Einleitung
Als König Norodom Sihamoni 1 am 07. Mai 2006 die Richter und Ankläger für das „Rote- Khmer- Tribunal“ berief, keimte die Hoffnung auf, dass die Anführer der Roten Khmer doch noch für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden könnten. 2 Durch den Tod des ehemaligen Militärchefs der Roten Khmer Ta Mok am 21. Juli 2006 erhielt diese Hoffnung allerdings einen erneuten Dämpfer. Die jahrelangen
Auseinandersetzungen zwischen den Vereinten Nationen und der kambodschanischen Regierung über Sitz, Zusammensetzung und konkrete Ziele des Tribunals ließen Zweifel daran aufkommen, ob jemals ein Prozess stattfinden würde, bis schließlich ein im Oktober 2004 in Kraft tretendes Abkommen die Einrichtung des Tribunals besiegelte. 3 Allerdings ist nach Ta Mok´s Tod Kang Kek Ieu 4 , ehemaliger Leiter des berüchtigten Tuol Sleng Gefängnisses in Phnom Penh, der einzige aus der früheren Führungsriege der Roten Khmer, der sich momentan in Haft befindet. Die Motive und Interessen, die hinter der Verschleppung des Prozesses standen, sind so zahlreich wie die Opfer in der jüngeren kambodschanischen Geschichte. Der amtierende Premierminister Kambodschas, Hun Sen, war seit 1970 Mitglied der Roten Khmer, bevor er aus Angst, den sich 1977 intensivierenden parteiinternen Säuberungsaktionen zum Opfer zu fallen, 5 nach Vietnam floh, von wo er dann im Zuge der vietnamesischen Invasion Anfang 1979 wieder zurückkehrte. Außerdem setzte er 1998 die Begnadigung der Roten Khmer Führer Nuon Chea, „Bruder Nummer 2“ in der Hierarchie der Roten Khmer hinter Pol Pot, und Khieu Samphan, offizieller Staatschef während der Herrschaft der Roten Khmer, und die Eingliederung ihrer Truppen in die reguläre kambodschanische Armee durch. 6
Zu den internationalen Akteuren, die eine Einigung über das Tribunal lange blockierten, gehörten die USA und China, beides Länder, die phasenweise zu den Unterstützern der Roten Khmer zählten. 7 Die Einsetzung des Rote- Khmer- Tribunals wurde also sowohl von internen, als auch von externen Faktoren behindert. Diese Dichotomie interner und externer Faktoren zieht sich wie ein roter Faden durch die kambodschanische Geschichte nach Angkor und trug, wie noch zu sehen sein wird, auch maßgeblich zu den verhängnisvollen Entwicklungen ab 1945 bei.
1 Norodom Sihamoni ist seit Oktober 2004 als Nachfolger von Norodom Sihanouk König von Kambodscha.
2 Aufgabe des Rote- Khmer- Tribunals ist nur die Aufarbeitung der Verbrechen der Führungsriege der Roten Khmer, nicht die der einfachen Mitläufer.
3 Royal Government of Cambodia. 2004. [ http://www.cambodia.gov.kh/krt/pdfs/Instrument%20of%20 |-
Ratification%20of%20Agreement.pdf 21.08.2006 ] .
4 Kang Kek Ieu ist auch bekannt als „Duch“.
5 Chandler 1999, S. 271.
6 Chandler 2000, S. 242.
7 Chandler 2000, S. 231.
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Nachdem die meisten der Roten Khmer Hun Sens Begnadigungsangebot angenommen und die Seiten gewechselt hatten und Pol Pot gestorben war, leistete Ta Mok als Letzer aus der ehemaligen Führungsriege weiterhin mit seinen Truppen Widerstand. Mit seiner 1998 erfolgten Gefangennahme eröffnete sich 20 Jahre nach der Eroberung Phnom Penhs durch die Vietnamesen erstmals die Perspektive eines dauerhaften Friedens in Kambodscha. Die Vietnamesen hatten durch ihre im Dezember 1978 begonnene Invasion Kambodschas der dreieinhalbjährigen Herrschaft der Roten Khmer ein Ende gesetzt.
