Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Mikrofinanzen in der Entwicklungspolitik 2
2.1 Versagen der staatlichen Entwicklungsbanken 3
2.2 Bereitstellung von Mikrofinanzen durch private Akteure. 4
2.3 Formalisierung und Kommerzialisierung des Mikrofinanzsektors. 5
3. Evaluation von Nachhaltigkeit 6
3.1 Makroebene. 8
3.2 Programmebene. 9
4. Nachhaltigkeit von Mikrofinanzen 12
4.1 Financial Sustainability 13
4.2 Outreach 14
4.3 Repayment Rate 15
4.4 Social Impacts. 16
5. Fazit. 18
6. Literaturverzeichnis 20
1. Einleitung
Mikrofinanzen unterscheiden sich in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich vom der sonstigen Entwicklungszusammenarbeit. Während letztere oft mit einem besonderen Legitimationsdruck zu kämpfen hat, gelten insbesondere kleine Kredite als erfolgreiches Mittel zu Armutsbekämpfung. Die Vereinten Nationen erklärten 2005 zum Jahr der Mikrofinanzen und 2006 wurde Muhammed Yunus für seine Pionierleistungen mit der Grameen Bank in Bangladesch mit dem Friedensnobelpreis geehrt.
Doch es sind Anekdoten, die weitgehend das Bild von Mikrofinanzen bestimmenauch bei Praktikern der Entwicklungszusammenarbeit. Auf der Seite ihrer Fürsprecher sind es insbesondere die Geschichten der armen Frauen von Südamerika über Bangladesch bis Indonesien, die mit kleinen Krediten ihren Unternehmergeist entdecken und dem Gefängnis von Armut und Unterdrückung entkamen. Auf der anderen Seite wird dramatisch beschrieben, wie ebensolche sich aus Angst vor sozialen Sanktionen immer mehr verschulden - alles zum Vorteil der Großbanken, die die Armen dieser Welt als Kunden entdecken und sich in Entwicklungsländern Marktanteile sichern. Ein solch Aufsehen erregendes Instrument hochzujubeln ist aber ebenso falsch wie es als neoliberales Teufelszeug zu brandmarken. Diese Polarisierung des Diskurses ist gefährlich, weil sie den vernünftigen Einsatz von Mikrofinanzen verhindert. Es besteht also dringender Bedarf zur wissenschaftlichen Evaluation, um Praktikern und politischen Entscheidern der Entwicklungszusammenarbeit die dringendste Frage zu beantworten: Wie wirken Mikrofinanzen als Instrumente des sozialen Wandels mit dem Ziel der Armutsbekämpfung?
Darüber hinaus gibt es im aktuellen Diskurs eine lebhafte Auseinandersetzung inwieweit die marktförmige Bereitstellung von Mikrofinanzdienstleistungen möglich und sinnvoll ist. Können finanziell kostendeckend wirtschaftende Organisationen einen sozialen Wandel in großem Umfang und unabhängig von externen Gebern erreichen? Geht das Streben nach Unabhängigkeit mit einer Abkehr von den ursprünglichen sozialen Zielen einher?
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Die Methodik zur Beantwortung dieser Fragen soll hier systematisch vorgestellt werden, ohne dabei die Fragen selbst zu beantworten. Es wird zunächst dargestellt, welche Rolle Mikrofinanzen und insbesondere Kleinkredite in der Entwicklungspolitik nach dem zweiten Weltkrieg gespielt haben und woher in diesem Bereich die besondere Skepsis gegenüber externer Unterstützung rührt. Im Folgenden wird das Konzept zur Evaluation von Nachhaltigkeit nach Stockmann als systematische Methode vorgestellt und in Bezug auf Mikrofinanzen erläutert. Es folgt eine genaue Betrachtung der Dimensionen finanzieller und sozialer Nachhaltigkeit in diesem Be- 1 reich: Financial Sustainability, Repayment Rate, Outreach und Social Impacts .
2. Mikrofinanzen in der Entwicklungspolitik
Mikrofinanzen sind speziell gestaltete Finanzdienstleistungen, die Unternehmen und Haushalten verfügbar gemacht werden, die vorher noch keinen Zugang zum Finanzsystem hatten. Dabei bezieht sich der Terminus nicht nur auf Klein- und Kleinstkredite, sondern deckt auch Sparkonten, Girodienstleistungen und Versicherungspolicen ab (Gulli, 1998: 15). In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt auf Mikrokrediten, da sie die am weitesten verbreitete Form sind und sich von den anderen Finanzdienstleistungen dadurch unterscheiden, dass sie Zugang zu Investitionskapital verschaffen. Damit soll erreicht werden, dass die Zielgruppe mit Tätigkeiten im informellen Sektor den Weg aus der Armut schafft. Hervorzuheben ist, dass 2 Mikrofinanzinstitute (MFI) oft verschiedene Produkte und zum Teil auch ergänzende Bildungsmaßnahmen anbieten.
Im Anschluss wird die Rolle von Mikrokrediten als entwicklungspolitisches Instrument dargestellt. Es wird verdeutlicht, warum Skepsis gegenüber der Abhängigkeit von Fördergeldern - insbesondere staatlichen - herrscht und weshalb ein besonderes Augenmerk, neben den armutsreduzierenden Wirkungen, auf der finanziellen Kostendeckung liegt.
1 Es werden in diesem Bereich bewusst die englischen Fachbegriffe verwendet, da es sich bei Mikro- in der Regel um Programme der internationalen Entwicklungszusammenarbeit han- und Englisch hier als Verkehrssprache dient.
