1. Einführung 1
2. Der „Mordfall Woyzeck“ 2
2.1 Historischer Hintergrund 2
2.2 Die Situation der forensischen Psychiatrie zur damaligen Zeit 3
3. Wahnsinnsmerkmale des Woyzecks 6
3.1 In den Gutachten des Hofrats Clarus 6
3.2 In Georg Büchners Woyzeck’ 7
4. Gegenüberstellung der Wahnsinnsmerkmale 10
5. Exkurs zu Georg Büchners Lenz’ 12
6. Fazit 13
7. Literatur 15
0
1. Einführung
Georg Büchners ‚Woyzeck’ stellt die Tragödie eines einfachen und verwirrten Mannes dar, der unter dem Druck sozialer Ungerechtigkeiten zum Mörder seiner Geliebten wird. Büchner nimmt hier erstmals einen Charakter der unteren sozialen Schichten in das Zentrum seiner Dichtung, nachdem zuvor Charaktere aus besser gestellten sozialen Schichten, wie der Revolutionär Danton, der Dichter Lenz und der Prinz Leonce als Hauptfiguren seiner Werke auftraten 1 . Die Gestalt des Woyzeck kann darüber hinaus tatsächlich als die erste, ernst gemeinte Gestalt aus den unteren, nichtbürgerlichen sozialen Schichten angesehen werden.
Die höheren Menschen des Dramas (Hauptmann und Doktor) werden karikiert und die gequälte Kreatur Woyzeck wird „in ihrer hässlichen Schönheit ohne Schonung entblößt“ und zum Helden des Stückes 2 gemacht.
Die folgende Arbeit wird sich weniger mit einer Deutung des Werkes, sondern vielmehr mit den unterschiedlichen Konzeptionen und Formen des Auftretens des Wahnsinns, zum einen in Büchners ‚Woyzeck’ selbst und zum anderen in den Gutachten des Hofrats Clarus beschäftigen. Dazu soll zunächst der historische Hintergrund, also einerseits die tatsächliche Mordtat des Johann Christian Woyzeck und andererseits die damalige Situation der forensischen Psychiatrie kurz dargestellt werden. In einem weiteren Schritt soll dann versucht werden, die Merkmale und Konzeptionen des Wahnsinns in Büchners ‚Woyzeck’ und in den Gutachten zum Mordfall, aufzuzeigen und zu vergleichen. Wie definiert zum Beispiel Clarus den Wahnsinn und woran macht er fest, dass Woyzeck nicht wahnsinnig ist. Wie stellt Büchner Woyzeck in seinem Werk dar? Als Wahnsinnigen oder nur, als durch die Umstände zerrütteten Menschen?
1 vgl. Hauschild 2000, 111
2 van Dam 1973, 318
1
2. Der „Mordfall Woyzeck“
Sowohl Georg Büchners ‚Woyzeck’ als auch den beiden Gutachten des Hofrats Clarus liegt ein Kriminalfall zugrunde, der zur damaligen Zeit für einiges Aufsehen sorgte. Im Sommer des Jahres 1821 erstach der damals arbeits- und obdachlose Johann Christoph Woyzeck seine Geliebte, die Witwe Johanna Christiane Woost. Aufgrund von kursierenden Gerüchten, dass Woyzeck möglicherweise wahnsinnig gewesen sei 3 , veranlasste die Verteidigung Woyzecks, dass Gutachten zur Klärung eben dieser Tatsache, und damit auch zur Klärung seiner Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt, angefertigt wurden. Mit der Anfertigung eben dieser Gutachten wurde der „Leipziger Stadtphysikus, Hofrat Prof. Dr. Johann Christian August Clarus“ 4 beauftragt. Clarus fertigte insgesamt zwei Gutachten an, die beide zu dem Ergebnis kamen, dass Woyzeck nicht wahnsinnig und somit also auch schuldfähig war.
Die Gutachten des Hofrats Clarus wurden 1824 in der Erlanger ‚Zeitschrift für Staatsarz-neikunde’ veröffentlicht - zuerst das zweite und anschließend das erste Gutachten 5 . Diese beiden Texte wurden vermutlich auch zur Hauptquelle des Dramenkonzepts von Büchner bei der Entstehung des ‚Woyzeck’.
