhanden.
3. Die Einsicht in die persönlichen Gefühle des Partners ist gewährleistet.
4. Die Einzigartigkeit der Beziehung wird betont.
5. Die Partner orientieren sich selbstlos und uneigennützig aneinander.
Der Soziologe John Alan Lee (1973) entwarf zur Veranschaulichung des Begriffes „Liebe“ und den Vorstellungen von Paarbeziehungen ein Modell, das sechs Liebesstile beinhaltet. Er betont, dass diese Liebesstile veränderbar sind, auch wenn im Allgemeinen angenommen werden kann, dass ein gewählter Stil über längere Zeit bestand hat. Der Liebesstil „Eros“ umschreibt die romantische Liebe, bei der Attraktivität und sexuelle Leidenschaft eine große Rolle spielen. „Ludus“ definiert die spielerische Liebe, in der lange Beziehungen vermieden werden und die sexuelle Befriedigung im Vordergrund steht. „Storge“, welche sich am besten mit freundschaftlicher Liebe übersetzen lässt, zeigt eine innige Freundschaft mit gegenseitigem Interesse und Vertrauen sowie Toleranz. Als „Mania“ beschreibt Lee (1973) die extreme Variante der romantischen Liebe, welche von Inbesitznahme und Eifersucht geprägt ist. Die Beziehung mit dem Zweck nicht einsam zu sein wird vom Autor als „Pragma“ bezeichnet. Der sechste Liebesstil „Agape“ ist die altruistische Liebe, die uneigennützig ist und in der Kompromisse zum Wohl des Partners eingegangen werden (Bierhoff & Schmohr, 2004). Auf diese sechs Liebesstile wird im Laufe der Arbeit immer wieder Bezug genommen.
Je nach Entwicklungsstand gibt es verschiedene Möglichkeiten Liebesbeziehungen einzugehen. Das Aufnehmen von Paarbeziehungen ist deshalb eine Entwicklungsaufgabe. Wie diese Aufgabe gemeistert wird, ist unter anderem abhängig vom Alter (Bierhoff & Schmohr, 2004). In der frühen Jugend liegt die Betonung meist auf dem Erleben von leidenschaftlicher Liebe. Diese Vorliebe verändert sich mit fortschreitendem Alter hin zu einer eher freundschaftlichen und gemeinschaftlichen Liebe im späten Erwachsenenalter (Shackelford & Buss, 1997). So zeigen zum Beispiel junge Menschen, welche unverheiratet sind und keine Kinder haben, höhere Werte in den Liebesstilen „Ludus“ und „Mania“, als ältere und verheiratete Paare (Bierhoff & Schmohr, 2004).
Ein Vergleich zwischen Paarbeziehungen im Jugendalter und im jungen Erwachsenenalter
Einer der Gründe, warum es relativ wenig empirische Studien über die Paarbeziehungen von Jugendlichen gibt ist, dass diese Beziehungen oft weniger intensiv und langlebig sind (Feiring, 1996). Die Jugendzeit ist eine Zeit, in der der Adoleszent lernt wie er sich in Liebesbe- ziehungen verhält und wie er mit dem Partner interagiert. Es wird gelernt, dass der Partner
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eine unterstützende und fürsorgende Funktion haben kann und die Erfahrungen aus diesen ersten Partnerschaften in der Jugendzeit werden weitergetragen in spätere Beziehungen (Furman & Wehner, 1997).
Aufgrund der sich oft natürlich ergebenden Geschlechtertrennung in der Kindheit werden die Jugendlichen in der Adoleszenz zum ersten Mal mit den Vorstellungen und dem Verhalten des gegengeschlechtlichen Partners konfrontiert. Dies sind komplexe Entwicklungsaufgaben, die es zu bewältigen gilt. Die ersten Interaktionen und Beziehungen sind heikle Experimente für die Neulinge im Bereich der Paarbeziehungen (Furman & Wehner, 1997).
„Compared to adults, adolescents are novices in the romantic arena, and they spend much of their teenage years exploring the various facets of romantic life and developing their identities as romantic partners“ (Furman & Simon, 1999, S. 85).
Sobald der Jugendliche sich in das neue Feld der Liebesbeziehungen „eingelebt“ hat, werden sich größere Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Partnerschaften entwickeln. Die Beziehungen werden gegenseitiger und die Fähigkeit die Sichtweise des Partners zu übernehmen wird erlernt (Selman, 1980).
Zu Beginn der Adoleszenz sind die Jugendlichen überdies noch stark mit der Frage beschäftigt, wer sie selbst eigentlich sind. Die Frage, ob sie attraktiv sind und ob ihre Freundin oder ihr Freund es ist, sind sehr zentral. So spielt der Peerdruck in dieser Zeit oft eine große Rolle (Furman & Wehner, 1997). In der mittleren Adoleszenz nimmt dieser dann etwas ab und obwohl solche Ansichten noch immer sehr wichtig sind, ist es nicht mehr so entscheidend, ob die Partnerin oder der Partner beim Freundeskreis derartig angesehen ist (Brown et al., 1989).
Es wird erwartet, dass Werte wie Verbundenheit und Fürsorge erst in der späten Adoleszenz und im Erwachsenenalter wichtiger für die Paarbeziehungen werden. Die Dauer eine Beziehung spielt bei dieser Entwicklung also augenscheinlich eine bedeutende Rolle. So wird Nähe auch in jungen Beziehungen schon gesucht, aber das Bedürfnis nach Sicherheit und Zuflucht sowie das Vertrauen, dass der Partner als sicherer Hafen dienen kann, wachsen mit der Dauer der Beziehung (Hazan & Zeifman, 1994).
Auch wenn Beziehungen im Jugendalter im Allgemeinen eher von kurzer Dauer sind, so belegen empirische Befunde doch eindrucksvoll, dass die frühen Paarbeziehungen relevant für die Entwicklung in der Adoleszenz und darüber hinaus sind (Miller & Benson, 1999). Jugendliche in Liebesbeziehungen berichten zum Beispiel von einer erhöhten Anzahl an Konflikten, mit denen sie konfrontiert sind und die sie bewältigen müssen (Laursin, 1995). Joyner und Udry (2000) berichten davon, dass Jugendliche mit romantischen Erfahrungen häufiger zu depressiven Verstimmungen neigen, wobei dies ein Produkt der Trennungserfahrungen dieser Zeit sein wird und nicht eine Auswirkung der Beziehungen per se. Andererseits können posi-
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tive Erfahrungen in jugendlichen Liebesbeziehungen den Selbstwert stärken und auch zukünftig zu einem längerfristig stärkeren Selbstkonzept führen (Collins, 2003).
Eine Studie von Shulman und Kipnis (2001), die Paarbeziehungen im Jugendalter denen im jungen Erwachsenenalter gegenüberstellt, zeigt auf, dass Attribute wie Kameradschaft oder Vergnügen eher jugendlichen Beziehungen zugeordnet werden können. Paarbeziehungen von jungen Erwachsenen werden hingegen eher mit den Begriffen Stabilität, Freundschaft oder Idealisierung gekennzeichnet. Beziehungen im Jugendalter werden als turbulent und problematisch beschrieben, wohingegen bei reiferen Beziehungen die unterstützende Funktion des Partners und das aufgebaute Vertrauen betont wird. Paarbeziehungen im Jugendalter scheinen eine starke und aufwühlende emotionale Erfahrung zu sein. Beziehungen im jungen Erwachsenenalter wirken gegenseitig, ausgeglichen und kompromissbereiter (Shulman & Kipnis, 2001).
„Our suggestion is that only at a later stage do relationships develop into an attachment that is beyond the short-lived, emotionally laden experiences of closeness and is able to provide support, comfort, and caregiving“ (Shulman & Kipnis, 2001, S.348).
Diese Befunde belegen die theoretischen Annahmen bezüglich der Unterschiede zwischen Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Auch in dem methodischen Teil der vorliegenden Arbeit werden Hypothesen, basierend auf den in diesem Kapitel angeführten theoretischen Annahmen sowie empirischen Befunden, formuliert und getestet.
1.2 Autonomieentwicklung
Der Prozess der Ablösung im Jugendalter wird durch vielerlei Begriffe konzeptualisiert. Zum einen wird von Autonomie („autonomy“) im Sinne der Selbstregulation und Selbstbestimmung gesprochen. Zum anderen findet sich auch der Terminus Unabhängigkeit („independence“) in der Literatur wieder, welcher als Selbstvertrauen und die Fähigkeit für sich selbst zu sorgen definiert werden kann. Umstritten ist der Ausdruck Abtrennung („detachment“), da er sowohl negativ als auch positiv verknüpft werden kann. So kann Abtrennung ein notwendiger und wertvoller Schritt sein in Richtung Unabhängigkeit und Autonomie. Ebenso kann Abgrenzung auch ein Inbegriff von Verlust und Abspaltung sein (Ryan & Lynch, 1989).
Aus entwicklungstheoretischer Sichtweise stellt eine gelungene Autonomieentwicklung im Jugendalter die Basis für das Entstehen und Stabilisieren einer zufriedenen und gesunden Persönlichkeit dar (Hofer, 2002). Steinberg (1999) unterscheidet zwischen drei Arten von Autonomie: (1) Emotionale Autonomie als Abgrenzung von den Eltern und dem Schaffen von emotionalen Freiräumen sowie der Deidealisierung der Eltern. (2) Verhaltensautonomie im Sinne der eigenen Kompetenzwahrnehmung zum Auswählen von bestimmten Strategien um erwünschte Ziele zu erreichen und die meisten Alltagssituationen ohne die Hilfe der Eltern
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bewältigen zu können. Und schließlich (3) Kognitive Autonomie, welche mit der Bildung persönlicher Werte, Wünsche und Meinungen einhergeht. Hofer (2002) geht davon aus, dass kognitive Autonomie, entgegen den beiden erstgenannten, welche sich in der frühen und mittleren Adoleszenz entwickeln sollten, vor allem eine Aufgabe der Spätadoleszenz und des frühen Erwachsenenalters ist. Ziel ist dann, eigene Vorstellungen und Pläne zu entwickeln, was der junge Erwachsene mit seinem Leben anfangen möchte und innerhalb dieses Bewusstwerdungs-Prozesses die Ausbildung von moralischen, politischen und religiösen Überzeugungen (Hofer, 2002).
Nachdem die psychoanalytischen Konflikttheorien bereits zu Anfang dieser Arbeit erwähnt wurden, spielen sie auch bei der Autonomieentwicklung im Jugendalter eine große Rolle. Sie gehen davon aus, dass die Veränderung der Konzentration der libidinösen Energien von den Eltern auf gegengeschlechtliche Partner mit einer erhöhten Anzahl konfliktgeladener Interaktionen zwischen Eltern und Jugendlichen einhergehen (Hofer, 2002). In der empirischen Forschung konnte dafür allerdings kein Hinweis gefunden werden (vgl. Steinberg, 2001). Vielmehr zeigen auch hier bindungstheoretische Ansätze, wie bedeutend die Aufrechterhaltung der Bindung zu ihren Eltern während der Autonomieentwicklung für die Jugendlichen ist (Ryan & Lynch, 1989). Hauser et al. (1991) vertreten die Ansicht, dass Jugendliche eine gelungene Autonomieentwicklung erfahren können, wenn ihnen von Seiten der Eltern der Zugang zur sicheren Familienbasis gewährt und gleichzeitig autonomes Verhalten befürwortet und gefördert wird. Auch individuationstheoretische Ansätze versuchen die beiden Konstrukte Autonomie und Verbundenheit in den Ablösungsprozess des Jugendalters gleichermaßen einzubinden.
„Auf der Individualebene wird angenommen, dass Jugendliche in ihrer Beziehung zu den Eltern nach zunehmender Autonomie bei gleichbleibender Verbundenheit streben und dass Eltern bei ebenfalls gleichbleibender Verbundenheit ihre Kontrolle lockern. Auf der Beziehungsebene wird ausgesagt, das Eltern und Jugendliche ihr Beziehungsschema von einem unilateralen, komplementären, zu einem symmetrischen und reziproken verändern“ (Hofer, 2002, S.7).
Empirische Befunde können diese Theorien vom Einklang von Autonomie und Verbundenheit sehr gut stützen. Youniss und Smollar (1985) zeigen, dass Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen trotz erhöhter Autonomiebestrebungen von Seiten der Jugendlichen durch eine hohe gegenseitige Verbundenheit gekennzeichnet sind.
Ein Misslingen des Individuisierungsprozess kann zu Aggressionen, Launenhaftigkeit und andere negative Emotionalitäten sowie Lernstörungen und Schwierigkeiten beim Treffen von Entscheidungen führen. Der Autor warnt davor, dass es immer, wenn der Ablösungsprozess gestört und der Jugendliche keine eigene soziale, persönliche und sexuelle Identität während dieser Zeit entwickeln kann, zu einer grundlegenden Störung im Entwicklungsprozess kommt
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und dass dadurch ungelöste emotionale Abhängigkeiten zu andauernden Persönlichkeitsmerkmalen werden.
Eine beeindruckende Studie, die die Frage nach den Konsequenzen einer gestörten Autonomieentwicklung im Jugendalter stellt und sich damit beschäftigt, welche Folgen zu erwarten sind, wenn ein Einklang von Autonomie und Verbundenheit in den Interaktion mit den Eltern nicht aufrecht erhalten werden kann, findet sich bei Allen et al. (1994). In ihrer Untersuchungen wurden depressive Jugendliche im Altern von 14 Jahren und ihre Familien getestet. Die Messungen beinhalteten Selbstberichte, halbstrukturierte Interviews und eine Interaktionsaufgabe. Es handelt sich um eine Langzeitstudie über drei Jahre hinweg. Ausgewertet wurden die Interaktionen mittels des „Autonomy and Relatedness Coding System“ (Allen et al., 1994), bei dem auf zehn verschiedenen Skalen Autonomie und Verbundenheit förderndes sowie Autonomie und Verbundenheit verhinderndes Verhalten bewertet werden. Die Befunde deuten an, dass depressive Verstimmungen in den Jugendlichen im Zusammenhang stehen mit einem Misslingen des Individuisierungsprozesses in der Adoleszenz. Wesentlicher Prädiktor scheint das Vermeiden und Verhindern von Autonomie von Seiten der Jugendlichen gegenüber der Mutter zu sein. Es zeigt sich, dass nicht das Fehlen von Verbundenheit depressive Stimmungen in den Jugendlichen hervorruft, sondern das Fehlen von Autonomie in der Beziehung zwischen den Eltern und den Adoleszenten (Allen et al., 1994).
In welchem Zusammenhang Depressivität und Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen, wird in einem späteren Kapitel dieser Arbeit gesondert betrachtet und im empirischen Teil untersucht.
1.2.1 Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit in jugendlichen Paarbeziehungen
Wie das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, ist die Phase der Adoleszenz jene Zeit, in der der Jugendliche die Ablösung von den Eltern sucht und seine eigenen Wertvorstellungen generiert und erprobt. Die Entwicklung zu einem autonomen Selbst vollzieht sich gleichzeitig mit dem Erleben und Erkunden der ersten Liebesbeziehungen. So spielt das Bedürfnis nach Autonomie vor allem in den jungen Beziehungen der Jugendlichen eine starke Rolle und führt nicht selten zu Konflikten, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Nähe und Zusammensein sowie auch den ersten sexuellen Erfahrungen mit der Partnerin oder dem Partner. Erst mit Andauern der Beziehung oder im jungen Erwachsenen gelingt es mehr und mehr ein Gleichgewicht zwischen Autonomie und Verbundenheit herzustellen und dieses in eine interdependente Beziehungsstruktur zu integrieren (Hazan & Zeifman, 1994).
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Eine Studie von Goldsmith (1990) untersucht qualitative Veränderungen in den Liebesbeziehungen von Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Verbundenheit. Es wurden zehn Paare ausführlich interviewt. Kriterium war, dass diese mindestens zehn Monate zusammen sein mussten. Jeder der beiden Partner wurde gebeten die momentane Beziehung zu rekonstruieren und über Zeiten zu berichten, in denen das Bedürfnis nach Autonomie zu einem Konflikt in der Beziehung führte.
Der erste Konflikt im Zwiespalt zwischen Autonomie und Verbundenheit bahnt sich bei einigen Paaren bereits vor der eigentlichen Beziehung an. Die Jugendlichen beschreiben Unsicherheiten, ob sie eine Liebesbeziehung eingehen sollen oder nicht. Sie begründen dies damit, dass eine Beziehung einen gewissen Autonomieverlust mit sich bringen würde. Beim Entschluss gegen die Liebesbeziehung wiederum fürchten sie den Mangel an Verbundenheit. Die Lösung des Konfliktes führt bei den Jugendlichen über das genauere Kennenlernen der potentiellen Partnerin beziehungsweise des potentiellen Partners. Danach findet ein erneutes Abwägen statt, ob sich eine Beziehung lohnt (Goldsmith 1990).
Während der jugendlichen Beziehungen kommt es häufig zu dem Konflikt sich weiterhin mit anderen Mädchen oder Jungen zu treffen und gleichzeitig eine feste Beziehung zum eigentlichen Partner aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Die Verbundenheit wird in der aktuellen Beziehung gesucht. Es ist schwierig auf Autonomie zu verzichten und gleichzeitig ist das Bedürfnis vorhanden zu vergleichen, ob andere Personen eher für eine Paarbeziehung in Frage kämen (Goldsmith, 1990). In diesem Zwiespalt zwischen Distanz und Nähe zeigt sich sehr deutlich das jugendliche Ausprobieren und Ertesten der ersten Paarbeziehungen. Das partnerschaftliche Verhalten ist charakterisiert durch Unsicherheit und dem Suchen nach dem eigenen Stil eine Liebesbeziehung zu gestalten.
Über das Aushandeln von Freiräumen wird in den Interviews ebenfalls berichtet. Es wird darüber reflektiert, ob und wie wichtig die Beziehung ist. Auf dieser Grundlage wird entschieden wie viel Zeit die Partner gemeinsam verbringen und was sie getrennt voneinander unternehmen. Das Schaffen von autonomen Freiräumen ist ein wichtiges Thema in den jugendlichen Beziehungen (Goldsmith, 1990). Die Befunde veranschaulichen, dass die Konstrukte Autonomie und Verbundenheit von den Jugendlichen noch stark getrennt voneinander wahrgenommen werden. Ein Gleichgewicht soll erreicht werden, indem die beiden Konstrukte auf der Verhaltensebene quasi gegeneinander abgewogen werden. Von einer Integration der beiden Elemente und einer Entwicklung hin zu einem interdependenten Beziehungsmuster ist in den frühen Phasen der jugendlichen Liebesbeziehung wenig zu erkennen. Die Resultate bestätigen damit die theoretischen Annahmen über die Gestaltung von Paarbeziehungen im Jugendalter.
Goldsmith (1990) erläutert, dass es nicht zu einer wirklichen Konfliktlösung des Zwiespaltes von Autonomie und Verbundenheit bei den untersuchten Pärchen kommt. Durch Fairness und Toleranz wird versucht ihr dasselbe in der Partnerschaft zuzugestehen wie ihm und anders-
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herum. Dadurch soll ein Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach Autonomie und der Sehnsucht nach Nähe geschaffen werden.
1.2.2 Autonome Konfliktbewältigung unter Aufrechterhaltung der Verbundenheit in Paarbeziehungen
Um Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen in Balance zu halten ist das Verhalten in der Interaktion mit dem Partner sehr wichtig. Durch die Kommunikation mit ihm besteht die Möglichkeit eigene Vorstellungen und Meinungen zu vertreten. Dennoch sollte aber ebenso darauf geachtet werden den Vorstellungen des Partners mit Respekt und Kompromissbereitschaft zu begegnen.
In der vorliegenden Arbeit wird das Konstrukt Autonomie unter anderem dadurch gemessen, wie der Befragte auf Konflikte und Probleme in der Beziehung reagiert. Werden Auseinandersetzungen mit Schreien oder gar Schlagen „gelöst“, offenbart dies wenig autonomes Verhalten und Verständnis. Ist die Person stattdessen zum Dialog bereit und hat die Fähigkeit sich in seinen Gegenüber hineinzuversetzen sowie den Willen Kompromisse einzugehen, zeigt dies ein stärkeres und gesünderes Ausmaß an Autonomie und deutet auf das Vermögen hin Verbundenheit in den Prozess der Auseinandersetzung zu integrieren.
Die meisten empirischen Untersuchungen, die sich mit Konfliktbewältigung in jungen Paarbeziehungen befassen, tun dies in einem bindungstheoretischen Kontext. So zeigen Studien, dass sicher gebundene Personen stärker kompromissbereit sind und in Streitsituationen mit dem Partner den Dialog suchen als Personen in unsicheren oder ambivalenten Bindungen (Creasey, 2002; Pistole, 1989). Mikulincer und Nachshon (1991) bestätigen diese Befunde und veranschaulichen, dass sicher gebunden Menschen bereit sind sich dem Partner gegenüber stärker zu öffnen. Außerdem zeigen sie sich in der Konfliktlösung flexibler und reziproker als ambivalent oder unsicher gebundene Personen.
Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen beim Konfliktlöseverhalten eine bedeutende Rolle. Kobak und Duemmler (1994) fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass sich Personen mit einer positiven Selbstsicht und mit einer ebensolchen Sicht auf andere, im übrigen Merkmale sicher gebundener Menschen, auf direkte und offene Kommunikation einlassen, in der ihnen die Sicht des Partners während des Streitsgespräch bekannt ist und berücksichtigt wird. Dieses Verhalten bildet die Grundlage dafür, dass der Diskurs kohärent und konstruktiv abläuft. Personen in einer vermeidenden oder ambivalenten Bindung hingegen neigen dazu sich selbst und andere weniger wert zu schätzen, aufgrund ihrer frühkindlichen Erfahrung, dass ihre Bezugs- und Bindungspersonen unkontrollierbar oder gar nicht zur Verfügung standen. Sie erwarten wenig Intimität und Verständnis von ihrem Partner und neigen deshalb dazu das Akti- vieren ihres Bindungssystems zu unterdrücken (Simpson & Rholes, 1994) und vor allem hoch
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vermeidend gebundene Personen scheinen in Situationen des Stresses praktisch von ihren Gefühlen abgeschnitten zu sein (Main et al., 1985). Sie erwarten wenig Unterstützung von ihrem Partner und vermeiden deshalb die Konfrontation mit dem Konflikt, was als unsensibel, kalt und wenig unterstützend gegenüber dem Partner aufgefasst wird. Dies wiederum führt zu einem Mangel an positiven und konstruktiven Interaktionen in der Konfliktsituation (Creasey, 2002). Hoch ambivalent gebundene Personen wiederum sind in jede Streitsituation mit dem Partner der kindlichen Angst ausgesetzt, dass sie nicht wissen, ob ihr Partner unterstützend und verständig reagieren wird (Bretherton, 1985). Diese Angst, welche ein weitreichendes Gefüge von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen und Vorstellungen über die vorhersagbare Verfügbarkeit vergangener Bezugspersonen beinhaltet, führt zu großer Ängstlichkeit, gekoppelt mit Ärger und Feindseligkeit (Hazan & Shaver, 1987; Main et al., 1985).
Das hiesige Kapitel bildet damit den Übergang zu einer bindungstheoretisch geprägten Sichtweise auf Autonomie und Verbundenheit in den Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
1.3 Zusammenfassung
Das erste Kapitel beleuchtete die Entwicklung von Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Einbezug entwicklungstheoretischer Ansätze. Ausgehend von einer begrifflichen Trennung zwischen Jugend und jungem Erwachsenenalter und der Definition dieser beiden Altersabschnitte wurden Theorien zur Entwicklung in der Adoleszenz dargestellt, die die Jugendphase als Zeit der großen Veränderungen beschreiben. Über eine Wendung nach Innen gelangt der Jugendliche zu einer neuen reflektierten Wahrnehmung seiner Umwelt und vor allem sich selbst, was die Grundlage zur Entwicklung eines realen Ichs bildet. Dieses wird in der mittleren Adoleszenz erprobt und ist mit Beginn des jungen Erwachsenenalters gereift und alltagssicherer. Theorien, die den Jugendlichen der Umwelt ausgeliefert sehen, stehen Ansichten gegenüber, welche die Plastizität der menschlichen Psyche annehmen und den Jugendlichen als Gestalter seiner Umwelt sehen. Moderne Theorien der Adoleszenz betrachten eine gesunde Ablösung von den Eltern als entscheidenden Prozess des Jugendalters. Ein geglückter Individuisierungsprozess ist die Basis für das Entstehen und Stabilisieren einer zufriedenen Persönlichkeit. Es werden emotionale Autonomie, Verhaltensautonomie und kognitive Autonomie unterschieden. Von besonderer Bedeutung innerhalb der emotionalen Autonomie ist es, dass die Jugendlichen ohne schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern in der Lage sind sich emotionale Freiräume zu schaffen. Dafür ist eine Balance von Autonomie und Verbundenheit von Bedeutung. Für eine gesunde Individuierung ist es wichtig, dass die Bindung zu den Eltern aufrecht erhalten wird, während der Jugendliche den Weg der Autonomieentwicklung beschreitet. Gelingt der Ablösungsprozess in der Adoleszenz nicht, sind oftmals Störungen im Entwicklungsprozess die Folge, so dass ungelöste emotiona-
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le Abhängigkeiten zu andauernden Persönlichkeitsmerkmalen werden. Depressive Verstimmungen gelten als empirische belegte Folgen einer gescheiterten Ablösung.
Ebenso wie die Autonomieentwicklung ist das Eingehen von Paarbeziehungen eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters. Jugendliche sind Neulinge auf dem Gebiet der romantischen Paarbeziehung. Erste zarte Bande mit dem anderen Geschlecht werden in dieser Zeit geknüpft und es wird ausgetestet wie Liebesbeziehungen funktionieren. Anfangs ist die Meinung der Peers von großer Bedeutung bei der Wahl der Partner und bei der Gestaltung einer Beziehung. Mit wachsender Erfahrung im Umgang mit romantischen Beziehungen werden diese stärker von einem eigenen Stil und der individuellen Vorstellung zur Gestaltung einer Paarbeziehung geprägt. Die Dauer einer Beziehung ist bei dieser Entwicklung ein entscheidender Faktor. So sind Beziehungen im Jugendalter von kürzerer Dauer, werden aber emotional von den Jugendlichen dennoch als sehr aufregend, intensiv und nicht selten konfliktbeladen erlebt. Doch kann die Wissenschaft belegen, dass in diesen jungen Liebesbeziehungen das Vergnügen und der Spaß an erster Stelle stehen und die Verbindungen eher noch als kameradschaftlich charakterisiert werden können. Im jungen Erwachsenenalter zeigen sich die romantischen Beziehungen wesentlich reifer und gegenseitiger. Die jungen Erwachsenen lernen den Partner zu verstehen und seine Perspektive zu übernehmen und folglich auch zu berücksichtigen. Werte wie Verbundenheit und Fürsorge sind nun von größerer Bedeutung. Und auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Zuflucht wächst mit dem Alter und der Dauer der Beziehung. Empirische Studien belegen, dass Liebespartner in dieser Lebensphase als „safe haven“ und „secure base“ angesehen werden und dass die Partnerschaften als stabiler, dauerhafter, ausgeglichener und kompromissbereiter beschrieben werden.
Junge Paarbeziehungen befinden sich oftmals im Zwiespalt zwischen Autonomie und Ver-bundenheit, da die beiden Konstrukte in den ersten Beziehungserfahrungen noch nicht als integriert betrachtet und ausbalanciert werden können. So wird versucht auf Verhaltensebene eine Balance zwischen Autonomie und Intimität zu schaffen. Für den Einklang von Autonomie und Verbundenheit auf einer höheren Ebene ist vor allem die Interaktion (insbesondere Konfliktlösestrategien), mit denen Probleme in der Beziehung angegangen werden, von Bedeutung. Empirische Studien belegen, dass sicher gebundene Personen am stärksten zu einer gegenseitigen, kompromissbereiten Problemlösung in der Paarbeziehung in der Lage sind. Die Selbstöffnung dem Partner gegenüber führt zu einem tieferen Verständnis der konträren Meinungen, was Grundlage der Perspektivübernahme ist, durch die Konflikte aktiv und konstruktiv gelöst werden können. Weniger autonome Konfliktlösungen unter Aufrechterhaltung von Verbundenheit finden sich bei unsicher gebundenen Personen, denen es aufgrund der frühen negativen Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen schwer fällt, Vertrauen in ihre Part- ner zu haben und Verständnis vom Gegenüber zu erwarten.
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2 Die Bindungstheorie als Ausgangspunkt für das Verständnis von
Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen
John Bowlby konzentrierte sich auf das Band zwischen Mutter und Kind und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes und schuf mit seinen Theorien die Grundzüge der Bindungstheorie. Seiner Schülerin Mary Ainsworth gelang es diese weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt der frühen bindungstheoretischen Betrachtungen steht die Frage, welchen Einfluss Trennungserfahrungen und Unsicherheiten im Umgang mit Bindungspersonen in der Kindheit auf die spätere Entwicklung des Menschen haben (Bowlby, 1999).
Grundaussage von Bowlbys (1999) Hypothesen ist, dass Unterschiede in den Bindungserfahrungen in der Kindheit wesentlichen Einfluss darauf haben, ob sich eine Person psychisch gesund entwickeln kann oder nicht. Enge soziale Bindungen zu anderen Personen aufzubauen, liegt in der Natur des Menschen, so ist Bowlby (1999) der Ansicht. Über die Bindungserfahrungen, die das Kind in der Interaktion mit seinen Bezugspersonen macht, entwickelt es innere Arbeitsmodelle („inner working models“) von den Bindungsfiguren und von sich selbst. Die bedeutendste Aufgabe dieser inneren Arbeitsmodelle ist es, Geschehen und Begebenheiten vorauszusagen, um so das eigene Verhalten den Erwartungen anzupassen (Fremmer-Bombik, 1999). Diese erlernten Bindungsmuster bleiben stabil, wenn sich Eltern gegenüber ihren Kindern gleichbleibend verhalten - das Muster prägt sich ein und das Verhalten wird dementsprechend modifiziert. Bowlby (1999) geht davon aus, dass in der Kindheit angeeignete Bindungsmuster auf spätere Beziehungen im Jugend- und Erwachsenenalter und damit auch auf Paarbeziehungen übertragen werden.
Bindungsstile in der Kindheit
Mary Ainsworth et al. (1978) konnten durch den „Strange Situation Test“ (Fremde-Situation-Test) drei Hauptbindungsmuster identifizieren. Main (1999) fügte später eine weitere Bindungsklassifikation hinzu. Der „Strange Situation Test“ untersucht bei Kleinkindern im Altern von 12 bis 18 Monaten wie diese auf Trennungen von der Mutter und auf deren Wiedereintreffen reagieren. Anhand der unterschiedlichen Verhaltensweisen bei der Wiedervereinigung von Mutter und Kind können die verschiedenen Bindungsstile diagnostiziert werden (Bowlby, 1999).
Der sichere Bindungsstil
Kinder in einer sicheren Bindung haben Vertrauen in die Verfügbarkeit ihrer Bindungsfigur. Sie sind sich der Feinfühligkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Bezugspersonen sicher, wenn sie in ängstigende Situationen geraten (Bowlby, 1999). Auch wenn die Mutter den Raum verlässt, empfindet das Kind diese als verfügbar und ist ermutigt von dieser sicheren Basis aus seine Umgebung zu erkunden (Fremmer-Bombik, 1999). Kehrt die Mutter zurück, wird diese freudig und mit ausgestreckten Armen empfangen. Die Kinder sind traurig über den Weggang
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der Mutter, aber verlassen sich darauf bei ihrer Wiederkehr von ihr getröstet zu werden, was auch geschieht (Bowlby, 1999). Das Kind ist durch das Verhalten der Mutter in der Lage auch in bedrohlichen Situationen an die Verfügbarkeit seiner Bezugsperson zu glauben und ist zuversichtlich über den positiven Ausgang der Lage.
Der unsicher-vermeidende Bindungsstil
Diese Kinder haben kein Vertrauen in die Verfügbarkeit der Bezugsperson. Sie mussten die Erfahrung machen, dass ihre Bindungsfiguren nicht unterstützend und hilfsbereit sind und erwarten deshalb Zurückweisung (Bowlby, 1999). Die Kinder im Test zeigen keinerlei Beunruhigung, wenn die Mutter den Raum verlässt und auch bei ihrer Rückkehr wird diese kaum beachtet. Aus Angst vor Zurückweisung verhalten sich diese Kinder kühl und distanziert. Sie haben die Strategie der Vermeidung gewählt, um nicht verletzt zu werden. Sie suchen keinen Trost und keine Unterstützung bei der Bindungsfigur, da sie nicht erwarten, dass diese sich anders verhält als bisher erlebt (Ainsworth, 1978). Klinische Befunde zeigen auf, dass dieses Verhalten, ist es erst einmal etabliert und stabil, zu einer Vielzahl von Persönlichkeitsstörungen führen kann (Bowlby, 1999).
Der unsicher-ambivalente Bindungsstil
Das Verhalten von unsicher-ambivalent gebundenen Kindern ist nicht eindeutig. Einerseits wollen sie getröstet werden, andererseits wiederum sind sie sehr wütend über den Weggang der Mutter und weisen diese bei ihrer Rückkehr feindselig zurück (Bowlby, 1999). Das Kind ist verunsichert, ob die Bezugsperson verfügbar sein wird und tröstend reagiert, aufgrund der unbeständigen Erfahrungen im Verhalten der Bindungsfigur, die es gemacht hat (Fremmer-Bombik, 1999). Das Kind neigt schon vor dem Weggang der Mutter dazu sich an sie zu klammern und große Trennungsangst zu zeigen, da es unsicher ist, wie die Mutter nach ihrer Rückkehr reagieren wird. Dieses Verhaltensmuster wird dadurch verursacht, dass die Bezugspersonen zu einigen Zeitpunkten zugänglich und liebevoll erscheinen, zu anderen Zeitpunkten jedoch das Kind zurückweisen (Bowlby, 1999).
Der unsicher-desorganisierte Bindungsstil (zusätzliche Bindungsklassifikation durch Main (1999))
Bei diesen Kindern lässt sich beobachten, dass sie sehr große Enttäuschung und Angst über den Weggang der Mutter zeigen, diese aber nicht durch Trost bei der Mutter aufzulösen suchen, sondern sich von ihr abwenden. Es wird vermutet, dass diese Kinder Angst vor ihrer Bezugsperson haben und sich nicht trauen bei ihr auf Mitgefühl zu hoffen. Diese These untermauernd, werden etwa 80 Prozent misshandelter Kinder als desorganisiert eingestuft (Asendorpf & Banse, 2000). Dieser vierte Bindungsstil fungiert als Zusatzklassifikation und wird einem der drei traditionellen Bindungsstile zugeordnet.
20 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
Etwa 50 bis 80 Prozent der Kinder werden international als sicher gebunden eingestuft, 30 bis 40 Prozent als unsicher-vermeidend und drei bis 15 Prozent als unsicher-ambivalent (Grossmann & Grossmann, 2002).
Bindungsrepräsentationen im Jugendalter
Im Jugend- und Erwachsenenalter wird die Bindungsorganisation nicht mehr, wie in der Kindheit auf der Ebene des Bindungsverhaltens gemessen, sondern es wird die Bindungsrepräsentation erfasst. Dies geschieht mit Hilfe des Bindungsinterview Adult Attachment Interview (AAI) von George, Kaplan und Main (1985). Durch dieses halbstrukturierten Interview wird versucht innere Arbeitsmodelle von Bindung zu erheben, indem nach der Bindung zu den Eltern in der Kindheit gefragt wird. Es geht dabei um die Erfahrung von Trost oder Zurückweisung, um Nähe oder Trennung, die als Kind empfunden wurde und um die subjektive Bewertung dieser Erlebnisse (Seiffge-Krenke, 2004). Bei der Auswertung des AAI wird vor allem auf die Kohärenz von Gedanken und Gefühlen geachtet; es geht weniger darum was wirklich berichtet wird (Zimmermann et al., 1997). Das AAI wurde von George et al. (1958) eigentlich zur Erhebung der Bindungsrepräsentation bei Erwachsenen konzipiert. In jüngster Zeit wird es aber auch zur Erfassung der Bindungsrepräsentation von Jugendlichen ab 16 Jahren eingesetzt (Seiffge-Krenke, 2004; Zimmermann & Becker-Stoll, 2001).
Sicher gebundene Jugendliche
Bindungen und Beziehungen sind sehr wichtig für diese Jugendlichen (Allen & Hauser, 1996). Negative Erfahrungen im Umgang mit den Eltern können in ein positives Grundverständnis integriert werden. Es herrscht eine Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit in den Jugendlichen (Ziegenhain, 2001), denen es nicht schwer fällt Konflikte konstruktiv zu lösen (Seiffge-Krenke, 2004).
Unsicher-distanziert gebundene Jugendliche
Bei diesen Jugendlichen finden sich wenig autonome Freiräume, aber ebenso auch nur eine schwache Verbundenheit gegenüber den Eltern. Sie erleben sich selbst als sehr abhängig von ihren Bezugspersonen und neigen dazu die Eltern als idealisiert darzustellen, wodurch es ihnen schwer fällt negative Affekte bei anderen und vor allem auch bei sich selbst wahrzunehmen (Becker-Stoll & Fremmer-Bombik, 1997).
Unsicher-verwickelt gebundene Jugendliche
Das Bindungssystem bleibt bei unsicher-verwickelt gebundenen Adoleszenten ständig aktiv, weshalb sie zu einem verstärkten und unproduktiven Überengagement gegenüber den Eltern neigen (Becker-Stoll & Fremmer-Bombik, 1997).
Es zeigt sich, dass für die beiden Gruppen der unsicher gebundenen Jugendlichen die Ablö- sung von den Eltern erschwert ist (Allen & Land, 1999), so dass sie gefangen in ihren frühen
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Bindungserfahrungen scheinen und der Individuisierungsprozess stark eingeschränkt ist, was zur Folge hat, dass der Aufbau neuer heterosexueller Paarbeziehungen blockiert ist (Seiffge-Krenke, 2004).
Bindungsrepräsentationen im Erwachsenenalter
Analog zu den Bindungsstilen im Kindesalter ermittelten George et al. (1985) folgende Bindungsrepräsentationen bei Erwachsenen:
Sichere Bindungsrepräsentation
Dieses Bindungsmuster wird als autonom bezeichnet. Grundlage zum Aufbau einer sicheren Bindungsrepräsentation im Erwachsenenalter ist eine sichere Bindung gegenüber den Bezugspersonen im Kindesalter oder eine reflektierte und genaue Verarbeitung negativer Bindungserfahrungen aus der Kindheit. Soziale Beziehungen sind für sicher gebunden Erwachsene sehr wichtig und Personen mit dieser Bindungsrepräsentation können durch einen guten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen charakterisiert werden (Fremmer-Bombik, 1999, Seiffge-Krenke, 2004). Im AAI können diese Menschen sowohl positive als auch negative Erfahrungen kohärent darlegen (Seiffge-Krenke, 2004; Ziegenhain, 2001).
Unsicher-vermeidende Bindungsrepräsentation
Erwachsenen, die einer unsicher-vermeidenden Bindungsrepräsentation zugeordnet werden, fällt es schwer sich im AAI an Ereignisse aus der Kindheit zu erinnern. Sie haben kaum einen Zugang zu ihren Gefühlen aus der Kindheit. Sie geben ein idealisiertes Bild von den Eltern ab, welches im Widerspruch zu den wenigen erinnerten Gegebenheiten aus der Kindheit steht, die eher von Zurückweisung und mangelnder Nähe geprägt sind. Dieser Widerspruch wird allerdings nicht erkannt (Fremmer-Bombik, 1999, Seiffge-Krenke, 2004). Unsichervermeidend gebunden Erwachsenen halten sich für stark und unabhängig und behaupten keine engen sozialen Beziehungen in ihrem Leben gebrauchen zu können (Fremmer-Bombik, 1999).
Unsicher-ambivalente Bindungsrepräsentation
Diese Erwachsenen wirken im AAI verwirrt und verstrickt in frühere Beziehungen. Sie sind nicht in der Lage kohärent über ihre Bindungserfahrungen in der Kindheit zu berichten, was ihnen nicht bewusst ist - so wirkten sie im Interview irritiert, widersprüchlich und sehr subjektiv. Ihre Aussagen über die Bezugspersonen aus der Kindheit sind zum einen ängstlich und dann doch auch wieder feindselig (Fremmer-Bombik, 1999; Seiffge-Krenke, 2004).
Unsicher-desorganisierte Bindungsrepräsentation
Die Beschreibungen, welche die Erwachsenen im AAI machen sind einem der oben genann- ten Bindungsrepräsentationen zuzuordnen. Bei speziellen Themen, wie zum Beispiel einem
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besonders schmerzlichem Verlust oder einem erlebten Missbrauch, kommt es jedoch zur auffälligen Inkohärenz von Gedanken und Gefühlen (Ainsworth & Eichberg, 1991).
Jeder Aufbau einer Bindung zu einer neuen Person wird dem jeweilig vorhandenen Bindungsmodell angepasst. Bowlby (1999) betont, dass mehrere passende oder auch unpassende Beziehungsmodelle in einem Menschen existieren können. Umso emotionaler die neue Beziehung ist, desto eher werden die frühen unbewussten Bindungsstrukturen aktiviert. Wie beständig diese Strukturen sind und wodurch sie verändert oder aufgelöst werden können, damit beschäftigt sich das folgende Kapitel.
Stabilität und Kontinuität von Bindungserfahrungen
Eine wichtige Annahme der Bindungstheorie ist, dass die in der Kindheit erworbenen Bindungsmuster im Wesentlichen stabil und mit fortschreitender Entwicklung und Alter nicht mehr veränderbar sind (Fox, 1995). Zimmermann et al. (1999) kritisieren diese Behauptung mit dem Argument, dass die logische Konsequenz darauf wäre, dass einem Kind im ersten Lebensjahr lediglich genug Nähe und Verständnis entgegengebracht werden müsse und so alle weiteren elementaren Erfahrungen des restlichen Lebens vernachlässigt werden könnten.
Empirische Forschungen konnten sowohl Stabilität als auch Veränderungen der Bindungsqualität hinsichtlich ihrer Entwicklung von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein aufzeigen (Zimmermann et al., 1999). Sroufe und seine Mitarbeiter (1979) fanden heraus, dass sich Bindungsmuster ändern können, von sicher in unsicher und auch umgekehrt, wenn sich zum Beispiel die Lebensbedingen der Eltern verändern. Dies ist etwa der Fall, wenn sich die Paarbeziehung der Eltern wandelt, oder die Bezugsperson das Verhalten gegenüber dem Kind ändert. In der Regensburger Längsschnittstudie von Wartner et al. (1994) konnte wiederum eine Stabilität von Bindungsmustern von über 80 Prozent nachgewiesen werden.
Zwei Aspekte spielen bei der in Studien beobachteten Diskontinuität von Bindungsstilen eine bedeutende Rolle: Zum einen der Einfluss von Risikofaktoren, zum anderen ist es sinnvoll die Methoden zur Erhebung von Bindungsmustern genauer zu betrachten. Grossmanns Bielefelder Längsschnittstudie (Grossmann & Grossmann, 1983), einer empirischen Untersuchung, die Kinder von ihrer Geburt an über zwei Jahrzehnte hinweg begleitete und in geregelten Abständen deren Bindungsmuster erhob, kann kein Zusammenhang zwischen der Bindungsrepräsentation der 16-jährigen Jugendlichen und der Qualität ihres Bindungsverhaltens im Fremde-Situation-Test im Kindesalter gefunden werden. Ein entscheidender Einfluss scheint von Risikofaktoren, wie Scheidung oder Trennung der Eltern sowie Krankheiten oder Sterbefälle in der Familie, auszugehen. Diese Faktoren haben maßgeblichen Anteil an der Ausbildung unsicherer Bindungsrepräsentationen (Strasser, 2007; Zimmermann et al., 1999).
Auffällig ist, dass empirische Studien belegen können, dass sich in allen Altersstufen recht hohe Stabilitäten der Bindungsmuster zeigen, mit Ausnahme in der Adoleszenz - gerade in
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der frühen und mittleren Adoleszenz finden sich wenig Kontinuitäten von in der Kindheit erworbenen Bindungsstilen. Einige Wissenschaftler sprechen von einem „Bindungsloch“, welches in der Jugendzeit vorzuherrschen scheint (Seiffge-Krenke, 2004). Erklärbar ist dieses jedoch durch entwicklungstheoretische Ansätze. In der Jugendzeit wird eine Ablösung von den Eltern angestrebt und neue Bindungen und Beziehungen treten mehr und mehr in den Vordergrund, nämlich die zu Freunden und Liebespartnern (Seiffge-Krenke, 2004). Bindung geht in der Adoleszenz also keineswegs „verloren“, vielmehr findet eine Transformation von Bindungsmustern auf andere Bereiche und Personen statt (Allen & Land, 1999). Einige Ju-gendforscher sind der Ansicht, dass vor allem die Bindung zu Liebespartnern notwendig sei, um sich erfolgreich zu lösen. Diese These untermauernd, zeigen einige Studie in der Tat, dass romantische Partner viele Bindungsfunktionen der ehemaligen Eltern-Kind-Beziehung übernehmen, wie zum Beispiel das Schenken von Nähe und Vertrauen. Paarbeziehungen gehen aber noch weiter über diese frühe Bindung hinaus, da auch die sexuelle Komponente nicht außer Acht zu lassen ist (Brown, 1999; Furman & Wehner, 1994; Seiffge-Krenke, 2001). Dies sind durchaus nachvollziehbare und logische Gründe, die das beobachtete „Fehlen von Bindung“ beziehungsweise die Diskontinuität der Bindungsmuster in der Adoleszenz erklären können. Durch diese Transformation der Bindungsenergie im Jugendalter von den Eltern auf Freunde und Liebespartner ergibt sich für einige Jugendliche die Chance den unsichern Bindungsstil, welcher durch negative Erlebnisse im Umgang mit seinen Bezugspersonen in der Kindheit vermittelt und erlernt wurde, zu verändern und durch neue positive Erfahrungen zu einer sichereren Bindungsrepräsentation zu gelangen (Seiffge-Krenke, 2004).
Bei der Untersuchung von Stabilität und Kontinuität in Bindungsmustern sollte zudem beachtet werden, wie die jeweilige Bindungsorganisation erfasst wird, denn in der Erhebung gibt es zwischen dem Kindes- und dem Jugendalter deutliche Unterschiede. Im Kindesalter wird die Bindungsorganisation über den Fremde-Situation-Test auf der Verhaltensebene erhoben; ab dem Jugendalter allerdings über die Repräsentationsebene durch das AAI von George et al. (1985). So haben Studien gezeigt, dass sich Kontinuität in Bindungsmustern auf der Verhaltensebene zeigt, nicht jedoch beim Wechsel von dieser zur Repräsentationsebene, auf der die Probanden gebeten werden Bindungserfahrungen aus ihrer Kindheit zu bewerten, so dass das Bindungsverhalten nicht mehr direkt beobachtet werden kann (Zimmermann et al., 2000). Folgenden Hinweis geben die Autoren jedoch:
„Die frühe Bindungsqualität kann als Organisation des Bindungsverhaltensystems und somit als Verhaltensorganisation eines Kindes bei der Regulierung negativer Gefühle im Kontakt zu einer spezifischen Bezugsperson auch noch im Jugendalter in Interaktion mit dieser Bezugsperson von Einfluss sein“ (Zimmermann, 2000, S.114).
Bei der Diskussion um Stabilität oder Veränderung von Bindungsorganisationen über die Le- bensspanne hinweg, sollte also stets differenziert werden zwischen Bindungsverhalten und
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Bindungsrepräsentation und überprüft werden, ob die Interaktionen zwischen dem Kind und bestimmten Bezugspersonen stabil bleiben oder sich verändern.
2.1 Einfluss von Bindungserfahrungen im Kindes- und Jugendalter auf spätere
Beziehungsrepräsentation
Nachdem im vorangegangenen Kapitel dieser Arbeit Grundlagen der Bindungstheorie hinsichtlich der verschiedenen Bindungsstile erläutert und eine Diskussion über die Kontinuität von Bindungserfahrungen angeschlossen wurde, wird nun die Frage nach dem Einfluss der frühen Bindungsstile auf die Gestaltung späterer Liebesbeziehungen gestellt. Dazu werden verschiedene empirische Studien und ihre Befunde begutachtet.