Die Machtergreifung der Roten Khmer, ihre Herrschaft und deren Auswirkungen wurden bereits vielfach untersucht. 8 Das Leiden der kambodschanischen Bevölkerung setzte sich allerdings auch nach der Vertreibung der Roten Khmer von der Macht fort. Diese Tatsache ist nicht allein dadurch zu erklären, dass es der Führungsriege gelang, rechtzeitig zu fliehen und vom Grenzgebiet zu Thailand 9 aus einen Guerillakrieg zu beginnen. Der daraufhin einsetzende Bürgerkrieg gegen die vietnamesische Besatzung wurde nicht allein von den Roten Khmer geführt, auch wenn diese den Kern der bewaffneten Kräfte bildeten. Mit der Hilfe von Thailand, Singapur, China und den USA gelang es den versprengten Kräften der Roten Khmer sich neu zu formieren, so dass sie 1982 erneut eine effektive und schlagkräftige Truppe darstellten. Die Unterstützung für die Roten Khmer war für diese Länder nur ein kleiner Preis, den sie zu zahlen bereit waren, um ihre wichtigeren strategischen Bündnisse nicht zu gefährden. 10 Das gemeinsame Ziel dieser Allianzen war die Eindämmung des vietnamesischen Einflusses. Der von den Vietnamesen eingesetzten neuen Regierung unter Heng Samrin, der ebenso wie der spätere Ministerpräsident Hun Sen ehemaliges Mitglied der Roten Khmer und nach Vietnam geflohen war, wurde die Anerkennung der Vereinten Nationen verweigert. Durch die Bildung des Coalition Government of Democratic Kampuchea (CGDK) vereinigten sich schließlich die kambodschanischen Kräfte, die sich zuvor während der letzten Jahre der Herrschaft des ehemaligen Königs Sihanouk und dann nach dessen Entmachtung im Bürgerkrieg während der Zeit der Khmer Republic (1970-1975) erbittert bekämpft hatten. Dazu gehörten die Khmer People´s National Liberation Front (KPNLF) des ehemaligen Premierministers Son Sann 11 , dessen Ziel die Wiederherstellung einer Republik war, die royalistischen Kräfte um Sihanouk und natürlich die Roten Khmer.
8 Zu den Werken darüber zählen z.B. das von Karl D. Jackson herausgegebene Buch „Cambodia 1975-1978. Rendezvous with Death“ und Ben Kiernan´s „How Pol Pot came to power“.
9 Thailand nannte sich bis 1939 und von 1945-1949 offiziell „Siam“. Um ein besseres Verständnis zu ermöglichen wird in dieser Arbeit durchgehend der Begriff Thailand benutzt.
10 Chandler 2000, S. 231.
11 Son Sann war von 1967-1968 Premierminister Kambodschas.
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Die vietnamesische Besatzung endete 1989, der Bürgerkrieg allerdings erst nach einer internationalen Kambodschakonferenz, die 1991 in Paris zu einer Zeit stattfand, in der auch der Kalte Krieg, an dem Kambodscha „auf die eine oder andere Art und Weise“ 12 beteiligt war, zu Ende ging. Die Vereinbarungen der Konferenz beendeten die Einflussnahme größerer Mächte auf die sich streitenden kambodschanischen Gruppen, so dass diese, zumindest in der Theorie, innerhalb eines neutralen Kambodschas unabhängig um politischen Einfluss ringen konnten. 13 Die Genfer Indochinakonferenz von 1953 sah genau dies für Kambodscha vor, damals allerdings im Schatten des beginnenden Kalten Krieges. Um trotz günstigerer Voraussetzungen ein erneutes Aufflammen der Kämpfe zu verhindern, sah die Pariser Konferenz von 1991 die Bildung der United Nations Transitional Authority in Cambodia (UNTAC) vor, die außerdem die Abhaltung von Wahlen 1993 gewährleisten sollte. Die Roten Khmer, die als Ergebnis des Bürgerkrieges etwa 20 Prozent des kambodschanischen Territoriums an der Grenze zu Thailand kontrollierten, nahmen an diesen Wahlen nicht teil und weigerten sich, ihre Waffen abzugeben. Im Jahre 1994 wurden sie offiziell verboten und mit Thailand stellte der letzte der ehemaligen Förderer seine Unterstützung ein. Dies führte zu einer nationalen und internationalen Isolierung der Roten Khmer. Es entwickelte sich nun ein Zermürbungskrieg zwischen den Roten Khmer und regulären kambodschanischen Truppen, der zweite Bürgerkrieg nach dem Ende der Herrschaft der Roten Khmer und der dritte nach Erlangung der Unabhängigkeit 1953, der sich bis Anfang 1999 hinzog und zahlreiche weitere Opfer forderte. In Untersuchungen über die Ursachen und Hintergründe der kambodschanischen Tragödie stehen vor allem die besonderen Merkmale der Roten Khmer und ihrer Herrschaft 14 bzw. die Wahrnehmung Kambodschas als Spielball regionaler und globaler Mächte 15 im Mittelpunkt. Beide Faktoren wirkten sich zweifellos nachhaltig auf den Verlauf der kambodschanischen Geschichte aus. Ein Blick auf die Entwicklungen in einem Nachbarland Kambodschas lässt jedoch vermuten, dass es womöglich noch andere, spezifisch kambodschanische Faktoren gab, die eine verhängnisvolle Rolle spielten.