2 Im Folgenden wird die allgemein gebräuchliche Abkürzung verwendet.
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2.1 Versagen der staatlichen Entwicklungsbanken
In den 1940ern und 1950ern erlangte die Entwicklungstheorie durch die politischen Unabhängigkeit vieler ehemaliger Kolonien eine neue Bedeutung. Diese basierte 3 weitgehend auf den Annahmen der klassischen Ökonomie und setzte Entwicklung
mit ökonomischem Wachstum gleich. Entsprechend galten Kapitalakkumulation und -investition als die Grundlage für steigende Einkommen Wachstum und fortschreitende Arbeitsteilung. In diesem Kontext wurden subventionierte Kreditprogramme für bestimmte Sektoren und Bevölkerungsschichten zu einem favorisierten entwicklungspolitischen Instrument (Kargbo, 2006: 45-46). Dies galt insbesondere für die Bemühungen einer aktiven Entwicklung von Agrarsektoren. Große staatliche Landwirtschaftsbanken wie die Reserve Bank of India hatten dabei die Aufgabe der Geldmittelallokation. Diese formellen Institutionen vergaben subventionierte Kredite, mit denen Landwirte zum Beispiel durch den Erwerb von Düngemitteln, Geräten oder zusätzlichem Ackerland ihre Produktivität verbessern sollten um die ‚Grüne Revolution’ voran zu treiben. So sollten sowohl die Erträge und Einkommen der Bauern als auch die Nachfrage nach Arbeitskräften durch den Agrarsektor gesteigert werden.
Es wurden dabei Subventionen an die Banken gezahlt, um sie für die höheren Risiken und Transaktionskosten zu entschädigen, die mit der Erschließung der ländlichen Märkte verbunden war. Insbesondere sollten aber die Zinsen niedrig gehalten werden, um die arme Zielgruppe zu erreichen. Man ging davon aus, dass die Armen zu arm sind, um marktgerechte Zinssätze zahlen zu können. Die Effizienz der Finanzinstitute litt aber unter den hohen Zuschüssen. Noch problematischer war allerdings, 4 dass die günstigen Kredite eine gewaltige Nachfrage hervorriefen. Diese führte dazu, dass sie nicht mehr die erwünschten Zielgruppen erreichten, sondern privilegierte Bürger ihren Einfluss nutzten, um sich den Zugang zu ihnen zu verschaffen. Ende der 1970er kam massive Kritik an den beschriebenen subventionsfinanzierten Kreditprogrammen auf und man kam zu dem Schluss, dass die Armen ohne subventionierte Kreditzinsen besser erreicht worden wären. Marktgerechte Zinsen müssen
3 Basierend beispielsweise auf Adam Smith, Thomas Malthus, David Ricardo und John Stuart Mill.
4 Bis hin zur negativen Kreditverzinsung, also Zinsen unterhalb der Inflationsrate.
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nicht abschreckend auf die armen Kreditnehmer wirken, sondern haben einen wichtigen Rationierungseffekt: Nur wirklich Gewinn versprechende Unternehmen sind auch bereit, angemessene Zinsen zu bezahlen; sie können sie sich dann aber auch leisten (Kirkpatrick & Munzele Maimbo, 2002: 293-296). Letztendlich bestehen auch für Banken keine Anreize, Einlagen zu generieren und auf Rückzahlungen zu bestehen, wenn regelmäßig günstiges Geld von staatlicher Stelle zufließt. Zudem macht ihre Staatsnähe sie anfällig für politische Instrumentalisierung. Armendáriz de Aghion und Morduch sehen in diesem Versagen staatlicher Entwicklungsbanken den Hauptgrund für den ersten Paradigmenwechsel im Mikrofinanzbereich (Armendáriz de Aghion & Morduch, 2005: 8-11).
2.2 Bereitstellung von Mikrofinanzen durch private Akteure
In den 1980ern bis Mitte der 1990er waren die Hauptakteure semiformelle MFI. Es handelte sich hierbei oft um Nichtregierungsorganisationen und Unternehmungen mit sozialer Ausrichtung, deren primäre Zielgruppe arme Frauen ohne Vermögen 5 waren. Sie konzentrierten sich auf den informellen Sektor , wo es eine große Nachfrage nach Finanzierungsmöglichkeiten für kleine und kleinste Unternehmen gab. Doch wurde diese Nachfrage vom formellen Finanzsektor nicht bedient. Neben den 6 hohen Transaktionskosten in Entwicklungsländern gibt es noch zwei grundlegende
Probleme bei der Kreditvergabe an Arme. Zum einen können sich Finanzinstitute nicht ausreichend Informationen über die Kreditnehmer verschaffen, die es erlauben, gute von schlechten Kreditnehmern zu unterscheiden. So subventionieren die guten Kreditnehmer die schlechten und werden mit höheren Zinsen belegt als es ihrem Risiko angemessen ist und werden aus dem Markt gedrängt (adverse Selektion). Zum anderen kann der Kreditgeber nicht kontrollieren, wie verantwortungsvoll der Agent mit dem geliehenen Geld umgeht und welche Anstrengungen er unternimmt, es tatsächlich gewinnbringend zu verwenden wenn es erst einmal ausgezahlt ist (ex ante
5 Unter informellem Sektor wird hier der nicht regulierte Markt verstanden, auf dem Dienstleistungen
und Waren (z.B. handgeflochtene Körbe) selbstständig angeboten werden. Er kann in Entwicklungs- einen hohen Anteil an der wirtschaftlichen Gesamtproduktion und -beschäftigung ausmachen.
6 Beispielsweise Kosten durch unzureichende Infrastruktur oder Vielosprachigkeit.
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Arbeit zitieren:
Sven Grantz, 2008, Finanzielle Nachhaltigkeit und Wirkungen von Mikrofinanzen, München, GRIN Verlag GmbH
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