Es konnte empirisch belegt werden, dass sicher gebundene Kinder, die positive Erfahrungen machen konnten, wenn sie Nähe und Verständnis bei ihren Bezugspersonen suchten, auch im Erwachsenenalter die Fähigkeit besitzen sichere Bindungen zu ihren Liebespartnern einzugehen, indem sie in der Lage sind sich ihnen gegenüber fürsorglich und unterstützend zu verhalten. Sie schätzen ihre Partner sehr und vertrauen auf die Reziprozität von Nähe und Verbundenheit (Cassidy, 2000). Sicher gebundene Erwachsene bevorzugen aufgrund der beständig positiven Bindungserfahrung im Kindesalter lang andauernde romantische Beziehungen mit hohem Commitment, ohne allerdings ein übertriebenes Bedürfnis nach Nähe oder Verpflichtung zu haben (Feeney et al., 1993).
Kinder einer Familie, in der ihr emotionaler Ausdruck stets unterdrückt wurde und bei denen die Aktivierung ihres Bindungssystems beständig mit einer schmerzhaften Erfahrung endete, entwickeln im Erwachsenenalter Strategien, mit denen sie ihre Bindungsorganisation bewusst inaktiv halten (Cassidy, 2000). Diese unsicher-vermeidend gebundenen Erwachsenen fühlen sich in ihren Liebesbeziehungen unwohl und bitten ihre Partner nicht um Unterstützung (Fraley & Shaver, 1998). Sie betonen die Autonomie in ihren Paarbeziehungen und versuchen die Nähe zum Anderen zu vermeiden (Hazan & Shaver, 1987). Feeney et al. (1993) fanden heraus, dass Erwachsene mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil kurze romantische Beziehungen bevorzugen, die durch ein niedriges Ausmaß an Nähe und Verpflichtung gekennzeichnet sind. Die sexuelle Befriedigung steht beim Eingehen einer Paarbindung im Vorder-grund (Feeney et al., 1993).
Die Ausbildung eines ambivalent-unsicheren Bindungsstils im Kindesalter aufgrund der unsteten Erfahrungen in der Verfügbarkeit und Fürsorge ihrer Bezugspersonen, hat zur Folge, dass diese Erwachsenen in ihren Liebesbeziehungen ständig auf der Suche nach emotionaler Nähe sind, die allerdings nicht befriedigt werden kann (Hazan & Shaver, 1987). So neigen sie zum Rückzug, was mit häufigen emotional sehr schmerzhaften Trennungen und anschließen- der Einsamkeit einhergeht (Feeney & Noller, 1992).
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Grossmann und seine Mitarbeiter (2002) konnten in den Regensburger und Bielefelder Längsschnittstudien interessante empirische Befunde zu dieser Thematik auffinden. Die Autoren sind überzeugt, dass drei wichtige Aspekte auf spätere Partnerschaftsrepräsentationen hinweisen. Zum einen ist das die mütterliche Feinfühligkeit sowie die Bindungsqualität im Kindes- und Jugendalter und zum anderen scheint auch die Diskursqualität über Bindungsthemen ein starker Prädiktor zu sein (Strasser, 2007; Grossmann et al., 2002). Als Diskursfähigkeit wird die Kohärenz bezeichnet, welche zum Beispiel beim AAI (George et al., 1985) eine Aussage darüber macht, inwieweit die interviewte Person sicher oder unsicher gebunden ist. So ist es wichtig, dass die Bewertung und innere Repräsentation des Erlebten zur Wirklichkeit passen, damit sie psychologisch sinnvoll sind. Strasser (2007) konnte feststellen, dass junge Erwachsene mit einer Mutter, welche feinfühlig auf ihr Säugling und auch in der weiteren Entwicklung auf ihr Kind in dieser Weise reagierte und ihm verständig machte, dass sie die Bindung zu ihm sehr wertschätzt, zu einem kohärenten Diskurs über ihre Partnerschaft in der Lage sind. Die Liebesbeziehung jener Erwachsenen ist von hoher Selbstreflexion sowie Wertschätzung von Autonomie und Verbundenheit im reziproken Beziehungsprozess charakterisiert. So scheint die Feinfühligkeit der Mutter einen großen Anteil daran zu haben, dass Jugendliche und junge Erwachsene später fähig sind ihre eigenen Gefühle und auch die des Partners zu erkennen und zu reflektieren. Die Befunde der Grossmann-Studien deuten an, dass die erlebte Feinfühligkeit im Kindesalter, zu eben dieser Eigenschaft, zu einer Empfindsamkeit im Erwachsenenalter führt, die es möglich macht Bindungen wertzuschätzen und auf die Bedürfnisse nach Verbundenheit von Seiten des Partners sensibel zu reagieren (Grossmann et al., 2002).
„There is a strong causal relationship between an individual’s experience with his parents and his later capacity to make affectional bounds […]“ (Bowlby, 1987, S.58).
Die Befunde machen deutlich, dass die in der Kindheit erworbene Bindungsorganisation in der Person ein Bild davon wachsen lassen, wie andere Menschen sich ihnen gegenüber verhalten werden. Je nach ihrer Erwartung, modifizieren sie ihre eigenen Verhaltensweisen dahingehend (Collins, 1996). Arbeitsmodelle von Bindung aus der frühen Kindheit haben also einen starken Einfluss auf die Annahmen, die wir über andere Menschen im Laufe der Entwicklung machen. Mit einer sicheren Bindung zu den Eltern aufgewachsen, werden wir auch im späteren Leben an die Verfügbarkeit neuer Bezugspersonen und Liebespartner glauben.
2.2 Bindungen als Paarbeziehungen
Mit dem Zusammenhang zwischen Bindung und Partnerschaften beschäftigt sich die Wissenschaft erst seit jüngster Zeit. Hazan und Shaver (1987) waren es, die am Ende der achtziger Jahre die erste Publikation zu diesem Thema veröffentlichten und damit quasi einen neuen Forschungstrend setzten, denn mittlerweile beschäftigen sich viele Forscher aus den USA,
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aber auch aus Europa und Australien mit diesem Gegenstand. Und dennoch gibt es noch immer ein relativ großes konzeptuelles und methodisches Durcheinander, wenn es um die Erhebung von Bindungsrepräsentationen in Liebesbeziehungen geht (von Sydow, 2001).
Bowlby geht davon aus, dass sich die Bindungsfiguren von Kindern und Ehepartnern sehr ähneln. So haben beide Beziehungen die Funktion Nähe, Fürsorge und Verständnis zu spenden und eine emotionale Basis zu bilden, von der aus schmerzhafte Erfahrungen wie Verlust oder Trennungen bewältigt werden können, ohne dass die eigentliche Bindung zwischen den beiden Bezugspersonen in Gefahr ist (Bretherton, 2001). Doch die Unterschiede zwischen diesen beiden Bindungen sollte keinesfalls außer Acht gelassen werden. Zum einen erhält die Paarbindung durch den sexuellen Aspekt einen anderen Charakter. Von größerer Bedeutung ist jedoch die Wechselseitigkeit, welche sich in Paarbeziehungen zeigt (Weiß, 1982). Spielten die Eltern in der Kindheit noch die beschützende Rolle, so wird in Liebesbeziehungen erwartet, dass sich die Partner gegenseitig stützen (Bretherton, 2001).
Zur Erhebung von Bindungsstilen übertrugen Hazan und Shaver (1987) die von Ainsworth et al. (1978) begründeten Bindungsstile in einen Fragebogen. Die Partner wurden dazu aufge-fordert sich mit dem Bindungsstil zu identifizieren, den sie für sich selbst als am Besten geeignet hielten.
„Dass man dabei von Stil spricht soll hervorheben, dass hier von generellen Erwartungen die Rede ist, die ein Mensch sowohl von seinem eigenen Bindungsverhalten als auch von dem seines Partners hat. Da sich aber Partner nicht unbedingt gleich einstufen, kann man den Stil nicht als inneres Arbeitsmodell einer aktuellen Beziehung betrachten“ (Bretherton, 2001, S. 70).
Hazan und Shaver (1987) gehen davon aus, dass Menschen in der Lage sind ihren Bindungsstil selbst einzuschätzen ohne dabei zu stark von Abwehrprozessen beeinflusst zu sein. Kritik fand der Selbsteinschätzungsfragebogen der beiden Wissenschaftler darin, dass nicht nachvollzogen werden kann, weshalb sich die Personen dem gewählten Bindungsstil zuordnen (Höger, 2002). Dennoch wird dieses Erhebungsinstrument häufig zur Untersuchung von Partnerschaftsbindungen eingesetzt (von Sydow, 2001).
Ein weiteres Instrument, welches bei der Erhebung von Partnerschaftsbindungen zum Einsatz kommt, ist das Beziehungsinterview, Current Relationship Interview (CRI) genannt. Es wurde von Owens und seinen Mitarbeitern (1995) entwickelt. Dort werden beide Partner getrennt voneinander über ihre Beziehung befragt. Das CRI ähnelt dem AAI (George et al., 1985), da anhand des mehr oder weniger kohärenten Diskurses der Bindungsstil identifiziert wird (Bretherton, 2001).
Die Forschung zeigt, dass Messungen von Fragebögen und Interviews zur Erhebung von Partnerschaftsbindungen nur sehr gering miteinander korrelieren (von Sydow, 2001). So ist wohl davon auszugehen, dass beide Messinstrumente nicht dasselbe Merkmal ermitteln. Der
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Unterschied in den beiden Erhebungsmethoden liegt darin, dass Selbsteinschätzungs-Fragebögen lediglich das Bewusste und Bekannte im Bezug auf die Beziehung zum Partner abfragen. Des Weiteren wird durch Selbstberichte nur das preisgegeben, was die Befragten mitteilen möchten. Das CRI hingegen erhebt die Fähigkeit zur Reflexion und zum kohärenten Diskurs über Bindung und die aktuelle Paarbeziehung (Bouthilier et al., 2002). So können bei der Auswertung von Interviews auch nonverbale Inhalte zur Diagnose genutzt werden (Banse, 2003). Auf dieser Grundlage ist es notwendig bei der Interpretation von empirischen Befunden zur Partnerschaftsbindung die jeweilige Erhebungsmethode zu beachten und in die Diskussion einzubeziehen.
Aufgrund der Uneinigkeit in der Wissenschaft, welche Erhebungsmethode zur Untersuchung von Paarbeziehungen geeigneter ist, vergleicht die vorliegende Arbeit Befunde über den Zusammenhang von Persönlichkeitsvariablen und Autonomie sowie Verbundenheit in jungen Paarbeziehungen, ermittelt sowohl durch einen Selbsteinschätzungsfragebogen als auch durch das Close Peer Relationship Interview (CPRI, Selman & Schultz, 1990).
Close Peer Relationship Interview
Das Close Peer Relationship Interview (CPRI, Selman & Schultz, 1990) basiert auf dem interpersonellen Entwicklungsmodell von Selman. Das normativ-entwicklungspsychologische Modell beschreibt die Beziehung zwischen Autonomie sowie Verbundenheit in engen emotionalen Beziehungen und die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit, was vor allem die Fähigkeit angeht die eigene Perspektive von der des Anderen zu unterscheiden und beide unter der Voraussetzung der Perspektivübernahme zu verknüpfen. Dazu ist es notwendig den eigenen Standpunkt und den des Partners zu kennen und zu einem Gesamtverständnis der Gedanken, Gefühle und Wünsche beider Partner zu gelangen. Gelingt dies, können Autonomie und Verbundenheit immer mehr integriert werden und ein interdependentes Beziehungsschema aufgebaut werden (Schultz & Selman, 1998).
Das interpersonelle Modell differenziert drei, durch Wechselwirkungen miteinander verbundene, Aspekte enger Beziehungen: interpersonelles Verstehen, interpersonelles Verhalten und persönliche Bedeutungszuschreibung. Selman geht davon aus, dass sich diese drei Komponenten auf dem Weg hin zur Fähigkeit der Perspektivübernahme verändern (Schultz & Selman, 1998).
Interpersonelles Verstehen
Diese Komponente ist im Gegensatz zu den anderen beiden Elementen relativ unabhängig von der eigentlichen Beziehung. Sie beschreibt die sozialkognitive Fähigkeit Geschehnisse in einer Beziehung unter Einbezug der eigenen Perspektive und der des Partners zu reflektieren (Schultz, 2000).
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Interpersonelles Verhalten
Auch bei dieser Komponente ist die Fähigkeit zur Perspektivübernahme Grundvoraussetzung. Das Modell differenziert zwischen Interaktionen auf dem Gebiet der Autonomie und auf dem der Verbundenheit. Autonomiebezogenes Verhalten bezieht sich vor allem auf den Umgang mit Konfliktsituationen. Wie verhalten sich die Partner in Streitsituationen - wird der Konflikt durch impulsive Verhaltensweisen wie Schreien oder gar Schlagen gelöst, findet eine einseitige Konfliktlösung statt oder sind die Partner diskurs- und kompromissbereit und in der Lage die Perspektive und Stellung des Gegenübers in ein Gesamtgefüge zu integrieren und daraus eine Lösungsstrategie zu entwickeln? Verbundenheitsbezogenes Verhalten bezieht sich auf geteilte Erfahrungen. Darunter können die gemeinsam verbrachte Zeit oder auch gemeinsame Aktivitäten verstanden werde. Zentraler Punkt ist hier jedoch das Maß mit dem die Partner bereit sind, sich dem anderen zu öffnen, sich ihm anzuvertrauen und auch Probleme oder Schwächen zu offenbaren (Schultz & Selman, 1998).
Persönliche Bedeutungszuschreibung
Durch die persönliche Bedeutungszuschreibung wird Verstehen und Verhalten verbunden. Diese Komponente wird durch die Erwartung charakterisiert, die Personen aufgrund vorangegangener Beziehungserfahrungen an ihre zukünftigen Beziehungen haben. Das eigene Verhalten und das der anderen werden interpretiert und in Bezug zu den eigenen Erlebnissen gesetzt. Daraus entwickelt sich ein Verständnis über Interaktionsstrukturen in Beziehungen und Mus-tervorstellungen von Paarbindungen (Schultz & Selman, 1998).
Das auf diesen Vorstellungen basierende CPRI ist ein halbstrukturiertes Interview, durch das die Wissenschaft in der Lage ist verschiedene Aspekte von Autonomie und Verbundenheit in engen emotionalen Beziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu charakterisieren. Das Interview ist so konzipiert, dass vorweg ein Einblick in das soziale Netzwerk der befragten Person geschaffen werden soll, indem diese ihr wichtige Menschen, nach Prioritäten gestuft, benennt. Die Beziehung zu zwei der genannten Menschen, wenn möglich eine Freundschafts- und eine Liebesbeziehung, werden dann im Interview genauer betrachtet. Es soll darüber berichtet werden, was die beiden Personen verbindet, inwiefern sie sich nahe fühlen, welchen gemeinsamen Aktivitäten sie nachgehen und inwieweit sie bereit zur Selbstöffnung sind und sich mit Sorgen und Problemen an den Partner wenden. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, wie der Partner und die Person selbst auf diese Öffnungsbereitschaft reagieren; ob sie sich vom Gegenüber verstanden fühlen und auf seine Unterstützung vertrauen. Durch Beispiele soll belegt werden, wie in der Beziehung mit Konflikten umgegangen wird. Werden Streitsituationen eher impulsiv gelöst oder sind die beiden Personen zum Kompromiss bereit? Die Aspekte Verbundenheit und Autonomie stehen im Zentrum der Befragung (Schultz, 2000). Die Auswertung der Interviews erfolgt durch die Developmental Relationship Scales (Skalen zur Beziehungsentwicklung, Schultz, 1993/2000). Die berichteten Interaktionen werden in Bezug auf Autonomie und Verbundenheit kodiert. Auch die Fähig-
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keit, die Beziehung zu reflektieren wird bewertet (Schultz, 1993/2000). Folgende vier Skalen werden im CPRI unterschieden: (1) Interpersonelle Aushandlung, (2) Geteilte Erfahrung, (3) Die Bedeutung von Interdependenz und (4) Interpersonelles Verstehen (Schultz, 1993/2000).
Eingesetzt wurde das CPRI bisher in zwei großen Längsschnittstudien der USA zur Erfassungen von Intimität und Autonomie in engen sozialen Beziehungen von jungen Erwachsenen. Zum einen zeigte sich, dass mit fortschreitender Ich-Entwicklung in der Adoleszenz die Ausprägungen der Merkmale auf den vier Skalen des CPRI vorhergesagt werden konnten. Diese Vorhersage war ebenso auf Basis der durch das AAI (George et al., 1985) erhobenen Bindungsrepräsentationen möglich (Hennighausen et al., 2004; Schultz & Selman, 1998). Überdies konnten Verbindungen zwischen den CPRI-Skalen und der selbsteingeschätzten Ich-Resilienz sowie Feindseligkeit der Probanden gefunden werden (Hennighausen et al, 2004).
Eine genaue Beschreibung der vier Skalen sowie die konkrete Vorgehensweise beim Kodieren der Interviewdaten, werden im empirischen Teil der Arbeit dargelegt.
2.2.1 Das komplexe Wirkungsgefüge zwischen Commitment und Beziehungsstabilität unter Einbeziehung von Bindungssicherheit und Beziehungszufriedenheit
Duemmler und Kobak (2001) gehen davon aus, dass Bindungssicherheit und Commitment wichtige Einflussgrößen auf die Stabilität einer Beziehung sind. Zur Definition des Konstruktes Commitment geben sie folgende Erklärung:
„Commitment is primarly a cognitive construct, characterized by a decision to continue the relationship […] whatever it costs or benefits, and despite ups and downs“(Duemmler & Kobak, 2001, S.403).
Als wechselseitig beschreiben die beiden Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Commitment. Auf der einen Seite wird das Vertrauen des Individuums in die Verfügbarkeit des Partners von der Stärke des Commitments beeinflusst und dennoch versichert ein hohes Commitment nicht, dass der Partner auch wirklich auf die Bindungsbedürfnisse seines Gegenübers reagiert. Denn in der Tat kann ein hohes Commitment aufrecht erhalten werden aus Angst die Beziehung zu verlassen, nicht aus Freude an der bestehenden Beziehung. So zeigt sich Commitment als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung einer sicheren stabilen Bindung. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch wahrscheinlich, dass eine Person, wenn sie Vertrauen zu ihrem Partner dahingehend aufbauen kann, dass dieser ihr als „safe haven“ und „secure base“ dient, mit der Beziehung zufriedener ist und aufgrund dessen auch mehr in die Beziehung investieren möchte.
Empirische Studien können belegen, dass ein Anwachsen der Bindungssicherheit die Ent- wicklung von Commitment fördert und vice versa auch ein größeres Commitment mit stärke-
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rer Bindungssicherheit einhergeht. Menschen in längeren Beziehungen berichten sowohl über stärkeres Commitment als auch über eine höhere Bindungssicherheit. Die Befunde unterstützen die Annahme, dass Commitment und Bindungssicherheit mit der Zeit wachsen und die Beziehungsstabilität voraussagen (Duemmler & Kobak, 2001; Kirkpatrick & Davis, 1994; Neyer, 2002).
Ein differenzierteres Konzept von Commitment findet sich bei Frank und Brandstaetter (2002). Sie stützen ihre Theorie auf das Investitionsmodell von Caryl Rusbult (1983, 1991). Darin ist Commitment durch folgende Merkmale konzeptualisiert: (1) Zufriedenheit mit der Beziehung, (2) Qualität von Alternativen und (3) Stärke der Investition.
„More specifically, commitment should increase as the individual feels increasingly satisfied with the relationship, as alternatives decrease in quality, and as the magnitude of the individual’s investment in the association becomes greater“ (Rusbult, 1991, S.208).
Zudem gehen Frank und Brandstaetter (2002) davon aus, dass Commitment starken Einfluss auf die Dauer und damit auf die Stabilität einer Beziehung hat. Johnson (1991) unterscheidet drei Formen von Commitment. Persönliches Commitment ist dadurch charakterisiert, dass die Person eine Beziehung weiterführen möchte aufgrund der positiven Einstellung dem Partner gegenüber und der Zufriedenheit mit der Beziehung. Moralisches Commitment ist geprägt von Selbsthemmung und Pflicht- oder Schuldbewusstsein. Die Person tut nicht das, was sie möchte, nämlich die Beziehung beenden, sondern sie führt sie fort, weil sie annimmt, dass sie es dem Partner schuldig ist. Strukturelles Commitment schließlich kann als auswegloses Commitment gewertet werden, welches aufrecht erhalten wird aufgrund der fehlenden Alternativen. Ähnlich zu diesem Modell charakterisieren Atkinson (1957), Heckhausen (1991) und Higgins (1998) zwei motivationale Sichtweisen auf das Konstrukt Commitment: Durch ein „nahes Commitment“ entsteht in den Partnern ein Gefühl der Verbindung aufgrund der positiven Vorstellung vom Andauern der Beziehung. „Vermeidendes Commitment“ beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Personen, weil der eine Partner die negativen Gefühle, welche mit einer Trennung verbunden wären, vermeiden möchte.
Empirische Befunde belegen, dass „nahes Commitment“ stärker mit Werten der Weiterentwicklung und Zukunftsvorstellung in der Beziehung verknüpft ist, wohingegen „vermeidendes Commitment“ hoch mit Werten zur Abwendung vom Partner korreliert. Im gleichen Zug geht „nahes Commitment“ mit hoher Beziehungszufriedenheit und „vermeidendes Commitment“ mit niedriger Beziehungszufriedenheit einher (Frank & Brandstaetter, 2002).
2.2.2 Autonomie und Verbundenheit in Paarbindungen
Nähe ist eines der grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen. Eine Partnerschaft kann das Verlangen nach Verbundenheit befriedigen. Und doch ist Intimität auch ein Aspekt weshalb
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es zu Konflikten in den Liebesbeziehungen kommen kann, das wurde in einem der ersten Kapitel dieser Arbeit aufgezeigt. Für das Gelingen einer nahen Beziehung ist eine beidseitige und offene Kommunikation von zentraler Bedeutung. Beide Partner sollten zur Selbstöffnung bereit sein, den anderen wertschätzen und gegenseitig unterstützend und verständnisvoll für-einander da sein. Daraus können Liebe, Wärme, Vertrauen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen (Grau, 2003). Kelly et al. (1983) verwenden für das Umschreiben von Ver-bundenheit den Begriff „influence“ und sind der Ansicht, dass die Stärke der Verbundenheit davon abhängig ist, wie häufig und in welchen Bereichen aufeinander Einfluss ausgeübt wird. Wichtig sind darüber hinaus Stärke und Dauer des gegenseitigen Einflusses. Die Sozialpsychologin Ina Grau (2003) beschreibt das Konstrukt Verbundenheit folgendermaßen:
„Nähe im Sinne von Intimität besteht dann, wenn zwei Personen das Innerste des jeweils anderen kennen, verstehen und wertschätzen. Das entscheidendste Verhalten dafür ist die Selbstöffnung. Die Selbstöffnung besteht darin, dass A seinem Zuhörer B relevante In-formationen über sich selbst bzw. seinem Selbstkonzept verbal oder nonverbal vermittelt. Dabei ist nicht die Information über die Fakten ausschlaggebend, sondern die emotional bedeutsame Konsequenz aus diesen Fakten. Der Schlüsselaspekt ist der Ausdruck von Emotionen“ (Grau, 2003, S. 292).
Reis und Shaver (1988) sind der Ansicht, dass sich nahe Beziehungen durch die Merkmale Commitment, einem Wir-Gefühl (das mit einer Behandlung des Paares von anderen als Einheit einhergeht) und gegenseitigem Vertrauen, das sich auf stabile Erwartungen stützt, beschreiben lassen.
Vermeiden von Nähe
Bartholomew und Horowitz (1991) entwickelten ein differenziertes Modell der bekannten Bindungsstile im Erwachsenenalter wie sie von George et al. (1985) identifiziert wurden. Dieses Modell konzentriert sich in seiner Erklärung der verschiedenen Bindungsstile vor allem auf die Selbstsicht und die Sicht auf andere und bietet damit eine Möglichkeit Ursachen für das Vermeiden von Nähe auszumachen. Sicher gebundene Personen sind nach Bartholomew (1990) geprägt von einer positiven Selbstsicht und einer ebensolchen auf andere, was zu sicheren und erfüllenden Beziehungen führt. Personen mit einer unsicher-verstrickten („preoccupied“) Bindung konnten in ihrer Kindheit wenig vertrauensvolle Erfahrungen mit ihren Eltern machen, da die Verfügbarkeit der Bezugsperson ambivalent und daher nicht vorhersagbar für sie war. So haben sie in einer Paarbeziehung den Eindruck, dass sie die Liebe des Partners nicht wert sind. Daraus resultiert ein zwanghafter zu starker Abhängigkeit neigender Bindungsstil im Erwachsenenalter mit einem unstillbaren Verlangen nach Anerkennung von Seiten des Partners und dem tief sitzenden Gefühl eigener Wertlosigkeit. Ängstlich gebundene Erwachsene beschreibt die Wissenschaftlerin als Menschen die anderen nicht vertrauen kön- nen und sich selbst als nicht liebenswert empfinden. Sie haben Angst vor Zurückweisung und
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vermeiden deshalb soziale Situationen und enge Beziehungen. Vermeidend gebundene Personen, und diese Klassifikation entspricht der ursprünglichen Kategorie von George et al. (1985), halten ein positives Selbstbild aufrecht indem sie sich von ihren Bindungsfiguren distanzieren und von sich selbst eine Vorstellung entwickeln, in der sie sich als unverletzbar gegenüber negativen Gefühlen wahrnehmen. Das Bindungssystem wird quasi deaktiviert. Diese Personen legen viel Wert auf ihre Unabhängigkeit und vermeiden es Beziehungen zu wichtig werden zu lassen (Bartholomew, 1990).
Bartholomew (1990) konnte herausfinden, dass beide Gruppen, sowohl die ängstlich als auch die vermeidend gebundene Erwachsenen enge Beziehungen und die Nähe zu ihrem Partner meiden. Ängstlich gebundenen Personen jedoch empfinden diese Isolation als schmerzhafter und sind deshalb anfälliger für starke Gefühle der Einsamkeit und depressive Verstimmungen. Sowohl unsicher-verstrickt als auch ängstlich gebundene Personen zeigen starke Abhängigkeitsbedürfnisse. Für unsicher-verstrickte Personen bedeutet das Abhängigkeitsgefühl ein Stück weit Befriedigung des Verbundenheitsbedürfnisses. Ängstlich Gebundene vermeiden hingegen jegliche Intimität, um den Schmerz einer möglichen Zurückweisung oder eines potentielles Verlustes zu minimieren. So können ängstlicher und vermeidender Bindungsstil im Kontext des Vermeidens von Nähe als Emotionsregulierung erklärt werden (Bartholomew, 1990).
Der Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit
Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass Autonomie und Verbundenheit nicht zwei unabhängig voneinander wirkende Konstrukte sind, sondern dass zwischen ihnen eine wechselseitige Beziehung besteht. Es wird angenommen, dass Verbundenheit stark zur Entwicklung von Autonomie beitragen kann und den Kontext dafür bildet, dass eine erfolgreiche Autonomieentwicklung möglich ist (Allen et al., 1994). Für Ehen konnte die empirische Forschung bereits herausfinden, dass Autonomie und Verbundenheit positiv miteinander korrelieren (Harter, 1997; Rankin et al., 1997). Taradash et al. (2001) gehen davon aus, dass dies auch auf die Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen übertragbar sei, so dass hohe Werte für Autonomie mit hohen Werten für Verbundenheit einhergehen. Sie nehmen an, dass dieser Zusammenhang durch die Dauer der Beziehung beeinflusst sein könnte, denn es ist davon auszugehen, dass jugendliche Beziehungen von kürzerer Dauer sind und eher von einer Art Gemeinschaftsgefühl oder Zugehörigkeit als von echter Intimität geprägt sind (Feiring, 1996). Um ihre These zu belegen, ließen sie 905 Schüler im Alter zwischen 13 und 18 Jahren Fragebögen ausfüllen, in denen diese Angaben über ihre Erfahrungen mit romantischen Beziehungen, zur Autonomieentwicklung und über Intimität in ihren Beziehungen zu Eltern, Freunden und Liebespartnern machten. Die Befunde sprechen dafür, dass Autonomie ein Merkmal jugendlicher Paarbeziehungen ist. Auch eine wechselseitige Beziehung zwischen Autonomie und Verbundenheit lassen die Ergebnisse erkennen, vor allem bei Beziehungen von längerer Dauer. Gemäß den Erwartungen der Wissenschaftler zeigen Mädchen stärkere
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Reife in der Autonomieentwicklung in ihren Beziehungen sowohl zu den Eltern und Freunden als auch Liebespartnern. Bei beiden Geschlechtern ist erkennbar, dass autonome Kompetenz in einer der Beziehungen mit dem Vorhandensein von Autonomie in den anderen Beziehungen verknüpft ist (Taradash et al., 2001). Die statistischen Berechnungen zeigen eine positive Korrelation zwischen Autonomie und Verbundenheit:
„The more adolescents perceived their romantic relationship as close, supportive, trusting, and communicative, the more comfortable they were to set boundaries and express their differences in their romantic relationship“ (Taradash et al., 2001, S.372).
Die Befunde können außerdem belegen, dass in kürzeren Beziehungen Autonomie mit dem Gefühl der Zugehörigkeit („affiliation“), einer Vorstufe von wirklicher Intimität, korreliert. Bei länger andauernden Beziehungen zeigt sich dieser Zusammenhang nicht mehr, dort ist die erwartete Korrelation zwischen Autonomie und Verbundenheit zu finden. In Beziehungen von längerer Dauer wird es augenscheinlich wichtiger sich einander nahe zu fühlen, anstatt lediglich Zeit miteinander zu verbringen oder gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen, interpretieren die Forscher (Taradash et al., 2001).
Was die Paarbeziehungen betrifft, so zeigt sich, dass Mädchen oder junge Frauen eher in der Lage sind, persönliche Sichtweisen und Meinungen auszudrücken im Vergleich zu Jungen und jungen Männern. Anscheinend sind Mädchen in der Ausbildung emotionaler Fähigkeiten ihren männlichen Alternsgenossen etwas voraus. An dieser Stelle werden Stimmen laut, die darauf hinweisen, dass gerade bezüglich dieses Aspekts große Unterschiede zwischen Paarbeziehungen von Jugendlichen und Erwachsenen vorliegen. So gibt es Studien, die belegen, dass erwachsene Frauen in ihren Paarbeziehungen eher zurückhaltend sind und ihre Ideen und Meinungen weniger autonom kundtun, als es die Ergebnisse dieser Studie aufzeigen. Die Au-toren haben die Vermutung, dass diese Entwicklungen eventuell erst zu einem späteren Zeitpunkt der Adoleszenz oder des Erwachsenenalters auftreten (Taradash, 2001).
„As romantic relationships increase in intimacy and attachment, woman may choose to conform to more traditional gender stereotypes, such as allowing their partners to be dominant and powerful in their romantic relationship“ (Taradash, 2001, S. 273.).
Die Befunde der Studie von Taradash und seinen Mitarbeitern (2001) zeigen deutlich, dass Autonomie-Erfahrungen in den Beziehungen zu den Eltern und Freunden im Zusammenhang mit der autonomen Kompetenz in Paarbeziehungen stehen. So scheint eine geglückte Ablösung von den Eltern in der Adoleszenz im Rahmen einer gesunden Autonomieentwicklung das erfolgreiche Ausbalancieren von Autonomie und Verbundenheit in Liebesbeziehungen ein Stück weit zu gewährleisten.
Mit diesen Erkenntnissen kann der hiesige Abschnitt eine Verbindung zu den in den ersten Kapiteln erläuterten entwicklungs- und individuationstheoretischen Sichtweisen auf Paarbe-
34 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
ziehungen knüpfen und verdeutlichen, wie bedeutsam die Integration verschiedenster Theorieansätze für ein umfassenderes Verständnis von Liebesbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist.
2.3 Zusammenfassung
Das zweite Kapitel setzt seinen Ausgangspunkt bei den bindungstheoretischen Ansätzen Bowlbys (1999). Im Mittelpunkt seiner frühen bindungstheoretischen Betrachtungen steht die Frage, welchen Einfluss Trennungserfahrungen und Unsicherheiten im Umgang mit den Bindungspersonen in der Kindheit auf die spätere Entwicklung des Menschen haben. In der Interaktion mit seinen Bezugspersonen entwickelt das Kind innere Arbeitsmodelle von Bindung zu seinen Bezugspersonen und von sich selbst. Sie sind die Basis, von der aus das eigene Verhalten den Begebenheiten der Umwelt angepasst wird. Bowlby (1999) geht davon aus, dass die in der Kindheit angeeigneten Bindungsmuster auf spätere Beziehungen und damit auch auf Paarbeziehungen übertragen werden.
Mary Ainsworth et al. (1978) identifizierten bei Kindern durch den Fremde-Situation-Test die drei Bindungsstile sicher, unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent. Aus diesen ursprünglichen Bindungsstilen entwickelten George et al. (1985) analoge Bindungsrepräsentationen von Jugendlichen und Erwachsenen.
Was die Stabilität der in der Kindheit erworbenen Bindungsmuster angeht, kann die empirische Forschung sowohl Kontinuitäten als auch Diskontinuitäten nachweisen. Zwei Faktoren scheinen bei der Betrachtung von Veränderungen der Bindungsorganisation von Bedeutung zu sein: Der Einfluss von Risikofaktoren, wie zum Beispiel Scheidung der Eltern oder Verluste in der Familie, die negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes ausüben. Aber auch die Erhebungsmethode, durch die die Bindungsorganisation gemessen wird, spielt eine wichtige Rolle. In der Kindheit lassen sich die Bindungsstile durch Beobachtungen identifizieren. Im Jugend- und Erwachsenenalter werden Bindungsrepräsentationen durch Interviews, wie zum Beispiel das AAI (George et al., 1985) erhoben. Bei diesem Wechsel von der Verhaltens- auf die Repräsentationsebene zeigen sich Diskontinuitäten in der Stabilität von Bindungsmustern. Dieser Ebenenwechsel muss bei einer Interpretation empirischer Ergebnisse immer beachtet werden.
Über den Einfluss der frühen Bindungserfahrungen in der Kindheit auf spätere Beziehungsrepräsentationen kann gesagt werden, dass einst sicher gebundene Kinder auch im späteren Leben in der Lage sind sichere und vertrauensvolle Liebesbeziehungen zu ihren Partnern einzugehen. Für Erwachsenen mit unsicherer Bindungserfahrung im Kindesalter ist der Aufbau einer Liebesbeziehung erschwert. Aus Angst vor Verletzungen oder Enttäuschungen vermei- den sie soziale Beziehungen und fühlen sich in ihren Beziehungen zu anderen sehr unwohl.
35 Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen
Der Zusammenhang zwischen Bindung und Partnerschaft ist für die Wissenschaft ein relativ neues Gebiet. Hazan und Shaver (1978) setzten Ende der Achtziger damit einen neuen Forschungstrend. Dennoch herrscht noch immer ein methodisches und konzeptuelles Durchein-ander bei der Untersuchung von Partnerschaftsbindungen. Die Wissenschaft scheint regelrecht in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite befinden sich die Verteidiger von Interviewmethoden, auf der anderen die Befürworter von Fragebogenerhebungen. Niedrige Korrelationen zwischen diesen beiden Erhebungsmethoden deuten darauf hin, dass diese nicht dasselbe Konzept messen. Die vorliegende Arbeit macht es sich deshalb zur Aufgabe Daten aus einer Interviewerhebung (CPRI, Selman & Schultz, 1990) mit denen einer Fragebogenerhebung zum Zusammenhang von Persönlichkeitseigenschaften und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen zu vergleichen.
Empirische Studien belegen die wechselseitige Verbindung zwischen Bindungssicherheit und Commitment in einer Paarbeziehung. Ebenso lässt sich ein positiver Einfluss dieser beiden Variablen auf Beziehungsstabilität und Beziehungszufriedenheit finden. Für das Gelingen einer nahen verbundenen Liebesbeziehung ist eine gegenseitige und offene Kommunikation von zentraler Bedeutung. Je nach Bindungsrepräsentation fällt es Individuen einfacher oder schwerer Nähe zuzulassen. Menschen mit einer sicheren Bindungsrepräsentation haben keine Angst sich dem Partner anzuvertrauen und zu öffnen. Sie schätzen eine verbundene Beziehung sehr. Unsicher gebundenen Personen dagegen ist die Nähe zum Partner unangenehm. Aufgrund zurückweisender Erfahrungen in der Kindheit ziehen sich unsicher-ambivalent ge-bundene Jugendliche und junge Erwachsene zurück aus Angst in ihrem Bedürfnis nach Ver-bundenheit enttäuscht zu werden. Unsicher-vermeidend Gebundene geben an, kein Verlangen nach Verbundenheit mit ihrem Partner zu spüren. Sie sind stets bemüht ihr Bindungssystem inaktiv zu halten.
Empirische Befunde belegen, dass hohe Werte für Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie einhergehen. Dieser Zusammenhang ist vor allem von der Dauer einer Beziehung abhängig, stellten die Forscher fest. So findet man in den frühen Beziehungen von Jugendlichen Korrelationen zwischen Autonomie und einem Gefühl der Zugehörigkeit (“affiliation“), einer Vorstufe von echter Intimität, die sich in längeren Beziehungen und in den Beziehungen von jungen Erwachsenen stärker zeigt. Absehbar ist auch, dass autonome Kompetenz quasi von einer Beziehung zur anderen übertragen wird. So belegen Studien, dass ein geglückter Ablösungsprozess in der Adoleszenz und die Entwicklung eines autonomen Selbst ein erfolgreiches Ausbalancieren von Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen ein Stück weit zu gewährleisten scheint. In diesen Erkenntnissen ist die Verflechtung der entwicklungssowie individuationstheoretischen Sichtweisen mit den bindungstheoretischen Blickwinkeln auf Paarbeziehungen zu erkennen, womit die Bedeutsamkeit der Integration verschiedener Theorieansätze verdeutlicht werden soll.
36 Persönlichkeit und Partnerschaft
3 Persönlichkeit und Partnerschaft
Der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Paarbeziehung fand in der empirischen Sozialforschung erst in den letzten Jahren etwas mehr Berücksichtigung (Robins et al., 2000). Dies hatte zum einen historische Gründe, zum anderen war die Forschungsmethodik auf diesem Gebiet lange Zeit noch nicht weit genug entwickelt. Die Psychologie hatte Schwierigkeiten zu erkennen, dass zwei Personen mit ihren ganz einzigartigen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen in einer Paarbeziehung aufeinandertreffen und dass deshalb eine Forschung, welche sich lediglich auf eine Beziehungsdynamik und auf interpersonale Prozesse stützt, nicht erfolgreich sein kann (Neyer, 2003). Anfang der achtziger Jahre forderte Gottman (1982) das Abrücken der Partnerschaftsforschung von einer rein individualistisch geprägten Perspektive zu einer Hinwendung zum Thema Paarbeziehung als interaktives System, welches mehr beinhaltet als nur die Summe der Charaktereigenschaften beider Partner. Mit diesem Appell konnte ein neuer Forschungsansatz geschaffen werden, der sich immer stärker mit dem Studium dyadischer Interaktionen und Prozesse in Liebesbeziehungen beschäftigt (Neyer, 2003).
Nachdem lange Zeit Zweifel bestanden, ob in sozialen Beziehungen Persönlichkeitsvariablen überhaupt eine Rolle spielen, herrscht unterdessen ein viel besseres Verständnis von Persönlichkeitseigenschaften. Die Instrumente zur Messung von Persönlichkeitsmerkmalen wurden stark optimiert (Caspi & Roberts, 1999; Roberts & DelVecchio, 2000; Robins et al., 2000). Mittlerweile ist die Wissenschaft überzeugt, dass Persönlichkeitsmerkmale eine große Rolle in der Paarforschung spielen. Frühe Forschungen auf diesem Gebiet, obwohl sie zu damaliger Zeit methodisch noch umstritten waren, deckten einige wichtige Hinweise, dass stabile Persönlichkeitseigenschaften eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit Qualität und Charakter von Paarbeziehungen spielen (Buss, 1991, Eysenck & Wakefield, 1981).
Bei der Untersuchung des Zusammenhangs von Persönlichkeitsmerkmalen und Paarbeziehungen bedient sich die Forschung heutzutage nun nicht mehr nur der individuellen Sichtweise, sondern greift auch auf den dyadischen Blickwinkel zurück, so dass die beiden Perspektiven integriert werden und die Wechselwirkungen zwischen den individuellen Charaktereigenschaften der beiden Partner und ihrer Beziehung in einem umfassenderen Maße erfasst werden können. Es wird davon ausgegangen, dass sowohl die Persönlichkeit des einzelnen auf die Gestaltung der gemeinsamen Beziehung einen Einfluss hat, als auch, dass die dyadischen Interaktionen in der Paarbeziehung im Zusammenhang mit einer Veränderung der Persönlichkeit der Partner stehen. Es zeigt sich allerdings, dass Persönlichkeitseffekte auf Partnerschaften stärker und nachhaltiger wirken. Einflüsse von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsmerkmale hingegen scheinen schwächer und kurzfristiger zu sein (Neyer, 2003).
Aus längsschnittlicher Perspektive betrachtet wird erwartet, dass sich die Stabilität einer Be- ziehung mit wachsender Stabilität der Persönlichkeit vergrößert - eine Ursache dafür, dass
37 Persönlichkeit und Partnerschaft
Beziehungen mit wachsendem Alter stabiler werden (Asendorpf, 2002). Querschnittliche Analysen, welche Persönlichkeitsmerkmale mit Beziehungscharakteristiken korrelieren, können aufzeigen, ob diese beiden Konstrukte im Zusammenhang miteinander stehen, aber sie können nicht über ursächliche Wirkungen informieren. Dazu sind Längsschnittstudien in der Lage, die Beziehungen und Personen über einen längeren Zeitraum beobachten und zu mindestens zwei Messzeitpunkten untersuchen. Mit dieser Methodik sind die Forscher in der Lage Pfadanalysen anzufertigen und mögliche ursächliche Erklärungen zu entwickeln. Versteckte Einflussgrößen müssen natürlich auch bei diesem Verfahren beachtet werden und könnten die Ergebnisse verfälschen (Asendorpf, 2002, Neyer, 2003).
Über konkrete empirische Befunde aus Quer- und Längsschnittstudien, welche sich mit der Wechselwirkung von Persönlichkeitsmerkmalen und Paarbeziehungen befasst haben, informieren die folgenden Kapitel.
3.1 Persönlichkeit
Den nächsten Kapiteln, die sich auf Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Liebesbeziehungen konzentrieren, sollen einführend ein kurzer theoretischer Überblick zum Konstrukt Persönlichkeit und erwarteter Stabilität beziehungsweise Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen über die Lebensspanne hinweg vorangestellt werden.
„Unter Persönlichkeit einer Person wird die Gesamtheit aller ihr dauerhaften psychologischen Eigenschaften, wie zum Beispiel Temperamentmerkmale, Einstellungen, Werthaltungen, Motive und Aspekte des Selbstkonzepts, verstanden, die sie von anderen Menschen unterscheidet“ (Neyer, 2003, S. 168).
In den zwanziger Jahren prägte Abraham (1924) das Bild zur Entwicklung der Persönlichkeit, indem er annahm, dass sich diese über feste, in ihrer Abfolge unveränderbare, Stufen vollziehe. Zu gestörten Persönlichkeiten solle es dann kommen, wenn diese stufenförmige Entwicklung unterbrochen werde und die Entstehung einer Persönlichkeit auf der erreichten Stufe verharre. Anna Freud (1965) erweiterte diese Modellvorstellung der Entwicklung von Persönlichkeit entlang eines festgelegten Weges, indem sie individuelle Unterschiede in den Menschen durch Progression, Fixierung und Regression beschrieb. Eine moderne, heute weit verbreitete und anerkannte, Vorstellung zur Persönlichkeitsentwicklung wurde von Waddington (1957) vorgeschlagen. Er geht davon aus, dass es nicht nur einen Weg hin zu einer ausgereiften Persönlichkeit gibt, sondern dass dem Individuum am Anfang seiner Entwicklung eine Vielzahl von Entwicklungswegen zur Verfügung steht. Einige davon sind offensichtlich, andere liegen noch im Verborgenen. Auch er beschreibt Persönlichkeitsentwicklung als einen Vorgang der sich in Stufen vollzieht. Jedoch ist er überzeugt, dass jede Person auf den ver- schiedenen Entwicklungsstufen mannigfache Möglichkeiten hat, um auf die nächste Stufe zu
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gelangen. Entscheidend für diesen Prozess ist die Interaktion zwischen Individuum und Umwelt. Je nachdem wie empfindsam die Person gegenüber ihrer Außenwelt ist, wird sie sich selbst und ihre Umwelt verändern. Waddington (1957) geht davon aus, dass der Sensitivität in der frühen Phase der Entwicklung die größte Bedeutung auf dem Weg zu einer individuellen Persönlichkeit zukommt. Er beschreibt den Kontakt mit der Umwelt in diesen frühen Phasen der Entstehung von Persönlichkeit als adaptiven Prozess:
„[…] insofern, als dass die resultierende Persönlichkeit imstande ist, sich dem kulturellen determinierten Familienbereich und der sozialen Umgebung anzupassen, in der er sich vermutlich befinden wird. Danach bleibt die Entwicklung unter Verringerung der Sensitivität gegenüber der Umgebung in zunehmendem Maße auf den Weg beschränkt, der einmal eingeschlagen wurde“ (Bowlby, 2006, S.327).
Eine gescheiterte Persönlichkeitsentwicklung, die mit Persönlichkeitsstörungen und -dispositionen einhergeht, erklärt Waddington (1957) durch eine unangepasste Entwicklungsumgebung in der Kindheit, die dazu führt, dass ein fehlangepasster Weg gewählt wird, von welchem mit zunehmender Homöorhese nicht mehr abgewichen werden kann. In Ergänzung dazu stehen bindungstheoretischen Ansichten, dass die Erfahrungen des Kindes mit seinen Eltern weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der Persönlichkeit haben (Bowlby, 2006).
Persönlichkeitsmerkmale wurden in den letztens Jahren überwiegend durch das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit von McCrae und Costa (1996/1999) erfasst. Das Modell der Big Five setzt sich aus fünf Persönlichkeitsvariablen zusammen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Jedes dieser Konstrukte beinhaltet sechs Facetten. So werden durch Neurotizismus die Teilaspekte Angst, Depression, Feindseligkeit, Erregbarkeit, Selbstbewusstsein und Verletzbarkeit gemessen. Unter Extraversion werden die Merkmale Wärme, Geselligkeit, Durchsetzungsvermögen, Aktivität, Leidenschaft und positive Emotionen zusammengefasst. Phantasie, Kunst, Gefühle, Handlungsdrang, Ideen und Wertvorstellungen werden durch das Konstrukt Offenheit konzeptualisiert. Verträglichkeit umfasst die Konzepte Gegenseitigkeit, Zustimmung, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Zartbesaitetheit und Vertrauen. Mittels Strebsamkeit, Kompetenz, Bedächtigkeit, Pflichtbewusstsein Gehorsam und Selbstdisziplin wird Gewissenhaftigkeit definiert (Costa und McCrae, 1992). Es wurde bewiesen, dass die fünf Faktoren der Big Five relativ stabil über einen längeren Zeitraum (Digman, 1990; McCrae & Costa, 1994) und über verschiedene Kulturen hinweg zu beobachten sind (McCrae & Costa, 1997). So gelten die Big Five als die zentralen Bereiche der Persönlichkeit, die genutzt werden können um Menschen zu beschreiben (Neyer, 2003). Costa und McCrae (1999) nehmen an, dass Persönlichkeitsunterschiede zwischen Individuen weitgehend auf eine Variation in diesen fünf grundlegenden Faktoren zurückzuführen sind.