Der Geschichtsverlauf in Laos und Kambodscha zwischen 1945 und 1975 weist viele Parallelen auf. In beiden Ländern entwickelte sich nach der Rückkehr der französischen Kolonialherren sowohl der politische als auch der bewaffnete Kampf um die Unabhängigkeit. Dieses Ziel erreichten beide 1953 und auf der Genfer
12 Chandler 2000, S. 239.
13 Chandler 2000, S. 239.
14 Kiernan 2004; Jackson 1989.
15 Chandler 1999.
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Indochinakonferenz von 1954 wurden außerdem ihr neutraler Status und der Abzug ausländischer Truppen festgeschrieben. Sowohl in Kambodscha als auch in Laos entstanden noch vor 1953 unter nordvietnamesischer 16 Mithilfe kleine kommunistische Bewegungen, die 1975 siegreich aus einem in beiden Ländern in den 1960er Jahren beginnenden Bürgerkrieg hervorgingen. Beide Länder wurden trotz ihres neutralen Status´ in den Strudel des eskalierenden Vietnamkrieges hineingerissen. In Laos allerdings ist der 1975 siegreiche Pathet Lao 17 nach wie vor an der Macht und bis auf kleinere Kämpfe Ende der 1970er Jahre kam es zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen. 18 Stattdessen hat Laos bis heute eine bemerkenswerte Phase politischer Stabilität durchlaufen, der auch der Zusammenbruch der Sowjetunion und die aus der sich anschließenden drastischen Reduzierung der Hilfen resultierende ökonomische Liberalisierung wenig anhaben konnte. Allerdings ist Laos genau wie Kambodscha nach wie vor auf internationale Unterstützung angewiesen. Obwohl es in Laos zu einer Massenflucht nach dem Sieg des Pathet Lao kam und Teile der verbliebenen Bevölkerung in Umerziehungslager geschickt wurden, 19 waren diese Maßnahmen in keiner Weise von der Radikalität geprägt, mit der die Roten Khmer nach ihrem Sieg vorgingen. Diese unterschieden sich auch durch ihre destruktive, antivietnamesische Haltung von ihren laotischen Genossen und besiegelten dadurch schließlich das Ende ihrer Herrschaft.
Anhand eines kontrastiven Vergleiches 20 der für den Geschichtsverlauf beider Länder prägenden Faktoren soll nun der Frage nachgegangen werden, warum sich die Geschichte von Laos und Kambodscha nach 1975 in diesen wesentlichen Punkten unterscheidet. Als der Zeitrahmen für diese Untersuchung, der eine besondere Beachtung verdient, bietet sich die Periode von 1945-1975 an, da in ihr sowohl in Kambodscha als auch in Laos die für die Entwicklung nach 1975 entscheidenden Ereignisse stattfanden. Die Erörterung der Auswirkungen dieser Faktoren erfordert, vor allem im Zusammenhang mit den Roten Khmer, an einigen Stellen eine Ausweitung dieser Zeitperiode bis 1978. Dabei wird bewusst auf die Anwendung einer
„[…]expliziten übergreifenden Theorie[…]“ 21 verzichtet, um die Gefahr einer
16 Nordvietnam umfasst das Territorium der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) bis zum 17. Breitengrad.