„Büchner, der die Berichte des Hofrats Clarus und anderer [...] vermutlich aus der väterlichen Bibliothek [...] kannte, hat diesen Stoff [dann] samt weiterem Material zur Parabel des zerstörten Individuums gestaltet.“ 6
2.1 Historischer Hintergrund
Zum besseren Verständnis der Umstände, welche zur Tat führten und somit auch einer Beschreibung des Wahnsinns des historischen Woyzecks, werde ich im Folgenden kurz das Leben des Johann Christoph Woyzeck darstellen.
Johann Christoph Woyzeck wurde am 3. Januar 1780 als Sohn eines Perückenmachers in Leipzig geboren. Nachdem Woyzeck das Handwerk des Perückenmachers erlernt hatte, hatte er es schwer, eine Arbeit zu finden und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit
3 Reuchlein 1985, 45
4 Hauschild 2000, 114
5 vgl. ebd. , 116
2
Gelegenheitsarbeiten. Er ließ sich von holländischen, schwedischen und später dann von mecklenburgischen Truppen anwerben. Im Dezember des Jahres 1881 kehrte Woyzeck, verarmt und mittellos, nach Leipzig zurück, wo er dann auch seine damalige Geliebte und das spätere Mordopfer, die Witwe Woost, kennen lernte.
Da Woyzeck nur sehr wenig Geld besaß, konnte er sich auch nur sehr bescheidene Unterkünfte leisten, „sank sozial ab[,] fand nicht einmal mehr Hilfsarbeiten und übernachtete im Freien [...]“ und lebte von teilweise auch vom Betteln. 7
Schließlich erstach, wie oben bereits erwähnt, eben dieser Johann Christoph Woyzeck am 2. Juni 1821 seine damalige Geliebte Johanna Christiana Woost, aus Eifersucht, mit einer abgebrochene Degenklinge, da sie ihn mehrfach mit anderen Männern betrogen hatte. Die damaligen Mitbewohner Woyzecks hatten wohl durchaus bemerkt, dass Woyzeck ein kranker Mensch war, und er hatte ihnen mit seinen Halluzinationen Angst eingejagt. Da sie aber später, beim Prozess, meinten, sie könnten dem Verurteilten mit dem Aussprechen dieser Tatsache schaden, verheimlichten sie alle Krankheitssymptome. Dass sie damit genau das Gegenteil von dem erreichten, was sie eigentlich wollten, war ihnen zu diesem Zeitpunkt aber nicht bewusst.
Zur Mordtat selbst kam es schließlich durch diese unglückliche Konstellation von Arbeitslosigkeit, Hunger, Erniedrigungen aller Art, Hass, Eifersucht und den Wahnvorstellungen Woyzecks. 8
Woyzeck wurde kurz nach der Tat verhaftet und zum Tode durch das Schwert verurteilt. Da aber immer wieder Zweifel an der Schuldfähigkeit bzw. an seiner Zurechnungsfähigkeit aufkamen, zog sich der Prozess durch die Erstellung mehrer Gutachten und Gegengutachten über drei Jahre in die Länge.
Schließlich wurde Johann Christoph Woyzeck am 27. August 1824 in Leipzig hingerichtet.
2.2 Die Situation der forensischen Psychiatrie zur damaligen Zeit
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Psychiatrie als eine autonome Disziplin, in deren Mittelpunkt die Entwicklungen und möglichen Ursachen von seelischen Krankheiten stand. Dabei stellten sich die romantischen Psychiater der Grundfrage nach dem Wesen der Seele und hier insbesondere dem Verhältnis der Seele zum Körper. War es überhaupt
6 Münchner Ausgabe 2002, 587
7 Münchner Ausgabe 2002, 586
8 vgl. Münchner Ausgabe 2002, 586
3
Arbeit zitieren:
Sören Meyer, 2005, Der Wahnsinn in Georg Büchners "Woyzeck" und den Gutachten zum tatsächlichen Fall. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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