39 Persönlichkeit und Partnerschaft
Stabilität und Veränderung von Persönlichkeit
Nur wenige Studien gibt es, die sich mit der Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen zwischen der späten Adoleszenz und dem frühen Erwachsenenalter beschäftigt haben. Und obwohl die Befunde dieser Untersuchungen in verschiedenste, sich nicht selten widersprechende, Richtungen tendierten, werden sich die Forscher immer stärker einig, dass im Erwachsenenalter die Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen zunimmt, wohingegen die Jugendzeit als Phase einer großen Veränderungen gesehen wird (McGue et al., 1993). Viele Charaktereigenschaften, die mit positiven Emotionen verknüpft werden, scheinen während der frühen Adoleszenz zu wachsen (Robins et al., 2001). So berichten Stein et al. (1986) von steigender Ordnungsliebe, Gesetzesbefolgung und Fleiß sowie Sorgfalt. Auch von wachsender Zuverlässigkeit wird berichtet (Haan et al., 1986) und von einer sich entwickelnden stärkeren Gewissenhaftigkeit im Jugendalter (Robins et al., 2001). Im gleichen Zug konnten Stewart (1964), Holmlund (1991) und auch McGue (1994) von wachsender Extraversion in der Jugendphase berichten. Gegenteilige Befunde ermittelten diesbezüglich jedoch Viken et al. (1994). Mit negativen Emotionalitäten im Zusammenhang stehende Eigenschaften wie Neurotizismus und Aggression scheinen mit Eintritt in die späte Adoleszenz an Intensität abzunehmen (Holm-lund, 1991; McGue, 1993; Nichols, 1967). Was die Generalisierung dieser Befunde fraglich macht ist, dass die meisten der berichteten Studien an College-Schülern und Studenten durchgeführt wurden. Diese Ausbildungsformen verlangen einen gewissen Grad an Offenheit und Gewissenhaftigkeit, so dass ein Wachstum in diesen Dimensionen darin bedingt sein könnte. Natürlich könnten dafür auch innere Reifungsprozesse verantwortlich sein oder ein Zusammenwirken beider Faktoren. Zudem werden die meisten Messungen von Persönlichkeitseigenschaften mittels Fragebogen durchgeführt. Bei der Auswertung dieser sollte also stets das Phänomen der Sozialen Erwünschtheit im Auge behalten werden.
Die Begründer der „Big Five“ McCrae und Costa (1996/1999) nehmen an, dass die durch die „Big Five“ gemessenen Persönlichkeitsvariablen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit sehr stabile Merkmale sind, was sie auf den Einfluss genetischer Faktoren zurückführen. Stärker formbare Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Selbstwert und Einsamkeit, sind dagegen eher durch kulturelle Einflüsse veränderbar. Für diese beiden Gruppen prägten McCrae und Costa (1996/1999) die Begriffe „basic tendencies“ zur Beschreibung eher unveränderbare Persönlichkeitsmerkmale und „charakteristic adaptions“ zur Definition plastischer Merkmale der Persönlichkeit. Asendorpf (2003) konnte in seiner Studie beweisen, dass die „basic tendencies“, er nennt sie „core traits“, über eine Zeitspanne von fünf Jahren stabiler blieben als „charakteristic adaptions“, die bei Asendorpf mit dem Begriff „surface traits“ umschrieben werden. Mit der Frage, inwieweit Charaktereigenschaften genetisch bedingt oder von Umwelteinflüssen formbar seien, beschäftigten sich auch McGue und seine Mitarbeiter (1993) in ihrer Langzeitstudie von Zwillingen. Sie konnten aufzeigen, dass etwa 80 Prozent der Varianz von stabilen Persönlichkeitsmerkmalen durch
40 Persönlichkeit und Partnerschaft
genetische Faktoren erklärt werden können. 50 Prozent der Varianz von veränderbaren Persönlichkeitsstrukturen können durch Umwelteinflüsse erklärt werden, zu denen unter anderem auch Paarbeziehungen gehören (McGue, 2003). Mit jenem Einfluss von Liebesbeziehungen auf Persönlichkeitsstrukturen beschäftigt sich das folgende Kapitel.
3.2 Einfluss von Paarbeziehung auf Persönlichkeit
Erste Erfahrungen in der Kindheit mit den Eltern ebnen den Weg zu einer gesunden und zufriedenen Persönlichkeit. Sind diese Erfahrungen jedoch von Zurückweisung oder Vernachlässigung geprägt, erhöht sich das Risiko eine angeschlagene Persönlichkeit zu entwickeln, welche verletzbar ist und zu psychischen Störungen wie zum Beispiel depressiven Verstimmungen neigt (Bowlby, 1988a). So zeigt sich, dass die ersten Bindungserfahrungen mit den Eltern einen starken Einfluss auf die Entwicklung eines Selbstwertgefühls ausüben. Das Gefühl eigener Kompetenz wird durch eine sichere Bindung zu den Eltern gefördert (Bowlby, 1969). Können Liebesbeziehungen einen ähnlich starken Einfluss auf Persönlichkeitsstrukturen ausüben? Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass der Einfluss von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsmerkmale sehr gering ist (z.B. Asendorpf, 1998). Die Ursache liegt wohl darin, dass die Persönlichkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits so stark kristallisiert ist, dass sie nahezu unempfindlich gegenüber Einflüssen emotionaler Beziehungen ist (Neyer & Asendorpf, 2001).
Überraschende und innovative Befunde konnten Neyer und Asendorpf (2001) vorlegen. An ihrer Langzeitstudie nahmen 489 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren teil. Die Stichprobe stammte aus einer Untersuchung des deutschen Jugendinstitutes. Dort hatten die Probanden an einer Familienuntersuchung teilgenommen. In Neyer und Asendorpfs (2001) Untersuchung wurden die Probanden zu den jeweiligen Messzeitpunkten gebeten zwei kurze Fragebögen auszufüllen. Einer der beiden beinhaltete Fragen zu Persönlichkeitsmerkmalen, der andere Fragen zu ihren Beziehungen mit Liebespartnern oder anderen wichtigen Personen. Die beiden Forscher stellten fest, dass sich die Veränderungen der Persönlichkeit, die sie anhand der Ergebnisse nachweisen konnten, innerhalb eines Reifungsprozesses vollziehen. Mit Ausnahme von Verträglichkeit und Geselligkeit, weisen alle Probanden, welche eine romantische Beziehung begonnen hatten, ein Anwachsen der Konstrukte Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Selbstbewusstsein sowie sinkende Werte für Schüchternheit und Neurotizismus auf (Neyer, 2003; Neyer & Asendorpf, 2001).
„The beginners became more integrated, adjusted, and healthy in this transition, whereas the single continuers did not change“ (Neyer & Asendorpf, 2001, S.1200).
Dieser Effekt kann durch den sozialisierenden Einfluss des Partners erklärt werden, welcher zu stärkerer positiver Emotionalität sowie Optimismus und Zukunftsdenken führt. Diese Ent-
41 Persönlichkeit und Partnerschaft
wicklung könnte ebenfalls eine wachsende Verantwortung dem Partner gegenüber mit sich bringen.
The constitution of this new relationship may therefore be interpreted as a turning point in individual development, one that directs personality toward the accomodation to new social task and obligations“ (Neyer & Asendorpf, 2001, S. 1200).
Worin genau Ursache und Wirkung bestehen, also ob die Reifung der Persönlichkeit dazu führt einen Partner zu finden oder das Finden des Partners die Reifung der Persönlichkeit veranlasst, kann nicht genau beantwortet werden, da es sich bei der Studie von Neyer und Asen-dorpf (2001) nicht um ein experimentelles sondern ein quasi-experimentelles Design der Untersuchung handelte. Keiner der Probanden wurde also gezwungen oder davon abgehalten eine romantische Beziehung einzugehen. Die Entscheidung Single zu bleiben oder nicht, wird wohl von anderen Umwelteinflüssen oder Einstellungen beziehungsweise Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst, nehmen die Autoren an (Neyer & Asendorpf, 2001).
Auch das Konstrukt Selbstwert konnte in empirischen Untersuchungen Bedeutung erlangen, wenn es um Einflüsse einer Paarbeziehung auf Persönlichkeitsmerkmale geht. So können zufriedene und wertvolle Beziehungen zum Aufrechterhalten eines positiven Selbstwertes beitragen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei das Feedback des Partners, so sind Brennan und Bosson (1998) der Ansicht. Sie widmeten sich der Frage inwiefern sichere Bindungen zum Partner einen Einfluss auf das Selbstbewusstsein haben und untersuchten dies im Kontext der Feedbackgabe. An ihrer Studie nahmen 159 Männer und 212 Frauen teil, die zwischen 17 und 29 Jahren alt waren. Um die Bindungsstile der Probanden zu messen, nutzten die Autoren Bartholomew und Horowitzs (1991) Fragebogen zur Erhebung der Bindung im Erwachsenenalter (siehe Kapitel 2.2.3). Des Weiteren wurden Fragebögen zur Messung des Selbstwertes und des Feedbackverhaltens ausgefüllt. Die Befunde deuten an, dass sowohl vermeidend als auch sicher gebundene Personen einen hohen Selbstwert haben. Die Quellen zur Aufrechterhaltung ihres Selbstwertes unterscheiden sich jedoch bei diesen beiden Gruppen. Vermeidend gebundene Personen scheinen ihren Selbstwert vorrangig auf der Annahme ihrer eigenen Kompetenz aufrecht zu erhalten. Im Gegensatz dazu erlangen sicher gebundene Partner hohe Werte im Selbstvertrauen vor allem durch soziale Beziehungen. So geben vermeidend gebundene Personen an, unabhängig vom Feedback ihres Partners zu sein und diesem gleichgültig gegenüberzustehen. Sicher gebundene Personen aber berichten, dass ihnen das Feedback des Partners sehr wichtig ist. Sie bestehen allerdings nicht auf ein positives Feedback auf Kosten der Wahrheit. Das ehrliche Feedback des Partners führt bei ihnen zu einem gestärkten Selbstvertrauen und damit zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstwertes (Brennan & Bosson, 1998). Ähnliche Befunde zeigten sich auch in einer methodisch gleichen Untersuchung von Brennan und Morris (1997). Beide Studien konnten deutlich machen, dass die Partnerschaft und darin vor allem das Feedback der Partner eine große Rolle spielen in der Beibehaltung eines positiven Selbstwertes (Brennan & Morris, 1997).
42 Persönlichkeit und Partnerschaft
Trotz der raren Befundlage weisen Neyer und Asendorpf (2001) darauf hin, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass es weitere Einflüsse von Paarbeziehungen auf Persönlichkeit gibt. Die Autoren vermuten, dass Veränderungen der Persönlichkeit in der späten Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter teilweise bereits zu wenig nachhaltig sein könnten, als dass sie empirisch überprüfbar wären. Persönlichkeitsmerkmale zeigen sich, verglichen mit Beziehungen, ab einem gewissen Alter als sehr stabil (Asendorpf & Neyer, 2001).
3.3 Einfluss von Persönlichkeit auf Paarbeziehung
3.3.1 Big Five
Eine Vielzahl von Studien hat sich mit dem Einfluss der Big Five auf beziehungsrelevante Konstrukte beschäftigt. So konnten Eysenck (1980) sowie Newcomb und Bentler (1981) schon früh herausfinden, dass Neurotizismus mit negativen Aspekten von Beziehung verknüpft ist. Es wird über sinkende Beziehungszufriedenheit (Karney & Bradbury, 1995; Kelly & Conley, 1987), eheliche Instabilität (Cate et al., 2002; Karney & Bradbury, 1995; Kelly und Conley, 1987), und kürzere Beziehungen (Shaver & Brennan, 1992) berichtet, die ein neurotischer Partner in einer Liebesbeziehung verursachen kann. Von einem Zusammenhang mit den von Lee (1973) begründeten Liebesstielen schreiben Lester und Philbrick (1988) sowie Middleton (1993) und auch Woll (1989). Sie berichten von einem verstärkten Auftreten des Liebesstils „Mania“, der besitzergreifenden manischen Liebe verknüpft mit Neurotizismus. Umso höher die Erregbarkeit der Person, eine Facette von Neurotizismus, desto eher zeigt sich die besitzergreifende Liebe und desto seltener ist „Storge“, die freundschaftliche Liebe, zu finden (Woll, 1989). Auch die Neigung zu „Ludus“, der spielerischen Liebe, wächst mit steigenden Werten für Neurotizismus (Middleton, 1993).
Extraversion wird positiv mit Beziehungszufriedenheit in Verbindung gebracht (Bentler & Newcomb, 1978; Karney & Bradbury, 1995; Kelly & Conley, 1978). Von einer erfolgreichen Ehe (Barry, 1970) und hoher Verbundenheit (Shadish, 1986) wird bei hoher Extraversion berichtet. Aber auch mit negativen Beziehungsvariablen wird Extraversion in Verbindung gebracht wie zum Beispiel geringerer Beziehungszufriedenheit bei Männern (Bentler & Newcomb, 1978; Sabatelli et al., 1983), und ehelicher Instabilität (Karney & Bradbury, 1995). Lester und Philbrick (1988) sowie Woll (1989) fanden negative Korrelationen zwischen Extraversion und den Liebesstilen „Pragma“ und „Storge“. Fehr und Broughton (2001) verzeichneten einen positiven Zusammenhang zwischen Extraversion und „Storge“. So zeigt sich, dass das untersuchte Konstrukt bislang keine einheitlichen Ergebnisse im Zusammenhang mit Paarbeziehungen hervorgebracht hat.
43 Persönlichkeit und Partnerschaft
Ähnliches gilt für das Konstrukt Offenheit. Karney und Bradbury (1995) ermittelten negative Zusammenhänge zu Ehestabilität und Beziehungszufriedenheit. Dennoch scheint Offenheit mit einem Anwachsen der Beziehungsdauer verknüpft zu sein (Shaver & Brennan, 1992). Und von einem positiven Zusammenhang zu den Liebesstilen „Eros“ und „Mania“ bei Männern und einer negativen Korrelation für „Pragma“ bei Frauen berichtet Middleton (1993).
Verträglichkeit steht mit den meisten Beziehungsvariablen in positivem Zusammenhang. So fanden Karney und Bradbury (1995) sowie Kelly und Conley (1987) stärkere Zufriedenheit bei großer Verträglichkeit sowie eine größere Ehestabilität (Karney & Bradbury, 1995). Fehr und Broughton berichten über eine Verbindung von Verträglichkeit und „Storge“ bei Frauen, Middleton (1993) über einen positiven Zusammenhang mit „Eros“ und „Agape“ bei Frauen und „Storge“ bei Männern. Für beide Geschlechter konnte Middleton (1993) eine negative Korrelation mit „Ludus“ und „Pragma“ finden.
Geteilte Ergebnisse liegen für Gewissenhaftigkeit vor. So steht dieses Konstrukt in Verbindung zu positiven Beziehungsvariablen wie Beziehungszufriedenheit oder Beziehungsstabilität (Karney & Bradbury, 1995) und ebenso Beziehungsdauer (Shaver & Brennan, 1992). In der Untersuchung von Middleton (1993) zeigen sich positive Zusammenhänge zwischen Gewissenhaftigkeit mit „Eros“ und „Agape“ bei Frauen und eine negative Korrelation zu „Mania“ bei Männern. Aber auch von einem Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Scheidung bei Männern wird berichtet (Newcomb & Bentler, 2001).
Brennan und Shaver beschäftigten sich 1992 in einer Studie mit dem Zusammenhang zwischen den Big Five und den Bindungsstilen im Erwachsenenalter insbesondere den Bindungen in einer Paarbeziehung. Ihre Befunde sollen in dieser Arbeit ausführlichere Erwähnung finden. So wird eine sichere Bindung durch mutilple Regressionen am Besten durch niedrigen Neurotizismus und hohe Extraversion, im Konkreten durch wenig Angst und viel Wärme vorhergesagt. Ein vermeidender Bindungsstil wird durch niedrige Verträglichkeit, hohen Neurotizismus, in diesem Bereich vor allem depressive Verstimmungen und niedrige Offenheit für Gefühle, vorhergesagt. Eine ängstliche ambivalente Bindung kann durch hohen Neurotizismus, insbesondere Depressionen und niedrige Offenheit gegenüber Werten prognostiziert werden. Diese Ergebnisse sind insofern für die Thematik dieser Arbeit von Bedeutung als dass davon ausgegangen werden kann, dass sicher gebundene Personen eine Beziehung mit viel Nähe und Zufriedenheit führen, dass ängstlich-ambivalente Partner von starker Angst vor dem Verlust des Partners geprägt sind, was Auswirkung auf die Beziehungsqualität hat und dass vermeidend gebunden Personen romantische Beziehungen nur schwer aufrecht erhalten können und wollen, worunter ebenfalls die Beziehungsqualität leidet (Shaver & Brennan, 1992).
White et al. (2004) versuchten mit ihrer Studie das Verständnis über die Verbindung zwischen Persönlichkeit und romantischen Beziehungen zu untermauern beziehungsweise zu erweitern. Die Autoren vermuteten signifikante Effekte von Persönlichkeitsvariablen auf Beziehungszu-
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friedenheit, Intimität und Liebesstil zu finden. Aufgrund der Unklarheit in den Ergebnissen vorangegangener Studien machten sie keine speziellen Vorannahmen. Teilnehmer der Studie waren 169 Psychologiestudenten einer großen Universität in den USA. Die Bedingung zur Teilnahme an der Studie war, dass die Probanden für mindestens sechs Monate in eine romantische Beziehung involviert waren. Die Probanden waren zwischen 18 und 30 Jahren alt. Persönlichkeitsmerkmale wurden durch das NEO PI-R (NEO Personality Inventory-Revised, Costa, McCrae & Dye, 1991) gemessen. Liebestile wurden durch die LAS (Love Attitudes Scale-Short Form, Hendrick, Hendrick & Dicke, 1998) erhoben. Mittels der RAS (Relationship Assessment Scale, Hendrick, 1988) konnte die Beziehungszufriedenheit und durch das PAIR (Personal Assessment of Intimacy in Relationships, Schaefer & Olson, 1981) die Intimität in der Beziehung erfasst werden. Multiple Regressionen machen Neurotizismus als einzig signifikanten Prädiktor der Beziehungszufriedenheit ausfindig. Bei Frauen zeigt sich dieser Befund allerdings nicht signifikant. Auch für Intimität ist Neurotizismus der alleinige signifikante Prädiktor und auch hier zeigt sich der Effekt nur bei den männlichen Probanden. Neurotizismus korreliert negativ mit Beziehungszufriedenheit sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Des Weiteren finden White et al. (2004) positive Korrelationen für Neurotizismus und „Mania“ sowie „Agape“ bei Frauen und „Ludus“ bei Männern und negative Korrelationen für „Storge“, „Eros“ und „Agape“ bei den männlichen Probanden. Hohe Extraversion hat positive Effekte auf Beziehungszufriedenheit und Intimität sowie den Liebesstil „Eros“. Hohe Offenheit geht bei den männlichen Probanden mit niedriger Neigung für die Liebesstile „Ludus“ sowie „Pragma“ einher. Positive Zusammenhänge finden die Autoren zwischen Verträglichkeit und Beziehungszufriedenheit sowie Intimität. Mit „Ludus“ korreliert Verträglichkeit negativ, mit „Eros“ positiv. Signifikante Zusammenhänge zwischen Gewissenhaftigkeit und Beziehungsvariablen zeigen sich nur bei männlichen Probanden. Große Gewissenhaftigkeit geht bei den Männern mit stärkerer Intimität einher und steht bei ihnen in positiven Zusammenhang mit „Storge“ und „Agape“. So zeigen sich die Befunde für den Einfluss von Neurotizismus auf Paarbeziehungen teilweise konsistent mit den Befunden früherer Studien, da entsprechende negative Zusammenhänge mit Beziehungszufriedenheit und Intimität aufgezeigt werden konnten und überdies ein unerwarteter positiver Zusammenhang mit dem altruistischen Liebesstil bei Frauen (White et al., 2004).
Neurotizismus
Da Neurotizismus offensichtlich einer der stärksten Prädiktoren für die Qualität von Paarbeziehungen ist, soll dieses Konstrukt durch die Darstellung von drei wichtigen Studien in diesem Bereich eingehender betrachtet werden.
Zaleski und Galkowska (1987) zogen 30 glücklich und 30 unglücklich verheiratete Paare für ihre Untersuchung heran. Zum ersten Messzeitpunkt beantworteten die Paare einen Fragebogen zur Erhebung einiger Persönlichkeitsmerkmale. Nach einem Monat etwa wurde ihnen genau derselbe Fragebogen wieder vorgelegt und sie wurden gebeten diesen nochmals auszu-
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füllen, um sich selbst einzuschätzen hinsichtlich der Zeit bevor sie verheiratet waren. Ein drittes Mal füllten sie diesen Fragebogen aus, um Persönlichkeitsmerkmale ihrer Kindheit zu benennen. Unglücklich verheirateten Paare zeigen signifikant höhere Neurotizismus-Werte als glücklich verheiratete Paare. Die Befunde zeigen, dass diese erhöhten Werte auch vor der Ehe und in der Kindheit bereits vorhanden waren. Natürlich besteht die Gefahr, darauf weisen die Autoren hin, dass die Bewertungen der Kindheit und der Zeit vor der Ehe durch gegenwärtige Neurosen beeinflusst sind, aber es gibt bereits überzeugende Beweise, dass Neurotizismus stark durch genetische Einflüsse determiniert ist und dass dieses Konstrukt über die Lebensspanne hinweg als recht stabil betrachtet werden kann (Eysenck, 1980). Die Befunde der Untersuchung deuten darauf hin, dass Neurotizismus eine potentiell glückliche Ehe zerstören könnte und dass neurotische Ehemänner und Ehefrauen Probleme haben den alltäglichen An-forderungen ihres Lebens gerecht zu werden (Zaleski & Galkowska, 1987).
Their over-sensitivity, changes of mood, impatience and worries are sources of difficulties that make it impossible for them to cope with other problems, and which have reciprocal effect on spouses“ (Zaleski & Galkowska, 1987, S. 286).
Auch Kelly und Conley (1987) widmeten sich der Frage was Ehen zusammenhält. 300 verheiratete Paare nahmen an ihrer Langzeitstudie zwischen 1935 und 1983 teil. Der Einfluss von verschieden Prädiktorvariablen auf die zwei Kriteriumsvariablen Ehestabilität und Ehezufriedenheit wurde erhoben. Persönlichkeitseigenschaften erweisen sich als die stärksten Voraussager für Ehekompatibilität. Die Erregbarkeit des Ehemannes sowie der Neurotizismus von beiden Ehepartnern sind die mächtigsten Prädiktoren negativer Eheverläufe. Hohe Werte für Neurotizismus finden sind sowohl in den geschiedenen Ehen als auch in den stabilen aber unglücklichen Ehen. Die stabilen aber unzufriedenen Ehen unterscheiden sich zu den geschiedenen Ehen in der niedrigen sozialen Extraversion und Verträglichkeit des Ehemannes (Kelly & Conley, 1987).
In marital relationships, neuroticism acts to bring about distress, and the other traits of the husband help to determine whether the distress is brought to ahead (in divorce) or suffered passivily (in a stable but unsatisfactory marriage)“ (Kelly & Conley, 1987, S. 34).
Mit der Veränderung von Beziehungen und Neurotizismus sowie ehelicher Interaktion beschäftigten sich Karney und Bradbury (1997). Die Untersuchung erhob die Beziehungszufriedenheit von frisch verheirateten Paaren. Anschließend untersuchten die Autoren die Verbindung ehelicher Zufriedenheit und dem Auflösen der Ehe innerhalb der ersten vier Ehejahre. Die Befunde zeigen auf, dass alle Ehepartner zu Beginn ihrer Ehe und damit auch zu Beginn der Studie von relativ hoher Beziehungszufriedenheit berichteten, welche innerhalb der kommenden vier Jahre stetig sank. Karney und Bradbury (1997) konnten herausfinden, dass Part- ner, die ihre Ehe mit geringerer Zufriedenheit begannen ein leicht erhöhtes Risiko zur Tren-
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nung oder Scheidung hatten. Die Befunde zeigen keinen Interaktionseffekt für den Einfluss von Neurotizismus und ehelicher Interaktion auf die Beziehungszufriedenheit. So wird angenommen, dass beide Variablen unabhängig Effekte auf die eheliche Zufriedenheit haben. Neurotizismus ist vor allem mit der Zufriedenheit der Ehepartner zu Beginn der Ehe verknüpft, so dass Partner, welche hohe Neurotizismus-Werte aufwiesen niedrigere Zufriedenheit in ihren Ehen berichteten. Werden diese Effekte kontrolliert, hat Neurotizismus keine signifikanten Effekte auf die Veränderung der Beziehungszufriedenheit. Das Interaktionsverhalten der Ehepartner im Gegensatz dazu steht nur in einem schwachen Zusammenhang mit der anfänglichen Ehezufriedenheit. Kontrolliert man diese Effekte jedoch, zeigt sich, dass das Interaktionsverhalten, wenn es um die Lösung von Problemen zwischen den Partnern geht, signifikant mit den Veränderungen in der Beziehungszufriedenheit zusammenhängen (Karney & Bradbury, 1997).
3.3.2 Depressivität
Depression wird als Facette von Neurotizismus beschrieben. Da sich die vorliegende Arbeit im empirischen Teil mit dem Zusammenhang zwischen Depression und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Paarbeziehung beschäftigt, soll diesem Konstrukt gesonderte Aufmerksamkeit zuteil werden.
„Solange ein aktiver Austausch zwischen uns selbst und der Außenwelt stattfindet, sei es im Denken oder im Handeln, ist unsere subjektive Erfahrung nicht die einer Depression: Hoffnung, Furcht, Wut, Befriedigung, Frustration oder irgendeine Kombination daraus können empfunden werden. Wenn der Austausch aufgehört hat, tritt die Depression auf [und das dauert an], bis neue Muster des Austausches in Richtung auf ein neues Objekt oder Ziel organisiert worden sind […]“ (Bowlby, 2006, S. 235).
Wissenschaftlich werden drei Schweregrade von Depression unterschieden. Von depressiven Verstimmungen berichten etwa 30 Prozent der Jugendlichen. Kennzeichen einer solchen Verstimmung sind das schlechte Denken über sich und andere sowie über die Zukunft. Die Betroffenen haben hoffnungslose Gedanken und fühlen sich hilflos. Als dramatischer wird das depressive Syndrom erachtet, da dieses zudem von Angstsymptomen, starker Einsamkeit, Suizidgedanken und Schuldgefühlen geprägt ist. Von einer Major Depression (MDD) spricht man, wenn das Desinteresse an Aktivitäten und Menschen einsetzt. Hinzu kommen somatische Beschwerden wie extremer Gewichtsverlust und starke Schlafprobleme sowie agiertes und verlangsamtes Verhalten, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Oftmals sind die Patienten nicht mehr fähig simpelste Entscheidungen zu treffen. Immense Gefühle der Wertlosigkeit und extreme Schuldgefühle plagen die Depressiven. Suizidversuche sind bei einer MDD nicht selten (Fend, 2003).
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Sind depressive Symptome in der Kindheit noch relativ versteckt, äußern sie sich im Jugendalter bereits deutlicher und zeigen sich durch spezielle affektive Störungen. Eine Studie in Neuseeland untersuchte 1037 Kinder ab dem Alter von drei Jahren über viele Jahre hinweg bis ins Erwachsenenalter hinein. Das stärkste Risiko einer depressiven Verstimmung zeigte sich zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr. Zwischen elf und 13 Jahren schienen Mädchen die stärker Belasteten zu sein. Ab einem Alter von 15 Jahren zeigten sich Jungen als die stärker Gefährdeten. Im jungen Erwachsenenalter zeigen sich dann keine Geschlechtsunterschiede mehr (Newman, Moffit & Silva, 1996). Was führt zu diesem verstärkten Auftreten depressiver Symptome während der Adoleszenz? Die Konstanzer Längsschnittstudie konnte kritische Lebensereignisse ausmachen, welche auf die Jugendlichen besonders in dieser Zeit negativ einwirkten. Dazu gehörten Schulereignisse, Todesfälle in der Familie, Trennung der Eltern, Wechseln des Wohnortes oder auch Außenseiterrollen unter den Peers, die die Jugendlichen belasteten (Fend & Schröer, 1989).
Partnerschaften und Depressionen stehen in einem bedeutenden Zusammenhang. So finden sich in der Wissenschaft Indizien darauf, dass psychische und psychosomatische Probleme nicht selten ursächlich für unglückliche und konfliktbehaftete Paarbeziehungen sind und vice versa (Kiecolt-Glaser et al., 1993). Auch können als Ursache von Depressionen häufig Partnerverluste oder das Beenden von engen Beziehungen ausfindig gemacht werden (vgl. z.B. Birtchnell & Kennard, 1983). Empirische Studien zeigen ebenso dyadische Korrelationen zwischen Depressionen und unglücklichen Liebesbeziehungen (Beach et al., 1998; Beach et al., 1990; Bierhoff, 1995), denn das Zusammensein mit einer depressiven Person kann für den Partner eine sehr deprimierende Erfahrung sein. Vor allem in den akuten Phasen der Erkrankung sind die Patienten nicht selten sehr angespannt und feindselig (Spangenberg & Theron, 1999; Weissman & Paykal, 1974). Oftmals besteht eine starke Abhängigkeit des Depressiven vom Partner, welches zu einem starren Muster von „Starker“ und „Schwacher“ führt (Stierlin, 1996). Die Kommunikation der beiden Partner wird teilweise erheblich in Mitleidenschaft gezogen, so dass der Gesunde dem Partner seine Sorgen und Nöte nicht mehr anvertrauen kann, was negative Einflüsse auf die Verbundenheit in der Beziehung hat (Reich, 2003). Be-funde von Coyne et al. (1987) belegen, dass 40 Prozent der Erwachsenen, die mit Patienten in einer depressiven Phase zusammenleben, psychisch so mitgenommen sind, dass bei Ihnen selbst psychotherapeutische Maßnahmen von Nöten wären.
Schwennen und Bierhoff (2002) untersuchten Unterschiede in der Einstellung zur Partnerschaft bei Personen mit und ohne depressive Verstimmungen. Die Einstellungen zur Partnerschaft konzeptualisierten die Autoren durch die von Lee (1973) begründeten sechs Liebesstile. Neben den Liebesstilen wurden Dauer der Beziehung, Beziehungszufriedenheit, die Anzahl der Liebespartner im bisherigen Leben und die Anzahl von One-Night-Stands erhoben. Depressive Verstimmtheit wurde durch die ADS (Allgemeine Depressionsskala), eine deutschsprachige Form der Center für Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D,
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Radloff, 1997), die depressive Symptome in verschiedenen Bereichen identifiziert, gemessen. Schwennen und Bierhoff (2002) konzentrierten sich vor allem auf die Liebesstile „Eros“ und „Mania“. Sie machten die Vorannahme, dass Personen mit depressiver Verstimmtheit niedrigere Ausprägungen an romantischer Liebe zeigen würden. Dies begründeten sie damit, dass Depressive die freudige Erregung und Leidenschaft, die durch den Partner entfacht wird, auf-grund der Gefühlsleere und Traurigkeit in ihnen nur erschwert oder gar nicht spüren würden. Die Autoren gingen weiterhin davon aus, dass ein besitzergreifender Liebesstil bei Depressiven stärker ausgeprägt ist als bei Nicht-Depressiven, da depressiv Verstimmte in hohem Maße von ihrem Partner abhängig sind und seine ununterbrochene Aufmerksam fordern. Insgesamt wurden 183 Frauen und 119 Männer im Altern zwischen 19 und 80 Jahren untersucht. Die Befunde entsprechen den Erwartungen der Autoren und es zeigt sich, dass Menschen, die durch depressive Symptome wie sozialen Rückzug, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet sind nur niedrige Ausprägungen der romantischen Liebe aufweisen. Eine negative Korrelation zwischen Depression und Beziehungszufriedenheit ist beobachtbar. Dass depressive Verstimmtheit mit dem Liebesstil „Mania“ einhergeht, kann ebenfalls durch die Befunde aufgezeigt werden. Des Weiteren konnten Schwennen und Bierhoff (2002) einen Zusammenhang zwischen Depression und spielerischer Liebe feststellen. Sie erklären diesen damit, dass depressiv Verstimmte beständig auf ein positives Feedback von anderen angewiesen sind, um die Selbstzweifel an der eigenen Person zu lindern, und durch den Liebesstil „Ludus“ eine stete Zuwendung und Anerkennung zu bekommen. Im Einklang mit dieser Vermutung steht auch die erhöhte Neigung zu One-Night-Stands vor allem bei depressiven Männern (Schwennen & Bierhoff, 2002).
Angst
Dem Konstrukt Depression sehr ähnlich und ebenso eine Facette von Neurotizismus ist Angst. Mit den Auswirkungen von Ängstlichkeit auf eheliche Zufriedenheit beschäftigten sich Caughlin et al. (2000). Die Autoren prägen durch ihre Untersuchung den Begriff der „emotional contagion“, was mit emotionaler Ansteckung übersetzt werden kann.
„Perhaps people married to highly anxious individuals possess their partner’s generally negative mood state and come to feel the same state“ (Caughlin et al., 2000, S. 328).
So kann auch die Unfähigkeit einem ängstlichen Partner zu helfen zur Unzufriedenheit in der Beziehung führen. Caughlin et al. (2000) weisen darauf hin, dass angenommen werden kann, dass es eine direkte negative Verbindung zwischen der Angst einer Person und der Unzufriedenheit des Partners in der Beziehung gibt. Um diese Hypothese zu testen, untersuchten die Autoren 168 frische verheiratete Paare in einer Langzeitstudie über 13 Jahre hinweg. Der erste Messzeitpunkt fand 1981 statt. In einem Abstand von 14 und 26 Monaten sowie nach 13 Jahren folgten weitere Messungen. Nach den ersten 14 Monaten waren elf der Paare geschie- den oder lebten getrennt. Auf 14 weitere Paare traf dies bei der zweiten Messung zu. Nach 13
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Ehejahren waren 56 weitere der anfänglichen 168 Paare getrennt lebend oder geschieden (Caughlin et al., 2000).
Das Konstrukt Angst wurde durch den Angstfragebogen von Catell et al. (1979) gemessen. Negative Emotionalität wurde nach der Hauptuntersuchung durch Telefonate erhoben. Durch regelmäßige Anrufe bei den Paaren, in denen die beiden Partner über gemeinsame Aktivitäten, Ereignisse und ihre Kommunikation miteinander berichteten, wurde eine Art Tagebuch erstellt, mittels dessen der eheliche Alltag festgehalten werden konnte. Beziehungszufriedenheit wurde durch den Fragebogen Marital Opinion Questionnaire von Huston und Vangelistis (1991) gemessen (Caughlin et al., 2000).
Die Ergebnisse der Studie zeigen auf, dass die Verbindung zwischen Angst und Beziehungszufriedenheit sehr komplex ist. Die Resultate der ersten beiden Erhebungsphasen deuten auf ein intrapersonelles Modell hin, durch das Angst die Beziehungszufriedenheit beeinflusst. Dennoch wird ein Großteil des Zusammenhangs zwischen Ängstlichkeit und ehelicher Zufriedenheit durch Kommunikationsprozesse erklärt, berichten die Autoren. So zeigen sich beständige positive Zusammenhänge zwischen der Angst der Probanden und deren eigener Negativität sowie zwischen der Angst der Probanden, vor allem die der Frauen, und der Negativität der Ehepartner, die diese Angst verursacht. Negativität im Gegensatz dazu korreliert negativ mit Beziehungszufriedenheit. Die Befunde zeigen an, dass die Zufriedenheit der Person von der Negativität des Partners beeinflusst ist. Wenige Beweise finden sich dafür, dass eigene Negativität die persönliche Zufriedenheit in der Ehe vorhersagt. Für die Annahme der Autoren, dass Emotionalitäten in Paarbeziehung „ansteckend“ sein können, finden sich durchaus Indizien. Zu zwei der ersten drei Erhebungszeitpunkte ist die Zufriedenheit der Frauen direkt verbunden mit der Angst der Männer, was die Autoren so interpretieren, dass die Ehefrauen die Angst der Männer sehr früh in der Ehe auch für sich übernehmen. Ebenso ist die frühe und spätere Beziehungszufriedenheit der Ehemänner mit der Angst der Frauen verbunden. Überdies sagt die Angst der Frauen den Rückgang der Beziehungszufriedenheit der Ehemänner nach den ersten 13 Ehejahren vorher, so dass angenommen werden kann, dass die Männer im Laufe der Zeit immer stärker die negativen Gefühle ihrer Frauen übernehmen, schließen die Autoren (Caughlin et al., 2000).
Positive und negative Emotionalität
Dem Einfluss von positiver und negativer Emotionalität auf Paarbeziehungen widmeten sich Berry und Willingham (1997). Sie erklären, dass sich Menschen mit positiver Emotionalität als zuversichtlich, hoffnungsfroh und energiegeladen beschreiben. Im Gegenzug dazu sind Menschen mit negativer Emotionalität geprägt von Nervosität, Bekümmertheit und Feindseligkeit. Menschen mit positiver Emotionalität berichten häufiger über soziale Aktivitäten als Personen mit negativer Emotionalität (Watson, 1980; Watson et al., 1992). Und obwohl die Umwelt und spezielle Ereignisse die Emotionalität der Menschen beeinflussen können, so
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zeigt sie sich doch auch relativ stabil über lange Zeit hinweg (Watson, 1988; Watson & Walker, 1996).
Die Studie von Berry und Willingham (1997) untersuchte die Verbindung zwischen Emotionalität und Beziehungsqualität. Als Mediator wurde der Umgang mit Konflikten in die Untersuchung mit einbezogen. Die Autoren schlugen hinsichtlich der Konfliktlösung vier Kategorien vor. „Exit“ beschreibt eine destruktive und zugleich aktive Konfliktlösung durch Schreien oder Schlagen. „Neglect“ ist ebenso destruktiv, aber im gleichen Maße von Passivität gekennzeichnet, indem mit dem Partner nicht mehr gesprochen sondern geschmollt wird. Eine konstruktive Richtung wird durch den Konfliktlösestil „Voice“ beschrieben, in dem die Person die Probleme aktiv betrachtet und durch Diskussion sowie dem Eingehen von Kompromissen oder auch dem Suchen nach Hilfe von Außen der Konflikt gelöst werden kann. Mit „Loyalty“ beschreiben die Autoren einen konstruktiven, aber passiven Weg Probleme zu lösen durch Geduld oder die Hoffnung auf Besserung. Die Wissenschaftler vermuteten, dass Emotionalität im Zusammenhang mit diesen Konfliktlösestilen einen Einfluss auf die Qualität von Paarbeziehungen hat (Berry & Willingham, 1997).
An der Untersuchung nahmen 303 Studenten teil, von denen 127 zum damaligen Zeitpunkt eine Paarbeziehung führten. Die Studenten wurden gebeten ihre Gefühle über die Beziehung und zu ihrem Partner innerhalb von elf Dimensionen, unter anderem Nähe, Zukunftsorientierung, Zufriedenheit oder Verbundenheit, zu beschreiben. Anschließend sollten die Probanden über eine vergangene Beziehung dieselben Dimensionen reflektieren. Des Weiteren berichteten die Probanden in einem Fragebogen (Accomodation Scale, Rusbult et al., 1986) wie sie typischerweise auf Konflikte reagieren. Auch positive und negative Emotionalität wurden erhoben (Positive and Negative Affect Schedule, PANAS, Watson et al., 1988).
Die Befunde deuten an, dass sich Probanden mit positiver Emotionalität wahrscheinlicher in einer Paarbeziehung befinden und sich zufriedener mit ihren Beziehungen zeigen als andere Teilnehmer der Studie. Kein Effekt zeigt sich von negativer Emotionalität auf Paarbeziehungen. Die Autoren deuten dieses Ergebnis dahingehend, dass negative Emotionen vor dem Partner oft versteckt werden. Im Gegensatz dazu werden positive Emotionen öfter und eher mit dem Partner geteilt (Berry & Willingham, 1997). Die Ergebnisse lassen erkennen, dass die Konfliktlösestile „Neglect“ und „Exit“ negativ mit Beziehungsqualität korrelieren. „Voice“ hingegen scheint damit in einem positiven Zusammenhang zu stehen. Wie in früheren Untersuchungen auch, zeigt sich „Loyalty“ als kein guter Prädiktor für das Funktionieren einer Beziehung. Weiterhin zeigen die Befunde Indizien darauf, dass negative und positive Emotionalität den typischen Umgang mit Konflikten voraussagen.
„In particular, high PA [positive affect] individuals described themselves as being especially willing to accomodate their partners during episodes of conflict. More specifically, PA was positively related to peoples’ willingness to engage in active, constructive res- ponses to conflict and negatively related to peoples' propensity to engage in destructive
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responses to dissatisfaction. A different pattern of relations emerged for negative affect. As compared to other respondents, high NA people reported being more likely to react to conflict with destructive behaviors and less inclined to accomodate their partner by responding with voice behavior“ (Berry & Willingham, 1997, S. 574).
Diese Befunde belegen eindrucksvoll, dass eine positive Emotionalität in Verbindung zu einem autonomen Konfliktlösestil steht, durch welchen Personen mit positiver Emotionalität in der Lage sind in einer Streitsituation mit dem Partner die Verbundenheit zu diesem aufrecht zu erhalten. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine Balance von Autonomie und Verbundenheit.
3.3.3 Selbstwert
Dem Konstrukt Selbstwert wird von Wissenschaftlern großer Einfluss auf Paarbeziehungen zugeschrieben, zumal es mit vielen anderen Persönlichkeitseigenschaften korrespondiert. So ist zum Beispiel davon auszugehen, dass depressiv verstimmte Personen oder Menschen mit negativer Emotionalität meist einen niedrigen Selbstwert aufweisen (Dion & Dion, 1975). Die Forschung geht davon aus, dass Menschen, die sich selbst mögen und akzeptieren, auch andere Menschen mögen und stärker in der Lage sind befriedigende und erfüllende Beziehungen zu anderen zu führen (Rogers, 1959). Im Zusammenhang von Selbstwert und Liebesstilen wird angenommen, dass Menschen mit hohem Selbstwert weniger besitzergreifende Liebe in ihrer Beziehung zeigen; „Mania“ scheint eher ein Symptom von Menschen mit niedrigem Selbstwert zu sein (Hendrick & Hendrick, 1986). Überdies wurde ein positiver Zusammenhang zwischen Selbstwert und dem Liebesstil „Eros“ gefunden (Hendrick & Hendrick, 1986). So erleben Menschen mit hohem Selbstwert die Liebe augenscheinlich leidenschaftlicher als Menschen mit niedrigem Selbstbewusstsein.
Die Studie von Dion und Dion (1975) untersuchte, ob Schwankungen im Selbstwert mit Fak-toren romantischer Anziehungskraft korrelieren. Die beiden Variablen wurden durch Fragebögen erhoben. An der Studie nahmen 97 Männer und 117 Frauen teil. Die Befunde belegen, dass hoher Selbstwert mit größerer Liebe, positiver Emotionalität und mehr Vertrauen in den Partner einhergeht. Probanden mit hohem Selbstwert mögen sich selbst und andere und berichten von größeren Erfahrungen mit Partnerschaften als Probanden mit niedrigem Selbstwert (Dion & Dion, 1975).
Die Verbindung von zwischenmenschlichen Problemlösestrategien und Selbstwert sowie Bindungsstilen in der Paarbeziehung untersuchte eine Studie von Davila et al. (1996). Die beiden Variablen Bindungsstil und Selbstwert wurden gewählt, da sie die Sicht auf das Individuum selbst und die Sicht auf andere repräsentieren. Dies scheint ausschlagend für das Funktionieren zwischenmenschlicher Beziehungen zu sein (Bartholomew & Horowitz, 1991). Die Autoren nehmen an, dass eine unsichere Bindung mit einem niedrigen Selbstwert ver-
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knüpft ist und dies wiederum zu einer weniger optimalen Problemlösung führt. 94 Mädchen und junge Frauen im Altern von 17 bis 19 Jahren nahmen an der Untersuchung teil. Sie waren bereits Probanden einer großen Längsschnittstudie zum Thema Übergang vom Jugendalter zum Erwachsenenalter. Zu Beginn der Untersuchung wurde mittels Fragebögen der Selbstwert der Teilnehmerinnen erhoben. Zwei bis sechs Monate darauf folgten Interviews und Fragebögen, die Bindungsstile und Problemlösestrategien maßen.
Wie erwartet zeigen die Befunde, dass ein unsicherer Bindungsstil mit niedrigem Selbstwert einhergeht. Ebenso wird deutlich, dass Bindungsrepräsentation und Selbstwert mit dem Konfliktlöseverhalten verknüpft sind. Die Selbstwertvorstellungen zeigen sich als Mediatoren im Zusammenhang zwischen Bindungsrepräsentation und Problemlöseverhalten. Die Autoren interpretieren, obwohl es sich bei ihrer Untersuchung um eine Querschnittstudie handelt, dass der Selbstwert ein Mechanismus sein könnte durch den Bindungsrepräsentationen ihren Effekt auf das Funktionieren von Beziehungen ausüben. Dieses könnte gestört sein, wenn das Selbstbild eines Menschen negativ ist.
„One possible interpretation of our findings ist that an insecure internal working model may function as a vulnerability factor for negative views of self. These negative views may lead to poor interpersonal funktioning, and, as others have shown, psychopathology“ (Davila et al., 1996, S. 477).
Die Autoren weisen auf den spekulativen Charakter dieser Annahmen hin und die Notwendigkeit diese Vermutungen durch Langzeitstudien zu belegen. Überdies warnen sie vor der Generalisierung der Ergebnisse. Die Stichprobe bestand lediglich aus Mädchen und jungen Frauen, so dass unklar geblieben ist, ob die Befunde auch auf männliche Probanden zutreffen (Davila et al., 1996).
Dennoch belegen die Befunde eindrucksvoll den positiven Einfluss von einem gesunden Selbstbewusstsein auf konstruktive Konfliktlösestrategien, welche ein deutliches Zeichen für ein Ausbalancieren von Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen sind.
Narzissmus
Wenn der Selbstwert überschätzt und nur noch eigene Interessen durchgesetzt werden wollen, kann ein gesundes Selbstbewusstsein eine Entwicklung hin zum Narzissmus nehmen. Campbell et al. (2002) stellten sich die Fragen, ob Selbstliebe eine Voraussetzung dafür ist andere zu lieben, oder ob es gar so ist, dass Selbstliebe daran hindert romantische Beziehungen einzugehen. Diese Fragen versuchten die Autoren zu beantworten, indem sie die Verbindung zwischen Selbstliebe und Liebe zum Partner empirisch untersuchten. Sie fokussierten sich dazu auf die Betrachtung der Unterschiede im Narzissmuss der Individuen. Als Grundlage ihrer Studie nehmen Campbell et al. (2002) an, dass hoch Narzisstische eine Liebesbeziehung mit bestimmten Absichten eingehen. Sie sehen sich selbst als intelligenter, attraktiver und
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sozial extrovertierter an als andere. Es ist unwahrscheinlich, dass sie fürsorgende und intime Beziehungen suchen. Narzissten zeigen starkes Selbstvertrauen, geben sich extrovertiert und charmant und zeigen nicht selten manipulierende Eigenschaften. In ihren Beziehungen sind sie beständig auf der Suche nach anderen potentiellen Partnern(Campbell et a., 2002).
Campbell et al. (2002) konnten belegen, dass Narzissmus positiv mit „Ludus“ korreliert. Dieser Effekt wird durch das Geschlecht nicht moderiert und bleibt auch signifikant, wenn der Selbstwert kontrolliert wird. Es finden sich beeindruckende Beweise für die Verbindung zwischen Narzissmus und dem spielerischen Umgang mit Liebe. Zudem wurde ein negativer Zusammenhang zwischen „Mania“ und Selbstwert festgestellt, was frühere Befunde bestätigen (Hendrick & Hendrick, 1986). Darauf basierend suchten die Autoren nach geeigneten Media-toren, die die Verbindung zwischen Narzissmus und „Ludus“ erklären. In Betracht kamen für die Wissenschaftler das Bedürfnis nach Macht und das Bedürfnis nach Autonomie in der Beziehung. Beide Mediatoren stellten sich als effektiv heraus. Die spielerische Art mit der Narzissten sich in ihren Beziehungen verhalten, zeigt sich durch ihr Streben nach Macht und in ihrem Verlangen nach Autonomie in der Beziehung. Weiterhin beschäftigten sich die Autoren mit der Frage, welche Auswirkungen dieser spielerische Liebesstil der Narzissten auf die gemeinsame Beziehung hat. Diesbezüglich wurden das Ausmaß an Commitment und die Möglichkeit von Alternativen in der Beziehung untersucht. Es zeigt sich, dass „Ludus“ einen Me-diator darstellt in der Verbindung zwischen Narzissmus und Commitment. Das hat die Folge, dass Narzissten mit einem hohen „Ludus“-Wert niedrige Werte im Bereich Commitment aufweisen. Im selben Ausmaß suchen Narzissten auch nach Alternativen zu ihrer jetzigen Beziehung, wenn sie hohe „Ludus“-Werte aufzeigen.
Die Autoren schlussfolgern aus ihren Befunden, dass eine übersteigerte Selbstliebe keinesfalls dienlich für die Qualität und Zufriedenheit in einer romantischen Beziehung ist.