17 Pathet Lao ist der Name, den sich die laotischen Kommunisten gaben.
18 Evans 2002, S. 196.
19 Evans 2002, S. 180-183.
20 Siegrist 2003 in: Kaelble und Schriewer S.333.
21 Siegrist 2003 in: Kaelble und Schriewer S.333-334.
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„orientalistischen“ 22 Herangehensweise zu minimieren und stattdessen durch die spezifische Perspektive des Vergleichs eine Neubewertung der als nachhaltig erkannten Faktoren vornehmen zu können. Es kann sich dabei nur um eine Neubewertung handeln, da als Grundlage dieser Arbeit nahezu ausschließlich die Standardliteratur zu Kambodscha und Laos zu Rate gezogen wurde. Ziel dieser Neubewertung ist eine hierarchische Einteilung der Faktoren, um das Verständnis der Zusammenhänge, die zu der verhängnisvollen Entwicklung in Kambodscha beitrugen, weiter zu vertiefen.
David P. Chandler identifiziert in der Einleitung von A History Of Cambodia vier Themenkomplexe, mit denen er sich in diesem Buch beschäftigt. Dazu zählt die geographische Lage Kambodschas zwischen Thailand und Vietnam, die vor allem ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine besondere Rolle spielte. Ein weiterer Themenkomplex, der in erster Linie im 20. Jahrhundert zum Tragen kam, behandelt die Beziehung der Kambodschaner zu ihrer Vergangenheit, zu der Geschichte von Angkor, die bereits in Vergessenheit geraten war und erst durch die Franzosen wieder in das nationale Bewusstsein gelangte. Die beiden letzten Themenkomplexe beschäftigen sich mit den Auswirkungen des traditionellen Patron- Klient- Verhältnisses und den der kambodschanischen Gesellschaft inhärenten Vorstellungen von Autorität und Hierarchie auf die geistigen, sozialen und politischen Grundlagen der kambodschanischen Gesellschaft. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit der „Trägheit“ einer auch im 20. Jahrhundert noch auf Subsistenzwirtschaft basierenden Gesellschaft, die Veränderungen grundsätzlich skeptisch gegenüber stand: „The way things had always been done, in the village and the palace, was also seen as the way things should be done.“ 23
Diese Themenkomplexe lassen sich in ähnlicher Weise auch in den Werken von Grant Evans und Martin Stuart-Fox über die Geschichte von Laos finden, wobei das Königreich Lan Xang an die Stelle von Angkor tritt. Aus diesem Grund eignen sich diese Themen bei einem Vergleich von Kambodscha und Laos als Ausgangspunkt für die Suche nach bestimmten, den Themenkomplexen zuzuordnenden Mustern, die sich in dem Handeln einzelner Akteure und in spezifischen Ereignissen zwischen 1945 und 1975 widerspiegeln. Dabei wird der erste Themenkomplex ergänzt durch die zunehmende Bedeutung, die die Interessen globaler Mächte ab 1945 für die
22 In seinem 1978 erstmals erschienenen Buch “Orientalism” stellt Edward W. Said die These auf, dass die Herangehensweise westlicher Wissenschaftler bei der Untersuchung östlicher Länder und Kulturen
oft von einer einseitigen Perspektive geprägt ist, die er als „orientalistisch“ bezeichnet. Mit seinem Werk
begründete er eine bis heute andauernde Debatte über die Vor- oder Nachteile einer eurozentristischen
Sichtweise.