„Game playing allows the narcisst to stay in a relationship with the concomitant benefits (e.g. sex, attention, status) but still have the freedom and power to initiate another relationship or garner attention from other potential partners“ (Campbell, 2002, S. 351).
Die Autoren weisen darauf hin, dass Selbstberichte nur eingeschränkt generalisiert werden können, so dass unklar ist, ob die berichteten Verhaltensweisen in der Tat so stattfinden. Unklar ist auch in welche Richtung die Ursache wirkt. Es ist ebenso möglich, dass ein spielerischer Umgang mit romantischen Beziehungen den Narzissmus noch verstärkt und einen narzisstischen Menschen noch narzisstischer macht (Campbell, 2002).
Neumann und Bierhoff (2004) untersuchten unlängst, inwieweit sich Narzissmus auf das Erleben einer romantischen Beziehung auswirkt. In einer ihrer vorherigen Studien konnten Bierhoff und Herner (2002) die Befunde von Campbell et al. (2002) bestätigen, dass Narzissmus mit „Ludus“ korrelierte. Überdies fanden die Autoren Korrelationen mit „Mania“ und „Pragma“.
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3.4 Zusammenfassung
Ausgehend von einer kurzen Darstellung zur Persönlichkeitsentwicklung befasst sich das dritte Kapitel mit dem Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Partnerschaften. Damit ist es stark angelehnt an das empirische Vorhaben der vorliegenden Arbeit und bildet die Grundlage der Hypothesenformulierung im methodischen Teil der Arbeit.
Waddington (1957) beschreibt die Persönlichkeitsentwicklung als Interaktion zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Zu Beginn dieser Entwicklung steht jedem Menschen eine Vielzahl an Wegen offen, für die er sich entscheiden kann. Die größte Bedeutung kommt der Sensitivität in der Kindheit und damit der frühsten Phase der Persönlichkeitsentwicklung zu. Das Kind entscheidet sich für die Entwicklungswege, die ihm aufgrund seiner Umgebung am passendsten erscheinen. Persönlichkeitsstörungen entstehen durch unangepasste Entwicklungsumgebungen in der Kindheit, die zur Wahl des fehlangepassten Weges führten.
Gemessen werden Persönlichkeitsmerkmale überwiegend durch das Fünf-Faktoren-Modell von McCrae und Costa (1996/1999). Die Big Five setzen sich aus Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zusammen. Größtenteils genetisch bedingt, sind diese fünf Faktoren relativ stabil über das Leben hinweg, so dass Persönlichkeitsunterschiede zwischen Individuen weitgehend auf eine Variation in diesen fünf grundlegenden Faktoren zurückzuführen sind.
Bei der Partnerschaftsforschung im Bereich von Zusammenhang mit Persönlichkeitsvariablen handelt es sich um eine sehr junge Forschung, vor allem deshalb, weil die Wissenschaft Paarbeziehungen erst als interaktives System begreifen lernen musste. Heute werden individuelle und dyadische Sichtweisen integriert. So kann die Wechselwirkung zwischen den Charaktereigenschaften beider Personen in einer Liebesbeziehung viel umfassender betrachtet werden. Die Forschung hat aufgezeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale einen stärkeren und nachhaltigeren Einfluss auf Liebessbeziehungen haben als es umgekehrt der Fall ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Ursache dafür in der bereits stark kristallinen Struktur von Persönlichkeit im Jugend- und jungen Erwachsenenalter liegt. Es wird angenommen, dass sich die Stabilität einer Beziehung mit wachsender Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen vergrößert.
Wenn es um den Einfluss von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsmerkmale geht, lassen sich zwar wenig empirische Befunde aufzeigen, aber gerade im Jugendalter sind die gemessenen Einflüsse sehr beeindruckend. So scheint das Eingehen einer Paarbeziehung im Jugendalter eine Vielzahl von positiven Auswirkungen auf verschiedenste Persönlichkeitsmerkmale mit sich zu bringen. Dieser Prozess geht wohl mit einer Reifung der Persönlichkeit vom Jugendzum Erwachsenenalter einher. Der sozialisierende Einfluss des Partners könnte eine Ursache dafür sein, aber auch umgekehrt ist es denkbar, dass der Reifeprozess dazu führt, dass Paarbeziehungen eingegangen werden. Die genaue Richtung von Ursache und Wirkung bleibt bis- lang unklar.
55 Persönlichkeit und Partnerschaft
Auch auf das Konstrukt Selbstwert zeigen Liebesbeziehungen einen bedeutenden Einfluss. So können vor allem sicher gebundene Personen durch das ehrliche Feedback ihres Partners längerfristig ihr Selbstbewusstsein stärken.
Trotz der raren Befundlage auf diesem Gebiet soll darauf hingewiesen werden, dass daraus keinesfalls geschlossen werden sollte, dass es keine weiteren Einflüsse von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsmerkmale gibt. Es wird vermutet, dass diese eventuell zu wenig nachhaltig sind, um sie empirisch nachzuweisen.
Betrachtet man den Einfluss von Persönlichkeit auf Paarbeziehungen lassen sich eine Vielzahl von empirischen Befunden anführen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Konstrukte Big Five, Depression, Angst, positive und negative Emotionalität, Selbstwert und Narzissmus.
Neurotizismus scheint der stärkste Prädiktor negativer Einflüsse auf Liebesbeziehungen zu sein. Er wird verknüpft mit niedriger Beziehungszufriedenheit, Beziehungsinstabilität, wenig Verbundenheit sowie besitzergreifender und spielerischer Liebe. Für Extraversion finden sich in der Forschung uneinheitliche Ergebnisse. So gibt es Studien die den positiven Zusammenhang von Extraversion und Beziehungszufriedenheit und Verbundenheit belegen können. Ebenso wird in Verbindung mit Extraversion allerdings auch von einer Instabilität der Paarbeziehung berichtet. Ebenso uneinig ist sich die Wissenschaft wenn es um das Konstrukt Offenheit geht. Es zeichnen sich negative Einflüsse auf Beziehungszufriedenheit und -stabilität ab sowie aber auch positive Einflüsse auf die Beziehungsdauer. Verträglichkeit hat zumeist positive Einflüsse auf Partnerschaften. Es wird von stärkerer Beziehungszufriedenheit undstabilität berichtet und Verträglichkeit steht im Zusammenhang mit dem romantischen Liebesstil „Eros“ und in negativer Korrelation mit „Ludus“. Geteilter Meinung sind sich die Forscher beim Konzept Gewissenhaftigkeit. Es scheint positive Effekte auf Beziehungszufriedenheit, -stabilität sowie -dauer zu haben und steht in positiven Zusammenhang mit „Eros“ und „Agape“. Aber auch von einer Verbindung mit erhöhten Scheidungsraten wird berichtet.
Depressionen können eine sehr starke Wirkung auf Paarbeziehungen haben, denn das Zusammenleben mit einer depressiven Person kann für den Partner ein ebenso deprimierendes Erlebnis sein. So belegen empirische Befunde einen negativen Zusammenhang zwischen Depression und romantischer Liebe, da depressive Menschen von Trauer und Gefühlskälte geplagt sind und das Empfinden leidenschaftlicher Liebe enorm erschwert ist. Ebenso geht Depression mit einem gehäuften Auftreten manischer Liebe einher, da die Depressiven in starker Abhängigkeit zu ihrem Partner leben und auf dessen Anerkennung angewiesen sind. Empirische Studien belegen, dass besonders bei depressiven Männern eine Neigung zu einem spielerischen Liebesstil zu finden ist, was mit einer Vorliebe für One-Night-Stands einhergeht. Im Allgemeinen kann davon ausgegangen werden, dass Depression negative Einflüsse auf die Zufriedenheit in einer Beziehung mit sich bringt. In einem engen Zusammenhang mit depres- siver Verstimmung steht das Konstrukt Angst. Die Unfähigkeit einem ängstlichen Partner zu
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helfen, kann zu Unzufriedenheit führen. Caughlin et al. (2000) prägten in diesem Zusammenhang den Begriff der emotionalen Ansteckung. Es kann davon ausgegangen werden, dass Angst oder negative Emotionen einer Person vom Partner übernommen werden könnten, was zu einer steten Abnahme der Beziehungszufriedenheit führen würde. Für positive Emotionalität lässt sich hingegen eine positive Wirkung auf Beziehungszufriedenheit ausmachen, vor allem wenn es um das Konfliktlöseverhalten geht. So zeigen Studien, dass Menschen mit positiver Emotionalität stärker in der Lage sind Konflikte konstruktiv und kompromissbereit sowie verständnisvoll anzugehen, was Grundlage der Balance von Autonomie und Verbundenheit in einer Paarbeziehung ist.
Ähnliches kann über das Konstrukt Selbstwert berichtet werden. Ein hohes Selbstbewusstsein befähigt zu einer konstruktiven Konfliktlösung, die sowohl von Autonomie als auch Verbundenheit zwischen den Partnern charakterisiert ist. Ein übersteigertes Selbstwertgefühl allerdings, das belegen empirische Studien, hat deutliche negative Auswirkungen auf eine Paarbeziehung. So korreliert Narzissmus positiv mit „Ludus“ und geht mit niedrigem Commitment in der Beziehung einher.
57 Empirischer Teil
II. Empirischer Teil
In den ersten beiden Kapiteln dieser Arbeit wurden die Konstrukte Autonomie und Verbundenheit sowohl durch entwicklungs- und individuations- als auch durch bindungstheoretische Sichtweisen charakterisiert. Die Darstellungen zur Individuation im Jugendalter und der Wichtigkeit dieses Ablösungsprozesses für die spätere Entwicklung stellen im Zusammenspiel mit dem Verständnis zur Entstehung von Bindungsmustern und
-repräsentationen die Grundlagen zur Beschreibung von Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen dar. Vor allem die Integration der beiden Konstrukte hat positiven Einfluss auf die Qualität einer Paarbeziehung (z. B. Taradash et al., 2001).
Der empirische Teil der Arbeit macht es sich zur Aufgabe Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsvariablen der Big Five sowie den Persönlichkeitskonstrukten Selbstwert und Depressivität und Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu untersuchen. Die Vielzahl an empirischen Befunden zum Einfluss von Persönlichkeit auf Liebesbeziehungen und umgekehrt, welche im dritten Kapitel der Arbeit dargestellt wurden, bildet die Grundlage für die Generierung der Fragestellungen und Hypothesen im empirischen Abschnitt. Weil sich jedoch mit den beiden Konstrukten Autonomie und Verbundenheit im Besonderen und ihrem Zusammenhang mit den genannten Persönlichkeitsvariablen bislang nur relativ wenige Studien beschäftigt haben, werden die im folgenden Abschnitt formulierten Hypothesen zum großen Teil explorativer Art sein.
Da auf dem Gebiet der Partnerschaftsforschung rege Uneinigkeit über das methodische Vorgehen bei der Erhebung von Paarbindungen herrscht (von Sydow, 2001), hat sich diese Arbeit das Ziel gesetzt Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsvariablen und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen, die zum einem auf der Basis von Fragebogendaten und zum anderen anhand von Interviewdaten (CPRI, Selman & Schultz, 1990) untersucht werden, zu vergleichen. Es wird sich erhofft dadurch einen Beitrag zur Lösung der konzeptuellen und methodischen Schwierigkeiten im Bereich der Paarforschung leisten zu können.
Obwohl für diese Arbeit eine rein korrelative Betrachtungsweise gewählt wurde, werden häufig die Begriffe Prädiktor und Kriterium zur Beschreibung der verwendeten Variablen verwendet. Es sei darauf hingewiesen, dass anhand von Korrelationen keine Ursachenzuschreibung möglich ist. Die Theorie zeigt jedoch, dass Einflüsse von Persönlichkeit auf Liebesbeziehungen als stärker und anhaltender angesehen werden als vice versa (z.B. Asendorpf, 1998). Basierend auf dieser theoretischen Vorbetrachtung werden durch die Verwendung der Bezeichnungen Prädiktor und Kriterium Vermutungen über die Wirkungsrichtung der Zusammenhänge angestellt. Die abschließende Diskussion der Ergebnisse widmet sich dieser Thematik ausführlicher und weißt detailliert auf die Begrenztheit dieser Vermutungen hin.
58 Methode
4 Methode
4.1 Fragestellungen und Hypothesen
(1) Geht hohe Verbundenheit in einer Person mit hoher Autonomie in derselben Person einher?
H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Verbundenheit und Autonomie in einer Person.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Ver-bundenheit und Autonomie in einer Person.
Die empirische Forschung auf dem Gebiet der Individuation im Jugendalter brachte überzeugende Befunde zutage, dass die Autonomieentwicklung in der Adoleszenz vor allem dann positiv verläuft, wenn die Verbundenheit zu den Eltern aufrecht erhalten werden kann (Ryan & Lynch, 1989). Verbundenheit trägt in diesem Sinne stark zur Entwicklung von Autonomie bei und bildet eine Art Kontext dafür, dass eine Ablösung erfolgreich vollzogen werden kann (Allen et al, 1994). So bildet der Einklang von Autonomie und Verbundenheit die Grundlage für intakte und befriedigende Beziehungen, vor allem auch auf dem Gebiet der Paarbeziehungen (Taradash et al, 2001). Deshalb ist davon auszugehen, dass hohe Werte von Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie in einem Individuum einhergehen (Taradash et al, 2001). Studien belegen, dass sicher gebundene Personen eher in der Lage sind Autonomie und Verbundenheit in Einklang zu bringen im Gegensatz zu unsicher oder ambivalent gebundenen Menschen (Creasy, 2002; Pistole, 1989). Auch in der hiesigen Arbeit wird theoriegeleitet erwartet, dass hohe Verbundenheit in einer Person in einem engen Zusammenhang mit dem autonomen Verhalten und Denken derselben Person steht. Denn es erscheint nur allzu logisch, dass hohe Öffnungsbereitschaft gegenüber dem Partner und ein starkes Vertrauen in die eigene Person nur in Verbindung mit einer autonomen Selbstsicht zu einem interdependenten Verhältnis mit dem Partner führt.
(2) Gehen hohe Verbundenheit sowie Autonomie in einer Person mit hoher Autonomie sowie Verbundenheit im Partner einher?
H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Verbundenheit und Autonomie zwischen den Partnern.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Ver- bundenheit und Autonomie zwischen den Partnern.
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Es wird erwartet, dass hohe Werte für Verbundenheit und Autonomie bei einer Person in einem positiven Zusammenhang mit der Autonomie und Verbundenheit des Partners stehen. Ein vertrauens- und verständnisvoller Umgang mit dem Gegenüber kann beim Partner das Bedürfnis nach Nähe wachsen lassen. Ebenso wie die Erfahrung, dass es auch in einer Paarbeziehung möglich ist sich individuell zu entwickeln, zu einem autonomeren Verhalten und Denken im Partner führen kann. Diese Thesen stützen sich auf eine dyadische Sichtweise von Paarbeziehungen, in denen Liebesbeziehungen als ein interaktives System begriffen und nicht lediglich als die Summe von Charaktereigenschaften zweier Personen verstanden werden. Paarbeziehungen übernehmen viele der Bindungsfunktionen der ehemaligen Eltern-Kind-Beziehung, indem sie Nähe und Vertrauen schenken (Brown, 1999, Seiffge-Krenke, 2001b). So bevorzugen sicher gebundene Jugendliche und junge Erwachsene aufgrund der beständig positiven Bindungserfahrungen im Kindesalter lang andauernde Beziehungen mit hohem Commitment und starker Verbundenheit (Feeney et al, 1993). Durch das Zusammensein mit einer solchen Person ergibt sich für einen Menschen, der mit negativen Bindungserfahrungen in der Kindheit konfrontiert war, die Chance seinen unsicheren Bindungsstil zu verändern und durch neue positive Erfahrungen mit dem vertrauten Partner zu einer sicheren Bindungsrepräsentation zu gelangen (Seiffge-Krenke, 2004). Durch diesen Aspekt finden wechselseitige Interaktionsprozesse in der Beziehung ihre Wirkung.
(3) Gibt es Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsvariablen der Big Five (Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus, Offenheit) in einer Person und Autonomie sowie Verbundenheit in der derselben Person?
a) H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Extraversion und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Extraversion und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
Obwohl die empirische Forschung nicht nur positive Zusammenhänge zwischen Extraversion und Liebesbeziehungen gefunden hat, wird in dieser Arbeit erwartet, dass hohe Werte im Bereich Extraversion mit hohen Werten für Autonomie und Verbundenheit einhergehen. Shadish (1986) konnte Belege für diese Zusammenhänge finden. Eine positive Korrelation zwischen Extraversion und dem Liebesstil „Storge“, der durch Nähe und Vertrauen unter den Partnern charakterisiert ist, fanden Fehr und Broughton (2001). Gerade im Jugendalter scheint ein Anwachsen an Extraversion von starker Bedeutung im Zusammenhang mit Paarbeziehungen zu sein, stellen Neyer und Asendorpf (2001) fest. Worin genau Ursache und Wirkung besteht, können die beiden Autoren durch ihre Studie nicht klären, aber das Anwachsen von Extraversion steht in einem augenscheinlichen Zusammenhang mit dem Eingehen einer Paarbeziehung und der Entwicklung zukunftsorientierter, verantwortungsbewusster und öffnungsbereiter Verhaltensweisen in der Beziehung (Neyer und Asendorpf, 2001). So erscheint es durchaus
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nachvollziehbar, dass ein offener und am Partner interessierter Charakter durchaus positive Auswirkungen auf das eigene Erleben von Verbundenheit und Autonomie hat. Deshalb ist gerade für die untersuchte Altersgruppe durchaus eine positive Korrelation zwischen den beschriebenen Konstrukten erwartbar.
b) H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Verträglichkeit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Verträglichkeit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
Das Konstrukt Verträglichkeit steht mit den meisten Beziehungsvariablen in einem positiven Zusammenhang. So wird von größerer Zufriedenheit und Stabilität der Beziehung berichtet (Karney & Bradbury, 1995) sowie von einem vertrauten und verbundenen Umgang zwischen den Partner in der Beziehung (White, Hendrick & Hendrick, 2004) und dem Ablehnen von spielerischen oder pragmatischen Liebesstilen (Middleton, 1993). Niedrige Verträglichkeit hingegen wird dem vermeidenden Bindungsstil zugeschrieben, bei dem Personen zwar viel Wert auf ein hohes Maß an Autonomie legen, die Nähe zum Partner jedoch stark meiden und zu verhindern suchen (Brennan & Shaver, 1992). Auf der Basis dieser empirischen Befunde wird die Annahme gemacht, dass Verträglichkeit positiv mit den Konstrukten Autonomie und Verbundenheit korreliert.
c) H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person. .
Über den Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Paarbeziehungen ist sich die Wissenschaft uneinig. Dennoch zeigen sich bei den meisten Studien positive Verbindungen zwischen Gewissenhaftigkeit und den Qualitäten einer Liebesbeziehung. So deutet hohe Gewissenhaftigkeit auf größere Beziehungszufriedenheit und -stabilität hin (Karney & Bradbury, 1995). Auch von einer gegenseitigen Liebe mit großer Romantik und Leidenschaft wird berichtet (Middleton, 1993). Ausgehend von diesen positiven Zusammenhängen wird erwartet dass ein hohes Maß an Gewissenhaftigkeit mit hohen Werten für Autonomie und Verbundenheit einhergehen wird.
d) H1:Es besteht ein negativer linearer Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein positiver oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
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Das Konstrukt Neurotizismus und sein Einfluss auf Liebesbeziehung spielt eine bedeutende Rolle in dieser Untersuchung, denn es zeigte sich in der Forschung bislang als stärkster Prä-diktor von negativen Auswirkungen auf Paarbeziehungen (z.B. Newcomb & Bentler, 1981). So wird von besitzergreifender eifersüchtiger Liebe im Zusammenhang mit Neurotizismus berichtet (Middleton, 1993). Sowohl der vermeidende als auch ambivalente Bindungsstil stehen in Verbindung mit hohen Werten für Neurotizismus. Beide Bindungsstile sind von einem Vermeiden von Nähe und Verbundenheit geprägt und insbesondere der ambivalente Bindungsstil geht mit niedriger Autonomie einher (Brennan & Shaver, 1992). White et al. (2004) bestätigen diese Befunde und machen Neurotizismus als stärksten Prädiktor für fehlende Intimität in der Beziehung aus. Von einem starken Einfluss von Neurotizismus auf die Beziehungszufriedenheit vor allem am Beginn einer Beziehung berichten Karney und Bradbury (1997). Gerade deshalb wird angenommen, dass der Einfluss dieses Persönlichkeitskonstruktes in den nicht selten nur relativ kurz andauernden Paarbeziehungen von Jugendlichen von großer Bedeutung sein könnte. Von einer negativen Korrelation zwischen Neurotizismus und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen wird auf der Basis der erwähnten empirischen Befunde ausgegangen.
e) H1:Es besteht ein linearer Zusammenhang zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
Für das Konstrukt Offenheit und seinen Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit werden keine speziellen richtungweisenden Annahmen im Voraus gemacht, da die empirische Befundlage hier recht heterogen ist. Zwar liegen Beweise über positive Zusammenhänge zwischen Offenheit und Paarbeziehungen vor, insofern dass Middleton (1993) einen positiven Einfluss auf romantische und leidenschaftliche Liebe bei großer Offenheit belegen kann. Dennoch sind Befunde, die vom Gegenteil berichten, nicht von der Hand zu weisen. So wird Offenheit auch mit eifersüchtiger, besitzergreifender und damit wenig autonomer Liebe zum Partner in Verbindung gebracht (Middleton, 1993). Brennan und Shaver (1992) stellen einen Zusammenhang zum ambivalenten Bindungsstil her, der durch das Vermeiden von Intimität und fehlender Autonomie gekennzeichnet ist.
(4) Geht ein hoher Selbstwert einer Person mit hohen Werten für Autonomie und Verbundenheit in derselben Person einher?
H1:Es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen dem Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein negativer oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen dem Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
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Hoher Selbstwert zeigt sich als starker Prädiktor zufriedener Beziehungen, aber ebenso können auch glückliche Paarbeziehungen den Selbstwert stärken, so dass dadurch eine Art zirkulärer, wechselseitiger Prozess entsteht (Brennan & Bosson, 1998). Auch die Bindungsstile können sehr eindeutig in Bezug zum Selbstwert betrachtet werden. So können sicher gebundene Personen oft durch ein hohes Selbstbewusstsein charakterisiert werden, welches in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrem Bedürfnis nach Nähe und dem Vertrauen in den Partner sowie einer geglückten Individuisierung dem Partner gegenüber steht. Die sichere Bindung im Erwachsenenalter ist vor allem vom Begriff der „autonome Verbundenheit“ geprägt (z. B. Davila et al, 1996). Ambivalent gebundene Personen hingegen zeigen ein deutlich negativeres Selbstkonzept und neigen, aus dem Bedürfnis nach Nähe und der gleichzeitigen Vermeidung von Intimität aus Angst heraus enttäuscht zu werden, zu depressiven Verstimmungen und tun sich schwer bei der Individuisierung dem Partner gegenüber, da sie sich auf ihrer Suche nach Selbstbestätigung von ihm abhängig fühlen (Davila et al, 1996; Hendrick & Hendrick, 1986). Vor allem im Bereich der Konfliktlösestrategien scheint der Selbstwert eine bedeutende Rolle zu spielen. Ein hohes Selbstbewusstsein befähigt zu einer konstruktive Konfliktlösung, die sowohl von Autonomie als auch Verbundenheit zwischen den Partnern charakterisiert ist (Davila et al, 1996). Von der hiesigen Untersuchung wird erwartet, dass zwischen dem Persönlichkeitskonstrukt Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen ein positiver Zusammenhang besteht. Ein übersteigertes Selbstwertgefühl allerdings, Narzissmus genannt, das belegen empirische Studien, hat deutliche negative Auswirkungen auf eine Paarbeziehung und die Verbundenheit zwischen den Partnern, da ein narzisstischer Mensch stets auf der Suche nach Alternativen ist, die Nähe zum Partner meidet und seine Autonomie übertrieben und losgelöst von Intimität betont (Campbell, 2002; Neumann & Bierhoff, 2004).
(5) Geht hohe Depressivität in einer Person mit niedriger Autonomie sowie Verbundenheit in derselben Person einher?
H1:Es besteht ein negativer linearer Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
H0:Es besteht ein positiver oder gar kein linearer Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person.
Auch bei dem Konstrukt Depressivität kann von einer wechselseitigen Beeinflussung zwischen Depression und Paarbeziehung ausgegangen werden. So sind unglückliche und konfliktbehaftete Paarbeziehungen nicht selten ursächlich für psychische und psychosomatische Probleme (Kiecolt-Glaser et al., 1993). Aber ebenso können Depressionen auch einen enormen Einfluss auf die bestehende Beziehung zum Partner ausüben (Beach, Fincham & Katz, 1998; Beach, Sandeen und O’Leary; 1990; Bierhoff, 1995). Die hier generierte Hypothese stellt die Erwartung auf, dass hohe Depressivität in einer Person mit niedrigen selbsteinge-
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schätzten Levels für Autonomie und Verbundenheit in derselben Person einhergehen. Oftmals besteht eine starke Abhängigkeit des Depressiven von seinem Partner, so dass der Depressive nur schwer in der Lage ist sich gegenüber seinem Partner zu individuisieren (Reich, 2003). Dies zeigt sich in der Neigung zu manischen und besitzergreifenden Liebesstilen depressiv Erkrankter. Schwennen und Bierhoff (2002) konnten belegen, dass Depressive niedrige Ausprägungen im Bereich des Liebesstils „Eros“ aufweisen, was für ein Mangel an Verbundenheit spricht. Ursächlich dafür sind depressive Symptome, wie sozialer Rückzug, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit, die es der depressiven Person erschweren positive Emotionen zu empfinden, erläutern die Autoren.
(6) Geht hohe Depressivität in einer Person mit niedriger Autonomie sowie Verbundenheit beim Partner einher?
H1:Es besteht ein negativer linearer Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern.
H0:Es besteht ein positiver oder gar kein linearen Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern.
Empirische Studien belegen, dass das Zusammensein mit einem depressiven Menschen für den Partner eine enorm deprimierende Erfahrung sein kann (Spangenberg & Theron, 1999; Weissman & Paykal, 1974). Diese Hypothese geht deshalb davon aus, dass hohe Depressivität in einer Person negative Auswirkungen auf die selbsteingeschätzte Autonomie und Ver-bundenheit des Partners hat. Vor allem der Verlust an positiven Emotionen, den der depressiv verstimmte Partner erlebt und die damit im Zusammenhang stehende Unfähigkeit seine Liebe auszudrücken, haben Auswirkungen auf den in der Beziehung empfundenen Mangel an Nähe, den der gesunde Partner spürt. Gleichzeitig führt auch die besitzergreifende Art des Depressiven, sich vom Partner abhängig zu machen, zu einem Rückgang an Verbundenheit und Individuation in der Beziehung (Schwennen & Bierhoff, 2002).
(7) Werden alle in den Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) untersuchten Zusammenhänge durch die Variablen Geschlecht und Kohorte moderiert?
a) H1:Die Variable Geschlecht moderiert die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5).
H0:Die Variable Geschlecht moderiert die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) nicht.
b) H1:Innerhalb der Untergruppe der Männer moderiert die Variable Kohorte die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5).
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H0:Innerhalb der Untergruppe der Männer moderiert die Variable Kohorte die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) nicht.
c) H1:Innerhalb der Untergruppe der Frauen moderiert die Variable Kohorte die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5).
H0:Inner der Untergruppe der Frauen moderiert die Variable Kohorte die Zusammenhänge der Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) nicht.
In der Arbeit wird die Auffassung vertreten, dass alle zu untersuchenden Zusammenhänge durch die Variable Geschlecht moderiert werden. Darauf basierend ist man außerdem der Ansicht, dass innerhalb der beiden Untergruppen Frauen und Männer die Variable Kohorte moderierend wirksam wird.
Da es sich um einen dyadischen Datensatz handelt, wäre es unzulässig die Zusammenhänge zwischen den ausgewählten Prädiktoren und Kriterien unabhängig vom Geschlecht auf individuelle Ebene zu berechnen, da sowohl die Fragebogen- als auch die Interviewdaten stark interkorreliert sind, so dass es quasi zu einer Verdopplung und damit einer Überschätzung der Zusammenhänge käme. Um dies zu verhindern werden die Fragestellungen, die nach einem Zusammenhang auf individueller Ebene fragen (Fragestellungen (1), (3), (4) und (5)) für die beiden Geschlechter getrennt berechnet. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass sich die zu untersuchenden Zusammenhänge in der Tat je nach Geschlecht unterscheiden werden. Es gibt vielfältige empirische Befunde, die Unterschiede zwischen Mann und Frau beim Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Paarbeziehung belegen können. So zeigt sich zum Beispiel, dass Mädchen oder junge Frauen anscheinend eher in der Lage sind, persönliche Sichtweisen und Meinungen auszudrücken und damit stärkere autonome Kompetenz besitzen im Vergleich zu Jungen und jungen Männern (Taradash es al, 2001). Middleton (1993) berichtet etwa von einem positiven Zusammenhang zwischen Offenheit und den Liebesstilen „Eros“ und „Mania“ bei Männern und einer negativen Korrelation für „Pragma“ bei Frauen oder auch über einen positiven Zusammenhang von Gewissenhaftigkeit und „Eros“ sowie „Agape“ bei Frauen, nicht aber bei Männern. Bei ihnen fand sich eine negative Korrelation für „Mania“. Von speziellen Erwartungen, die Geschlechterunterunterschiede innerhalb der Zusammenhänge von Persönlichkeitsvariablen und Autonomie sowie Verbundenheit in den Paarbeziehungen betreffend, soll in dieser Arbeit abgesehen werden.
Empirische Studien belegen eindrucksvoll, dass sich die Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in vielen Aspekten unterscheiden, weshalb davon ausgegangen wird, dass die Alterskohorte innerhalb der beiden Untergruppen Frauen und Männer moderierenden Einfluss auf den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsvariablen und Autonomie sowie Verbundenheit hat. Jugendliche machen in der Adoleszenz ihre ersten Erfahrungen mit Liebesbeziehungen, so dass ein individuelles und passendes Beziehungsverhalten in diesem
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Alter oft noch in der Erprobung ist. Auch die Statusmotivation spielt im Jugendalter eine bedeutende Rolle. Konsequenz davon ist, dass es meist zu einer Vorstufe von Intimität in der Beziehung kommt, aber selten zu einer echten Ausprägung von Verbundenheit. Auf Autonomie wird in den jungen Liebesbeziehungen sehr viel Wert gelegt. Auffällig ist, dass beide Konstrukte, Autonomie und Verbundenheit, noch nicht so erfolgreich integriert werden können (z. B. Furman & Wehner, 1997; Hazan & Zeifman, 1994; Shulman & Kipnis, 2001). Die Paarbeziehungen von jungen Erwachsenen hingegen sind bereits stärker von echter Intimität sowie von stärkerer Gegenseitigkeit geprägt. Dass der Partner als „secure base“ dienen kann und eine unterstützende Funktion übernimmt im Leben beider Beziehungspartner, wird im jungen Erwachsenenalter stärker erkannt, was zu größerer Öffnungsbereitschaft und damit stärkerer Verbundenheit führt. Ebenso gelingt es mehr und mehr Autonomie und Intimität in einem interdependenten Verhältnis miteinander zu verknüpfen (z. B. Brown, Eicher & Petrie, 1986; Gavin & Furman, 1989; Hazan & Zeifman, 1994; Shulman & Kipnis, 2001). Auf der Basis dieser theoretischen Überlegungen erscheint die Erwartung gerechtfertigt, dass auch die hiesige Untersuchung innerhalb der Berechnung von Zusammenhängen zwischen Persönlichkeitsvariablen und Autonomie sowie Verbundenheit in den Paarbeziehungen Unterschiede in den beiden Kohorten aufzeigen wird.
4.2 Stichprobe
Die Stichprobe der Untersuchung stammt aus dem von der DFG seit 2004 geförderten Forschungsprojektes „Liebesbeziehungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter“. Zentrales Ziel dieses Projekts ist die ausführliche Untersuchung von Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter auf der Basis von Beziehungs- und Bindungserfahrungen in den Herkunftsfamilien und Freundschaftsbeziehungen. Das Hauptaugenmerk gilt der Gestaltung von Autonomie und Verbundenheit in engen sozialen Beziehungen. Zur Erhebung der Beziehungsqualität wurde ein multimethodaler Zugang über einen umfassenden Fragebogen, zwei halbstrukturierte Interviews und eine Beobachtungssituation gewählt. Die querschnittliche Analyse der gewonnenen Daten beschäftigt sich vor allem mit der Identifikation von Einflüssen des Alters, des Geschlechts sowie der Dauer der Beziehung auf die Gestaltung von Liebesbeziehungen sowie auf die inhaltliche Analyse der Einflüsse von Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und in Freundschaftsbeziehungen auf die berichtete und beobachtete Qualität der Paarbindungen. Der breite Umfang an Erhebungsmethoden dieser Untersuchung macht es außerdem möglich die durch Selbstbeurteilungs- vs. Interviewverfahren gewonnenen Befunden vergleichend gegenüberzustellen. Die gewonnenen Daten bieten die Möglichkeit auf Individual- sowie auf Paarebene zu analysieren. Eine längsschnittliche Weiterführung des Projekts ist geplant, um Stabilität beziehungsweise Instabilität der untersuchten Beziehungen zu ermitteln und Veränderungen in der Gestaltung der Paarbeziehungen zu analysieren.
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Die Stichprobe umfasst insgesamt 60 heterosexuelle Paare. Davon gehören 30 Paare der Ko-horte des Jugendalters an (Zielperson zwischen 15 und 17 Jahren; M= 16,07; SD= 0,54) und weitere 30 Paare der Kohorte der jungen Erwachsenen (Zielperson zwischen 25 und 27 Jahren; M=26,06; SD=0,62). Die Partner der Zielpersonen können älter oder jünger sein als es die Kohortengrenzen definieren. Um Überschneidungen zwischen den Kohorten zu vermeiden, wurden die Paare jedoch so ausgewählt, dass ein Altersabstand zwischen den Partnern von maximal 4 Jahren nicht überschritten wurde. In der Alterskohorte der Jugendlichen sind die Männer im Mittel 18,07 Jahre alt (SD=1,77), die Frauen 16,74 Jahre (SD=1,05). Bei den jungen Erwachsenen sind die Männer im Durchschnitt 26,61 Jahre alt (SD=2,23). Bei den Frauen findet sich ein Durchschnittsalter von 24,44 (SD=2,46). Das Durchschnittsalter der Gesamtsstichprobe beträgt 21,46 Jahre (SD=4,6). Das Minimum der Altersverteilung der gesamten Stichprobe liegt bei 15,01 Jahren, das Maximum bei 33,15 Jahren.
Ein weiteres Kriterium für die Teilnahme an der Untersuchung war eine Beziehungsdauer von mindestens 3 Monaten. Die durchschnittliche Beziehungsdauer der Gesamtsstichprobe liegt bei knapp zwei Jahren (23,27 Monate; SD=22,06). Das Minimum der Beziehungsdauer liegt bei 3 Monaten, das Maximum bei knapp über 8 Jahren (98 Monate). Die Jugendlichen berichten von einer mittleren Beziehungsdauer von knapp über einem Jahr (13,57 Monate; SD=9,49). Die Durchschnittsdauer der Beziehungen der Alterskohorte 2 liegt bei 2,75 Jahren (32,97 Monate; SD=26,46).
Angestrebt war es eine möglichst bildungsheterogene Stichprobe der Untersuchung zugrunde legen zu können. So haben 18,3% der Probanden zur Zeit der Untersuchung keinen Abschluss. 12,6% berichten von einem Hauptschulabschluss. Die mittlere Reife haben 31,7% der Stichprobe, Abitur oder Fachhochschulreife 30,8%. 8 Personen (6,6%) berichten von einem abgeschlossenen Fach- oder Hochschulstudium.
Etwa die Hälfte (51,8%) der Jugendlichen und jungen Erwachsenen leben bei ihren Eltern oder einem Elternteil. Jeweils 11 Personen (9,2%) wohnen entweder allein oder in einer WG. 26,7% Prozent berichten davon mit ihrem Partner zusammen zu wohnen. Im Studentenwohnheim leben 2,5% und 0,9% geben an in einer anderen nicht zur Auswahl stehende Wohnsituation zu leben. 4 der befragten 60 Paare sind verheiratet. Keines der Paare hat gemeinsame Kinder.
4.3 Datenerhebung
Aus beiden Alterskohorten wurden jeweils 30 Paare mittels einer umfassenden Auswahl an Erhebungsinstrumenten in einer etwa zweistündigen Intensivbefragung in den Räumen der Ludwig-Maximilians-Universität München befragt. Durch den multimethodalen Zugang mit- tels Fragebogen, qualitativen Interviews und einer Interaktionsaufgabe wurde versucht die
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Qualität von Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter vor dem Hintergrund von Beziehungserfahrungen in der Herkunftsfamilie und in Peer-Beziehungen facettenreich zu erheben. Da immer beide Partner befragt wurden, besteht die Möglichkeit die gewonnen Daten auch aus einer dyadischen Sichtweise heraus zu betrachten und auf Paarebene auszuwerten.
Die Probanden wurden an den unterschiedlichsten Orten Münchens rekrutiert. An Schulen, der Universität, Jugendzentren, in Fußgängerzonen oder im Kino ließ man die Interessenten einen kurzen Screening-Fragebogen ausfüllen, um ihre Eignung für die Untersuchung zu testen. Voraussetzung war, dass die Personen sich in einer Beziehung befinden, welche eine Mindestdauer von 3 Monaten haben sollte. Paare die daraufhin in Frage kamen, wurden telefonisch kontaktiert um einen geeigneten Termin für die Untersuchung mit ihnen zu vereinbaren. Vor dem Befragungstermin an der Universität wurde den Teilnehmern ein Fragebogen zugesandt, der im Vorfeld von den Probanden auszufüllen war und zum Interviewtermin mitzubringen war. Die Intensivbefragung vollzog sich in drei Teilen. Zu Beginn wurde das Adult Attachment Interview (AAI) durchgeführt, um die Bindungsrepräsentation der Befragten zu erheben. Im anschließenden Teil wurden die Probanden noch immer getrennt voneinander mittels des Close Peer Relationship Interviews (CPRI) befragt. Damit konnten verschiedene Aspekte von Autonomie und Verbundenheit in der aktuellen Paarbeziehung identifiziert werden. Im dritten Teil wurde das Paar wieder zusammengeführt und erhielt die Aufgabe gemeinsam einen Urlaub für ein verlängertes Wochenende zu planen. Diese 10-minütige Interaktionssequenz wurde auf Video aufgezeichnet, worüber die Paare informiert waren. Die Auswertung dieser Interaktion erfolgte mittels des Autonomy and Relatedness Coding System (Allen et al., 1994), indem Autonomie und Verbundenheit förderndes sowie verhinderndes Verhalten identifiziert wurden.
Die vorliegende Arbeit bezieht Daten aus dem Fragebogen und dem CPRI in ihre Untersuchung mit ein. Diese beiden Erhebungsinstrumente sollen in den folgenden beiden Abschnitten deshalb genauer beschrieben werden.
4.3.1 Fragebogen
Durch den Fragebogen wurde versucht zahlreiche Aspekte zu erheben, die für die Qualität einer Paarbeziehung von zentraler Bedeutung sind. Der 28-seitige Fragebogen beinhaltet Fragen zu folgenden Bereichen:
N Soziodemographie
N Persönlichkeit, Befinden, soziale und emotionale Kompetenzen der Befragten sowie kritische Lebensereignisse (zum Beispiel Big Five, Selbstwert, Emotionale Autono- mie, Depressivität)
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N Beziehung zu den Eltern (zum Beispiel unterstützende Erziehung im Kindesalter, autonomieförderndes Verhalten der Eltern im Kindesalter, Idealisierung, aktuelle Beziehung zu den Eltern)
N Beziehungsqualität im sozialen Netzwerk (Eltern, beste(r) Freund(in), Liebespartner) (zum Beispiel Intimität, Häufigkeit von Konflikten, Meinungsautonomie)
N Freizeitgestaltung
N Partnerschaftsbiographie und Statusmotivation
N Spezifische Fragen zu Qualität und Gestaltung der aktuellen Partnerschaft (zum Beispiel Unabhängigkeit, Angst vor Liebesverlust oder Vereinnahmung, Caregiving, Zu-kunftsorientierung)
N Fragen zur Sexualität (zum Beispiel körperlicher Entwicklungsstand, Peerdruck, Sexualität in aktueller Partnerschaft)
Die verwendeten Skalen wurden nach folgenden Kriterien ausgesucht: Sie sollten möglichst viele Facetten der Gestaltungsmöglichkeiten von Paarbeziehungen messen sowie eine Vielzahl an Einflussfaktoren, wie etwa Persönlichkeit oder Beziehungserfahrungen in der Kindheit, die die Qualität einer Liebesbeziehung charakterisieren und verändern können, erfragen. Zudem war es wichtig, dass dieselben Skalen sowohl für Jugendliche als auch junge Erwachsene eingesetzt werden konnten. Nachdem geeignete Skalen gesichtet waren, wurden diese übersetzt und überarbeitet und anschließend in zwei umfangreichen Vortestungen erprobt. Damit konnte die Reliabilität des Fragebogens gewährleistet werden. Der Fragebogen wurde kohorten- und geschlechtsspezifisch angefertigt und existiert daher in vier Versionen, die inhaltlich jedoch vollkommen identisch sind.
4.3.2 Close Peer Relationship Interview
Nachdem im Kapitel 2.2 bereits ausführlich auf die theoretische Grundlage des CPRI eingegangen wurde, sollen nun die vier Skalen, die diesem halbstruktierten Interview, das zur Erfassung verschiedener Facetten von Autonomie und Verbundenheit in engen sozialen Beziehungen dient, zugrunde liegen, und vor allem ihre Kodierung intensiver beleuchtet werden.
Das CPRI fand in der Studie der LMU München erstmalig Anwendung in einer deutschen Untersuchung. Da das Interview mit einer Dauer von ein bis zwei Stunden sehr lang ist, und gerade bei den jungen Erwachsenen mit einer längeren Dauer gerechnet werden musste, wurden die Fragen nur zur aktuellen Partnerschaft gestellt. Auf die Befragung zum besten Freund beziehungsweise zur besten Freundin wurde verzichtet. In Vorbereitung auf die Interviewbe- fragung wurden die Interviewer (Studierende der Psychologie) zunächst in die theoretischen
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Grundlagen und Inhalte des Projekts eingeführt, bevor ein Interviewtraining stattfand, welches eine Vielzahl an Probeinterviews beinhaltete, die durch das Feedback der betreuenden Projektleiter beständig verbessert werden konnten, so dass letztendlich eine hohe Qualität der CPRIs gewährleistet war.
Wie bereits im vorderen Teil der Arbeit erwähnt werden vier Skalen im CPRI unterschieden:
N Interpersonelle Aushandlung (IPA, Autonomie in selbstberichteten Interaktionen)
N Geteilte Erfahrung (GE, Verbundenheit in selbstberichteten Interaktionen)
N Bedeutung von Interdependenz (BI, Reflexionen über Intimität und Autonomie und der Grad zu dem Intimität und Autonomie in ein interdependentes Beziehungsverständnis integriert werden können)
N Interpersonelles Verstehen (IPV, Vorstellungen von Persönlichkeit und Relation innerhalb der Beziehung)
Ausgewertet wird das CPRI durch die Developmental Relationship Scales (Schultz, 1993/2000). Für alle Skalen werden jeweils fünf Entwicklungslevels unterschieden, die eine Entwicklung von einem ichbezogenen (Level 0) hin zu einem intersubjektiven (Level 4) Verständnis abbilden. Abbildung 1 zeigt einen Überblick über die einzelnen Levels und ihre in- haltliche Bedeutung.
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Levels interpersonelle Verstehens
1 Differenziert
2 Reflexiv
3 Gegenseitig
Level interpersoneller Bedeutung
1 Vereinfachend
2 Vertrauen
Level interpersoneller Aushandlung
0 Impulsiv 1 Unilateral 2 Reziprok 3 Kollaborativ
4 Interpretativ
Level gemeinsamer interpersoneller Erfahrung
1 handlungsbasiert 2 gefühlsbasiert
3 identitätsbasiert
Abbildung 1: Developmental Relationship Scale Levels (Übernommen aus Selman & Schultz, 1998; nach einer Übersetzung von Kathrin Beckh)
71 Methode
Der Vorteil des CPRI liegt darin, dass es nicht nur auf die bewusste Wahrnehmung von Autonomie und Verbundenheit beschränkt ist. Ähnlich wie beim AAI spielt die Kohärenz in der Aussage der Befragten eine große Rolle. Deutlich machen lässt sich dies im Zusammenhang mit einseitigen Aushandlungsstrategien in Konfliktsituationen, deren sich die Befragten oft nicht bewusst sind, welche sie aber in den Narrativen durch die beispielhafte Beschreibung von Streitsituationen mit dem Partner zum Ausdruck bringen. Die hier fehlende Fähigkeit zur Reflexion und Perspektivübernahme führt zu einer Kodierung auf einem niedrigen Level. Basierend auf dem bindungstheoretischen Konzept der „autonomen Verbundenheit“ sind hohe Levels aller Skalen durch eine immer stärker ausgeprägte Integration von Autonomie und Verbundenheit gekennzeichnet, die vor allem in der Skala Bedeutung von Interdependenz verankert ist.
Die Auswertungen der CPRIs wurden von Kathrin Beckh und fünf geschulten Forschungspraktikantinnen (Studierende der Psychologie und Pädagogik) durchgeführt. Im ersten Auswertungsschritt der Kodierung wurden die CPRIs in Abschnitte geteilt. Diese wiederum wurden den einzelnen Skalen zugeordnet und das Transkript wurde dementsprechend gekennzeichnet. Jede Skala wurde separat kodiert. Ein von Kathrin Beckh übersetztes Manual zur Kodierung der einzelnen Skalen leistete Hilfe bei der Vergabe passender Werte für die einzelnen Skalen (siehe Tabelle 1). Für die Skala Bedeutung von Interdependenz wurde nur ein Wert für den vorherrschenden Level vergeben. Geteilte Erfahrung wurde auf dem höchsten und dem vorherrschenden Level kodiert, Interpersonelle Aushandlung auf dem höchsten, niedrigsten und vorherrschenden Level und für interpersonelles Verstehen wurden jeweils die höchsten auftretenden Levels kodiert. Innerhalb eines Reliabilitätstrainings, welches sich über fünf Monate erstreckte, wurde in den zweimal wöchentlich stattfindenden Treffen jeweils ein Interview vorbereitet und vor Ort ausführlich besprochen. Im Anschluss daran übernahm jede Forschungspraktikantin selbstständig die Kodierung der CPRIs in regelmäßiger Korrespondenz mit Kathrin Beckh. Die Kappas liegen zwischen .50 und .82.
4.4 Indikatoren
Ziel der Arbeit ist es Vergleiche zwischen Fragebogen- und Interviewdaten aufzustellen bezüglich der berechneten Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Abbildung 2 zeigt zur Veranschaulichung des angestrebten Vergleichs einen Überblick über die ausgewählten Kriteriumsvariablen, die gegenübergestellt betrachtet werden.
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Eine genaue Beschreibung der verwendeten Prädiktor- und Kriteriumsvariablen findet sich in den folgenden zwei Abschnitten.
4.4.1 Die Skalen des Fragebogens
Prädiktoren
Die Prädiktorvariablen werden alle durch den Fragebogen erfasst.
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Extraversion
Extraversion zeichnet sich durch eine nach außen ge-
Verträglichkeit
Personen,die verträglich sind, zeichnen sich durch Gewissenhaftigkeit Gewissenhafte Personen können durch die Adjektive
Neurotizismus
Neurotische Personen können durch die Adjektive
Offenheit
Charakterisiert wird diese Persönlichkeitseigenschaft
Selbstwert
Abbildung 3: Die Skalen der Prädiktoren aus dem Fragebogen
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Kriterien
lust
nahmung
Öffnungsbereitschaft
Diese Skala erfasst die Fähigkeit und Bereit-
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Abbildung 4: Die Skalen der Kriterien aus dem Fragebogen
Mit dem Ziel der Dimensionsreduktion werden die Autonomie- und Verbundenheits-Skalen aus dem Fragebogen einer Faktorenanalyse unterzogen. Die Extraktion der Faktoren für Autonomie wird mittels Hauptkomponentenanalyse vorgenommen. Zur Rotation wird die Varimax-Methode gewählt. Formal gesehen sind die Voraussetzungen für eine Faktorenanalyse nicht in aller Vollkommenheit gegeben, da der Bartlett-Test auf Sphärizität zwar wie erwünscht Signifikanz aufweist, das Kaiser-Meyer-Olkin-Maß jedoch mit einem Wert von .499 deutlich unter der geforderten Mindestgrenze von .70 liegt. Dennoch wird die Analyse der Faktoren als Tendenz zugrunde gelegt, an der sich die Gruppierung der Einzelskalen orientiert. Tabelle 1 zeigt eine Mustermatrix für eine Drei-Faktoren-Lösung.
Extraktionsmethode: Hauptkomponentenanalyse.
Rotationsmethode: Varimax mit Kaiser-Normalisierung.
Tabelle 1: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Autonomie-Skalen des Fragebogens
Die Skalen Ambivalenz und Angst vor Liebesverlust werden zum Faktor Unsichere Bindung zum Partner zusammengefasst. Dies war zu erwarten, da es sich bei beiden Skalen um MITA-Skalen handelt, welche in der Theorie im Allgemeinen starke Prädiktoren unsicherer Bindungen darstellen, daher auch die Bezeichnung des Faktors. Die beiden Skalen Unabhängigkeit und Angst vor Vereinnahmung bilden jeweils einzeln einen Faktor. Der dritte Faktor wird mit
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der Bezeichnung Angst vor Emotionaler Inbesitznahme versehen. Abbildung 5 fasst die Fak-toren, so wie sie in der anschließenden Untersuchung verwendet werden, zusammen.
Faktor Einzelskalen Alpha
Abbildung 5: Aggregierte Skalen für Autonomie im Fragebogen
Auch die Extraktion der Faktoren für Verbundenheit aus dem Fragebogen erfolgt durch eine Hauptkomponentenanalyse und der Rotation durch die Varimax-Methode. Das Kaiser-Meyer-Olkin-Maß liegt bei .728 und entspricht damit in Gänze den geforderten Richtlinien. Der Bartlett-Test auf Sphärizität ist signifikant. Folgende Faktorenmatrix ergibt sich nach der Extraktion:
Extraktionsmethode: Hauptkomponentenanalyse.
Rotationsmethode: Varimax mit Kaiser-Normalisierung.
Tabelle 2: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Verbundenheits-Skalen des Fragebogens
Die Skalen Emotionale Bindung und Zukunftsorientierung werden zum Faktor Commitment zusammengefasst. Dies war zu erwarten, da beide Skalen dem Commitment-Fragebogen von Hill & Arránz Becker (2004) entstammen. Die Skalen Öffnungsbereitschaft und Sensitive Caregiving bleiben als einzelne Faktoren stehen. Einen Überblick über die in der Untersuchung verwendeten Faktoren zeigt Abbildung 6.
Abbildung 6: Aggregierte Skalen für Verbundenheit im Fragebogen
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4.4.2 Die Skalen des Close Peer Relationship Interviews
Kriterien
Als Kriteriumsvariablen des CPRI werden die drei Skalen Interpersonelle Aushandlung, Geteilte Erfahrung und Bedeutung von Interdependenz in die Untersuchung einbezogen. Bei den beiden Skalen für Verbundenheit und Autonomie wurden aus den Mittelwerten von höchstem, vorherrschendem und bei der Autonomie-Skala auch niedrigstem Level Gesamtskalen erstellt. Die Skala zur Integration der beiden Konstrukte wurde nur auf dem vorherrschenden Level kodiert. Einen Überblick zu Inhalten, beispielhaften Interviewfragen und Reliabilitäten der drei Skalen zeigt Abbildung 7.
Abbildung 7: Die Skalen der Kriterien aus dem CPRI
4.5 Verfahren der Datenanalyse
Alle statistischen Berechnungen der vorliegenden Arbeit werden mit SPSS Version 15.0 durchgeführt. Obwohl streng mathematisch genommen sowohl die Skalen des Fragebogens (Likertskalen) als auch die des Interviews nicht intervallskaliert sind, wurde darauf geachtet, dass zwischen den Skalenwerten die gleichen Abstände liegen, so dass eine Vergleichbarkeit der Variablen auf Intervallskalenniveau gerechtfertigt ist (vgl. Hadler, 2005). Auf dieser Grundlage werden zur Datenanalyse statistische Verfahren für intervallskalierte Daten verwendet. Eine weitere Voraussetzung für die Anwendung dieser Verfahren ist es, dass die un- tersuchten Variablen normalverteilt sind. Diesbezüglich wurden alle Prädiktoren, Kriterien
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sowie eventuelle Moderatoren durch Histogramme grafisch beurteilt und hinsichtlich ihrer Schiefe und Kurtosis begutachtet. Das Kriterium, dass Schiefe und Kurtosis Werte zwischen -2 und +2 annehmen sollten, damit eine Normalverteilung als wahrscheinlich angenommen werden kann, ist bei allen untersuchten Variablen der Fall. Gesagt sei auch, dass parametrische Testverfahren wie der T-Test oder auch die Varianzanalyse relativ robust gegenüber Abweichungen von der Normalität sind (vgl. Martens, 2003; Wiseman, 2005).
Mittelwertsvergleiche zwischen zwei Gruppen werden anhand von T-Tests durchgeführt. Bei drei oder mehr Gruppen werden die Unterschiede in den Mittelwerten der einzelnen Gruppen durch einfaktorielle Varianzanalysen auf Signifikanz getestet. Bei vorliegender Signifikanz werden Post-Hoc-Tests nach Bonferroni (bei homogenen Varianzen) oder nach Games-Howell (bei Varianzheterogenität) durchgeführt, um die genauen Gruppenunterschiede zu analysieren. Korrelationen zwischen Persönlichkeitseigenschaften und den Skalen für Autonomie sowie Verbundenheit werden mittels bivariaten Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson durchgeführt. Der Korrelationskoeffizient kann Werte zwischen -1 und +1 annehmen. Je nach Fragestellung, wird entweder einseitig oder zweiseitig getestet. Hinweise darauf finden sich in den jeweiligen Ergebnisdarstellungen.
Bedeutende Effekte und Zusammenhänge werden auf den Signifikanzniveaus von p < .01 (**hochsignifikant) sowie p < .05 (*signifikant) und auch p< .10 (+tendenziell) kenntlich gemacht. Die Berücksichtigung eines 10%igen Alpha-Fehler-Niveaus sieht sich vor allem dadurch gerechtfertigt, dass sich die Untersuchung der CPRI-Skalen bislang weltweit auf einen relativ kleinen Rahmen beschränkt. So kommt das CPRI in der Studie der LMU München deutschlandweit zum ersten Mal zum Einsatz und es erscheint sinnvoll die Untersuchungsergebnisse dieses jüngst entwickelten Interviews durch entsprechend weniger strenge, aber dennoch nachvollziehbare Auswertungskriterien in einer umfassenderen Weise beleuchten zu können. Auch liegen speziell im Bereich Persönlichkeit im Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit in jungen Paarbeziehungen bislang wenig empirische Befunden vor, so dass ein etwas von den Konventionen abrückender Auswertungsrahmen auch auf den Fragebogenskalen durchaus gerechtfertigt ist. Die kleine Stichprobe von N=120 erhöht zudem die Gefahr einen Fehler zweiter Art zu begehen, weshalb das Zulassen eines 10%iges Alpha-Fehler-Niveau auch aus diesem Grund eine sinnige Überlegung ist.
Von den Variablen Geschlecht und Kohorte wird erwartet, dass diese als Moderator innerhalb der getesteten Zusammenhänge wirken. Um die Moderatorhypothese (Fragestellung (7)) zu testen, werden die Zusammenhänge für unterschiedliche Gruppen berechnet (Männer < > Frauen; Jugendliche < > junge Erwachsene). Die Unterschiede in den berechneten Korrelationen werden anschließend mit Hilfe eines speziellen Testprogramms von Preacher (2002) auf Signifikanz getestet. Dazu werden die einzelnen Korrelationen z-standardisiert, um sie vergleichbar zu machen. Ergibt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Zusammenhängen, kann die Moderatorhypothese bestätigt werden.
79 Ergebnisse
5 Ergebnisse
5.1 Einführende Analysen
5.1.1 Statistische Kennwerte
Als Grundlage der Ergebnisdarstellung sollen in diesem Abschnitt wichtige statistische Kennwerte der untersuchten Skalen dargestellt werden.
Statistische Kennwerte für die Skalen der Prädiktoren
Tabelle 3: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der
männlichen Jugendlichen
Tabelle 4: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der
männlichen jungen Erwachsenen
Bei der Betrachtung der statistischen Kennwerte der Prädiktorvariablen in der Gruppe der männlichen Probanden zeigt sich, dass der Wertebereich zwischen 1 und 6 sowohl bei den Jugendlichen als auch jungen Erwachsenen auf den meisten Skalen ausgenutzt wird. Auffällig bei den Jugendlichen sind die hohen Medianwerte in den Skalen Extraversion (5,00) sowie Selbstwert (5,14). Diese deuten auf eine rechtssteile Verteilung der beiden Variablen hin. Jene
80 Ergebnisse
Annahme lässt sich durch das Betrachten der Histogramme bestätigen, die bezüglich der Testung der einzelnen Variablen auf Normalverteilung angefertigt wurden. Das Minimum in Höhe von 3,43 auf der Skala Selbstwert bei den jugendlichen Erwachsenen ist auffallend hoch. Auch in dieser Gruppe ist, analog zu den Jugendlichen, der Median (5,00) sowie das Minimum (2,71) auf der Skala Selbstwert markant hoch. Ins Auge sticht ebenso das niedrige Maximum auf der Skala Depressivität in Höhe von 3,87.
Tabelle 5: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der
weiblichen Jugendlichen
Tabelle 6: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der
weiblichen jungen Erwachsenen
Auch bei den weiblichen Probanden ist ersichtlich, dass die Wertebereiche der einzelnen Skalen weitestgehend ausgenutzt werden. Der niedrige Median (2,37) sowie das ebenso niedrige Maximum mit einem Wert von 4,20 auf der Skala Depressivität deutet auf eine linkssteile Verteilung hin, was sich durch das Betrachten des Histogramms für diese Variable bestätigen lässt. Diese Auffälligkeit ist auch bei den weiblichen jungen Erwachsenen erkennbar (Md=2,70; Max=4,40). Ähnliches trifft wie bereits angemerkt auch auf die männlichen Pro-banden zu. Erwähnenswert ist darüber hinaus auch der hohe Median (5,28) sowie das niedrige Maximum (4,14) der weiblichen jungen Erwachsenen auf der Skala Selbstwert. Diese zeigt sich ebenso bei den männlichen Probanden. Auf die Frage inwiefern signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Ausprägung der getesteten Persönlichkeitsmerkmale vorliegen, wird innerhalb der Untersuchung der jeweiligen Hypothese in der Ergebnisdarstellung näher eingegangen.
81 Ergebnisse
Statistische Kennwerte für die Skalen der Kriterien aus dem Fragebogen
Tabelle 7: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die
Gruppe der männlichen Jugendlichen
Tabelle 8: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die
Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Bei der Betrachtung der Kennwerte der Kriterien aus dem Fragebogen in der Untergruppe der Männern fällt vor allem der sehr hohe Median (6,00) auf der Skala Zukunftsorientierung bei den männlichen Jugendlichen auf. Bereits bei der Testung auf Normalverteilung stach diese Skala mit ihrer sehr starken linksschiefen Verteilung deutlich aus den anderen Kriterien her-vor. Bei den männlichen jungen Erwachsenen zeigt sich diese Tendenz in ähnlicher Ausprägung (Md=6,00; Min=2,67). Außergewöhnlich hoch erscheinen die Medianwerte der Skala emotionale Bindung sowohl bei männlichen Jugendlichen (5,00) als auch jungen Erwachsenen (4,67). Der Median auf der Skala Angst vor Vereinnahmung bei den männlichen Jugendlichen zeigt einen auffallend niedrigen Wert in Höhe von 1,67. Bei den männlichen jungen Erwachsenen ist es die Skala Angst vor Liebesverlust, die durch ihren niedrigen Median (1,75) augenfällig wird.
82 Ergebnisse
Tabelle 9: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die
Gruppe der weiblichen Jugendlichen
Tabelle 10: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die
Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Bei den weiblichen Probanden zeigt sich ein sehr ähnliches Bild, wenn es auch weniger ausgeprägt ist. So lassen die Skalen Öffnungsbereitschaft (Jugendliche: Md=5,17; junge Erwachsene: Md=5,50), Emotionale Bindung (Jugendliche: Md=5,00; junge Erwachsene: Md=4,83) und Zukunftsorientierung (Jugendliche: Md=5,83; junge Erwachsene: Md=6,00) relativ bis sehr hohe Medianwerte erkennen. Niedrige Medianwerte finden sich bei beiden Kohorten vor allem auf der Skala Ambivalenz (Jugendliche: Md=1,50; junge Erwachsene: Md=1,62).
83 Ergebnisse
Statistische Kennwerte der Kriterien aus dem CPRI
Tabelle 11: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die
Gruppe der männlichen Jugendlichen
Tabelle 12: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die
Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Sehr auffallend beim Betrachten der statistischen Kennwerte der CPRI-Skalen für die männlichen Teilnehmer der Studie ist, dass die Interview-Skalen, deren Wertebereich sich von 0 bis 4 erstreckt, nicht umfassend ausgenutzt werden. Der größte Maximums-Wert liegt bei 2,50. Der Median liegt bei allen Skalen in beiden Kohorten nicht über einem Wert von 1,5. Ein außergewöhnlich niedriger Median in Höhe von 1,00 sowohl bei den männlichen Jugendlichen als auch jungen Erwachsenen findet sich auf der Skala Bedeutung von Interdependenz. Umfassend kann gesagt werden, dass sich die statistischen Kennwerte der beiden Altersko-horten nicht wesentlich unterscheiden.
Tabelle 13: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die
Gruppe der weiblichen Jugendlichen
84 Ergebnisse
Tabelle 14: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die
Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Auch die statistischen Kennwerte der CPRI-Skalen der weiblichen Probanden zeigen ein ähnliches Bild. Ein größtes Maximum von 3,00 bei den weiblichen jungen Erwachsenen zeigt deutlich, dass der Wertebereich der Skalen nicht zur Gänze genutzt wird. Die beiden Alters-kohorten unterscheiden sich auch bei den Frauen nicht wesentlich voneinander. Mit einem Median von 0,50 auf der Skala Bedeutung von Interdependenz bei den weiblichen jungen Erwachsenen liegt dieser Wert noch unter dem der männlichen Probanden.
5.1.2 Beziehungsdauer als mögliche Störvariable
Die empirische Forschung hat die Beziehungsdauer als starken Einflussfaktor auf die Gestaltung einer Paarbeziehung ausmachen können. Auch in der hiesigen Arbeit soll der Einfluss der Variable Beziehungsdauer auf Autonomie und Verbundenheit nicht unbeachtet bleiben. Um die Dauer der Beziehung als mögliche Störvariable zu identifizieren, wird beobachtet, ob sich die Interkorrelationen der Kriteriumsvariablen verändern, wenn die Variable Beziehungsdauer kontrolliert wird. Es zeigt sich keine Veränderung der Interkorrelationen zwischen den Kriteriumsvariablen, was die Annahme zulässt, dass die Variable keinen störenden Einfluss auf die Zusammenhänge ausübt. Um diese Vermutung zu festigen, wird für alle verwendeten Variablen überprüft, ob sich durch die Dauer der Beziehung signifikante Unterschiede in den Mittelwerten der Variablen ergeben. Die stetige Variable Beziehungsdauer wird dazu anhand von Perzentilwerten in drei annähernd gleich große Gruppen (kürzere, mittlere und längere Beziehungsdauer) geteilt und so zu einer kategorialen Variable umkodiert. Bei den männlichen Jugendlichen zeigen sich keinerlei Effekte der Beziehungsdauer auf Persönlichkeitsvariablen sowie den Kriterien aus dem CPRI. Männliche Jugendliche mit einer längeren Beziehungsdauer (zwischen 24 und 98 Monaten) berichten jedoch über signifikant höhere Unabhängigkeit in ihrer Paarbeziehung (F=3,40; df=2; p= .048). Bei den männlichen jungen Erwachsenen zeigen sich weder in den Persönlichkeitsvariablen noch in den Kriterien aus dem Fragebogen sowie aus dem CPRI signifikante Einflüsse der Beziehungsdauer. Glei- ches gilt für die weiblichen Jugendlichen. Auch bei ihnen finden sich keine bedeutenden Ef-
85 Ergebnisse
fekte der Dauer ihrer Paarbeziehungen auf die in der Arbeit verwendeten Prädiktoren und Kriterien. Weibliche junge Erwachsene, die eine mittlere Beziehungsdauer (zwischen 11 und 24 Monaten) angeben, berichten über signifikant höhere Depressivitäts-Werte als die beiden anderen Gruppen (F=3,54; df=2; p= .043). Ebenso berichten die weiblichen jungen Erwachsenen mit mittellanger Beziehungsdauer von signifikant höherer Ambivalenz (F=9,53; df=2; p= .001). Signifikant niedrigere Zukunftsorientierung weisen weibliche junge Erwachsene mit kürzerer Beziehungsdauer (zwischen 3 und 11 Monaten) auf (F=6,79; df=2; p= .004). Auf den CPRI-Skalen zeigen sich keine Einflüsse der Beziehungsdauer bei den weiblichen jungen Erwachsenen. Aufgrund der insgesamt geringen Effekte der Beziehungsdauer auf die in der Arbeit verwendeten Variablen, kann davon ausgegangen werden, dass die Dauer der Beziehung keine potentielle Störvariable darstellt, so dass sie bei den weiteren Berechnungen außer Acht gelassen werden kann.
5.1.3 Testung der Ähnlichkeitsthese
Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchungen soll getestet werden, inwieweit sich die beiden Partner der befragten Paare in ihren Persönlichkeitseigenschaften ähneln. Damit soll geklärt werden, ob die Ähnlichkeitsthese, die besagt, dass Menschen eher mit solchen Personen enge Bindungen eingehen, die ihnen physisch und psychisch sowie in sozialen Merkmalen ähnlich sind, auf die untersuchte Stichprobe zutrifft. Dazu werden die Persönlichkeitsvariablen der Big Five sowie Selbstwert und Depressivität auf Paarebene interkorreliert. Die Testung erfolgt zweiseitig.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 15: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gesamtstichprobe
Tabelle 15 zeigt, dass die Persönlichkeitsvariablen zwischen den Partnern nicht sehr stark interkorreliert sind. Hohe Gewissenhaftigkeit bei der Frau geht signifikant mit hoher Gewissenhaftigkeit sowie tendenziell hoher Verträglichkeit beim Partner einher. Die Extraversion des Mannes korreliert tendenziell positiv mit der Extraversion seiner Partnerin. Dies sind die einzigen Befunde, in denen sich die Ähnlichkeitsthese bestätigt sieht. Zu berichten sind des Weiteren inverse Zusammenhänge zwischen weiblichem Neurotizismus und der Verträglich-
86 Ergebnisse
keit sowie Offenheit des männlichen Partners. Der Selbstwert der Frau steht in einem positiven Zusammenhang mit Verträglichkeit und Offenheit des Mannes.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 16: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10;**p^ .01
Tabelle 17: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der jungen Erwachsenen
Werden interessehalber die beiden Alterskohorten Jugendliche und junge Erwachsene mitein-ander verglichen, zeigt sich ein interessanter Unterschied. So finden sich bei den Jugendlichen wesentlich mehr signifikante Zusammenhänge, die die Ähnlichkeitsthese bestätigen, als bei den jungen Erwachsenen. Bei ihnen geht lediglich hohe Extraversion des Mannes signifikant mit hoher Gewissenhaftigkeit der Partnerin einher und weibliche Offenheit korreliert tendenziell positiv mit der Verträglichkeit des Partners. Bei den jugendlichen Paaren der untersuchten Stichprobe jedoch korreliert Gewissenhaftigkeit der Frau signifikant mit Gewissenhaftigkeit des Mannes und tendenziell gehen hohe Werte für Verträglichkeit beim Mann mit hohen Werten für Gewissenhaftigkeit bei der Frau einher. Zeigt ein Partner hohe Extraversion, tendiert auch der andere Partner zu hoher Extrovertiertheit. Extraversion beim Mann wiederum korreliert signifikant positiv mit Verträglichkeit bei der Partnerin. Hohe Offenheit bei der Partnerin geht tendenziell mit ebenso hoher Offenheit und signifikant höherem Neurotizismus des Mannes einher. Neurotische Verhaltenszüge bei der Frau stehen im inversen Zusammenhang mit Verträglichkeit und Offenheit beim Partner sowie in einem positiven Zusammenhang mit Extraversion beim Mann. Der Selbstwert der Partnerin korreliert signifikant positiv mit Offenheit beim Mann. Die jugendlichen Probanden scheinen sich also stärker gemäß der Ähnlichkeitsthese zu verhalten, denn die Partner gleichen sich in einem größeren Maße als es bei den jungen Erwachsenen der Fall ist.
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5.2 Der Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit (Fragestel-
lung 1+2)
Vor der Testung der Zusammenhänge zwischen Autonomie und Verbundenheit in einer Person (Fragestellung 1) sowie zwischen den Partnern (Fragestellung 2) wird die Stichprobe mittels T-Tests auf signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen Frauen und Männern sowie in den beiden Alterskohorten untersucht. Es zeigt sich, dass Frauen auf einem 10%igem Alpha-Fehler-Niveau tendenziell höhere Öffnungsbereitschaft (T=1,72; df=118; p= .088) sowie stärkere Unabhängigkeit (T=1,94; df=118, p= .055) zeigen. Auf den CPRI-Skalen lässt sich erkennen, dass Männer tendenziell niedrigere Werte auf der Skala Geteilte Erfahrung (T=1,94; df=118; p= .054) aufweisen. Werden die einzelnen Kohorten verglichen so lässt sich erkennen, dass männliche Jugendliche im Vergleich mit männlichen jungen Erwachsenen signifikant größere Angst vor Liebesverlust (T=2,43; df=58; p= .018) aufzeigen und von stärkerer Ambivalenz (T=2,28, df=58; p= .026) berichten. Beim Kohortenvergleich unter den Frauen fällt auf, dass weibliche Jugendliche von signifikant höheren Werte im Bereich Sensitive Caregiving (T=2,53; df=58; p= .014) berichten im Gegensatz zu weiblichen jungen Erwachsenen.
Zur Testung der Zusammenhänge von Fragestellung (1) und (2) werden die Einzelskalen für Autonomie und Verbundenheit aus dem Fragebogen sowie die Skalen des CPRI herangezogen. Der Test auf signifikante Korrelationen erfolgt einseitig, da erwartet wird, dass hohe Werte für Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie einhergehen.
88 Ergebnisse
5.2.1 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im Fragebogen
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 18: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer
Tabelle 18 zeigt einen Überblick über die Interkorrelationen der Skalen für Autonomie und Verbundenheit in der Untergruppe der Männer. Es wird deutlich, dass Männer, die sich selbst als unabhängig einschätzen tendenziell auch weniger Angst vor Vereinnahmung aufzeigen. Niedrige Angst vor Liebesverlust geht hochsignifikant mit niedriger Ambivalenz einher. Dies demonstriert, dass hohe Werte in einem Bereich der Autonomieskalen mit hohen Werten auf anderen Skalen für Autonomie einhergehen. Ebenso lässt sich auch erkennen, dass hohe Werte für einen Verbundenheits-Sektor mit anderen Skalen für Verbundenheit positiv korrelieren. So berichten Männer mit hohem Sensitive Caregiving von signifikant höheren Werten für Öffnungsbereitschaft, Emotionale Bindung und Zukunftsorientierung als Männer. Ebenso sind öffnungsbereite Männer gleichzeitig auch emotional stärker an ihre Partnerin gebunden und haben eher die Erwartung einer gemeinsamen Zukunft. Die Hypothese der ersten Fragestellung betreffend, zeigt sich die Skala Angst vor Vereinnahmung als stärkster Prädiktor dafür, dass hohe Werte für Autonomie mit hohen Werten für Verbundenheit einhergehen. So berichten Männer mit niedriger Angst vor Vereinnahmung von signifikant stärkerem Sensitive Caregiving, größerer Öffnungsbereitschaft gegenüber ihrer Partnerin, einer stärkeren emotionalen Bindung sowie stärkerer Zukunftsorientierung. Niedrige Ambivalenz geht mit verstärktem Sensitive Caregiving einher. Auffallend ist der Befund, dass hohe Angst vor Liebesverlust tendenziell mit hoher emotionaler Bindung einhergeht, was der generierten Hypothese widerspricht.
89 Ergebnisse
Tabelle 19: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen
Bei der Betrachtung der Interkorrelationen zwischen den Skalen für Verbundenheit und Autonomie zeigt sich für die Untergruppe der Frauen ein sehr ähnliches Bild. Auch bei ihnen zeigt sich die Skala Angst vor Vereinnahmung als stärkster Prädiktor für das Einhergehen hoher Autonomie mit hoher Verbundenheit. Frauen mit niedrigerer Angst vor Vereinnahmung berichten über signifikant höhere Öffnungsbereitschaft, tendenziell stärkere emotionale Bindung zum Partner und ein signifikant höheres Maß an Zukunftsorientierung als Frauen mit höherer Angst vor Vereinnahmung. Auch für die These, dass hohe Werte in einem Bereich für Autonomie mit hohen Werten in einem anderen Gebiet der Autonomie einhergehen, gibt es Indizien, wenn deren Ausprägungen auch nicht so deutlich sind wie bei den Männern. So korreliert Unabhängigkeit signifikant negativ mit Angst vor Liebesverlust und diese Skala wiederum steht in einem hochsignifikant positiven Verhältnis zu Ambivalenz. Analog zur Untergruppe der Männer finden sich bei den Frauen ebenso Beweise dafür, dass hohe Öffnungsbereitschaft mit starker emotionaler Bindung zum Partner und mit einer starken Erwartung bezüglich einer gemeinsamen Zukunft einhergeht. Als auffälliger Befund kann bei den Frauen erwähnt werden, dass hohe Angst vor Liebesverlust tendenziell mit niedriger Angst vor Ve- reinahmung einhergeht.
90 Ergebnisse
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 20: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 21: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Vergleicht man die beiden Kohorten in der Untergruppe der Männer, wird aus den Tabellen 20 und 21 deutlich, dass es unter den männlichen Jugendlichen etwas mehr signifikante und hochsignifikante Zusammenhänge zwischen den Skalen für Verbundenheit und Autonomie zu verzeichnen gibt. So korrelieren die Einzelskalen für den Bereich Verbundenheit hochsignifikant miteinander, was bedeutet, dass hohe Werte für eine Skala im Bereich Verbundenheit mit hohen Werten in einem anderen Bereich von Verbundenheit einhergehen. Vor allem die Skala Angst vor Vereinnahmung zeigt sich als starker Prädiktor für die verbundenheitsbezogenen Bereiche. Sie steht in einem inversen Zusammenhang mit allen Einzelskalen für Verbundenheit. Darin bestätigt sich die generierte Hypothese, dass hohe Werte für Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie einhergehen. Auch in der Kohorte der jungen Erwachsenen kann diese Hypothese bestätigt werden, obwohl weniger Zusammenhänge zwischen den bei-
91 Ergebnisse
den Konstrukten gemessen werden. Es zeigen sich Zusammenhänge innerhalb der jeweiligen Bereiche für Autonomie und Verbundenheit. So geht eine hohe emotionale Bindung zum Beispiel signifikant mit hoher Zukunftsorientierung einher in den männlichen jungen Erwachsenen. Oder eine hohe Unabhängigkeit steht in einem tendenziell negativen Zusammenhang mit der Angst vor Vereinnahmung. Als stärkster hypothesenkonformer Prädiktor zeigt sich Sensitive Caregiving, welches negativ mit den Skalen Angst vor Liebesverlust, Angst vor Vereinnahmung und Ambivalenz korreliert. Auch eine hohe Zukunftsorientierung geht signifikant mit niedriger Ambivalenz und damit hoher Autonomie einher.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 22: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 23: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Innerhalb der Untergruppe der Frauen lassen sich relativ wenige Unterschiede zwischen den Kohorten feststellen. Bei beiden Gruppen finden sich Indizien, dass hohe Werte auf einer Skala im Bereich Verbundenheit mit hohen Werten auf anderen Verbundenheits-Skalen einher- gehen. Bei beiden Gruppen korreliert Öffnungsbereitschaft hochsignifikant positiv mit emoti-
92 Ergebnisse
onaler Bindung und Zukunftsorientierung. Analog gilt dies für die Autonomie-Skalen. Hohe Ambivalenz geht bei beiden Gruppen mit hoher Angst vor Liebesverlust einher. Bei den weiblichen Jugendlichen ist dieser Zusammenhang jedoch stärker ausgeprägt. Wie bei den anderen untersuchten Gruppen zeigt sich auch in den beiden weiblichen Kohorten die Skala Angst vor Vereinnahmung als starker hypothesenkonformer Prädiktor im Bereich Verbundenheit - sie korreliert bei beiden Kohorten negativ mit Öffnungsbereitschaft und Zukunfts-orientierung, bei den jungen Erwachsenen überdies auch mit emotionaler Bindung. Den Erwartungen entsprechend lässt sich bei den weiblichen jungen Erwachsenen erkennen, dass hohe Zukunftsorientierung signifikant mit niedriger Angst vor Liebesverlust und vor Vereinnahmung und damit mit hoher Autonomie einhergeht. Vor allem der Zusammenhang zwischen Zukunftsorientierung und Angst vor Vereinnahmung ist mit einer Effektstärke von r 2 = .67 auch praktisch sehr bedeutsam. Bei den weiblichen Jugendlichen fällt dieser Zusam-
menhang deutlich schwächer aus. Bei ihnen zeigt sich, dass hohe Öffnungsbereitschaft tendenziell und Zukunftsorientierung signifikant mit niedrigen Werten auf der Autonomie-Skala Angst vor Vereinahmung einhergehen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Erwartungen der Fragestellung (1) für die Fragebogenskalen in allen Untergruppen bestätigt sehen. Obwohl sich in den einzelnen Gruppen ein jeweils leicht differenziertes Bild für die Interkorrelationen von Verbundenheit und Autonomie zeigt, kann davon ausgegangen werden, dass in einer Person hohe Werte für Autonomie mit hohen Werten für Verbundenheit einhergehen. Als stärkster Prädiktor zeigt sich bei fast allen Gruppen die Skala Angst vor Vereinahmung, die in niedriger Ausprägung mit hohen Werten auf den Skalen für Verbundenheit einhergeht. Bei den männlichen jungen Erwachsenen zeigt sich Sensitive Caregiving als stärkster Prädiktor autonomer Verhaltens- weisen.
93 Ergebnisse
Verbundenheit und Autonomie zwischen den Partnern - die Gesamtsstichprobe
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 24: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gesamtstichprobe
Tabelle 24 zeigt die Interkorrelationen der Skalen für Verbundenheit und Autonomie aus dem Fragebogen zwischen den Partnern. Als stärkster Prädiktor für die Männer zeigt sich die emotionale Bindung ihrer Partnerin. Ist diese hoch, zeigen die Männer signifikant höhere Werte für Sensitive Caregiving, Öffnungsbereitschaft, Emotionale Bindung und Zukunftsorientierung. Ebenso steht eine hohe emotionale Bindung der Frau an ihren Partner im Zusammenhang mit niedriger Ambivalenz und tendenziell niedriger Angst vor Liebesverlust bei den Männern. Bei einer hohen emotionalen Bindung der Männer allerdings zeigen sich wesentlich weniger Zusammenhänge mit den Verhaltensweisen ihre Partnerinnen. Diese berichten diesbezüglich lediglich über tendenziell weniger ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Partner und signifikant stärkerer emotionaler Bindung. Große Erwartungen an eine gemeinsame Zukunft von Seiten der Frau stehen im Zusammenhang mit den Verhaltensweisen des Partners. Dieser zeigt signifikant weniger Angst vor Liebesverlust sowie Ambivalenz und ist tendenziell stärker in der Lage sich gegenüber seiner Partnerin zu öffnen. Ebenso wie seine Partnerin zeigt er eine große Zukunftsorientierung. Auch hier lassen sich weniger Zusammenhänge zwischen einer hohen Zukunftserwartung ihres Partners und dem autonomen sowie verbundenheitsbezogenem Verhalten und Denken der Frau finden. Sie zeigt unter diesem Aspekt allein eine hohe emotionale Bindung und eine gleichermaßen starke Zukunftsorientierung. Große Öffnungsbereitschaft der Frau geht mit weniger Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz sowie stärkerer Angst vor Vereinnahmung, aber auch ebenso einer tendenziell größeren Bereitschaft sich den Partnerinnen zu öffnen bei den Männern einher. Die meisten signifikan- ten Zusammenhänge zeigen sich vor allem zwischen dem verbundenheitsbezogenem Verhal-
94 Ergebnisse
ten der Frau und den autonomen sowie verbundenen Verhaltensweisen der Männer. Ängste oder auch autonome Verhaltensweisen der Frauen stehen in einem weniger großen Zusammenhang mit Intimität und Autonomie bei den Männern. Die Angst vor Vereinnahmung auf Seiten der Frau korreliert signifikant positiv mit der Angst vor Liebesverlust und ambivalenten Gefühlen in den Männern. Eine hohe weibliche Angst vor Liebesverlust steht in einem signifikant negativen Zusammenhang mit der Fähigkeit des Partners das Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung in ihrer Partnerin zu erkennen. Als sehr starke Prädiktoren zeigen sich Ambivalenz und die Angst vor Liebesverlust bei den Männern. Diese in einem niedrigen Maß beim Partner vorhanden, korrelieren bei den Frauen hochsignifikant mit weniger Angst vor Vereinahmung sowie höherer Öffnungsbereitschaft, stärkerer emotionale Bindung und einer großen Erwartung an eine gemeinsame Zukunft. In einem ebenso starken Zusammenhang steht das Verbundenheits- und Autonomieempfinden der Frau und die Fähigkeit zum Sensitive Caregiving des Partners. Berichtet dieser von hohen Werten auf dieser Skala, zeigt die Frau weniger Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz sowie größere emotionale Bindung und eine ebenso große Fähigkeit wie ihr Partner auf seine Bedürfnisse zu reagieren. Die Öffnungsbereitschaft des Mannes korreliert positiv mit Öffnungsbereitschaft sowie emotionaler Bindung und Zukunftsorientierung der Frau. Eine hohe Unabhängigkeit im Mann geht mit hoher Unabhängigkeit in der Partnerin einher. Die in Fragestellung (2) generierte Hypothese, dass hohe Werte für Verbundenheit und Autonomie in einer Person mit hohen Werten für Verbundenheit und Autonomie beim Partner einhergehen, bestätigen die Interkorrelationen auf Paarebene, auch wenn die Zusammenhänge geschlechtsspezifisch zu differenzieren sind.
Verbundenheit und Autonomie zwischen den Partnern - Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 25: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der Jugendlichen
95 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 26: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen
Werden interessehalber innerhalb der zweiten Fragestellung die beiden Kohorten Jugendliche und junge Erwachsene verglichen, so lässt sich feststellen dass sich bei den Jugendlichen augenscheinlich weniger signifikante Effekte zwischen den Partnern zeigen. Bei beiden Kohorten geht hohe Unabhängigkeit in einer Person mit signifikant hoher Unabhängigkeit im Partner einher. Als stärkster Prädiktor in der Kohorte der jungen Erwachsenen zeigt sich die emotionale Bindung der Frau zu ihrem Partner. Ist jene hoch, geht dies mit weniger Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz im Partner sowie hohem Sensitive Caregiving, hoher Öffnungsbereitschaft, starker Zukunftsorientierung sowie einer ebenso starken emotionalen Bindung zur Partnerin einher. Die starke Zukunftsorientierung der weibliche jungen Erwachsenen geht hochsignifikant mit einer ähnlich hohen Zukunftserwartung im Partner einher; dieser zeigt tendenziell weniger ambivalente Gefühlen gegenüber seiner Partnerin und niedrige Angst vor Liebesverlust, aber auch eine erhöhte Angst vor Vereinnahmung. Eine hohe Öffnungsbereitschaft der Frau hängt mit einer signifikant erhöhten Angst vor Vereinnahmung im männlichen jungen Erwachsenen zusammen, aber auch mit einer tendenziell stärkeren Zu-kunftsorientierung. Die Fähigkeit der weiblichen jungen Erwachsenen die Bedürfnisse des Partners zu erkennen, geht bei den diesen insbesondere auf den Autonomieskalen mit positiven Effekten einher. So zeigen sich negative Korrelationen zwischen dem Sensitive Caregiving der jungen erwachsenen Frau und der Angst vor Liebesverlust sowie Ambivalenz beim männlichen jungen Erwachsenen. Wie auch schon in der Gesamtsstichprobe zeigen sich zwischen den autonomie- und verbundenheitsbezogenen Verhaltensweisen des männlichen jungen Erwachsenen und vor allem der Verbundenheit der weiblichen jungen Erwachsenen starke Zusammenhänge. Niedrige Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz im jungen erwachse- nen Mann beispielsweise hängt tendenziell mit niedriger Angst vor Vereinahmung, hohem
96 Ergebnisse
Sensitive Caregiving, starker emotionaler Bindung sowie starker Zukunftsorientierung bei den weiblichen jungen Erwachsenen zusammen. In der Kohorte der Jugendlichen zeigt sich ein etwas anderes Bild. Es wird deutlich, dass hohe Öffnungsbereitschaft sowie eine starke emotionale Bindung zur Partnerin und starke Zukunftsorientierung in den männlichen Jugendlichen mit signifikant weniger Ambivalenz in ihren Partnerinnen einhergeht. Sensitive Caregiving im jugendlichen Mann korreliert signifikant positiv mit der emotionalen Bindung und Zukunftsorientierung der jugendlichen Partnerin. Die Ambivalenz des männlichen Jugendlichen korreliert signifikant positiv mit der Angst vor Vereinnahmung und hochsignifikant negativ mit Öffnungsbereitschaft, emotionaler Bindung sowie Zukunftsorientierung in der Partnerin. Analog zur Kohorte der jungen Erwachsenen zeigen sich auf den Skalen der männlichen Jugendlichen mehrfache Zusammenhänge mit den verbundenen Verhaltensweisen ihrer Partnerinnen. Eine hohe Erwartung an eine gemeinsame Zukunft in den weiblichen Jugendlichen geht mit niedriger Ambivalenz, hohem Sensitive Caregiving sowie hoher Öffnungsbereitschaft im Partner einher. Die emotionale Bindung der jugendlichen Frau an ihren Partner korreliert positiv mit der emotionalen Bindung des Partners sowie dessen Fähigkeit die Bedürfnisse seiner Partnerin nach Hilfe und Unterstützung zu erkennen und negativ mit der Ambivalenz in ihrem Partner. Für die beiden Alterskohorten lässt sich festhalten, dass auch bei ihnen die im Vorfeld generierte Hypothese bestätigt werden kann.
Zusammenfassend kann zur Beantwortung der zweiten Fragestellung gesagt werden, dass sich in allen Untergruppen die Hypothese, dass hohe Werte für Verbundenheit und Autonomie in einer Person mit hohen Werten für Verbundenheit und Autonomie im Partner einhergeht, bestätigen lässt. Differenziert werden können aber sowohl geschlechts- als auch kohortenspezifische Unterschiede. So stehen bei Betrachtung der Gesamtstichprobe vor allem ver-bundenheitsbezogene Verhaltensweisen der Frau in starkem Zusammenhang mit den Verhaltens- und Denkweisen bezüglich Autonomie und Intimität beim Mann. Die Kohorte der jungen Erwachsenen spiegelt ein ähnliches Bild wider. Unter den Jugendlichen finden sich jedoch auffallend weniger signifikante Zusammenhänge zwischen den Partnern.
5.2.2 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im CPRI
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; **p^ .01
Tabelle 27: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Männer
97 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; **p^ .01
Tabelle 28: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Frauen
Im Bereich des CPRI lassen sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede feststellen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen korrelieren die Skalen für Verbundenheit und Autonomie hochsignifikant miteinander. Die Zusammenhänge haben in beiden Gruppen vergleichbare Stärken. Damit sieht sich die hypothetische Erwartung der ersten Fragestellung auch im CPRI sowohl in der Untergruppe der Frauen als auch in der der Männer bestätigt.
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; **p^ .01
Tabelle 29: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; **p^ .01
Tabelle 30: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Auch unter der Betrachtung der beiden männlichen Alterskohorten lässt sich festhalten, dass hohe Verbundenheit sowohl mit hoher Autonomie als auch starker Integration der beiden Konstrukte einhergeht. Die Zusammenhänge zwischen der Autonomie-Skala (IPA) des CPRI und der Skala Bedeutung von Interdependenz sowie zwischen der Verbundenheits-Skala (GE) und der Skala, die beide Aspekte in ein interdependentes Verhältnis setzt, sind bei den männ- lichen jungen Erwachsenen etwas höher.
98 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; **p^ .01
Tabelle 31: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; **p^ .01
Tabelle 32: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Bei den weiblichen Alterskohorten zeigt sich ein ähnliches Bild wie in den anderen getesteten Gruppen. Auch bei ihnen korrelieren Autonomie und Verbundenheit hochsignifikant mitein-ander. Sowohl die Zusammenhänge zwischen Interpersoneller Aushandlung und Geteilter Erfahrung als auch zwischen der Autonomie-Skala und Bedeutung von Interdependenz zeigen sich bei den weiblichen jungen Erwachsenen etwas stärker.
Zusammenfassend kann für die CPRI-Skalen festgehalten werden, dass die Hypothese der ersten Fragestellung, nach der hohe Werte für Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie in einer Person einhergehen, in allen Untergruppen bestätigt werden kann. Die zusätzliche Skala der Bedeutungszuschreibung bringt den Vorteil ebenso das Maß der Integration der beiden Konstrukte messen zu können. Auch diese Skala steht bei allen Gruppen in positivem Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit. Die Effektstärken der Korrelation zwischen r 2 = .36 und r 2 = .69 lassen auf starke lineare Zusammenhänge mit be-
deutender praktischer Wirkung schließen.
Verbundenheit und Autonomie zwischen den Partnern - Gesamtsstichprobe
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 33: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gesamtsstichprobe
99 Ergebnisse
Die Interkorrelation der Skalen für Verbundenheit und Autonomie des CPRI unter der zweiten Fragestellung betrachtend, zeigt sich auf Paarebene, dass hohe Autonomie und hohe Verbundenheit auf Seiten der Frau teilweise sogar hochsignifikant mit hoher Verbundenheit und hoher Autonomie beim Partner einhergeht und vice versa. Für die Skala der Bedeutungszuschreibung auf Seiten der Frau zeigen sich keine signifikanten Zusammenhänge mit allen untersuchten CPRI-Skalen des Partners.
Verbundenheit und Autonomie zwischen den Partnern - Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 34: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen
Werden die Zusammenhänge zwischen Autonomie und Verbundenheit auf Paarebene interessehalber für die beiden Alterskohorten einzeln betrachtet, zeigen sich starke Unterschiede. Lediglich ein Zusammenhang, nämlich der, dass hohe Werte für Verbundenheit auf Seiten der Frau mit hohen Werten für Verbundenheit auf Seiten des Partners einhergehen, kann bei den Jugendlichen als signifikant gekennzeichnet werden (r= .31). In der Kohorte der jungen Erwachsenen jedoch zeigen sich teilweise sogar hochsignifikante Interkorrelationen zwischen allen untersuchten Skalen des CPRI. Allein der Zusammenhang zwischen der Skala für Autonomie auf Seiten des Mannes und der Skala Bedeutung von Interdependenz auf Seiten der Partnerin zeigt sich nicht signifikant.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im CPRI die Gesamtstichprobe betreffend die Erwartungen der Fragestellung (2) erfüllt werden. Die Interkorrelation der Daten der 60 Paare zeigen, dass hohe Verbundenheit und Autonomie in einer Person mit hoher Verbundenheit und Autonomie im Partner einhergehen. Überdies zeigt sich der Zusammenhang zwischen der Bedeutungszuschreibung der Interdependenz des Mannes und der Verbundenheit sowie Autonomie der Partnerin signifikant. Was den Kohortenvergleich betrifft, kann die generierte Hypothese für die Gruppe der Jugendlichen nur teilweise bestätigt werden, da allein hohe Verbundenheit bei einer Person mit hoher Verbundenheit beim Partner einhergeht. Sehr viel stärkere Zusammenhänge, die die im Vorfeld der Untersuchung aufgestellten Erwartungen bestätigen, zeigen sich hingegen in der Kohorte der jungen Erwachsenen. Nicht nur, dass hohe Werte für Verbundenheit und Autonomie in einer Person mit hohen Werten für die beiden Konstrukte im Partner einhergehen, hohe Werte auf den Autonomie- und Verbundenheits- Skalen stehen auch im positiven Zusammenhang mit der Skala Bedeutung von Interdepen-
100 Ergebnisse
denz, die die Fähigkeit der Personen widerspiegelt Autonomie und Intimität in ein interdependentes Verhältnis bringen zu können.
5.3 Der Zusammenhang zwischen den Big Five und Autonomie sowie Ver-
bundenheit (Fragestellung 3)
Bevor die Zusammenhänge zwischen den Variablen der Big Five und den Skalen für Verbundenheit sowie Autonomie getestet werden, wird die Stichprobe auf signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern und Kohorten untersucht. Für die Variable Extraversion zeigt sich, dass männliche Jugendliche tendenziell extravertierter (T=1,75; df=58; p= .085) sind als männliche junge Erwachsene. Im Bereich Verträglichkeit wird deutlich, dass sich Frauen hochsignifikant verträglicher (T=2,64; df=118; p^ .01) einschätzen als Männer. Abbildung 8 veranschaulicht diesen Mittelwertsunterschied grafisch.
Abbildung 8: Boxplot zur Darstellungen der Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern für die Variable Verträglichkeit
Weibliche junge Erwachsene berichten tendenziell von mehr Gewissenhaftigkeit (T=1,77; df=58; p= .082) als weibliche Jugendliche. Weiterhin zeigen die T-Tests, dass Frauen hochsignifikant größere Werte im Bereich Neurotizismus (T=4,65; df=118; p^ .01) aufweisen als Männer. Eine grafische Darstellung zur Veranschaulichung dieses bedeutenden Unterschieds zwischen Frauen und Männern zeigt Abbildung 9.
101 Ergebnisse
Abbildung 9: Boxplot zur Darstellung der Mittelwertsunterschied zwischen den Geschlechtern für die Variable Neurotizismus
Für die Variable Offenheit wird ersichtlich, dass Frauen tendenziell zu mehr Offenheit (T=1,76; df=118; p= .080) neigen als Männer.
Die korrelativen Berechnungen zu Fragestellung (3) basieren auf den aggregierten Skalen für Autonomie und Verbundenheit aus dem Fragebogen sowie den Skalen des CPRI. Die Testung der Zusammenhänge erfolgt einseitig.
102 Ergebnisse
5.3.1 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit
im Fragebogen
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 35: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer
Für die Untergruppe der Männer wird deutlich, dass lediglich die Variablen Extraversion und Neurotizismus im Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit stehen. So berichten Männer mit hoher Extraversion von signifikant höherem Commitment, größerer Öffnungsbereitschaft und stärkerem Sensitive Caregiving. Neurotizismus zeigt die erwarteten Zusammenhänge mit dem selbsteingeschätzten autonomen sowie verbundenheitsbezogenen Verhalten. Die Variable korreliert signifikant negativ mit Sensitive Caregiving und positiv mit einer unsicheren Bindung dem Partner gegenüber. Damit bestätigen beide Konstrukte die in den Hypothesen erwarteten Zusammenhänge, wobei Extraversion lediglich mit verbundenheitsbezogenen Aspekten im Zusammenhang steht.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 36: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen
Auf den ersten Blick wird deutlich, dass sich bei den Frauen mehr Zusammenhänge zwischen den Big Five und der selbsteingeschätzten Autonomie und Verbundenheit zeigen. So geht hohe Gewissenhaftigkeit tendenziell mit hohem Commitment, signifikant hoher Unabhängig- keit und tendenziell wenig Angst vor emotionaler Inbesitznahme einher. Diese Charakterei-
103 Ergebnisse
genschaft zeigt bei den Männern keinerlei Zusammenhänge mit deren autonomen und ver-bundenen Verhaltens- und Denkweisen. Bei den Frauen allerdings lassen sich keinerlei Zusammenhänge zwischen Extraversion und den Faktoren für Verbundenheit und Autonomie beobachten. Bei den Männern hingegen scheint diese Persönlichkeitskomponente ein starker Prädiktor zu sein. Hohe Offenheit bei den Frauen geht tendenziell mit starker Öffnungsbereitschaft gegenüber dem Partner und starkem Sensitive Caregiving einher. Ein auffälliger Be-fund ist, dass Verträglichkeit mit Unabhängigkeit negativ korreliert. Für beide Konstrukte ergeben sich bei der Untergruppe der Männer keine signifikanten Zusammenhänge. Neurotizismus geht, ähnlich wie bei den Männern, mit einer starken unsicheren Bindung zum Partner einher und überdies mit weniger Öffnungsbereitschaft sowie niedrigerer Unabhängigkeit. Neurotizismus steht bei den Frauen also sowohl mit den Verbundenheits-Skalen als auch mit den Autonomie-Skalen im Zusammenhang.