23 Chandler 2000, S. 1-2.
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Entwicklungen in Kambodscha und Laos hatten. Die beiden letzten Themenkomplexe werden aufgrund ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu einem Komplex zusammengefasst, der sich mit soziokulturellen Faktoren beschäftigt. Da oftmals die Wurzeln vieler Zusammenhänge weit vor 1945 liegen, werden zu Beginn jedes Kapitels die historischen Hintergründe erörtert, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Angesichts der unvorstellbaren Leiden der kambodschanischen und, zumindest bis 1975 auch der laotischen Bevölkerung, setzt sich ein derartiger Vergleich der Gefahr aus, durch die ihm eigene Abstrahierung wichtiger Zusammenhänge einen zynischen Charakter anzunehmen, indem das Schicksal der die Konsequenzen tragenden Menschen durch die im Vordergrund stehenden Handlungen und Entscheidungen einiger weniger Akteure ausgeblendet wird. Die sich daraus ergebenden Beschränkungen dieses Vergleiches sind aber auch sein Vorteil, denn „[k]eine andere Methode kommt der stringenten naturwissenschaftlichen Ursachenanalyse so nahe wie der Vergleich“. 24
1. Der Schatten einer glorreichen Vergangenheit
Auf den Gebieten der heutigen Staaten Kambodscha und Laos existierten vor Jahrhunderten Königreiche, deren politischer und kultureller Einfluss weit über die heutigen Staatsgrenzen hinausragte. Diese Königreiche hatten keine starren territorialen Grenzen, sondern die Ausdehnung ihres Einflussgebietes hing von der kulturellen und militärischen Strahlkraft ihres Zentrums ab, weshalb Viktor Liebermann diese auch als „Mandala-Prinzip“ bekannte Ordnung mit einem Sonnensystem verglich. 25 Das zu Beginn des 9. Jahrhunderts gegründete Königreich von Angkor war auf dem Höhepunkt seiner Macht im 12.-13. Jahrhundert die unbestritten stärkste Kraft in Festland- Südostasien. Selbst wenn es, wie 1177/78 den Chams 26 , anderen Mächten gelang, ins Kernland von Angkor vorzudringen, konnten diese schnell zurückgedrängt und vernichtend geschlagen werden. Oftmals schloss sich an diese Auseinandersetzungen eine neue Blütezeit an, indem der aus der Schlacht siegreich hervorgegangene Herrscher seine dadurch gefestigte Autorität ausnutzte. Ein Beispiel hierfür ist Jayavarman VII., der die Chams besiegte und 1181 zum König gekrönt wurde. Er führte anschließend nicht nur den Buddhismus ein, sondern ließ auch zahlreiche neue Tempel errichten. 27 Im 14. und 15. Jahrhundert kam es zu einem stetigen Niedergang von Angkor. Ursachen dafür waren neben internen
24 Kaelble 2003 in: Kaelble und Schriewer S.473.
25 Liebermann 2003, S. 33.
26 Das Königreich Champa befand sich im zentralen bis südlichen Teil des heutigen Vietnam.
27 Chandler 2000, S. 62-68.
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Auseinandersetzungen vor allem die zunehmenden Konflikte mit dem neuen Thai-Königreich von Ayudhya, die schließlich zu einer Verschiebung des Zentrums des kambodschanischen Königreiches nach Süden führten, wo die neue Hauptstadt, Phnom Penh, Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet wurde und dadurch die 500 Jahre währende Geschichte von Angkor ein Ende fand.
Die Entstehung des Königreiches Lan Xang auf dem Gebiet des heutigen Laos wurde von diesen Entwicklungen begünstigt. Der Gründer des Königreiches, Fa Ngum, war ein mit der Khmer Prinzessin Keo Keng Nya verheirateter Vasall Angkors, der im Jahre 1351 ausgesandt wurde, um an Ayudhya verlorene Gebiete zurückzuerobern. 28 Er nutzte die aufgrund des Konfliktes der beiden Mächte entstandenen Freiräume, sagte sich von Angkor los und schuf sich durch militärische Eroberungen sein eigenes Königreich. Lan Xang erreichte seinen Höhepunkt im 16. Jahrhundert, stand allerdings auch zu dieser Zeit im Schatten des mächtigeren Ayudhya. 29 Wegen interner Machtkämpfe um die Thronnachfolge zerfiel Lan Xang zu Beginn des 18. Jahrhunderts in die drei kleineren Fürstentümer Luang Prabang, Vientianne und Champasak. Sowohl Kambodscha als auch Laos verdanken die Wiederentdeckung ihrer glorreichen Geschichte und vermutlich auch ihre staatliche Existenz den Franzosen, die nach der Errichtung ihrer Protektorate nicht nur das Territorium beider Länder vor den Zugriffen von Thailand und Vietnam schützten, sondern alsbald auch die Geschichte ihrer neuen Kolonien zu erforschen begannen. Während in Kambodscha das Motiv dafür wohl in erster Linie in einem durch die Entdeckung der monumentalen Ruinen in Angkor entfachten Forschergeist begründet liegt, war die Erfassung der älteren Geschichte von Laos und der Beweis der früheren Existenz eines einheitlichen Königreiches auf laotischem Gebiet Teil des „french sponsored nationalism“ 30 mit dem Ziel der Stärkung laotischen Nationalbewusstseins und der Zurückweisung thailändischer Ansprüche. In Kambodscha stand demnach die Pracht Angkors im Mittelpunkt, in Laos dagegen lediglich die Existenz Lan Xangs.