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 37: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Werden die Kohorten innerhalb der Untergruppe der Männer verglichen zeigt sich eine interessante Auffälligkeit. Bei den männlichen Jugendlichen finden sich keinerlei Zusammenhänge zwischen den Variablen der Big Five und den Faktoren für Autonomie und Verbundenheit. Bei den männlichen jungen Erwachsenen jedoch lassen sich mehrere signifikante Zusammenhänge beobachten, wie Tabelle 37 verdeutlicht. Extraversion scheint ein starker positiver Prä-diktor zu sein, allerdings auch bei den männlichen jungen Erwachsnen lediglich für die Faktoren für Verbundenheit. Neurotizismus zeigt auch bei den männlichen jungen Erwachsenen seine negativen Aspekte im Bezug auf Verbundenheit und Autonomie. So geht diese Variable mit schwachem Commitment, niedrigem Sensitive Caregiving und starker Unsicherheit in der Beziehung zum Partner einher, wenn sie hoch ausgeprägt ist. Verträglichkeit korreliert ten- denziell negativ mit der Angst vor emotionaler Inbesitznahme.
104 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 38: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 39: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Die beiden weiblichen Kohorten im Vergleich betrachtend, wird deutlich, dass die Variable Gewissenhaftigkeit bei den Jugendlichen ein relativ wichtiger Prädiktor für Verbundenheit und Autonomie zu sein scheint. Gewissenhaftigkeit korreliert tendenziell positiv mit Commitment und Unabhängigkeit und negativ mit der Angst vor emotionaler Inbesitznahme. Bei den weiblichen jungen Erwachsenen hingegen zeigen sich keinerlei Zusammenhänge zwischen diesen Konstrukten. Bei ihnen geht hohe Extraversion tendenziell mit hoher Öffnungsbereitschaft einher. Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den weiblichen Jugendlichen nicht. Im Bereich Verträglichkeit zeigen sich bei beiden Gruppen Zusammenhänge. Hohe Verträglichkeit bei den weiblichen Jugendlichen geht mit hohem Sensitive Caregiving und niedriger Unabhängigkeit einher, was ein auffälliger und der im Vorfeld generierten Hypothese widersprechender Befund ist. Für die weiblichen jungen Erwachsenen zeigt sich eine ähnlich ungewöhnliche Lage. Verträglichkeit korreliert bei ihnen positiv mit einer unsicheren Bindung zum Partner. Für die Variable Offenheit zeigen sich bei beiden Gruppen positive Aspekte sowohl für Autonomie- als auch Verbundenheits-Faktoren. Neurotizismus ist bei beiden Gruppen ein negativer Prädiktor. Bei den Jugendlichen geht hoher Neurotizismus signifikant mit niedriger Öffnungsbereitschaft und hoher unsicherer Bindung zum Partner einher; bei den jungen Erwachsenen tendenziell mit niedriger Unabhängigkeit.
105 Ergebnisse
Zusammenfassend kann zur dritten Fragestellung unter der Betrachtung der Fragebogenskalen gesagt werden, dass sich viele im Voraus aufgestellten Erwartungen bestätigt sehenallerdings jeweils nur für einzelne Untergruppen, darauf sei hingewiesen. Ein Prädiktor, der bei den Frauen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist Extraversion. Bei den männlichen Probanden jedoch zeigen sich eindeutige teilweise hochsignifikante Zusammenhänge in diesem Bereich, allerdings lediglich mit den Faktoren für Verbundenheit. Die Erwartung, dass hohe Extraversion mit hoher Verbundenheit und Autonomie in einer Person einhergeht, lässt sich also nur teilweise bestätigen. Bei den Frauen ist es Gewissenhaftigkeit, welche signifikante Korrelationen sowohl mit autonomem als auch verbundenheitsbezogenem Denken und Handeln aufzeigt. Für die männlichen Probanden lassen sich in diesem Bereich keinerlei signifikante Zusammenhänge finden. Die Hypothese, dass hohe Werte für Gewissenhaftigkeit mit hohen Werten der Faktoren für Autonomie und Verbundenheit einhergehen, lässt sich demnach nur für die Frauen und weiblichen Jugendlichen bestätigen. Für das Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit zeigen sich nur sehr wenige den Erwartungen entsprechende Zusammenhänge. So berichten männliche junge Erwachsene zwar von niedriger Angst vor emotionaler Inbesitznahme bei hoher Verträglichkeit und weibliche Jugendliche zeigen hohes Sensitive Caregiving bei hoher Verträglichkeit. Es gibt aber auch dem widersprechende Befunde, die klärungsbedürftig erscheinen, weshalb die Hypothese, dass hohe Verträglichkeit mit hoher Autonomie und Verbundenheit in einer Person einhergeht als nicht haltbar eingeschätzt werden muss. In der abschließenden Diskussion wird sich zu dieser Thematik eine inhaltlich tiefere Erörterung finden. Für das Konstrukt Offenheit wurden im Vorfeld keine Annahmen über die Richtung des bestehenden Zusammenhangs gemacht. Die Untersuchung zeigt, dass Offenheit als positiver Prädiktor gelten kann und im Zusammenhang zu verbundenheits- als auch autonomiebezogenem Verhalten steht. Allerdings kann die Hypothese, dass ein Zusammenhang besteht, alleinig für die weiblichen Untergruppen bestätigt werden. Bei den männlichen Untergruppen zeigen sich keine signifikanten Zusammenhänge. Neurotizismus zeigt sich in der hiesigen Studie als stärkster Prädiktor für Autonomie und Verbundenheit. Bei fast allen Gruppen (bis auf die der männlichen Jugendlichen) zeigen sich negative Aspekte in den Bereichen Autonomie und Verbundenheit im Zusammenwirken mit hohem Neurotizismus. Die Erwartung, dass hohe Neurotizismus-Werte mit niedrigen Werten auf den Faktoren für Verbundenheit und Autonomie einhergehen kann als bestätigt betrachtet werden. Als klärungsbedürftig zeigt sich hier die Gruppe der männlichen Jugendlichen, die keinerlei signifikante Zusammenhänge diesbezüglich aufzeigt.
106 Ergebnisse
5.3.2 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit
im CPRI
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 40: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Männer
Für die männlichen Probanden zeigt sich Extraversion als starker positiver Prädiktor im Zusammenhang mit Autonomie sowie der Skala der Bedeutungszuschreibung. Auch Offenheit steht im Zusammenhang mit Geteilter Erfahrung und der Bedeutung von Interdependenz. Hohe Werte für Neurotizismus gehen bei den Männern mit tendenziell niedrigen Werten auf der Skala IPA einher.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; **p^ .01
Tabelle 41: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Frauen
Für die Frauen zeigt sich ein deutlich anderes Bild. Als stärkster Prädiktor kann bei ihnen das Persönlichkeitskonstrukt Gewissenhaftigkeit angesehen werden, welches bei der Untergruppe der Männer keinerlei signifikante Zusammenhänge mit Verbundenheit oder Autonomie zeigte. Es korreliert mit allen CPRI-Skalen hochsignifikant positiv. Für den Bereich Offenheit zeigt sich eine negative Korrelation mit der Skala BI. Sowohl Extraversion als auch Neuroti- zismus weisen keinerlei signifikante Korrelationen mit den CPRI-Skalen auf.
107 Ergebnisse
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 42: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 43: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Werden die Kohorten der Männer verglichen wird vor allem deutlich, dass sich Extraversion als stärkster Prädiktor bei den männlichen jungen Erwachsenen widerspiegelt; er korreliert dort mit allen CPRI-Skalen. Nicht der Fall ist dies bei den männlichen Jugendlichen. Offenheit zeigt in dieser Kohorte signifikante Zusammenhänge mit der Autonomie-Skala des CPRI und der bedeutungszuschreibenden Skala. Hohe Extraversion geht bei den männlichen Jugendlichen tendenziell mit hohen Werten auf der Skala BI einher. In der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen zeigt sich eine hochsignifikant positive Korrelation zwischen Gewissenhaftigkeit und Interpersoneller Aushandlung.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; **p^ .01
Tabelle 44: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Auch zwischen den weiblichen Kohorten lässt sich deutlich differenzieren. So zeigen die weiblichen Jugendlichen lediglich einen tendenziellen Zusammenhang, nämlich den negati- ven zwischen Neurotizismus und der Autonomie-Skala des CPRI (-.28) Wohingegen die
108 Ergebnisse
weiblichen jungen Erwachsenen zwar auch nur Zusammenhänge mit einem Persönlichkeitskonstrukt zeigen, jedoch mit allen Indikatoren. So geht hohe Gewissenhaftigkeit bei den weiblichen jungen Erwachsenen hochsignifikant mit hoher Autonomie, großer geteilter Erfahrung und einer starken Fähigkeit diese beiden Konstrukte zu integrieren einher.
Zusammenfassend kann für die CPRI-Skalen in Bezug auf Fragestellung (3) gesagt werden, dass sich keine der gemachten Erwartungen für alle Gruppen insgesamt bestätigen lässt. Das Persönlichkeitskonstrukt Gewissenhaftigkeit steht, wie es auch bei den Fragebogenskalen der Fall ist, lediglich für die Untergruppen der Frauen und der weiblichen jungen Erwachsenen im hochsignifikanten Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit. Für diese Gruppen lässt sich bestätigen, dass hohe Verträglichkeit mit hoher Autonomie sowie Verbundenheit einhergeht. Auch Extraversion zeigt sich, wie auch innerhalb der Fragebogenskalen beobachtet werden kann, nur bei den männlichen Probanden, insbesondere bei der Untergruppe der Männer sowie der männlichen jungen Erwachsenen als starker Prädiktor für Intimität und Autonomie. Für diese Gruppen kann die im Vorfeld generierte Hypothese bestätigt werden. Für Variable Offenheit, über deren Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit keine richtungweisenden Annahmen im Voraus gemacht wurden, zeigen sich Korrelationen für die Untergruppen der Frauen und Männer sowie der männlichen Jugendlichen mit den CPRI-Skalen. Für alle drei Untergruppen finden sich Zusammenhänge mit der Skala Bedeutung von Interdependenz. Da hohe Werte auf dieser Skala das Vorhandensein von hoher Autonomie und Verbundenheit praktisch voraussetzen, kann für die genannten Untergruppen die Hypothese eines bestehenden Zusammenhangs bekräftigt werden. Im Großteil sind es positive Zusammenhänge, die Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit miteinander teilen. Für die Untergruppe der Frauen liegt eine tendenziell negative Korrelation mit der Skala BI vor. Wie diese zu deuten ist, wird in der Diskussion der Ergebnisse zu klären sein. Neurotizismus zeigt sich auf den CPRI-Skalen im Gegensatz zu den Fragebogenskalen als nicht sehr starker Prä-diktor für Autonomie und Verbundenheit, so dass die Hypothese, dass hohe Neurotizismus-Werte mit niedrigen Werten für Autonomie und Verbundenheit einhergehen durch diese Untersuchung nicht bekräftigt werden kann. Für das Persönlichkeitskonstrukt Verträglichkeit finden sich auf den CPRI-Skalen keinerlei signifikante Zusammenhänge. Bereits im Fragebogen zeigten sich die Korrelationen in diesem Bereich ambivalent, so dass auch hier gesagt werden muss, dass die Erwartung hohe Werte für Verträglichkeit gingen mit hohen Werten für Autonomie und Verbundenheit einher, nicht bejaht werden kann.
5.4 Selbstwert und Depressivität im Zusammenhang mit Autonomie sowie
Verbundenheit (Fragestellung 4+5)
Vor der Darstellung der einzelnen Zusammenhänge wird die Stichprobe mittels T-Tests auf signifikante Mittelwertsunterschiede in den Variablen Selbstwert und Depressivität unter-
109 Ergebnisse
sucht. Dabei zeigt sich, dass weibliche junge Erwachsene einen signifikant höheren Selbstwert (T=2,11; df=58; p= .039) aufweisen als weibliche Jugendliche. In der Kohorte der Frauen findet sich ein signifikant höherer Wert für Depressivität (T=2,01; df=118; p= .046) verglichen mit der Kohorte der Männer.
Zur Testung der Zusammenhänge in Fragestellung (4) und (5) werden als Kriterien die aggregierten Skalen für Autonomie und Verbundenheit aus dem Fragebogen sowie die Skalen des CPRI verwendet. Da im Vorfeld gerichtete Hypothesen formuliert wurden, erfolgt die Testung der Korrelationen einseitig.
5.4.1 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im Fragebogen
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 45: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer
Tabelle 45 verdeutlicht, dass Männer mit einem höheren Selbstwert über signifikant höheres Commitment und Sensitive Caregiving sowie tendenziell höhere Öffnungsbereitschaft berichten. Ein hoher Selbstwert geht überdies tendenziell mit einer niedrigen unsicheren Bindung zum Partner einher. Durch diese Korrelationen wird die Erwartung bekräftigt, dass ein hohes Selbstwertgefühl im Zusammenhang mit positiven Beziehungsaspekten steht. Auch die Variable Depressivität korreliert mit verbundenheits- und autonomiebezogenem Denken und Handeln. So berichten Männer mit hoher Depressivität über mangelnde Fähigkeit, die Bedürfnisse der Partnerin nach Unterstützung und Hilfe zu erkennen und sind durch eine unsichere Bindung zu ihr geprägt. Auch diese Zusammenhänge bestätigen die Erwartungen an die Ergeb- nisse der Studie.
110 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 46: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen
Verglichen mit der Kohorte der Männer, zeigt sich bei den Frauen, dass ein hoher Selbstwert stärker im Zusammenhang mit autonomiebezogenen Verhaltensweisen steht. So geht ein hoher Selbstwert bei den Frauen hochsignifikant mit niedriger unsicherer Bindung, größerer Unabhängigkeit und weniger Angst vor emotionaler Inbesitznahme einher. Ebenso korreliert die Skala Selbstwert hochsignifikant positiv mit dem Faktor Öffnungsbereitschaft. Über Depressivität im Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit lässt sich berichten, dass sich bei den Frauen sehr ähnliche Zusammenhänge wie bei den Männern zeigen. Depressivität korreliert negativ mit Sensitive Caregiving sowie Unabhängigkeit und positiv mit dem Faktor Unsichere Bindung zum Partner. Die vorab getroffenen Erwartungen lassen sich auch für diese Untergruppe ratifizieren.
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 47: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen Jugendlichen
111 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 48: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsene
Stellt man die beiden Alterskohorten innerhalb der männlichen Untergruppe gegenüber, lässt sich feststellen, dass die Variable Selbstwert ein in seiner Stärke vergleichbarer Prädiktor in beiden Kohorten ist. Bei den männlichen Jugendlichen steht er vor allem im Zusammenhang mit verbundenheitsbezogenen Verhaltensweisen, so dass ein hoher Selbstwert mit hohem Commitment und tendenziell starker Öffnungsbereitschaft gegenüber der Partnerin einhergeht. Bei den männlichen jungen Erwachsenen korreliert Selbstwert positiv mit Sensitive Caregiving und negativ mit einer unsicheren Bindung zur Partnerin. Depressivität steht bei den männlichen jungen Erwachsenen in deutlich stärkerem Zusammenhang mit selbsteingeschätzter Autonomie und Verbundenheit als bei den männlichen Jugendlichen. Hohe Depressivität geht bei ihnen mit niedrigem Commitment und Sensitive Caregiving sowie hoher Unsicherheit gegenüber der Partnerin einher. Bei den Jugendlichen zeigt sich dieser letztgenannte Zusammenhang auch, aber in wesentlich schwächerer Ausprägung.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ ,10; *p^ ,05
Tabelle 49: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen
112 Ergebnisse
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 50: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
In beiden weiblichen Kohorten zeigt sich die Variable Selbstwert als relativ starker Prädiktor für Verbundenheit und Autonomie. Bei den weiblichen Jugendlichen geht ein hoher Selbstwert mit tendenziell hohem Commitment und starker Öffnungsbereitschaft sowie signifikant niedriger Angst vor emotionaler Inbesitznahme einher. Für die Kohorte der weiblichen jungen Erwachsenen korreliert Selbstwert positiv mit Öffnungsbereitschaft und Unabhängigkeit und negativ mit einer von Unsicherheit geprägten Bindung zum Partner. Die Zusammenhänge finden sich also vermehrt auf den Faktoren für Autonomie, wohingegen sie bei den weiblichen Jugendlichen eher im Bereich der Verbundenheit zu finden sind. Im Bereich Depressivität zeigt sich quantitativ eine gleich hohe Anzahl an signifikanten Zusammenhängen in beiden Alterskohorten. Differenziert werden können jedoch teilweise die Bereiche in denen sich signifikante Korrelationen finden. Depressivität korreliert bei den weiblichen Jugendlichen signifikant negativ mit Öffnungsbereitschaft und Commitment sowie der Angst vor emotionaler Inbesitznahme und positiv mit einer unsicheren Bindung zum Partner. Bei den weiblichen jungen Erwachsenen geht hohe Depressivität mit einer hohen unsicheren Bindung zum Partner einher sowie niedrigem Sensitive Caregiving und überdies niedrigen Werten im Bereich Unabhängigkeit. Auffallend ist die positive Korrelation zwischen Depressivität und Commitment in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen.
Zusammenfassend kann zur Beantwortung der vierten und fünften Fragestellung anhand der Untersuchung der Fragebogenskalen gesagt werden, dass sich für die Skala Selbstwert die vorab formulierte Erwartung, dass hohes Selbstwertgefühl mit hoher Autonomie und Verbundenheit einhergeht, für fast alle Gruppen ratifizieren lässt. Bis auf die Untergruppe der männlichen Jugendlichen zeigen alle Gruppen Zusammenhänge sowohl im verbundenheits- als auch autonomiebezogenem Verhalten. Ergänzend muss hinzugefügt werden, dass sich diese Bereiche jedoch geschlechts- sowie kohortenabhängig unterschiedlich gewichten. Bei den Frauen finden sich signifikante Zusammenhänge vor allem mit Faktoren für Autonomie, bei den Männern liegen diese eher im Bereich Verbundenheit. Interessanteweise unterschieden sich die weiblichen Kohorten ebenso diesbezüglich, so dass sich bei den weiblichen Jugendli-
113 Ergebnisse
chen eine stärkere Gewichtung der signifikanten Zusammenhänge auf Verbundenheitsebene beobachten lässt und in der Kohorte der weiblichen jungen Erwachsenen auf den Autonomie-Faktoren. Eine unsichere Bindung zum Partner steht bei fast allen Gruppen (außer den männlichen und weiblichen Jugendlichen) in einem signifikanten, teilweise hochsignifikanten, Zusammenhang zum Selbstwert. Die Erwartungen, welche zum Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person vorab verbalisiert wurden, können für fast alle Gruppen bejaht werden. Wieder ist es die Untergruppe der männlichen Jugendlichen, für welche die Hypothese, dass hohe Depressivität im Zusammenhang mit negativen Aspekten für Autonomie und Verbundenheit steht, nicht zutreffend ist. Bei ihnen zeigt sich lediglich ein positiver Zusammenhang zwischen Depressivität und einer unsicheren Bindung zur Partnerin. Für alle anderen Gruppen zeigen sich vergleichbare Zusammenhänge sowohl mit Faktoren für Autonomie als auch Verbundenheit. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei ihnen hohe Werte für Depressivität mit niedriger Autonomie und wenig Verbundenheitsgefühl in der Paarbeziehung einhergehen. Erwähnenswert ist, dass Depressivität bei fast allen Gruppen (bis auf die der weiblichen Jugendlichen) signifikant und größtenteils hochsignifikant mit einer unsicheren Bindung zum Partner korreliert.
5.4.2 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im CPRI
Unterscheidung nach Geschlecht
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 51: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Männer
Tabelle 51 zeigt die Korrelationen zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Skalen für Autonomie und Verbundenheit aus dem CPRI für die Untergruppe der Männer. Es wird deutlich, dass ein hoher Selbstwert bei den Männern signifikant mit hoher interpersoneller Auseinandersetzung einhergeht und hochsignifikant mit der Fähigkeit die Konstrukte Autonomie und Intimität integrieren zu können, korreliert. Für den Zusammenhang zwischen Selbstwert und der Skala GE ergibt sich kein signifikanter Zusammenhang. Hohe Werte im Bereich BI setzen jedoch voraus, dass beide Konstrukte eine wichtige Rolle in der Paarbeziehung spielen und erst dadurch in ein interdependentes Verhältnis zueinander gesetzt werden können. Die Erwartung, dass ein hoher Selbstwert im Zusammenhang mit positiven Bezie-
114 Ergebnisse
hungsaspekten steht, scheint sich deshalb für die Männer zu bestätigen. Depressivität zeigt bei den Männern mit allen CPRI-Skalen signifikante Zusammenhänge, auch wenn diese von tendenzieller Natur sind, da sie lediglich auf einem 10%igem Alpha-Fehler-Niveau bedeutungsvoll erscheinen. Dass hohe Depressivität im Zusammenhang mit negativen Beziehungsaspekten steht, kann durch diesen Befund trotzdem als annehmbar geltend gemacht werden.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 52: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Frauen
In der Untergruppe der Frauen zeigt sich die Variable Selbstwert als sehr bedeutender Prädik-tor für Autonomie und Verbundenheit. Teilweise sogar hochsignifikant korreliert Selbstwert mit allen CPRI-Skalen. Für Depressivität zeigen sich bei den Frauen stärkere Zusammenhänge als bei den Männern, auch wenn kein bedeutender Zusammenhang zwischen der Skala GE und Depressivität gefunden werden kann. So korreliert Depressivität jedoch hochsignifikant mit interpersoneller Aushandlung und signifikant mit der Bedeutung von Interdependenz.
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 53: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 54: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen
Innerhalb der männlichen Kohorten zeigen sich interessante Unterschiede. Nicht im Selbst- wert, denn der Zusammenhang zwischen diesem Persönlichkeitskonstrukt und Autonomie
115 Ergebnisse
und Verbundenheit differenziert zwischen den männlichen Jugendlichen und männlichen jungen Erwachsenen kaum. Lediglich die Korrelation zwischen Selbstwert und der Skala BI ist bei den männlichen Jugendlichen etwas stärker als bei der Kohorte der jungen Erwachsenen. Im Bereich Depressivität jedoch zeigt sich, dass sich für die Kohorte der männlichen Jugendlichen keinerlei signifikante Zusammenhänge finden lassen. Bei den jungen Erwachsenen zeigt sich Depressivität jedoch als signifikanter Prädiktor für Verbundenheit und Autonomie. Depressivität korreliert in dieser Kohorte sowohl mit interpersoneller Aushandlung als auch geteilter Erfahrung negativ.
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 55: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 56: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen
Für die weiblichen Kohorten zeigt sich ein ähnliches Bild. Was die Zusammenhänge zwischen Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit betrifft, unterscheiden sich die beiden Kohorten kaum. Ein hoher Selbstwert geht bei beiden Gruppen mit tendenziell hoher geteilter Erfahrung und einer starken Fähigkeit Autonomie und Verbundenheit in ein interdependentes Verhältnis zu setzen einher. Lediglich dieser letztgenannte Zusammenhang zeigt sich bei den weiblichen Jugendlichen etwas stärker, wie es auch bei den männlichen Kohorten der Fall ist. Für Depressivität zeigt sich bei den weiblichen Jugendlichen der tendenzielle Zusammenhang, dass hohe Depressivität mit niedriger interpersoneller Aushandlung einhergeht. Für die weiblichen jungen Erwachsenen finden sich stärkere Korrelationen auf den Skalen IPA und BI.
Zusammenfassend kann für die Auswertung der CPRI-Skalen in Bezug auf die vierte und fünfte Fragestellung gesagt werden, dass die im Vorfeld formulierten Erwartungen auch innerhalb der Interviewdaten für fast alle Gruppen als bestätigt angenommen werden können. Im Bereich Selbstwert zeigt sich, dass in allen Gruppen ein hoher Selbstwert teilweise hoch- signifikant (für die Untergruppen der Frauen und Männern) mit einem hohen Level auf der
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Skala der interdependenten Bedeutungszuschreibung einhergeht. Diese Skala beschreibt die Fähigkeit der Integration der beiden Konstrukte, was schlüssig nachvollziehbar nur dann der Fall sein kann, wenn beide Konstrukte in der Paarbeziehung eine wichtige Rolle spielen. Ein hoher Wert auf dieser Skala setzt somit das Vorhandensein von relativ hoher Autonomie sowie Verbundenheit voraus. Auf dieser Basis lässt sich deutlich machen, dass die Hypothese, ein hoher Selbstwert gehe mit hoher Autonomie und Verbundenheit in einer Person einher, als bestätigt betrachtet werden kann. Dieser Befund entspricht dem der Fragebogenskalen. Die Erwartung, dass hohe Depressivität mit niedriger Verbundenheit sowie Autonomie einhergeht, kann auf den CPRI-Skalen nur teilweise bestätigt werden. Ähnlich wie auf den Fragebogenskalen ist es auch hier die Gruppe der männlichen Jugendlichen und überdies die der weiblichen Jugendlichen, für die diese Erwartung nicht bejaht werden kann. Bei allen anderen Gruppen kann davon ausgegangen werden, dass Depressivität im Zusammenhang mit negativen Beziehungsaspekten im Bereich Autonomie und Verbundenheit steht.
5.5 Depressivität und ihr Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit
zwischen den Partnern (Fragestellung 6)
Die Testung der Zusammenhänge zur Beantwortung der sechsten Fragestellung findet auf Paarebene statt. Verwendet werden als Kriterien die aggregierten Skalen des Fragebogens sowie die Skalen des CPRI. Die Testung der Zusammenhänge erfolgt einseitig, da angenommen wird, dass Depressivität in einer Person mit niedriger Autonomie sowie Verbundenheit beim Partner einhergeht.
117 Ergebnisse
5.5.1 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern im Fragebogen
Die Gesamtsstichprobe
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=60 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 57: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gesamtsstichprobe
Tabelle 57 zeigt die Auswertung der Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern. Dabei wird auf den ersten Blick deutlich, dass die Depressivität des Mannes stärker mit den autonomen und verbundenen Verhaltensweisen der Partnerin im Zusammenhang steht, als es umgekehrt der Fall ist. So korreliert die Depressivität des Mannes hochsignifikant negativ mit weiblichem Commitment und hochsignifikant positiv mit der Angst vor emotionaler Inbesitznahme in der Partnerin. Außerdem geht hohe Depressivität im Partner bei der Frau mit signifikant niedriger Öffnungsbereitschaft einher. Zeigt die Frau depressive Symptome, gehen diese lediglich tendenziell mit niedrigem Sensitive Caregiving und niedriger Unabhängigkeit von Seiten des Partners einher. Nicht nur, dass die Bereiche der signifikanten Zusammenhänge je nachdem welcher Partner depressiv ist, differenzieren, die Korrelationen zwischen der Depressivität des Mannes und den verbundenheits- und autonomiebezogenen Handlungs- sowie Denkweisen der Partnerin sind auch stär- ker ausgeprägt.
118 Ergebnisse
Unterscheidung nach Kohorte
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05
Tabelle 58: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der Jugendlichen
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson; N=30 Paare; +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01
Tabelle 59: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen
Werden die Zusammenhänge zwischen Depressivität und Verbundenheit sowie Autonomie zwischen den Partnern interessehalber für die beiden Kohorten der Jugendliche und jungen Erwachsenen getrennt betrachtet, zeigt sich bei den jungen Erwachsenen die berichtete Tendenz noch stärker. Die Depressivität des Mannes geht mit mangelndem Commitment, niedriger Öffnungsbereitschaft sowie niedrigem Sensitive Caregiving und großer Angst vor emotionaler Inbesitznahme einher. Die Korrelationen zwischen diesen Konstrukten nehmen teilweise hochsignifikanten Charakter an und scheinen partiell mit einer größten Effektstärke von r 2 = .31 im Bereich Commitment auch praktisch relevant. Zwischen depressiver Symptomatik auf Seiten der Frau und dem verbundenen sowie autonomen Verhaltensweisen des Partners
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zeigen sich keinerlei signifikante Zusammenhänge. Bei den Jugendlichen zeigt sich ein stärker ausgeglichenes Bild. Dort geht hohe Depressivität der Frau mit niedrigem Commitment und Sensitive Caregiving im Mann sowie einer unsicheren Bindung zur Partnerin einher. Hohe Depressivität im Mann korreliert negativ mit Öffnungsbereitschaft und positiv mit der Angst vor emotionaler Inbesitznahme auf Seiten der Partnerin.
Für die Fragebogenskalen kann zusammenfassend zur sechsten Fragestellung gesagt werden, dass die Erwartung hohe Depressivität gehe mit niedriger Autonomie sowie Verbundenheit beim Partner einher, für fast alle Gruppen bestätigt werden kann. Lediglich in der Gruppe der jungen Erwachsenen finden sich keine Indizien dafür, dass die Depressivität der Frau im Zusammenhang mit Autonomie- und Verbundenheitsverhalten beim Partner stehen. Für alle anderen Gruppen zeigen sich signifikante Zusammenhänge auf Paarebene sowohl auf den Auto-nomie-Faktoren als auch im Bereich Verbundenheit. Gesagt werden muss aber, dass deutlich mehr und vor allem stärkere Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und Autonomie sowie Verbundenheit bei der Partnerin gefunden werden als umgekehrt.
5.5.2 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern im CPRI
Für die CPRI-Skalen finden sich keinerlei signifikante Zusammenhänge zwischen der Depressivität einer Person und den Verhaltensweisen im Bereich Verbundenheit und Autonomie des Partners. Werden die Kohorten verglichen, zeigt sich auch bei den Jugendlichen keine signifikante Korrelation. In der Alterskohorte der jungen Erwachsenen wird ein tendenzieller Zusammenhang zwischen der Depressivität des Mannes und der interpersonellen Aushandlung der Partnerin (r= .26; p= .08) deutlich. Für das CPRI muss die Alternativhypothese demzufolge abgelehnt werden und es darf davon ausgegangen werden, dass die Depressivität einer Person nicht im Zusammenhang zu Autonomie sowie Verbundenheit beim Partner steht. Wie dieser Befund zu bewerten ist, vor allem auch im Hinblick auf die sich deutlich widersprechenden Ergebnisse im Vergleich zu den Fragebogenskalen, wird in der Diskussion erörtert.
5.6 Geschlecht und Kohorte als Moderatoren (Fragestellung 7)
Durch Fragestellung (7) soll nun geklärt werden, ob die Fragestellungen, welche Korrelationen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und den Faktoren für Autonomie und Verbundenheit auf Individualebene (Fragestellung (1),(3),(4) und (5)) getestet haben, durch die Variable Geschlecht und jeweils innerhalb der Untergruppen Frauen und Männer durch die Variable Kohorte moderiert werden. In der Tat ergeben sich bei sehr vielen Fragestellungen Unterschiede in den Zusammenhängen je nach Geschlecht und Kohorte. Ob diese jedoch als statis- tisch signifikant bewertet werden können, soll ein spezielles Programm von Preacher (2002)
120 Ergebnisse
zur Testung von Korrelationen zeigen. Um die Zusammenhänge vergleichbar zu machen, werden diese z-standardisiert, so dass sie auf signifikante Unterschiede überprüfbar sind. Dass die Gruppenunterschiede durch Varianzheterogenität entstanden sein könnten, kann ausgeschlossen werden, da mittels Levene-Tests nachgewiesen wurde, dass die Varianzen in den entsprechenden Gruppen als homogen betrachtet werden können.
Fragestellung (1). Die Unterschiede in den Korrelationen auf den Fragebogenskalen zeigen sich mit einer Signifikanz zwischen p= .08 und p^ .01 sowohl für die Variable Geschlecht als auch für die Variable Kohorte größtenteils bedeutsam, teilweise auch hoch bedeutsam. Damit kann davon ausgegangen werden, dass Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie in einer Person im Bereich der Fragebogenskalen durch das Geschlecht und in den Untergruppen der Frauen und Männer auch durch die Alterskohorten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen moderiert werden. Im CPRI erwiesen sich alle Skalen als miteinander stark und hochsignifikant korrelierend. Unterschiede, welche durch Geschlecht oder Kohorte moderiert werden, können auf diesen Skalen nicht festgestellt werden.
Fragestellung (3). Bei der Testung der Zusammenhänge zwischen den Variablen der Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit auf den Fragebogenskalen lässt sich Geschlecht als bedeutender Moderator für die Variablen Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Offenheit ausmachen. Die Signifikanz der getesteten Korrelationsunterschiede reicht von p= .09 bis zu p^ .01 und zeigt sich damit teilweise sogar hochsignifikant. Für die Zusammenhänge zwischen Neurotizismus und Verbundenheit sowie Autonomie wirkt sich das Geschlecht nicht als Moderator aus. Was die Kohorten angeht, so zeigt sich diese Variable lediglich bei der Korrelation zwischen Verträglichkeit und Autonomie sowie Verbundenheit als signifikanter Moderator (p= .08). Alle anderen Zusammenhänge werden nicht durch die Al-terskohorten moderiert. Auf den CPRI-Skalen wird die Variable Geschlecht lediglich beim getesteten Zusammenhang zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit als Mo-derator deutlich (p= .08). Alle anderen getesteten Korrelationen bleiben trotz ersichtlich unterschiedlich hoher Korrelationen vom Geschlecht unmoderiert. Beim Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Autonomie sowie Verbundenheit kann die Variable Kohorte sowohl bei den männlichen als auch weiblichen Probanden als moderierend betrachtet werden (Sp= .08; Rp= .04). Für alle anderen Korrelationen zwischen den Variablen der Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit kann die Kohorte nicht als Moderator betrachtet werden.
Fragestellung (4). Die Unterschiede in den Zusammenhängen zwischen Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit auf den Fragebogenskalen werden sowohl durch das Geschlecht (p= .09) als auch durch die Kohorten (Signifikanz zwischen p= .09 und p= .03) moderiert. Bei den CPRI-Skalen ist dies nicht der Fall. Weder Geschlecht noch Kohorte können als bedeutender Moderator identifiziert werden.
Fragestellung (5). Bei der Testung der Zusammenhänge zwischen Depressivität und Verbun- denheit sowie Autonomie in einer Person auf den Fragebogenskalen kann die Variable Ge-
121 Ergebnisse
schlecht als Moderator gelten, da sich die Korrelationen zwischen Männern und Frauen hochsignifikant unterscheiden (p^ .01). Was die Kohorten betrifft, muss gesagt werden, dass die Alterskohorte lediglich in den weiblichen Kohorten als Moderator ausgemacht werden kann (p^ .01). In der Untergruppe der Frauen unterscheiden sich die Zusammenhänge hochsignifikant voneinander. Auf den Skalen des CPRI wirkt weder Geschlecht noch Kohorte als Mode-rator, denn die Unterschiede der einzelnen Korrelationen unterscheiden sich statistisch unbedeutend voneinander.
Anhang A bis D zeigt einen Überblick über alle in den Fragestellungen (1) bis (6) getesteten signifikanten Zusammenhänge und verdeutlicht das Auftreten oder Fehlen von signifikanten Unterschieden zwischen den Korrelationen der einzelnen Untergruppen.
122 Diskussion
6 Diskussion
Ziel der Untersuchung war es, mögliche Persönlichkeitsmerkmale zu identifizieren, die im engen Zusammenhang mit Verbundenheit und Autonomie in den Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen. In diesem Kapitel sollen die in den vorherigen Abschnitten dargestellten Befunde zusammengefasst und weitergeführt werden. Durch eine Einbettung in die zu Beginn der Arbeit vorgestellten theoretischen Grundlagen der Studie soll zu einer treffenden Interpretation der Ergebnisse verholfen und auch erwartungswidrige Resultate schlüssig gedeutet werden. Auf Stärken aber ebenso Schwächen und Begrenztheiten der vorgelegten Arbeit wird abschließend hingewiesen.
6.1 Diskussion der Befunde zur Interkorrelation der Kriterien
Interkorrelation der Kriterien in einer Person
Bei der Testung der Interkorrelation der Fragebogenkriterien in einer Person wird deutlich, dass die Einzelskalen zu Verbundenheit und Autonomie in einem sehr starken Zusammenhang stehen. Bedeutende Korrelationen zeigen sich auch innerhalb der beiden Bereiche. So korrelieren die vier Einzelskalen Sensitive Caregiving, Öffnungsbereitschaft, emotionale Bindung und Zukunftsorientierung bei allen Gruppen größtenteils hochsignifikant miteinander. Mit Effektstärken bis zu r 2 = .62 haben diese Zusammenhänge auch praktisch eine nicht ver-
nachlässigbare Relevanz. Nachvollziehbar ist es, dass eine starke Fähigkeit die Bedürfnisse des Partners nach Hilfe und Unterstützung zu erkennen mit einer großen Öffnungsbereitschaft gegenüber dem Partner einhergeht. Dem Partner als „safe haven“ oder „secure base“ zu dienen, zeigt sich ebenso in einer starken emotionalen Bindung zu ihm und die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft erscheint auf dieser Basis als sehr wünschenswert. Frauen und Männer sowie Jugendliche und junge Erwachsene scheinen in einer ähnlichen Weise diese vier Facetten von Verbundenheit miteinander zu verknüpfen. So berichten zwar sowohl die männlichen Probanden als auch die männlichen und weiblichen Jugendlichen in ihrer Anzahl von etwas mehr signifikanten Zusammenhängen innerhalb der Skalen für Verbundenheit als die restlichen Gruppen, die Stärke der bedeutenden Zusammenhänge differenziert jedoch nicht übermäßig zwischen allen untersuchten Gruppen. In der Untergruppe der Männern zeigt sich der stärkste und ein zugleich hochsignifikante Zusammenhang (r= .58) zwischen emotionaler Bindung und Zukunftsorientierung. So scheint es ihnen besonders wichtig mit der Partnerin regelmäßig Zeit zu verbringen und ihre Gegenwart trägt bedeutend zum Wohlbefinden der männlichen Probanden bei. Die wünschenswerte Vorstellung in den Männern mit dieser Partnerin noch sehr lange zusammen zu bleiben geht mit dem beschriebenen Sachverhalt einher. Bei den weiblichen Probanden liegt die stärkste Bedeutung auf dem Zusammenhang zwischen Öffnungsbereitschaft und Zukunftsorientierung (r= .64). Die Möglichkeit dem Partner Einbli-
123 Diskussion
cke in die eigene Lebenswelt zu geben und mit diesem über Gefühle und Gedanken sprechen zu können, geht bei den Frauen mit dem Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft einher. Bei den verglichenen Kohorten zeigt sich ein ähnliches Bild. Sowohl bei den männlichen als auch weiblichen Kohorten finden sich die stärksten Korrelationen entweder zwischen emotionaler Bindung und Zukunftsorientierung oder Öffnungsbereitschaft und Zukunftsorientierung.
Ebenso finden sich innerhalb des Sektors Autonomie Interkorrelationen zwischen den Einzelskalen, auch wenn diese wesentlich begrenzter ausfallen als für den Bereich Verbundenheit. Auffällig ist, dass sich bei allen Untergruppen hochsignifikante Korrelationen (in einem Bereich von r= .38 bis r= .75) zwischen der Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz zeigen. Beide Skalen stammen aus dem Münchner Individuationstest zur Adoleszenz (MITA, Walper, Schwarz & Jurasic, 1996) und können dem Begriff der unsicheren Bindung zum Partner un-tergeordnet werden. Die hohe Angst davor, dass der Partner auf eine kontroverse Meinung oder einen begangenen Fehler mit negativen Gefühlen reagieren könnte, geht mit einer Unsicherheit einher, dass man dem Partner vielleicht lästig sei und dass er deshalb lieber mit einer anderen Person zusammen sein wolle. Beide wenig autonomen Verhaltensweisen sind geprägt von der Angst, der Partner könne sich unvorhersagbar von der befragten Person abwenden oder diese gar verlassen und weisen deutliche Anzeichen einer ambivalenten oder unsicheren Bindung auf. Unsicher oder ambivalent gebundenen Personen fällt es sehr schwer Autonomie und Verbundenheit zu vereinen (Creasy, 2002). Und so zeigt sich erwartungsgetreu, dass hohe Ambivalenz in der Untergruppe der Männer und männlichen Jugendlichen mit niedrigem Sensitive Caregiving und bei letzteren zudem mit einer niedrigen Zukunftsorientierung einhergeht. Bei einer ständigen Angst davor, dass der Partner keine vergleichbar große Zuneigung empfindet, wie die befragte Person zu ihm, erscheinen diese Zusammenhänge durchaus nachvollziehbar - dann fällt es schwer an eine gemeinsame Zukunft zu glauben. Für die Skala Angst vor Liebesverlust zeigen sich lediglich zwei Zusammenhänge mit dem Bereich Ver-bundenheit. Es sind zwei Korrelationen, die nicht der im Vorfeld generierten Hypothese entsprechen. Zum einen geht Angst vor Liebesverlust bei den Männern tendenziell mit einer erhöhten emotionalen Bindung einher. Der Zusammenhang ist nicht sehr stark ausgeprägt (r= .19), so dass ihm praktisch wohl eher eine untergeordnete Bedeutung zukommt, aber er lässt sich dennoch plausibel erklären. So könnte es sein, dass eine große Angst davor, dass der Partner die befragte Person nicht mehr liebt, damit einhergeht, dass diese besonders viel Zeit mit dem Partner verbringen möchte und sich ohne seine Nähe sehr unwohl fühlt. Man könnte es vermutlich als eine Art des Klammerns am Partner beschreiben, die dieser Zusammenhang andeutet. Der zweite signifikante Befund zeigt sich in der positiven Korrelation zwischen der Angst vor Liebesverlust und Zukunftsorientierung in der Untergruppe der weiblichen jungen Erwachsenen. Auch diese Korrelation lässt sich nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass ein Mensch, der starke Angst hat seinen Partner zu verlieren vermutlich jedoch den Wunsch hat mit diesem Partner noch lange zusammenzubleiben. Hätte er diesen Wunsch nicht, wäre si- cherlich auch die Angst vor Liebesverlust weniger ausgeprägt.
124 Diskussion
Im Bereich Autonomie lassen sich weitere Befunde berichten. So zeigt sich bei den Frauen sowie weiblichen Jugendlichen eine tendenziell negative Korrelation zwischen der Angst vor Liebesverlust und der Angst vor Vereinnahmung. Sinnreich lässt sich diesbezüglich erkennen, dass ein Mensch, der hohe Angst davor hat vom Partner verlassen zu werden, keine Angst hat von diesem zu sehr vereinnahmt zu werden. Die negativen Korrelationen zwischen Unabhängigkeit und Emotionaler Bindung bei den männlichen jungen Erwachsenen sowie Öffnungsbereitschaft bei den weiblichen Jugendlichen sind verstehbar, wenn man bedenkt, dass Autonomie nicht immer mit wachsender Verbundenheit einhergeht, sondern teilweise auch stärker als Abgrenzung oder „detachment“ verstanden wird (Ryan & Lynch, 1989). So kann Autonomie auch als eine Art Abspaltung vom Partner vollzogen werden und dass diese dann mit keinem allzu großen Bedürfnis nach Nähe zum Partner einhergeht, ist nachvollziehbar. Die Befunde zeigen also auch, dass es durchaus Personen gibt, welche als sehr autonom bezeichnet werden können, bei denen dies jedoch nicht mit einer ebenso großen Verbundenheit einhergeht.
Der stärkste hypothesenkonforme Prädiktor für das Einhergehen von hohen Werten für Autonomie mit hohen Werten für Verbundenheit ist die Skala Angst vor Vereinnahmung. In fast allen Gruppen (bis auf die der männlichen jungen Erwachsenen) zeigen sich signifikante, zumeist jedoch sogar hochsignifikante, Korrelationen zwischen dieser Skala und den vier Skalen zur Verbundenheit. Die stärkste Korrelation in diesem Bereich findet sich bei den weiblichen jungen Erwachsenen (r= .81) zwischen Angst vor Vereinnahmung und Zukunftsorientierung. Auch bei den anderen Untergruppen liegt der stärkste Zusammenhang in diesem Bereich oder zwischen Angst vor Vereinnahmung und Öffnungsbereitschaft. Das Vertrauen in den Partner, dass dieser Freiräume zur individuellen Entwicklung und Wahrnehmung persönlicher Freiräume gewährt, geht augenscheinlich mit dem Wunsch einer gemeinsamen Zukunft und der Bereitschaft einher den Partner an den eigenen intimen Gedanken und Gefühlen teilhaben zu lassen. Aber warum sieht sich die erwartete Hypothese gerade so stark auf der Skala Angst vor Vereinnahmung bestätigt, wohingegen die anderen Skalen für Autonomie wesentlich weniger signifikante Zusammenhänge mit den Verbundenheits-Skalen aufweisen? Es liegt die Vermutung nahe, dass die Skala Angst vor Vereinnahmung eine so wichtige Rolle spielt, da sie eventuell in einem erhöhten Maße eine gewisse Wechselseitigkeit in der Paarbeziehung repräsentiert. Die Interaktion und Kommunikation in einer Beziehung spielt eine bedeutende Rolle und es besteht die theoretische Annahme, dass Beziehungsstabilität und -qualität vor allem durch das Miteinander der beiden Partner bestimmt werden (Grau & Bierhoff, 2003). Während Unabhängigkeit, Ambivalenz und Angst vor Liebesverlust eher auf individueller Ebene von mehr oder weniger Autonomie zeugen, so steht die Angst vor emotionaler Inbesitznahme doch in einem stärkeren Verhältnis zum Partner. Möglicherweise geht es bei der Angst vor Vereinnahmung vor allem darum sich durch den Diskurs mit dem Partner autonome Freiräume zu schaffen ohne jedoch die Verbundenheit zum Partner zu verlieren. Deshalb scheint diese Skala auch in einem engeren Verhältnis zur Verbundenheit zu stehen, so dass
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niedrige Angst vor Vereinahmung mit einer Vielzahl von positiven Aspekten im Bereich Ver-bundenheit einhergeht. Diese Skala entstammt ebenso wie die Skalen Ambivalenz und Angst vor Liebesverlust dem MITA und lässt sich gleichermaßen dem Überbegriff der unsicheren Bindung unterordnen. In hoher Ausprägung steht diese Skala also für eine sichere Bindung zum Partner. Eine sichere Bindung im Erwachsenenalter wird vor allem vom Begriff der „autonomen Verbundenheit“ geprägt (z. B. Davila et al, 1996). Damit soll deutlich gemacht werden, dass sicher gebundene Menschen eher in der Lage sind, Verbundenheit und Autonomie in ihren Paarbeziehungen in ein interdependentes Verhältnis zu setzen, was die Ergebnisse auf der Skala Angst vor Vereinahmung eindrucksvoll belegen.
Auf den Skalen des CPRI wird die Tendenz, die sich im Fragebogen erkennen lässt, noch deutlicher. Alle drei Skalen interkorrelieren hochsignifikant miteinander. Mit linearen Korrelationen zwischen r= .60 und r= .83 kann man die zu beobachtenden Zusammenhänge als stark bezeichnen und von deren praktischer Relevanz ausgehen. Zwischen den Gruppen unterscheiden sich die Korrelationen in ihre Stärke nur unbedeutend. Mit Effektstärken von bis zu r 2 = .69 zeigen sich die Zusammenhänge zwischen der Skala der Interpersonellen Aushand-
lung und der Skala der interdependenten Bedeutungszuschreibung als am stärksten miteinander verbunden. Die Skala der interdependenten Bedeutungszuschreibung bietet im Gegensatz zum Fragebogen den Vorteil das Maß an Integration von Autonomie und Verbundenheit zu erkennen - sie repräsentiert das Konstrukt Bindung am deutlichsten. Hohe Level auf dieser Skala sprechen dafür, dass Autonomie und Intimität in ein interdependentes Verhältnis gesetzt werden können, was es möglich macht sich dem Partner zu öffnen und gleichzeitig eigene Gedanken und Gefühle sowie Meinungen ohne Angst darzulegen und sich damit individuelle autonome Freiräume zu schaffen - Merkmale einer sicheren Bindung zum Partner. Das Verhältnis der Partner zueinander ist von Vertrauen geprägt. Niedrige Werte auf dieser Skala bringen die mangelnde Fähigkeit zum Ausdruck Autonomie und Verbundenheit zu integrieren. Intimität basiert dann auf Ähnlichkeiten und Autonomie auf Unterschieden. Das konkrete Paarverhalten drückt sich auf niedrigen Levels so aus, dass Nähe bedeutet etwas gemeinsam zu machen und Unabhängigkeit Dinge getrennt zu unternehmen. Der niedrigste Level auf dieser Skala beschreibt den Umstand, in dem Autonomie und Verbundenheit als sich ausschließende Pole betrachtet werden und es dadurch entweder zu Verstrickungen oder zum Fehlen von jeglicher Interdependenz kommt - Merkmale einer unsicheren Bindung zum Partner. Die getesteten Korrelationen lassen darauf schließen, dass eine konstruktive Art Konflikte zu lösen und ein respektvoller Umgang miteinander bei Meinungsverschiedenheiten mit der erhöhten Fähigkeit zur Integration von Autonomie und Verbundenheit einhergehen. Dies erscheint nur allzu plausibel vor dem Hintergrund, dass ein konstruktives Problemlöseverhalten, welches von Achtung gegenüber dem Partner geprägt ist, mit der autonomen Darstellung der eigenen Meinung aber nicht minder mit der Aufrechterhaltung der Verbundenheit zum Gegenüber einhergeht (Mikulincer & Nachshon, 1991). Erwähnung sollte natürlich auch finden, dass die Zusammenhänge der Untersuchung ebenso verdeutlichen, dass ein hohes Maß an
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geteilter Erfahrung, welche sich vor allem in der Kommunikation mit dem Partner über Gedanken und Gefühle, aber auch über innere Vulnerabilitäten und Unsicherheiten sowie über die eigene Beziehung widerspiegelt, mit einer starken Fähigkeit zur Integration von Autonomie und Verbundenheit einhergehen. Als der Zusammenhang, der die im Vorfeld der Untersuchung aufgestellte Hypothese am deutlichsten bestätigt, zeigt sich die hochsignifikante Korrelation zwischen geteilter Erfahrung und interpersonelle Aushandlung in allen Untergruppen. Eine hohe Öffnungsbereitschaft gegenüber dem Partner geht mit einer kollaborativen Art der Konfliktlösung einher. Vor dem Hintergrund der bindungstheoretischen Sichtweise, dass sicher gebundene Personen viel Vertrauen zu ihren Bindungsfiguren fassen können ohne Angst vor einem Missbrauch des entgegengebrachten Vertrauens haben zu müssen, so dass auch bei Meinungsverschiedenheiten keine Furcht bestehen muss Schwächen und Unsicherheiten zum Ausdruck zu bringen, erscheint dieser Zusammenhang als sehr bedeutend (Seiffge-Krenke, 2004).
Obwohl sich in der Analyse der Fragebogenskalen fast ausschließlich nur eine Skala, die der Angst vor Vereinnahmung, als hypothesenkonformer Prädiktor zeigt, sieht sich die vorab getroffene Erwartung, dass hohe Werte für Verbundenheit mit hohen Werten für Autonomie in einer Person einhergehen, sowohl für die Fragebogendaten als auch die Daten des CPRI bestätigt.
Interkorrelation der Kriterien zwischen den Partnern
Nachdem gezeigt werden konnte, dass die Skalen für Verbundenheit und Autonomie innerhalb einer Person stark interkorrelieren, ist es von Interesse die Paarbeziehungen unter dem dyadischen Aspekt der gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen den Partnern zu betrachten und zu analysieren, inwiefern ein Zusammenhang von Autonomie und Verbundenheit zwischen den Partnern besteht.
Auch die Interkorrelationen auf Paarebene zeigen innerhalb der Fragebogenskalen unter-einander starke Zusammenhänge. Als Ursache dafür kann allerdings nicht eine sehr starke Ähnlichkeit der Partner in Betracht gezogen werden, da die Testung der Ähnlichkeitsthese aufzeigt, dass die untersuchten Persönlichkeitskonstrukte zwischen den Partnern nicht sehr stark korrelieren. Lediglich in der Gruppe der Jugendlichen fanden sich Indizien dafür, dass sich die Partner vor allem in den Bereichen Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Offenheit ähnlich sind (vgl. Kapitel 5.1.3).
Bei der Betrachtung der gesamten 60 untersuchten Paare fällt auf, dass vor allem die Skalen Öffnungsbereitschaft, emotionale Bindung und Zukunftsorientierung, alles Skalen aus dem Bereich Verbundenheit, auf Seiten der Frau mit positiven Aspekten von sowohl autonomen als auch verbundenen Verhaltensweisen beim Partner einhergehen. So geht eine enge emotionale Bindung bei der Frau hochsignifikant mit niedriger Ambivalenz und hohem Sensitive Caregiving beim Partner einher. Dass die Frau die Nähe zum Partner sucht, steht also im Zu-
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sammenhang damit, dass dieser weniger ambivalente Gefühle gegenüber seiner Partnerin verspürt und auf die Bedürfnisse seiner Partnerin feinfühlig eingehen kann. Vice versa ist es die Skala Ambivalenz bei den Männern, die sich als starker Prädiktor für die Frauen erweist. Ist sich der Partner sicher darin, dass seine Bindungsbedürfnisse von Seiten der Partnerin erwidert werden, zeigt diese signifikant weniger Angst vor Vereinnahmung sowie größere Bereitschaft sich dem Partner zu öffnen, eine stärkere emotionale Bindung und den Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft. Es wird deutlich, dass es nicht nur starke Verbundenheit, sondern auch autonome Verhaltensweisen des Mannes sind, die mit positiven Aspekten von Ver-bundenheit bei der Frau einhergehen.
Bei der Untergruppe der Jugendlichen lassen sich deutlich weniger Zusammenhänge zwischen den Partnern erkennen, was vermuten lässt, dass in deren Paarbeziehungen eventuell weniger Gegenseitigkeit zu finden sei, was durchaus der Theorie entspräche (Selman, 1980).
Für die CPRI-Skalen lassen sich die Befunde der Fragebogenskalen replizieren. Bei der Untersuchung der Gesamtsstichprobe zeigen sich vielfältige, teilweise hochsignifikante Korrelationen. Zwischen den Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden sich bei der Interkorrelation der Kriterien des CPRI interessante Unterschiede. In der Untergruppe der Jugendlichen zeigt sich einzig allein zwischen den Verbundenheits-Skalen von Mann und Frau eine signifikante Korrelation (r= .31). Damit sieht sich die oben aufgestellte These bestätigt, dass vermutlich weniger Wechselseitigkeit in den Paarbeziehungen der Jugendlichen zu beobachten ist. Verbundenheit jedoch zeigt sich bei allen Gruppen als bedeutender Aspekt in der Paarbeziehung. Zeigt ein Partner große Bereitschaft zu vertrauen und sich zu öffnen, fühlt sich der andere Partner in seinen Bindungsbedürfnissen bestätigt und zeigt ebenso größeres Vertrauen. Sowohl in der Gesamtsstichprobe (r= .39) als auch in der Untergruppe der jungen Erwachsenen (r= .45) zeigt sich dieser Zusammenhang hochsignifikant und etwas stärker ausgeprägt als bei den Jugendlichen. In beiden Untergruppen geht ein kollaboratives Problemlöseverhalten der Frauen sowie deren hohe Bereitschaft Erfahrungen mit den Partnern zu teilen mit hoher interpersoneller Aushandlung, geteilter Erfahrung und Bedeutung von Interdependenz auf Seiten der Männer einher. Eine gefühlsbasierte und identitätsorientierte Kommunikation zwischen den Partnern sowie eine respektvoller Umgang miteinander beim Lösen von Problemen stehen augenscheinlich in wechselseitiger Beziehung zueinander. Für die Männer geht diese Wechselseitigkeit mit einer erhöhten Fähigkeit einher Autonomie und Verbundenheit in ein interdependentes Verhältnis zu setzen. Für die Frauen zeigt sich diese Wechselwirkung zwischen den autonomen und verbundenen Verhaltensweisen des Mannes und der Bedeutungszuschreibung der Frau nur bei den jungen Erwachsenen, in der Gesamtsstichprobe sowie bei den Jugendlichen nicht.
Für beide Datenerhebungsverfahren kann gesagt werden, dass die im Vorfeld formulierte Erwartung, dass hohe Verbundenheit und Autonomie in einer Person mit hoher Verbundenheit und Autonomie im Partner einhergehen, zutreffend ist. Eingeschränkt gültig zeigt sich diese
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Hyopthese einzig allein auf den CPRI-Skalen für die Jugendlichen. Bei ihnen lässt sich lediglich beobachten, dass Verbundenheit bei den Partnern in wechselseitiger Beziehung miteinander steht. Auf den Fragebogenskalen finden sich freilich die erläuterten geschlechts- und auch kohortenspezifische Unterschiede in der Verteilung der Zusammenhänge auf die Gebiete Autonomie und Verbundenheit, aber dennoch kann die Hypothese für alle Untergruppen bejaht werden.
6.2 Diskussion der Befunde zu den Big Five
Extraversion
Für das Merkmal Extraversion wurde im Vorfeld der Untersuchung die Hypothese generiert, dass hohe Extravertiertheit mit hoher Verbundenheit und Autonomie in einer Person einhergeht. Für die Fragebogenskalen zeigen sich signifikante, teils auch hochsignifikante, Korrelationen zwischen Extraversion und den Skalen Commitment, Öffnungsbereitschaft und Sensitive Caregiving, allerdings allein in der Gruppe der Männer und männlichen jungen Erwachsenen. Stärker extravertierte Männer berichten über hohes Commitment, welches von emotionaler Bindung und Zukunftsorientierung gezeichnet ist, sowie einem starken Vertrauen sich der Partnerin zu öffnen und einer großen Sensibilität die Bedürfnisse der Partnerin zu erkennen. Diese Befunde decken sich mit den Erkenntnissen der Untersuchung von Shadish (1986), deren Ergebnisse belegten, dass hohe Extraversion mit hoher Verbundenheit einhergeht. Auch Fehr und Broughton (2001) berichteten über einen positiven Zusammenhang zwischen Extraversion und dem Liebesstil „Storge“, welcher von Vertrauen und Nähe geprägt ist. Neyer und Asendorpf (2001) legten dar, dass Extraversion gerade in den frühen Paarbeziehungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von besonderer Bedeutung zu sein scheint, da sie im Zusammenhang mit einer wachsenden Öffnungsbereitschaft, Verantwortung und Zukunftsorientierung steht. Auffällig ist, dass sich keinerlei Zusammenhänge zwischen Extraversion und den Faktoren für Autonomie finden. Augenscheinlich steht ein geselliger, kommunikativer Charakter deutlicher im Zusammenhang mit verbundenen als mit autonomen Verhaltensweisen. Es erscheint auch durchaus plausibel, dass eine Person, die sich in der Gesellschaft anderer sehr wohlfühlt und die den Diskurs mit ihren Mitmenschen mag, stärker nach Nähe und Intimität sucht, als dass sie sich in diesem Zusammenhang nach autonomen Freiräumen sehnt. Als Ursache dafür, dass sich signifikante Korrelationen lediglich in den männlichen Kohorten zeigen, könnte man eine tendenziell größere Zurückhaltung bei den Frauen ausmachen. Obwohl sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Variable Extraversion finden lassen, ist es doch möglich, dass für Frauen dieses Persönlichkeitskonstrukt in keinem so starken Zusammenhang mit den autonomen oder verbundenen Verhal- tensweisen in einer Paarbeziehung steht, wie es bei den Männern der Fall ist.
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Die Daten des CPRI bezüglich des Zusammenhangs zwischen Extraversion und Autonomie sowie Verbundenheit zeigen eine sehr ähnliche Tendenz. Von der Stärke unterscheiden sie sich kaum zu den signifikanten Zusammenhängen des Fragebogens. Und auch hier wird deutlich, dass die Variable Extraversion vor allem für die Männer sowie männlichen jungen Erwachsenen und teilweise auch die männlichen Jugendlichen sehr bedeutungsvoll bezüglich ihres autonomen und verbundenen Verhaltens sein dürfte. Extraversion korreliert bei allen drei Gruppen mit der Skala der Bedeutungszuschreibung positiv. Und da hohe Werte auf der Skala der Bedeutung von Interdependenz hohe Werte sowohl für Autonomie als auch Ver-bundenheit praktisch voraussetzen, denn nur dann kann es zu einer Integration der beiden Konstrukte kommen, sehen sich die vorab getroffenen Erwartungen im CPRI für die männlichen Probanden bestätigt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vorab generierte Alternativhypothese nur teilweise beibehalten werden kann, da sich in den Fragebogenskalen lediglich Zusammenhänge zwischen Extraversion und Verbundenheit finden lassen und bei beiden Erhebungsarten nur in den männlichen Untergruppen Korrelationen zu finden sind. Für die weiblichen Pro-banden muss deshalb angenommen werden, dass Extraversion in keinem linearen Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit steht.
Verträglichkeit
Für das Konstrukt Verträglichkeit bestand die Erwartung eines positiven Zusammenhangs mit Verbundenheit und Autonomie. Auf den Fragebogenskalen zeigen sich in allen Untergruppen jedoch nur sehr wenige signifikante Zusammenhänge, die zudem der generierten Hypothese zumeist widersprechen. So findet sich ein inverser Zusammenhang zwischen Verträglichkeit und Unabhängigkeit bei den Frauen und auch bei den weiblichen Jugendlichen. Niedrige Verträglichkeit wird dem vermeidenden Bindungsstil zugeschrieben, bei dem die Personen zwar viel Wert auf ein hohes Maß an Autonomie legen, die Nähe zum Partner jedoch stark vermeiden (Brennan & Shaver, 1992). Dies wäre eine mögliche ursächliche Erklärung dieser Korrelationen. Denkbar wäre jener Erklärungsansatz vermutlich auch dafür, dass bei den weiblichen jungen Erwachsenen niedrige Verträglichkeit mit einer wenig unsicheren Bindung einhergeht. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass es sich um eine im bindungstheoretischen Sinn sichere Bindung zum Partner handelt, die hier mit niedriger Verträglichkeit einhergeht, sondern vermutlich eher um die eben erwähnte Abgrenzung zum Partner und das Vermeiden von Verbundenheit, was folglich auch keine ambivalenten Gefühle dem Partner gegenüber oder Verlustängste in den Personen entstehen lässt. Die einzig signifikanten hypothesenkon-formen Zusammenhänge finden sich zwischen Verträglichkeit und der Angst vor emotionaler Inbesitznahme in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen sowie zwischen Verträg- lichkeit und Sensitive Caregiving bei den weiblichen Jugendlichen.
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Das CPRI bestätigt die Ergebnisse der Fragebogenskalen. Innerhalb der Interviewdaten lassen sich keinerlei signifikante Zusammenhänge zwischen Verträglichkeit sowie Autonomie und Verbundenheit finden.
Bisherige Studien, welche sich mit dem Zusammenhang zwischen Verträglichkeit und Paarbeziehung befasst haben, konnten zumeist über positive Korrelationen zwischen den Konstrukten berichten (vgl. z.B. Karney & Bradbury, 1995) Die Ergebnisse der hiesigen Arbeit können diese These jedoch nicht stützen. Anhand der vorliegenden Befunde kann davon ausgegangen werden, dass Verträglichkeit in keinem deutlichen linearen Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit steht. Ursächlich dafür könnte sein, dass das Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit, welches über die Lebensspanne hinweg als relativ stabil betrachtet werden kann, in den noch jungen Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine weniger große Rolle spielt. Keines der Paare hat gemeinsame Kinder. Mit wachsender Verantwortung in einer Paarbeziehung, die zumeist mit einer Elternschaft einhergeht, wächst auch die Wichtigkeit des Persönlichkeitsmerkmales Verträglichkeit. Vor allem dann ist es von großer Bedeutung sich rücksichtsvoll und friedlich sowie konstruktiv gegenüber den gemeinsamen Kindern und ebenso seinem Partner zu zeigen, um einen sicheren Bindungsstil zu gewährleisten (Kaiser, 2006). Deshalb erscheint es durchaus plausibel, dass das Merkmal Verträglichkeit eventuell erst über eine längere Beziehungsdauer hinweg und mit einem gewissen Reifungsprozess, der sich in dieser Zeit vollzieht, an Bedeutung für die einzelnen Partner gewinnt und damit auch erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Beziehung in einem stärkeren Zusammenhang zur Qualität der Paarbindung steht. Auf den niedrigen Cronbachs Alpha der Skala Verträglichkeit in Höhe von .53 sei an dieser Stelle ebenso hingewiesen. Dieser relativ kleine Wert deutet darauf hin, dass das Konstrukt Verträglichkeit durch die drei im Fragebogen verwendeten Items nicht sehr genau gemessen wird. Auch dieser Um-stand könnte einen gewissen Beitrag dazu leisten, dass nur so wenige hypothesenkonforme Zusammenhänge zwischen Verträglichkeit und Autonomie sowie Verbundenheit zu beobachten sind.
Gewissenhaftigkeit
Im Vorfeld der Studie wurde erwartet, dass Gewissenhaftigkeit mit positiven Aspekten für Verbundenheit und Autonomie einhergeht. Auf den Fragebogenskalen zeigen sich auch die erahnten signifikanten Zusammenhänge. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass diese (mit Korrelationskoeffizienten zwischen r= .17 und r= .29) zumeist nicht sehr stark ausgeprägt und von tendenzieller Natur sind. Zudem zeigen sie sich lediglich in der Untergruppe der Frauen und weiblichen Jugendlichen. In diesen Gruppen lassen sich positive Korrelationen zwischen Gewissenhaftigkeit und Commitment sowie Unabhängigkeit beobachten. Ein gründlicher und sorgfältiger weiblicher Charakter steht also in einem augenscheinlichen Zusammenhang mit einer hohen Zukunftsorientierung in der Beziehung sowie starker emotiona- ler Bindung zum Partner. Empirische Studien können diese Befunde untermauern. Karney
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und Bradbury (1995) berichteten in ihrer Studie von positiven Korrelationen zwischen Gewissenhaftigkeit und Beziehungsstabilität, die eine hohe Zukunftsorientierung, den Befund der hiesigen Studie, voraussetzt. Eine erhöhte Beziehungsdauer bei hoher Gewissenhaftigkeit fanden auch Shaver und Brennan (1992) in ihrer Untersuchung. Eine positive Korrelation zwischen Gewissenhaftigkeit und „Eros“ sowie „Agape“ legte Middleton (1993) dar. Beide Liebesstile finden sich durchaus auch im Bereich Commitment wieder, der sowohl von Zuneigung und Nähe („Eros“) als auch Investition in die Beziehung („Agape“) geprägt ist. Des Weiteren zeigt sich in der vorliegenden Untersuchung, dass bei den Frauen und weiblichen Jugendlichen hohe Gewissenhaftigkeit mit niedriger Angst vor emotionaler Inbesitznahme einhergeht. Auch dieser Zusammenhang ist inhaltlich verständlich, wenn man bedenkt, dass ein verantwortungsbewusster und zuverlässiger Charakter dem Partner vermutlich wenig Anlass zur besitzergreifenden oder eifersüchtigen Liebe bietet. White et al. (2004) berichteten von positiven Zusammenhängen zwischen Gewissenhaftigkeit und Intimität sowie „Storge“ und „Agape“ bei Männern. In der hiesigen Studie zeigen sich bei den Männern jedoch keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Gewissenhaftigkeit und Autonomie oder Verbundenheit in Paarbeziehungen auf den Fragebogenskalen.
Auch für das CPRI lassen sich keine signifikanten Korrelationen zwischen Gewissenhaftigkeit und den Faktoren für Autonomie und Verbundenheit in den männlichen Untergruppen berichten. Die Ergebnisse der Analyse der Fragebogenskalen werden durch die der CPRI-Skalen untermauert. Es zeigen sich auch dort hochsignifikante Korrelationen zwischen Gewissenhaftigkeit und Autonomie sowie Verbundenheit in den Untergruppen der Frauen sowie weiblichen jungen Erwachsenen. Die Zusammenhänge im CPRI zeigen sich (mit Korrelationskoeffizienten zwischen r= .32 und r= .61) teilweise deutlich stärker als in den Fragebogenskalen. Mit einer Effektstärke von r 2 = .37 zeigt sich die Korrelation zwischen Gewissen-
haftigkeit und der Skala IPA für die weiblichen jungen Erwachsenen am stärksten unter allen Zusammenhängen. Aber auch für die Skala der geteilten Erfahrung ergeben sich hochsignifikante Zusammenhänge mit dem Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit in den erwähnten Untergruppen. Ebenso geht eine hohe Gewissenhaftigkeit mit der erhöhten Fähigkeit zur Integration der beiden Konstrukte Verbundenheit und Autonomie in einer Paarbeziehung und damit mit einer größeren sicheren Bindung zum Partner einher.
Obwohl keine geschlechtsspezifischen Mittelwertsunterschiede für das Maß an Gewissenhaftigkeit in den befragten Probanden vorliegen, zeigen Fragebogen und CPRI, dass diese Charaktereigenschaft vorrangig bei den weiblichen Probanden im Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit steht. Es liegt die Vermutung nahe, dass sich Frauen, die sich selbst als sehr zuverlässig und verantwortungsbewusst erleben, eventuell als verbundener gegenüber ihrem Partner wahrnehmen. Denkbar ist ebenso, dass sich Frauen, die sich selbst als sehr organisiert und sorgfältig beschreiben, möglicherweise autonomer und unabhängiger in einer Paarbeziehung fühlen. Bei Männern scheint ein solches Erleben nicht vorzuliegen. Anhand
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der Befunde muss davon ausgegangen werden, dass bei der Untergruppe der Männer sowie männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen Gewissenhaftigkeit in keinem linearen Zusammenhang zu Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen steht. Für die Untergruppen der Frauen und ebenso der weiblichen Jugendlichen (im Fragebogen) und jungen Erwachsenen (im CPRI) kann die Alternativhypothese, dass hohe Gewissenhaftigkeit mit hoher Autonomie sowie Verbundenheit einhergeht, bestätigt werden.
Neurotizismus
Neurotizismus zeigt sich in der empirischen Sozialforschung als sehr starker Prädiktor negativer Aspekte in Paarbeziehungen (vgl. z.B. Karney & Bradbury, 1997; Kelly & Conley, 1987; Zaleski & Galkowska, 1987). Davon ausgehend wurde auch für die hiesige Arbeit erwartet, dass hoher Neurotizismus mit niedrigen Werten für Autonomie und Verbundenheit einhergeht.
In der Analyse der Fragebogenskalen zeigt sich, dass Neurotizismus als relativ starker Prädik-tor betrachtet werden kann, denn er steht in allen Untergruppen, außer der der männlichen Jugendlichen, in signifikantem Zusammenhang mit niedriger Verbundenheit oder Autonomie. Vor allem die Skala unsichere Bindung zum Partner steht im Zusammenhang mit Neurotizismus - in diesem Bereich finden sich die meisten signifikanten Zusammenhänge. So geht selbstberichteter hoher Neurotizismus sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern sowie bei den männlichen jungen Erwachsenen und weiblichen Jugendlichen signifikant mit einer unsicheren Bindung zum Partner einher. Weiterhin wird ersichtlich, dass in der Untergruppe der Frauen und weiblichen jungen Erwachsenen hoher Neurotizismus mit niedriger Unabhängigkeit einhergeht. Shaver und Brennan (1992) lieferten in ihrer Untersuchung zum Zusammenhang zwischen den Big Five und den Bindungsstilen im Erwachsenenalter in Paarbeziehungen Ergebnisse, die die hiesigen Befunde untermauern. Hoher Neurotizismus scheint ein Merkmal sowohl unsicher-ambivalenter als auch unsicher-vermeidender Bindungsorganisationen zu sein. Unsicher-ambivalent gebundene Personen sind vor allem von viel Angst vor Enttäuschung geprägt - sie haben Furcht vom Partner zurückgewiesen und im Stich gelassen zu werden, wie sie es in ihren ambivalenten Beziehungen in der Kindheit lernen mussten (Shaver & Brennan, 1992). In den durch den Fragebogen erhobenen Bereich der unsicheren Bindung fallen die Angst vor Liebesverlust und die Unsicherheit dem Partner lästig zu sein. Diese Ängste, Besorgnisse und Unsicherheiten sind deutlicher Ausdruck einer unsicherambivalenten Bindung. Oftmals gehen sie vermutlich mit großer Abhängigkeit zum Partner einher, was der signifikante Zusammenhang mit der Skala Unabhängigkeit zeigen könnte. Des Weiteren zeigen sich signifikante inverse Zusammenhänge zwischen Neurotizismus und Sensitive Caregiving bei den Männern und männlichen jungen Erwachsenen sowie negative Korrelationen zwischen Neurotizismus und Öffnungsbereitschaft bei den weiblichen Jugendlichen sowie Commitment bei den männlichen jungen Erwachsenen. Das Vermeiden von Nähe und Intimität zum Partner sind eigentümlich für unsicher-vermeidend gebundene Personen
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(Shaver & Brennan, 1992). Die hiesigen Befunde unterstützen diese These deutlich und werden durch weitere empirische Studien gestützt. So wird bei hohen Neurotizismuswerten von einer Instabilität der Ehe berichtet (z.B. Cate, Levon & Richmond, 2002) sowie von niedriger Beziehungszufriedenheit (z.B. Karney & Bradbury, 1995; Zaleski & Galkowska, 1987). Ein interessanter Befund vorheriger Studien ist der, dass hoher Neurotizismus bei Männern mit einer signifikanten Neigung für den Liebesstil „Ludus“ einhergeht; bei Frauen allerdings für den Liebesstil „Mania“ (White et al., 2004). Werden die vorliegenden Korrelationen betrachtet, so fällt auf, dass sich für Männer die größere Anzahl signifikanter Zusammenhänge im Bereich Verbundenheit finden lässt. Hoher Neurotizismus geht also augenscheinlich vorrangig mit niedriger Verbundenheit einher. Das Vermeiden von Verbundenheit und bewusste Distanzieren vom Partner sind typische Charakterzüge von Personen, die einen spielerischen Umgang mit Partnerschaften bevorzugen. Für die Untergruppen der Frauen findet sich der größere Anteil signifikanter Zusammenhänge im Bereich Autonomie. Große Verlustängste, hohe Inbesitznahme aufgrund von Ambivalenzen und niedrige Unabhängigkeit, wie sie die hiesigen Befunde zeigen, charakterisieren den Liebesstil „Mania“. Die theoretischen Annahmen sehen sich in den Fragebogenskalen also durchaus bestätigt, so dass die generierte Alternativhypothese, dass hohe Werte für Neurotizismus mit niedriger Autonomie und Verbundenheit einhergehen für alle Gruppen, außer für die der männlichen Jugendlichen, bestätigt werden kann. Beim Vergleich der Mittelwerte zwischen den Geschlechtern wird deutlich, dass Frauen sich signifikant neurotischer einschätzen als Männer es tun. Der Umstand, dass die Erwartung für die Untergruppe der männlichen Jugendlichen nicht bestätigt werden kann, erklärt sich eventuell durch die signifikant niedrigeren Neurotizismus-Werte der männlichen Probanden. Dadurch, dass Ängste und Besorgnisse, aber auch Nervosität und Stressanfälligkeit weniger stark ausgeprägt sind, spielt das Persönlichkeitsmerkmal bei den männlichen Jugendlichen möglicherweise keine so starke Rolle in der Beziehung. Hinzu kommt außerdem, dass im Jugendalter eventuelle Schwächen, Ängste oder Sorgen tendenziell unterdrückt oder dem Partner noch nicht so sehr anvertraut werden (Shulman &Kipnis, 2001). Dies erklärt womöglich, warum Neurotizismus für die männlichen jungen Erwachsenen hingegen schon ein bedeutender Prädiktor für Verbundenheit und Autonomie in ihren Paarbeziehungen ist.
Die Analysen der CPRI-Skalen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Neurotizismus und Verbundenheit sowie Autonomie können die Ergebnisse der Fragebogendaten nicht bekräftigen. Innerhalb des CPRIs werden lediglich zwei tendenzielle Zusammenhänge sichtbar. Neurotizismus korreliert negativ mit interpersoneller Aushandlung in der Untergruppe der Männer sowie der weiblichen Jugendlichen.
Wo liegen die Ursachen, dass sich zwischen den beiden Erhebungsarten so unterschiedliche Ergebnisse zeigen? Innerhalb der Big Five ist Neurotizismus das einzige Persönlichkeitsmerkmal, von dem vermutet wird, dass es mit negativen Beziehungsaspekten in Verbindung steht, was wie erwähnt empirisch auch mehrfach bewiesen wurde. Es liegt die Vermutung
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nahe, dass bei einer narrativen Befragung eventuell eine größere Hemmschwelle besteht dem Interviewer innere Ängste oder Sorgen anzuvertrauen. Natürlich sollte auch das Phänomen der sozialen Erwünschtheit nicht außer Acht gelassen werden, was bei Befragungen egal welcher Art, ob schriftlich oder mündlich, eine große Rolle spielt. Aufgrund des direkten Dialogs mit der interviewenden Person liegt es jedoch nahe, dass die Tendenz die Beziehung besser darzustellen als sie ist, während einer mündlichen Befragung etwas stärker ausgeprägt sein könnte (Hartmann, 1991). Eine tiefergehende Betrachtung diesbezüglich wird sich in einem späteren Kapitel beim zusammenfassenden Vergleich der beiden methodischen Zugänge finden.
Offenheit
Aufgrund der uneindeutigen empirischen Befunde im Bereich Offenheit und seinem Zusammenhang mit Paarbeziehungen wurden im Vorfeld keine genauen richtungweisenden Erwartungen formuliert, inwiefern das Konstrukt Offenheit mit Autonomie und Verbundenheit in einer Liebesbeziehung in Verbindung steht. Es wurde lediglich vermutet, dass ein linearer Zusammenhang bestände, was die Analysen bestätigen können.
Bei der Analyse der Fragebogendaten zeigen sich signifikante Zusammenhänge in den Untergruppen der Frauen, weiblichen Jugendlichen sowie weiblichen jungen Erwachsenen. In allen drei Gruppen gehen hohe Offenheits-Werte mit einer niedrigen unsicheren Bindung zum Partner einher. Shaver und Brennan (1992) berichteten von einem Anwachsen der Beziehungsdauer bei großer Offenheit, was sinnbildlich für eine sichere Bindung zum Partner ist. Ebenso legten die beiden Forscher dar, dass eine unsicher-ambivalente Bindung unter anderem durch niedrige Offenheit gegenüber Werten prognostiziert werden kann (Shaver & Brennan, 1992). Auch die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit können diese These durchaus belegen. Niedrige Offenheit geht signifikant mit hoher Unsicherheit, die von Ambivalenzen und Verlustängsten geprägt ist, einher. Des Weiteren finden sich bei der Analyse der Fragebogen-Daten tendenzielle und signifikante Korrelationen zwischen Offenheit und Sensitive Caregiving sowie Öffnungsbereitschaft. In der Studie von Middleton (1993) fanden sich negative Korrelationen zwischen Offenheit und „Pragma“ bei Frauen, was die vorliegenden Befunde untermauert. Ein Mensch, der eine Beziehung eingeht, nicht aus dem vorwiegenden Grund, dass er dann nicht allein ist, der also mit wenig Pragmatismus an eine Liebesbeziehung herantritt, erscheint tatsächlich interessierter an den Bedürfnissen seines Partners und auch öffnungsbereit sich diesem anzuvertrauen. Damit finden sich in den Fragebogenskalen allein positive Zusammenhänge zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit und die vorab generierte Alternativhypothese kann zumindest für die Untergruppe der Frauen als bestätigt gelten.
Auch in den CPRI-Skalen zeigen sich tendenzielle sowie signifikante Korrelationen zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit, allerdings finden sich diese hier im Gegen-
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satz zu den Fragebogenskalen vorwiegend bei den männlichen Probanden, nämlich in den Untergruppen der Männer und männlichen Jugendlichen. Die dort vorliegenden Korrelationen zwischen Offenheit und den Skalen IPA, GE und BI sind alle positiv. Offenheit scheint also bei den männlichen Probanden deutlich mit positiven Beziehungsaspekten in Verbindung zu stehen. Diese Ergebnisse werden durch die Befunde jener Studien gestützt, die aufzeigten, dass hohe Offenheit bei Männern positiv mit „Eros“ korreliert (Middleton, 1993) und negativ mit „Ludus“ sowie „Pragma“ (White et al., 2004). Für die Untergruppe der Frauen liegt im CPRI ein inverser Zusammenhang zwischen Offenheit und der bedeutungszuschreibenden Skala vor. Hohe Offenheit geht bei ihnen also mit eine mangelnden Fähigkeit zur Integration von Autonomie und Verbundenheit einher. Auch diese Ergebnisse können durch empirische Untersuchungen der Vergangenheit unterstützt werden. So fanden Karney und Bradbury (1995) inverse Zusammenhänge zwischen Offenheit und Ehestabilität sowie Beziehungszufriedenheit. Auch negative Aspekte in Paarbeziehungen bei hoher Offenheit sind also durchaus nachgewiesen wurden.
Im Großen und Ganzen zeigen sich bei der vorliegenden Arbeit jedoch positive Aspekte von Verbundenheit und Autonomie bei hoher Offenheit. Die Alternativhypothese, dass ein linearer Zusammenhang zwischen dem Persönlichkeitskonstrukt Offenheit und Intimität sowie Autonomie in Paarbeziehungen besteht, kann also durchaus für beide Erhebungsarten bestätigt werden. Auffällig ist allerdings, dass es bei der Fragebogenanalyse alleinig die weiblichen Probanden sind, unter denen sich signifikante Zusammenhänge zeigen und bei der Analyse des CPRI nur bei den männlichen Probanden signifikante Korrelationen gefunden werden können. An dieser Stelle wird die Frage nach methodischen und inhaltlichen Unterschieden laut, wodurch sich Fragebogen und CPRI differenzieren. Dieser Thematik widmet sich ein späterer Abschnitt, in dem es um den konkreter Vergleich zwischen CPRI und Fragebogen gehen wird.
6.3 Diskussion der Befunde zu Selbstwert und Depressivität
Selbstwert
Das Persönlichkeitsmerkmal Selbstwert und sein Zusammenhang mit Paarbeziehungen findet in der empirischen Sozialforschung großen Zuspruch. Während die Big Five als vorwiegend genetisch bedingt relativ stabil über die Lebensspanne hinweg betrachtet werden können (McCrae & Costa, 1996/1999), kann das Konstrukt Selbstwert als stärker veränderbar angesehen werden (Asendorpf, 2003). Gerade auch deshalb zeigt es sich so vielseitig in seiner Wirkung auf Paarbeziehungen und vice versa. Für die vorliegende Untersuchung wurde aufgrund der bisherigen empirischen Befunde angenommen, dass ein hoher Selbstwert mit hoher Autonomie sowie Verbundenheit einhergeht. Und tatsächlich zeigt sich der Selbstwert auch als sehr starker Prädiktor für die untersuchten Kriterien.
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Auf Fragebogenebene finden sich eine Vielzahl von signifikanten, teils hochsignifikanten, Zusammenhängen zwischen dem Selbstwert und den Faktoren für Autonomie und Verbundenheit in allen Gruppen. Die meisten signifikanten Zusammenhänge, und zwar in allen überprüften Untergruppen außer der der männlichen jungen Erwachsenen, zeigen sich zwischen Selbstwert und dem Verbundenheits-Faktor Öffnungsbereitschaft. Ein hohes Selbstwertgefühl geht signifikant mit einer größeren Öffnungsbereitschaft gegenüber dem Partner einher. Diesen Befund kann eine Studie von Dion und Dion (1975) untermauern. Die Forscher stellten fest, dass hoher Selbstwert im Zusammenhang mit größerer Liebe, positiver Emotionalität und mehr Vertrauen zum Partner steht. Rogers (1959) konnte aufzeigen, dass Menschen mit einem hohem Selbstwert dazu tendieren sich und auch andere mehr zu mögen, als es Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl tun. Dies entspricht durchaus der hiesigen Be-fundlage, wenn man davon ausgeht, dass sich Menschen vor allem denjenigen Personen öffnen und anvertrauen, die sie mögen. Auch mit dem Autonomie-Faktor der unsicheren Bindung zum Partner korreliert der Selbstwert in allen Untergruppen, außer denen der männlichen und weiblichen Jugendlichen, teilweise sogar hochsignifikant negativ. Ein hoher Selbstwert geht augenscheinlich mit niedrigen Verlustängsten sowie Ambivalenzen einher, die Zeichen einer unsicheren Bindung zum Partner wären. Brennan und Bosson (1998) fanden heraus, dass Personen mit einem hohen Selbstwert oft als sicher gebunden beschrieben werden können, was die vorliegenden Befunde bekräftigen. Des Weiteren finden sich positive Korrelationen zwischen Selbstwert und Commitment bei den Männern, männlichen Jugendlichen sowie weiblichen Jugendlichen. Positive Zusammenhänge zeigen sich auch zwischen Selbstwert und Sensitive Caregiving in den Untergruppen der Männer und männlichen jungen Erwachsenen sowie zwischen Selbstwert und Unabhängigkeit bei den Frauen und weiblichen jungen Erwachsenen. Ein inverser Zusammenhang kann zwischen Selbstwert und der Angst vor emotionaler Inbesitznahme bei den Frauen und weiblichen Jugendlichen beobachtet werden. Diese Befunde, die aufzeigen, dass das Konstrukt Selbstwert mit positiven Aspekten in einer Paarbeziehung, in der hiesigen Untersuchung mit den Faktoren für Autonomie und Ver-bundenheit, verknüpft sind, können durch andere empirische Studien gestützt werden. So berichteten Robins et al. (2000) von einem positiven Zusammenhang zwischen positiver Emotionalität und der Zufriedenheit in einer Beziehung. Auch von einer positiven Korrelation zwischen Selbstwert und dem Liebesstil „Eros“ kann ausgegangen werden (Hendrick & Hendrick, 1986). Auffällig ist, dass sich in der Untergruppe der Männer der Großteil der signifikanten Zusammenhänge mit den Verbundenheits-Faktoren zeigt. Bei den Frauen hingegen liegt die Mehrzahl der signifikanten Zusammenhänge im Bereich Autonomie. Beim Vergleich der Kohorten fällt diese Tendenz ebenfalls auf. So zeigen sowohl weibliche als auch männliche junge Erwachsene tendenziell mehr und stärkere Zusammenhänge im Autonomie-Bereich als es die Jugendlichen tun. In ihrer Gruppe findet man mehr Zusammenhänge, die allerdings schwächer ausgeprägt sind, im Bereich Verbundenheit.
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Die Analysen der CPRI-Skalen bestätigen die Befunde der Fragebogenskalen. In allen untersuchten Gruppen korreliert Selbstwert positiv mit der bedeutungszuschreibenden Skala, die hohe Verbundenheit und Autonomie voraussetzt. Offenkundig geht ein hoher Selbstwert mit einer starken Fähigkeit einher Autonomie und Verbundenheit in ein interdependentes Verhältnis zu setzen und bestätigt die empirischen Befunde von Brennan und Bosson (1998), dass ein hoher Selbstwert mit einer sicheren Bindung im Zusammenhang steht. Die positiven Zusammenhänge zwischen Selbstwert und interpersoneller Aushandlung in den Gruppen der Frauen und Männer sowie der männlichen Kohorten finden Unterstützung durch bisherige empirischen Studien, die belegen, dass ein hoher Selbstwert mit einem konstruktiven Konfliktlöseverhalten einhergeht (Davila et al., 19996). Auch Berry und Willingham (1997) berichteten, dass ein hoher Selbstwert mit einem autonomen Konfliktlösestil zusammenhängt, bei dem in Streitsituationen die Verbundenheit zum Partner innerhalb einer erfolgreichen Problemlösung aufrecht erhalten werden kann. Diese Befunde spiegeln sich auch in den vorliegenden Ergebnissen wider.
Zusammenfassend kann für fast alle Gruppen die vorab formulierte Alternativhypothese, dass hoher Selbstwert mit hoher Verbundenheit und Autonomie in einer Person einhergeht, bestätigt werden. Allein die Gruppe der männlichen Jugendlichen zeigt bei der Analyse der Fragebogendaten lediglich Zusammenhänge zwischen Selbstwert und Verbundenheits-Faktoren.
Für ein übersteigertes Selbstwertgefühl, welches mit narzisstischem Verhalten einhergeht, das mit negativen Aspekten von Paarbeziehungen verknüpft werden kann, zeigen sich in der vorliegenden Untersuchung keine Indizien. Das Konstrukt Selbstwert steht durchgängig mit positiven Aspekten von Autonomie und Verbundenheit in den Paarbeziehungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Zusammenhang.
Depressivität - ihr Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit in einer Person
Für Depressivität sagt die Theorie vielfältige wechselseitige Zusammenhänge mit Paarbeziehungen voraus. So können unglückliche und konfliktbehaftete Liebesbeziehungen als Ursache für psychische Probleme gelten (Kiecolt-Glaser et al., 1993), aber ebenso ist es möglich, dass depressive Verstimmungen starken Einfluss auf eine bestehende Paarbeziehung ausüben (Birtchnell & Kennard, 1983). Auf dieser Basis wurde von der vorliegenden Untersuchung erwartet, dass hohe Depressivität mit negativen Aspekten von Verbundenheit und Autonomie im Zusammenhang steht. Es sei darauf hingewiesen, dass es sich bei den untersuchten Personen um keine klinische Stichprobe handelt, so dass im Allgemeinen von depressiven Stimmungen ausgegangen werden kann, anstatt von pathologischen Depressionen.
So zeigt sich Depressivität wie erwartet in den Fragebogenskalen als starker Prädiktor in fast allen Untergruppen. Allein für die männlichen Jugendlichen lassen sich lediglich signifikante Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie beobachten. Bei allen anderen Gruppen sind signifikante, teilweise auch hochsignifikante Korrelationen sowohl mit Verbun-
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denheits- als auch Autonomie-Faktoren sichtbar. Die meisten sowie stärksten Zusammenhänge finden sich zwischen Depressivität und einer unsicheren Bindung zum Partner. Mit Korrelationskoeffizienten von r= .62 bei den männlichen jungen Erwachsenen und r= .60 bei den weiblichen jungen Erwachsenen zeigen sich diese Zusammenhänge am stärksten und hochsignifikant. Aber auch in den Untergruppen der Männer (r= .45) und Frauen (r= .31) haben diese Zusammenhänge hochsignifikanten Charakter. Signifikant auf einen 5%igen Alpha-Fehler-Niveau ist diese Korrelation für die Gruppe der männlichen Jugendlichen (r= .39). Dieser deutliche Zusammenhang zwischen Depressivität und einer unsicheren Bindung zum Partner kann durch die Befunde von Schwennen und Bierhoff (2002) gestützt werden. Sie ermittelten in ihrer Untersuchung eine positive Korrelation zwischen Depressivität und „Mania“. Es ist anzunehmen, dass ein eifersüchtiger und besitzergreifender Mensch von großen Verlustängsten und Unsicherheiten gegenüber dem Partner geprägt ist, was die vorliegenden Befunde verdeutlichen. Hohe Depressivität geht mit hoher Angst vor Liebesverlust und Ambivalenz einher, die Zeichen einer unsicheren Bindung zum Partner sind.
Weitere Befunde im Bereich der Autonomie-Faktoren zeigen sich in der negativen Korrelation zwischen Depressivität und Unabhängigkeit bei den Frauen, sowie weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dass eine depressiv verstimmte Person in starker Abhängigkeit zum Partner steht, berichtete Stierlin (1996). Das Verhältnis zwischen dem Depressiven und ihrem Partner nimmt ein starkes Gefüge von Starker und Schwacher ein, in dem der depressive Partner nach einer ständigen Zuwendung und Anerkennung verlangt, um seine Selbstzweifel zu überwinden (Schwennen & Bierhoff, 2002). Bei den jugendlichen Frauen findet sich der Zusammenhang, dass hohe Depressivität mit hoher Angst vor emotionaler Besitznahme einhergeht. Dies widerspräche eigentlich der soeben formulierten These der starken Abhängigkeit. Dennoch lässt sich beobachten, dass sich depressive Personen, vor allem in den Phasen, in denen es ihnen sehr schlecht geht, gegenüber ihrem Partner feindselig und angespannt zeigen, was diese Korrelation eventuell erklären könnte. Auch herrscht im Allgemeinen in den jugendlichen Beziehungen zwischen den Partnern noch keine echte Verbundenheit, so dass starke Ängste oder Sorgen noch nicht so stark mitgeteilt und anvertraut werden zwischen den Partnern (Hazan & Zeifman, 1994) Auch eine mögliche Unterdrückung oder das Geheimhalten depressiver Gefühle vor dem Partner könnten zu einer ablehnenden Haltung und der Angst vor der Vereinnahmung durch den Partner führen.
Im Bereich Verbundenheit kann man in den Untergruppen der Männer und Frauen sowie der männlichen und weiblichen jungen Erwachsenen negative Zusammenhänge zwischen Depressivität und Sensitive Caregiving beobachten. Über signifikant niedrigere Ausprägungen des Liebesstils „Eros“ bei hoher Depressivität berichteten Schwennen und Bierhoff (2002). Depressive sind aufgrund ihrer tiefempfundenen Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit oft nur mehr schwer in der Lage Nähe und Liebe zum Partner zu empfinden und zu zeigen. Es ist vorstellbar, dass es unter diesen Bedingungen ebenso schwierig ist, die Bedürfnisse nach Un-
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terstützung und Bindung des nicht-depressiven Partners zu erkennen und zu erfüllen. In den Untergruppen der männlichen jungen Erwachsenen sowie weiblichen Jugendlichen zeigen sich negative Korrelationen zwischen Depressivität und Commitment und bei den weiblichen Jugendlichen zusätzlich mit Öffnungsbereitschaft. Auch diese Befunde lassen sich durch eine belegte niedrige Ausprägung von „Eros“ bei hoher Depressivität untermauern. Schwennen und Bierhoff (2002) legten aber auch dar, dass hohe Depressivität mit einer Neigung für „Ludus“ einhergeht. So kann es zu Verhaltensmustern kommen, in denen der Depressive in den sexuellen Abenteuern mit anderen Personen außerhalb seiner Beziehung nach Zustimmung, Anerkennung und Zuwendung sucht, um seine Selbstzweifel zu bezwingen, was aber dadurch nicht gelingt (Schwennen & Bierhoff, 2002). Auch damit könnte die mangelnde selbstberichtete Verbundenheit bei hoher Depressivität erklärt werden. Bei den weiblichen jungen Erwachsenen zeigt sich mit der positiven Korrelation zwischen Depressivität und Commitment ein nicht hypothesenkonformer Zusammenhang, der inhaltlich aber mit der starken Abhängigkeit der depressiv verstimmten Person an ihren Partner erklärt werden kann. Durch dieses starke Abhängigkeitsverhältnis wächst in dem Depressiven eventuell das Bedürfnis nach emotionaler Bindung und einer gemeinsamen Zukunft mit dem Partner. Dieses Verhaltensprinzip kann als eine Art Klammern am Partner beschrieben werden.
Die Analysen des CPRI bestätigen die Ergebnisse der Fragebogenskalen teilweise. Auch hier zeigt sich Depressivität als starker Prädiktor für Autonomie und Verbundenheit. In allen Gruppen, außer denen der männlichen und weiblichen Jugendlichen, zeigen sich signifikante Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie sowie Intimität. Die Tendenz, dass in der Gruppe der männlichen Jugendlichen wenige signifikante Zusammenhänge zu finden sind, zeigt sich auch bei der Analyse der Fragebogenskalen. Bei allen anderen Gruppen außer den jugendlichen Kohorten können inverse Zusammenhänge zwischen Depressivität und der bedeutungszuschreibenden Skala festgestellt werden. Darin spiegelt sich die mangelnde Fähigkeit zur Integration von Autonomie und Verbundenheit und unsichere Bindung zum Partner bei hoher depressiver Verstimmtheit wider. Aber auch auf den Skalen geteilte Erfahrung und interpersonelle Aushandlung zeigen sich negative Aspekte bei hoher Depressivität. An-hand der erwähnten empirischen Befundlage ist es nicht verwunderlich, dass auch die hiesige Untersuchung aufzeigt, dass hohe Depressivität mit wenig Verbundenheit und Vertrauen zwischen den Partnern sowie Schwierigkeiten bei einer autonomen Konfliktlösung einhergeht. Durch das niedrige Selbstwertgefühl und die starken Selbstzweifel fällt es den depressiv verstimmten Personen verstehbar schwer in einer Konfliktsituation autonom und trotzdem ver-bunden zu agieren (Schwennen & Bierhoff, 2002).