1.1.Unterschiede in den Dimensionen
Die unterschiedliche Ausstrahlungskraft von Angkor und Lan Xang ist allein schon dadurch zu erklären, dass die Tempel und Ruinen von Angkor ein steinernes und unübersehbares Denkmal dieser Zeit darstellen und die zahlreichen Inschriften, die die Hauptquelle des heutigen Wissens über Angkor sind, von glorreichen Taten berichten. Die Geschichte Lan Xangs dagegen basiert auf mündlichen Überlieferungen und
28 Evans 2002, S.9.
29 Evans 2002, S.15.
30 Evans 2002, S.78.
7
wenigen Schriftstücken, die in buddhistischen Klostern angefertigt und aufbewahrt wurden. Ein mit Angkor vergleichbares und zu besichtigendes Zeugnis der Geschichte existiert nicht. Das ausgeklügelte Bewässerungssystem von Angkor stellte zudem eine bedeutende kulturelle Errungenschaft dar, ohne die eine Ernährung der für den aufwendigen Bau der Tempelanlagen notwendigen Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die unterschiedliche Herangehensweise der Franzosen auch auf die Akteure in Kambodscha und Laos niederschlug. Die Erkenntnis, dass ihre Vorfahren einmal „die mächtigsten und talentiertesten Menschen“ 31 in der Region gewesen waren, muss einen nachhaltige Wirkung auf die Kambodschaner gehabt haben, die sich angesichts der mächtigeren Nachbarn Thailand und Vietnam bereits mit ihrer untergeordneten Rolle abgefunden hatten. Stattdessen nahm nun die Glorifizierung der eigenen Geschichte einen zentralen Platz im Denken der Kambodschaner und aller entscheidenden Akteure ein, was diese, wie noch zu sehen sein wird, zu teilweise verhängnisvollen Fehleinschätzungen leitete. Der Raum, den das Vermächtnis von Angkor fortan einnahm, wird auch durch die Tatsache verdeutlicht, dass ein Symbol von Angkor alle kambodschanischen Staatsflaggen seit der Unabhängigkeit von 1953 zierte. In keiner Aussage wird der durch Angkor hervorgerufene Realitätsverlust so deutlich wie in Pol Pots oft zitierter Aussage: „If we can build Angkor, we can do anything.“ 32 Mit dieser Ansicht stand er allerdings keineswegs allein da, sie ist stattdessen eine von erstaunlich vielen Gemeinsamkeiten, die alle den Geschichtsverlauf Kambodschas zwischen 1945 und 1978 prägenden Akteure verbindet und auf die an späterer Stelle noch eingegangen werden soll. Der frühere König Norodom Sihanouk zitiert in einem seiner Bücher noch vor der Einleitung erst einmal die Nokoreach 33 , in der von im Walde ruhenden Tempeln die Rede ist, von einem Reich, dass selbst der Zeit zu trotzen vermag und von den Khmer, die wie ein Felsen ewig da sein werden. 34 Da ist es wenig erstaunlich, dass die kambodschanischen Führer, derartig inspiriert und mit dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit ausgestattet, ihren Aussagen auch Handlungen folgen ließen, deren Auswirkungen unter 1.2. behandelt werden. Während in Kambodscha nach Angkor ein zwar schrumpfendes, aber dennoch einheitliches Khmer-Königreich existierte, zerfiel Lan Xang, wie bereits erwähnt, in drei Fürstentümer. Ein letzter Versuch der Wiederherstellung Lan Xangs durch den König von Vientianne, Chao Anou, wurde von den Herrschern in Luang Prabang und
31 Chandler 1999, S.6.
32 Pol Pot zit. in: Chandler 1999, S.6.
33 Die Nokoreach ist die kambodschanische Nationalhymne.
34 Sihanouk 1980.
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Sebastian Erckel, 2006, Kambodschas Irrweg? Faktoren für die historische Entwicklung Kambodschas nach 1945 im Vergleich zu Laos, München, GRIN Verlag GmbH
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