Zusammenfassend kann die vorab generierte Hypothese, dass hohe Depressivität mit niedriger Verbundenheit einhergeht in beiden Erhebungsarten für die Männer und Frauen sowie männlichen und weiblichen jungen Erwachsenen als bestätigt betrachtet werden. Für die Unter- gruppe der Jugendlichen zeigen sich lediglich auf den Fragebogenskalen für die weiblichen
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Jugendlichen signifikante Zusammenhänge. Der Grund dafür könnte in der bereits beschriebenen noch nicht so verbundenen Paarbeziehung zwischen den jugendlichen Partnern liegen, in denen individuelle Gefühle und Ängste noch nicht sehr stark mitgeteilt und vor allem gezeigt und gelebt werden und folglich eher abgegrenzt von der Beziehung und damit von Autonomie und Verbundenheit in der Paarbeziehung existieren (Hazan & Zeifman, 1994).
Depressivität - ihr Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern
Mit einer depressiven Person eine Liebesbeziehung zu führen, kann für den gesunden Partner eine enorm deprimierende Erfahrung sein (Weissman & Paykal, 1974). Deshalb wurde für die vorliegende Untersuchung davon ausgegangen, dass hohe Depressivität in einer Person mit niedriger Verbundenheit und Autonomie beim Partner einhergeht.
Wie erwartet zeigt sich bei der Analyse der Fragebogenkriterien eine Vielzahl hypothesen-konformer Zusammenhänge. Auf den ersten Blick fällt auf, dass Depressivität beim Mann mit mehr Faktoren für Verbundenheit und Autonomie bei der Partnerin in Verbindung steht als es umgekehrt der Fall ist. Die Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und den verbundenen sowie autonomen Verhaltensweisen der Frau sind nicht nur quantitativ größer, sondern tendenziell auch stärker. Zwischen der Depressivität der Frau und dem autonomen sowie verbundenheitsbezogenen Handeln des Mannes finden sich überwiegend lediglich tendenzielle Korrelationen. Dies zeigt sich auch im Kohortenvergleich. Die Depressivität der weiblichen jungen Erwachsenen steht in keinerlei Zusammenhang zu den Faktoren von Autonomie und Intimität der männlichen jungen Erwachsenen. Weibliche Depressivität geht tendenziell mit niedrigem Sensitive Caregiving bei den Männern einher. Dieser Zusammenhang zeigt sich in der Gesamtsstichprobe sowie bei den Jugendlichen. Es liegt die Vermutung nahe, dass der Mann durch die starke Trauer sowie Hoffnungslosigkeit in der depressiv verstimmten Partnerin das Gefühl hat, die Bedürfnisse seiner Partnerin nach Unterstützung und Hilfe nicht erfüllen zu können (Stierlin, 1996). Umgekehrt zeigt sich dieser Zusammenhang auch zwischen der Depressivität des Mannes und dem Sensitive Caregiving der Partnerin in der Untergruppe der jungen Erwachsenen. Des Weiteren lässt sich von einer negativen Korrelationen zwischen der Depressivität der Frau und dem männlichen Commitment in der Untergruppe der Jugendlichen berichten sowie von einem positiven Zusammenhang zwischen weiblicher Depressivität und einer unsicheren Bindung beim Partner ebenfalls in der Untergruppe der Jugendlichen. In einer stärker depressiven Phase verhalten sich die erkrankten Personen oft feindselig und zurückweisend gegenüber dem Partner (Spangenberg & Theron, 1999). Gekoppelt mit einer beständigen Trauer in den depressiv verstimmten Personen, liegt die Annahme nahe, dass im Partner Verlustängste und Ambivalenzen entstehen können, die mit einer niedrigen Zukunftsorientierung einhergehen. Dass es für einen Menschen eine sehr betrübliche Erfahrung sein kann mit einer depressiven Person zusammen zu sein, ist empirisch belegt (Weissman & Baykal, 1974). Auf dieser Basis ist vorstellbar, dass jenes Zusammen-
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sein aufgrund der erschwerten Kommunikation und Interaktion mit dem depressiven Partner teilweise als schwer ertragbar wahrgenommen wird, was mit einer niedrigen emotionalen Bindung beim Partner einhergehen könnte (Reich, 2003). Umgekehrt zeigen sich in der Gesamtsstichprobe sowie in der Gruppe der jungen Erwachsenen ebenso hochsignifikante negative Korrelationen zwischen der Depressivität des Mannes und dem weiblichen Commitment. In der Gesamtstichprobe ist weiterhin ein inverser Zusammenhang zwischen der Depressivität der Frau und der Unabhängigkeit des Partners zu beobachten. Es erscheint durchaus nachvollziehbar, dass die starke Abhängigkeit der depressiven Partnerin und ihr zur Besitzergreifung tendierender Liebesstil, im Partner mit dem Gefühl des ständigen Gebrauchtwerdens einhergehen (Stierlin, 1996; Schwennen & Bierhoff, 2002). Dieses Gefühl wiederum dürfte vermutlich in Verbindung mit dem selbstberichteten Mangel an Unabhängigkeit des Mannes stehen.
Werden die Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und den verbundenheits- sowie autonomiebezogenen Verhaltensweisen seiner Partnerin betrachtet, fallen zwei Zusammenhänge besonders auf. Zum einen scheint die männliche Depressivität ein starker Prädiktor für die Öffnungsbereitschaft der Partnerin zu sein. Bei allen untersuchten Gruppen lassen sich hier inverse Zusammenhänge finden. Diese Korrelation lässt sich mit den Befunden der Studie von Reich (2003) untermauern, in der dargelegt wurde, dass die Kommunikation der Partner durch die Depressivität eines Partners teilweise erheblich gestört sein kann, so dass der Gesunde dem Partner seine Sorgen und Nöte nur noch schwer anvertrauen kann, was negative Einflüsse auf die Verbundenheit in der Beziehung hat. Ebenso als starker Prädiktor kann die Depressivität des Partners für die Angst vor emotionaler Inbesitznahme der Partnerin gelten. Auch hier zeigen sich in allen untersuchten Gruppen teilweise sogar hochsignifikante negative Korrelationen. Dass depressive Verstimmtheit mit hohen Ausprägungen im Liebesstil „Mania“ einhergeht, konnten Schwennen und Bierhoff (2002) belegen. Die besitzergreifende sowie eifersüchtige Art des depressiv verstimmten Mannes in der Beziehung scheint mit einer nachvollziehbar erhöhten Angst vor Vereinnahmung in der Partnerin einherzugehen. Bei der Analyse ist auffällig, dass sich ein großer Teil der signifikanten Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und den autonomie- und verbundenheitsbezogenen Verhaltensweisen seiner Partnerin im Verbundenheitsbereich zeigt. Der Verlust an positiver Emotionalität im Partner geht bei den Frauen offensichtlich vor allem mit einem gefühlten Defizit an Verbundenheit, Intimität und Nähe einher. Interessant erscheint dieser Umstand vor dem Hintergrund, dass eigene Depressivität bei den Frauen vorrangig mit geringerer Autonomie, insbesondere großen Ängsten und Unsicherheiten in Verbindung steht.
Werden die untersuchten Kohorten verglichen, so zeigt sich auch hier die Tendenz, dass die Depressivität der Frau nur in wenigen Zusammenhängen mit Verbundenheit und Autonomie des Partners steht. Bei den Jugendlichen finden sich vorwiegend tendenzielle Zusammenhänge, bei den jungen Erwachsenen gar keine. Im Gegensatz dazu zeigen sich bei männlicher Depressivität weitaus mehr Korrelationen mit Verbundenheits- und Autonomie-Faktoren der
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Frauen in beiden Kohorten. Bei den Jugendlichen sind diese Zusammenhänge schwächer; bei den jungen Erwachsenen zeigen sich mehr, stärkerer und teilweise hochsignifikante Verbindungen. Mit der Klärung der vorliegenden geschlechts- und kohortenspezifischen Unterschiede beschäftigen sich die zwei folgenden Kapitel dieser Arbeit, die die gefundenen Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie den Alterskohorten eingehender beleuchten.
Für die Fragebogenskalen kann zusammenfassend gesagt werden, dass sich die Hypothese, dass hohe Depressivität in einer Person mit niedriger Autonomie sowie Verbundenheit einhergeht, größtenteils bestätigt sieht. Lediglich bei der Kohorte der jungen Erwachsenen zeigen sich allein Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und verbundenheits- sowie autonomiebezogenen Verhalten seiner Partnerin.
Bei der Analyse des CPRIs zeigt sich, dass sich in der Gesamtsstichprobe keinerlei signifikante Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern finden lassen. Lediglich in der Kohorte der jungen Erwachsenen lässt sich ein tendenzieller, aber nicht hypothesenkonformer Zusammenhang zwischen Depressivität und interpersoneller Aushandlung beobachten. Hohe Depressivität beim Mann geht tendenziell mit höherer interpersoneller Aushandlung bei der Partnerin einher. Dieser Zusammenhang zeigt sich auf den ersten Blick wenig eigentümlich, könnte aber damit erklärt werden, dass das Zusammensein mit einem depressiv verstimmten Partner mit einem kompromissbereiteren und konstruktiveren Konflikt- und Problemlöseverhalten bei der Partnerin einhergeht; vielleicht aus besonderer Rücksichtnahme vor den traurigen und selbstzweifelnden Gefühlen des Partners.
Es stellt sich die Frage, weshalb im CPRI keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Depressivität und Verbundenheit sowie Autonomie zwischen den Partnern gefunden werden. Auf der einen Seite sollte hier die inhaltliche sowie methodische Differenzierung zwischen den beiden Erhebungsmethoden geachtet werden, auf die in einem folgenden Abschnitt gesondert eingegangen wird. Zum anderen fällt auf, dass sich innerhalb der fünften Fragestellung, bei der es um die eigene Depressivität und dem Zusammenhang dieser mit der selbstberichteten Autonomie sowie Verbundenheit geht, eine Vielzahl von signifikanten Korrelationen auch im CPRI zeigten. Daraus leitet sich die Annahme ab, dass bei eigener negativer Emotionalität die Idealisierung der Partnerschaft im Interview vielleicht kein so angestrebtes Ziel mehr ist im Gegensatz dazu, wenn der Partner derjenige ist, der depressiv verstimmt ist.
6.4 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede
Bei der Interkorrelation der Fragebogenkriterien innerhalb einer Person wird deutlich, dass die Skala emotionale Bindung bei den Männern in vielerlei und starken Zusammenhängen mit den anderen Skalen aus dem Bereich Verbundenheit steht. Ein zentraler Aspekt der Bezie-
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hung scheint für sie die Nähe und Intimität zur Partnerin zu sein. Mit ihr Zeit zu verbringen und sich ihr nahe zu fühlen, geht für die Männer signifikant mit anderen positiven Verbundenheitsaspekten in ihrer Beziehung einher. Für Frauen liegt der stärkste Zusammenhang im Bereich Verbundenheit in der Verbindung zwischen Öffnungsbereitschaft und Zukunftsorientierung. Dass der Partner als Gesprächspartner und Vertrauensperson fungiert, ist für die Frauen vermutlich ein wichtiger Punkt in der Beziehung, um sich dem Partner verbunden zu fühlen. Vor dem Hintergrund, dass Frauen sich selbst als öffnungsbereiter einschätzen und innerhalb des CPRIs über höhere Level von geteilter Erfahrung berichten, scheint es denkbar, dass es für Frauen eventuell vor allem bedeutsam ist, dass sie im Partner einen Zuhörer finden und eine Person, der sie ihre Gedanken und auch Sorgen mitteilen können. Wohingegen Männer ihren Schwerpunkt vor allem auf die gemeinsam mit der Partnerin verbrachte Zeit legen. Die Testung der Moderatorhypothese bestätigt die Variable Geschlecht als moderierende Größe bei der Interkorrelation der Kriteriumsvariablen. Die Vielzahl an signifikanten Zusammenhängen, die sich im Bereich Verbundenheit bei beiden Geschlechtern zeigen, verdeutlicht die bedeutende Rolle, die Verbundenheit in Liebesbeziehungen einnimmt.
Im Bereich Autonomie ähneln sich Frauen und Männer, indem bei beiden Gruppen starke Zusammenhänge auf den Skalen zur unsicheren Bindung zum Partner beobachtbar sind.
Als stärkster hypothesenkonformer Prädiktor zeigt sich bei beiden Geschlechtern die Skala Angst vor Vereinnahmung. Sowohl beim Mann als auch bei der Frau geht das Gewähren von individuellen Freiräumen, in denen eine persönliche Entfaltung möglich ist mit positiven Aspekten auf allen Verbundenheits-Skalen einher. Diese Skala zeigt sich gewissermaßen als Inbegriff der für eine sichere Bindung stehenden Bezeichnung „autonome Verbundenheit“ (Davila et al., 1996).
Werden durch die Interkorrelation der Kriteriumsvariablen die wechselseitigen Prozesse in der Paarbeziehung betrachtet, wird deutlich, dass die Verbundenheitsskalen eine Art „Schlüsselfunktion“ übernehmen. Auf ihnen zeigt sich das interdependente Muster von Paarbeziehungen am deutlichsten. Zeigt ein Partner hohe Öffnungsbereitschaft, emotionale Bindung oder Zukunftsorientierung, so ist auch der andere Partner in der Lage seine Bedürfnisse nach Nähe und Bindung ungehemmt zu zeigen und zu erleben. Dies verdeutlicht abermals die hohe Bedeutung von Verbundenheit in Paarbeziehungen. Dass durch diese Wechselwirkung „Engelskreise“, aber auch „Teufelskreise“ entstehen können ist gut vorstellbar und zeigt sich als möglicherweise erfolgversprechender Ansatzpunkt bei paartherapeutischen Interventionen.
Auffällig bei der Interkorrelation der Kriterien auf Paarebene ist, dass verbundenheits- sowie autonomiebezogenes Verhalten und Denken beim Mann vor allem mit den Skalen für Ver-bundenheit auf Seiten der Frau in Verbindung steht. Eine evolutionäre Sichtweise könnte diese Befunde damit erklären, dass es für Frauen möglicherweise sehr wichtig ist, dass ihr Partner Stärke und Sicherheit symbolisiert, sich also durch starke Autonomie charakterisiert und gleichzeitig Nähe und Wärme zeigt, um sich dem Partner verbunden zu fühlen und ihn als
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„secure base“ in ihrem Leben als Paar wahrzunehmen. Der Umstand, dass die Untergruppe der Frauen von stärkerer selbsteingeschätzter Unabhängigkeit berichten, untermauert diese These, denn er spiegelt die Bedeutsamkeit dieser Charaktereigenschaft für die weiblichen Probanden wider.
Bei der Testung der Big Five und ihrem Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit zeigt sich die Variable Extraversion bei den Männern als starker Prädiktor für Autonomie und Verbundenheit. Die Testung der Moderatorhypothese bestätigt, dass das Geschlecht moderierend auf diese Zusammenhänge einwirkt. Bei den Frauen zeigen sich in diesem Bereich keine signifikanten Korrelationen und es scheint, obwohl zwischen den beiden Geschlechtern keine signifikante Mittelwertsunterschiede in der Variable Extraversion nachzuweisen sind, als ob Extraversion für Frauen lediglich eine untergeordnete Rolle in Bezug auf Verbundenheit und Autonomie in ihren Paarbeziehungen spielt. Das Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit hingegen zeigt sich lediglich in den weiblichen Untergruppen als bedeutsamer Prädiktor für Autonomie und Verbundenheit. Als Erklärungsmodelle für diese beiden Geschlechtsunterschiede könnten möglicherweise Vorstellungen über Rollenklischees eine Bedeutung spielen. Frauen beschreiben sich selbst als verträglicher und neurotischer im Gegensatz zu den Männern. Auch andere empirische Forschungen berichten, dass sich Frauen als sensibler, zurückhaltender und ängstlicher einschätzen (Backhaus, 2004). Ob sie das allerdings wirklich sind, bleibt in gewisser Hinsicht fraglich, da vorherrschende Rollenklischees anscheinend ihren Beitrag zu diesen Selbsteinschätzungen leisten. So stellten Costa et al. (2001) in einer kulturvergleichenden Untersuchung fest, dass sich Vorstellungen zu stereotypischen Geschlechtsunterschieden am stärksten in Europa und Amerika zeigen. Auffällig ist, dass gerade in diesen Gebieten die Geschlechterrolle gesellschaftlich kaum noch von Bedeutung ist. Die Autoren erklären dies damit, dass die Deutung des eigenen Verhaltens Auswirkungen auf das Selbstbild hat, was sich folglich in den Antworttendenzen von Persönlichkeitsfragebögen widerspiegelt (Costa et al., 2001). Vor dem Hintergrund, dass Frauen sich als zurückhaltender und sensibler einschätzen, ist es durchaus vorstellbar, dass ein Persönlichkeitsmerkmal wie Extraversion für Autonomie und Verbundenheit in den weiblichen Einschätzungen von Paarbeziehungen eine untergeordnete Rolle spielt, Gewissenhaftigkeit hingegen womöglich stärker mit der Qualität einer Liebesbeziehung in Verbindung gebracht wird. Die Absicherung dieser Mutmaßungen durch weitere empirische Untersuchungen ist jedoch auf jeden Fall notwendig.
Für den Bereich Neurotizismus und dem Zusammenhang mit Verbundenheit und Autonomie lassen sich keine deutlichen Geschlechtsunterschiede ausmachen. Dementsprechend zeigt die Testung der Moderatorhypothese, dass das Geschlecht keine moderierende Wirkung auf diese Zusammenhänge hat.
Es lassen sich geschlechtsspezifische Differenzen im Bereich Offenheit beobachten. So ist es bei der Analyse der Fragebogenskalen die Untergruppe der Frauen, für die sich signifikante Zusammenhänge zwischen Offenheit und Autonomie zeigen und bei der Auswertung der In-
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terviewdaten ist es die Untergruppe der Männer, für die sich vielfältige bedeutende Zusammenhänge beobachten lassen. In beiden Erhebungsmethoden und Untergruppen ist Offenheit mit positiven Beziehungsaspekten verknüpft. Es besteht die Annahme, dass sich diese Unterschiede vermutlich jedoch weniger geschlechtsspezifisch erklären lassen, sondern auf Divergenzen in den Datenerhebungsarten zurückzuführen sind.
Sowohl für Frauen als auch für Männer zeigen sich signifikante Zusammenhänge zwischen Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit. Auffällig ist jedoch, dass sich bei den Männern der Großteil der signifikanten Zusammenhänge mit den Verbundenheits-Faktoren zeigt; bei den Frauen hingegen sind die meisten bedeutenden Zusammenhänge im Bereich Autonomie zu beobachten. Diese Befunde verdeutlichen die Tendenz, die sich bereits bei der Inter-korrelation der Kriterien auf Paarebene abgezeichnet hat, dass Frauen autonomen Verhaltensweisen eventuell eine stärkere Bedeutsamkeit zukommen lassen als es Männer tun. Vor dem Hintergrund, dass sich Frauen im Allgemeinen als neurotischer und sensibler einschätzen (Backhaus, 2004), sind Ängste und Unsicherheiten womöglich für sie von primärer Bedeutung in der Beziehung. So zeigen sich bei ihnen vor allem dann positive Aspekte von Verbundenheit und Autonomie, wenn sie sich in einer Beziehung angst- und ambivalenzfrei fühlen können, was die Tendenz der vermehrten Zusammenhänge mit den Autonomie-Faktoren erklären könnte. Dieses Erklärungsmodell ist jedoch äußerst spekulativ und bedarf zur Absicherung weiterer empirischer Untersuchungen.
Im Bereich Depressivität zeigen sich innerhalb einer Person keine deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede. Für beide Geschlechter zeigt sich Depressivität als starker Prädiktor negativer Aspekte von Autonomie und Verbundenheit in der Beziehung. Werden jedoch die die Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern betrachtet, ist auffällig, dass die Depressivität des Mannes mit weitaus mehr negativen Aspekten von autonomen und verbundenen Verhaltensweisen in der Partnerin einhergeht als es umgekehrt der Fall ist. Die negative Emotionalität des Partners geht bei der Partnerin signifikant mit einem gefühlten Defizit an Verbundenheit einher. Als Erklärungsmodell kann die Langzeitstudie von Caughlin et al. (2000) herangezogen werden. Diese beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Angst, einem der Depression sehr ähnlichen Konstrukt, auf Beziehungsqualität und prägte den Begriff der „emotional contagion“, der emotionalen Ansteckung. Caughlin et al. (2000) konnten zeigen, dass Frauen die Angst ihrer Partner sehr früh in einer Beziehung für sich übernehmen. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung könnten ein Indiz dafür sein. Zusätzlich sollte beachtet werden, dass die Frauen der vorliegenden Stichprobe durch Mittelwertsvergleiche sowohl als signifikant neurotischer als auch depressiver im Gegensatz zu Männern beschrieben werden können. So erscheint es nicht abwegig, dass eine depressive Verstimmung in den Partnern bei den Frauen vielleicht eher und stärker mit eigenen Ängsten und gefühlter defizitärer Verbundenheit einhergeht. Auch Män- ner übernehmen die Ängste und negativen Emotionalitäten ihrer Partnerinnen, wie Caughlin
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et al. (2002) zeigen konnten, jedoch erst mit einer längeren Dauer der Beziehungen. In der damaligen Untersuchung waren es 13 Jahre, nach denen die Angst der Frauen eine signifikante Beziehungsunzufriedenheit bei den Männern vorhersagte, wohingegen die Frauen bereits zu Beginn der Beziehungen die Ängste der Männer stärker übernahmen (Caughlin et al., 2002). Angesichts der hiesigen jungen Beziehungen, scheinen die vorliegenden Ergebnisse vor dem Hintergrund dieser Langzeitstudie durchaus plausibel.
6.5 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Kohortenunterschiede
Die Testung der Ähnlichkeitsthese hat gezeigt, dass sich die Partner in jugendlichen Paarbeziehungen etwas ähnlicher sind, als es in den Liebesbeziehungen der jungen Erwachsenen der Fall ist. Diese Befunde lassen sich theoretisch belegen, wenn bedacht wird, dass dem Peerdruck bei den Paarbeziehungen der Jugendlichen eine bedeutende Rolle zukommt. So ist es in diesem Alter sehr wichtig, dass der Partner auch beim Freundeskreis anerkannt wird und beliebt ist (Furman & Wehner, 1997). Deshalb erscheint es plausibel sich in diesem Alter sehr ähnliche Partner zu suchen, damit diese Akzeptanz von Seiten der Peers gewährleistet ist. Im jungen Erwachsenenalter verliert sich dieser starke Einfluss der Peers auf die Wahl der Partner zunehmend (Gavin & Furman, 1989).
Bei der Interkorrelation der Kriterien zwischen den Partnern finden sich in den jugendlichen Kohorten wesentlich weniger Zusammenhänge als bei den jungen Erwachsenen. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese Befunde auf die noch nicht so stark ausgeprägte Wechselseitigkeit in den jugendlichen Paarbeziehungen zurückzuführen sind. Erst mit wachsender Erfahrung im Umgang mit Paarbeziehungen und in der Interaktion mit dem Partner werden Liebesbeziehungen gegenseitiger und interaktiver (Selman, 1980). Dass die Beziehungen von Jugendlichen durchaus starke emotionale Erfahrung sind (Shulman & Kipnis, 2001), zeigen die vielzähligen Zusammenhänge der Kriteriumsvariablen auf Individualebene, in denen sich die jugendlichen Kohorten nicht von denen der jungen Erwachsenen unterscheiden.
Kohortenunterschiede lassen sich innerhalb der Analyse der Big Five vor allem in den männlichen Kohorten feststellen. Während sich bei der Analyse der Fragebogendaten keinerlei signifikante Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Indikatoren für Autonomie und Verbundenheit finden lassen und im CPRI relativ wenige für die Untergruppe, können in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen in beiden Erhebungsmethoden eine Vielzahl signifikanter Korrelationen beobachtet werden. Für die weiblichen Kohorten zeigt sich diese Tendenz lediglich im CPRI. Als Erklärung hierfür könnte die größere Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen mit fortschreitendem Alter dienen (McCrae & Costa, 1996/1999). Während die Persönlichkeit der Jugendlichen, vor allem die der männlichen, noch plastischer ist, scheint die der jungen Erwachsenen bereits eine gewisse Kontinuität zu besitzen, die sich in stärkeren und vielleicht auch nachhaltigeren Zusammenhängen mit Autonomie und Verbun-
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denheit in der Partnerschaft zeigt (McGue et al., 1993). Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Testung der Moderatorhypothese in diesem Bereich zumeist nicht signifikant ausfällt. Die Kohortenunterschiede scheinen also in ihrer Bedeutsamkeit nicht so stark zu sein, als dass man sie signifikant bezeichnen könnte.
Bei der Testung der Zusammenhänge zwischen Selbstwert und Verbundenheit sowie Autonomie zeigen sowohl die weiblichen als auch männlichen jungen Erwachsenen mehr Zusammenhänge im Autonomiebereich als die jugendlichen Kohorten. Die Zusammenhänge im Autonomiebereich bei den jungen Erwachsenen sind zum Teil hochsignifikant und stärker als alle beobachteten Zusammenhänge zwischen Selbstwert und Autonomie sowie Verbundenheit in der Kohorte der Jugendlichen. Als Erklärungsansatz wird diesbezüglich vermutet, dass Gefühle und vor allem Ängste und Vulnerabilitäten in den jugendlichen Paarbeziehungen noch nicht so stark an den Partner herangetragen werden, sondern womöglich eher außerhalb und unabhängig von der Beziehung betrachtet werden, so dass zwar ein hoher Selbstwert signifikant mit höherer Verbundenheit einhergeht, aber ein niedriger Selbstwert nicht unbedingt im Zusammenhang mit Unsicherheiten in der Beziehung in Zusammenhang steht, weil diese in der Beziehung weniger deutlich zum Ausdruck gebracht werden (Hazan & Zeifman, 1994). Zur Absicherung dieser Annahme sind jedoch weitere empirische Studien notwendig. Bedeutend in diesem Zusammenhang erscheint auch, dass Jugendliche in ihren Paarbeziehungen noch nicht so stark in der Lage sind die beiden Konstrukte Autonomie und Intimität zu integrieren und oftmals auf Verhaltensebene versucht wird die beiden Aspekte in ein Gleichgewicht zu bringen (Goldsmith, 1990). Auch dieser Umstand könnte ergänzend als Erklärungsmodell für die vorliegenden Befunde herangezogen werden.
Werden die Zusammenhänge zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit auf Individualebene getestet, können in den Alternskohorten der Jugendlichen wesentlich weniger signifikante Korrelationen beobachtet werden. Dies verleitet zur Annahme, dass depressive Verstimmungen gewissermaßen außerhalb und unabhängig von den jugendlichen Liebesbeziehungen existieren, da gerade Ängste und Vulnerabilitäten in diesem Alter dem Partner noch nicht so stark anvertraut und gezeigt werden (Hazan & Zeifman, 1994), so dass persönliche Dispositionen eventuell auch vor dem Partner versteckt werden. Lediglich auf den Fragebogenskalen zeigen sich signifikante Zusammenhänge in der Untergruppe der weiblichen Jugendlichen. Dies lässt spekulieren, dass die jugendlichen Frauen aufgrund erhöhter Werte für Depression und Neurotizismus, aber gleichzeitig höherer selbstberichteter Öffnungsbereitschaft im Gegensatz zu den Männern vielleicht eher in der Lage sind Unsicherheiten und Ängste in ihren Liebesbeziehungen dem Partner anzuvertrauen. Womöglich fällt gerade dies den männlichen Jugendlichen etwas schwerer.
Für ein weiteres Indiz einer stärkeren Wechselseitigkeit in den Paarbeziehungen der jungen Erwachsenen, spricht die Befundlage, dass bei der Testung der Zusammenhänge zwischen der Depressivität des Mannes und Autonomie sowie Verbundenheit der Partnerin bei den jungen
148 Diskussion
Erwachsenen verglichen mit den Jugendlichen wesentlich mehr und stärkere, teilweise hochsignifikante, Zusammenhänge vorzufinden sind. Die erwähnte These der emotionalen Ansteckung sollte aber auch hier nicht außer Acht gelassen werden (Caughlin et al, 2000).
6.6 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Unterschiede in den Erhe-
bungsmethoden
In den meisten der untersuchten Fragestellungen kann das CPRI die Befunde der Fragebogenskalenanalyse bestätigen und untermauern. Deutliche Unterschiede in der Analyse der Fragebogenkriterien und den Kriterien aus dem CPRI ergeben sich:
1. beim Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Autonomie sowie Verbundenheit. Bei der Fragebogenanalyse zeigt sich Neurotizismus als starker Prädiktor für die gemessenen Konstrukte in allen Gruppen. Im Bereich des CPRI fanden sich lediglich zwei tendenzielle Zusammenhänge.
2. beim Zusammenhang zwischen Offenheit und Autonomie sowie Verbundenheit. Innerhalb der Fragebogenanalyse zeigt sich Offenheit als Prädiktor für die gemessenen Kriterien bei den Frauen, wohingegen im CPRI Offenheit als Prädiktor in der Untergruppe der Männer fungiert.
3. beim Zusammenhang zwischen Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern. Auf den Fragebogenskalen finden sich vielfache Zusammenhänge. Im CPRI hingegen ist lediglich ein tendenzieller Zusammenhang beobachtbar.
Inhaltliche Unterschiede. Zur Klärung von Unterschieden zwischen den beiden gewählten Erhebungsmethoden ist es wichtig inhaltliche Differenzen aufzuzeigen. So wurden für den Fragebogen im Bereich Verbundenheit vier Skalen herangezogen. Die Skala Öffnungsbereitschaft erfragt inwieweit es leicht fällt sich dem Partner gegenüber zu öffnen und ihm Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Bei emotionaler Bindung geht es vor allem darum zu ermitteln wie eng sich der Befragte an den Partner gebunden fühlt und wie wichtig es ist Zeit miteinander zu verbringen. Auf der Skala Zukunftsorientierung wird erfasst, ob die Vorstellung vor-handen ist mit dem Partner noch länger zusammenzubleiben. Durch die Selbsteinschätzung des Sensitive Caregiving soll darüber berichtet werden, inwieweit Gefühle und Bedürfnisse des Partners feinfühlig erahnt und erfragt werden. Das Pendant des CPRI dazu ist die Skala geteilte Erfahrung. Der Interviewer erfragt wieviel gemeinsame Zeit zusammen verbracht wird und was gemeinsam unternommen wird. Des Weiteren wird darüber gesprochen, ob Probleme und Sorgen mit dem Partner geteilt werden können und wie dieser damit umgeht beziehungsweise wie der Befragte selbst auf die Öffnungsbereitschaft des Partners reagiert. Der Bereiche Verbundenheit ähneln sich in den beiden Erhebungsmethoden offensichtlich in einer starken Art und Weise, wenn auch im CPRI nicht nach konkreten Zukunftsvorstellungen
149 Diskussion
gefragt wird. Weit größere Unterschiede finden sich im Bereich Autonomie. Mit den vier ausgewählten Skalen Unabhängigkeit, Angst vor Liebesverlust, Angst vor Vereinnahmung sowie Ambivalenz werden vor allem Merkmale einer unsicheren Bindung zum Partner erfasst, indem nach Ängsten und Ambivalenzen gefragt wird. Es werden also vorrangig Facetten der Paarbeziehung erfasst, die für wenig Autonomie sprechen. Überdies wird Unabhängigkeit erhoben, die aussagt inwieweit jeder Partner seinen Interessen nachgehen kann. Im Gegensatz dazu befasst sich die Skala der interpersonellen Aushandlung auf dem CPRI vor allem mit dem Aspekt der Konflikt- und Problemlösung zwischen den Partnern. Das Kommunikations-und Interaktionsverhalten steht auf dieser Skala im Mittelpunkt. Ergänzt werden die beiden Skalen des CPRI durch eine dritte Skala, der interdependenten Bedeutungszuschreibung, durch welche das Verhältnis von Nähe und Unabhängigkeit in der Beziehung erfragt wird und die damit dem Konzept Bindung am nächsten kommt. In diesem Bereich werden unter anderem auch ambivalente Gefühle in der Beziehung angesprochen. Die Autonomie-Skalen der beiden Erhebungsmethoden unterscheiden sich offenkundig in einer deutlichen Art und Weise. Teilweise finden sich Aspekte des durch den Fragenbogen erhobenen Autonomiebereichs in der Skala BI wieder. Die Ergebnisse der beiden Erhebungsarten sollten also nicht nur vergleichend gegenüber gestellt werden, sondern vielmehr auch ergänzend betrachtet werden.
Methodische Unterschiede. Es ist davon auszugehen, dass beide Befragungsmethoden vom Phänomen der sozialen Erwünschtheit beeinflusst sind. Unabhängig davon ergeben sich hinsichtlich der Methodik der beiden Instrumente wichtige Unterschiede. So zeigt sich bei einer Fragebogenerhebung als Nachteil, dass die Fragenden auf das angewiesen sind, was der Pro-band mitteilen möchte und was ihm bewusst ist. Die Antworten in einem Fragebogen sind also durch die subjektive Selbsteinschätzung des Befragten in mehr oder minder starker Weise determiniert. Ein Vorteil des Fragebogens ist jedoch die stärkere Anonymität, die er gewährt (Bortz & Döring, 2002), da die Untersuchenden bei einer schriftlichen Befragung eine eher passive Rolle einnehmen (Konrad, 1999). Zudem füllten die Probanden der vorliegenden Untersuchung den Fragebogen in einer ihnen bekannten häuslichen Umgebung aus. Es ist davon auszugehen, dass diese Aspekte das Antwortverhalten der befragten Personen beeinflusste. Das CPRI im Gegensatz dazu bietet die Möglichkeit die Kohärenz des Diskurses zu bewerten. Durch eine direkte Kommunikation mit dem Interviewer besteht die Möglichkeit tiefere sowie umfassendere Einblicke in das Beziehungsleben gewährt zu bekommen. Aber eben in dieser unmittelbaren Kommunikation mit einer bislang unbekannten Person sind auch die Nachteile dieser mündlichen Befragung zu sehen. So spielt der zwischenmenschliche Aspekt innerhalb eines Interviews eine zentrale Rolle, der zu größeren Hemmungen führen kann von intimen Sachverhalten zu berichten, wie ihn eine Liebesbeziehung darstellt. Als Reaktion darauf könnten Idealisierungstendenzen in den Befragten oder auch das Auftreten großer Schüchternheit sowie Hemmungen, dem Interviewer über Ängste und Sorgen zu berichten, beobachtet werden, da dem Fragenden womöglich eine bewertende Funktion zugeschrieben wird. Die Liebesbeziehung einer ängstlichen oder sehr zurückhaltenden Person könnte, auf-
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grund der Befangenheit des Befragten über private Aspekte seiner Partnerschaft mit einer ihm unbekannten Person zu sprechen, durch eine mündliche Befragung deshalb möglicherweise schlechter eingeschätzt werden als sie objektiv ist.
In der vorliegenden Untersuchung zeigt sich, dass gerade bei den beiden Konstrukten Neurotizismus und Depressivität, zwei Konstrukte, die mit negativen Aspekten einer Paarbeziehung in Verbindung gebracht werden, große Unterschiede zwischen Fragebogen und CPRI zu beobachten sind. Im Bereich Neurotizismus könnte es durchaus sein, dass die Probanden zu schüchtern oder gehemmt sind über ihre Unsicherheiten und Ambivalenzen zu berichten aus Angst vor Abwertung durch den Interviewer. Gerade neurotische Personen können als eher ängstliche Charaktere beschrieben werden. Zudem zeigen neurotische Personen häufig eine unsichere Bindungsorganisation, so dass es plausibel erscheint, dass negative Aspekte der Beziehung versteckt oder idealisiert werden wollen. Im Bereich Depressivität lässt sich interessanterweise beobachten, dass sich bei eigener Depressivität und der Selbsteinschätzung von Autonomie und Verbundenheit in der Beziehung vielfältige signifikante Zusammenhänge sowohl im Fragebogen als auch CPRI finden lassen. Dies ist möglicherweise dadurch zu erklären, dass bei eigener depressiver Verstimmung die Idealisierungstendenz im Interview auf-grund der größeren Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit in dem Befragten sinkt. Vorstellbar wäre überdies auch eine zu negativ geprägte Sichtweise auf die eigene Beziehung bei depressiver Verstimmung. Ist die befragte Person jedoch nicht depressiv, sondern ihr Partner, zeigen sich Tendenzen zur Idealisierung der Beziehung womöglich stärker, da angenommen werden kann, dass in mündlichen Befragungen die Neigung sozial erwünscht zu antworten höher ist als in einer schriftlichen Befragung (Bortz & Döring, 2002), was erklären könnte, warum sich bei der Analyse der Fragebogenskalen diese Unterschiede nicht zeigen. Überdies muss davon ausgegangen werden, dass der Befragte eventuell zu wenig Vertrauen in den Interviewer haben könnte, um darüber zu sprechen wie enorm schwierig und deprimierend es sein kann mit einer depressiven Person zusammen zu sein. So bleibt letztlich die Frage nach den Unterschieden im Bereich Offenheit. Auch hier könnten inhaltliche oder methodische Differenzen ihre Wirkung zeigen. Jene scheinen jedoch weniger leicht erkennbar und durch einen schlüssigen Kontext belegbar zu sein, so dass sich ein Erklärungsansatz in diesem Falle schwieriger gestaltet. Es wird deshalb empfohlen diese Befunde mit weiteren empirischen Untersuchungen abzugleichen, um sie tiefgründiger beleuchten zu können.
6.7 Abschließende Evaluation
Als Stärke der vorliegenden Arbeit kann die Kombination aus Fragebogen- und Interviewdaten betrachtet werden. Zum ersten Mal in einer deutschen Studie verwendet, zeigt sich das CPRI durchaus als eine Methode der Zukunft. Viele der Fragestellungen konnten durch die CPRI-Analysen bestätigt und ergänzt werden. So korrespondiert es in weiten Teilen mit dem
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verwendeten Fragebogen und bringt vor allem durch seinen zum Teil umfassenderen und tiefergehenden Blickwinkel, den es durch den direkten Diskurs auf die Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen werfen kann, ergänzende Befunde in die Untersuchung ein. Durch die Untersuchung der Zusammenhänge innerhalb unterschiedlicher Gruppen konnte eine Vielzahl von interessanten geschlechtsspezifischen Unterschieden in den Befunden beleuchtet werden, die den Ausgangspunkt für weitere Forschungen auf diesem Gebiet bilden könnten. Auch in den zwei Alterskohorten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnten theorie- und empiriegeleitete Erwartungen bestätigt und weitergeführt werden. Aber auch auf die Begrenzungen der vorliegenden Untersuchung soll hingewiesen werden.
Forschungsdesign. Das aufwändige Design der Untersuchung durch den multimethodalen Zugang über Fragebögen, Interviews sowie eine Interaktionsbeobachtung führte zu einer relativ kleinen Stichprobe von 60 Paaren. Da diese aus methodischen sowie inhaltlichen Gründen geschlechtsspezifisch betrachtet werden mussten und auch die beiden Alterskohorten einen bedeutenden Aspekt der Untersuchung darstellten, waren die Stichprobengrößen letztlich nicht sehr groß. Dies erschwerte die Testung von Gruppenunterschieden und machte komplexere statistische Berechnungen unmöglich.
Erhebungsinstrument CPRI. Auf die Effekte von sozialer Erwünschtheit, die in einer mündlichen Befragung tendenziell höher als in schriftlichen Befragungen eingeschätzt werden können (Bortz & Döring, 2002), wurde bereits hingewiesen. Des Weiteren wurden die Skalenbreiten der CPRI-Skalen (vor allem im Bereich der höheren Level) nicht voll ausgenutzt, was sich in einer relativ kleinen Spannweite widerspiegelt. Diese geringe Variabilität in der Gesamtsstichprobe könnte mit einer erschwerten Differenzierung zwischen den untersuchten Gruppen einhergehen, so dass Auswirkungen dieser auf die Ergebnisse nicht auszuschließen sind. Für den Erklärungsversuch, weshalb höhere Level auf den CPRI-Skalen eher in geringerem Ausmaß vergeben wurden, könnte die Beziehungsdauer von Bedeutung sein. So nahmen an der Studie Paare teil, die mindesten drei Monate zusammen waren, so gaben es die Konventionen vor. Das Mittel der jugendlichen Beziehungen liegt bei etwa einem Jahr, das der jungen Erwachsenen bei etwa drei Jahren. Das Close Peer Relationship Interview basiert auf dem interpersonellen Entwicklungsmodell von Selman. Es ist davon auszugehen, dass hohe Levels auf den beschriebenen Skalen mit fortschreitender Entwicklung erreicht werden können. Vor diesem Hintergrund ist es vorstellbar, dass eine kürzere Beziehungsdauer die Vergabe höherer Levels erschweren könnte. In diesem Zusammenhang erscheint es ebenso erwähnenswert, dass sich für Jugendliche aufgrund des im Allgemeinen weniger stark ausgeprägten Abstraktionsvermögens in diesem Alter ein Diskurs über ein intimes Thema, wie es eine Paarbeziehung sein dürfte, womöglich komplizierter gestalten könnte als für junge Erwachsene. Sprachliche Barrieren und Schwächen könnten eventuell zu einer niedrigeren Kodierung der Beziehungsqualität führen als sie objektiv gerechtfertigt wäre. Auf dieser Basis stellt sich die Frage, ob das CPRI vor allem bei längeren Paarbeziehungen und vorrangig in der Alters-
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gruppe der jungen Erwachsenen erfolgversprechender wäre. Auch ein bereits erwähnter Interviewereffekt ist gerade in dem nicht selten sehr sensiblen und für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen überaus bedeutenden Bereich der Paarbindung nicht auszuschließen.
Erhebungsinstrument Fragebogen. Auch an dieser Stelle sei nochmals auf potentiell Effekte sozialer Erwünschtheit in Fragebogenuntersuchungen hingewiesen. Überdies muss einschränkend erwähnt werden, dass für die Skalen, die die Bindungsrepräsentation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen erheben, der Begriff „Bindung“ verwendet wird, der MITA aber nie an anerkannten Erhebungsmethoden der Bindungsforschung validiert wurde. Es ist davon auszugehen, dass ein Interview, wie das bewährte AAI, zur Erhebung der Bindungsrepräsentation geeigneter ist, da durch den Fragebogen lediglich die bewusst zugänglichen Aspekte der Bindung erfasst werden können.
Auswertungsmethoden. Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine rein korrelative Studie. Deshalb sind mögliche Einflüsse von Störvariablen nicht auszuschließen. Die Variable Beziehungsdauer wurde theoriegeleitet als mögliche Störgröße erkannt. Durch Parti-alkorrelationen sowie Testungen auf Mittelwertsunterschiede für alle verwendeten Variablen konnte ausgeschlossen werden, dass die Beziehungsdauer einen störenden Einfluss auf die getesteten Zusammenhänge ausübt.
Inhaltliche Einschränkungen. Aufgrund des korrelativen Designs sowie des querschnitthaften Charakters der Daten, können keine Aussagen über die kausale Richtung der Zusammenhänge getroffen werden. Einschränkend sei deshalb darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Prädik-tor“ und „Kriterium“ lediglich Vermutungen über Ursache und Wirkung anstellen. Diese zu testen ist die Aufgabe nachfolgender Langzeitstudien in diesem Bereich. Da das CPRI deutschlandweit in der Studie der LMU München erstmalig zum Einsatz kam, wurde sich bewusst für den korrelativen Untersuchungsansatz entschieden, da dadurch eine erste grundlegende und hinsichtlich des Fragebogens vergleichende Analyse möglich war, die als Basis weiterführender Untersuchungen dienen kann.
153 Ausblick
7 Ausblick
Große Erwartungen darf man vor allem an nachfolgende Langzeitstudien richten, die Aussagen über kausale Wirkungen in den Zusammenhängen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Autonomie sowie Verbundenheit zulassen. Gerade das CPRI wird in Studien, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, seine Stärken unter Beweis stellen können, da es sowohl die individuelle Entwicklung der befragten Personen als auch die Stabilität und Veränderung ihrer Paarbeziehungen begleiten kann. Durch den direkten und ausführlichen Diskurs mit den einzelnen Partnern der Paarbeziehungen wird es möglich sein tiefere und umfassendere Einblicke in die Entwicklung von anfangs noch jungen vielleicht unerfahrenen Liebesbeziehungen zu reifen wechselseitigen Verbindungen zwischen den Liebenden zu erhalten.
Sowohl Untersuchungen auf Individualebene als auch Arbeiten auf Paarebene, die sich mit wechselseitigen Prozessen in den Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auseinandersetzen sind von großer Bedeutung. Die Befunde der vorliegenden Arbeit zu Depressivität im Zusammenhang mit Verbundenheit und Autonomie betonen die Wichtigkeit Paarbeziehungen als interaktives System zu begreifen und ebnen den Weg für ein tiefgründigeres Wissen über die vielfältigen Prozesse, die in den Beziehungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ablaufen. Die Persönlichkeitsmerkmale der Big Five wurden in dieser Untersuchung auf Individualebene getestet. Ergänzend dazu ist vorstellbar, dass sich weitere interessante Ergebnisse unter einem dyadischen Blickwinkel zeigen werden. Vor allem das in vielen empirischen Studien als starker Prädiktor ausgemachte Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus könnte eine bedeutende Rolle bei der Analyse dyadischer Interaktionen in Liebesbeziehungen spielen.
Die in dieser Arbeit getesteten Zusammenhänge zeigen sich oftmals innerhalb der Bindungsrepräsentation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mittels der MITA-Skalen erhoben wurde, bedeutsam. Eine Konsequenz daraus wäre, die durch eine bewährte Methode, wie zum Beispiel durch das AAI, erhobenen Bindungsrepräsentationen stärker in eine Untersuchung zum Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Verbundenheit sowie Autonomie mit einzubinden, um konkretere und genauere Aussagen hinsichtlich der getesteten Zusammenhänge durch die Differenzierung der Bindungsstile treffen zu können.
Vorstellbar ist ein Einbezug der vorliegenden Befunde und deren empirische Weiterführungen in paartherapeutische Ansätze. Gerade durch das Erfassen dyadischer Prozesse in den Liebesbeziehungen könnte eine Verbesserung der Beziehungsqualität durch die Arbeit am Interaktionsverhalten der Partner erreicht werden. Auf der Basis des individuellen entwicklungsgeschichtlichen Hintergrundes des einzelnen Partners könnten Gedanken und Handlungen gegenseitig womöglich verstehbarer erscheinen und zu einem größeren Einfühlungsvermögen zwischen den Partnern führen, um so zu einem ausgewogeneren Verhältnis von Auto- nomie und Verbundenheit in den Paarbeziehungen zu verhelfen.
154 Literaturverzeichnis
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168 Anhang
Anhang
Anhang A
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Fragebogenanalyse für die Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) ………………………………...… I
Anhang B
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der
Analyse des CPRI für die Fragestellungen (1), (3), (4) und (5) ....................................................... V
Anhang C
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Fragebogenanalyse für die Fragestellungen (2) und (6) ………………………………………... VII
Anhang D
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der
Analyse des CPRI für die Fragestellungen (2) und (6) ................................................................... X
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Fragebogenanalyse für die Fragestellungen (1), (3), (4) und (5)
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Analyse des CPRI für die Fragestellungen (1), (3), (4) und (5)
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Fragebogenanalyse für die Fragestellungen (2) und (6)
Gesamtüberblick von allen signifikanten Korrelationen bei der Analyse des CPRI für die Fragestellungen (2) und (6)
Unterschied n.s. n.s. n.s. n.s. n.s. n.s. n.s. n.s.
N=30 Paare Junge Erw.
.47** .45**
.28+ .26+ .26+ .25+ .30+ .36* .39*
Tabelle 1: Gesamtüberblick der signifikanten Korrelationen der CPRI-Skalen zu Fragestellung (2) und (6) N= 30 Paare CPRI Jugendl.
.31* -.13 .02 .01 .23 .16 .01 .17 .05
Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson, +p^ .10; *p^ .05; **p^ .01 Gesamtsstichprobe
N= 60 Paare
.37** .39**
.17+ .27* .23* .24*
IPA IPA IPA GE GE GE Kriterium BI BI BI
S S S R
Variablen
Depressivität
Prädiktor Fragestellung 2 Fragestellung 6 IPA GE BI
S R R R
Arbeit zitieren:
M.A. Juliane Müller, 2008, Persönlichkeit und Paarbeziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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